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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Masterstudium – das Ende kann auch ein Anfang sein

Ich habe es geschafft! Ich habe mein Masterstudium tatsächlich erfolgreich abgeschlossen. So richtig angekommen ist das bei mir noch nicht. Es fühlt sich seltsam an, jetzt eigentlich sehr viel mehr Freizeit zu haben, weil ich nicht mehr neben der Arbeit noch jeden Tag bis spätabends an meiner Masterarbeit sitzen muss. Eigentlich deshalb, weil ich es seit der Verteidigung und damit dem Ablegen der letzten Prüfungsleistung einfach nicht fertiggebracht habe, nach meiner offiziellen Arbeitszeit den Laptop herunterzufahren und mich anderen Dingen zu widmen. Stattdessen hatte ich gestern schon wieder begonnen, zu einem neuen Thema zu recherchieren. Und liegengebliebene bürotechnische Dinge von dem Papierstapel abzuarbeiten, der sich auf meinem Schreibtisch türmt.

Es ist nicht so, dass ich mich langweile. Vermutlich bin ich dazu gar nicht fähig. Aber ich glaube, ich muss erst wieder lernen, wie „Freizeit“ geht. Mal wieder ein Buch zur Hand nehmen und mich darauf einlassen, etwas zu lesen, das nichts mit wissenschaftlicher Forschung zu tun hat. Ich bin nur noch nicht so weit. Ich muss erst realisieren, dass ich jetzt wirklich fertig bin mit diesem Studium. Am Ende meiner Online-Verteidigung saß ich vor dem Bildschirm und habe die Professorin gefragt „Bin ich jetzt wirklich fertig?“, woraufhin sie mir lächelnd bestätigt hat, dass es für mich jetzt nichts weiter zu tun gäbe. Ich müsse nur noch darauf warten, dass das Prüfungsamt mir mein Zeugnis und die Masterurkunde zusendet.

Das heißt auch, dass ich mich nicht mehr um Rückmeldefristen kümmern muss. Und auch, dass ich exmatrikuliert werde, etwas, das ich mir so gar nicht vorstellen kann und wo sich sofort innere Widerstände melden. Also hatte ich gestern auf den Webseiten der Fernuniversität Hagen nach anderen Masterstudiengängen gesucht, für die ich mich einschreiben könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals mit dem Studieren bzw. dem Lernen aufzuhören, denn lebenslanges Lernen ist für mich nicht nur ein Schlagwort, sondern eine gelebte Haltung.

Zu meinem größten Glück darf ich seit fast einem Jahr beruflich in einem Umfeld arbeiten, in dem ich meine Talente auch einsetzen kann. Weil ich es geschafft habe, mein Masterstudium rechtzeitig zu beenden, kann ich in diesem Umfeld bleiben. Und erhalte die Chance, die nächsten Jahre etwas zu tun, was mir so richtig Spaß macht: Ich darf wissenschaftlich arbeiten und forschen. Insofern lebe ich lebenslanges Lernen auch in meiner Arbeit. Ich habe nach all den Jahren des Scheiterns im Arbeitsleben doch noch meine Nische gefunden. Beim Schreiben dieser Zeilen lächle ich sehr breit, weil ich zutiefst dankbar bin. Es ist unbeschreiblich wertvoll, endlich meinen Platz in der Arbeitswelt gefunden zu haben. Ja, ich weiß, spät, aber besser spät als nie. Und: Es ist nie zu spät.

Ich wünsche jedem, der das liest, dass ihr auch euren Platz findet. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus bitte ich euch: Gebt nicht auf. Auch wenn ihr sehr lange Zeit keine Erfolgserlebnisse habt, wenn ihr auf Widerstände trefft, sucht weiter, geht einen anderen Weg, aber gebt euch und eure Träume nicht auf.

Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay: Peggy_Marco (2016, 23. Nov.). https://pixabay.com/de/photos/wei%c3%9fe-m%c3%a4nnchen-3d-model-freigestellt-1834086/


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Piep – ein Lebenszeichen

Warum ich so lange abgetaucht war, hat mehrere Gründe:

Ich habe – alleinverantwortlich, ohne Unterstützung, denn die war und blieb aus, zusätzlich war (und ist) mein Vertrauen in irgendwelche Fachdienste, die sich angeblich mit Autismus auskennen und sich bereiterklärten (gegen Entgelt natürlich), mich unterstützen zu wollen, aufgrund meiner Erfahrungen empfindlich gestört – tatsächlich eine berufliche Nische gefunden. Besser gesagt, ich bin gefunden worden, weil ich mich nicht mit der Einschätzung des Exklusionsfachdienstes abgefunden hatte, dass es mir angeblich nicht möglich sei, „auch in einem geschützten und begleiteten Rahmen so zu agieren, dass [meine] Talente gleichzeitig verwertbar und jedoch auch tragbar für den Arbeitgeber sind“. Ich habe diesen erbärmlichen Versuch, sich an mir zu rächen (für was auch immer) abgeheftet und beschlossen, dass es mir ohne „Unterstützung“ bessergeht.

Auf eigene Faust habe ich also weitergesucht. Dank Covid-19 gab es digital stattfindende Veranstaltungen. Ich weiß, dass Corona und die Einschränkungen vielen Menschen nicht gutgetan haben – ich gehöre jedoch zu der vermutlich sehr kleinen Gruppe derer, für die das ein wahrer Segen war. Schön länger verfolgte ich die Aktivitäten des Hildegardis Vereins und meldete mich für einen Bewerbertag für Studentinnen mit Behinderung und Arbeitgeber*innen an. Der Tag war für mich ziemlich anstrengen, aber interessant und die Anstrengung hat sich gelohnt, denn das Ganze resultierte in einem Arbeitsvertrag als Projektmitarbeiterin an einer Hochschule. Zunächst als studentische Hilfskraft, nach einem halben Jahr dann als befristet Angestellte im Projekt. Aus der Rückschau war das für mich optimal, ich hatte Zeit, das Team, das Arbeitsumfeld und die Aufgaben kennenzulernen und konnte quasi in alles „hineinwachsen“.

Jetzt arbeite ich in einem wunderbaren Team, das einen Umgang miteinander pflegt, den ich noch niemals zuvor in der Arbeitswelt so erlebt habe. Und das Beste daran ist, dass ich eingestellt wurde, weil ich Autistin bin und nicht obwohl ich Autistin bin. Mein Arbeitsplatz ist genau die berufliche Nische, nach der ich immer gesucht hatte. Ich fühle mich als Person und meine Arbeitsleistung wertgeschätzt, habe Entwicklungsmöglichkeiten, ich kann mein Wissen aus meinem Studium verwerten, ich arbeite in einem wissenschaftlichen Umfeld, kann meine Stärken einbringen und lerne permanent Neues dazu. Ein Traum.

Es gab nur eines, das fehlte und das lag an mir. Seit ich 2018 mein letztes Pflichtmodul im Masterstudium beendet hatte, meldete ich mich zwar jedes Semester zurück, hatte es aber nicht geschafft, meine Masterarbeit endlich in Angriff zu nehmen, ergo auch keinen Abschluss. Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es sicher bemerkt: ich schrieb „es gab“. Hey Leutz, ich kann es immer noch nicht glauben, aber ich habe diese Woche tatsächlich meine Masterarbeit ans Prüfungsamt geschickt. Es ist ein überaus befriedigendes Gefühl, gleichzeitig muss ich über mich selbst grinsen, weil ich auf meine alten Tage noch so etwas wie „Karriere“ mache und voll durchstarte. Ohne diese Arbeitsstelle hätte ich das aber vermutlich nicht mehr geschafft. Deshalb: Ein tief empfundenes Danke.

Das zweite Großprojekt, das meine Energien so beansprucht hat, dass ich Blogbeiträge hintanstellte, war die Gründung eines Vereins von Autistinnen und Autisten für Autistinnen und Autisten. Neun andere Autistinnen und Autisten und ich haben zusammen den Verein Autismus Selbstvertretung Bayern gegründet. Die Vereinsgründung, die ganzen Formalien, bis ein Verein eingetragen ist, die Anerkennung der Gemeinnützigkeit beim Finanzamt usw., usf., das hat einige Zeit gedauert, ist aber nunmehr geschafft. Dank unserer engagierten Schatzmeisterin, die einen Antrag auf Fördergelder gestellt hatte, haben wir jetzt auch den Bescheid erhalten, dass wir unsere Pläne, wie wir uns und unsere Interessen selbst vertreten, in die Tat umsetzen können. Neumitglieder sind übrigens gerne willkommen. Nähere Infos dazu findet ihr auf den Vereinswebseiten.

Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit kosten Zeit und Energie, beides bringt mir aber auf der anderen Seite auch wieder Energie, der limitierende Faktor, hier auf meinem Blog Beiträge zu schreiben, war schlicht und ergreifend die fehlende Zeit, denn ein Tag hat leider nur 24 Stunden. Dazu kam der ganz normale Wahnsinn, den man Leben nennt. Mal sehen, ob ich die Zeit finde, meinen Blog hier wieder mit regelmäßigen Beiträgen zum Leben zu erwecken. Eins ist klar: Langweilig wird mir wohl nie!

Bildquelle: Danke an Peggy_Marco (2016, 17. November). https://pixabay.com/de/illustrations/wei%c3%9fe-m%c3%a4nnchen-3d-model-freigestellt-1816220/


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Erfahrungen einer Autistin in der psychosomatischen Reha in der ZAR-Klinik Regensburg

Ich war im Juni / Juli für fünf Wochen in einer ambulanten psychosomatischen Reha in der ZAR Klinik Regensburg und hatte in diesem Blogbeitrag geschrieben, dass ich berichten werde.

Es gab das in solchen Kliniken übliche Spektrum an Therapieangeboten, deren Ziel es ist, wieder einen vorherigen normalen, möglichst gesunden Zustand der Patienten herzustellen. Dabei wird von einer Vorstellung von Gesundheit und Normalität ausgegangen, in das ich nicht passe. Viele meiner gesundheitlichen Schwierigkeiten resultieren aus dem zugrundeliegenden Autismus. Ein vorheriger, nichtautistischer Zustand kann also gar nicht hergestellt werden. Die angebotenen Lösungen passten, wie so oft, größtenteils nicht zu meinen Problemen.

Es gab psychoedukative und informative Vorträge, die mich zwar nichts Neues lehrten, aber immerhin kompetent und mit ansprechenden Folien garniert vorgetragen wurden. Angeboten wurden zudem Entspannungsgruppen, wie QiGong oder PMR, ich entspanne mich aber besser alleine in einer geschützten Umgebung und nicht zusammen mit mir fremden Leuten in entweder stickigen – weil geschlossene Fenster – oder lauten Räumen bei Baulärm von draußen . Ich sehe keinen gesteigerten Sinn dahinter, mich mit einem Qiu-Ball auf einen unbequemen Stuhl zu setzen und diesem – im Rhythmus von blauen LEDs mitatmend – dabei zuzusehen, wie er von rot nach grün und zurück wechselnd leuchtet, denn ich denke nicht, dass er etwas anderes messen kann, als den Puls. Insbesondere sah ich spätestens dann keinen Sinn mehr, nachdem ich ihn auf einem Holztisch abgelegt hatte, um das Biofeedback zu validieren. Der Tisch war apfelgrün tiefenentspannt, kein Wunder, er hatte ja auch eine superlangsame Atmung und niedrigen Puls. Nordic Walking, bei dem ich vorher in einen engen Bus steigen muss, um irgendwohin gefahren zu werden, wo ich dann zusammen mit anderen vor mich hinstöckle, entstresst mich kein bisschen. Sport und Bewegung könnte mir helfen, aber nur, wenn ich mich nicht mit mindestens fünfundzwanzig anderen Leuten bewegen muss.

Daneben gab es die wöchentlichen Einzelgespräche mit der Bezugstherapeutin, bei fünf Wochen Reha- Aufenthalt sind das realiter drei Mal inhaltliche freie 50 Minuten Gespräch mit einer Psychotherapeutin, die ich nicht kenne und bei der die Schwierigkeit für mich bestand, es in der Kürze der Zeit überhaupt zu schaffen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das Gespräch in der ersten Woche fand am Aufnahmetag statt, an dem ich nicht besonders aufnahmefähig war, weil ich damit beschäftigt war, mich zurechtzufinden und das Abschlussgespräch diente der Abarbeitung ihres Fragenkataloges und endete mit einem aprupten Gesprächsabbruch auf meine Nachfrage, wie sie meine soziale Kompetenz einschätzen würde. Ich brauche erfahrungsgemäß länger als andere, um mich zu orientieren und irgendwo anzukommen. Bei fünf Wochen Reha war ich erst in der letzten Woche dabei, richtig anzukommen. Insgesamt hatten mich also diese Einzelgespräche erwartungsgemäß in meiner persönlichen Entwicklung nicht sonderlich weitergebracht. Aber das hatte ich ihr ja auch schon im Aufnahmegespräch mitgeteilt. Eine Verlängerung der Reha kam für mich aus verschiedenen Gründen nicht in Frage.

Es gab einen Raum mit modernen Fitnessgeräten, die Einführung in der ersten Woche schaffte ich nicht, weil ich nicht so lange durchhielt und früher nach Hause ging, also fand die Einführung erst in der zweiten Woche statt. Insgesamt war ich nur viermal in diesem Raum, von der Klinik geplant hätte ich zweimal pro Woche dort trainieren sollen. In meinem wöchentlichen Therapieplan wurde das Training aber meistens nach dem Mittagessen eingeplant und nach dem Mittagessen war ich sehr selten noch in der Reha-Klinik anwesend. Die wenigen Male, die ich trainiert habe, gab es für meinen Geschmack etliche Störfaktoren, die mich belasteten und zu viel Energie kosteten, wie Hintergrundmusik, der Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem die Geräte abgewischt werden mussten, die Duftauren mancher Leute und schlicht zu viele herumstolpernde und laufende Leute.

Der Ergotherapieraum war klein, es gab eine recht überschaubare Menge an Material und Möglichkeiten fürs Basteln für Erwachsene. Für mich war nichts grundlegend Neues dabei. Klar hätte ich zur Abwechslung ja auch mal einen Korb flechten können, statt schon wieder Mosaiksteine auf irgendeinen Gegenstand zu kleben. Nur hatte ich in der ersten Woche bereits gewohnheitsgemäß damit begonnen, als mich die Therapeutin fragte, was ich machen wollen würde. Weil ich mir dachte, dass ich den Tontopf erst einmal fertig bekleben sollte, blieb am Ende keine Zeit mehr fürs Korbflechten.

Dann gab es natürlich die wohl obligatorische Kunsttherapie. Ich bin die ersten Male hingegangen und habe versucht, einen tieferen Sinn darin für mich zu finden, mich mit verschiedenen Materialien auszudrücken und für was auch immer zu öffnen. Aber erstens kann ich immer noch nicht malen und es macht mir keinen Spaß und zweitens war es nur eine weitere, für mich sinnfreie Gruppentherapie mit nach meinem Empfinden immer neuen Leuten in der Gruppe. Zwei Mitpatienten konnte ich in der zweiten Woche immerhin wiedererkennen, aber vom Rest hätte ich geschworen, diese Leute noch nie vorher gesehen zu haben. Diese ständig wechselnde Besetzung der Gruppen war ein grundsätzliches Problem für mich. Ich wusste nie vorher, mit welchen Mitpatienten ich es zu tun haben würde. Außerdem konnte ich keinen Mitpatienten näher kennen- und einschätzen lernen. Unter diesen Umständen war es mir nicht möglich, mich nennenswert zu öffnen und den mir fremden Leuten höchstpersönliche Dinge zu erzählen.

Immerhin zweimal war ich am Freitag in einer Wochenabschlussrunde mit dabei, bevor ich es als für mich nicht hilfreich verwarf. Dort vernahm ich mit Erstaunen, dass für viele Mitpatienten die Kleingruppe und Musik und Bewegung ein Highlight der Woche gewesen waren. Für mich waren diese Angebote einfach nur stressig.

Die sogenannte Kleingruppe, in der es kein vorgegebenes Thema gab, sondern sich die Patienten jedes Mal ein eigenes zu besprechendes Thema einigen mussten, war mit mindestens sechs Personen für meine Bedürfnisse und die limitierte Zeit für eine tiefergehende Bearbeitung eines Themas schlicht zu groß. Es gab zwar einen moderierenden Therapeuten, der achtete jedoch nur am Anfang und Ende jeder Stunde darauf, dass reihum jeder zu Wort kam. Zu ihren Problemen, die die Mitpatienten in der Gruppe besprachen, konnte ich selten substanziell etwas beitragen, denn deren Lebensrealität unterschied sich zum Teil diametral von der meinen oder die in meinen Augen logische Lösung fand keinen Anklang. Erst am letzten Tag meines Aufenthaltes brachte ich mich mit einer eigenen, in der Reha akut aufgetauchten Problemlage ein. Dabei meldeten mir die Mitpatienten dieser Gruppenzusammensetzung – von einem immerhin war ich zweifelsfrei sicher, dass ich bereits in mehreren Gruppen mit ihm gemeinsam gewesen war – zu meinem Erstaunen zurück, dass keiner gewusst habe, dass ich Autistin sei. Sogar der mir bekannte Mitpatient meinte, ich hätte das viel früher mitteilen sollen, dann hätte man mein Verhalten viel besser verstanden. Ich war davon ausgegangen, dass sowohl die Therapeuten als auch die Mitpatienten wussten, dass ich Autistin bin, ich hatte von Anfang an kein Geheimnis daraus gemacht und mich meiner Erinnerung nach in annähernd jeder Gruppensituation einmal auf das Thema Autismus referenziert. Ich hätte mir wohl ein Schild umhängen müssen, denn einmal kommuniziert ist in der Welt von Nichtautisten offenbar keinmal kommuniziert.

Musik und Bewegung hieß, in einem viel zu kleinen Raum mit viel zu vielen Leuten entweder im Kreis herumzustehen oder zu gehen und dabei irgendwelche Dinge zu tun, bei denen die meisten lachten, ich aber zu beschäftigt damit war, mich zu konzentrieren, um die geforderten Dinge auch nur annähernd hinzubekommen und dabei möglichst nicht in Berührung mit den Mitpatienten zu kommen. Musik wurde nur einmal gemacht, jeder durfte sich ein Kleininstrument, wie z. B. Triangel oder Ratsche aussuchen und dann sollte man darauf herumratschen, klopfen, plingen, rasseln, tschingen. Das Ergebnis war ziemlich laut, hatte jedoch mit dem, was ich unter Musik verstehe, eher nichts zu tun.

Es gab in meinem „optimal an die individuellen Bedürfnisse“ (Quelle: Infoflyer der Klinik) angepassten Therapieprogramm noch soziales Kompetenztraining, was bedeutete, mit schon wieder neuen Mitpatienten in einer Gruppe zusammen Arbeitsblätter zu bearbeiten und anhand kurzer Textszenen einzuschätzen, ob ein Verhalten unsicher, sicher oder aggressiv war. Sonderlich sozial kompetenter hat mich das nicht gemacht, aber das hatte ich auch nicht erwartet.

