SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Struktur für das autistische Ich

Über Strukturen hatte ich zwar hier schon einmal etwas geschrieben, aber das Thema beschäftigt mich immer wieder. Ich habe gut funktioniert, als es in meinem Leben noch strukturierende, mir Halt gebende und mich verpflichtende Rahmenbedingungen gab. Zu den Schulzeiten der Kinder waren das deren Stundenpläne, die mir vorgaben, wann für die gemeinsamen Mahlzeiten das Essen auf dem Tisch stehen musste und ich mich darum kümmern musste, dass der Haushalt lief. Dazu kamen die Aktivitäten, zu denen ich sie mit dem Auto fahren musste oder die Termine, die in Zusammenhang mit Gesundheit, Sozialkontakten und Schule anstanden. Die Jahre, in denen ich zusätzlich arbeitete, kamen meine Arbeitszeiten als von außen vorgegebene Struktur dazu.

Vor ein paar Wochen begann ich damit, die Datenmenge neu zu ordnen, die sich auf den diversen Speichermedien für meine digitalen Daten angesammelt hatte. Ich fand dabei erstaunlich viele Tabellen mit Wochenplänen, die über die Zeit mein Leben strukturiert hatten. Ich mag Tabellen, das war anhand der Dateimenge nicht zu leugnen. Die Tage sind auf so einem Plan in kleinschrittige Zeitabschnitte unterteilt und zur schnellen Orientierung sind die unterschiedlichen Tätigkeitskategorien stets farbig gekennzeichnet. Auf einem Plan gab es sogar Badzeiten für alle Familienmitglieder im Halbstundentakt. Auf manchen Plänen ist vermerkt, was es an jedem Tag der Woche jeweils zu essen geben soll. Zu anderen Zeiten hatte ich eine übergreifende Essenstabelle mit miteinander zu kombinierenden Gerichten. In einer zweimal wöchentlich stattfindenden Familienkonferenz wurden daraus die Gerichte ausgewählt, die sich die Familienmitglieder wünschten. Es ist interessant zu sehen, dass sich die bevorzugten Gerichte über die Zeit nur unwesentlich veränderten. Es gab stets einen Pfannkuchen- und mindestens einen Nudel-mit-Soßen-Tag. Seit einiger Zeit gibt es jetzt einen neu hinzugekommenen Sushi-Tag, der in dem Moment wieder aus dem Plan verschwinden wird, wenn der regelmäßige Termin in der Nähe des Restaurants wegfällt.

Nach dem Auszug der Kinder gab es für die Erstellung von verbindlichen Plänen, die den kompletten Tag strukturierten keine Notwendigkeit mehr und nachdem ich meine letzte Arbeitsstelle verloren hatte, existierte außer den wöchentlichen Therapieterminen überhaupt keine haltgebende Struktur mehr in meinem Leben. Ich bemerkte ziemlich bald, dass es mir damit nicht gut ging und erstellte mir neue Wochenpläne. Während der Zeit, als ich depressiv war, war es mir zwar nicht möglich, die Pläne einzuhalten. Seitdem die Depression mich nicht mehr so einschränkt, funktioniert es wieder.

Allerdings hat das Ganze zwei Seiten: Einesteils ist es ungemein entlastend, genau zu wissen, was ich den Tag über wann tun sollte, was für die Woche einzukaufen ist und nicht jeden Tag erst überlegen zu müssen, was ich kochen könnte. Andernteils belastet es mich auch, wenn ich den Plan nicht einhalte. Dabei ist es egal aus welchem Grund ich ihn nicht einhalten kann. Mein Stresserleben macht keinen Unterschied zwischen einem Arztbesuch, weil ich außerplanmäßig erkrankt bin oder einem nicht befolgten Plan, weil ich an dem Tag einfach keine Motivation aufbringe oder lieber etwas mache, das zu dem Zeitpunkt gar nicht auf dem Plan steht. Ich muss also gut abschätzen, wie viele außerhäusliche Aktivitäten ich einplanen darf, ohne überlastet zu sein und wie viel Zeit zur Erholung ich wahrscheinlich benötigen werde. Ob mir das gelungen ist, kann ich aber immer nur retrospektiv beurteilen.

Derzeit läuft es gut, ich schaffe es, an den meisten Tagen alle geplanten Dinge auch zu erledigen. Da ich meinen Tagesablauf tabellarisch dokumentiere, kann ich auswerten, welche Umstände dazu führen, dass ich den Plan nicht einhalte. In der Regel liegt es daran, dass unvorhergesehene Dinge passieren oder ich mir zu viel vorgenommen habe und länger brauche, bis ich mich von einer Überlastung erholt habe. In den letzten Wochen kam dazu, dass Termine wegen der Feiertage ausfielen oder der gewohnte Tagesablauf wegen Besuchen nicht einzuhalten war. Aber Weihnachten ist ja nun erst einmal zum Glück vorbei.

Insgesamt macht ein strukturierender Plan mein Leben einfacher, weil ich nicht mehr orientierungslos durch die Tage stolpere und die Sicherheit habe, nichts Wichtiges vergessen zu können. Die kommenden Wochen steht überwiegend Schreibtischarbeit für die Uni im aktuellen Wochenplan, weil ich die letzte Modulabschlussarbeit meines derzeitigen Studiums schreibe.

In dem Zusammenhang brachte ich auch endlich Ordnung in die Literatur, die ich für mein Studium bisher gesammelt hatte. Als Studierende habe ich den Vorteil, über die Universität kostenfrei Software zu erhalten. Dazu gehört auch ein Literaturverwaltungsprogramm, bei mir war das bisher Citavi. Leider hatte ich zu Beginn meines Studiums die verwendete Literatur nicht konsequent mit dieser Software verwaltet, sondern als PDF-Sammlung in diversen Unterordnern auf meiner Festplatte gespeichert. Wenn die Dateinamen alle notwendigen bibliografischen Angaben enthalten und sich in der richtigen Ordnerkategorie befinden, kann man sich zumindest bei einer überschaubaren Menge an Literatur auch mit einer Tabelle noch einigermaßen zurechtfinden. Mittlerweile habe ich dank meiner Sammelleidenschaft aber wirklich viele Literaturdateien. Ich pflege zwar seit dem Masterstudium neue Literatur überwiegend in Citavi ein, hatte jedoch zum einen mehrere Citavi-Projekte und zum anderen ein Kategoriensystem, das so umfangreich geworden war, dass ich dafür inzwischen selbst ein Verwaltungsprogramm gebraucht hätte. Also musste ich aufräumen. Bei der Gelegenheit entschloss ich mich dazu, alle bisher noch nicht in das Literaturverwaltungsprogramm aufgenommene Literaturdateien noch einzuarbeiten und dabei gleich die fehlenden bibliografischen Angaben einzupflegen.

