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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Depression – wenn nichts mehr geht

Das fasst das Ganze zusammen. Und trifft es nicht ganz. Denn etwas geht immer, immerhin stehe ich jeden Tag auf, um das Cappucino-Zeitung-Sudoku-Morgenritual zu zelebrieren. Und ich lese, exzessiv – wie früher, und wieder und wieder dieselben Bücher. Immerhin. Aber sonst geht eben nichts mehr.

Noch vor einem Jahr schaffte ich für mich jetzt unvorstellbare Höchstleistungen. Und heute geht nahezu gar nichts mehr. Schleichend zuerst, es wurde immer weniger, was ich noch erledigte an Haushaltspflichten. Immer öfter lag ich auf der Couch, gut ging es mir am Ende nur noch, wenn ich schlief. Leider wachte ich immer wieder auf.

Jetzt bin ich sogar seit mehreren Wochen krank geschrieben, gehe nicht in die Arbeit, das heißt, der Hauptbelastungsfaktor ist weg. Eigentlich müsste es jetzt doch besser geworden sein. Ich dachte, die Überlastung wegen der Rahmenbedingungen der Arbeitsstelle wäre der Grund für meinen Zustand. Nach meiner Logik sollte ich wieder funktionieren, wenn ich dieser andauernden Überlastung nicht mehr ausgesetzt bin. Es ist aber nicht so, ich kann aus irgendeinem Grund nicht wieder anfangen, zu funktionieren. Obwohl ich mir seit Wochen täglich vornehme, mich an den Schreibtisch zu setzen und etwas für mein Hobby, das Studium zu tun, tue ich nichts, Tag für Tag. Es wäre schön, nicht nur zu denken, ich müsste dringend saugen, sondern den Staubsauger tatsächlich zu holen und in Gang zu setzen. Aber es geht nicht. Ich weiß nicht warum. Ich verstehe es nicht. Es kann doch nicht sein, dass einfach so nichts mehr geht.

Ein Medikament dämpfte kurzfristig ein wenig den empfundenen Schmerz, meine arbeitsstellenbefreite Zeit nicht nutzen zu können, brachte aber zusätzlich so unangenehme Nebenwirkungen, dass ich wieder aufhören musste, es zu nehmen. Ich denke, ich habe dem Medikament eine faire Chance gegeben. Stellt sich die Frage, wie vielen anderen dieser Sorte Medikament ich eine Chance geben muss – und was sie mir neben einer Vielleichtwirkung an Wirkungen bringen werden.

Schön wäre, wenn mir jemand sagen könnte, dieser Zustand dauert durchschnittlich soundsoviele Wochen, dann wird es besser. Denn es wird nicht besser, ich habe eher den Eindruck, es wird schlechter. Wenn mein Mann nicht da ist, stehe ich nicht einmal mehr von der Couch auf. Wenn er da ist, wechsle ich abends wenigstens ins Bett. Und nur er schafft es noch, mich zu überzeugen, mich von dort ab und an doch noch wegzubewegen. Zu einer Veranstaltung zu gehen, zu der ich eigentlich gerne gehen wollte, als ich vor Monaten von ihr erfuhr. Dort angekommen, wusste ich seltsamerweise nicht, was ich dort sollte, wollte nicht dort sein, war jedoch zu erschöpft, um wieder zu fahren. Also blieb ich, und versuchte, mich zu motivieren. Aber es ging nicht. Mich interessiert nichts mehr so richtig.

Sogar Sachen, die mich früher sehr interessierten, motivieren mich nicht mehr. Ich schaffe es nicht, mich aufzuraffen, obwohl ich es mir fest vornehme. Der Gedanke: „Aber heute fange ich wirklich an“, kommt, verweilt bis kurz nach dem Aufstehen und verblasst spätestens nach dem Cappucino-Zeitung-Sudoku-Morgenritual. Ich schaffe es nicht, weiter als bis zur Couch zu gehen. Jeder Versuch, etwas zu beginnen, scheitert, bevor er richtig begonnen hat. Sofort meldet sich eine unglaubliche Erschöpfung – obwohl ich im Grunde Tag für Tag nur das Gleiche mache: Aufstehen, Cappucino-Zeitung-Sudoku-Morgenritual, auf der Couch liegen und lesen. Und das schlechte Gewissen immer leiser werdend murmelt: Wieder ein Tag, der vorübergeht, in einer mittlerweile sehr lang erscheinenden Aneinanderreihung an Tagen verschwindet.

