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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Asperger im Studium – K(r)ampf um einen Nachteilsausgleich

In den Links (beispielsweise hier), auf die die Seiten der FUH verweisen, ist mehrfach explizit von Autismus und Asperger-Betroffenen als berechtigter behinderter Personenkreis für einen Nachteilsausgleich die Rede. Ich hatte in den Informationen des Studentenwerkes erfahren:

„Deshalb gilt: Studierende sollten möglichst frühzeitig Kontakt zu den Behindertenbeauftragten bzw. Beratungsstellen für Studierende mit Behinderungen und chronischenKrankheiten der Hochschulen oder Studentenwerke aufnehmen. Hier gibt es nebenallgemeinen Informationen zum Thema Nachteilsausgleich bei Bedarf Beratung zu Art und Umfang der individuell notwendigen Prüfungs- und Studiengangmodifikationen und zum Beantragungsverfahren“ (S. 97).“

Ich hatte mich zeitnah nach Kenntnis meiner Beeinträchtigung -da ich meine Diagnose erst dieses Jahr erhalten habe also erst mitten im Studium – an die Hochschulbeauftragte für Behinderte und chronisch kranke Studierende der FUH gewandt. Ich bat dort um eine solche Beratung, die meine Schwierigkeiten, mich in eigener Sache zu vertreten, berücksichtigt. Ich bat um Hilfe bei der Frage, an wen ich mich wenden sollte und um Information, was konkret und bitte in für mich nachvollziehbaren Einzelschritten ich tun sollte. Sie schickte mir als Unterstützungsmaßnahme den Leitfaden der FUH zum Nachteilsausgleich und verwies mich an meine Ärztin wegen der Möglichkeit einer Studienassistenz weiter.

Ich hatte dann einen formal korrekten Antrag auf Nachteilsausgleich gestellt. Und gestern habe ich schriftlich den Ablehnungsbescheid des Prüfungsamtes erhalten. Die Sachbearbeiterin teilte mir vorab per E-Mail mit, was die Leiterin des Prüfungsamtes entschieden hat. Eine Professorin der FUH, die sich dank einer Kommilitonin ebenfalls der Sache annahm, riet mir zuvor, dass ich mich für die Prüfungen anmelden solle, sie würde nochmal mit der Leiterin des Prüfungsamtes wegen der Ablehnung reden. Ich habe mich also rechtzeitig vor Fristende für die Module M6 und M7 zur Prüfung angemeldet. Das Reden hat aber wohl auch nichts genutzt. Jetzt habe ich also eine offizielle Ablehnung meines Antrages auf Nachteilsausgleich (mit demselben Text, wie der aus der E-Mail von der Sachbearbeiterin) mit folgendem Wortlaut als Weihnachtsgeschenk erhalten:

„nach eingehender Prüfung Ihres Antrags zum Nachteilsausgleich vom 13.12.2016 für die Module 6, 7 und die Masterarbeit mit beiliegendem Attest muss ich Ihnen mitteilen: Die fehlende oder reduzierte Filterung von Reizen sowie die Priorisierungsmängel liegen – wie auch aus dem Attest hervorgeht – in einer persönlichkeitsbedingten Eigenschaft (Asperger-Syndrom) begründet. Eine Veränderung der Prüfungsanforderungen würde bei einer solchen generellen Einschränkung der Leistungsfähigkeit den Aussagewert des Ergebnisses der Leistungskontrolle verfälschen, so dass die  Antragstellung eine Ablehnung des Antrags in der gestellten Form ergeben hat. Hausarbeiten und die Abschlussarbeit können grundsätzlich im eigenen häuslichen Umfeld bei relativ flexibler Zeiteinteilung bearbeitet werden. Sich – wie von Frau XYZ angeregt – bei der zuständigen Stelle über die Möglichkeit einer Studienassistenz zu informieren, halte ich für sinnvoll.“

Neben der Hochschulbeauftragten für Behinderte und chronisch kranke Studierende meint also auch das Prüfungsamt, dass die Lösung in einer Studienassistenz läge. Die nette Frau vom Netzwerk Autismus meinte allerdings auf meine Nachfrage, was einen Studienassistenz eigentlich wäre und inwiefern mir das nutzen könne, das käme für mich nicht in Frage. Meine Ärztin hat mich in dieser Frage an die FUH zurückverwiesen, weil ihrer Aussage nach die die zuständige Stelle sind. Ich bin ratlos. Ich werde also von A nach B geschickt und B schickt mich zurück zu A. Wer ist denn eigentlich tatsächlich die zuständige Stelle für die Beantragung einer Studienassistenz? Wieso sagt mir das keiner an der FUH, nicht mal die Hochschulbeauftragte für Behinderte und chronisch kranke Studierende weiß es? Wie und vor allem wo kann ich das überhaupt herausfinden? An wen kann ich mich jetzt eigentlich noch wenden?