Das klingt jetzt nach einem riesen Haufen Arbeit, aber an manchen Tagen ist es für mich genau das Richtige, stundenlang dazusitzen und Zeug zu sortieren. Das kann ich in der Vorratskammer nicht ständig machen, alle Vorräte befinden sich nach einem übersichtlichen System geordnet in passenden Behältern. Und alle Eierkartons stehen farblich und der Größe nach sortiert im Regal. Die analoge Bücherwand habe ich erst Anfang des Jahres komplett durchsortiert, einen Teil alphabetisch nach Autorennamen, andere Teile nach Genre und Thema oder Verlag, Coverfarbe und Größe – mein Bedürfnis nach Ordnung am PC auszuleben, bietet sich also an.

Um die digitale Büchersammlung zu ordnen, verwende ich die open-source Software Calibre. Neben der nützlichen Sortierfunktion mittels Kategorisierung über Serien und Verschlagwortung, die ich bei der riesigen Bibliothek unbedingt brauche, bietet das Programm den Vorteil, dass ich Metadaten zu den Büchern unkompliziert ergänzen und vor allem, dass ich damit meine Bücher in alle gängigen Formate konvertieren kann, um sie anschließend auf unterschiedlichen Lesegeräten zu lesen. Sehr hilfreich dafür, Struktur ins Leben zu bringen, hat sich für mich auch eine Gewohnheiten-App erwiesen, die meiner Vorliebe für grafische statistische Auswertungen entgegenkommt. Seitdem vergesse ich solche Sachen, wie alle zwei Wochen meine für den Winter eingelagerten Pflanzen zu gießen nicht mehr, was den Pflanzen sichtbar gut tut.

Mit Plänen und Softwareunterstützung kann ich so dafür sorgen, dass einigermaßen Ordnung herrscht im alltäglichen Chaos des Lebens. Denn Struktur und Ordnung sind wirklich wichtig, damit es meinem autistischen Ich gut geht.

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Emotionserkennung im Supermarkt

Ich hatte von der Ergotherapeutin, zu der ich seit Dezember gehe, vor Weihnachten die Hausaufgabe bekommen, beim Einkaufen eine Person zu beobachten, ihre Körpersprache und Mimik darauf zu interpretieren, welche Emotionen diese Person hat, bestenfalls noch in Kontakt zu kommen und über das Ganze einen Bericht zu schreiben.

Da ich eher selten Einkaufen gehe und zu Prokrastination neige, habe ich das heute erst erledigt. Im Auto bemerkte ich bei mir bereits Widerwillen wegen der Aufgabe. Ich verstehe, dass es Übungszwecken dienen soll, aber beim Einkaufen habe ich eigentlich nur das Ziel, meine Einkäufe möglichst schnell zu erledigen. Normalerweise trage ich Kopfhörer im Supermarkt, schon um das nervige Hintergrundgedudel und Gepiepe auszuschalten und auch, um die Gespräche nicht mit anhören zu müssen. Heute ging das ja nicht.

Als ich meinen Einkaufswagen durch die Eingangsschranke schieben wollte, blockierte die ein älterer Herr in herunterhängender Jeans und dunkelblauem Pullover, der sich an seinem Wagen festhielt und genau davor stehenblieb. Da ich ihn nur von hinten sah, konnte ich seine Mimik nicht erkennen. Nach einigen Sekunden wedelte er erstaunlicherweise in Richtung Kasse, diese Handbewegung sollte wohl jemanden herbeirufen. Es dauerte eine Weile, bevor eine ältere, in eine pinke Bluse und helle Pelzjacke gewandete Dame mit Perlenkette zu ihm schlurfte, wobei sie noch ein paar launige Worte mit der Kassiererin wechselte. Ich interpretierte: Beide waren wohl bereits im Laden gewesen, bevor sie beschlossen hatten, doch einen Einkaufswagen zu brauchen, den er dann holte, wobei seine Frau schon mal vorab durch den Laden ging und eventuell die Kassiererin kannte – weshalb sonst hätte sie mit dieser reden sollen? Die beiden begannen im Schneckentempo endlich den Eingang freimachend eine Diskussion miteinander und bogen in einen Gang ab. Ich beschloss, mir lieber eine Einzelperson für die Erledigung meiner Hausaufgabe zu suchen, wahrscheinlich wäre die schneller mit ihrem Einkauf fertig und ich somit schneller mit meiner Aufgabe.

Im ansonsten leeren Discounter stand ich dann erst einmal etwas verloren zwischen dem Gemüse und war wie immer überfordert vom bunten Angebot. Meiner Ansicht nach gibt es zu viel unterschiedliches Zeugs – ich persönlich brauche nicht mehr als zwei Sorten, eine billige und eine teure, und verstehe auch nicht, weshalb man im Januar unbedingt um die halbe Welt geflogene Früchte kaufen können muss. Es dauerte eine Weile, bevor eine weitere Kundin durch die Eingangstüre kam, die braune Stiefel, eine schwarze Hose und eine dunkelrote Jacke anhatte und eine Brille trug. Sie leerte zuerst einen schwarzen Beutel mit Altbatterien aus, bevor sie durch die grün leuchtende Schranke gehen wollte, die allerdings nicht aufmachte. Sie stockte, ging zwei Schritte zurück, versuchte es ein zweites Mal ohne Erfolg und wandte sich dann nach rechts, um die Schanke zu umgehen. Als sie drei Schritte gegangen war, öffnete sich die Schranke dann doch verspätet, sie drehte den Kopf und stockte wieder, was ich als Irritation interpretierte. Zeitgleich grüßte die Frau jemanden Richtung Kassenbereich und sagte noch etwas Unverständliches, wobei sie außer Sicht zwischen den Regalen verschwand. Mir war das Phänomen mit der unwilligen Schranke selbst schon passiert, ich registrierte erst da, dass ich nicht hätte sagen können, ob die Mimik der Frau irritiert aussah, sondern dass ich von mir auf sie geschlossen und ihr überhaupt nicht ins Gesicht gesehen hatte. In dem Moment kam ein einzelner Mann in Jeans und blauem Oberteil herein, der sich allerdings ebenfalls sofort nach rechts wandte und Richtung Kassen verschwand. Ich überlegte, den beiden zu folgen, meine benötigten Waren gab es aber in einem anderen Gang und Einkaufen musste ich schließlich. Ich beschloss, erst in meine Richtung zu gehen, ich würde beide wahrscheinlich irgendwo im Laden wiedersehen und könnte dann die Aufgabe erledigen.

