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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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46. AvD Oldtimer Grand Prix am Nürburgring

Von Donnerstagnacht um 22 Uhr bis Sonntag Mittag waren wir am Nürburgring beim 46. AvD Oldtimer Grand Prix. Die erste Nacht konnte ich bereits sehr gut schlafen, typisch für uns im Wohnmobil-Urlaub gleich bis halb acht Uhr morgens, nachdem ich nachts einmal total desorientiert aufgewacht war, weil ich auf die Toilette musste und nicht gleich realisiert hatte, im WoMo zu sein. Danach konnte ich aber sofort wieder einschlafen. Anders als zu Hause habe ich jedesmal, wenn wir mit unserem WoMo unterwegs sind, keine Schlafstörungen.

Den Freitag verbrachten wir erst mit einem gemütlichen Frühstück bis halb elf Uhr morgens vor dem WoMo in der Sonne sitzend und ins Tal quer über den Campingplatz schauend, weil wir auf einem Plateau standen. Danach machten wir eine Radtour zum Nürburgring, wo wir uns das Gelände schonmal von außen anguckten. Auf den Parkplätzen rund um den Ring gab es immer wieder Fahrzeuge zu bestaunen, die man sonst nur im Museum sehen kann. Da den ganzen Tag über andauernd Rennen stattfanden, war es allerdings ziemlich laut. Also war permanentes Kopfhörer über die Ohren stülpen angesagt. Nach einer guten Stunde fuhren wir zurück zum Campingplatz, um schon Mittags eine erste Runde zu grillen. Danach erholte ich mich bei einem Mittagsschlaf in der Sonne (immer mit Kopfhörern als Lärmschutz). Anschließend machten wir noch einen eineinhalbstündigen Spaziergang übers Campinggelände, auf dem ebenfalls relativ viele Oldtimer Fahrzeuge standen, die wir uns anguckten, bevor wir nochmal grillten und den Abend chillend bzw. lesend und die Fotos, die wir tagsüber gemacht hatten, am Bildschirm betrachtend vor dem WoMo verbrachten, ich die ganze Zeit mit Kopfhörern, wobei der ständige Rennlärm dann doch trotzdem an den Nerven zerrte. Um halb zehn Abends war dann für diesen Tag endlich Rennruhe.

Wie gewohnt gingen wir um halb elf ins Bett und ich schlief wieder sehr gut bis halb acht durch. Normalerweise wache ich nämlich täglich zwischen drei und fünf Uhr morgens auf und kann dann nicht wieder einschlafen. Vor dem obligatorischen Cappucino – wir haben einen Kaffee-Vollautomaten und einen elektrischen Milchaufschäumer mit an Bord – und dem Croissant am Morgen, das mein Mann holte, war ich noch unter unsere komfortable Dusche gehüpft. Danach gab es Frühstück bis neun Uhr. Anschließend wanderten wir, jeder mit einer Wasserflasche bewaffnet, die wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit auffüllten, zu Fuß zum Nürburgring und dort an der Strecke über diverse Tribünen bis ins Fahrerlager. Im Gefolge einiger Leute mit passenden Ausweisen ist mein Mann dann sogar bis in die Boxengasse gekommen, weil er einfach mit der Gruppe mitlief, während ich mich erst orientierte und beobachtete, ob man dort überhaupt durchgehen hätte dürfen – was natürlich nicht der Fall war. Da war mein Mann aber schon an der Sicherheitsdame vorbei und ich konnte ihm nicht mehr folgen. Ich überlegte eine Zeitlang, was ich tun könnte, beschloss dann aber, einfach zu warten. Zu sehen gab es ja genug.  Nach einiger Zeit kam mein Mann zurück und berichtete, er hätte direkt an der Strecke ein paar Fotos machen dürfen, weil er einen der Ordner fragte, der ihm das erlaubte.

Auf dem Gelände im Inneren der Rennstrecke konnten wir dann hautnah unglaublich viele Oldtimer angucken, während sie für Rennen anstanden oder gerade wieder irgendwo geparkt wurden. Es waren zwar relativ viele Leute unterwegs, die verliefen sich aber zwischen all den Zelten, Fressbuden und Garagen. Immer wieder hatte man die Gelegenheit zuzusehen, wie Rennautos für die Rennen vorbereitet und dabei in ihre Einzelbestandtele zerlegt wurden. An jeder Ecke gab es beeindruckende Fahrzeuge zu bewundern. Dabei reichte das Altersspektrum von den Anfängen des Nürburgringes 1927 bis in die frühen 90er Jahre. Das Traumauto meines Mannes, einen Audi Quattro S1 BJ 85 mit Rennlackierung in der kurzen Ralley-Ausführung konnten wir ebenso bewundert wie manch andere Rarität. Skoda war mit einer ganzen Reihe an Fahrzeugen da, von denen mir drei Cabrios (ein weißer Felicia BJ 55, ein roter Felicia BJ 61 mit Heckflossen, ein Popular aus den 30er Jahren) besonders gut gefielen. Diese Autos sind gar nicht mal so teuer, so zwischen 10.000 und 30.000 Euro kostet so ein Fahrzeug in akzeptablem bis gutem Restaurierungszustand. Wenn ich jemals zu viel Geld habe, überlege ich, ob ich mir so ein Spaßauto zulege.

Auf dem Gelände des historischen Fahrerlagers standen ganz andere Preisklassen an Fahrzeugen, die teilweise sogar zum Verkauf angeboten wurden. Das teuerste, das ich sah, ein Austin kostete 240.000 Euro. Außerdem gab es einen Citroen AC 6 BJ 1929, der 1939 mit einem Holzvergaser zu einem Hybridfahrzeug umgerüstet wurde. Bei diesem Oldtimer Event konnten wir eine dermaßen große Menge an interessanten Fahrzeugen sehen, dass ich bereits am frühen Nachmittag in einen Informations-Overload driftete.

Ich war also auf einen Schlag ziemlich energielos und stoplerte nur noch kaputt über das Gelände, ohne noch aufnahmefähig zu sein. Mein Mann wanderte deshalb mit mir Richtung Campingplatz an der Strecke zurück. Wir machten unterwegs in einer interessanten Kurve, in der man einen Teil der Strecke überblicken konnte, noch eine längere Pommespause. Dort erholte ich mich auch vom anstrengenden Gehen, denn mein Rücken tat mir wegen der Wirbelsäulenprellung, die ich mir Anfang der Woche zugezogen hatte, ziemlich weh. Nachdem ich eine Schmerztablette genommen hatte, ging es aber wieder einigermaßen.

Da wir freie Platzwahl auf dem kompletten Gelände hatten, setzten wir uns auf die Tribüne und schauten dort noch bei einem Formel 1 Rennen mit Formel 1 Boliden aus den 60ern bis 80ern zu. Damals waren die Fahrzeuge noch nicht so techniklastig wie heutzutage, so dass das Zuschauen bei einem Rennen noch wesentlich mehr Spaß macht. Allerdings ist es bei Autorennen naturgemäß unglaublich laut. Also musste ich für einen ordentlichen Gehörschutz sorgen, andernfalls hätte ich das lärmtechnisch niemals ausgehalten. Ich hatte also den ganzen Tag meine Kopfhörer mit active noise canceling auf und darunter noch die extra für meine Gehörgänge angepassten Ohrstöpsel im Ohr. So konnte ich den Umgebungslärm nahezu vollständig ausblenden und den Motorenlärm auf ein erträgliches Maß reduzieren.