Die angepriesene hohe Therapiedichte war bei mir ja wegen meiner begrenzten Energieressourcen auf meinen eigenen Wunsch nicht gegeben. Ich hatte mich schon drei Wochen durch das Programm gekämpft. Ich war im Verlauf jeder Woche und von Woche zu Woche zunehmend frühzeitiger nach Hause gegangen. An einem besonders energieintensiven Donnerstag schlief ich beim vor der Türe auf den Beginn von PMR wartend ein. Meine Bezugstherapeutin hatte direkt gegenüber ihr Zimmer und bekam meine Erschöpfung deshalb diese eine Mal tatsächlich life zu sehen. Bis dahin hatte ich bereits vielfach mitgeteilt, dass ich zunehmend erschöpft sei. Ich war zwischen den Angeboten möglichst in den Ruheraum gegangen, um mich schlafend so weit zu erholen, dass ich weiter durchhalten konnte oder ich war gleich nach Hause gefahren. Ich konnte mich kaum darauf konzentrieren, was sie zu mir sagte und musste erst im Ruheraum eine Stunde tief und fest schlafen, bevor ich imstande war, nach Hause zu fahren. Weil mein Gehirn aber so arbeitet, dass ich Gespräche innerlich aufzeichne, fiel mir beim über die Situation Nachdenken auf, dass meine Therapeutin mich gefragt hatte, ob ich an diesem Donnerstag bereits an einem Therapieprogrammpunkt teilgenommen gehabt hätte. Sie hatte mich auch gebeten, am nächsten Morgen in die Visite zu gehen. Also fragte ich den Chefarzt, was für die Reha-Klinik besser sei: früher gehen oder den ganzen Tag krankgeschrieben sein. Er bestätigte mir meine Vermutung, dass die problemlose Variante das früher gehen sei. Wir vereinbarten, dass ich zukünftig an wenigstens einem Angebot täglich teilnehmen sollte und mir dazu jeden Tag etwas aus meinen Wochenplan aussuchen dürfte. Dies nutzte ich nur am Tag des auf 15 Uhr terminierten Abschlussgespräches aus, an den anderen Tagen nahm ich an mindestens zwei Therapieprogrammen teil. Den Rest der fünf Wochen konnte ich dank dieses Entgegenkommens eines aufs absolut notwendige Minimum reduzierten Therapieprogramms noch an der Reha teilnehmen, andernfalls hätte ich vorzeitig abbrechen müssen.

Ich halte, angesichts mangelnder Alternativen, diese Reha-Klinik für eine passable Wahl, um als Autistin in eine psychosomatische Reha zu gehen. Die Therapeuten, mit denen ich es zu tun hatte, haben zwar meines Erachtens nach kaum Ahnung von Autismus, sie sind aber sehr zugewandt und bemüht.

Mittagessen gab es in einer Fleisch- und einer vegetarischen Variante, wobei auf Allergien usw. leider keine Rücksicht genommen werden kann, denn das Essen wird angeliefert. Es gab am zweiten Tag eine Ernährungsberatung, in dieser konnte ich dann vereinbaren, dass ich am täglichen Mittagessen nicht teilnehmen kann bzw. muss und mir stattdessen eine Pauschale von 5,00 € pro Tag erstattet wird. Essen sollte ich mir von zu Hause mitbringen. Die Lösung des Problems, wo ich esse, wurde mir überlassen. Am ersten Tag hatte ich versucht, im Durchgangsbereich zu essen. Im Speiseraum, der eigentlich kein abgeschlossener Raum war, sondern ein Bereich neben der Rezeption, der durch eine Zwischenwand vom Kommen und Gehen der Patienten abgetrennt wurde, war es mir zu voll, zu laut und zu dunkel, denn es gab zwar Fenster, allerdings mit Aussicht auf hohes Gebüsch und außerdem wurde in diesem Bereich praktisch immer das Licht angeschaltet. Da mir der Seminarraum, der als Alternative angeboten wurde, zu voll war, wich ich ins Freie aus und suchte mir einen Platz hinter dem Gebäude auf einer Feuertreppe. Zum Glück regnete es die meisten Tage nicht, in einer anderen Jahreszeit ist das aber sicher keine Lösung.

Die Zusage, dass ich bei Bedarf meine Kopfhörer tragen darf, wurde nie autoritativ oder mittels demokratischer Gruppenentscheidung unterlaufen. Im Gegenteil, manche Therapeuten wiesen mich extra drauf hin, ich möge doch meine Kopfhörer aufsetzen, weil es laut sei. Zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes wurde nämlich rund um das Gebäude gebaut. Auch die Zusage, dass ich nur je nach Energielevel an Therapieangeboten teilnehmen muss und es nicht sanktioniert wird, wenn ich aus Therapien einfach rausgehe, wurde eingehalten. Ich konnte täglich in die Chefarzt-Visite gehen, mitteilen, dass mir bestimmte Therapieangebote nichts bringen und sie wurden umgehend gestrichen oder durch andere Angebote ersetzt.

Leider gab es dabei Einschränkungen seitens des Kostenträgers, denn da ich in einer psychosomatischen Reha war, war es dem Chefarzt nicht möglich, mir öfter als zweimal pro Woche orthopädische Therapien anzubieten. Denn das, was ich gerne öfter im Wochenplan gehabt hätte, war der Hydro Jet. Dabei legte man sich alleine im Physiobereich in einer Kabine, am besten in Sportkleidung auf ein warmes Wasser“bett“ und konnte sich 20 Minuten lang von Wasserstrahlen durchmassieren lassen. Das jeweilige Programm und die Intensität (ich wählte immer 100%) konnte ich selbst auf einem Display anklicken. Hinterher war ich stets tiefenentspannt. Auf die Nachfrage meiner Psychotherapeutin und der behandelnden Ärztin, was mir am meisten in dieser Reha geholfen hatte, habe ich also geantwortet mit: Der Hydro Jet.

Bildquelle: Peggy_Marco (29.11.2012) URL https://pixabay.com/de/illustrations/psychologe-therapie-probleme-krank-1015488/


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Als Autistin in der medizinischen Reha

In Kürze beginnt meine medizinische Reha in einer Reha-Klinik.

Im Vorfeld habe ich mir viele Gedanken dazu gemacht. Die Überlegungen bezogen sich auch auf die Frage, ob ich diese Reha stationär oder ambulant durchführen möchte. Ambulant geht natürlich nur, wenn es im Umkreis des eigenen Wohnortes auch ambulante, erreichbare Angebote gibt. Für diejenigen, die diese Möglichkeit nicht haben, stellt sich die Frage also gar nicht und sie können den nächsten Absatz getrost überspringen.

Für jemanden wie mich, der die tägliche Sicherheit seines Zuhauses braucht und sich mit Veränderungen schwertut, ist eine ambulante Reha m. E. eine bessere Lösung, als irgendwo stationär in eine Klinik zu gehen. Ich ich habe jeden Tag mein sicheres Zuhause und meine Routinen und muss mich da also nicht mal eben für ein paar Wochen umgewöhnen. Weitere Vorteile sehe ich für mich darin, dass die Freizeitinteraktionen mit Mitpatienten nach Therapieende wegfallen. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, auf den ich weiter unten noch näher eingehe.

In einem Vorgespräch hatten wir erfahren, dass sie sich in dieser Reha-Klinik mit Autismus so gut auskennen, wie anderswo – also bestenfalls ein paar vereinzelte Grundkenntnisse, evtl. gekoppelt mit Vorurteilen. Auf grundsätzliche Ablehnung oder den Versuch, mir meine Diagnose abzusprechen bin ich jedoch nicht gestoßen.

In dieser Klinik werden die üblichen psychosomatischen Therapien, wie wöchentliche Einzelgespräche mit einem Psychotherapeuten, Psychoedukation in der Gruppe, Kunsttherapie, Ergotherapie (meiner Erfahrung nach Werken für Erwachsene), Entspannung (PMR, autogenes Training), Achtsamkeit, QiGong, Wassergymnastik / Schwimmen / Sauna angeboten. Letzteres evtl. aber nicht, weil wegen Corona das Schwimmbad und die Sauna geschlossen sein können. Es gibt zwei extra Ruheräume neben dem Aufenthaltsbereich, in die man sich zurückziehen kann. Einer mit vier Liegen und einer mit ca. 12 Liegen. Drin waren bei dem Vorgespräch nur je eine Person und es herrschte erfreulicherweise auch tatsächlich Ruhe, was natürlich daran liegen mochte, dass sich ein Mensch allleine eher nicht in Smalltalk ergießt, so er nicht zu Selbstgesprächen neigt.

Es gibt jede Woche ein paar fixe Gruppentermine, die Gruppengröße wurde hier mit maximal 8 Personen angegeben. In den Sportangeboten können es jedoch schonmal bis zu 15 Personen sein. Um diese fixen Termine herum gibt es dann individuell auf mich und meinen Reha-Bedarf abgestimmte Wochenpläne.

Die gängigen therapeutischen Ansätze, mit denen man in einer Reha-Klinik behandelt wird, sind für Nichtautisten konzipiert. Bei diesen funktionieren die verwendeten Methoden wohl in der Regel. Ein Aufenthalt in einer Klinik, deren therapeutisches Angebot auf Nichtautisten ausgerichtet ist und in der die Besonderheiten, die mein autistisch Sein mit sich bringt, nicht mitberücksichtigt werden, kann aber sehr kontraproduktiv für mich sein.

Im Unterschied zu anderen hilft mir irgendetwas künstlich als Beschäftigungsmaßnahme zu unternehmen, vorzugsweise in der Gruppe, definitiv nicht. Mir fehlt es nicht an Beschäftigungsmöglichkeiten und Gruppentherapie an sich ist wegen meiner Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion in der Regel anstrengend für mich. Wenn Therapeuten ohne Wissen zu Autismus vom autistischen Patienten, der eh schon in einem überlasteten Zustand ist, weil der damit beschäftigt ist, sich an das Kliniksetting zu gewöhnen, verlangen, immer und überall ohne Ausnahme teilzunehmen, kann das ganz schnell zur Eskalation führen. Meinen letzten Klinikaufenthalt in einer Tagklinik musste ich nur deswegen nicht abbrechen, weil mir dankenswerterweise gerade noch rechtzeitig gestattet wurde, auf die Gruppentherapien zu verzichten, die mich viel zu viel Energie gekostet hatten.

Aus der therapeutischen Praxiserfahrung muss ein depressiver Patient wieder mehr unter die Leute gehen, damit es ihm bessergeht. Ich schließe keineswegs aus, dass es sogar Autisten gibt, denen das hilft. Mir hilft es nicht, weil das „wieder“ hier völlig fehl am Platz ist. Ich sehe keinen Sinn darin, für diese paar Wochen mein Freizeitverhalten zu ändern. Schon undepressiv treffe ich mich eher selten mit anderen. Ich brauche nunmal sehr viel Zeit, um mich zu regenerieren und „meine Batterien aufzufüllen“ (Sprachbild).

Aus meiner Praxiserfahrung geht es mir umso schlechter, je mehr ich unter Leute gehe. Und ich werde umso depressiver, je mehr ich dazu gezwungen bin, in depressivem Zustand unter Leute zu gehen. Es ist für mich außerdem deprimierend, wenn ich Unmengen meiner depressionsbedingt verknappten Energie darauf verwenden muss, sozusagen als Versuchskaninchen zu beweisen, dass Methoden, die den meisten anderen Menschen helfen, bei mir nicht anschlagen.

Apropos Erfahrungen: Als ich bei meinem letzten Klinikaufenthalt für die Therapeuten und Mitpatienten offenbar ungewöhnlich anmutende Bedürfnisse anmeldete, wurde ich, wie so oft im Leben, zum Störfaktor im standardisierten Klinikalltag und in der Therapiegruppe. Das ist keine schöne Erfahrung, die ich unbedingt wiederholen möchte.

Menschen hilft der Austausch untereinander normalerweise dann, wenn sie ähnliche Erfahrungen und ein ähnliches Erleben haben. Die meisten anderen haben aber nunmal nicht meine Erfahrungen und mein Erleben. Da von hundert depressiven Patienten bei einer Autismus-Prävalenz von einem Prozent durchschnittlich maximal einer autistisch ist, dürfte es eher unwahrscheinlich sein, dass ich in den Therapiegruppen bzw. in der Reha-Klinik auf andere Autisten treffe, so dass auch ich vom Austausch mit Gleichgesinnten – in meinem Fall dann depressiven Autisten – profitieren könnte. Es ist also davon auszugehen, dass die anderen Mitpatienten, mit denen ich einen Großteil des Tages zubringen soll, nichtautistisch sind. Mit nichtautistischen Bedürfnissen und damit mit vorhersehbarem Konfliktpotential.

Ich meine nicht, dass das Ziel dieser medizinischen Reha sein sollte, zu trainieren, wie ich mich bestmöglich anpasse. Die gesundheitlich negativen Folgen für mich sind vorhersehbar. Mein derzeitiger Zustand resultiert ja aus dem vergeblichen Bemühen, mich an mich krankmachende Umstände anzupassen. Es macht meines Erachtens für mich keinen Sinn, nach dieser stationären Reha kränker aus der Reha-Klinik zu gehen, als ich zu Beginn der Reha dort hineingegangen bin. Es wäre absurd, mich nach ein paar Wochen Reha-Klinik Aufenthalt erst einmal ein halbes Jahr davon erholen zu müssen. Ich denke, zielführend ist es eher, dass ich dafür Sorge trage, dass in dieser Reha auf meine autistischen Bedürfnisse bestmöglich Rücksicht genommen werden kann. Das Ziel sollte sein, dass ich nach der Reha besser mit meinen Einschränkungen leben kann, besser auf mich aufpassen kann, so dass ich möglichst lange von einer erneuten reaktiven Depression verschont bleibe.

Ein autistischer Patient, der versucht, einem von seinem gruppendynamischen Ansatz überzeugten, nichtautistischen Therapeuten klarzumachen, dass nicht alle Menschen Gruppentiere sind, stößt mit großer Wahrscheinlichkeit auf Unverständnis. Versuche zu erklären, dass bei einem selbst Ursache und Wirkung komplementär gelagert sind, scheitern eventuell bereits im Ansatz an fehlendem Wissen beim therapeutischen Personal. Einem depressiven Autisten, der nichts weiter tut, als Selbstfürsorge zu betreiben, wenn er seine Bedürfnisse kommuniziert, wird im schlimmsten Fall Therapieverweigerung unterstellt.

Klar kann man jederzeit die Reha-Klinik verlassen, man ist schließlich – anders als in der geschlossenen Psychiatrie – mehr oder minder freiwillig dort. Mehr oder minder deshalb, weil es längerfristige finanzielle und Teilhabe-Folgen haben kann, wenn man eine behördlich verordnete medizinische Reha ablehnt oder abbricht. Das sollte also nicht passieren.

Ich habe vor, die Zeit in der Reha zu nutzen, um möglichst viel für mich mitzunehmen. Ich erwarte dabei aber eher nicht, dass ich tiefergehende, vollkommen neue Erkenntnisse zu Depressionen oder den Themen, die für mich eingeplant sind, haben werde. Bei wenigen Wochen Reha-Dauer und einem mindestens wöchentlichen Zustrom von neuen Patienten wird sich die Psychoedukation wohl permanent auf „Urschleimniveau“ (Zitat einer befreundeten Autistin) bewegen. Evtl. erlerne ich ja eine mir neue Achtsamkeits- oder Entspannungsübung oder lerne ein potentiell neues Hobby kennen. Mein Erwartungshorizont ist in Bezug auf das Ergebnis dieser Reha überschaubar.

Ich habe mir außerdem folgende Vorgehensweise für mich überlegt: Ich werde in schriftlicher Form Wissen zu meinem Autismus (also einen individualisierten Flyer in Kleinstformat) mitnehmen. Diesen Flyer verteile ich immer dann, wenn von mir gefordert wird, mich für meine Bedürfnisse zu rechtfertigen oder mein Verhalten zu erklären. Dann entferne ich mich, suche mir ein ruhiges zurückgezogenes Plätzchen und mache Achtsamkeits- und Entspannungsübungen, bis es mir wieder gut genug geht, um in die sozialen Interaktionen zurückzugehen.

Selbstverständlich denke ich, dass Aufklärungsarbeit notwendig ist, aber dafür wähle ich aus Selbstfürsorge eine ökonomische Variante. Dieser Flyer könnte zudem Konflikte in den Situationen ausschließen, in denen ich in überlastetem Zustand nicht mehr nett, freundlich und zugewandt meine Überlastung erklären kann.

Es wäre für mich übrigens total unlogisch, wenn der eigentlich in der Reha gelehrte Ansatz der Achtsamkeit sanktioniert wird, weil ich eine mir schadende Situation verlasse und somit achtsam mit mir selbst umgehe. Meiner Meinung nach würde dann systemisch etwas grundverkehrt laufen.

Wird schon gut gehen. Wenn nicht, habe ich Ersatzpläne.

Beitragsbild kombiniert aus: geralt (03.03.2020). URL https://pixabay.com/de/illustrations/planung-planen-möglichkeit-option-4897792/ und Peggy_Marco (26.05.2017). URL https://pixabay.com/de/illustrations/männchen-3d-model-freigestellt-3d-2339841/


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Die Qual der Wahl? – Wunsch- und Wahlrecht bei Rehabilitationseinrichtungen

Autismus ist eine angeborene neurologisch bedingte Entwicklungsstörung und deswegen nicht therapierbar. Komorbide Erkrankungen, wie Depressionen und Angststörungen, sind an sich schon therapierbar. Eine häufig genutzte Möglichkeit, eine Depression zu behandeln, besteht darin, für ein paar Wochen in eine Klinik zu gehen. Man kann einen Antrag auf medizinische Rehabilitation bei seinem Kostenträger stellen und diesem im Rahmen des Wunsch- und Wahlrechts (§8 SGB IX) gleich eine Rehabilitationseinrichtung seiner Wahl vorschlagen.

Ich hatte das nicht vorab getan. Mein Kostenträger schickte mir also einen Bewilligungsbescheid über eine fünfwöchige stationäre Reha in einer größeren bayerischen Klinik. Das mit dem Werkstatt Termin vereinbaren hatte also jemand anderes für mich übernommen. Die Frage war jetzt nur, ob die Vertragswerkstatt für mich passen würde. Nach meinem Dafürhalten sollte es bei dem geplanten Reha-Aufenthalt ja wohl hoffentlich darum gehen, mir dabei zu helfen, gesünder zu werden. Die mir vorgeschlagenen Klinik war meines Dafürhaltens nicht dafür geeignet. Dies nahm ich begründet an, denn eine befreundete Autistin, die mich gut kennt, war letztes Jahr dort und hat mir dringend davon abgeraten, in ebendiese Reha-Klinik zu gehen.

Meiner Erfahrung nach wird es schwierig, wenn man komorbide Erkrankungen versucht zu therapieren, ohne den Autismus im Blick zu behalten. Deshalb hatte ich Erkundigungen eingezogen, welche Reha-Kliniken es überhaupt gibt, die eine medizinische Rehabilitation für meine spezifische Erkrankungssituation anbieten und einen Vertrag mit meinem Kostenträger haben. Nach meiner Recherche war deutschlandweit keine wirklich auf erwachsene Autisten spezialisierte Klinik für psychosomatische Rehabilitation mit dabei.

Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass Autisten im Erwachsenenalter seltener als andere Erwachsene eine psychosomatische Reha benötigen und bei immerhin mindestens 1% Autismus-Prävalenz müsste es doch eigentlich auch genügend erwachsene Autisten geben, die schon einmal vor derselben Situation standen. Vermutlich gibt es diese ja auch, nur existieren offenbar kaum öffentlich einsehbare Berichte von Autisten, die ihre Erfahrungen mitteilen.

Eine Liste mit Kliniken, die Reha und Kuren für Autisten anbieten, gibt es zwar, die meisten dieser Einrichtungen haben sich jedoch auf Kinder- und Jugendliche und/oder Mütter-Kind-Kuren spezialisiert, kommen also für eine psychosomatische Reha für mich nicht in Frage. Mir hätten Erfahrungsberichte anderer Autisten geholfen. Also habe ich herumgefragt.

In diesem Blogbeitrag schildert eine Autistin ihr Erleben in einer Reha-Klinik. Hierin wird auch auf einen Artikel der Klinik selbst verlinkt, in der der Frage nachgegangen wird, ob eine psychosomatische Reha für Autisten sinnvoll ist. Die Klinik kommt zu dem Schluss: Ja, eine solche Reha kann sinnvoll sein. Sofern der Autist gruppenfähig ist.