Erst als ich meine Waren auf das Kassenband legte, fiel mir auf, dass ich vollumfänglich damit beschäftigt gewesen war, meine benötigten Sachen zusammenzusuchen und ich wohl unfähig war, meine Aufmerksamkeit zusätzlich noch auf die Beobachtung von Personen auszudehnen. Ich hatte nur eine Hilfskraft bewusst registriert, die leere Kartons aus den Kühlregalen räumte, weil ich ihr ausweichen musste. Daran, welche sonstigen Merkmale diese junge? männliche Person in Turnschuhen, Jeans, gelbem T-Shirt und blauem Sweater hatte oder gar welche Mimik, konnte ich mich nicht erinnern. Und auch nicht daran, ob mir die Frau oder der Mann von vorhin oder irgendwelche anderen Kunden begegnet waren. Scheinbar blendete ich beim Einkaufen andere Personen komplett aus oder ich war tatsächlich nicht fähig, mich auf mehr als eine Tätigkeit zu konzentrieren.

In Ermangelung anderer Personen, beschloss ich, die Kassiererin zum Subjekt meiner Aufgabe zu machen. Die kniete in heller Hose, Discounterkittel und grünem T-Shirt darunter mit dem Rücken zu mir auf dem Boden hinter ihrer Kasse und wischte irgendetwas auf. Dabei versprühte sie großzügig ein stark riechendes Putzmittel und teilte dem Boden mit, dass sie gleich für ihn da sei. Das schien eher an mich gerichtet zu sein, sonst war ja keiner da. Als sie sich aufrichtete und sich meinem Einkaufswagen zuwandte, führte sie weiter aus, dass so wenig los sei und sie deshalb die Zeit gut nutzen könne, auch mal überall sauberzumachen. Ich dachte mir, dass mich das nicht interessieren würde, sah, dass sie stark geschminkt war und wusste nicht, ob und was ich antworten sollte. Mir war vom Geruch des Putzmittels übel und ich versuchte, mich so weit als möglich davon wegzubewegen. Sie fing an die Waren, die ich in meinem Wagen gelassen hatte zu zählen. Hier war ich vorbereitet und sagte ihr die Gesamtanzahl der einzutippenden Waren und dass eine sich auf dem Band befände. Sie fragte, ob das alles dieselbe Sorte sei, wartete eine Antwort meinerseits jedoch nicht ab und begann selbst die Waren im Wagen nachzuzählen. Ich reichte ihr das Exemplar, das ich aufs Band gelegt hatte, sie zog es über die Kasse, griff sich die andersfarbige Tüte, zog auch diese darüber, während ich bemerkte, dass es wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde, woraufhin sie mir ins Wort fiel, um wortreich festzustellen, dass ich recht mit meiner Annahme hatte. Bei der letzten über den piepsenden Scanner gezogenen Ware sagte ich: „Aufrunden bitte, mit Karte“, woraufhin von rechts eine Stimme sagte: „Abrunden wäre mir lieber“. Die Kassiererin erwiderte, dass ich eine von zwei Kundinnen im Ort wäre, die diese Möglichkeit zum Spenden überhaupt nutzte. Ich versuchte, dem mittelalten? Mann (dunkelgrüne Jacke, braunbeige Hose), der seine Waren (Stangenweißbrot, ein Kopfsalat, zwei Becher Joghurt) nach mir aufs Band gelegt hatte und den ich soeben erst registriert hatte, zu erklären, dass der Vorteil der Aktion neben der guten Tat der überschaubaren Spende sei, keine Kupfermünzen zurückzuerhalten. Währenddessen sagte die Kassiererin mir den Betrag, fragte nach einer Deutschlandkarte, reichte mir den Kassenzettel zum Unterschreiben und unterhielt sich nebenbei weiter mit dem Mann. Weil ich unterschreiben musste, fehlte mir ein Teil des Gesprächs, erfahrungsgemäß wiederholen sich Personen aber oft. Als ich wieder zuhören konnte, äußerte der Mann gerade, dass er lieber die Möglichkeit des Abrundens wählen würde. Ich brachte mich wieder ins Gespräch ein, indem ich zu ihm im Hinausgehen meinte, dass er heute ausnahmsweise mal Aufrunden sagen solle, dann wären es immerhin drei Personen, die spenden würden. Ich weiß nicht, ob er das gehört hat und was er tatsächlich tat. Ich weiß nicht, welche Emotionen beide hatten. Ich war nur sehr erleichtert, endlich dem Gestank des Putzmittels zu entkommen.

Ziel der Ergotherapie ist es, besser mit meinen Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen. Ich vermute, dass es meiner Ergotherapeutin bei dieser Hausaufgabe darum geht, zu sehen, wie es um meine Emotionserkennung steht. Diese Aufgabe ist m. E. gut geeignet, um konkrete Beispiele für die Diagnosekriterien Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Qualitative Beeinträchtigungen der verbalen und nonverbalen Kommunikation zu finden. Die Reflexion solcher Aufgaben ermöglicht es mir, die Auswirkungen meiner Autismus-Spektrum-Störung zu erkennen.

Ich erinnere mich nicht an Dinge wie Details der Kleidung, Augen- und Haarfarbe oder Frisur der Personen, die ich beobachten konnte. Ich habe es zwar geschafft, mit zwei Personen gleichzeitig zu interagieren. Aber ich musste mich komplett auf die Gespräche konzentrieren und darauf, den Geruch des Putzmittels auszuhalten, um überhaupt sinnvolle Dinge von mir geben zu können. Die ganze Interaktionssituation hat mich ziemlich belastet, so dass ich keine Kapazität mehr hatte, überhaupt auf die Gesichter oder die Körpersprache zu achten. Ich habe keine Ahnung, welche Emotionen die Personen hatten und ich frage mich, wie ich das hätte erkennen können, ohne entweder einfach zu raten oder die Personen direkt nach ihren Gefühlen zu fragen. Ich weiß nicht, ob es ein erfolgreiches Gespräch war und welche Beweggründe die Personen hatten, mit mir zu sprechen. Meine Beweggründe sind mir klar: Ich hatte eine Aufgabe zu erledigen. Diese Aufgabe habe ich partiell erfüllt, immerhin bin ich sogar in Kontakt mit zwei Personen gekommen. Aber welche Emotionen diese Personen hatten, kann ich beim besten Willen nicht hineininterpretieren.