Nach dem Formel 1 Rennen fuhren alle Skoda Fahrzeuge, die wir bereits auf dem Gelände gesehen hatten, ein paar Runden und dann kam eine ganze Reihe unterschiedlich alter Fahrzeuge, unter ihnen auch ca. 10 Mercedes SL Cabrios in unterschiedlichen Ausführungen und Farben – mein Traumauto ist ein 280 SL aus den 60er Jahren, das mir am besten in der Ausführung elfenbeinfarbener Lack mit roten Ledersitzen gefällt. In dem Pulk fuhr auch ein alter Opel Rekord aus den 70ern mit, genau so ein Fahrzeug noch mit Lenkradschaltung und kupferfarbener Metallic-Lackierung hatte ich einmal besessen. Ich ärgere mich heute noch darüber, dieses Auto damals abgegeben zu haben. Aber damals war ich jung und brauchte das Geld bzw. kein Auto.

Theoretisch hätten wir selbst auch bei dieser Parade mitfahren können, es gab einen Audi 80, der ungefähr dasselbe Baujahr hatte, wie der, mit dem mein Mann während des Sommers fährt. Er meint, dass wir nur lauter altes Glump besitzen – im Grunde hat er recht, aber rein vom Alter her besitzen wir letzten Endes in unserem Fuhrpark im Moment schon einen Youngtimer (Audi 80 B4 Cabrio BJ 92), zwei landwirtschaftliche Oldtimerfahrzeuge (Fendt Geräteträger GT 250 BJ 74 und John Deere 1640 LS BJ 82 mit Frontlader) und zwei Oldtimer Mopeds (BMW K 100 und Honda XL 185). Alle Fahrzeuge sind angemeldet und fahrbereit und werden auch mehr oder minder regelmäßig bewegt, wobei das Auto derzeit täglich gefahren wird, die landwirtschaftlichen genutzten Fahrzeuge mehrmals wöchentlich im Einsatz sind, die Mopeds aber nur alle paar Wochen kurze Strecken bewegt werden. Da keines unserer Fahrzeuge ein reines Liebhaberfahrzeug ist, sondern alle im Arbeitseinsatz sind und sie nicht liebevoll gepflegt und im Originalzustand ständig hergerichtet und geputzt in der Garage stehen, denke ich, die Betrachtungsweise meines Mannes kommt der Realität näher. Unsere landwirtschaftlichen Fahrzeuge sind außerdem nichts Besonderes, sondern ganz normale Ackerschlepper, die teilweise ziemlich grob umgebaut wurden, den Fendt hat mein Mann in der Mitte abgeschnitten, so dass er inzwischen der Grünland Version ähnelt, damit er im Wald mehr Platz hat. Und den Frontlader des John Deere hat er komplett hydraulisiert, nicht einmal der Grundrahmen entspricht hier noch dem Original.

Vielleicht könnten wir irgendwann einmal tatsächlich an so einem Oldtimer-Event selbst teilnehmen, dafür müssten wir aber wesentlich mehr Geld und vor allem mehr Freizeit haben, in der wir uns um die dazu notwendigen Fahrzeuge, die wir zudem erst noch erwerben müssten so kümmern können, dass sie vorführtauglich sind. Derzeit ist daran also nicht zu denken.

Nachdem ich mich mittels Schreiben und Lesen zweieinhalb Stunden im Wohnmobil erholt und die Informationsflut im Gehirn so ein wenig sortiert hatte, gingen wir am Samstagabend nochmal auf das Gelände, um den Standort der Mercedes Fahrzeuge zu finden. Das ist uns leider nicht gelungen, außerdem waren die meisten Zelte inzwischen geschlossen und nur noch vereinzelt Besucher da und wir waren ziemlich geschafft. Also sind wir zurück zum Campingplatz gegangen, um dort noch die Fotos von der Kamera aufs Tablet zu verschieben und dann völlig erledigt ins Bett zu fallen. Am Sonntag fuhren wir mit den Fahrrädern nach einem weiteren gemütlichen Frühstück noch einmal zum Ring°Boulevard und schauten uns an, was es dort zu kaufen gab. Meines Erachtens überwiegend wegen der Markennamen überteuertes Zeug, das die Welt nicht braucht und ich mir niemals zulegen würde. Am irrwitzigsten empfand ich die Ohrenschützer für Babys in rosa und hellblau und die ebenso gefärbten Schuller, die es als Ferrarischnuller jedoch auch in genderneutralem Ziegelrot gab. Macht ja wenig Sinn, die Farbe als einzig verbliebenes Erkennungsmerkmal eines Ferraris auch noch wegzunehmen. Weshalb auch immer das eigene Baby für Ferrari Werbung machen soll, entzieht sich meinem Verständnis genauso wie die Tatsache, warum man ein Baby überhaupt zu einem Rennen auf den Nürburgring mitnehmen und dem ganz sicher gesundheitsschädlichen Lärm aussetzen will.

Wir gehen als gemeinsames Hobby häufiger Oldtimer angucken, aber so ein großes Oldtimer-Event hatten wir vorher noch nie besucht. Es macht Spaß, so viele toll hergerichtete Fahrzeuge von ganz nah bewundern zu können. Im Museum kommt man nie so nah an solche Fahrzeuge heran und erlebt auch nicht, wie sie fahren. Das ist nämlich das Besondere, sie tatsächlich fahren zu sehen, die Rennfahrzeuge sind ja auch genau zu diesem Zweck gebaut worden, um damit Rennen zu fahren – nur sie dabei auch zu hören empfinde ich als weniger angenehm. Die Atmosphäre auf so einem Event wie dem 46. AvD Oldtimer Grand Prix am Nürburgring ist wirklich etwas Besonderes. Für mich war es ein zwar anstrengendes, aber sehr interessantes Wochenende. Den Preis, mich davon die nächsten paar Tage erholen zu müssen, bevor ich energiemäßig wieder voll einsatzfähig bin, zahle ich dafür aber gerne.

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Tagklinik – ein Weg aus der Depression?

Ich gehe derzeit in eine Tagklinik, um etwas gegen meine Depression zu unternehmen und wieder aus der Rentenfalle zu kommen. Bisher ist es unglaublich anstrengend gewesen. Das lag zu einem großen Teil daran, dass es eine unbekannte neue Umgebung für mich ist und an der Informationspolitik der Therapeuten. Meine Bezugspsychologin erklärte mir leider erst am Ende der Woche, weshalb man mir nicht alle notwendigen Informationen gleich zu Beginn meines Aufenthaltes gab. Sie verfolgen dort eine Art Salami-Taktik, geben Informationen also nur in kleinen Portionen heraus, um die normalerweise nichtautistischen Patienten nicht zu überfordert. So ein Vorgehen löst bei mir als Autistin aber Stress aus und ist ganz und garnicht hilfreich, weil ich auf diese Weise nur durch Zufall auf notwendige Informationen stoße, um Allem gerecht werden zu können. Auch der Hinweis, ich könne fragen, wenn mir etwas unklar ist, fruchtet hier nicht, weil ich nur fragen kann, wenn ich überhaupt Kenntnis davon habe, dass mir Informationen fehlen.

