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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Erfahrungen einer Autistin in der psychosomatischen Reha in der ZAR-Klinik Regensburg

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Ich war im Juni / Juli für fünf Wochen in einer ambulanten psychosomatischen Reha in der ZAR Klinik Regensburg und hatte in diesem Blogbeitrag geschrieben, dass ich berichten werde.

Es gab das in solchen Kliniken übliche Spektrum an Therapieangeboten, deren Ziel es ist, wieder einen vorherigen normalen, möglichst gesunden Zustand der Patienten herzustellen. Dabei wird von einer Vorstellung von Gesundheit und Normalität ausgegangen, in das ich nicht passe. Viele meiner gesundheitlichen Schwierigkeiten resultieren aus dem zugrundeliegenden Autismus. Ein vorheriger, nichtautistischer Zustand kann also gar nicht hergestellt werden. Die angebotenen Lösungen passten, wie so oft, größtenteils nicht zu meinen Problemen.

Es gab psychoedukative und informative Vorträge, die mich zwar nichts Neues lehrten, aber immerhin kompetent und mit ansprechenden Folien garniert vorgetragen wurden. Angeboten wurden zudem Entspannungsgruppen, wie QiGong oder PMR, ich entspanne mich aber besser alleine in einer geschützten Umgebung und nicht zusammen mit mir fremden Leuten in entweder stickigen – weil geschlossene Fenster – oder lauten Räumen bei Baulärm von draußen . Ich sehe keinen gesteigerten Sinn dahinter, mich mit einem Qiu-Ball auf einen unbequemen Stuhl zu setzen und diesem – im Rhythmus von blauen LEDs mitatmend – dabei zuzusehen, wie er von rot nach grün und zurück wechselnd leuchtet, denn ich denke nicht, dass er etwas anderes messen kann, als den Puls. Insbesondere sah ich spätestens dann keinen Sinn mehr, nachdem ich ihn auf einem Holztisch abgelegt hatte, um das Biofeedback zu validieren. Der Tisch war apfelgrün tiefenentspannt, kein Wunder, er hatte ja auch eine superlangsame Atmung und niedrigen Puls. Nordic Walking, bei dem ich vorher in einen engen Bus steigen muss, um irgendwohin gefahren zu werden, wo ich dann zusammen mit anderen vor mich hinstöckle, entstresst mich kein bisschen. Sport und Bewegung könnte mir helfen, aber nur, wenn ich mich nicht mit mindestens fünfundzwanzig anderen Leuten bewegen muss.

Daneben gab es die wöchentlichen Einzelgespräche mit der Bezugstherapeutin, bei fünf Wochen Reha- Aufenthalt sind das realiter drei Mal inhaltliche freie 50 Minuten Gespräch mit einer Psychotherapeutin, die ich nicht kenne und bei der die Schwierigkeit für mich bestand, es in der Kürze der Zeit überhaupt zu schaffen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das Gespräch in der ersten Woche fand am Aufnahmetag statt, an dem ich nicht besonders aufnahmefähig war, weil ich damit beschäftigt war, mich zurechtzufinden und das Abschlussgespräch diente der Abarbeitung ihres Fragenkataloges und endete mit einem aprupten Gesprächsabbruch auf meine Nachfrage, wie sie meine soziale Kompetenz einschätzen würde. Ich brauche erfahrungsgemäß länger als andere, um mich zu orientieren und irgendwo anzukommen. Bei fünf Wochen Reha war ich erst in der letzten Woche dabei, richtig anzukommen. Insgesamt hatten mich also diese Einzelgespräche erwartungsgemäß in meiner persönlichen Entwicklung nicht sonderlich weitergebracht. Aber das hatte ich ihr ja auch schon im Aufnahmegespräch mitgeteilt. Eine Verlängerung der Reha kam für mich aus verschiedenen Gründen nicht in Frage.