Diese Erkenntnis wird auch meine Grundhaltung nicht verändern: Ich werde wohl niemals von alleine auf die Idee kommen, mit anderen Personen in einem Supermarkt ins Gespräch zu kommen. Ich kenne sie nicht und selbst wenn ich jemanden kennen würde, würde ich diese Person wahrscheinlich nicht bemerken oder nicht wiedererkennen. In meinen Augen sind Gespräche mit Smalltalk Inhalt die Mühe nicht wert. Und die Emotionen mir wildfremder Menschen, denen ich wahrscheinlich nie mehr begegne, scheine ich erstens nur in eindeutigen Fällen zu erkennen und zweitens interessieren sie mich schlichtweg nicht.

Meine Ergotherapeutin wird wahrscheinlich freuen, dass ich zumindest bei mir selbst Emotionen erkenne: Einesteils machen mich die offenkundig vorhandenen Defizite in Emotionserkennung oder im Deuten von Körpersprache und Mimik traurig. Andernteils freue ich mich, mittlerweile zu sehen, welche Schwierigkeiten ich in solchen Situationen eigentlich habe. Emotionserkennung ist wichtig, keine Frage. Aber mittlerweile kann ich entscheiden, wann es sich für mich lohnt, Energie in Anpassungsleitungen zu stecken, ich sehe, welche Kompensationsmöglichkeiten ich habe und denke, dass ich meine eigenen Grenzen immer besser kennenlerne. Besser mit meinen autismusbedingten Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen, heißt für mich nicht, gegen meine Natur zu agieren. Schätze, ich sollte der Ergotherapeutin sagen, was ich durch diese Hausaufgabe gelernt habe: Es macht keinen Sinn, Einkäufe zusätzlich dadurch zu erschweren, Personen zu beobachten und mit ihnen zu reden. In Zukunft gehe ich wieder wie gewohnt durch den Supermarkt, höre Musik und habe meine Ruhe. Damit fühle ich mich definitiv besser, das habe ich zweifelsfrei erkannt.


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Diagnose-Odyssee

Ich hatte mich in den letzten viereinhalb Jahren wieder und wieder gefragt, weshalb bei uns der Autismus erst so spät erkannt wurde. In den Arztberichten, die sich auf unserem Weg durch die Institutionen ansammelten, ist unsere Odyssee nachzulesen. Ich hatte schon lange  neben meinen Alltagsschwierigkeiten zusätzlich psychopathologische Begleiterscheinungen. Und schon früh zeigten sich bei einem meiner Kinder Verhaltensbesonderheiten, auf die ich auch von Kindergarten und Schule hingewiesen wurde. Ich bin auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung von Arzt zu Arzt weitergereicht worden, habe auf eigene Initiative unterschiedliche Stellen aufgesucht, war sogar in Fachkliniken und Bezirkskrankenhäusern. Ich habe über Jahre immer und immer wieder dieselben Dinge berichtet. Auf der Suche nach Hilfe und einer Erklärung für all die Schwierigkeiten hat trotzdem keiner der Fachleute, die uns zu Gesicht bekamen, erkannt, dass bei meinem Kind und mir Autismus die Antwort auf all die Fragen ist.

Dabei waren die Anzeichen insbesondere bei meinem Kind alle da. Und das Schlimme ist, nicht nur es selbst, sondern auch ich als Mutter hatten stets mitgeteilt, was uns an seinem Verhalten als so anders aufgefallen war. Mein Kind berichtete, dass es sich als „anders“ als Gleichaltrige erleben würde, dass es immer schon abgelehnt werde und massiv gehänselt und geärgert werden würde. Ich erzählte in den Anamnesegesprächen davon, dass sich mein Kind immer schon stundenlang mit sich selbst beschäftigen konnte, am liebsten alleine spielte und dabei völlig in seiner eigenen Welt versunken sei. Dass es schon seit dem Kindergarten massive Probleme gezeigt hätte, sich in Gruppen zu integrieren und Menschenansammlungen meide. Ich erzählte ihnen, dass mein Kind nach meiner Einschätzung sehr viel Wut in sich habe. Und ich erzählte ihnen detailliert von meinen eigenen, ähnlichen Schwierigkeiten, weil in den Anamnesegesprächen auch danach gefragt wurde.

All die Anzeichen, die in den diversen Testungen und Untersuchungen und sogar in den Therapien auf Autismus hindeuten, sind ausführlich in unterschiedlichen Arztberichten dokumentiert. Aber keiner der Ärzte und Therapeuten hat jemals die richtigen Schlüsse aus all dem gezogen. Ich habe auf das Fachwissen der Fachleute vertraut und jede auf dem langen Weg erhaltene Erklärung für das auffällige Verhalten meines Kindes und für meine eigenen Schwierigkeiten im Leben akzeptiert. Aber nachdem ich mich nach dem Erhalt jeder Diagnose selbst in das jeweilige Thema eingelesen hatte, erkannte ich nach einiger Zeit, dass die Erklärung nur einen Teil der Fragen beantwortete, dass da etwas fehlte.

Wie konnte es passieren, dass keine Fachkraft jemals Autismus auch nur in Erwägung zog? Im Lauf der Jahre überwand mein Kind manche Schwierigkeiten, andere zogen sich durch sein gesamtes Leben und völlig neue kamen nach der Schulzeit hinzu. Wieso musste ich als Mutter erst selbst auf den Gedanken kommen, dass der Grund für die Schwierigkeiten meines Kindes darin liegen könnte, dass es autistisch ist? Ich studierte zu der Zeit Erziehungswissenschaft und hatte als Schwerpunkt im Nebenfach einige Psychologievorlesungen belegt. Ich weiß nicht mehr, welcher Fachartikel mich endlich auf die Idee brachte, meinem Kind den Rat zu geben, sich beim Netzwerk Autismus vorzustellen. Mittlerweile war es ja erwachsen, so dass es den Weg durch die Diagnostik selbst beschreiten musste. Als es mir das Ergebnis dieser Diagnostik mitteilte, erhielt ich endlich eine in meinen Augen stimmige Antwort, die mir nach 16 Jahren Odyssee erklärte, weshalb es ist, wie es ist.