Meine Ärztin, die das fachärztliche Attest schrieb, reagierte auf die Ablehnungsbegründung mit Unverständnis. Sie hat schon häufiger Atteste mit demselben Inhalt geschrieben und bisher gab es an anderen Universitäten keine Probleme, Nachteilsausgleiche konnten gewährt werden. Meine Ärztin hat mir also ihr Befremden wegen der Ablehnungsbegründung ausgedrückt, kann aber ansonsten nichts tun. Und ich frage mich (und natürlich auch gerne die FUH, falls sich doch noch jemand für zuständig erklären sollte) zum wiederholten Mal: Wer kann mir dabei helfen, Widerspruch einzulegen? Welche Begründung könnte ich anführen?

Im Moment sieht es eher nach einer Auseinandersetzung um die Anerkennung von Autismus als Behinderung bei der FernUniversität Hagen (FUH) aus. Im Prüfungsamt scheint noch nicht angekommen zu sein, dass Autismus eine Behinderung ist, deren Auswirkungen einen Nachteilsausgleich rechtfertigen würden. Warum begründet das Prüfungsamt der FUH die Ablehnung damit, in meinem Autismus eine persönlichkeitsbedingte Eigenschaft zu sehen? Irrtümlich könnte man bei der Formulierung davon ausgehen, dass Autismus als eine Persönlichkeitsstörung gesehen wird. So wie ich es verstehe, fokussiert die Begründung aber darauf, dass ich ein persönlichkeitsbedingtes Grundleiden habe, das mein Leistungsvermögen nicht behindert. Meine Leistung ist wegen meines Asperger-Syndroms immer schon so wie jetzt gewesen und ein Nachteilsausgleich würde mir ungerechtfertigte Vorteile bringen.

In einer ein Jahr alten Diskussion des Forums für Rehabilitation und Teilhaberecht der DVfR (Deutsche Vereinigung für Rehabilitation) kommt man in einem ähnlichen Fall zu dem Ergebnis, dass ein Nachteilsausgleich zugestanden hätte werden müssen. Auf meinen Fall übertragen heißt das für mich: Meine persönlichkeitsbedingte Eigenschaft (Asperger-Syndrom) ist eine anerkannten Behinderung. Die Einschätzung des Prüfungsamtes berücksichtigt nicht, dass diese Behinderung ein Recht auf Ausgleich genau der Nachteile bedingt, die durch sie entstehen. Außerdem kommt es seitens des Prüfungsamtes zusätzlich zu einer Vermischung zwischen intellektueller und psychischer Behinderung, weil mit dem Hinweis auf eine Studienassistenz meine Studierfähigkeit an sich angezweifelt wird. Aber nicht meine grundsätzliche Leistungsfähigkeit ist autismusbedingt beeinträchtigt, sondern ich benötige nur mehr Zeit, um dieselbe Leistung, wie ein Studierender ohne Behinderung erbringen zu können. Eine angemessene Zeitverlängerung als Ausgleich für die durch meine Behinderung bedingten Nachteile wäre also ganz im Sinne des Verbotes der Benachteiligung Behinderter. Diese Ablehnung kann auch nicht mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz im Prüfungsrecht begründet werden. Im Sinne einer gleichberechtigten Bildungsteilhabe sollte eine Gewährung des von mir beantragten Nachteilsausgleiches als Herstellung von gleichwertigen Prüfungsbedingungen verstanden werden, nicht als Gewährung irgendwelcher Vorteile oder als Verringerung der fachlichen-inhaltlichen Anforderungen des Studiums. Das Grundproblem liegt demnach in einer fragwürdigen Sicht auf Behinderung und einer Diskriminierung psychischer Behinderungen gegenüber körperlicher Behinderungen.

Ich muss mich bis spätestens Januar entscheiden, ob ich es überhaupt schaffe, im Moment irgendeine Prüfung an der FUH abzulegen. Ich fühle mich allein gelassen von den Verantwortlichen an der FUH. Wobei ich ja noch nichtmal von irgendwem eine zielführende Information erhalten habe, wer für was verantwortlich ist. Inklusion sieht in meiner Logik anders aus, Barrierefreiheit ebenfalls, aber ich kenne mich mit meinen Rechten und Pflichten als Behinderte nicht richtig aus, mir fehlt juristisches Fachwissen. Ich weiß gar nicht, wo ich alle für mich relevanten Informationen dazu finden kann, geschweige denn, welche Information relevant ist und bin im Moment damit überfordert. Zur Zeit kann ich meine grundlegenden Schwierigkeiten nicht mehr so gut kompensieren, wie das lange Zeit retrospektiv gesehen nach außen hin relativ gut funktioniert hat.