Aus meiner bisherigen Erfahrung heraus möchte ich ergänzen: Ganz so einfach ist es nicht. Es gibt auch bei gruppenfähigen Autisten noch andere Soferns. Sofern innerhalb des Kliniksettings Ausnahmen für den Autisten gemacht werden können. Sofern nicht angezweifelt wird, was der Autist rückmeldet. Sofern den Mitpatienten erklärt wird, dass Rücksichtnahme auf Wahrnehmungsbesonderheiten für den Autisten ein must-have sind, um überhaupt teilnehmen zu können und kein nice-to-have, weil der Autist sich das einbildet. Sofern Mitpatienten eine notwendige Rücksichtnahme nicht als Bevorzugung interpretieren und nicht dagegen opponieren. Sofern Therapeuten ein Eingehen auf die autistischen Bedürfnisse nicht von der demokratischen Entscheidung der Gruppe abhängig machen. Sofern eine vorab zugesicherte Rücksichtnahme sich in der Klinikrealität nicht plötzlich in Luft auflöst.

Ich habe mich nach gründlicher Recherche schließlich für eine ambulante Reha-Klinik entschieden, weil sie mir ermöglicht, meine Routinen und gewohnten Abläufe größtmöglich beizubehalten. Ich habe nachträglich von meinem Wunsch- und Wahlrecht Gebrauch gemacht, dem seitens des Kostenträgers mit einem neuen Bescheid stattgegeben wurde. Damit es zumindest einen Bericht mehr von Autisten über ihre Erfahrungen in Reha-Kliniken gibt, werde ich selbstverständlich berichten.

Bildquelle: Kingrise (26.02.2018). URL https://pixabay.com/de/illustrations/wahl-pfeil-fragezeichen-weg-3183317/


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Autismus und Teilhabe – BehördenirrSinn?

Ich ging eigentlich davon aus, dass die DRV mir tatsächlich behilflich sein wollen würde. Denn sie hat mir eine medizinische Reha bewilligt, die zum Ziel hat, Behinderungen einschließlich chronischer Krankheiten abzuwenden oder zu beseitigen, zumindest aber diese zu mindern, auszugleichen oder eine Verschlimmerung zu verhüten. Dadurch solle meine Erwerbsfähigkeit erhalten, wesentlich gebessert oder wiederhergestellt werden. Es läge also in meinem Interesse an der Rehabilitation auch aktiv mitzuwirken. Alles klar. Klar liegt das in meinem Interesse, insbesondere liegt es ja seit 2017 in meinem vordringlichen Interesse, am Arbeitsleben teilzuhaben.

Dabei möchte ich sehr gerne aktiv mitwirken. Vorgestern rief die für mich zuständige Reha-Beraterin an und sagte meinem Mann, man wolle erst einmal das Ergebnis der medizinischen Reha abwarten, bevor man weiter darüber entscheiden könne, wie es mit meiner Teilhabe am Arbeitsleben weitergehen würde. Okay, das klingt nach einem soweit ganz guten Plan. Im Bescheid der DRV zur medizinischen Reha steht: Wenn die medizinische Reha nicht innerhalb von 6 Monaten angetreten wird, würde der Bescheid seine Gültigkeit verliert.

Heute liegt ein Brief der Reha-Klinik, die die DRV für mich ausgesucht hat, im Briefkasten. Diese Reha-Klinik freut sich, dass mir eine Rehabilitationsmaßnahme bei ihnen genehmigt worden ist. Aufgrund der ihnen bereits vorliegenden Genehmigung können sie mir mitteilen, dass meine Maßnahme voraussichtlich in der Woche ab dem 06.12.2021 (+/- 1 Woche) zur Durchführung kommt. Die Heilbehandlung könne aus Sicht des Kostenträgers nur aus besonders wichtigen Gründen verschoben werden.

Aha.

Fast vernachlässigbar ist da, dass mir die Klinik einen zweitägigen Weihnachtsurlaub gewähren kann, falls ich Weihnachten zu Hause verbringen wollen würde.

Die Reha-Abteilung sagt, ich müsse mich um meine Gesundheit kümmern, bevor entschieden werden kann, wie bzw. ob es in Sachen Teilhabe am Arbeitsleben weitergehen soll. Die Reha-Abteilung kümmert sich selbstverständlich darum, dass ich in eine passende Reha-Einrichtung geschickt werde. Diese Reha-Einrichtung erhält von der DRV dann mitgeteilt, dass ich dorthin gehen soll. Die Reha-Abteilung in der DRV hat aber augenscheinlich keine Ahnung, dass die Wartezeit in der von ihr bestimmten bayerischen Reha-Klinik länger ist, als die Gültigkeitsdauer ihres Bescheides.

Wie bitteschön wollen sie so gewährleisten, dass meine komorbiden Erkrankungen abgewendet, beseitigt, gemindert oder eine Verschlimmerung verhütet wird? Den Autismus können sie ja wohl hoffentlich nicht meinen, abgewendet oder beseitigt wird der nicht werden. Ich vermute, sie meinen also die Depression und/oder Angststörung. Die Idee, auf eine Minderung zu hoffen bzw. eine Verschlimmerung zu verhüten, indem man mir eine Reha in mehr als acht Monaten anbietet, die man sechs Monate lang bewilligt hat und mich bis nach dem Ende einer medizinischen Reha vertrösten möchte, bevor man sich weiter mit meinem Fall befasst, lässt mich mehr als nur irritiert zurück.

Ich versuche ja wirklich, den Sinn des Vorgehens zu verstehen. Was erhofft sich die Reha-Abteilung eigentlich? Dass sie es aussitzen können? Dass sich das Teilhabe-Problem von allein erledigt, weil ich mich derweilen umbringe? Die Chancen sind bei einem depressiven Menschen angesichts von Perspektivlosigkeit gegeben. Das sollte eigentlich auch jedem Sachbearbeiter in einer Reha-Abteilung klar sein. Dass die Suizidrate bei Autisten nochmal um einiges erhöht ist (wen es interessiert, Links zu Studien hier, hier und hier), geschenkt – ich erwarte gar nicht, dass meine Reha-Beraterin das weiß. Ich erwarte gar nichts Positives mehr aus dieser Ecke.

Vielleicht ist der Sinn hinter dem Vorgehen ja, dass ich begreife: Menschen wie ich erhalten schlicht keine Unterstützung von der DRV? Ich verbuche diesen behördlichen IrrSinn jetzt einfach mal als: Da hat meine „Superkraft“, ein Fehlermagnet zu sein, mal wieder zugeschlagen. Sinn habe ich auch gefunden: Nichts ist unnütz, es kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Ich zeige am praktischen Beispiel auf, was im Unterstützungssystem so alles schief gehen kann. Bin gespannt, was als nächstes kommt. Ich werde berichten.

Bildquelle: vcnestasozinhx (02.09.2018). URL https://pixabay.com/de/illustrations/selbstmord-vorbeugung-september-gelb-3645249/


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Autismus und komorbide Erkrankungen

Rezidivierende Depressionen

Ich habe wieder einmal eine Depression, was jetzt nichts bahnbrechend Neues ist und mich auch nicht überrascht. Ich habe genügend Wissen zu dieser Erkrankung, um die Symptome zu erkennen und auch, um zu wissen, dass es eine reaktive Depression ist. Ich also auf krankmachende Umstände reagiert habe. Wenn diese Umstände nicht gewesen wären, dann wäre ich vermutlich auch nicht wieder depressiv geworden. Ich habe versucht, gegenzusteuern und all die Dinge getan, die ich bereits gelernt habe, wie Achtsamkeitsübungen, Entspannungstechniken, Schlafhygiene, Dinge tun, die mir guttun.

Soweit es mir eben möglich war neben den administrativen und organisatorischen Dingen, die notwendig waren, um das Schlimmste abzuwenden, nämlich komplett ohne Geld dazustehen. Ich habe seit Anfang des Jahres gefühlt hunderte Seiten Anträge ausgefüllt, Widersprüche geschrieben, mit immer wieder denselben Unterlagen vollgestopfte Briefumschläge unzählige Male rechtssicher verschickt bzw. erstmal bei der einen Behörde oder Institution angefordert und zur anderen Behörde oder Institution weitergeleitet. Es ist schon ohne die Einschränkungen einer Depression anstrengend und auch demotivierend, wenn man an dieselben Institutionen mehrfach dieselben Anlagen und Anträge schicken muss. Ich frage mich, in wievielfacher Ausfertigung die das wirklich brauchen – im digitalen Zeitalter ist es zudem unverständlich, weshalb bei der DRV alles in analoger Papierform angefordert wird, nur damit deren Scanzentrum die Papierstapel dann einscannt und digital an passende und oft auch unpassende Abteilungen weiterleitet. Wenn man eine Depression hat, ist das sich um Orgakram kümmern und Anträge stellen ein ganz schöner Kraftakt.

Was paradox erscheint, ist, dass mein Autismus zwar die Grundlage ist, weswegen ich immer wieder an Umständen verzweifle und depressiv werde, mir mein Autismus aber gleichzeitig dabei hilft, mit der Erkrankung zurechtzukommen. Ich weiß, dass mein Umgang mit meinen Depressionen auf keinen Fall verallgemeinerbar ist. Ich würde die Not anderer Menschen, die an dieser tückischen Erkrankung leiden, bagatellisieren, wenn ich davon ausgehen würde, dass jeder andere fähig ist, genauso damit umzugehen, wie ich. Warum ist mein Autismus hilfreich? Unter anderem, weil ich extrem viel Zeit darauf verwendet habe, möglichst umfassend Wissen zur Erkrankung zu sammeln und mir dieses Wissen dabei hilft, zu verstehen, was mit mir passiert. Ich habe mittlerweile einen recht hohen Stapel an Fachbüchern, -artikeln und Studien zu Depressionen gelesen und mit meiner eigenen Erfahrung abgeglichen. Wissen hilft. Nicht umsonst ist ein Baustein in der Behandlung von Depressionen die Psychoedukation.

Was in den depressiven Zuständen immer mitschwingt, ist eine Grundtraurigkeit und der Drang, mir eine Decke über den Kopf zu ziehen bzw. einfach nicht mehr aufzustehen, weil mir alles überwältigend sinnlos erscheint. Wegen meines autistischen Bedürfnisses nach meinen Routinen schleppe ich mich morgens zwar nur mit Mühe aus dem Bett, aber ich bleibe eben nicht depressiv im Bett liegen. Nach der allmorgendlichen Cappuccino-Zeitungs-Routine, die der Grund ist, weshalb ich zuverlässig aufstehe, verfalle ich danach aber trotzdem in eine Art Lähmung. Im Fachsprech nennt sich das Antriebslosigkeit.

Zu einem Antrieb gehören bestimmte Komponenten, wenn man es technisch betrachtet. Das Wichtigste ist natürlich der Motor, der Leistung generiert. Es ist aber nicht so, dass mein Motor kaputt wäre. Im Gegenteil. Ich habe eher den Eindruck, dass mein Motor funktioniert, ich bin innerlich angespannt und unruhig, vibriere quasi mit dem Fuß auf dem Gaspedal vor mich hin, nur dringt nichts davon nach außen. Es ist, als würde ich mit angezogener Handbremse dastehen oder besser: als hätte ich vergessen, wie man die Kupplung tritt und könne keinen Gang einlegen. Dabei würde ich nur zu gerne die Leistung, die mein innerer Motor im Leerlauf vergeudet, sinnbringend in z.B. Bewegung umsetzen. Aber ich komme im übertragenen Sinn und buchstäblich nicht in die Gänge, ich bewege mich nicht vorwärts. Nur seitwärts, denn des Nächtens, wenn ich wieder stundenlang wachliege, werfe ich mich ruhelos hin und her. Immerhin, Bewegung soll ja bekanntlich bei Depressionen helfen.

Wenn ich es schaffe, die Antriebslosigkeit zu überwinden, und einen Gang einzulegen, dann scheitert es nach ein paar Metern an der Kraftübertragung. Es knirscht nicht nur, was ich Alterserscheinungen zuschreiben könnte, nein, es hakt im Getriebe und frisst sich fest bis hin zum Getriebeschaden. Jetzt könnte man auf den Gedanken kommen, sich zu fragen, weshalb ich mich nicht in eine Werkstatt (=Klinik) begebe und den Schaden reparieren lasse. Tja. Dazu müsste ich erstmal eine passende Werkstatt finden. Und einen Termin ausmachen. Gar nicht so einfach während einer Depression. Da dauert das noch länger als in undepressivem Zustand.

Außerdem frage ich mich, ob sich das Reparieren überhaupt lohnt. Ich hatte in den vergangenen fünf Jahren immer wieder depressive Episoden und ich würde sagen, dass ich mich immer weniger gut von diesen Einbrüchen erholt habe. Das schreibe ich nicht, um Mitleid zu heischen oder um [hier irgendein (phantasievolles) Motiv einsetzen], es ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Meiner Meinung nach waren meine Depressionen stets reaktive Depressionen. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Umwelt in absehbarer Zeit wirklich autistenfreundlicher gestalten wird. Also lauert auch nach einem Werkstattbesuch mit Getriebewechsel, der nicht kostenlos sein wird, die nächste Depression nur um die Ecke. Ich ziehe selbstverständlich in Erwägung, dass dies depressive Gedanken sind, die aus meiner Antriebslosigkeit resultieren.

Nicht kostenlos meint, dass meine Versuche, etwas gegen solche depressive Episoden zu tun, stets mit Kosten im übertragenen Sinn verbunden waren. Die Einnahme von Antidepressiva hatte massive Nebenwirkungen zur Folge. Der Aufenthalt in einer Klinik war exorbitant energiefressend. Eine gründliche Kosten-Nutzen-Analyse ist meiner Ansicht nach für mich unabdingbar, bevor ich mich in die Gänge setze, um etwas gegen meine gegenwärtige Depression zu unternehmen. Wobei mein Zögerlichkeit bzw. Schwierigkeit, eine Entscheidung für oder gegen eine Behandlung zu treffen, auch wieder nur ein Symptom der Erkrankung selbst sein könnte.

Eine Lösung wäre, meine rezidivierenden Depressionen pragmatisch als eine wiederkehrende Erkrankung anzusehen, mit der ich leben muss und jede Episode auszusitzen. Irgendwann ging noch jede dieser depressiven Episoden zu Ende. Doof für mein Bedürfnis nach Planbarkeit ist nur, dass ich nie wusste, wann irgendwann war.

Mein depressives Gehirn mit einer großen Portion Skepsis aus der Metaperspektive zu betrachten und wachsam zu bleiben, ist eine meiner Methoden, mit der Erkrankung umzugehen. Was mir noch hilft, ist eine ebenso große Portion Humor und Akzeptanz. Es ist halt so, dass mir derzeit wieder einmal alles in schneckösem Depressionstempo von der Hand geht. Manche müssen eine solche Entschleunigung ihres Lebens in sündteuren Seminaren mühsam lernen, ich bekomme das gratis hin.

Bildquelle: Peggy_Marco (03.11.2015) URL https://pixabay.com/de/illustrations/regen-traurig-trauer-1013940/ in Kombination mit rauschenberger (10.03.2018) URL https://pixabay.com/de/illustrations/kontur-tier-schnecke-shell-langsam-3212894/


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Buchbinder Wanninger?

Der behördliche Irrsinn nimmt dieser Tage ungeahnte Ausmaße an. Für mich ist die Situation sehr belastend, da ich seit Anfang April wieder einmal ohne planen zu können dastehe und Ende des Monats mit Auslaufen der Teilerwerbsminderungsrente dann auch noch ganz ohne Einkommen sein werde. Obwohl ich bereits Ende letzten Jahres sehr rechtzeitig damit begonnen hatte, die notwendigen Folgeanträge zu stellen. Die Rentenversicherung wäre am Zug gewesen, mir meine Folgeanträge zu bescheiden.

Seit Tagen erhalte ich Schreiben von der Rentenversicherung. Allerdings nichts, was mich effektiv weiterbringt, sondern sehr seltsame Schreiben, die mich irritieren, weil Unterlagen angefordert werden, die ich definitiv bereits mindestens einmal dorthin geschickt hatte – sogar per Einschreiben. Ich habe beispielsweise mit dem Betreff Ihre Rentenversicherung die Aufforderung erhalte, mitzuteilen, wann ich meine Beschäftigung aufgegeben habe. Ich solle doch bitte eine Kopie der Kündigung bzw. des Aufhebungsvertrages übersenden. Seit 2017 habe ich nunmehr mit der Rentenversicherung zu tun, bin zunächst in volle Erwerbsminderungsrente geschickt worden, danach wurde mir eine Maßnahme zur Teilhabe am Arbeitsleben und eine Teilerwerbsminderungsrente bewilligt, die enden und für beides habe ich einen Antrag auf Neu- bzw. Weiterbewilligung gestellt. Mir ist schleierhaft, wie die Abteilung Rente auf die Idee kommt, dass ich irgendwo gekündigt haben hätte können. Auf Nachfrage und Erklärung meinerseits, dass mein letzter Arbeitsvertrag bekanntermaßen befristet gewesen sei und ich seit Ende Mai 2017 keine weitere Stelle innegehabt hätte, hieß es, ich solle den Arbeitsvertrag oder eine Arbeitsbescheinigung des Arbeitgebers einreichen. Diese Arbeitsbescheinigung liegt der Rentenversicherung zwar inzwischen mehrfach vor, aber sie benötigen sie offenbar noch ein weiteres Mal. Soviel zur papierlosen Verwaltung.  

Beim Versuch, abzuklären, ob die Rentenversicherung nach dem Auslaufen der Maßnahme Unterstützte Beschäftigung zum 31.03.2021 inzwischen einen Plan hat, wie es für mich weitergehen soll, zeigte sich, dass offenbar ein irrwitziges Durcheinander entstanden ist, weil das Scanzentrum der DRV meine mit den Anträgen mitgesendeten Unterlagen an die jeweils falsche Abteilung (Abt. Rente und Abt. Reha) geschickt hat. Jetzt erklärt sich mir auch, woher die dubios anmutenden Schreiben an mich kommen. Ich habe beispielsweise eine mich sehr irritierende Ablehnung meines Antrages auf Hörhilfe erhalten, weil ich den Arztbrief des HNO wegen meines Antrages auf Weitergewährung der auslaufenden Teilerwerbsminderungsrente nachgereicht hatte und der ohne mein Begleitschreiben bei der Abteilung Reha gelandet ist, so dass sie dort einfach mal eben interpretiert hatten, dass ich einen Antrag auf Hörhilfe gestellt hätte. Das ist zwar sehr zuvorkommend, aber eben auch ablehnend und in keiner Weise zielführend für den eigentlich von mir gestellten Antrag. Wofür haben sie denn dann all diese Formulare mit unterschiedlichen Buchstaben-Zahlenkombinationsbezeichnungen, wobei sie in etlichen Antragsformualren immer wieder denselben Sachverhalt abfragen?

Ich habe den Eindruck, die Behörden spielen Ping-Pong mit mir. Keiner fühlt sich so richtig zuständig. Einer verweist auf den anderen. Die Agentur für Arbeit schreibt mir, ich werde als Nichtleistungsempfänger geführt und solle mich an die DRV wenden, die DRV sagt, ich solle mich an die Agentur für Arbeit wenden. Mein Mann hat telefonisch abklären können, dass meine Mitteilung an die DRV, dass ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld habe plus Ablehnungsbescheid meines Antrages auf ALG I zwar dort angekommen ist, aber statt bei der Abteilung Reha bei der Abteilung Rente liegt. Während des Telefonates hat die Sachbearbeiterin der Abteilung Reha diesen ALG-Ablehnungsbescheid dann tatsächlich in der digitalen Akte gefunden, sie sagte wenige Minuten später aber zu meinem Mann, dass ich mich doch, wenn ich ohne Einkommen dastünde, bitte wegen Arbeitslosengeld die Arbeitsagentur wenden müsse. Es ist schwer, sich da nicht ans Hirn zu langen.

Wir heißen zwar mit Nachnamen Wanninger, wollten aber nie wie der Buchbinder gleichen Namens von Pontius zu Pilatus laufen oder versuchen, den Passierschein A38 zu besorgen. Ich möchte nur endlich planen können, wie es sowohl teilhabemäßig als auch finanziell weitergeht.