Ich musste noch drei weitere Jahre warten, bis sich mit meiner eigenen Autismus-Diagnose auch meine lebenslang angesammelten Fragen beantworteten, weshalb ich solche Schwierigkeiten mit dem ganz „normalen“ Leben habe. In meinem Fall ist das eher entschuldbar: Als ich ein Kind war, gab es die Diagnose noch nicht. Und als ich als Erwachsene mit der Psychiatrie Bekanntschaft machte, landete ich in einer anderen Diagnose-Schublade in die etliche hochfunktionale erwachsene Frauen einsortiert wurden, weil nach dem damaligen Kenntnisstand Frauen mit Kindern und Beruf gar nicht autistisch sein konnten, aber deutlich erkennbar war, dass mit ihnen psychisch etwas ganz und gar nicht stimmte – irgendeine Diagnose müssen sie einem ja geben.

Mit meinem heutigen Wissen zum Thema Autismus und komorbiden Erkrankungen und den Erfahrungen, die ich gemacht habe, glaube ich nicht mehr, dass die Einschätzung von Fachleuten immer wahr ist. Ich gehe auch nicht mehr davon aus, dass alle über genügend Fachwissen verfügen. Auch Fachleute machen Fehler, wissen unter Umständen zu wenig darüber, wie unterschiedlich sich gerade Autismus zeigen kann. Leider halten manche Fachleute an überliefertem Wissen fest, das längst überholt, aber immer noch viel zu oft in der Literatur zu finden ist. Vielleicht fehlt es manchen an Fortbildungen, ich weiß es nicht. Aber die Folgen dieser Wissenslücken sind niederschmetternd.

Bei mir wurde jahrelang versucht, meine Schwierigkeiten mit vollkommen falschen Methoden und Ansätzen zu therapieren, was hohe Kosten im Gesundheitswesen verursachte. Schwerer wiegt, dass ich die Schuld für das Versagen der Therapien immer bei mir suchte und davon ausging, aus unerklärlichen Gründen therapieresistent zu sein. Am Schwersten wiegt für mich jedoch, dass mein Kind wegen dieser Wissenslücken mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang nicht die Unterstützung erhalten konnte, die ihm dabei helfen hätte können, besser im Leben zurechtzukommen.

Ich bin soeben dabei, all die verpassten Chancen abzutrauern. Und weil es so viele waren, könnte diese Trauerphase noch eine Weile dauern.


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2. Fachtag Autismus Rosenheim

Es war ein anstrengender, aber spannender Tag gestern in Rosenheim auf dem 2. Fachtag Autismus. Er begann nach einer vorangegangenen schlafreduzierten Nacht und dank deutscher Bundesbahn stressig. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass der Zug Verspätung hat, wenn ich ausnahmsweise einmal per öffentlichem Verkehrsmittel zu einer Veranstaltung fahren möchte. Also war ich nicht völlig unvorbereitet, als ich am Bahnhof die Verspätungsanzeige las. Weil bei uns aber nur ein Zug pro Stunde fährt, war die Auswahl an Alternativplänen von vornherein begrenzt. Aber dank Support von der Basis zu Hause kam ich letzten Endes noch vor dem pünktlichen Beginn der Veranstaltung im OVB-Medienforum an und konnte mich während der Fahrt einigermaßen erholen.

Das Programm am Samstag beinhaltete ausschließlich Vorträge von autistischen Referenten. Als erstes hielt Frau Dr. Christine Preißmann einen Vortrag mit dem Titel „Gut leben mit Autismus – Gut leben mit einem autistischen Kind“, sie nannte als Ziel, die andere Welt, die Welt von Autisten begreifbar zu machen und Möglichkeiten für ein gelingendes Leben zu finden. Nach einer kurzen Einführung zu Autismus ging sie ausführlich auf die Situation von Autisten und ihren Angehörigen ein. Sie beleuchtete vielschichtig die Probleme, die Angehörigen und Betroffenen nach der Diagnose und im weiteren Lebensverlauf begegnen können und nannte hilfreiche Maßnahmen, um mit diesen Problemlagen umzugehen. Dabei betonte sie die Notwendigkeit einer guten Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern bzw. Betroffenen. Am Ende zeigte sie mit Hilfe einer Fotodokumentation ihre Sicht auf Autismus in Bildern. In der anschließenden Fragerunde zeigte Frau Dr. Preißmann Möglichkeiten der therapeutischen Unterstützung auf und ermunterte das Publikum, bei Schwierigkeiten mit den Krankenkassen wegen der Kostenübernahme eine Musterklage anzustrengen. Dabei könne man sich wegen Unterstützung an den Bundesverband Autismus Deutschland e.V.  wenden.

Bei diesem ersten Vortrag gefielen mir die ruhig vorgetragenen, sachlichen Informationen, wobei Frau Dr. Preißmann erfreulich selten redundant Text von ihren unterstützenden Präsentationsfolien ablas. Die Folien gefielen mir weniger, was zum einen am farbigen Hintergrund und zum anderen an der großen Textmenge lag. Leider war es mir wegen dieser Informationsflut nicht möglich, all die interessanten Dinge auch zu lesen, die auf den Folien standen. Zum Glück gibt es aber die Möglichkeit, sich die Präsentation zusenden zu lassen, so dass ich das noch nachzuholen gedenke. Ich empfand diesen sehr interessanten Vortrag aber für mein Auffassungsvermögen als zu lang.

Nach einer Pause hielt Dr. Peter Schmidt, der den ganzen Tag anwesend war, einen eindrücklichen Vortrag über die Ausprägung seines eigenen Autismus. In der seine Beispiele begleitenden Präsentation zeigte er mit Hilfe von Metaphern, bildlichen Vergleichen und Fotos aus seinem Leben anschaulich, was Autismus für ihn bedeutet. Mir gefiel dabei besonders seine Erklärungen zum Thema Wahrnehmung anhand einer Aufnahme einer Siedlung aus großer Höhe, die er als Schwarz-Weiß-Foto und als Farbfoto nebeneinander auf einer Folie zeigte. Dem Publikum stellte er die Aufgabe, auf dem Schwarz-Weißbild die Swimmingpools zu erkennen. Unmittelbar war ersichtlich, wo die Schwierigkeiten liegen und was die Wahrnehmung von Autisten und Nichtautisten unterscheiden und warum autistische Wahrnehmung anstrengender ist. Seine Ausführungen zur Empathie waren zwar geprägt von einer egozentrischen Weltsicht, aber nachvollziehbar und eingängig. Sein lebendiger Vortragsstil und die Darstellung autistischen Verhaltens durch persönliche Bilder und anhand von Beispielen aus seiner Kindheit machten diesen unterhaltsamen Vortrag zu einem echten Highlight für mich. Leider kürzte er seinen Vortrag um einige Beispiele und Folien mit dem Hinweis auf die Zeitvorgabe, wobei im Programm nichts von festgesetzten Zeiten stand. Die anschließende Fragerunde war genauso unterhaltsam wie der Vortrag selbst. Kritisch sehe ich Dr. Schmidts Anspruch, Deutungshoheit zum Thema Autismus zu haben. Ich empfand seine Aussage, was seiner Ansicht nach nicht Autismus ist, zumindest als fragwürdig. Denn meiner Ansicht nach ist es wichtig zu betonen, dass Dr. Peter Schmidt viele Diagnosekriterien sicher bilderbuchmäßig erfüllt, aber auch er nur genau ein individuelles Beispiel für das weite Autismus-Spektrum ist.