Die Therapeuten gehen wohl davon aus, dass sich die Patienten notwendige Erklärungen zum Ablauf von den Mitpatienten und Gruppenmitgliedern holen. Dadurch dass ich in dieser ersten Woche mangels Energie aber außerhalb von Therapiezeiten keinen Kontakt zu meiner Gruppe pflegte, gingen viele Dinge an mir vorüber. So bekam ich beispielsweise nicht mit, was beim sogenannten Küchendienst wann zu erledigen ist, so dass ich nicht da war, um mitzuhelfen. In dieser Klinik gibt es einen ständigen fließenden Wechsel der Gruppenmitglieder, auch das ist eine Herausforderung für mich. Ich konnte beobachten, dass Patienten, die nach mir kamen, schneller Anschluss an die Gruppe als ich fanden, weil es ihnen möglich ist, sich in den Pausen zu den anderen zu setzen und mit ihnen zu plaudern. Und so erlebe ich auch hier wieder meine Schwierigkeiten mit der Teilhabe am sozialen Miteinander.

Die Nachteile meines Rückzuges in den Pausen zwischen den Therapien sind mir sehr wohl bewusst, leider kann ich im Moment aber nichts dagegen tun. Um funktionsfähig zu bleiben, muss ich die Pausen dazu nutzen, mich soweit zu regenerieren, dass ich nicht in einen Überlastungszustand komme.  Im Moment ist es während der Woche so, dass ich zu Hause nach der Tagklinik, außer mich aufs Sofa zu legen und zu erholen, so dass ich am darauffolgenden Tag wieder hinfahren konnte, nichts sonst zustandebrachte. Nicht einmal für die Beschäftigung mit meinem Interessensgebiet hatte ich genügend Energie übrig. Obwohl ich weiß, dass das eine Einzahlung auf mein Energiekonto wäre. Leider bin ich bei fast jedem Versuch, noch etwas zu lesen, sofort eingeschlafen.

Während des Tages hatte ich mich in der Tagklinik so oft als möglich – also in allen Pausen – komplett zurückgezogen. Ich bin gut im Finden von stillen Ecken wo nie jemand hinkommt, so dass ich mir schon am ersten Tag einen Rückzugsraum schaffen konnte. Mittlerweile steht dort ein Gartenstuhl, den ich mit Hilfe eines Steines, eines Astes und der Hebelwirkung wieder soweit reparieren konnte, dass er beim darauf Niederlassen nicht zusammenklappt. Außerdem grub ich die Bocciabahn dort um und rechte sie glatt, denn das Spielen darauf in einer Therapiestunde am Montag ähnelte wegen des Bewuchses und der Löcher eher einem Glücksspiel. So macht Bocciaspielen mir allerdings keinen Spaß. Insofern war diese Arbeit und das von zu Hause mitbringen des dafür notwendigen Gartenrechens sowohl altruistisch als auch egoistisch. Was ich nächste Woche noch erledigen möchte, ist den Abfall in dieser Ecke aufzusammeln, damit ich mich dort wohler fühlen kann. Was auch ein Beitrag zum Umweltschutz ist.

Trotz meines Bemühens um ein funktionierendes Energiemanagement ist es mir aber am Donnerstag dann passiert, dass ich akut überlastet war. Dies zeigte sich in einem Heulanfall und depressiven Gedanken während eines Einzelgespräches. Letzter Auslöser war eine kurzfristige Terminänderung, denn die mir zu Beginn zugeordnete Therapeutin sagte mir am Anfang des Gespräches, dass sie mich gerne an eine andere Therapeutin abgeben würde und das geplante Gespräch mit ihr also ausfallen müsse. Sie bot mir einen Gesprächstermin am folgenden Tag bei dieser neuen Bezugstherapeutin an. Prompt brach ich in Tränen aus. Die Therapeutin meinte, ich solle mich beruhigen und wenn das so schlimm für mich sei, dann würde sie halt einen anderen Patienten abgeben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es gar nicht darum ging. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass sie verstand, was ich schluchzend an Kommunikation noch zustandebrachte.

Mir ging es nicht um die Person meines Bezugstherapeuten an sich – da ich sowieso noch keine Beziehung aufgebaut hatte. Was mir so zu schaffen machte, dass ich wie ein vierjähriges Kind reagierte, war die kurzfristige Terminänderung. Denn ich hatte mich auf Donnerstag, genau um diese Uhrzeit auf Einzelgesprächstermine eingestellt und mich wie immer auf solche Gespräche vorbereitet. Also überlegt und aufgeschrieben, was ich mitteilen wollte. Und das sollte jetzt plötzlich nicht stattfinden. Letzten Endes war ich zu erschöpft, um aus der Überlastungssituation zu fliehen, was darin resultierte, dass ich ganze zwei Stunden bei der Therapeutin saß und im Endeffekt dann doch das Gespräch inhaltlich soweit stattfand, so dass ich mich beruhigen konnte. Ich weiß allerdings nicht, ob die Therapeutin die Zusammenhänge verstanden hat. Ich gehe begründet davon aus, dass es auch bei diesem Klinikaufenthalt zu vielen Missverständnissen zwischen mir und meinen Mitmenschen kommt.

Ein Missverständnis wurde in diesem Gespräch nämlich zum Glück aufgeklärt. Beim Anamnesegespräch vor der Anmeldung in der Tagklinik meinte die aufnehmende Ärztin, dass sie gerne eine zweiwöchige Probezeit mit mir vereinbaren würde, damit von beiden Seiten geschaut wird, ob ein Klinikaufenthalt für mich als depressiver Autistin unter lauter nichtautistischen Depressiven umsetzbar wäre. Ich hatte also Angst davor, während dieser „Probezeit“ naturgemäß zu viele Fehler – vor allem im sozialen Miteinander – zu machen, so dass ich sie nicht bestehen würde. Und sogar in einer Klinik die Erfahrung machen zu müssen, wegen fehlender „Teampassung“ sozusagen gekündigt zu werden. Die erste Woche war auch aus diesem Grund unglaublich stressig, weil ich nicht wusste, wie viele „Fehler“ ich mir erlauben konnte. Also versuchte ich mit aller Kraft unbedingt alles richtig zu machen, was dazu führte, dass sich das sogar im Blutdruck niederschlug. Als ich danach fragte, wie viele Fehler ich maximal machen dürfe, bevor sie mir nahelegen würden, die Tagklinik zu verlassen, klärte sich dieses Missverständnis auf – gemeint war scheinbar nur, dass ich selbst zwei Wochen lang am Programm der Tagklinik teilnehmen dürfe, um zu sehen, ob ein längerer Aufenthalt sinnvoll für mich sei.

In der Tagklinik gibt es einen Ruheraum mit drei Betten, in den ich mich während der letzten Woche in der Mittagspause zurückgezogen hatte, um mich auszuruhen bzw. zu schlafen. Bisher war außer mir noch nie jemand in diesem Raum, was wohl damit zusammenhängt, dass ihn die Betreuer erst aufsperren müssen. In der Gruppe fühle ich mich natürlich oft unverstanden, ich bin ja auch die einzige Autistin dort. Aber meine neue Bezugspsychologin hat offenbar Ahnung von der Thematik und ich finde sie sympathisch. Sie gab mir in dem Gespräch, das dann am Freitag stattfand, sehr hilfreiches Feedback und erklärte mir eine schwierige Situation, zu der es letzte Woche in der Guppe kam, weil ich dort wohl sozial unpassend meine Bedürfnisse äußerte. Ich bat darum, dass während der Ergotherapie das Radio ausgeschaltet wird. Was die Betreuerin auch tat, mich dann aber zwei Tage später beiseite nahm, um mir zu sagen, dass viele Mitpatienten das Bedürfnis hätten, Radio zu hören und ich mich deshalb anpassen oder eine Lösung finden müsste. Mein Versuch, ihr zu erklären, dass es für meine Mitpatienten ein „nice to have“ sei, nebenbei Radio zu hören, für mich es aber aus Gründen des Energiemanagementes ein „must have“ sei, die Lärmquellen zu minimieren, und weil ich mich sonst neben den Stimmen der Mitpatienten auch noch auf die des Radiosprechers konzentrieren müsste, scheiterte.