Bildquelle: Peggy_Marco (05.12.2016) URL https://pixabay.com/de/illustrations/weiße-männchen-3d-man-freigestellt-1871383/


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Welt-Autismus-Tag 2021 – und ich puzzele

Heute erst gelesen: Der Welt-Autismus-Tag 2021 steht in der Kampagne 2020/2021 von Autism Europe unter dem Motto „I can LEARN. I can WORK“. Vor dem Hintergrund des Maßnahme Verlaufs Unterstützte Beschäftigung registriere ich dieses Motto mit einer Mischung aus perplex Sein und Resignation. Ich meine: Wir haben 2021, die UN-BRK ist seit langem gültiges Recht. Und leider braucht es trotzdem ein Motto, das wohl Nichtautisten klarmachen soll, dass auch Autisten lernen und arbeiten können. Nur dürfen sie leider noch immer viel zu oft nicht. Nach wie vor ist es sehr schwer, eine Nische auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden und zu behalten – auch für Autisten mit einer akademischen Ausbildung – oder gerade wegen dieser.

Mein oberstes Ziel in den vergangenen nunmehr fünf Jahren war, endlich meine Nische zu finden und wieder am Arbeitsleben teilzuhaben. Meine Ziele in Bezug auf den IFD waren, dabei in den Bereichen, in denen ich Unterstützung benötige, unterstützt zu werden. Dies ist nicht geschehen. Im Gegenteil, ich bin dabei behindert worden, mein Ziel teilzuhaben zu erreichen, weil ich nicht in das Unterstützungssystem passte.

Ich habe in diesen fünf Jahren immer wieder reflektiert, wo die Schwierigkeiten liegen und versucht, sie aus dem Weg zu räumen. Ich reflektiere von Natur aus ständig – was ja im Wortsinn heißt, nachzudenken, zu überlegen, etwas prüfend zu betrachten. Sich die Vergangenheit und das eigene Handeln darin anzuschauen, ist für eine Reflexion ebenfalls wichtig und braucht die Zeit und den Raum, den derjenige, der reflektiert, dafür benötigt. Dies steht keineswegs im Widerspruch zu Aussagen wie: „Man sollte nach vorne schauen“. Denn um nach vorne schauen zu können, muss man erst einmal wissen, was einen hinten eventuell ja verfolgt statt hinter einem zu liegen.

Ich kann lernen, das tue ich schon mein Leben lang. Ich kann auch Arbeiten, das habe ich in verschiedenen Kontexten bewiesen. Was ich offenbar nicht kann, ist irgendwo richtig reinzupassen.

Es stehen Entscheidungen an, wie es weitergeht. Möglichst viel Informationen einzuholen, die ich fortlaufend versuche, zu sortieren, hilft mir dabei, Vorkommnisse richtig einzuordnen, Situationen zu analysieren und Entscheidungen zu treffen. Ich kann Entscheidungen aber nur dann treffen, wenn ich einen ausreichend guten Überblick habe. Also puzzel ich gerade mal wieder mit Hochdruck.

Ich habe nahezu ständig ein Infodurcheinander, sozusagen einen großen Puzzleteilhaufen im Kopf, den ich günstigstenfalls zwischendurch beim Schreiben und eventuell sogar in Gesprächen mit den richtigen Leuten schon irgendwie vorsortieren habe können. Ich brauche aber Zeit und Ruhe, indem ich zum Beispiel innerlich Selbstgespräche führe oder auch beim Tagebuchschreiben mit einem fiktiven Gegenüber spreche, um den Haufen abarbeiten zu können. Ich schreibe gern und ich schreibe viel, für mich ist Schreiben schon seit Jahrzehnten eine funktionierende Methode, den Puzzleteilhaufen irgendwie sortiert zu bekommen. Tagtäglich erhalte ich jedoch neue Puzzleteile, was aus der Informationssammelsicht gut ist, aus der Sortiersicht aber nicht. Vor mir liegt also ständig ein mehr oder minder großer Haufen an unsortierten Puzzleteilen und ein paar Häufchen – je nachdem, was gerade Thema ist – an sortierten Teilen.

Mein Autismus bringt es mit sich, dass ich Puzzleteile nicht intuitiv an den richtigen Platz im Puzzle legen kann. Ich habe also erstmal kein Gesamtbild vor meinem inneren Auge. Ich muss auch immer erst die richtige Kategorie finden, nach der ich sortieren muss, damit überhaupt so etwas wie ein Bildausschnitt erkennbar ist, der Sinn ergibt. Sehr lange – Nichtautisten würden das vermutlich als extrem langsam empfinden – sehe ich nur lauter Einzelteile. Ich nehme jedes einzelne Puzzleteil mehrfach in die Hand und lege es mal auf den einen Kategorienhaufen und mal auf einen anderen, irgendwann passiert es dann, dass ich sehe, dass zwei oder mehr Teile zusammenpassen.

Wenn es eine größere Sortieraktion gibt, was in Zeiten anstehender Entscheidungen der Fall ist, passiert Folgendes: In solchen Phasen überlaste ich mich im Grunde genommen ungesund, weil ich es nicht schaffe, Gedankenpause zu machen und mich mit etwas anderem zu beschäftigen, als zu puzzeln. Alles andere läuft nur noch im Not-Modus mit und ich erledige nur wirklich wichtige und unaufschiebbare Dinge, den Rest der Zeit beschäftige ich mich rund um die Uhr mit meinem Puzzleteilhaufen, sortiere Teile von einem Haufen zum anderen und lege vor mir auf dem Tisch bereits verbaute Teile an andere Stellen. Solche Phasen in meinem Leben brauchen sehr viel Energie und ich denke zwischendrin schon auch immer mal wieder darüber nach, etwas anderes machen zu wollen als mich quasi zwanghaft mit meinen Puzzleteilen zu beschäftigen. Aber ich kann das dann leider nicht. Nicht: Ich will das nicht machen, sondern ich kann es nicht tun, weil mein Gehirn einfach so arbeitet.

Also mache ich weiter. Tagsüber schreibe ich oder rede mit mir selbst. Nachts liege ich wach und denke über das Geschriebene nach und über die Puzzleteile, die noch auf dem Haufen liegen. Ich versuche, in jeder wachen Minute das Informationschaos aufzudröseln und Zusammenhänge zu finden. Jedes der zusammen gepuzzelten Bildfragmente betrachte ich genau und versuche, es mit anderen Bildfragmenten zu verbinden. Gleichzeitig plane ich. Das meint, ich überlege mir, was sich für Konsequenzen aus den Bildausschnitten, die ich glaube, richtig zusammengesetzt zu haben, ergeben. Was ich als nächstes tun kann, welche Information mir für mein Verständnis noch fehlt, damit ich mehr Klarheit habe, damit für mich die Puzzleteilausschnitte, die ich zusammengesetzt habe, möglichst vollständig sind.

Dabei läuft mein logischer, analytischer Verstand im übertragenen Sinn auf Hochtouren. Ich denke darüber nach, welche Handlungsmöglichkeiten sich zum jetzigen Stand meines für mich sichtbaren Puzzlebildes ergeben und wohin jeder einzelne Handlungsschritt führen könnte. Ich durchdenke, plane alles jede Nacht und in Hochtourenzeiten sogar Tag und Nacht. Ich passe meine nächsten Handlungsschritte an meinen Informationsstand an und an die Bildfragmente, die ich sehe. Für mich unvorhersehbar habe ich immer mal wieder eine Art Aha-Erlebnis, wie ich dieses Erleben für mich genannt habe. Also irgendwann setzen sich mehrere Bildfragmente zu einem erkennbaren größeren Gesamtausschnitt zusammen. Dann ist eine solche Hochtourenphase vorbei und mein Gehirn beruhigt sich, ich habe einen Plan und komme erst einmal zur Ruhe.

Mein Handeln sieht von außen betrachtet wohl zwanghaft aus, es ist aber kein Zwang im psychiatrischen Sinne, es ist autistisch. In meinem Leben erhalte ich immer nur weitere Puzzleteile, die ich zu Ausschnitten zusammensetzen kann, bestenfalls entstehen auch einmal aus mehreren Fragmenten zusammenpassende größere Bildausschnitte, aber ein großes Ganzes, ein komplettes Puzzle wird es nie, denn es gibt keine Randteile. 

Und falls sich jetzt jemand fragt, weshalb ich ausgerechnet am Welt-Autismus-Tag mit Puzzleteilen daherkomme: Es ist meine selbstironische Art, mich mit dem Thema Puzzleteil als Symbol für Autismus auseinanderzusetzen und ja, ich weiß um die Problematik des Symbols an sich.

Bildquelle: Peggy_Marco (04.11.2015) URL https://pixabay.com/de/illustrations/puzzle-zusammenarbeit-gemeinsam-1020404/


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Verschwiegene Tatsachen

Morgen endet die Maßnahme Unterstützte Beschäftigung. Der Kostenträger hat im Rahmen des Anhörungsverfahrens nach meiner Stellungnahme eine erneute Stellungnahme vom IFD angefordert. In meinem letzten Beitrag zum Thema lag ich falsch, der IFD hat sich dann doch etwas mehr Mühe gegeben als nur ein paar Sätze marginal zu verändern. Laut der mir inzwischen vorliegenden Dokumentation meiner ehemaligen Qualifizierungstrainerin (QT) – sie arbeitet inzwischen nicht mehr bei diesem IFD – hatte diese mir bewusst nicht die richtige zweite Stellungnahme zugesendet.

In dieser hat sich die Bereichsleitung des IFD auf den letzten Metern noch einmal so richtig an mir abgearbeitet. Wohl um mich doch noch irgendwie loszuwerden, meine ich. Wie ich nach wie vor vermute, aus gekränkter Eitelkeit oder Neid, denn ein längerer Absatz in dieser Stellungnahme beschäftigt sich ausgiebig mit den beruflichen Qualifikationen, die insbesondere sie selbst hat. Die aber nicht an mein Studium der Erziehungswissenschaft heranreichen.

Eine befreundete, ebenfalls bloggende Autistin fasst das, was in dieser Stellungnahme getan wurde, sehr schön zusammen: „Man kann Klienten bewusst schlecht aussehen lassen, wenn man signifikante Tatsachen verschweigt“.

Ich hätte etliche QT, alle selbstverständlich sehr gut geeignet und erfahren im Umgang mit Autisten, verschlissen und es stelle sich die Frage, ob die Ursache tatsächlich in den Personen der QT zu suchen seien. Nicht sonderlich subtil. Leider fehlt signifikanter Kontext. Weil ich – wie auch in ihrer Stellungnahme an die DRV explizit von der Verfasserin bestätigt wird – ein sehr gutes Gedächtnis habe und mich an jedes Wort erinnern kann und deshalb mein Umfeld auch regelmäßig auf fehlerhafte Äußerungen hinweise, reiche ich den gerne noch nach.

Die Unmengen an kompetenten QTn, die mir zur Seite gestellt wurden, waren zwei. Plus sie selbst als Krankheitsvertretung und, nachdem sie es innerhalb kürzester Zeit geschafft hatte, die Vertretung „vollkommen an die Wand“ zu fahren, woraufhin sie offenbar intern beschloss, dass eine weitere Krankheitsvertretung versuchen sollte „das Kind aus dem Brunnen zu holen“ (Quellenangabe für die beiden wörtlichen Zitate: ebendiese Vertretung zu mir am 02.04.2020), noch eine QT. Eine nicht unerhebliche signifikante Tatsache ist, dass ausgerechnet diese von der Bereichsleitung installierte QT zwar die kompetenteste war, jedoch laut ihrer eigene Aussage mir gegenüber gar nicht in dem Bereich Unterstützte Beschäftigung arbeitete und sagte, dass sie mich nicht wirklich unterstützen könne, schon weil sie keine Entscheidungen treffen dürfe. Keine Ahnung, wie das gegenüber dem Kostenträger argumentativ vertreten worden wäre. In der Stellungnahme wurde diese Tatsache jedenfalls nicht erwähnt.

Beim Punkt unzureichende Flexibilität, die daran festgemacht wird, dass ich nicht außerhalb der vereinbarten Maßnahmezeiten für den IFD jederzeit erreichbar gewesen bin, weil ich E-Mails an mich nur innerhalb dieser Zeiten las, reiche ich für die im Arbeitsrecht offenbar Nachhilfebedarf habende Bereichsleitung gerne Folgendes nach: Die Frage der Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit hängt zum einen von der Berufsgruppe ab und zum anderen von der Position im Unternehmen. Als Teilnehmerin der Maßnahme Unterstützte Beschäftigung bin ich weder bei der Feuerwehr noch habe ich Bereitschaftsdienst noch bin ich eine Angestellte mit hoher Verantwortung und entsprechend hoher Vergütung. Ich muss also weder in meiner Freizeit noch im Urlaub erreichbar sein. Wenn es dem IFD nicht möglich war, mir zeitkritische Nachrichten während der vereinbarten Maßnahmezeiten zukommen zu lassen, dann hat meiner Ansicht nach eher der IFD ein organisatorisches Problem als ich das Problem unzureichende Flexibilität.

Dazu kommt die ja nun wirklich offensichtliche Unlogik der Argumentation. In ihrem Erstlingswerk werfen sie mir noch vor, meine Belastungsgrenzen nicht zu kennen. Ja was denn nu? Nicht rund um die Uhr erreichbar zu sein bzw. seine E-Mails zu lesen ist meiner Ansicht nach eine sinnvolle Möglichkeit, sich nicht zu überlasten, also ein gelungener Akt der Selbstfürsorge. Aber geschenkt – Logik ist schließlich eine autistische Stärke, es wäre vermessen von mir, diese Fähigkeit bei einer nichtautistischen Fachkraft vorauszusetzen. Insbesondere, da es mir ja laut dieser gesundheitsbedingt nicht möglich ist, auch in einem geschützten und begleiteten Rahmen so zu agieren, dass meine Talente gleichzeitig verwertbar und jedoch auch tragbar für den Arbeitgeber sind. Hach ja. Ich armes behindertes Hascherl.

Noch kurz zum Punkt Telefonate: Ich kann telefonieren und ich telefoniere auch – wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Dem Kostenträger gegenüber zu behaupten, ich würde hier falsche Angaben machen und als Beweis dafür ein Telefonat anzugeben, bei dem der IFD wegen des (wieder einmal – meine zweite QT war häufiger krankgeschrieben als ich) krankheitsbedingten Ausfalles meiner QT einen vereinbarten Termin 10 Minuten nach Beginn des Termins telefonisch absagte, verschweigt dann doch, wie ich meine, diese für das Verständnis sehr signifikante Tatsachen. Mal ganz abgesehen davon, dass in dieser gesamten erneuten Stellungnahme frappierend die Tatsache fehlt, dass in irgendeiner Weise Bezug auf mich als Autistin genommen wurde.

Naja, sie ist offensichtlich wirklich sehr kompetent und erfahren in der Betreuung von Autisten – der Blogbeitrag kann Spuren von Ironie enthalten. Aber sei es drum. Ändern kann ich es nicht, dass sie sich so verhält. Also lache ich darüber.

Bildquelle: geralt (12. Juni 2017) URL https://pixabay.com/de/illustrations/frage-wirklich-fragezeichen-zweifel-2392158/


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Autismus und komorbide Erkrankungen

Realitätsdiffusion als Grundlage für eine Angststörung?

Ich habe neben meiner Autismus-Diagnose gleichzeitig auch Angststörungen diagnostiziert bekommen. Angst begleitet mich schon mein Leben lang. Das wurde mit steigendem Alter nicht besser. Ich habe nach wie vor viele Ängste. Nur die Ängste veränderten sich über die Zeit. Manche irrationalen Ängste aus meiner Kindheit habe ich überwunden, manche erlebe ich heute noch genauso schlimm wie früher. Andere, sehr realistische Ängste sind mit steigendem Alter und dem wiederholten Scheitern an Anforderungen, denen man sich als Erwachsener gegenüberstehen sieht, dazu gekommen.

Woher kommen meine Ängste? Seitdem ich lesen kann, suche ich Antworten auf das Leben in Büchern. Dabei las ich schon sehr früh schwierige Bücher, Horrorgeschichten, SciFi / Fantasy, Selbsthilferatgeber, Psychologie- und Pädagogikbücher und Bücher mit gesellschaftskritischen Inhalten.

Für mich war meine Bücherwelt real. Ich habe da nie gelernt, in meinem Miterleben zu trennen zwischen echter Realität und fiktiver Realität. Ich glaube, ich habe damals großen Schaden an dem, was man Seele nennt, genommen, als ich H.P. Lovecraft und Edgar Allan Poe las. Schon weil ich manches von dem, was ich gelesen habe, bis heute nicht bewältigt habe. Ich kann es nur leider nicht vergessen. Innerlich abhaken als, ist ja nur ein Buchinhalt, keine Realität, Buch zuklappen und gut ist es, verschwindet im Nebel der Zeit, funktionierte damals nicht und funktioniert bis heute nicht. In meinem Kopf gibt es bei diesen Inhalten keine Nebel der Zeit. Ich konnte auch sehr selten mit jemandem darüber reden, weil ich auf kein Verständnis gestoßen bin. Du spinnst ja, ist doch nur ein Buch, waren noch die harmlosen Reaktionen, wenn ich versucht hatte, mit anderen über mein Erleben zu sprechen.

Schon als Kind habe ich mannigfaltige Ängste entwickelt. Ich traute mich nicht, eine Hand oder einen Fuß über die Bettkante hinaushängen zu lassen, letztendlich dann nicht mal mehr, irgendetwas von mir nicht unter der Bettdecke zu verstecken – im Sommer trotz massiver Schwitzattacken. Ich traute mich nicht, die Kellertüre aufzumachen und im Dunklen nach dem Lichtschalter zu tasten. Wenn mich meine Mutter in den Keller schickte, um etwas aus dem Vorrat zu holen, stand ich so massive Ängste aus, dass ich Angst hatte, dort unten im Keller ohnmächtig zu werden. Ich traute mich irgendwann nicht einmal mehr, an der Kellertüre vorbeizugehen, wenn ich alleine zu Hause war. Das sind in einem bestimmten Alter zwar normale Ängste, aber zu der Zeit war ich schon fast erwachsen.

Ich habe es offenbar bis heute nicht gelernt, die Realität von Fiktion zu trennen und komme außerdem mit vielen Dinge überhaupt nicht klar, ich kann sie einfach nicht verarbeiten. Nicht einmal im Traum.

Ich habe seit ich mich erinnere, Träume, die so realistisch sind, dass ich nach dem Aufwachen ziemlich lange brauche, um zu kapieren, dass die Dinge, die ich geträumt habe, nur im Traum geschehen sind. Bis heute verschwimmt das in meinem Kopf. Ich hatte eine Phase, von der zehnten Klasse bis zur Schwangerschaft (ab da starb dann immer eines meiner Kinder), in der ich das Phänomen erlebt habe, immer denselben Traum zu träumen, zwar mit Variationen der Landschaft bzw. des Gewässers, aber mit immer demselben Trauminhalt, nämlich Haien, die mich erwischten, sogar, wenn ich an Land stand. Das war wohl die Folge meines Versuches, so wie meine Klassenkameraden „Der Weiße Hai“ anzugucken, was mir nicht gelang, ich musste den Fernseher abschalten. Zum Glück kam dieser Traum irgendwann dann nicht mehr, aber die neuen Trauminhalte waren um nichts leichter zu ertragen. Ich erinnere mich an Dinge, die so nie geschehen sind, von denen ich nur träumte. Aber diese Erinnerungen sind mit allen Gefühlen da. Weil ich bis auf sehr wenige Ausnahmen, die ich an den Fingern meiner beiden Hände abzählen kann, ausschließlich Albträume, also Träume mit extrem bedrohlichem Inhalt oder Träume, in denen meine Kinder oder ich tatsächlich sterben habe, habe ich also sehr viele „Erinnerungen“ an traumatische Erlebnisse, die in meinem Kopf als reales Erleben gespeichert sind. Ich weiß zwar einige Zeit nach dem Aufwachen, dass es nie passiert ist, aber meine Gefühle wissen das nicht.