Im Anschluss sprach Denise Linke zum Thema Inklusion auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen aus der Schulzeit. Für mich war ihr Vortrag unstrukturiert, informationsarm und irritierend und ich konnte inhaltlich nicht viel mitnehmen. Frau Linke verschwand direkt nach ihrem Vortrag und der einzigen Frage aus dem Publikum wieder durch die Saaltüre.

Zum Schluss stellten Marlies Hübner und Misha Vérollet ihr Internet Aufklärungs- und Informationsprojekt „AutismusFAQ“ vor, bei dem Autisten Fragen zu Autismus beantworten. Danach erläuterten sie mit einer gut gestalteten Präsentation, bei der mich nur die verwendeten PowerPoint Animationseffekte störten, ihre Idee einer alternativen grafischen Darstellung des autistischen Spektrums. Dies wurde anschließend noch mit dem Publikum diskutiert. Die Veranstaltung endete mit einer kurzen Lesung Marlies Hübners aus ihrem Buch „Verstörungstheorien – Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne“.

Eigentlich war ich bereits nach dem Vortrag von Dr. Peter Schmidt restlos erschöpft, aber auf so einer Veranstaltung gibt es wenig Möglichkeiten, sich zu regenerieren. In den Pausen ging ich bis auf eine interessante Unterhaltung mit Dr. Schmidt nach draußen oder setzte meine Kopfhörer auf, um Musik zu hören. Das half dabei, durchzuhalten. Ich bin mir im Vorfeld solcher Veranstaltungen natürlich darüber bewusst, dass es anstrengend wird. Der Besuch einer solchen Veranstaltung bedeutet, dass ich weit über meine Belastungsgrenzen hinausgehe. Aber den Preis dafür zahle ich gerne, denn nicht zu einer mich interessierenden Veranstaltung gehen ist keine Option. Ich möchte am Leben teilhaben, auch wenn ich den oder die darauf folgenden Tage ausschließlich damit zubringen muss, mich zu erholen. Und der Besuch des 2. Fachtages Autismus hat sich definitiv gelohnt.


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Die Sache mit der Akzeptanz

Mein Therapeut spricht öfter von Akzeptanz. Die mir in seinen Augen in einigen Bereichen fehlt. Unter anderem in Hinblick auf die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung und die inzwischen immer gravierenderen Folgen, die seither in Zusammenhang damit entstanden sind. Akzeptanz, was heißt das eigentlich? Laut Wikipedia ist es die freiwillige und aktive Bereitschaft, etwas zu akzeptieren, damit einverstanden zu sein, etwas hinzunehmen und das Gegenteil von Ablehnung. Erreicht werden kann Akzeptanz durch Verstehen, Ignoranz oder Resignation.

Im Fall der Diagnose habe ich den Weg des Verstehens gewählt und ich meine, sie akzeptiert zu haben. Ich habe mich freiwillig zur hiesigen Autismusambulanz begeben, um von Fachleuten beurteilen zu lassen, ob ich Autistin bin oder nicht. Gut, ich hatte die Diagnose nicht sofort freudig angenommen. Zweifel blieben, die ich neben anderen Zielen durch meinen Aufenthalt in der Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion zerstreuen wollte. Aber nachdem ich mich mit dem Thema auf zuerst sowohl anekdotischer als auch wissenschaftlicher, und nach dem Kennenlernen von mehr und mehr Autisten auch auf empirischer Basis intensiv beschäftigt habe, erkenne ich die Meinung der Fachärzte an, wohl tatsächlich zum Spektrum zu gehören. Ich weiß nicht inwiefern es einer Akzeptanz widerspricht, dass ich mir darüber bewusst bin, dass die Diagnose nur eine Zuschreibung ist, die dem derzeitigen medizinischen Kenntnisstand entspricht. Wer weiß schon, welche Diagnose ich in 15 Jahren erhalten würde? Meine Skepsis in Hinblick auf Diagnosen erscheint mir angesichts meiner Geschichte aber verständlich.

Diese Diagnose dient mir als zur Zeit beste Arbeitshypothese, um mir mein Verhalten zu erklären und viele Vorkommnisse retrospektiv besser zu verstehen. Ich muss mich nicht mehr verzweifelt fragen, was so falsch an mir ist. Sondern ich kann meinen Blick darauf richten, zu verstehen, wie ich bin und nachzuvollziehen, weshalb ich so bin, wie ich bin. Immer mehr rücken dabei für mich meine Stärken in den Vordergrund und ich sehe meine Schwächen nicht mehr als persönliches Versagen, sondern als nachvollziehbare Ergebnisse meines Lebens und meiner autistischen Wahrnehmung und deren Verarbeitung. An manchen Schwächen kann ich arbeiten, an anderen nicht. Die Akzeptanz der Diagnose erleichtert mir dabei die Unterscheidung, wo sich der Aufwand lohnt und sie erleichtert es mir, meine Begrenztheit dabei einzusehen.