Es gab einen Raum mit modernen Fitnessgeräten, die Einführung in der ersten Woche schaffte ich nicht, weil ich nicht so lange durchhielt und früher nach Hause ging, also fand die Einführung erst in der zweiten Woche statt. Insgesamt war ich nur viermal in diesem Raum, von der Klinik geplant hätte ich zweimal pro Woche dort trainieren sollen. In meinem wöchentlichen Therapieplan wurde das Training aber meistens nach dem Mittagessen eingeplant und nach dem Mittagessen war ich sehr selten noch in der Reha-Klinik anwesend. Die wenigen Male, die ich trainiert habe, gab es für meinen Geschmack etliche Störfaktoren, die mich belasteten und zu viel Energie kosteten, wie Hintergrundmusik, der Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem die Geräte abgewischt werden mussten, die Duftauren mancher Leute und schlicht zu viele herumstolpernde und laufende Leute.

Der Ergotherapieraum war klein, es gab eine recht überschaubare Menge an Material und Möglichkeiten fürs Basteln für Erwachsene. Für mich war nichts grundlegend Neues dabei. Klar hätte ich zur Abwechslung ja auch mal einen Korb flechten können, statt schon wieder Mosaiksteine auf irgendeinen Gegenstand zu kleben. Nur hatte ich in der ersten Woche bereits gewohnheitsgemäß damit begonnen, als mich die Therapeutin fragte, was ich machen wollen würde. Weil ich mir dachte, dass ich den Tontopf erst einmal fertig bekleben sollte, blieb am Ende keine Zeit mehr fürs Korbflechten.

Dann gab es natürlich die wohl obligatorische Kunsttherapie. Ich bin die ersten Male hingegangen und habe versucht, einen tieferen Sinn darin für mich zu finden, mich mit verschiedenen Materialien auszudrücken und für was auch immer zu öffnen. Aber erstens kann ich immer noch nicht malen und es macht mir keinen Spaß und zweitens war es nur eine weitere, für mich sinnfreie Gruppentherapie mit nach meinem Empfinden immer neuen Leuten in der Gruppe. Zwei Mitpatienten konnte ich in der zweiten Woche immerhin wiedererkennen, aber vom Rest hätte ich geschworen, diese Leute noch nie vorher gesehen zu haben. Diese ständig wechselnde Besetzung der Gruppen war ein grundsätzliches Problem für mich. Ich wusste nie vorher, mit welchen Mitpatienten ich es zu tun haben würde. Außerdem konnte ich keinen Mitpatienten näher kennen- und einschätzen lernen. Unter diesen Umständen war es mir nicht möglich, mich nennenswert zu öffnen und den mir fremden Leuten höchstpersönliche Dinge zu erzählen.

Immerhin zweimal war ich am Freitag in einer Wochenabschlussrunde mit dabei, bevor ich es als für mich nicht hilfreich verwarf. Dort vernahm ich mit Erstaunen, dass für viele Mitpatienten die Kleingruppe und Musik und Bewegung ein Highlight der Woche gewesen waren. Für mich waren diese Angebote einfach nur stressig.

Die sogenannte Kleingruppe, in der es kein vorgegebenes Thema gab, sondern sich die Patienten jedes Mal ein eigenes zu besprechendes Thema einigen mussten, war mit mindestens sechs Personen für meine Bedürfnisse und die limitierte Zeit für eine tiefergehende Bearbeitung eines Themas schlicht zu groß. Es gab zwar einen moderierenden Therapeuten, der achtete jedoch nur am Anfang und Ende jeder Stunde darauf, dass reihum jeder zu Wort kam. Zu ihren Problemen, die die Mitpatienten in der Gruppe besprachen, konnte ich selten substanziell etwas beitragen, denn deren Lebensrealität unterschied sich zum Teil diametral von der meinen oder die in meinen Augen logische Lösung fand keinen Anklang. Erst am letzten Tag meines Aufenthaltes brachte ich mich mit einer eigenen, in der Reha akut aufgetauchten Problemlage ein. Dabei meldeten mir die Mitpatienten dieser Gruppenzusammensetzung – von einem immerhin war ich zweifelsfrei sicher, dass ich bereits in mehreren Gruppen mit ihm gemeinsam gewesen war – zu meinem Erstaunen zurück, dass keiner gewusst habe, dass ich Autistin sei. Sogar der mir bekannte Mitpatient meinte, ich hätte das viel früher mitteilen sollen, dann hätte man mein Verhalten viel besser verstanden. Ich war davon ausgegangen, dass sowohl die Therapeuten als auch die Mitpatienten wussten, dass ich Autistin bin, ich hatte von Anfang an kein Geheimnis daraus gemacht und mich meiner Erinnerung nach in annähernd jeder Gruppensituation einmal auf das Thema Autismus referenziert. Ich hätte mir wohl ein Schild umhängen müssen, denn einmal kommuniziert ist in der Welt von Nichtautisten offenbar keinmal kommuniziert.