Ich kann bis heute keine Horrorfilme ansehen. Leider habe ich das als Jugendliche über die Methode „Versuch macht kluch“ herausgefunden. Als ich im Bett meiner Eltern Carrie – des Satans jüngste Tochter (wo am Ende des Films dann ihre Hand aus dem Grab kommt) angeguckt hatte, vor Angst schlotternd, ich wollte nach dem Film nicht alleine in meinem Zimmer schlafen, aber meine Eltern lachten über mich und meine Angst, hatte ich danach unglaublich viel Angst vor Friedhöfen. Bis heute gehe ich mit einem mulmigen Gefühl möglichst nicht allzu nah an Gräbern vorbei. Der Fehler, sich „Jurassic Park“ anzusehen, hat mir neben irrationalen Ängsten vor Tyrannosaurus Rex und vor allem vor Velociraptoren leider Bilder im Kopf beschert, die ich nie mehr losgebracht habe und die beim daran Denken enormes körperliches Unwohlsein und Angst in mir auslösen. Das gleiche passiert, wenn in Nichthorrorfilmen die Kamera zeigt, dass jemand ungesichert in großer Höhe oder an einem Abgrund steht, das schaffe ich nicht, ich muss dann wegschalten oder das Zimmer verlassen, weil ich so große Angst empfinde. Von „Alien“ habe ich aus Versehen eine einzige Szene gesehen und die verfolgt mich auch bis heute. Genau wie die Wesen aus H.P. Lovecrafts und Edgar Allan Poes Geschichten, die nur durch einen dünnen Schleier von unserer Wirklichkeit getrennt leben. Ich frage mich immer noch, wie die Autoren auf ihre Ideen kamen, wenn sie diese Wesen nicht selbst gesehen haben und ich befürchte, obwohl ich in einem Alter bin, in dem man das nicht mehr tun sollte, dass es solche Wesen wirklich gibt.

Unschön ist ein viel zu euphemistischer Begriff dafür, was die fehlende Fähigkeit, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, mit mir gemacht hat und nach wie vor mit mir macht. Gesund ist es nicht. Wegen dieser Realitätsdiffusion habe ich wohl schon sehr lange eine beschädigte Psyche. Ich glaube, dass meine fehlende Fähigkeit, trennscharf zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können, maßgeblich an der Entwicklung meiner Angststörungen beteiligt war.

Ich kann mir bei Filmen und Büchern noch so oft sagen, dass etwas nicht real ist. Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Autor oder Drehbuchschreiber solche Phantasien haben kann, bleibt die Angst davor, dass die Fiktion eben doch real ist. Und weil ich Zeitung lese, werden daneben sehr realistische Ängste genährt. Denn obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass man solche grausamen Dinge mit seinen Mitmenschen macht, wie ich sie in der Zeitung lese, lese ich doch tagtäglich von eben solchen für mich unvorstellbaren Dingen, die Menschen einander offenbar tatsächlich antun. Ist das nun ein Mangel an Vorstellungsvermögen bzw. Phantasie oder viel zu viel davon? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich mich Zeit meines Lebens vor allem Möglichen und Unmöglichen geängstigt habe und sich die Tatsache, dass ich ein überdurchschnittlich ängstlicher Mensch bin, wohl bis zu meinem Lebensende nicht ändern wird.

Bildquelle: Peggy_Marco (2015) URL https://pixabay.com/de/illustrations/angst-gefahr-schrecken-horror-1027574/


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Loyalität ist keine Einbahnstraße

Loyalität bedeutet, zu jemand anderem oder auch einer ganzen Gruppe oder einer Organisation zu stehen. Dazu müssen alle nicht einmal immer einer Meinung sein oder sämtliche Ziele superdupertoll finden. Loyalität jemandem oder etwas gegenüber zeigt man, indem man ihn oder das Etwas verteidigt und für ihn bzw. für dieses Etwas einsteht. Loyalität kann nicht erzwungen werden, sondern ist eine freiwillige Sache. Synonyme für Loyalität sind u. a. Anständigkeit, Zusammenhalt, Zuverlässigkeit, Fairness. Mit diesen Synonymen sollte jedem klar sein, dass Loyalität keine einseitige Sache sein darf und schon gar keine Sache, die bei Nichterfüllung geahndet wird. Loyalitätsverlust kommt auch nicht von ungefähr.

Sich loyal zu verhalten, wird immer dann schwierig, wenn man eigene Interessen zurückstellen müsste oder man persönliche Nachteile fürchtet. Loyalität meint jedoch insbesondere, in schwierigen Situationen zusammenzustehen. Deshalb ist es nicht in Ordnung von Verantwortlichen oder anderen Mitwirkenden eines Projektes, Loyalität den Verantwortliche und dem Projekt gegenüber zu erwarten, sich selbst aber nicht loyal zu verhalten, wenn ein Mitwirkender Unterstützung, zum Beispiel gegen Angriffe von außen benötigt, und sein eigenes nicht loyales Verhalten damit zu begründen, dass man schließlich „neutral“ bleiben müsse.

Es ist auch schlicht feige, sich intern an den, der loyale Unterstützung bräuchte zu wenden und ihm sein Mitgefühl zu bekunden, aber trotzdem nichts weiter zu tun, weil man sich damit ja nach außen sichtbar postionieren und angreifbar machen würde. Eine weitere gern genutzte Methode, um selbst nicht loyal handeln zu müssen ist, an das Verständnis des Loyalitätsbedürftigen zu appellieren, dass die eigene Reputation oder die einer Organisation, der man angehört, Schaden nähme, oder gar gemeinsame Ziele nicht erreicht werden könnten. Das ist besonders perfide, wenn man dahinter zusätzlich seine eigenen verfolgten Egoismen versteckt.

Mit all diesen oder ähnlichen Begründungen, weshalb die eine Seite leider, leider nicht loyal sein könne, wird der Loyalitätsbedürftigen alleine gelassen. Wenn der Alleingelassene in seiner Bedürftigkeit dann Hilfe von jemandem annimmt, der als Feind gesehen wird, wird er doppelt alleingelassen, wenn ihm deswegen das Vertrauen entzogen wird oder er fürderhin ebenfalls als zum Feind übergelaufen gesehen wird und ihm in der Folge fehlende Loyalität unterstellt wird.

Das ist nämlich der Gipfel an Doppelmoral.

Die eine Seite sollte meiner Ansicht nach erst einmal bei sich selbst schauen, warum derjenige sich überhaupt mit dem Feind eingelassen hat. Sie könnte sich selbstkritisch bewusstmachen, dass ihr aus denundjenen hachsowichtigen Gründen, für die sie um Verständnis geworben hatte, außer warmen Worten ein anständiges, zuverlässiges Zusammenhalten nicht möglich erschienen war. Sie könnte sich evtl. sogar freuen, dass sich jemand gefunden hat, der dem Alleingelassenen in seiner Notlage beistand. Zumindest, wenn sie Dritten gegenüber glaubwürdig beteuern möchte, dass ihr an dem Loyalitätsbedürftigen tatsächlich etwas gelegen hat.

Sich loyal zu verhalten ist keine Einbahnstraße. Wer das nicht verstanden hat, hat das Wesen von Loyalität nicht verstanden. Der braucht sich über Illoyalität ihm gegenüber nicht zu wundern. Und der sollte sich schon gar nicht selbstgerecht beschweren wie unfair ihm gegenüber gehandelt wird.

Bildquelle: MIH83 (2014) URL https://pixabay.com/de/photos/einbahnstraße-schild-straßenschild-580590/


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Reflektierende Gedanken zu Reflexionsfähigkeiten

Wie es weiterging mit meinem Versuch, über die Maßnahme Unterstützte Beschäftigung, angeboten von einem Integrationsfachdienst, am Arbeitsleben teilzuhaben.

Fachkräfte beim IFD haben vermutlich ihren Beruf gewählt, weil sie Menschen mit Behinderung helfen wollen – dachte ich. Mir ist natürlich klar, dass ich nicht erwarten kann, dass sich jeder Mitmensch mit dem Behinderungsbild Autismus auskennt. Auch wenn in letzter Zeit diese Thematik immer öfter in den Medien auftauchte. Wobei man da gut erkennen kann, dass es nach wie vor großen Aufklärungsbedarf gibt. Wenn ich jedoch bei einem Integrationsfachdienst aufschlage, der mich als Klientin unterstützen soll, dann erwarte ich von den mich betreuenden Fachkräften eigentlich zumindest grundlegende Kenntnisse zu meinem Behinderungsbild. Da es dort jedoch daran zu fehlen schien, hatte ich den Fachkräften, mit denen ich zu tun hatte, immer wieder versucht zu erklären, welche behinderungsbedingten Schwierigkeiten ich aus welchem Grund habe, damit sie mich und mein Verhalten bzw. meine Bedürfnisse verstehen konnten. Es zeigte sich, dass dies ein Fehler war, denn meine Erklärungen boten gleichzeitig Handlungsanleitungen, wie man mir effektiv das Leben schwermachen kann. Da ich ein reflektierender Mensch bin, gab ich meine Erklärungsversuche nach und nach auf.

Ich war mir über die Zeit nicht sicher, ob die Fachkräfte, die mir wegen meiner behinderungsbedingten Schwierigkeiten zur Seite gestellt worden waren, meine Äußerungen nicht verstehen wollten, weil es nicht in Ihr Weltbild passte, oder ob sie mich tatsächlich nicht verstehen konnten.

Wenn ich offen, direkt, ohne Blümchen drum herum meine Gedanken rückmeldete, und insbesondere, wenn ich etwas sagte, was meiner Ansicht nach schieflief, wurde dokumentiert: Die Klientin „schimpft über IFD“, „holt kurz Luft um sich furchtbar darüber aufzuregen,“, „empört sich furchtbar“, „hat nur geschimpft und war wütend“. Warum ich Kritik äußerte und weshalb ich mich so verhielt, also die Sachinhalte meiner Kritik und die Gründe meines manchmal tatsächlich unpassenden Tonfalls, für den ich mich jedoch stets entschuldigte, fehlten in der Dokumentation komplett. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch. Menschen mit Behinderung sind nicht automatisch „bessere“ oder „schlechtere“ Menschen, sondern genauso wie die Fachkräfte beim IFD einfach nur Menschen mit einer eigenen Persönlichkeit, die mit dazu beiträgt, wie man miteinander klarkommt. Mela Eckenfels (2020, Twitterthread) äußert dazu treffend: „Wenn Du [gemeint sind Unterstützer von Menschen mit Behinderung] höhere Wesen suchst, die nicht vor dem ersten Kaffee schlecht gelaunt sind, mach was mit Welpen.

Wenn ein Mensch mit Behinderung das Handeln einer Fachkraft kritisiert, ist das meines Erachtens jedoch keine Undankbarkeit oder fehlende Wertschätzung der Unterstützungsleistung und des Bemühens dieser Fachkraft, zu helfen. So wie ich das wahrnahm, erwarteten die mit mir beschäftigten Fachkräfte vom IFD jedoch von mir, dass ich mit Dankbarkeit dafür „bezahlen“ sollte, zufrieden mit dem sein sollte, was der IFD für mich tat. Was offenbar ausgeblendet wurde: Das was der IFD für mich tat, geschah nicht aus Gefälligkeit mir gegenüber. Ich hatte einen im §55 SGB IX gesetzlich geregelten Anspruch auf die Leistungen des IFD. Die Aufgaben und das Leistungsangebot des IFD sind aufgrund der Zielsetzung und der Zielgruppe umfassend formuliert (§192-198 SGB IX i.V.m. §185 Abs. 3 SGB IX).

Es ist meiner Ansicht nach wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass Unterstützung immer ein Machtgefälle bedeutet. Die Kunst in der sozialen Arbeit (selbstverständlich nicht nur dort) ist es, dieses Machtgefälle nicht auszunutzen. Meiner Beobachtung nach verstanden sich die Fachkräfte, mit denen ich seit April 2019 überwiegend zu tun hatte, jedoch anscheinend als höhergestellt, weil sie die Menschen waren, die unterstützten und ich der Mensch bin, der unterstützt werden hätte sollen. Damit schrieben sie mir eine bestimmte Rolle zu, die ich in ihren Augen aber nicht genau so bediente, wie sie sich das wohl vorgestellt hatten. Diese Fachkräfte glaubten (hoffentlich), mir nur Gutes zu tun. Sie glaubten offenkundig, mir überlegen zu sein in Ihrem Handeln und in ihrem Verhalten, weil ich wegen meiner „Krankheit“ (O-Ton), die Dinge nicht richtig sehen könne.

Ich meldete undankbarer Weise zurück, dass es ein Irrtum sei, zu glauben, dass nur bei mir, dem Menschen mit Behinderung, fehlerhaftes Handeln und Verhalten vorliegen könne. Auch mit meiner Wahrnehmung der Geschehnisse sei meiner Ansicht nach alles in Ordnung. Den Punkt mit der Krankheit richtigzustellen, sparte ich mir. Ich sagte, dass Verhalten immer einen Grund haben würde. Dass mein Verhalten also nicht aus dem Nichts käme, sondern von mir geäußerte Unzufriedenheit oder Kritik in kritikwürdigen Handlungen, Versäumnissen oder Schiefgelaufenem begründet läge. Um es wohlwollend zu formulieren: augenscheinlich zur Weiterbildung meiner Persönlichkeit wurde ich schließlich gebeten, schriftlich zu reflektieren. Die Motivation dahinter dürfte allerdings eine andere gewesen sein. Die von mir vermuteten Motive konnte ich nachvollziehen, gut heißen konnte ich sie nicht. Dies und dass ich einen konstruktiven Weg gefunden hätte, damit umzugehen, meldete ich dem IFD zurück.

Ein paar reflektierte Worte: Selbstverständlich gehört es zum Erfolg einer unterstützenden Maßnahme, zu reflektieren. Es ist der Sinn einer Reflexion, nach innen zu schauen, das eigene Verhalten zu prüfen und im besten Fall sich seine eigenen Motive des Handelns einzugestehen, sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu werden, sie zu akzeptieren und damit zu arbeiten. Reflektieren bedeutet, nachzusinnen, etwas zu durchdenken. Das tat und tue ich. Stetig. Nur ist das wohl eine ziemlich einseitige Angelegenheit gewesen.

Meine Reflexionen ergaben u. a. Folgendes: Es lief von Grund auf aus den falschen Motiven so, wie es lief, schon das System an sich war fehlerhaft. Ich bat meine Fachkraft darum, sich Gedanken zur ganzen Bedeutung und was dieses System für Auswirkungen auf ihre Arbeit hat, zu machen. Ich schrieb ihr, dass das Unterstützungssystem zur Teilhabe und zur Inklusion nur begrenzte Möglichkeiten zur Unterstützung vorhielte, was bedeuten würde, dass der Mensch mit Behinderung wenig Auswahl hat. Dass er u.U. keine Wahl hätte, als das zu nehmen, was ihm der Kostenträger anbiete oder er durch eigene Recherche bzw. Beratung an unterstützenden Maßnahmen finden könne. Der Mensch mit Behinderung käme also zum IFD und hoffe, dass ihm geholfen werden kann, dass er unterstützt wird in seinen Zielen, unterstützt wird, in eine Gesellschaft, die nicht inklusiv ist, integriert werden zu können. Seine Ziele würden jedoch von Vornherein mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kollidieren, denn der Mensch mit Behinderung wäre erst gar nicht zum IFD gekommen, wenn diese Rahmenbedingungen inklusiv gewesen wären.

Die Tragik dieses Unterstützungssystems für Menschen mit Behinderung sei, dass diejenigen, die unterstützen, nur Ihre Perspektive sähen. Also: sie bestimmten, was aus Ihrer Sicht gut für den Menschen mit Behinderung sei. Das Konzept der UB sei vermutlich ohne Beteiligung von denjenigen erstellt worden, denen die Maßnahme helfen solle. Integrationsfachdienste hätten die Aufgabe, Menschen mit Behinderung zu integrieren, ihnen im Fall der Maßnahme UB dabei zu helfen, am Arbeitsleben teilzuhaben. Ein IFD sei jedoch keine gemeinnützige Organisation, bei der es in erster Linie um das Wohl der Klienten ginge. Sondern der IFD sei als Wirtschaftsunternehmen zu verstehen, bei dem es demzufolge vorrangig darum ginge, wirtschaftliche Eigeninteressen im Fokus zu haben. Ich schrieb, dass es mir ein Anliegen sei, dass die Fachkräfte des IFD sich trotz dieses grundlegenden Systemfehlers klarmachen sollten, dass ihre eigenen Arbeitsplätze davon abhängen würden, dass es Menschen wie mich, Menschen mit Behinderung gäbe.

Ihre Aufgabe bestünde darin, mit mir zusammen eine für mich passende Arbeitsstelle „unter Berücksichtigung meiner Fähigkeiten und Fertigkeiten“ (Leistungsangebot „UB“. S. 1). zu finden. Es ginge nicht darum, mich einfach irgendwo unterzubringen, damit der IFD einen Erfolg vorzuweisen hätte. Meine Fachkraft könne sich dann dem nächsten Klienten widmen, ich aber hätte mein Ziel nicht erreicht und müsse die Konsequenzen eines solchen Vorgehens tragen. Ich bat darum, zu bedenken, was es bedeute und welche Konsequenzen sich daraus ergäben, dass der IFD mit Menschen arbeiten würden. Menschen, die durch das Handeln der Fachkräfte bleibende psychische Schäden davontragen könnten, die kaputtgehen könnten, deren Zukunftsaussichten behindert, ja sogar vernichtet werden könnten.

Ich hoffte, meine Fachkraft erreichen zu können und zum Nachdenken anzuregen. Denn leider gibt es Fälle, in denen eine Maßnahme erfolglos verläuft. In meinem Fall ist einer der Gründe, die maßgeblich dazu beitrugen, sicher die Corona-Pandemie, die die Suche nach einem Praktikumsplatz deutlich erschwerte. Allerdings bei Weitem nicht der einzige Grund. So wie sich mir die Lage darstelle, vermutete ich, dass im Abschlussbericht des IFD der fehlende Erfolg der Maßnahme nicht nur mit der Corona-Lage begründet werden würde, zumal die Auswirkungen der Pandemie erst im März 2020 begannen und der IFD laut Maßnahme-Beschreibung detailliert begründen hätte müssen, „weshalb die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht realisiert werden konnte“ (Leistungsangebot „UB“. S. 8). Warum ich auch hier im Irrealis/Konjunktiv II formuliere, wird am Ende dieses Blogbeitrages klar

Ich bat die für mich zuständige Fachkraft vor dem Schreiben meines und anderer Berichte von anderen Klienten darüber nachzudenken, dass der Grund für ein Scheitern immer im Außen gesucht wird. Dies sei zutiefst menschlich und hinge mit dem Selbstwert, dem Blinden Fleck1 in der Wahrnehmung des eigenen Selbst, unbewusst ablaufenden Abwehrmechanismen2 und überdies mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Fehlern zusammen. Da ich ein Mensch sei, würde auch ich erst einmal die Schuld im Außen suchen, bevor ich reflektierte. Durch Reflexion sei es jedoch nur begrenzt möglich, Abwehrmechanismen zu überwinden. Fachkräfte würden, da sie Menschen seien, die Schuld ebenfalls im Außen suchen – eines der von Fachkräften logischerweise bevorzugten Außen sei ich, die Klientin – ohne sich bewusst zu machen, dass ihr Verhalten genauso wie das meine dazu beigetragen hätte, dass eine Maßnahme erfolglos verlaufe und es zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen der Fachkraft und mir gekommen sei. Sie selbst würde beispielsweise die Schuld im Außen suchen, wenn sie das, was ich als deutlich verbesserungswürdige Organisation und Gewährleistung der sozialpädagogischen Begleitung im IFD, insbesondere bei der Krisenintervention, bezeichnet hatte, ausschließlich mit Dingen, auf die sie keinen Einfluss hatte, wie Krankheit oder Urlaub begründen würde.