Als ich ihr diese Situation schilderte, schlüsselte sie meine Bezugstherapeutin sozial für mich auf, machte Lösungsvorschläge und zeigte mir einen sozialkompatiblen Weg auf, wie ich bei einem erneuten Versuch, meine Bedürfnisse nach „Radio aus“ umzusetzen vorgehen könnte. Ich finde es nach wie vor irritierend, dass meinen Mitpatienten laut der Therapeutin die Befriedigung emotionaler Befindlichkeiten beim jemanden neu kennenlernen so wichtig ist und sie einer logischen Argumentation nicht zugänglich sind. Ich soll nämlich deren Du erhöhen und mein Ich mit Hilfe passender Formulierungen klein machen, dann würde ich gemocht werden und sie würden eher das tun, worum ich sie bäte. Es ist schon absurd, dass Inklusion auch in einem teilstationären Setting mit Sozialpädagogen, Erziehern, Psychologen und Psychiatern schwer umzusetzen ist. Ich muss mich anpassen, um nicht exkludiert zu werde bzw. mich selbst zu exkludieren, indem ich beispielsweise als Lösung während der Therapiestunde meine Kopfhörer aufsetze, weil viele Menschen nicht logisch handeln können oder wollen, sondern emotional und intuitiv.

Nachdem ich es aber nun geschafft habe, eine komplette Woche durchzuhalten und sich das Programm wöchentlich wiederholt, hoffe ich, dass die kommende Woche stressfreier wird. In dieser Klinik arbeiten sie nach einer für mich neueren störungsspezifischen Therapieform, der von James P. McCullough in den USA zur Behandlung chronisch depressiver Patienten entwickelten Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP), die schulenübergreifend Denkansätze aus der kognitiven, behavioralen, interpersonellen und der psychodynamischen Therapie und der Entwicklungspsychologie Jean Piagets integriert. Was ich bisher zu der Therapie und den Strategien bzw. Methoden gelesen habe, klingt logisch. Mal sehen, ob es hilft.

Ich glaube, dass ich insbesondere von den Einzelgesprächen, dem einmal wöchentlich stattfindenden Soziale Kompetenztraining nach CBASP und dem Sportangebot profitieren werde. Die Gruppensituationen kann ich als Übungsfeld für soziale Interaktion und Kommunikation nutzen. Und während der Ergotherapie habe ich die Möglichkeit, interessante neue Sachen auszuprobieren, wie beispielsweise Perlenhäkeln. Begonnen habe ich mit einer Mosaikarbeit, das ist etwas, was ich in der Beschäftigungstherapie während der Wartezeit auf den Tagklinikplatz bereits gemacht hatte. Macht Spaß, beruhigt durch die Sortiertätigkeit und das meditative Kleben der Mosaiksteinchen und bringt nebenbei auch hübsche Schalen oder Behältnisse hervor, die ich als Geschenk nutzen kann.

Bei meinem wichtigsten Ziel, einen Abschlussbericht zu erhalten, in dem eine Empfehlung für die Maßnahme Unterstützte Beschäftigung steht, mit der der ifd betraut werden soll, wird mich die Klinik unterstützen. Das ist für mich der Weg aus der Rentenfalle in der ich festsitze, weil die Rentenversicherung ohne einen neuen Arztbericht, in dem mir Rehafähigkeit besscheinigt wird, vermutlich meine EM Rente verlängern würde, statt mich dabei zu unterstützen, mich beruflich wieder einzugliedern. Es ist mir sehr wichtig, wieder eine Arbeit zu finden. Ich denke, dass ich es nur so schaffen kann, nicht ganztags zu Hause herumzuhängen und allein deshalb täglich depressiver zu werden. Ich hoffe, dass ein Weg aus der Depression sein könnte, durch den Tagklinikaufenthalt die Chance auf eine für mich passende Arbeitsstelle zu erhalten. Und damit nach der Kindererziehung wieder einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, die gleichzeitig eine von außen vorgegebene Tagesstruktur mit sich bringt.

Also auf in die zweite volle Woche Tagklinik.


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Abschied von Twitter

Heute setzte ich das um, worüber ich die letzten Tage nachgedacht hatte. Ich habe meinen Twitter Account gelöscht. Warum ich nicht mehr auf Twitter sein möchte hat mehrere Gründe. Der eine ist, dass es mich zu viel Zeit und Energie gekostet hat. Auf Twitter muss man ständig präsent sein und Tweets schreiben, um nicht in Vergessenheit zu geraten oder um sich einen gewissen Kreis an Followern zu erarbeiten. Dabei wird m. E. unglaublich viel gepostet, das es nicht wert ist, erwähnt zu werden. Da ich dabei nicht mitmachen wollte, musste ich also ein mich interessierendes Thema finden, bei dem man Tweets mit Inhalt senden kann. Das fand ich in der Autismus-Strategie Bayern. Über die vergangenen Wochen konnte ich nun aber bei mir beobachten, dass ich zunehmend mehr Zeit auf Twitter verbrachte, was zunehmend Energie abzog, die ich anderswo nötiger gehabt hätte.

Und mich mehr und mehr auch inhaltlich stresste. Ich hatte das, was auf Twitter abläuft zuerst beobachtet und dann eigene Test-Tweets verfasst, um zu sehen, ob sich meine Vermutung, wie ich schreiben muss, um Likes zu erhalten, bestätigt. Das hat sie. Es funktionierte gut, so lange ich derselben Meinung war, wie die Autisten-Community, die in der Twitterblase den Ton angibt. Und das ist ein anderer Grund, weshalb ich beschloss, nicht mehr auf Twitter zu bleiben. Denn deren Umgangston ist so gar nicht der meine. Auf Twitter und hier insbesondere in der Autismus-Twitterblase geht es meiner Beobachtung nach etlichen Usern nicht um Sachlichkeit und Informationsaustausch, sondern in erster Linie darum, sich darzustellen, Bestätigung für die eigene Meinung zu erhalten und gegen andere Meinungen auf unsachliche Weise z.T. auch mittels persönlicher Angriffe vorzugehen. Ich kam gar nicht mehr hinterher, mich für meine abweichende Meinung zu rechtfertigen und zu versuchen, Dinge klarzustellen, die unrichtig dargestellt wurden.