Bei der Suche nach einer autistengerechten Arbeitsstelle und der Auseinandersetzung mit den Behörden ist die Akzeptanz schwieriger und ich muss eher den Weg der Resignation gehen. Immer und immer wieder Schwierigkeiten wegen fehlgeschlagener Kommunikation, Missverständnissen und Schwierigkeiten mit den sozialen Regeln am Arbeitsplatz zu bekommen, kann ich nicht ignorieren. Dass es so war, immer noch ist und wahrscheinlich auch in Zukunft so sein wird, muss ich annehmen. Ich musste hinnehmen, wieder einmal einen Arbeitsplatz zu verlieren. Die mir gegenüber vertretene Ansicht, dass ich selbst für meine Lebensumstände verantwortlich bin impliziert, dass ich etwas an diesen Umständen ändern kann. Beim Arbeitsplatz ist das so eine Sache. Akzeptanz bedeutet nämlich auch, dass ich die Realität, die mich umgibt, bewusst wahrnehme und sie anerkenne. Und ich nehme überaus bewusst wahr, dass es leider sehr wenig Arbeitsplätze gibt, die für mich passende Rahmenbedingungen haben. Ich muss anerkennen, dass ich dagegen eher nichts unternehmen kann. Ich kann offen mit der Diagnose umgehen und mich bei verfügbaren passenden Arbeitgebern wie auticon bewerben. Ich kann mich bemühen, mich soweit es mir möglich ist, anzupassen, allerdings möchte ich das nicht mehr auf Kosten meiner Gesundheit machen. Aber ansonsten kann ich an der Situation nichts ändern. Ich hoffe, dass sich in Zukunft etwas an der hohen Arbeitslosenquote von Autisten zum Besseren hin verändert und dass mehr Arbeitgeber Menschen wie mich einstellen wollen.

Ich habe akzeptiert, dass ich Unterstützung bei der Bewältigung dieses Teils meines Lebens benötige. Ich hatte deshalb auf Anraten der Arbeitsamt-Sachbearbeiterin freiwillig bei der Deutschen Rentenversicherung einen Antrag auf berufliche Rehabilitation gestellt. Das Ergebnis war zwar eine Bewilligung der Leistungen dem Grunde nach, aber ein Kampf um die Bewilligung einer Maßnahme bei einem potentiellen Arbeitgeber und neuerdings eine Umdeutung des Antrages auf Leistungen zur Teilhabe in einen Rentenantrag. Die Deutschen Rentenversicherung stellte aufgrund der vorliegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen und der damit verbundenen Funktionseinschränkungen eine rückwirkende volle Erwerbsminderung auf Zeit fest.

In etlichen Forenbeiträgen las ich, dass viele erfolglos darum kämpfen, eine solche Rente zu erhalten. Und mir wird sie einfach so gewährt. Mir ist klar, dass mein Ringen um Akzeptanz hier wie ein Luxusproblem erscheint. Aber mein Ziel beim Stellen des Antrages auf berufliche Teilhabe am Arbeitsleben war es, Unterstützung dabei zu erhalten, eine Stelle zu finden, die Rahmenbedingungen bietet, unter denen ich langfristig meine Leistungsfähigkeit erhalten kann. Ich will arbeiten, möchte meine umfangreichen Kenntnisse anwenden dürfen, weiß aber mittlerweile aus Erfahrung, dass das nur unter bestimmten Rahmenbedingungen möglich ist. Jetzt muss ich akzeptieren, dass eine Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz abgelehnt wurde. Die psychotherapeutisch verstandene Akzeptanz dieser Erwerbsminderungsrente als Akzeptanz des Unvermeidbaren fällt mir wirklich schwer. Denn ich selbst sehe die Unvermeidbarkeit nicht.

Was ich wahrnehme, ist mein begrenzter Einfluss auf die Entscheidungen der Behörden, die ich zu akzeptieren habe. In meinem Fall scheint der Grundsatz Reha vor Rente nicht zu gelten. Neben der resignativen Akzeptanz dieser Entscheidung erlaube ich mir, Wut darüber zu empfinden, dass es nach meinem Empfinden nur ums Geld geht. Zum einen hat die Krankenkasse ein Interesse daran, dass ich Rente erhalte, denn damit besteht ein Erstattungsanspruch gegenüber einem anderen Sozialversicherungsträger und sie muss kein Krankengeld mehr an mich zahlen. Zum anderen hat die Deutsche Rentenversicherung ebenfalls Interesse daran, denn mich in eine Erwerbsminderungsrente zu schicken, kostet die Solidargemeinschaft ihrer Ansicht nach nicht so viel, wie es kosten würde, mich dabei zu unterstützen, beruflich teilzuhaben. Die Behörden liegen meiner Ansicht nach aber falsch in ihrer Einschätzung, dass es billiger ist, mich nach § 116 Abs. 2 Nr. 2 SGB VI in Rente zu schicken. Eine verminderte Erwerbsfähigkeit habe ich bereits mein Leben lang. Aber ich habe nicht gar keine Erwerbsfähigkeit, sondern es wäre nur die Akzeptanz notwendig, dass es passende Rahmenbedingungen und eine gewisse Unterstützung braucht, sie zu finden, damit ich mein in manchen Bereichen überdurchschnittliches Leistungsvermögen gewinnbringend für die Solidargemeinschaft einbringen kann. Im Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, unverhofft Frührentnerin geworden zu sein, selbst wenn ich nicht verstehe, wieso. Die auch vorhandenen Vorteile zu sehen und das Beste daraus zu machen.

Als Resümee aber bleibt: Ich meine, dass nicht nur Akzeptanz von meiner Seite notwendig ist. Und ich meine, mir fehlt es gar nicht so sehr an Akzeptanz, sondern vielmehr an Handlungsmöglichkeiten.


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Zum online-Artikel: Gefährdete Inklusion: Der Umgang mit Asperger-Autismus

Zum Artikel Gefährdete Inklusion: Der Umgang mit Asperger-Autismus vom 12.10.2017  von Susanne Klein, Paul Munzinger

#Autismus und #(Nix)Inklusion scheint derzeit in den Medien ein beliebtes Thema zu sein. Grundsätzlich ist es ja zu begrüßen, dass mehr zum Thema Autismus berichtet wird, um vielleicht irgendwann in der fernen Zukunft alle Vorurteile ausgeräumt haben zu können, so dass jeder Autist, der mag auf eine Regelschule gehen kann, aber:

Was mich an dem Artikel wieder einmal stört ist die ausschließlich negative Sicht auf Autismus und dass überwiegend negative Fallbeispiele berichtet werden, die auch noch explizit als Leidensgeschichten bezeichnet werden. Es gibt nicht nur in skandinavischen Ländern, sondern auch in Deutschland positive Geschichten. Geschichten von Autisten, die erfolgreich Regelschulen durchlaufen haben. Solche Fälle gibt es – allein in unserer Familie zwei davon. Seltsam finde ich, dass über so etwas nie berichtet wird.