Wobei seit über einem Jahr mantra-artig vordringlich die Corona-Pandemie für den fehlenden Maßnahmeerfolg von ihr bemüht wurde. Es ist sicher richtig, dass es die Corona-Pandemie dem IFD erschwert hatte, ihre Klienten zu unterstützen. Ich hatte jedoch mehrfach darauf hingewiesen, dass dies erst seit März 2020 als Begründung herhalten könne, dahinter eigene Versäumnisse zu verstecken und zeitlich davorliegende schiefgelaufenen Dinge nicht damit erklärt werden könnten. Die Corona-Pandemie hätte auch meiner Ansicht nach überhaupt nichts mit der Methodenauswahl des IFD zur Unterstützung des Klienten mit dem Zweck der Weiterentwicklung der Persönlichkeit zu tun, die eigentlich „an den individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten und an den persönlichen Bedürfnissen ausgerichtet“ (Leistungsangebot „UB“. S. 5) werden sollte, was in meinem Fall offensichtlich nicht passiert war. Kontinuierlich zu bewerten, ob die Anforderungen des Qualifizierungsplatzes teilnehmeradäquat gestaltet waren oder eine flexible Anpassung der Unterstützungsleistung an meine aktuellen Bedürfnisse, sei, wie so einiges andere, unterblieben. Ich bat den IFD darum, den Punkt 5. „Erprobung und Qualifizierung im Betrieb“ des Leistungsangebotes „UB“ durchzulesen. Ich bat darum, an mein zweites Praktikum zu denken und sich daran zu erinnern, dass mir der IFD als „letzten Versuch“ (O-Ton) einen Praktikumsplatz in einer Firma mit unzumutbarer Entfernung zu meinem Wohnort mit einer einfachen Fahrtzeit mit dem ÖPNV von deutlich mehr als 2 Stunden angeboten hatte. Meiner Meinung nach bestünde in all meinen aufgeführten Kritikpunkten keine Korrelation mit dem Virus. Ich wies darauf hin, dass meine Aufzählung nicht als Vorwurf intendiert sei, sondern der argumentativen Unterstützung meiner Reflexionsgedanken und dem Verständnis meiner Kritik dienen solle.

Ich schrieb meiner Fachkraft, dass ich hoffte, ihr sei ebenfalls bewusst, dass Folgendes bei fehlendem Erfolg in einer Maßnahme in Unterstützern quasi automatisiert ablaufen würde, weil es systemimmanent sei: Der Behinderte war schwierig, wir im IFD haben alles für ihn getan, es hat nichts gebracht. Ausgeblendet werden würde dabei, dass der IFD nur im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas getan hätte, und dass die Fachkräfte ihre Arbeit nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit tun, sondern weil sie dafür bezahlt werden. Den Rahmen des Möglichen definiere der IFD selbst, indem er die gesetzlichen Vorgaben so auslegen würde, dass maximaler Gewinn bei minimalem Ressourceneinsatz dabei herauskommen würde.

Vermutlich würden Fachkräfte es bedauern, wenn die Maßnahme bei einem Klienten erfolglos ende. Aber die Schuld dafür würde ausschließlich beim Klienten gesucht, die dürfe auch gar nicht bei sich selbst gesucht werden, denn das könnte den eigenen Arbeitsplatz gefährden. Mir sei bewusst, dass dies Auswirkungen auf jedwede Dokumentation in der (sozialen) Arbeit haben würde. Eine Fachkraft könne gar kein Interesse daran haben, schriftliche Beweise eines eigenen Fehlverhaltens oder Fehlhandelns zu hinterlassen. Für die Fachkraft sei eine erfolglos verlaufende Maßnahme auch nicht tragisch und habe keine Folgen, denn es gäbe immer wieder neue Klienten. Behinderte wüchsen ständig nach. Für einen behinderten Menschen könne eine erfolglos verlaufende Maßnahme aber auch zu einer Sackgasse werden, wenn die Unterstützung nicht gut liefe, wie der Klient es – aus Sicht des IFD selbstverständlich ungerechtfertigter Weise – behaupte, während die Fachkräfte selbst der festen Überzeugung sind, dem Klienten zu helfen. Für den Klienten seien die letztendlichen Konsequenzen aber unter Umständen katastrophal.

Was es für Konsequenzen hätte, dass Fachkräfte in unterstützenden Maßnahmen und Sachbearbeiter bei Kostenträgern in einer Machtposition seien, Klienten zu schaden, statt diese zu unterstützen, zeige die Schattenseiten des Systems. Ich betonte explizit, um Missverständnissen vorzubeugen, dass dies i.d.R. unabsichtlich passieren würde. Die überwiegende Mehrheit derer, die einen sozialen Beruf wählten, täten dies natürlich aus lauteren Motiven. Es gäbe nur sehr wenige, die darin Möglichkeiten sehen würden, ihre destruktive Persönlichkeit an anderen auszuleben. Von denen könne man ab und an in der Zeitung lesen. Ich würde sie auch nur der Vollständigkeit halber erwähnen.

Obiges ist ein kleiner Ausschnitt aus meinen schriftlich abgelieferten reflektierten Gedanken. Es war mein Weg, den ich gewählt hatte, um konstruktiv mit dieser von mir aus meiner Ansicht nach unlauteren Motiven schriftlich eingeforderten Reflexion umzugehen. Wie ging es weiter?

Auf Aufforderung der Rentenversicherung hat meine Fachkraft wenige Wochen später einen Zwischenbericht an den Kostenträger geschickt. In diesem wurde das Scheitern der Maßnahme ausschließlich mir, konkret meinen vom IFD als extrem eingeschränkt beschriebenen Kompetenzen, die erhebliche Auswirkungen auf meine Arbeitsleistung haben würden und insbesondere meiner fehlenden Kritik- und Reflexionsfähigkeit zugeschrieben. Das Maßnahmeziel sei nach Einschätzung des IFD nicht erreichbar und es werde empfohlen, die Maßnahme vorzeitig abzubrechen. Daraufhin erhielt ich ein Schreiben von der Rentenversicherung, in der ich zu einer Stellungnahme zu diesem Bericht aufgefordert wurde, bevor die Bewilligungsbescheide zur Maßnahme aufgehoben werden würden, was ich fristgerecht erledigte. Die Rentenversicherung forderte den IFD nach Erhalt meiner Stellungnahme zu einer weiteren ausführlichen Stellungnahme auf, damit über das weitere Vorgehen entschieden werden könne.

Ich hatte seit der Abgabe des ersten Berichtes im Dezember noch drei weitere Gespräche mit der für mich zuständigen Fachkraft vom IFD. Im letzten Gespräch sagte mir die Fachkraft, dass ich kritik- und reflexionsfähig sei und überdies über sehr viele personale, methodische und fachliche Kompetenzen verfügen würde. Der IFD sähe es aber so, dass ich nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden könne. Sie seien zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht vermittelbar sei und sie mir nicht weiterhelfen könnten. Ich antwortete daraufhin, dass ich akzeptiert hätte, dass der IFD das so sähe und mir nicht weiterhelfen könne. Ihre begeisterte Antwort war, dass diese Akzeptanz ein riesen Schritt sei und es gut sei, dass ich das so formulieren würde. Das bestätigte mir, dass die Unfähigkeit meiner Fachkraft nicht nur darin bestand, mich nicht verstehen zu wollen.

Weitere Bemerkungen aus diesem Gespräch ihrerseits waren: Ich sähe viele Dinge anders und würde die Schuld beim anderen sehen. Hiernach wiederholte sie nahezu wortgleich meine ihr von mir als Reflexion gesendeten und oben nachzulesenden Ausführungen dazu und versicherte mir, dass alle Menschen das täten – *Sarkasmusmodus an* hach, wer hätte das gedacht, etwas ist also hängengeblieben *Sarkasmusmodus aus*. Ich täte mir schwer, die Situation zu akzeptieren, aber das sei nun mal das Krankheitsbild. Ich dachte bei mir: ernsthaft? Autisten können Situationen nicht akzeptieren? Sie gab mir noch mit: Alles was uns leiden lässt, bringe uns weiter. Ich dachte mir dabei meinen Teil, den ich hier nicht wiedergeben möchte. Es täte ihr leid, dass es nicht geklappt hätte, aber es sei toll, dass ich das akzeptieren könne. Mein gedanklicher Sarkasmus nahm ungeahnte Ausmaße an. Sie würde den Abbruch der Maßnahme nicht als Verlust sehen, sondern als Gewinn, jeder lerne etwas daraus. Ich antwortete gedehnt: „Ja, das hoffe ich doch schwer, dass jeder etwas daraus lernt“. Ich befürchte, auch das hat sie falsch verstanden.

Der ausführliche Abschlussbericht wurde vom IFD bereits an die Rentenversicherung geschickt und ist ein weiteres Armutszeugnis nicht nur der Kritik- und Reflexionsfähigkeiten der Fachkräfte dieses Leistungsträgers, die mich hätten unterstützen sollen. Es handelt sich nämlich um in nahezu allen Teilen denselben Bericht, den der IFD bereits im Dezember an die Rentenversicherung geschickt hatte. Die für mich zuständige Fachkraft hat es immerhin fertiggebracht, in Zusammenarbeit mit ihrer Bereichsleitung einige wenige Sätze marginal umzuformulieren. Verschlimmbessert trifft es eher, jetzt wird mehrfach betont, dass es meine eigenen Worte seien, die sie wiedergäbe. Hach ja – so viel zur missbräuchlichen Verwertung meines Versuches, Fachkräften dieses IFD meinen Autismus zu erklären. Zu (un)guter Letzt: Unter anderem fehlt es mir jetzt nicht mehr nur an sozial-kommunikativen Kompetenzen, sondern gleich ganz an sozialen Kompetenzen.

Ich habe herzhaft gelacht. Wenn Reflexion im sozialpädagogischen Kontext als Methode eingesetzt wird, vordergründig, um den Klienten zu fördern, bedeutet es meiner Beobachtung und Erfahrung nach in Wirklichkeit oftmals, dass sich Fachkräfte im Grunde nur die eigene Arbeit und die fachlichen Kompetenzen bestätigen wollen und den Klienten dazu bringen wollen, einzusehen, dass sein Verhalten bzw. er selbst falsch ist. Dabei haben die Fachkräfte in dem IFD, von dem ich hoffte, unterstützt zu werden, offenbar vergessen, dass sie mir als Klientin etwas abverlangt haben, was Sie selbst nicht zu leisten bereit sind.

Ein unabsichtliches Handeln des IFD ist meinem Dafürhalten nach eher unwahrscheinlich, aber es kann ja auch alles ganz anders sein.

1 Der Begriff „Blinder Fleck“ wird im Johari-Fenster von Joseph Luft und Harry Ingham (1955) beschrieben und bezeichnet in der Sozialpsychologie diejenigen Teile des eigenen Selbst, die von einem Menschen nicht wahrgenommen werden. (Luft, J., & Ingham, H. (1955). The Johari window, a graphic model of interpersonal awareness. In: Proceedings of the western training laboratory in group development, Los Angeles: UCLA.)

2 In der Psychoanalyse werden die durch „Blinde Flecken“ erzeugte psychische Funktionen als Abwehrmechanismen (Freud, A., 1936/1964) bezeichnet. Abwehrmechanismen sind meist unbewusst ablaufende Reaktionen und dienen dazu, innerseelische und zwischenmenschliche Konflikte für die eigene Person entlastend zu regulieren. (Freud, A. (1936/64). Das Ich und seine Abwehrmechanismen. Kindler, München.)


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Camouflaging – wo zur Hölle ist es, das wahre Ich?

Die Frage nach dem Selbst, nach dem wahren Ich, nach dem, wer man eigentlich ist, beschäftigt jeden Menschen in seiner Entwicklung – zumeist irgendwann zwischen Jugend- und Erwachsenenalter entwickelt man zumindest eine Ahnung davon, was einen selbst ausmacht, wer man eigentlich ist. Autismus ist per Definition eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich nach außen insbesondere in den Bereichen der Wahrnehmungsverarbeitung und der Kommunikation zeigt. Aber der eigene Autismus kann sich nach innen auch in der Frage, wer man eigentlich ist, zeigen.

Eine Entwicklungsstörung meint nicht, dass überhaupt keine Entwicklung stattfindet oder möglich ist. Sondern, dass die Entwicklung anders verläuft, zum Beispiel langsamer. Aus meiner eigenen, selbstverständlich nicht generalisierbaren, Erfahrung heraus, kann ich bestätigen, dass die Entwicklung in bestimmten Bereichen sogar sehr viel länger dauert, als bei nichtautistischen Menschen. Dazu gehört u.a. auch die Entwicklung eines stabilen Selbst. Mit meinem heutigen Wissen verwundert es mich nicht, dass dies so ist. Wer sich selbst verleugnet, tut sich nun mal sehr schwer damit –logischerweise, wie ich finde – sein wahres Ich – wenn es so etwas überhaupt gibt – oder ein Selbst zu finden.

Ich habe bereits einige Therapieversuche hinter mir. Immer mal wieder bin ich von Therapeuten gefragt worden, wer ich bin. Ich wusste keine Antwort. Irgendwann sagte ich einem dieser Therapeuten verzweifelt, dass ich einfach nicht wissen würde, wer ich sei, ich hätte mich wohl unterwegs verloren oder gar nicht erst gefunden. Seither entwickelte ich unterschiedliche Hypothesen und Theorien, woran das wohl liegen könnte. So richtig erklären konnte ich es jedoch weder anderen noch mir selbst. Warum konnte ich so lange kein wirklich stabiles Selbst, kein wahres Ich entwickeln?

Als sehr kleines Kind habe ich versucht, ich zu sein. Meine Mutter beschrieb meine Versuche zusammenfassend folgendermaßen: „Du warst ein sehr stures Kind. Nein war dein Lieblingswort“. Ich habe es mit ausdauerndem Schreien, mit Weinen, mit Nein versucht und – ich scheiterte. Vorhersehbar, denn in meiner Kleinkindzeit war Gehorsam etwas, das Eltern von ihren Kindern einforderten. Gehorsam ist immer noch etwas, das die Gesellschaft bei Kindern und in anderen Kontexten als wertvolle Norm empfindet. Ich musste mich also anpassen, den Erwartungen meiner Eltern, der Gesellschaft entsprechen. Seither kämpfe ich ums Überleben, indem ich mich anpasse und streckenweise sogar komplett selbst verleugne. Vieles von dem, was ich mochte, was meinen Bedürfnissen entsprochen hätte, was ich wagte zu zeigen, wurde von meiner Umwelt abgewertet, als nicht genügend, falsch, befremdlich bewertet von denen, auf deren Unterstützung ich angewiesen war. Ich habe sehr früh gelernt, ein wie auch immer geartetes wahres Ich möglichst gut zu verstecken. Die meisten Dinge mache ich seit meiner Kindergartenzeit mit mir selbst aus.

Seither tarne ich mich auch. Das meint, dass ich sozusagen ein geheimes, zweites Erleben in mir selbst habe, nach außen hin aber so tue als ob. Schon absurd, dass Autisten das angeblich nicht können sollen. Ich würde eher sagen, dass ich in gewisser Weise eine Schauspielerin geworden bin. In gewisser Weise meint, dass ich nach wie vor weder Talent noch Ambitionen habe, auf einer Bühne zu stehen oder in einem Film mitzuspielen. Gesellschaftsspiele, bei denen man pantomimisch etwas darstellen soll, wecken in mir sofortige Fluchtimpulse. Aber ich schaue mir seit meiner Kindergartenzeit von anderen ab, wie die sich verhalten und kopiere sie. Später entwickelte ich die Theorie, dass das normal wäre. Dass diejenigen, die von Identität und Authentizität sprachen, falsch liegen würden. Ich dachte, jeder Mensch würde es so wie ich machen, indem er zum Beispiel die Art, wie ein beliebter Klassenkamerad lachte oder den Mund verzog, nachahmt. Ich war überzeugt davon, dass jeder ein Sammelsurium an kopiertem Verhalten sei, sich seine Identität über die Zeit zusammengesucht hatte und diese sich mit jedem neuen abgekupferten Verhalten demnach zeitlebens wandeln würde.

Andere sagten überdies Dinge, die mit ihrem Verhalten nicht zusammenpassten. Mir erschien so vieles um mich herum unsinnig oder absurd und ich verzweifelte schon damals an dem, was sie das ganz normale Leben nannten. Um mir das zu erklären, kam ich zu dem Schluss, dass die anderen wohl etwas vorspielten, was sie – so wie ich – in Wirklichkeit vollkommen anders empfanden. Schauspieler zu sein, wäre also in Ordnung und die Kunst, im Leben erfolgreich zu sein, läge darin, gut genug zu schauspielern. Im Lauf der Zeit habe ich mir viele Rollen erarbeitet, die ich samt zugehörigem Text vorspielen kann. Je nach Verfassung gelingt mir das mehr oder weniger gut. Meine verschiedenen Rollen erlebe ich aber bis heute nicht als „das bin ich selbst“, sondern als aufgesetzt.

Was hätte ich anderes tun sollen, als mir die Erfüllung meiner Bedürfnisse durch andere zu versagen, mein eigentliches Wesen zu verstecken und stattdessen die passenden Dinge vorzuspielen? In dem Dilemma gefangen, ohne jemanden an meiner Seite, auf mich allein gestellt, einfach nicht lebensfähig zu sein? Dass ich dringend auf Unterstützung angewiesen war, ahnte ich bereits früh. Damals konnte ich aber nicht klar benennen, weshalb. Ich wusste nur: ohne Familie ging es nicht. Als Jugendliche war mir klar: Nach der Schule zog man aus, um zu studieren – die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen, kam in meiner Welt nicht vor. Weil man damit seine Familie damit sozusagen verlor, zog man mit jemandem zusammen, gründete seine eigene Familie und ging arbeiten. Mir fehlte aber eine echte Vorstellung davon, wie das alles gehen sollte mit dem Erwachsenwerden. Vor allem das mit dem Arbeiten erschien mir als unmöglich. Kommuniziert habe ich das wie immer eher undiplomatisch. Mein Vater nahm es mir ziemlich übel, als ich bei einer der Unterhaltungen mit ihm darüber, was ich später mal arbeiten wolle, äußerte, dass ich nicht so blöd wie er sein würde, acht Stunden täglich in ein Büro zu gehen. Damals konnte ich nicht so recht nachvollziehen, weshalb er wütend wurde, heute ist mir das möglich.

Exkurs: Diese Aussage meinerseits erwies sich übrigens als selbsterfüllende Prophezeiung. Während meines Erststudiums hatte ich als Werkstudentin erste Erfahrungen mit der Arbeitswelt gesammelt. Diese Erfahrungen zeigten mir, dass ich tatsächlich nicht geschaffen zu sein schien für die Arbeit im Büro. Nur, dass dies nichts mit Blödheit zu tun hatte, sondern dass es mir schlicht nicht möglich war, wie mein Vater einen achtstündigen Bürotag durchzuhalten.

Ab dem jungen Erwachsenenalter war mir dann sonnenklar, dass es ohne Unterstützung nicht klappte. Ich sah mich nicht in der Lage, das ach so ganz normale Leben, das allen anderen anscheinend keine sonderlichen Schwierigkeiten zu bereiten schien, alleine zu bewältigen. Also suchte ich mir anfangs die nächstbeste, später zielstrebiger eine, auf die jeweilige Problemlage bezogen, mich unterstützende Person. Deren jeweilige Erwartungen ich dann erfüllt habe, erfüllen musste – damit ich deren Unterstützung nicht verlor. Denn dann war ich hilflos. Also passte ich mich an. Um jeden Preis.