Dem voraus ging ein Fachgespräch am 07.06. im bayrischen Landtag, bei dem u.a. über eine mögliche Wahl solcher Vertreter gesprochen wurde. Und von Transparenz. Wenig transparent schrieb eine der Beteiligten zeitnah eine Mail an ein paar wenige andere – u.a. an mich – in der sie davon sprach, ein Konzept entwickeln zu wollen. In Absprache mit der SHG Leitung meiner Selbsthilfegruppe antwortete ich auf diese Mail. Ich schlug vor, im Sinne einer transparenten Vorgehensweise nicht den Kommunikationskanal E-Mail zu verwenden, sondern sich an möglichst viele Autisten und Selbsthilfegruppen zu wenden, so dass auch nicht in den sozialen Medien Twitter oder Facebook vertretene Autistinnen und Autisten und Angehörige sich beteiligen würden können. Ich betonte, dass möglichst vielen die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich um eine Vertretung zu bewerben und zu einer demokratischen Lösung zu kommen. Ich schrieb, dass alle Informationen, wie die Anfrage per Mail, die Entwicklung eines Konzeptes zur Bestimmung von Vertretern, die Vorstellung von zur aktiven Mitarbeit bereiten Vertretern, notwendige Umfragen und Abstimmungen, um die angestrebte paritätische Vertretung zu bestimmen, beispielsweise auf dem Heureka Autismusforschungsforum abgewickelt werden könnten. Ein weiterer Vorschlag meinerseits war, in Zusammenhang mit dieser demokratischen Bestimmung von paritätischen Vertretern zugleich eine möglichst umfassende Auflistung der aktuell in Bayern vorhandenen Selbsthilfestrukturen zu realisieren, indem mit den Autismus-Netzwerken aller anderen bayrischen Bezirke Kontakt aufgenommen werden könnte. So sollten die in den jeweiligen Bezirken vorhandenen Selbsthilfestrukturen und damit betroffene Autisten und Autistinnen sowie Eltern und Angehörige und möglichst flächendeckend erreicht werden können. Außerdem schrieb ich, dass wir uns nicht von der Verfasserin der ersten Mail vertreten sehen würden, sie vertrete in unseren Augen die Gruppe der Eltern und wir könnten und wollten uns als Autistinnen und Autisten selbst vertreten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, erfolgte wieder per Mail und beinhaltete neben einer umfassenden Selbstdarstellung keine konstruktiven Inhalte, die in der Sache weitergebracht hätten. Der Verantwortliche für das Heureka Forum schrieb eine weiterführende Antwort, auf die ich nochmals mit dem Vorschlag zur Verlagerung der Kommunikation auf eine geeignete öffentliche Plattform wie beispielsweise dem Heureka-Forum antwortete. Außerdem betonte ich, dass zwischen den unterschiedlichen Zielgruppen unterschieden werden müsse und es zwingend eigene Vertreter für die Gruppe der Autistinnen und Autisten und die der Eltern geben müsse. Es solle meiner Ansicht nach nicht die schiere Größe der Dachorganisation ausschlaggebend sein für die Stimmverteilung bei einer Wahl, dieser Punkt müsse selbstverständlich erst noch ausdiskutiert werden. Ich vertrat die Meinung, dass bei der Erarbeitung der Autismus-Strategie Bayern nur bayrische Betroffene inkludiert werden sollten.

Nebenbei liefen nach dem Fachgespräch wohl einzelne Gespräche mit Beteiligten, die auf dem Fachgespräch eine paritätische Mitarbeit gefordert hatten, und den politisch Verantwortlichen. Davon erfuhr ich ausschließlich auf Twitter, war sehr überrascht, und mahnte auf Twitter nochmals ein transparentes und demokratisches Vorgehen an. Allerdings hatte die betreffende Beteiligte scheinbar kein Interesse mehr an einer demokratischen Entscheidung für paritätische Vertreter, sondern twitterte, dass sie sich freuen würde, bei der Autismus-Strategie mitzuwirken. Außerdem gab es einen Aufschrei der Empörung, dass sich jemand gegen nichtbayrische Personen als Vertreter ausgesprochen hatte. Als ich das las, bemühte ich mich darum, sachlich zu erklären, was tatsächlich kommuniziert wurde. Auch meine wiederholten Vorschläge, doch bitte die gesamte Kommunikation zu veröffentlichen, am besten auf einer geeigneten Plattform wie dem Heureka Autismusforschungsforum zu diskutieren und sämtliche bis dato gelaufenen E-Mail-Kommunikation dort zu veröffentlichen, so dass sich jeder Interessierte eine eigene Meinung hätte bilden können, verhallten ungehört.

Nach gründlichem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen, dass keiner der Protagonisten außer mir und der beim Fachgespräch eingeladenen Fachkraft daran ein Interesse hat. Es ging wohl nie darum, demokratisch Vertreter zu wählen. Sich einer Wahl zu stellen, beinhaltet die Gefahr, nicht gewählt zu werden. Und laut Tweets eines der lautesten Twitter-User, scheint für diesen auch nur seine einstimmige Wahl als Vertreter in Frage zu kommen. Ich denke, ich habe mich mit dem Besuch des Fachgespräches instrumentalisieren lassen. Es ging nur einem der Beteiligten darum, möglichst viele Autistinnen und Autisten in die Erarbeitung der Autismus-Strategie Bayern mit einzubinden. Den anderen ging es von Anfang an darum, sich selbst zu positionieren.

Es war mir klar, dass es ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend zu sein scheint, statt Fakten die eigene emotionale Befindlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen und statt sachlich unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, alle, die anderer Meinung sind, mittels Shitstorm zu übertönen. Allerdings hatte ich angenommen, dass Autistinnen und Autisten dagegen einigermaßen gefeit sein sollten. Leider wurde ich eines Besseren belehrt. Es ist auf Twitter gang und gäbe, aus anderen Twitter-Strängen Tweets als Beweise zu posten, die aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es werden sogar Beiträge aus Foren als Screenshot auf Twitter gestellt und dort förmlich zerrissen, ohne dass der Autor der Beiträge sich dagegen wehren kann. Das sind Praktiken, die meinem Gerechtigkeitsempfinden zutiefst zuwiderlaufen. Ich habe hier bewusst keine Screenshots als „Quellen“ gepostet oder Namen genannt. Jeder, der dabei war, weiß um was es geht. Jeder andere hätte sich bei echter Transparenz seine eigene Meinung bilden können. Da diese Transparenz nicht gewünscht wird, schließe ich das Thema und in diesem Zusammenhang auch meinen Ausflug in die Welt des sozialen Mediums Twitter mit diesem Beitrag ab.

Zugegebenermaßen beruht meine Entscheidung, meinen Twitter-Account zu löschen, nur auf meiner anekdotischen Erfahrung. Und was ich mir selbst eingestehen muss ist, dass ich mit den zwei Antwort-Mails gegen die von mir angemahnte Transparenz verstoßen habe, weil ich es überhaupt zuließ, dass nur einige wenige über das eigentlich alle Betroffenen angehende Thema Autismus-Strategie Bayern miteinander kommunizierten.


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Exklusion statt Inklusion – Autismus-Strategie Bayern 2018

In einem Antrag vom 07.02.2018 wurde gefordert, in die innerhalb der nächsten vier Jahre zu entwickelnde Autismus-Strategie (hier die Beschlussfassung) beteiligte Gruppen, zu denen nach meinem Verständnis auch Autisten gehören, mit einzubeziehen. Bisher sieht es allerdings immer mehr danach aus, dass Autisten und sogar kritische Fachärzte bei der Erarbeitung einer Autismus-Strategie Bayern exkludiert werden sollen.