Ich beispielsweise gehöre zu einer Generation, in der es die Diagnose während meiner Schulzeit noch gar nicht gegeben hatte. Zudem gab es kaum Gruppenarbeit, Referate konnte ich bis zur Oberstufe erfolgreich umgehen, die mündliche Note zählte viel weniger als die schriftliche und Einzelgänger und Außenseitertum wurden eher geduldet. In meiner Generation muss es noch viele solcher „Erfolgsgeschichten“ geben. Denn Autismus ist ja kein neues Phänomen, auch wenn sich die Fachwelt nicht einig ist, welche Prävalenzzahlen gelten.

Für meinen Sohn war es beileibe nicht immer leicht, aber es hat funktioniert – irgendwie. Er erlebte bereits in der Grundschule z.T. massives Mobbing, fiel den Lehrern regelmäßig als untypisch und besonders auf. Es war nicht einfach, ich saß in ungezählten Sprechstunden Lehrkräften gegenüber, denen ich versuchte, sein Verhalten zu erklären. Vielleicht hat dabei geholfen, dass ich selbst Autistin bin. Ich traf auf Lehrer, die ihn akzeptierten und andere, die verlangten, er solle sich anpassen. Aber Sonderregelungen fanden sich auch jenseits von Inklusion letztendlich stets, während seiner Gymnasialzeit wurden wir glücklicherweise vom Schuldirektor selbst umfassend unterstützt. In der Abiturzeitung steht übrigens wörtlich: „…es bleibt ein Rätsel, ob er nicht doch von einem anderen Planeten kommt“.

Kein Lehrer und noch nicht einmal die Fachkräfte eines BKHs, das Kinder und Jugendliche diagnostiziert, kamen je auf die Idee, dass Autismus dahinterstecken könnte. In dem BKH waren wir neben einer anderen Testung u.a. auch wegen sozialer Schwierigkeiten. Er wurde erst als Student 2013 diagnostiziert. Meine Diagnose erhielt ich letztes Jahr.

Vielleicht lag unsere „Erfolgsgeschichte“ daran, dass keiner von uns während seiner Schulzeit eine Autismus-Spektrum-Störung Diagnose hatte. So konnte erst gar niemand auf den Gedanken verfallen, uns vom Unterricht auszuschließen oder darauf, dass die Regelschule unpassend für uns gewesen wäre. Ich kann natürlich nicht sagen, ob es andernfalls eine andere Geschichte geworden wäre.


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Ich bin Autistin, keine potentielle Gewalttäterin!

In der heutigen Ausgabe unserer Tageszeitung (Allgemeine Laber Zeitung; Samstag 07. Oktober 2017) las ich auf Seite 11 unter der Überschrift „Die drei Gutachten im Überblick: Krankheit als Antrieb“, dass der Täter des Münchner Amoklaufes im OEZ laut einem der Gutachter „Offensichtlich aus narzisstischer Kränkung und Empathielosigkeit (vermutlich wegen des Aspergersyndroms)“ die Tat begangen habe.

Seit Jahren wird in sozialen Medien (beispielsweise hier) von Betroffenen versucht, die Tragweite der medialen Berichterstattung begreiflich zu machen. Gefühlt jedes Mal, wenn in den Medien über einen Amoklauf berichtet wird, ist in irgendeiner Form auch die Rede von Autismus oder von damit assoziierten, sozial nicht akzeptierten Dingen, wie Einzelgänger sein, keine Freunde haben, zurückgezogen leben, exzessiv Computerspiele (hier vor allem immer wieder Ego-Shooter) spielen, Mobbing usw. usf.

Mich macht das einfach nur traurig. Und mutlos. Auch mein Sohn spielte sehr viel am Computer, war Einzelgänger und wurde in der Schule gemobbt. Ich erinnere mich daran, dass mir in der Schule beim Elternabend einmal eine Lehrkraft gegenübersaß, die mich allen Ernstes fragte, ob mein Sohn tatsächlich plane, die Welt zu vernichten? Ihr sei das von Mitschülern zugetragen worden. Sie mache sich Sorgen, zuzutrauen sei es ihm ja, intelligent wie er sei. Ich war damals völlig verblüfft und dachte mir im Stillen – eine studierte Gymnasiallehrkraft äußert so etwas, wie absurd ist das denn? Damals hatte mein Sohn noch keine Autismus-Diagnose. Aus heutiger Sicht bin ich direkt froh darüber. Leider zeigen mir diese Anekdote und der heutige Artikel, dass Anderssein grundsätzlich mit potentieller Gewalttätigkeit gleichgesetzt wird. Selbst bei einer Hochbegabung, die eigentlich doch positiv besetzt sein sollte, war diese Form des Andersseins einer Lehrkraft suspekt und führte zu einer solchen Zuschreibung.

Ich bin Autistin mit der ICD10-Diagnose F84.5 und mich beschäftigt dieser Artikel seit heute morgen. Die Formulierung ist spekulativ, wie das leicht zu überlesende Wort „vermutlich“ zeigt. Sie stellt aber einen angeblich fundierten Zusammenhang zwischen dem Amoklauf und Autismus her. Immerhin ist der Gutachter ein Professor und das Ganze steht in der Zeitung, das könnte viele Leser von der Korrektheit überzeugen. Unbeachtet bleibt dabei aber, dass der Gutachter aus der Aktenlage heraus begutachtet hat und offenbar gar nicht sicher ist, dass der Täter Autist war. Außerdem ist Autismus weder mit Narzissmus gleichzusetzen, noch sind Autisten generell empathielos. In meinen Augen ist die Formulierung diskriminierend, sie richtet sich gegen Inklusion und sie zementiert entgegen dem aktuellen Forschungsstand einen Mythos über Autismus.

Auf den heutigen Artikel habe ich mit der Redaktion der Zeitung Kontakt aufgenommen und meine Gedanken dazu mitgeteilt. Nur leider hilft das nicht gegen das durch solche Formulierungen weiterhin verbreitete Bild von Autisten als Menschen, vor denen man Angst haben muss – sie könnten ja beispielsweise Amok laufen. Zudem verhindern solche Artikel eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Offen mit meinen Diagnosen umzugehen, wird mir so schwergemacht. Ich befürchte, dass alle Versuche, gegen die Vorurteile vorzugehen und über das Wesen von Autimus aufzuklären, nichts gegen die durch solche Formulierungen in den Köpfen der Leser entstehenden Assoziationen ausrichten.

Ihr müsst mir also einfach glauben: Ich bin ein friedliebender Mensch. Ich bin Autistin, aber ich tue trotzdem niemandem Gewalt an.