Ich habe durch das Bemühen, meinen Autismus zu maskieren, zu kompensieren und mich an die nichtautistische Umwelt anzupassen, einen so großen Teil von meinem Selbst abgespalten, dass ich quasi aus zwei Teilen bestehe. Dem nach außen sichtbaren, dem angepassten Teil. Eine echte Alternative, den zweiten, den unangepassten inneren Teil oft nach außen zu zeigen, gab es nicht. Denn da bestand die Gefahr, ohne Unterstützung dazustehen und das war zu schrecklich, viel zu angsteinflößend, also habe ich diesen inneren Teil nach außen hin den größten Teil meines Lebens lieber nicht gezeigt. Und habe darüber mein wahres Ich über die lange Zeit offenbar so gut versteckt, dass ich es nicht einmal mehr selbst finden kann.

Dieses onimöse wahre Ich hätte ich sowieso zeitlebens verleugnen müssen, weil ich mich so unglaublich abgemüht habe, es richtig zu machen, allen Erwartungen zu entsprechen. Seit frühester Kindheit habe ich mit all meiner Kraft und meinem Vermögen die Erwartungen anderer erfüllt, oder zumindest versucht zu erfüllen, und bin immer noch so häufig und so jämmerlich darin gescheitert. Denn zu erkennen, dass ich falsch bin, so wie ich eigentlich bin, hat einfach nie gereicht, um richtig zu werden. Mir wird seit der Diagnose immer bewusster, dass ich mich zu einem Chamäleon entwickelt habe. Dass ich gegen meine innere Natur gelebt habe. Dass ich mich selbst vergewaltigte, Dinge tat, die mir nicht guttaten und von denen ich erst jetzt weiß, dass sie schädlich für mich waren.

Ab dem Alter, in dem Sex eine Rolle spielte, habe ich mich sogar im wörtlichen Sinn vergewaltigt. Ich hatte in meinem Bemühen, mir Wissen zu Beziehungen anzueignen, gelesen, dass der Unterschied zu einer freundschaftlichen Beziehung bei einer Paarbeziehung im Sex bestand. Ich dachte also, Sex wäre quasi eine Bezahlung für die Sicherheit, einen Menschen als festen, mir exklusiv zugehörigen Freund zu haben. Ich habe nach Kräften versucht, auch hier die Erwartungen zu erfüllen, indem ich mit aller Energie am Anfang einer Beziehung versuchte, Spaß an der Sache zu lernen, bzw. mich anpasste. Ich habe Dinge getan und erlebt, die so deutlich nicht „ich“ waren, dass die Erinnerung daran ungläubiges Kopfschütteln bei mir selbst hervorruft. In einer längeren Partnerschaft ließen sich meine Bedürfnisse in dieser Beziehung jedoch nicht unterdrücken. In sexueller Hinsicht habe ich deshalb die Erwartungen meiner Beziehungspartner an mich stets nach einiger Zeit zuverlässig enttäuscht.

In Studien ist zu lesen, dass Camouflaging gravierende gesundheitliche Folgen haben kann. Ich kann leider bestätigen, dass dies korrekt ist. Von sämtlichen möglichen Folgeerkrankungen sind in meiner Krankenakte je mindestens eines der aufgelisteten Beispiele vermerkt. Ich habe erst jetzt in seiner ganzen Tragweite begriffen, dass ich mein ganzes Leben lang die Entwicklung eines stabilen Ichs verpasst habe, weil ich die meiste Zeit nicht die sein habe können, die ich vielleicht gewesen wäre. Ich habe mehrfach gelesen, dass ich besser aufhören sollte, zu maskieren, damit es mir gesundheitlich bessergeht. Ich frage mich selbstironisch, ob es nicht ein Paradoxon an sich ist, wenn ich mich jetzt bemühen würde, den Erwartungen zu entsprechen, besser klarzukommen, indem ich mein autistisches Ich bin?

Wie würde ich wirklich leben wollen? Was bräuchte ich – nicht nur, um einigermaßen zufrieden und gesund leben zu können, sondern um ich zu sein? Was täte mir gut? Was sollte ich zukünftig lieber bleiben lassen? Diese Fragen kann ich immer noch nicht wirklich beantworten. Ich habe inzwischen bei den meisten Fragen zumindest eine vage Ahnung, traue mich jedoch die meiste Zeit nicht, auszuprobieren, ob meine Ahnung stimmt. Ich falle immer wieder in mein altbewährtes Muster zurück und passe mich reflexartig an, um mich hinterher zu ärgern, wieder eine Gelegenheit verpasst zu haben, meine eigentlichen Bedürfnisse zu äußern, frank und frei ich selbst zu sein – wer auch immer das zur Hölle ist.

Dank der Autismus-Diagnose weiß ich jetzt wenigstens, woran es liegt, dass ich den Eindruck hatte, kein wahres Ich entwickelt zu haben. Ich erkenne mehr und mehr, wo die Problematik von Camouflaging, dieses lebenslangen Bemühens, so wie die anderen zu sein, mich anzupassen, liegt. Ich erkenne die Vorteile, die es haben würde, authentisch zu sein. Nur, wie soll ich jetzt auf einmal dauerhaft mein wahres Ich zeigen, so ich denn tatsächlich irgendwo dann endlich so etwas wie ein stabiles, belastbares Ich finden sollte statt eines Chamäleons?

Bildquelle: dimitrisvetsikas1969. URL https://pixabay.com/de/photos/chamäleon-natur-reptil-tierwelt-3837131/


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Realitätsferne Erwartungen?

Habe ich realitätsferne Erwartungen an eine Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt oder die Maßnahme „Unterstützte Beschäftigung„?

Die Rentenversicherung möchte zum nächstmöglichen Zeitpunkt die Maßnahme „Unterstützte Beschäftigung“ abbrechen und den Bescheid über die Teilhabe am Arbeitsleben aufheben. Als Begründung wird angegeben, dass der IFD eine Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt als nicht erfolgversprechend ansieht, weil ich Erwartungen an einen Praktikumsbetrieb habe, die nach Einschätzung des IFD nicht die Realität am ersten Arbeitsmarkt widerspiegeln und ich die Zusammenarbeit mit dem IFD ablehne, wodurch eine tragfähige und vertrauensvolle Unterstützung nicht möglich ist.

Von dieser Begründung kann ich gerade noch nachvollziehen, dass meine Erwartungen evtl. tatsächlich nicht die Realität am ersten Arbeitsmarkt widerspiegeln, was allerdings eher ein Armutszeugnis für diese Realität, den IFD und zugleich für die Maßnahme zur Teilhabe am Arbeitsleben „Unterstützte Beschäftigung“ ist.

Dass ich angeblich eine Zusammenarbeit mit dem IFD ablehne, ist nach all den Versäumnissen und dem Vorgehen des IFD, mich um jeden Preis loszuwerden, einfach nur eine Frechheit.

Laut Leistungsangebot, das sich ja irgendwer überlegt haben muss, vermutlich am Schreibtisch fernab jeglicher Realität, sollte der IFD mir teilnehmeradäquate Erprobungs- und Qualifizierungsplätze zur Verfügung stellen, die im Hinblick auf meine Behinderung, Leistungsfähigkeit, Eignung und Neigung individuell geeignet sind.

Der IFD, respektive der mich betreuende Integrationsberater, hätte also einen Praktikumsplatz für mich suchen und finden müssen, der „angemessen und geeignet“ gewesen wäre, wie es als Ziel im § 55 (Abs. 1) SGB IX formuliert ist. Im Absatz 5 desselben Paragraphen steht, dass der IFD über „die erforderliche Leistungsfähigkeit verfügen [muss], um seine Aufgaben entsprechend den individuellen Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung erfüllen zu können“ (§ 55 (Abs. 5) SGB IX). Die mich betreuenden Integrationsberater waren während der gesamten 21 Monate Maßnahmedauer leider nicht in der Lage, mir auch nur einen einzigen Praktikumsplatz zur Verfügung zu stellen. Auf meine individuellen Bedürfnisse einzugehen, lag offenbar ebenfalls außerhalb ihrer Möglichkeiten.

Ich habe meine zwei Praktikumsstellen selbst gefunden. Der IFD reklamierte diese Leistung jedoch für sich, indem er diese Tatsache dem Kostenträger gegenüber wohlweislich verschweigt. Meine Integrationsberaterin sagte mir stets, dass sie mich unterstützen würde, an mich glauben würde und es an der Corona-Pandemie läge, dass es ihr nicht möglich sei, mir einen Praktikumsplatz zu vermitteln. Dem Kostenträger gegenüber behauptet der IFD jedoch: „Diverse Vorschläge des ifd wurden durch Frau Wanninger-Bachem auf Grund der unten beschriebenen Anforderungen an eine Stelle, verworfen“. Echt jetzt? Welche „diversen“ Vorschläge bitte, das wären ja dann mindestens zwei und was soll das Komma an dieser Stelle?

Laut dem Leistungsangebot hätte der IFD bei diesen zwei Praktika dann wenigstens die Gewährleistung für die ordnungsgemäße Durchführung übernehmen müssen. Insbesondere hätte für angemessene Bedingungen am Arbeitsplatz und die Sicherstellung der Betreuung und Begleitung gesorgt werden müssen. Und: Die Erprobungs- und Qualifizierungsplätze müssen grundsätzlich vom Wohnsitz des Teilnehmers im Rahmen der Zumutbarkeitsregelungen des § 140 SGB III erreichbar sein. Die täglichen Pendelzeiten zwischen der Wohnung und der Arbeitsstätte dürfen im Vergleich zur Arbeitszeit nicht unverhältnismäßig lang sein, im Gesetz stehen zwei bis zweieinhalb Stunden. Da meine Arbeitszeit täglich 5 Stunden betrug, hätte ich also maximal zwei Stunden Fahrtzeit hin und zurück zu einer Praktikumsstelle aufwenden dürfen. Beim ersten Praktikum betrug die einfache Fahrtzeit von Haustür zu Bürotür zweieinhalb Stunden. Seltsamerweise hatte der IFD aber keine Einwände. Soviel zum Umgang des IFD mit der gesetzlich vorgeschriebenen Zumutbarkeitsregelung.

Im Rahmen dieser Maßnahme sieht der IFD eine wöchentliche Begleitung und Betreuung der Teilnehmer vor. Einmal wöchentlich hätte der Integrationsberater eine Stunde lang mit mir sprechen sollen. Weil der IFD mit mir Home-Office vereinbart hatte, denn eine Anwesenheit in den nicht reizarmen Räumen des IFD erschien nicht zielführend, mal abgesehen davon, dass der IFD überhaupt keine freien Räume dafür gehabt hätte, kamen meine Integrationsberater bis Februar 2020 zu mir nach Hause. Seither fanden Gespräche per Skype statt – wenn sie denn stattfanden, denn leider erkrankte meine Integrationsberaterin des Öfteren längerfristig. Eine zuverlässige Krankheitsvertretung überforderte den IFD offensichtlich organisatorisch. Während der Praktikumszeiten hätten Gespräche auch bei Betriebsbesuchen stattfinden sollen. Die Realität: In den vier Monaten meines zweiten Praktikums gab es keinen einzigen Betriebsbesuch. Immerhin fünf Skype-Gespräche mit meiner Integrationsberaterin, die ersten sechs Wochen im Praktikum allerdings keines, das fünfte am letzten Tag des Praktikums. Und außerhalb meiner Arbeitszeit weitere fünf halbstündige Telefonate oder Skype-Gespräche mit der Vertretung der Vertretung, die laut eigener Aussage die „vollkommen an die Wand gefahrene Vertretung“ durch die Bereichsleitung übernommen hatte, um „das Kind aus dem Brunnen zu holen“ (RW). So viel zur Sicherstellung der Betreuung und Begleitung des IFD und zu einer tragfähigen Unterstützung.

Was mit angemessenen Bedingungen gemeint ist, hatte ein Amtsarzt des Kostenträgers DRV nach Aktenlage in Form eines Leistungsbildes zusammengestellt. Ich selbst hatte auf einer knappen DIN A4 Seite Beschwerden und Funktionsbeeinträchtigungen formuliert, die im Entlassbericht der medizinischen Rehabilitation mit aufgenommen wurden und die ebenfalls über diesen Amtsarzt an den IFD gingen. Ich habe demnach Einschränkungen meiner geistigen / psychischen Belastbarkeit. Angekreuzt sind unter diesem Punkt alle aufgeführten Unterpunkte. Dazu gehören, neben dem Anpassungs- und Umstellungsvermögen, der Publikumsverkehr, Arbeit unter Zeitdruck und das Reaktionsvermögen. Weitere Belastungsfaktoren sind u.a. Lärm, häufig wechselnde Arbeitszeiten und unregelmäßige Pausen.

Am ersten Praktikumsplatz hatte der IFD nicht viel zu tun, meine Integrationsberater waren im Betrieb redundant, denn die Firma war auf Autisten spezialisiert und hatte eine eigenen Jobcoach, mit dem ich wunderbar zurechtkam. Allerdings kam es zu kommunikativen Schwierigkeiten mit meinem Integrationsberater. Denn dessen Nichtbeachtung der Hinweise von mir und meinem Psychotherapeuten, wie auf meine behinderungsbedingten Bedürfnisse besser eingegangen werden könnte, gepaart mit seiner persönlichkeitsbedingten und deswegen nicht veränderbaren Art, unter Verwendung einer überwiegend bildreichen, ausschweifenden, metaphernlastigen Sprache mit vielfältigem Einsatz nonverbaler Signale zu kommunizieren, führten zu vielen Missverständnissen, beidseitig zu einem hohen Anstrengungslevel, bei mir zu massivem Stresserleben, zunehmender Frustration und der Befürchtung, den Maßnahmeerfolg zu gefährden. Ich versuchte in Absprache mit meinem mich unterstützenden Umfeld (Psychotherapeut, Ergotherapeutin, Netzwerk Autismus, Psychiaterin) zwei Monate lang diese Schwierigkeiten mit ihm zu bewältigen, indem ich ihm erklärte, was die Gespräche bei mir aus welchen behinderungsbedingten Gründen auslösten, ihm als Lösung vorschlug, die Gespräche zu verkürzen oder deren Häufigkeit zu reduzieren. Dies lehte er ab. Ich versuchte, ihm in einem Dreiergespräch mit der Unterstützung meines Psychotherapeuten zu erklären, wo die kommunikativen Schwierigkeiten lagen, weil ich hoffte, dass er meinem Therapeuten mehr Gehör und Glauben schenken würde. Tat er nicht. Nachdem meine Lösungsideen keinen Erfolg zeigten und ich keine andere Möglichkeit mehr sah, wandte ich mich daraufhin an die Bereichsleitung und bat darum, mir einen anderen Integrationsberater zuzuteilen. In einem Übergabegespräch wurde der Beraterwechsel besprochen. Es wurde vereinbart, dass zukünftig meine neue Integrationsberaterin mit mir zusammen die Dokumentation durchführen sollte. Diese Absprache wurde nie umgesetzt. Wie sich mir nach Erhalt der Akte zeigte leider, denn deren Dokumentation hat viel Luft nach oben (RW), sogar die Bereichsleitung äußert sich in der Dokumentation ähnlich (siehe Blogbeitrag Akteneinsicht). Angesprochen wurde zudem, dass ich eine schriftliche Zusage der DRV wegen einer Verlängerung der Maßnahme über die im ersten Bescheid bewilligten sechs Monate hinaus benötigen würde, da die fehlende längerfristige Planbarkeit mich sehr belastete. Mir wurde zugesichert, dass in der Maßnahme mehrere Praktika möglich seien und ich einen anderen Praktikumsplatz erhalten würde, sollte der erste Praktikumsbetrieb mich nicht einstellen. Der erste Integrationsberater hatte nämlich gemeint, die Maßnahme wäre für ihn gescheitert, wenn ich im ersten Praktikum scheitern würde. Meine behinderungsbedingten Bedürfnisse wurden besprochen, ebenso, dass mir Transparenz in der Zusammenarbeit wichtig ist und mir unbedingt genau das gesagt werden müsse, was gemeint sei. Die Bereichsleitung und meine neue Integrationsberaterin sicherten mir zu, dass dies beachtet werden würde. Die Realität sah dann aber anders aus.

Beim zweiten Praktikumsplatz hätte ich tatsächlich die Unterstützung meiner Integrationsberaterin benötigt. Nur: Unterstützung war da bei IFD gerade aus – gleich zu Beginn des Praktikums erkrankte meine Integrationsberaterin und hatte danach einen Unfall, so dass sie länger ausfiel. Deren Vertretung, ironischerweise ausgerechnet die Bereichsleitung, die sich angeblich gut mit Autismus auskennt, agierte ohne Rücksprache mit mir und mutete mir innerhalb kurzer Zeit dermaßen viele Hin- und Hers, die Weiterführung des Praktikums1 betreffend zu, dass ich einfach nicht mehr hinterherkam mit meiner Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit. Dies hätte nicht verwundern sollen, war es doch so im Leistungsbild vermerkt. Eigentlich hätte ich erwartet, von Seiten des IFD auf Verständnis zu stoßen. Dem war aber nicht so, im Gegenteil.

Wie zu erwarten war – ansonsten wäre ich schließlich erst gar nicht beim IFD vorstellig geworden – gab es etwas, mit dem ich Schwierigkeiten bekam, es hatte mit Ehrlichkeit zu tun. Ich erhielt in diesem Praktikum nämlich die Aufgabe, Werbung zu machen, statt mir Aufgaben zu geben, für die ich, wie sich zeigte, geeigneter gewesen wäre. Weil bei einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem IFD Offenheit wichtig ist, wandte ich mich also an meine Integrationsberaterin und deren Vertretung und erklärt, dass und warum ich die denkbar schlechteste Wahl unter allen Mitarbeitern sei, ausgerechnet im Marketing eingesetzt zu werden. Meine Integrationsberaterin half mir jedoch nicht, dem Praktikumsbetrieb gegenüber zu erklären, wo meine Schwierigkeiten bei dieser Aufgabe lagen, sondern sagte zu mir, ich solle durchhalten und darauf warten, dass ich für mich geeignetere Aufgaben erhalten würde. Also versuchte ich mich als Werbetexterin und arbeitete mich autodidaktisch in das Thema Marketing ein. Letztendlich wegen der Corona-Pandemie über einen längeren Zeitraum andauernd und ausschließlich, entgegen dem, was im Praktikumsvertrag vereinbart war, denn wie bei so vielem, waren plötzlich alle Pläne Makulatur. Die ganzen ungeplanten und unplanbaren Veränderungen waren für mich eine große Belastung, der Praktikumsbetrieb hatte verständlicherweise plötzlich ganz andere Sorgen, als sich großartig um das Praktikum zu kümmern, meine Ansprechpartnerin im Betrieb war in Kurzarbeit, die Mitarbeiter größtenteils nicht mehr im Büro, sondern im Home-Office, der Betrieb konnte mir keinen eigenen Schreibtisch mehr zur Verfügung stellen, die neue Corona-Realität hatte alles überrollt. Da das Wesen der Werbung nicht ist, die Wahrheit zu verkünden, sondern euphemistisch und realitätsfern Dinge, die man verkaufen möchte, anzupreisen, hatte ich massive Schwierigkeiten mit der Aufgabe. Ich erhielt dann glücklicherweise die Chance zu zeigen, wo meine Stärken liegen, indem ich die E-Learnings rewievte. Leider gab es davon noch nicht viele und so hätte ich nur wieder Werbung machen können. Weitere Hinderungsgründe, dieses Praktikum in die Länge zu ziehen, waren neben fehlenden Aufgaben, für die man mich einsetzen hätte können, die schwierige Situation für die Firma, die Präsenzfortbildungen und -seminare anbot, die plötzlich nicht mehr besucht werden durften. Eine Umstellung auf Online-Seminare war nicht so schnell möglich und die Entwicklung eines neuen Standbeines im E-Learning Bereich lag noch in den Anfängen. Es gab in absehbarer Zukunft also realistisch keine Anstellungsaussichten für mich, was ich dem IFD auch so mitteilte. Meine Integrationsberaterin zeigte vollstes Verständnis – was sich in der Akte aber leider ganz anders liest. Das Praktikum endete also nach vier Monaten ohne Anstellung, .