Manchmal bäumt noch etwas in mir sich auf, aber sogar die Wut auf mein Unvermögen ist schwach geworden. Warum ist das so? Ich verstehe es einfach nicht. Bisher ging es doch auch. Ich habe früher so unglaublich Vieles geschafft, Tag für Tag. Ich hoffe so sehr, dass morgen endlich der Tag ist, an dem dieser Zustand ein Ende hat. Ich will mein altes Leistungsvermögen zurück. Ich empfinde meinen jetzigen Zustand als zutiefst unfair. Ich habe im Moment genügend andere, wichtige Dinge, um die ich mich kümmern müsste, die bearbeitet werden wollen. Eine Depression passt gerade jetzt gar nicht – aber, wann passt eine Depression schon?

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Krank durch Büroarbeit – kann das tatsächlich sein?

Im Büro kam es zu einer eskalierenden Diskussion mit einer Kollegin, die mir vorwarf, eine kooperative Zusammenarbeit sei mit mir wegen meiner Verschlossenheit und meines unmöglichen Sozialverhaltens nicht möglich. Ich fühlte mich in der Sache ungerecht behandelt. Das einzige, was ich meiner Ansicht nach in der Arbeit und auch in dieser Diskussion gezeigt hatte, war mein ganz normales Verhalten. Ich war schon immer introvertiert und beobachtete neue Situationen und Menschen erst einmal, bevor ich mit den Menschen interagierte. Außerdem löse ich Probleme grundsätzlich alleine, bitte selten um Hilfe und lerne seit jeher autodidaktisch. Ich hatte immer schon Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und insbesondere in Gruppen. Ich hatte leider auch schon immer ein besonderes Talent, undiplomatisch zu sein oder Dinge laut zu sagen, die man besser nicht nicht ausspricht. Ich war bereits als Kind stur, hatte oft Wutanfälle und meine Mutter ermahnt mich bis heute wegen meines offenbar häufig aggressiven Tonfalls, den ich selbst aber nicht so wahrnehme. Ich hatte mehrfach die Rückmeldung erhalten, zu offensiv in Diskussionen aufzutreten und arrogant zu sein, obwohl ich mich selbst als defensiv und selbstunsicher beschreiben würde. Ich verstand nicht, woher diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung kam. Dies alles bedenkend, verbuchte ich die Auseinandersetzung mit der Kollegin auf meiner langen Erfahrungsliste als weiteren fehlgeschlagenen Kommunikationsversuch.

In der nächsten Zeit bemühte ich mich, offener auf die Kollegen zuzugehen und mich zu unterhalten. Ich nahm an gemeinsamen Mittagspausen teil, obwohl ich überwiegend stumm am Rand saß, nicht wissend und unsicher, was ich beitragen sollte. Anschließend benötigte ich zurückgezogen in meinem Büro jedesmal eine längere Erholungspause von den mit Kollegen verbrachten Mittagspausen. Ich litt unter der Absurdität des Ganzen und darunter, dass sich meine unproduktiven Zeiten im Büro proportional zu meiner Angst vermehrten.

Ich begann Angst davor zu haben, wenn die Türe zu meinem Büro aufging und ich musste zunehmend dagegen ankämpfen, weinend aus der Arbeit zu fliehen. Ich war trotz Teilzeitstelle nach jedem Arbeitstag so erschöpft, dass ich zu Hause nur noch auf dem Sofa zusammenbrach. Ich litt neben meiner gestiegenen Geräuschempfindlichkeit zusätzlich unter einem Tinnitus. Ich hatte Rücken- und heftige Kopfschmerzen, ich vermutete Bandscheibenprobleme, aber eine fachärztliche Abklärung ergab außer massiven Muskelverspannungen keinen Befund. Seit Jahren trug ich nachts eine Schiene wegen meines Zähneknirschens, innerhalb eines halben Jahres hatte ich zur Verwunderung meiner Zahnärztin diese Schiene zweimal durchgeknirscht. Ich bekam zusätzlich zunehmend Magenschmerzen und Magen- Darmprobleme, seit Beginn der Angstsymptome hatte ich mehr als 20 Kilo abgenommen und ich hatte Angst, dass ich erneut eine Essstörung entwickelt haben könnte.  Ich ließ alle denkbaren Ursachen meiner Beschwerden bei diversen Fachärzten abklären, heraus kam, dass ich körperlich nicht ernsthaft erkrankt war.

Ich versuchte, eine plausible Erklärung dafür zu finden, weshalb ich anscheinend seltsamerweise jedesmal krank wurde, wenn ich eine Arbeitsstelle hatte.  Ich versuchte erfolglos, mir selbst, meinem Hausarzt und meinen nächsten Familienangehörigen zu erklären, weshalb ich einen gewöhnlichen Büroalltag als so ungemein belastend erlebte, dass ich Angst hatte, irgendwann in naher Zukunft gar nicht mehr funktionieren zu können. Mir war klar, dass mit mir psychisch etwas ganz und gar nicht stimmte. Mich wieder einmal in psychologisch versierte Hände zu begeben, schien unausweichlich, respektive alternativlos.