Am 20. April 2018 schrieb ich bereits an Frau Huml, Frau Schreyer und Herrn Söder eine E-Mail in dieser Sache, auf die ich bisher jedoch keine Antwort erhielt. Auch Kontaktaufnahmen und Nachfragen meinerseits an Frau Schreyer via Twitter brachten keine Antworten auf meine dringenden Nachfragen wegen einer Einbindung von Autisten als Fachkräfte in eigener Sache in die Erarbeitung dieser Strategie. Frau Schreyer schrieb lediglich zurück, dass die Ergebnisse veröffentlicht werden sollen

Ich fragte Frau Schreyer am 25. April via Twitter (hier der Link zum Thread), ob Autisten in die Arbeitsgruppen mit eingebunden werden und forderte eine Einbeziehung einer repräsentativen Gruppe von Autisten. Sie antwortete mir am 26. April, dass die Erarbeitung „unter umfänglicher Beteiligung der Praxis und der organisierten Selbsthilfe von Menschen mit Autismus von der Hochschule für angewandte Wissenschaften München durchgeführt“ werden würde. Ich fragte daraufhin nach, was Frau Schreyer unter umfänglicher Beteiligung verstünde und kritisierte, dass unsere Selbsthilfegruppe in Regensburg nicht kontaktiert worden wäre. Frau Schreyer antwortete am 09. Mai: „Das Projekt hat ja erst am 1. Mai 2018 mit seiner Arbeit begonnen. Wir geben Ihr Interesse an einer Mitwirkung gerne an den Projektanden, die Hochschule München weiter“. Ich schrieb ihr am 10. Mai zurück, dass ich einverstanden sei und sie das tun solle. „Ich will Teil der ‚umfänglichen Beteiligung‘ der Autismus-Strategie sein, ich will und kann für mich selbst sprechen. Nur ich weiß wirklich, was ich als Autistin benötige“. In einem anderen Twitterthread antwortete Frau Schreyer am 09. Mai: „Die Autismus-Strategie wird Ergebnis eines breiten Beteiligungsprozesses sein. Selbstverständlich sind dabei auch das Gesundheits- und das Wissenschaftsministerium eng eingebunden“. Seither habe ich leider nichts weiter gehört, weder von Frau Schreyer noch vom Projektanden.

Bisher wurde nur der Selbsthilfegruppe Autismus Rosenheim zugesagt, sie in die Erarbeitung mit einzubinden (siehe Zeitungsartikel), was ich zwar einerseits gut heiße, andererseits aber auch kritisch sehe. Die Einbindung der größten bayrischen Selbsthilfegruppe wurde offenbar allerdings bereits am 22.05. vergessen, als ein Gespräch ohne eine Einladung der SHG erfolgte (siehe hier). Heute wurde nunmehr Herr Dr. Schilbach, obwohl er in einem Sitzungsprotokoll, das mir vorliegt, namentlich als Leiter der Autismus-Strategie Projektgruppe Forschung genannt wird, von Frau Schreyer auf Twitter geblockt. Ich empfinde es als äußerst befremdlich, dass sich die Sozialministerin offensichtlich weigert, sich öffentlich auf Twitter weiter mit den Fragen und kritischen Anmerkungen von Herrn Dr. Schilbach auseinanderzusetzen. Die Anfragen der anderen Autisten in den jeweiligen Twitterthreads werden ebenfalls nicht beantwortet. Ich meine, dass dies ein äußerst fragwürdiges Verständnis von Demokratie und freier Meinungsäußerung widerspiegelt.

Ich habe mich auf meinem Blog hier schon einmal ziemlich frustriert zu den Vorgängen geäußert. Da mein Blog jedoch nur eine geringe Reichweite hat, denke ich, dass es wichtig wäre, die Vorgehensweise der politisch Verantwortlichen öffentlich zu kritisieren.

Autisten haben mit einem Anteil von ca. 1% der Bevölkerung keine große Lobby, darum benötigen sie meiner Ansicht nach jede Unterstützung, die sie bekommen können.  Heute wandte ich mich deshalb per E-Mail (E-Mail Stamm und Aiwanger) an Frau Claudia Stamm und Herrn Hubert Aiwanger, in der Hoffnung, dass sie sich für Autisten einsetzen können.  Am 07.06. findet ein Fachgespräch mit Herrn Dr. Schilbach, Frau Opitz-Kittel und Frau Hennig im Landtag statt, zu dem ich ebenfalls angemeldet bin. Hier hoffe ich, Gehör zu finden mit meinem Anliegen. Ich denke, es sollten möglichst viele Autisten hingehen, leider hat dieses Fachgespräch nichts mit einer Einbindung von Autisten in die Erarbeitung der Autismus-Strategie Bayern zu tun, sondern ist eine Veranstaltung der Opposition, respektive von Frau Stamm. Aber vielleicht kann dieses Gespräch ein Anfang sein, um der Exklusion und dem Ignoriert werden zu begegnen.

Ich erwarte von den politisch Verantwortlichen, als Bürgerin nicht ignoriert zu werden, sondern Antworten auf berechtigte Anfragen zu erhalten. Und ich erwarte als Autistin im Jahr 2018 nicht exkludiert zu werden, sondern in die Erarbeitung der Strategie mit eingebunden zu werden, am besten natürlich persönlich, denn ich finde es nicht sinnvoll, dass Nichtautisten bestimmen, welche Unterstützung gut für mich zu sein hat. Ich stelle den Verantwortlichen gerne meine Expertise zur Verfügung und bringe mich ein.

 


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Resignation ist auch ein Gefühl

Es ist wahr, der derzeit überwiegend defizitäre Blick auf Autismus ist nicht hilfreich – dadurch verändert sich nichts. Dr. Tony Attwood (ein britischer auf Autismus spezialisierter Psychologe, der in Australien lebt und arbeitet), den ich nächsten Freitag life erleben kann, hat wahrscheinlich doch recht. Autistic Pride könnte vielleicht sogar weiterhelfen, zumindest das Selbstwertgefühl etwas aufpolieren. „Und ihr dürft niemals vergessen: Auch Autisten haben positive Eigenschaften“ – der Satz von Mister S. am Ende seines Songs, in dem er versucht, den Blick auf die Stärken von Autismus zu lenken, relativiert das leider wieder. Autisten haben nicht irgendwo versteckt unter lauter negativen auch ein paar (aber leider wohl immer zu wenige) positive Eigenschaften.

Viele dieser sogenannten positiven autistischen Eigenschaften sollten in der Gesellschaft meiner Meinung nach normal sein. Dann hätte die Menschheit wahrscheinlich viele der derzeitigen gesellschaftlichen Probleme gar nicht. Loyalität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeitssinn, Toleranz und Hilfsbereitschaft sind doch für eine Gemeinschaft wirklich erstrebenswerte Qualitäten. Menschen, die einen Blick für das Detail haben, wissbegierig sind, logisch Denken können, lösungsorientiert sind und dabei auch noch kreativ, die sollten doch eigentlich beliebt sein, statt von den Nichtautisten aussortiert oder ausgegrenzt zu werden?

Obwohl Autisten gut alleine sein können und sich selbst beschäftigen können, vermissen viele Freundschaften, hätten gern Kontakte. Wissen nur nicht, wie man die knüpft und erhält oder schaffen es einfach nicht. Obwohl sie häufig gute Gedanken haben, werden diese von Nichtautisten oft nicht registriert, sogar ignoriert. Meine eigene Erfahrung ist: Ich wurde und werde eher nicht gesehen, nicht gehört. Selbst wenn ich gefragt werde. Genau wie in einem Video – das sieben Jahre alt ist komme ich mir oft so vor: Unsichtbar. Egal, was ich dazu sage – es bemerkt niemand. Warum hören Nichtautisten nicht zu? Oder bin ich einfach nur zu höflich, zu freundlich, zu leise?

Sieben Jahre ist zumindest hier in Bayern im Punkt Rethinking Autism nichts wirklich Greifendes passiert, was die Situation für mich zum Besseren gewendet hätte. Das zeigt sich u.a. daran, dass jetzt zwar endlich auch in Bayern eine Autismus-Strategie erarbeitet wird. Scheinbar aber ohne die Autisten selbst zu fragen und auf sie zu hören. Sie würden eingebunden, twitterte mir Frau Ministerin Schreyer. Und die Ergebnisse der Strategie würden selbstverständlich veröffentlicht werden. Das ist aber nicht der Punkt. Auf meine Fragen hat sie nicht geantwortet. Autisten einzubinden, indem sie durch Nichtautisten vertreten werden (soweit ich ihn richtig verstehe, steht genau das in diesem Artikel), ist keine echte Einbindung, keine Inklusion. Ich will und kann für mich selbst sprechen. Ich habe es satt, dass Nichtautisten bestimmen, was gut für mich zu sein hat.