Musik und Bewegung hieß, in einem viel zu kleinen Raum mit viel zu vielen Leuten entweder im Kreis herumzustehen oder zu gehen und dabei irgendwelche Dinge zu tun, bei denen die meisten lachten, ich aber zu beschäftigt damit war, mich zu konzentrieren, um die geforderten Dinge auch nur annähernd hinzubekommen und dabei möglichst nicht in Berührung mit den Mitpatienten zu kommen. Musik wurde nur einmal gemacht, jeder durfte sich ein Kleininstrument, wie z. B. Triangel oder Ratsche aussuchen und dann sollte man darauf herumratschen, klopfen, plingen, rasseln, tschingen. Das Ergebnis war ziemlich laut, hatte jedoch mit dem, was ich unter Musik verstehe, eher nichts zu tun.

Es gab in meinem „optimal an die individuellen Bedürfnisse“ (Quelle: Infoflyer der Klinik) angepassten Therapieprogramm noch soziales Kompetenztraining, was bedeutete, mit schon wieder neuen Mitpatienten in einer Gruppe zusammen Arbeitsblätter zu bearbeiten und anhand kurzer Textszenen einzuschätzen, ob ein Verhalten unsicher, sicher oder aggressiv war. Sonderlich sozial kompetenter hat mich das nicht gemacht, aber das hatte ich auch nicht erwartet.

Die angepriesene hohe Therapiedichte war bei mir ja wegen meiner begrenzten Energieressourcen auf meinen eigenen Wunsch nicht gegeben. Ich hatte mich schon drei Wochen durch das Programm gekämpft. Ich war im Verlauf jeder Woche und von Woche zu Woche zunehmend frühzeitiger nach Hause gegangen. An einem besonders energieintensiven Donnerstag schlief ich beim vor der Türe auf den Beginn von PMR wartend ein. Meine Bezugstherapeutin hatte direkt gegenüber ihr Zimmer und bekam meine Erschöpfung deshalb diese eine Mal tatsächlich life zu sehen. Bis dahin hatte ich bereits vielfach mitgeteilt, dass ich zunehmend erschöpft sei. Ich war zwischen den Angeboten möglichst in den Ruheraum gegangen, um mich schlafend so weit zu erholen, dass ich weiter durchhalten konnte oder ich war gleich nach Hause gefahren. Ich konnte mich kaum darauf konzentrieren, was sie zu mir sagte und musste erst im Ruheraum eine Stunde tief und fest schlafen, bevor ich imstande war, nach Hause zu fahren. Weil mein Gehirn aber so arbeitet, dass ich Gespräche innerlich aufzeichne, fiel mir beim über die Situation Nachdenken auf, dass meine Therapeutin mich gefragt hatte, ob ich an diesem Donnerstag bereits an einem Therapieprogrammpunkt teilgenommen gehabt hätte. Sie hatte mich auch gebeten, am nächsten Morgen in die Visite zu gehen. Also fragte ich den Chefarzt, was für die Reha-Klinik besser sei: früher gehen oder den ganzen Tag krankgeschrieben sein. Er bestätigte mir meine Vermutung, dass die problemlose Variante das früher gehen sei. Wir vereinbarten, dass ich zukünftig an wenigstens einem Angebot täglich teilnehmen sollte und mir dazu jeden Tag etwas aus meinen Wochenplan aussuchen dürfte. Dies nutzte ich nur am Tag des auf 15 Uhr terminierten Abschlussgespräches aus, an den anderen Tagen nahm ich an mindestens zwei Therapieprogrammen teil. Den Rest der fünf Wochen konnte ich dank dieses Entgegenkommens eines aufs absolut notwendige Minimum reduzierten Therapieprogramms noch an der Reha teilnehmen, andernfalls hätte ich vorzeitig abbrechen müssen.