Meine Integrationsberaterin meinte, es sei jetzt wirklich blöd gelaufen. Wegen all der Vorkommnisse war ich inzwischen ziemlich frustriert und fühlte mich vom IFD in meinen Bedürfnissen weder gesehen noch ernstgenommen. Meine Integrationsberaterin war sich jedoch keiner eigenen Versäumnisse bewusst und meinte, der IFD hätte überhaupt nichts falsch gemacht, ich müsse nach vorne schauen und wir hätten Erkenntnisse gewonnen. Vor allem ich hatte realistischere Erkenntnisse gewonnen, denn ich hatte nach einem knappen halben Jahr Bitten endlich Einsicht in meine Akte erhalten. Die größte Erkenntnis war, dass es eine schlechte Idee von mir gewesen war, während der Maßnahme immer wieder Dinge, die im Leistungsangebot zur Maßnahme stehen, vom IFD einzufordern. Denn das war mir offenbar überaus übel genommen worden. Nachdem ich in der Akte lesen musste, dass meine in meinen Augen berechtigten, denn so stand es ja im Leistungsangebot und im Gesetz, und damit meiner Ansicht nach keineswegs unrealistischen Forderungen als Schimpfen über den IFD dokumentiert worden waren, sagte ich nichts mehr in diese Richtung, sondern fokussierte mich auf meine Recherche wegen evtl. passender Praktikums- bzw. Arbeitsstellen und meine anstehenden Bewerbungsgespräche, denn meine eigenen Bemühungen um eine Stelle hatten im Unterschied zu den Bemühungen meiner Integrationsberaterin trotz der Corona-Pandemie zu vier Einladungen zu Vorstellungsgesprächen geführt. Offenbar war dies meiner Integrationsberaterin aber auch nicht recht, denn sie bat mich Anfang November darum, ihr acht Reflexionsfragen, die durchaus sinnvoll klangen, schriftlich zu beantworten. In dieser E-Mail schrieb sie, stets bereit zu sein, mir Hilfe anzubieten und mich zu unterstützen. Da ich ihr aber trotz allem noch vertraute, denn sie hatte immer wieder gesagt, sie würde an mich glauben, ich hätte so viele Kompetenzen und berufliche Fähigkeiten, reflektierte ich also in den folgenden vier Wochen systematisch und intensiv. In CC setzte ich die Vertretung. Ich erhilet von dieser Lesebestätigungen. Eine Reaktion meiner Integrationsberaterin erhielt ich nicht – wie auch, meine Integrationsberaterin war wieder einmal erkrankt und die Vertretung sagte mir im einzigen knapp 15minütigen Telefongespräch, das während dieser Zeit stattfand, sie wolle sich nicht einmischen. In was einmischen? Ist es nicht die Aufgabe einer Vertretung, zu vertreten?

Am 01. Dezember erhielt ich dann einen ganzen Haufen Lesebestätigungen von meiner Integrationsberaterin. Ich schrieb ihr, dass ich mich freuen würde, dass sie wieder gesund sei und wir uns dann ja am Donnerstag bei unserem Skype-Termin über meine Reflexion unterhalten könnten. Meine Integrationsberaterin antwortete mir, sie sei diese Woche nicht im Haus, das Gespräch müsse ausfallen, von einer Vertretung war erst gar nicht die Rede. In der kommenden Woche solle es ein Gespräch mit der Bereichsleitung, ihr und mir geben, um zu klären, wie es weiterginge. Denn ich würde vom IFD mehr erwarten als dieser leisten könne. Deswegen sei ein Abbruch der Maßnahme das Beste. Aha, weil ich mich an diesem Tag ausgerechnet mit dem Thema Vertrauen und Ehrlichkeit reflexiv auseinandergesetzt hatte, schickte ich ihr geschockt meine Reflexion als Antwort. Am 07.12. erhielt ich nachmittags eine E-Mail, in der ein Gesprächstermin für den 10.12. um 17 Uhr vorgeschlagen wurde. Am 10.12. vormittags kam dann nochmals eine E-Mail, in dem mit mitgeteilt wurde, dass es statt eines Skype-Gesprächs ein Webex-Gespräch mit ihr, der Bereichsleitung, der Vertretung und mir gäbe, damit das „Abschlussgespräch“ klappt. Vorher hatte es meine Integrationsberaterin nicht für notwendig erachtet, mir mitzuteilen, dass dieses Gespräch das Abschlussgespräch sein sollte. Soviel zu Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit. Um 14:30 Uhr setzte der IFD dann noch einen drauf und schickte mir im Anhang einer E-Mail, in der stand, ich solle bis zum darauffolgenden Tag um 9:00 Uhr etwaige Änderungswünsche mitteilen, einen vernichtenden Bericht zur Kenntnisnahme. Mein Mann riet mir, ihn vor dem Gespräch nicht zu lesen. Das Gespräch selbst habe ich durchgestanden, wobei ich mich von meinem Mann unterstützen ließ, denn ich hielt es nicht für sinnvoll, alleine mit den drei Fachkräften des IFD zu sprechen, die im Umgang mit Autisten angeblich qualifiziert sind. In diesem Gespräch wurde mir ganz nebenbei gesagt, alles stünde im „Abschlussbericht“. Der Bericht des IFD ging trotz Interventionsversuch des Büros des bayrischen Behindertenbeauftragten noch am 11.12. an die DRV, angeblich laut Bereichsleitung wegen betrieblicher Abläufe. Mein Mann schrieb noch eine E-Mail an den Leiter des IFD und bat um ein klärendes Gespräch, dieser antwortete jedoch, dass das bisherige Vorgehen mit ihm abgestimmt gewesen sei. Laut Dokumentation des IFD, die mir inzwischen bis einschließlich 11.12. vorliegt, war übrigens mit der DRV vereinbart, bis spätestens 11.12. einen Bericht zu schicken. Zu einer vertrauensvollen Unterstützung durch den IFD hatte es weder gehört, mich darüber in Kenntnis zu setzen, noch mich über die Tatsache zu informieren, dass meine Integrationsberaterin schon am 30. Oktober mit der DRV telefoniert hatte, über was, hat sie selbstverständlich nicht dokumentiert. An dem Tag, an dem mich meine Integrationsberaterin darum bat, zu reflektieren, hatten wir davor ein Skype-Gespräch. Hierzu ist in der Akte zu lesen: „Ich spreche das Gespräch mit [Name der Sachbearbeiterin bei der DRV] nicht an“. Warum nur? Soviel zu einer tragfähigen und vertrauensvollen Unterstützung durch den IFD.

Der Bericht ging am 11.12. mit allen sachlichen Fehlern trotz meines mündlichen und schriftlichen Widerspruchs während und direkt nach dem letzten Skype-Gespräch an die DRV. Die mir in einem Brief vom 18.12., den ich erst am 23.12. im Briefkasten hatte, mitteilte, sie wolle die Maßnahme zum nächstmöglichen Zeitpunkt beenden. Dazu wurde mir eine äußerst realistische Frist (Achtung, kann Spuren von Sarkasmus enthalten) von zwei Wochen eingeräumt, mich zum Sachverhalt zu äußern. Ich dachte mir beim entsetzten Lesen: Frohe Weihnachten und Danke auch. Wie stellen sie sich das vor, ist das überhaupt zu schaffen mit all den Feiertagen?

Als meine „realitätsfernen Erwartungen“ an eine potentielle Stelle listet der IFD in seinem Bericht, den ich inzwischen gelesen habe übrigens auf:

  • Keine zu große Entfernung vom Wohnort: lange Anfahrtswege sind nicht möglich, da dies den Rahmen der täglichen Belastbarkeit sprengen würde
  • Erreichbarkeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln
  • Arbeitszeit 15 Stunden pro Woche auf 4 Tage verteilt (tatsächlich sind mit dem IFD 20 Stunden vereinbar gewesen, die ich während der gesamten Maßnahme auch leistete, streckenweise sogar mehr, wenn es im Betrieb notwendig war)
  • Nur zur Einarbeitung könne eine tägliche Anwesenheit im Betrieb gewährleistet werden, anschließend soll Homeoffice möglich sein
  • Während der Einarbeitung wird ein fester, reizarmer Arbeitsplatz benötigt, damit die Einhaltung der eigenen Ordnung gewährleistet ist; ein Großraumbüro sowie eine ungünstige Lage der Räumlichkeiten (z.B. an einer lauten Bahnstrecke) sind nicht geeignet
  • Bei einer Übernahme soll eine adäquate Bezahlung erfolgen

Wie auch der restliche Bericht, ist das eine Aneinanderreihung von aus dem Zusammenhang gerissenen Inhalten aus verschiedenen, vertrauensvollen Gesprächen mit meinen Integrationsberatern. Meine tatsächlichen Erwartungen an eine Arbeitsstelle sind:

  • Arbeitszeit 20 Stunden pro Woche auf 4 Tage verteilt mit flexiblen Arbeitszeiten, d.h. wenn es kurzfristig notwendig ist, mache ich Überstunden, die ich danach wieder abbauen kann. Sollte ich das Glück haben, mich in der Arbeit mit meinen Spezialinteressen beschäftigen zu können, dann sind mir evtl., bei sonst passenden Rahmenbedingungen, vermutlich auch mehr Wochenstunden möglich, was auszuprobieren wäre
  • eine zumutbare Entfernung vom Wohnort, idealerweise auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar oder baldmöglichst nach der Einarbeitung ein bis zwei Bürotage pro Woche und die restlichen Tage Arbeiten von zu Hause aus. Zumutbar regelt dabei das Gesetz. Für einen Arbeitgeber, der mir eine zu meinen Bedürfnissen passenden Arbeitsplatz und eine zu meinen Fähigkeiten passende Arbeitsaufgabe bietet, gehe ich gerne Kompromisse ein. Meine realistische Einschätzung dessen, was für mich langfristig an Fahrtzeit, Fahrweg bzw. Verkehrsmittel und Anwesenheit vor Ort leistbar ist, ist meiner Ansicht nach keine Verweigerung und kein realitätsfernes Luxusdenken, sondern ein dem Arbeitgeber gegenüber faires Vorgehen. Denn ich verkaufe meine Arbeitsleistung gegen Geld, d.h. ein Arbeitgeber hat ein Recht darauf, dass meine Leistungsfähigkeit möglichst hoch ist
  • eine möglichst reizarme Arbeitsumgebung. Wobei Reizarmut auch durch mich herstellbar ist, indem mir erlaubt wird, Kopfhörer bei der Arbeit zu tragen und z.B. das Licht an meine Bedürfnisse anzupassen, indem ich es auschalten darf oder eine abdunkelnde Brille tragen darf. Über das Integrationsamt könnte ein Arbeitgeber auch finanzielle Unterstützung für Hilfsmittel, wie Trennwände um meinen Schreibtisch oder abdunkelnde Jalousien beantragen
  • eine adäquate Bezahlung. Adäquat meint, dass ich ein meiner Arbeitsleistung und den mir entsehenden Fahrtkosten entsprechendes Gehalt erhalte, das zumindest oberhalb der Armutsgrenze ist und ich von diesem Gehalt leben könnte

Ich frage mich allen Ernstes, was daran so realitätsfern ist, dass es einer Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt entgegenstünde. Das, was tatsächlich realitätsfern ist, ist der Bericht, den der IFD an den Kostenträger geschickt hat, um mich zu exkludieren. Was leider der Realität entspricht, ist die Vorgehensweise des IFD und dass sowohl die Bereichsleitung als auch die Integrationsberaterin es ablehnen, mit mir konstruktiv zusammenzuarbeiten.

Wegen meiner eigenen Erfahrungen rate ich jedem Autisten dringend davon ab, sich der realitätsfernen Erwartung hinzugeben, von diesem IFD adäquat unterstützt zu werden. Es war außerdem offenbar realitätsfern, zu erwarten, dass dieser IFD einen teilnehmeradäquaten Erprobungs- und Qualifizierungsplatz zur Verfügung stellt, der im Hinblick auf meine Behinderung, Leistungsfähigkeit, Eignung und Neigung individuell geeignet ist. Was die Integrationsberater, die ich kennengelernt habe auszeichnet ist, dass sie die oftmals traurige Realität in Institutionen zur Unterstützung von Autisten widerspiegelten, entweder keine Ahnung von Autismus zu haben oder ihre Kenntnisse höchstens dazu einzusetzen, es einem Autisten möglichst schwer zu machen. Auch im Jahr 2020 nach in Kraft treten der UN-Behindertenrechtskonvention ist es also realitätsfern, von Fachkräften dieses Integrationsfachdienstes, die vom Kostenträger viel Geld dafür erhielten, mich zu unterstützen und zu integrieren, zu erwarten, dass auf meine behinderungsbedingten Eigenschaften, meine behinderungsbedingte Kommunikation und meine behinderungsbedingten Bedürfnisse eingegangen wird. Vielleicht ist es realitätsfern die Erwartung zu haben, dass nicht ausschließlich ich mich anpassen muss, meine Behinderung „überwinden“ muss, um integrationswürdig zu sein. Ich hoffe, es gibt Integrationsfachdienste, die ihrem Namen mehr Ehre machen. Der, der mich hätte unterstützen sollen, sollte sich eher Exklusionsfachdienst nennen, das wäre meiner Meinung nach realitätsnäher.

1 zu den Hin und Hers der Weiterführung des zweiten Praktikums: Vereinbart mit meiner Integrationsberaterin war, dass es in der zweiten Woche nach Beginn des Praktikums den ersten Betriebsbesuch durch sie geben sollte. Ich begann das Praktikum am 02.03. und erhielt am 05.03. von meiner Integrationsberaterin eine E-Mail, in der sie schrieb, dass sie bis 13.03. krank sei und die Bereichsleitung die Vertretung übernähme. Ich schickte, wie vorab vereinbart, per E-Mail eine Rückmeldung über die erste Woche im Praktikum, setzte diese mir benannte Vertretung in CC und beschrieb die Hinweise auf zu erwartende Schwierigkeiten bei der Einstellung in dieser Firma, die sich in der ersten Arbeitswoche ergeben hatten. Darauf erhielt ich eine automatische Antwort, dass die Vertretung abwesend sei.
Am 11.03. bat ich den IFD per E-Mail um Unterstützung, weil Vereinbarungen im Praktikumsvertrag nicht eingehalten wurden. Ich erhielt erneut eine automatische Antwort mit dem Inhalt, dass die Vertretung erst am 16.03. wieder da sei. Sie schrieb mir an diesem Tag und insistierte, dass es sinnvoller wäre, auf meine Integrationsberaterin zu warten, die ab nächster Woche wieder da sein würde. Falls das nicht der Fall wäre, könne sie mir ab 23.03. ihre Unterstützung anbieten.
Am 17.03. sagte mir der Praktikumsbetrieb, dass der Praktikumsvertrag nicht verlängert werden würde. Dieser war nur bis 31.03. vereinbart worden, weil die Verlängerung der Maßnahme vom Kostenträger noch nicht schriftlich vorlag. Ich teile dem IFD am 21.03. mit, dass das Praktikum Ende März enden würde. Außerdem, dass Planbarkeit für mich wichtig sei und ich Probleme mit ständigen Veränderungen haben würde. Lösungsvorschlag von mir für die restlichen Praktikumstage waren wegen der Corona-Lage Homeoffice und Skype-Gespräche mit dem IFD. Meine Integrationsberaterin solle sich bei mir per E-Mail melden, wenn sie wieder da sei. Der Praktikumsbetrieb stellte den Mitarbeitern frei, wegen der Corona-Pandemie von zu Hause aus zu arbeiten, was ich ab 23.03. tat.
Am 23.03. erhielt ich eine E-Mail von der Vertretung, dass der Praktikumsvertrag nun doch verlängert werden würde, sie habe dies mit dem Praktikumsbetrieb so vereinbart. Inzwischen hatte ich die Zeit ab dem Ende des Praktikums jedoch bereits geplant, denn ich plane immer im Voraus. Da ich an diesem Tag eine Videotherapiesitzung bei meinem Psychotherapeuten hatte, besprach ich meine Schwierigkeiten mit kurzfristigen Veränderungen mit ihm. Er riet mir, dem IFD per E-Mail mitzuteilen, dass, inwiefern und weshalb die in sehr kurzer Zeit kommunizierten diametralen Veränderungen, auf die ich mich nicht mehr einstellen konnte, mich belasteten. Dies tat ich noch am selben Tag und bat darum, mich mit einzubeziehen und nicht über meinen Kopf hinweg Entscheidungen zu treffen, denn transparente Entscheidungsprozesse würden es mir erleichtern, mit Veränderungen umzugehen.
Am Tag darauf antwortet mir die Vertretung, in CC setzte sie den Leiter des IFD, dessen Stellvertreterin und meine Integrationsberaterin. Zwei der Personen waren bislang nicht an der Kommunikation beteiligt, ich fragte mich, weshalb sie plötzlich in CC auftauchten. Die Vertretung schrieb, dass der IFD derzeit keine Unterstützung bieten könne und schlug vor, das Praktikum während der Corona-Pandemie auszusetzen. Ich sollte mitteilen, was eine akzeptable Lösung wäre.
Das Hin und Her wegen des Praktikums und die Corona-Pandemie hatte zur Folge, dass es für mich keinerlei Planungssicherheit gab. Ich hatte die Befürchtung, dass die Vertretung ohne vorherige Absprache mit mir im Praktikumsbetrieb anrufen könnte und das Praktikum abbrechen könnte, da sie geschrieben hatte, dass bei jedem der Handlungsschritte des IFD mein Einverständnis vorausgesetzt worden sei. Außerdem schrieb die Vertretung noch, dass sie in meine Worte hineininterpretiert hätte, dass es mein Wunsch sei, das Praktikum abzubrechen. Obwohl ich dem IFD mehrfach und schriftlich mitgeteilt hatte, dass ich sage/schreibe, was ich meine und obwohl die Vertretung angeblich hinreichend zur Betreuung von Autisten qualifiziert war.
Der E-Mailverlauf zeigte mir deutlich, dass ich paradoxerweise offensichtlich Unterstützung dabei benötigte, mit dem IFD, der eigentlich mich im Praktikumsbetrieb hätte unterstützen sollte und Fachkenntnis zu meiner Behinderung haben hätte sollen, zu kommunizieren.
Also schrieb mein Mann am 25.03. eine E-Mail an die Vertretung, den Leiter des IFD – denn die Vertretung hatte diesen ja in CC gesetzt – und den Praktikumsbetrieb. Er stellte klar, dass ich das Praktikum weiterführen wolle und versuchte, Klarheit in die ganze Kommunikation zu bringen und mir die Zeit zu verschaffen, die ich brauchte, um Entscheidungen treffen zu können bzw. überhaupt antworten zu können.
Doch schon am nächsten Tag erhielt ich eine E-Mail vom Praktikumsbetrieb, in der stand, dass sie in Absprache mit der Vertretung eine Vertragsverlängerung für 3 Monate aufsetzen werde, um Kontinuität sicherzustellen. Unterhalb ihres Mailtextes waren mehrere E-Mails zu lesen, aus denen ersichtlich wurde, dass es bereits seit dem Vortag Verhandlungen zwischen der Vertretung und dem Praktikumsbetrieb wegen des Praktikumsvertrages gegeben hatte, ohne dass ich davon in Kenntnis gesetzt worden wäre oder gefragt worden wäre, ob ich mit den Konditionen des Vertrages einverstanden bin. Was ich nicht gewesen wäre, denn mit meiner Integrationsberaterin war vereinbart, dass ich bei einer Verlängerung wieder zu einer Viertagewoche zurückkehren hätte können, weil sie mit dem Betrieb, ohne mich zu fragen, für März eine Fünftagewoche vereinbart hatte. Zudem war dadurch für mich erkennbar, dass die Vertretung mich zwar gefragt hatte, was eine akzeptable Lösung wäre, aber nicht einmal 24 Stunden auf eine Antwort von mir gewartet hatte, sondern zum wiederholten Mal ohne vorherige Rücksprache mit mir agierte. Obwohl sie selbst sich bei ihren Antworten auf meine dringenden Bitten um Unterstützung im schnellsten Fall zwei Tage Zeit gelassen hatte

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