Autisten immer noch nicht oder schon wieder nicht für sich selbst sprechen zu lassen, zeigt, dass Autisten als nicht vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden. Menschen sind, die man als verantwortlicher Politiker und als Entscheidungsträger getrost übergehen darf. Denen man vorschreibt, was sie zu benötigen haben – aus Sicht der Nichtautisten. Und hinterher dann wahrscheinlich den Vorwurf macht: Wir haben so viel für dich getan – und du bist immer noch nicht zufrieden. Aber deine Äußerungen müssen wir ja auch gar nicht ernst nehmen, laut den Fachkräften liegen schließlich Kommunikationsdefizite bei dir vor. Der Grund dafür, dass du nicht erkennen kannst, was wir für dich alles Hilfreiches tun, liegt also nicht in unserer Strategie.

Ohne Symmetrie werden die Spielregeln der Kommunikation von den Mächtigeren bestimmt. Autismus-Strategie für Bayern klingt super. Aber die Verantwortlichen wollen erst einmal weitere vier Jahre nur reden, am Liebsten offenbar miteinander. Weitere Jahre, die ich warten soll, bis es eventuell Projekte geben wird, die mir vielleicht – denn gut gemeint ist oft nicht wirklich gut gemacht – helfen könnten. Ich warte schon so lange, ein Leben lang warten – auf was?

Sieben Tage muss ich bei der Telefonseelsorge auf eine Antwort warten, um so etwas wie ein (schriftliches) Gespräch zu führen. Scheint eine typische Wartezahl zu sein, zu der ich sogar ein sehr altes Lied von Peter Maffay aus 1970 (schon wieder die Sieben) im Kopf habe. Nur sind es bei mir schon weit mehr als die sieben Brücken, für die es, wie Euler anhand des Königsberger-Brückenproblems gezeigt hatte, keine Lösung gibt, mehr als sieben dunkle Jahre. Und der helle Schein lässt noch immer auf sich warten. Ich schätze bei mir wird das Licht am Ende des Tunnels dann der entgegenkommende Zug sein.

Es ist ein Irrglaube, dass Autisten keine Gefühle haben. Freilich haben Autisten Gefühle und viele sogar nicht zu knapp. Vielleicht zeigen sie sie nur nicht auf gesellschaftlich akzeptierbare Weise. Und da viele eher still und zurückgezogen leben, bemerkt man ihre etwaigen Gefühlsäußerungen nicht so leicht. Manchmal denke ich, dass ich wohl eher viel zu viele Gefühle habe. Von denen die meisten leider weh tun. Und die ich meistens still und leise, so dass möglichst niemand mitbekommt, wie es mir wirklich geht, aushalte.

Und von wegen: Autisten können das große Ganze nicht sehen. Ich habe nicht nur Angst, weil mir die Welt immer noch sehr häufig absurd erscheint, weil unvorhergesehene, unplanbare Dinge passieren, weil es zu für mich unwillkommenen Veränderungen kommt. Ich habe auch gerade deshalb oft Angst oder es geht mir schlecht, weil ich das Ganze sehe, alle Implikationen, Folgen, wo es hinführen wird, wenn das alles so weitergeht. Im Großen wie im Kleinen. Das macht mir Angst. Und mich traurig. Denn ich verstehe einfach nicht, wieso andere nicht dasselbe sehen, ihr Verhalten wider besseren Wissens nicht verändern, unlogisch handeln, über alles, was gut ist, hinwegtrampeln. Wichtig für viele Nichtautisten sind mehr Macht, mehr Reichtum, mehr von allem, nur nicht von dem, was wirklich wichtig und richtig wäre. Ich verstehe es nicht. Und bin müde. So müde. Mag nicht mehr kämpfen, hinfallen, wieder aufstehen, weitermachen. Das Leben als ständigen Kampf führen, der erst mit dem Tod endet.


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Suizidprävention bei depressivem Autismus

Eine depressive Autistin unter Alkoholeinfluss ruft am Tag X bei der TelefonSeelsorge Anonym, Kompetent, Rund um die Uhr an, nur um die Bandansage „Unsere Mitarbeiter sind zurzeit leider alle im Gespräch, so dass Ihr Anruf nicht entgegengenommen werden kann. Bitte nutzen Sie unsere Mail- und Chatberatung oder versuchen Sie es später noch einmal“ zu hören. Später hört sie genau dieselbe Bandansage, also versucht sie, die Chatberatung zu nutzen. Chattermine sind die nächsten zwei Wochen alle ausgebucht. So schreibt sie eine Mail und klickt auf Senden, um dem Leben eine faire Chance zu geben. Sie verzweifelt, als sie liest, dass es bis zu drei Tage dauern kann, bis jemand antwortet. Sie fragt sich, ob die TelefonSeelsorge nicht lieber ihren Namen ändern sollte. Aber sie reißt sich noch einmal zusammen und hält ihren Zustand immerhin noch drei weitere Tage aus.

Dann bricht sie wieder zusammen, diesmal schlimmer. Sie hat sehr große Angst, erinnert sich aber an die Worte ihres Therapeuten, kramt aus ihrem Rucksack den Flyer des Caritas Krisendienstes Horizont heraus. Sie trinkt etwas, um ihre Hemmungen vor Telefonaten zu verlieren. Zu ihrem Glück ereignet sich dieser Zusammenbruch während der Sprechzeiten. Es geht sogar jemand ans Telefon. Sie spricht eine halbe Stunde völlig aufgelöst mit einer Stimme, die ihr mitteilt, dass sie nicht anonym anruft, sondern ihre Telefonnummer im Display angezeigt wird. Und dass der Krisendienst wegen ihres Zustandes leider Hilfe vorbeischicken muss – außer sie verspricht, in einer Stunde nochmals anzurufen. Denn die Mitarbeiterin habe jetzt einen Termin. Die autistische Depressive sagt selbstreflexiv, dass sie das wahrscheinlich nicht schaffen wird und nennt auch die Gründe. Die Mitarbeiterin bietet an, fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit von sich aus zurückzurufen. Das Telefonat wird beendet. Die Verzweiflung ist immer noch da. Sie trinkt noch mehr. Wie befürchtet, schafft sie es nicht, nochmals anzurufen. Sie fürchtet sich extrem davor, untergebracht zu werden, aber mittlerweile ist ihr alles egal, außerdem ist sie betrunken. Allerdings klingelt das Telefon auch in der darauffolgenden Stunde nicht. Und niemand kommt zur Hilfe.