Ich halte, angesichts mangelnder Alternativen, diese Reha-Klinik für eine passable Wahl, um als Autistin in eine psychosomatische Reha zu gehen. Die Therapeuten, mit denen ich es zu tun hatte, haben zwar meines Erachtens nach kaum Ahnung von Autismus, sie sind aber sehr zugewandt und bemüht.

Mittagessen gab es in einer Fleisch- und einer vegetarischen Variante, wobei auf Allergien usw. leider keine Rücksicht genommen werden kann, denn das Essen wird angeliefert. Es gab am zweiten Tag eine Ernährungsberatung, in dieser konnte ich dann vereinbaren, dass ich am täglichen Mittagessen nicht teilnehmen kann bzw. muss und mir stattdessen eine Pauschale von 5,00 € pro Tag erstattet wird. Essen sollte ich mir von zu Hause mitbringen. Die Lösung des Problems, wo ich esse, wurde mir überlassen. Am ersten Tag hatte ich versucht, im Durchgangsbereich zu essen. Im Speiseraum, der eigentlich kein abgeschlossener Raum war, sondern ein Bereich neben der Rezeption, der durch eine Zwischenwand vom Kommen und Gehen der Patienten abgetrennt wurde, war es mir zu voll, zu laut und zu dunkel, denn es gab zwar Fenster, allerdings mit Aussicht auf hohes Gebüsch und außerdem wurde in diesem Bereich praktisch immer das Licht angeschaltet. Da mir der Seminarraum, der als Alternative angeboten wurde, zu voll war, wich ich ins Freie aus und suchte mir einen Platz hinter dem Gebäude auf einer Feuertreppe. Zum Glück regnete es die meisten Tage nicht, in einer anderen Jahreszeit ist das aber sicher keine Lösung.

Die Zusage, dass ich bei Bedarf meine Kopfhörer tragen darf, wurde nie autoritativ oder mittels demokratischer Gruppenentscheidung unterlaufen. Im Gegenteil, manche Therapeuten wiesen mich extra drauf hin, ich möge doch meine Kopfhörer aufsetzen, weil es laut sei. Zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes wurde nämlich rund um das Gebäude gebaut. Auch die Zusage, dass ich nur je nach Energielevel an Therapieangeboten teilnehmen muss und es nicht sanktioniert wird, wenn ich aus Therapien einfach rausgehe, wurde eingehalten. Ich konnte täglich in die Chefarzt-Visite gehen, mitteilen, dass mir bestimmte Therapieangebote nichts bringen und sie wurden umgehend gestrichen oder durch andere Angebote ersetzt.

Leider gab es dabei Einschränkungen seitens des Kostenträgers, denn da ich in einer psychosomatischen Reha war, war es dem Chefarzt nicht möglich, mir öfter als zweimal pro Woche orthopädische Therapien anzubieten. Denn das, was ich gerne öfter im Wochenplan gehabt hätte, war der Hydro Jet. Dabei legte man sich alleine im Physiobereich in einer Kabine, am besten in Sportkleidung auf ein warmes Wasser“bett“ und konnte sich 20 Minuten lang von Wasserstrahlen durchmassieren lassen. Das jeweilige Programm und die Intensität (ich wählte immer 100%) konnte ich selbst auf einem Display anklicken. Hinterher war ich stets tiefenentspannt. Auf die Nachfrage meiner Psychotherapeutin und der behandelnden Ärztin, was mir am meisten in dieser Reha geholfen hatte, habe ich also geantwortet mit: Der Hydro Jet.

Bildquelle: Peggy_Marco (29.11.2012) URL https://pixabay.com/de/illustrations/psychologe-therapie-probleme-krank-1015488/

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

Was mögen Sie zur Diskussion beitragen? Sie können gerne in einen Diskurs mit mir gehen. Die einzige Einschränkung meinerseits ist, dass dies konstruktiv und auf einer Sachebene geschehen sollte.

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