Währenddessen ist sie nach einem Wein- und Schreianfall wegen totaler Überlastung eingeschlafen. Um ein paar Stunden später wieder aufzuwachen und zu registrieren, dass es ihr immer noch sehr schlecht geht. Sie schämt sich ob ihres Totalzusammenbruchs, ist verärgert, weil eine Vereinbarung nicht eingehalten wurde, was sie absolut nicht tolerieren kann. Zugleich ist sie erleichtert, nicht untergebracht worden zu sein, weil es ihr nicht mehr egal ist und sie vermutet, dass ihr eine solche Maßnahme zwar kurzfristig helfen, aber binnen Kurzem außerdem sehr schaden könnte. Sie hat starke Kopfschmerzen, verbucht das aber als gerechte Strafe wegen des Alkohols. Sie reißt sich wieder zusammen, hält es weiter aus. Traut sich sogar, sich am folgenden Tag erwartungslos, aber der Vollständigkeit halber nochmals in die Mailberatung der Telefonseelsorge einzuloggen, nachdem sie den Flyer des Krisendienstes Horizont in den Papiermüll geworfen hatte. Und liest, dass tatsächlich nach genau drei Tagen jemand geantwortet hatte, geschrieben hatte „hier ist ihre Chance“ „ich bin da für Sie und gehe gerne mit Ihnen in das Gespräch über Ihre Situation“. Sie fragt sich, was bei der TelefonSeelsorge unter Gespräch verstanden wird. Sie ergreift ihre Chance, indem sie sogleich zurückschreibt.

Denn es ist noch nicht vorbei. Es geht ihr auch heute sehr schlecht, aber sie schildert schriftlich ausführlich ihre Situation und hofft, hofft so dringend, dass ihr Gegenüber sie versteht, ihr hilft, ihr vielleicht sogar schreibt, wie es weitergehen kann. Einen Hinweis gibt, was sie noch tun kann. Sie loggt sich mehrmals täglich ein und wieder aus. Drei Tage später hat sie einen Gesprächstermin mit ihrer Psychiaterin. Der sie eine dreiviertel Stunde lang weinend von ihrer aktuellen Krisensituation berichtet. Die Psychiaterin kennt sie und beantwortet ihre dringenden Fragen, verfällt jedoch bei einem der Themen in Allgemeinplätze. Die depressive Autistin schaltet innerlich ab, nachdem sie gesagt hat, dass sie all das wisse.

Sie ruht sich nach dem Termin ein wenig aus, bevor sie einen weiteren Termin bei einer Psychiaterin zwecks Aufnahme in eine Tagklinik für Depressionen wahrnimmt. Natürlich wird sie im Verlauf des Gesprächs auch nach Suizidgedanken gefragt. Sie erzählt von ihren Erfahrungen der letzten Tage mit Suizidprävention und wie es ihr derzeit geht. Die Psychiaterin bedankt sich für die Ehrlichkeit und erwidert, das könne eigentlich gar nicht sein, aber: „Was Sie mir da erzählen, glaube ich Ihnen natürlich. Wir haben eine Warteliste. Rufen Sie doch einfach mal an und fragen, auf welchem Platz sie stehen“. Sie warnt die autistische Depressive mehrfach, dass ein Aufenthalt in der Tagklinik schwierig werden könne, weil dort Gruppentherapie stattfände und sie die einzige Autistin wäre. Die autistische Depressive erwidert, dass ihr das bewusst sei, sie aber etwas gegen die Depression unternehmen wollen würde und fragt, was sie denn jetzt noch machen könne. Die Psychiaterin antwortet: „Auf einen freien Platz in der Tagklinik warten. Ich wünsche Ihnen derweilen viel Glück“. Die zutiefst deprimierte Autistin geht. Erzählt all ihre Erlebnisse ihrem Psychotherapeuten, erzählt, sie sei erschöpft, wolle nur noch schlafen, am Liebsten nicht mehr aufwachen. Der sagt ihr, dass es in den nächsten Tagen nur darum ginge, zu überleben. Irgendwann werde es ihr wieder besser gehen. Aushalten sei die Parole. In drei Tagen sehe man sich wieder.

Fünf Tage nach dem Verfassen ist die zweite Mail an die TelefonSeelsorge noch nicht einmal gelesen. Die depressive Autistin ist mittlerweile eher verblüfft als verzweifelt. Und wundert sich, weshalb bei ihr Suizidprävention nicht hilft. Sie registriert, dass das System bei ihr nicht greift. Registriert das allerdings nicht zum ersten Mal, denkt über die Absurdität der Welt, die Menschen und deren Handeln nach. Versucht, sich von depressiven Gedanken mit der Verfolgung der aktuellen Nachrichten zum Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz und der bayrischen Autismus-Strategie abzulenken, letzteres erweist sich als wenig hilfreich. Verzieht grimmig die Mundwinkel resigniert minimal nach oben. Und wertet das als Erfolg des Tages.


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Bay-PsychKHG und Autismus-Strategie-Bayern: E-Mail an die Politik

Sehr geehrte Frau Huml (mdl@melanie-huml.de),

Sehr geehrte Frau Schreyer (mdl@kerstin-schreyer.de),

Sehr geehrter Herr Söder (edda.probst@soeder.de; markus.soeder@soeder.de),

als Autistin mit rezidivierenden depressiven Episoden habe ich die Petition von Uwe Hauck und Kristina Wilms gegen das Bay-PsychKHG unterschrieben. Ich bitte Sie, dass wenigstens einer von Ihnen als Verantwortlicher sich am Dienstag, den 24.04.2018 gegen Mittag die Zeit nimmt, um die Ergebnisse dieser Petition persönlich von den Initiatoren in Empfang zu nehmen.

Vor dem Hintergrund des derzeitig geplanten Inhaltes dieses neuen Gesetzes habe ich für mich beschlossen, aus Gründen des Selbstschutzes zukünftig mit keinem Therapeuten oder Arzt mehr über meine Depression zu sprechen. Ich muss hier abwägen, weil eine stationäre Unterbringung in einer Klinik m. E. gesundheitsschädlich für mich als Autistin wäre und mich zusätzlich stigmatisiert.

Zudem fordere ich Sie auf, mir zu erklären, weshalb für die geplante Autismus-Strategie-Bayern nur so wenig Mittel zur Verfügung gestellt werden und weitere 4 Jahre geredet, statt endlich gehandelt werden wird. Bitte vernetzen Sie sich umgehend mit Fachärzten wie Hr. Dr. Schilbach am MPI für Psychiatrie in München und den bayrischen Autismuszentren. Fördern Sie partizipative Autismusforschung und nutzen Sie bitte die bereits vorhandenen Informationsmöglichkeiten, statt weitere 4 Jahre Ressourcen zu verschwenden. Und binden Sie bitte in die Arbeitskreise unbedingt einen repräsentativen Querschnitt an Autisten als Fachkräfte in eigener Sache mit ein!

Es ist betriebswirtschaftlich und auch im Hinblick auf den Inklusionsgedanken und den Fachkräftemangel nicht zu verantworten, die Talente und Fähigkeiten von 85 % der hochfunktionalen Autisten, zu denen auch ich gehöre, zu verschwenden, indem sie nicht ausreichend dabei unterstützt werden, am ersten Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle zu finden und zu behalten.

Ich stellte bei der Deutschen Rentenversicherung 2016 einen Antrag auf berufliche Teilhabe am Arbeitsplatz, um Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung zu erhalten. Dieser Antrag wurde 2017 nach meinem Aufenthalt in der Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion wegen meiner Depression seitens der DRV in einen Rentenantrag umgedeutet. Statt Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Stelle zu erhalten, wurde ich zwangsverrentet, obwohl ich arbeiten wollte. Das ist angesichts meines abgeschlossenen Studiums zur Erziehungswissenschaftlerin vollkommen unverständlich für mich. Ich würde gern selbst Steuern zahlen, statt von Steuergeldern leben zu müssen und das, bevor ich zu alt dafür bin. Ich habe nicht die Zeit, noch jahrelang auf eine Autismus-Strategie-Bayern zu warten. Ich fordere Sie als politisch Verantwortliche auf, Stellung zu beziehen.

In der Erwartung einer Antwort grüßt Sie

Silke Wanninger-Bachem