Eine der Folgen, die mein Autismus hat, ist, dass ich mich bei Überlastung sozial zurückziehe und ein Kernsymptom sind Schwierigkeiten in der Kommunikation. Das behindert allerdings meine Chancen, mich um meine Belange kümmern zu können. In meinen Augen ist die ganze Situation wieder mal reichlich absurd. Ich soll Dinge erledigen, die ich wegen meines Autismus gar nicht ohne Unterstützung erledigen kann und werde durch Stellen, die mich unterstützen sollten auch noch dabei behindert. Ich stehe vor einer für mich nicht mehr bewältigbaren Menge an zum Teil zeitlich befristeten Aufgaben und habe wegen meiner Behinderung Schwierigkeiten mit dem Zeitmanagement und der Priorisierung. Das Bemühen um Lösungen, Unterstützung und Hilfe kosten mich Kraft und Fähigkeiten, die ich jedoch gerade wegen meines Asperger-Syndroms und dessen Auswirkungen nicht habe.

Die Ärztin von der Diagnosestelle und die nette Frau vom Netzwerk Autismus haben mir zu weniger Belastung geraten. Ich hatte wegen meiner Fragen zur Studienassistenz und zum Nachteilsausgleich diese Woche einen Termin bei meiner? Ärztin und sprach sie darauf an, dass ich meines Wissens doch gar nicht in Behandlung bei ihr gewesen war, sondern es bei den bisherigen Terminen nur um die Diagnostik gegangen wäre. Sie erklärte mir, weshalb dem nicht so ist, demnach war und bin ich „in Behandlung“. Aus abrechnungstechnischer Sicht ist das logisch und seit dem letzten Termin gehe ich auch damit konform. Warum sie mir dringend zu einer Reduzierung meiner Belastung geraten hat, liegt daran, dass ich psychosomatische Überlastungsreaktionen zeige, die scheinbar typisch für Menschen wie mich bei zu hoher Belastung sind? Ich denke, sowohl die nette Frau im Netzwerk Autismus als auch meine Ärztin kennen mehr Autisten als ich und ich sollte ihnen besser Glauben schenken, mal abgesehen davon, dass es mich selbst erschreckt, in welchem Umfang ich inzwischen gesundheitliche Probleme habe.

Aber ich habe keine Ahnung, wie ich meine Belastung reduzieren soll. Es geht eigentlich nur in Dingen, die weder ein Fristende haben noch rechtlichen Folgen, fristgerechte Widersprüche und Antragstellungen gehören demnach nicht dazu. Ich sehe im Moment – aspergertypisches? Schwarz-Weiß-Denken – nur die Möglichkeit, aufzugeben und keinen Widerspruch einzulegen, um meine Belastungen zu reduzieren.

Die Diagnose hat mich als Mensch nicht verändert, meine Schwierigkeiten sind mein ganzes Leben lang dieselben gewesen. Und sie werden es auch bleiben. Das Wissen um die Ursache der Schwierigkeiten verändert natürlich die Schwierigkeiten an sich ebenfalls nicht. Ich habe definitiv Nachteile wegen meines Asperger-Syndroms, aber nirgendwo steht geschrieben, dass das Leben fair ist. Diese Nachteile bin ich zwar gewohnt, es macht die Schwierigkeiten aber ebenfalls nicht leichter erträglich. Ich habe bisher mein Leben ohne irgendeinen Ausgleich meiner autismusbedingten Nachteile gelebt, ich habe es alleine geschafft und ich werde es auch weiterhin alleine schaffen. Ich weiß nicht, ob es sich mit Nachteilsausgleich leichter hätte leben lassen. Wahrscheinlich aber hätte es sich für meine Gesundheit zuträglicher leben lassen. Die Folgen habe in erster Linie ich zu tragen und ich bin und bleibe behindert – aber letzten Endes werde ich derzeit zusätzlich auch noch von außen behindert, was nicht sein müsste. Meiner autistischen? Sicht nach empfinde ich die Auslegung der Regelungen zum Nachteilsausgleich als absurd und die Argumentation des Prüfungsamtes als unlogisch. Inklusion an der FUH klingt im Jahr 2016 leider nur auf dem Papier gut – in der Realität gibt es gravierende Umsetzungsprobleme. Diese Aussage hat anekdotische Evidenz und spiegelt meine Erfahrung wider.

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Diagnose: Mensch

Ich habe lange nichts mehr hier geschrieben, bin sozusagen abgetaucht. Das hatte seinen Grund. Nach einem vollständigen Zusammenbruch im letzten Sommer und einem sich über mehr als ein halbes Jahr hinziehenden, langen und anstrengenden Diagnostikprozess in einer Uniklinik weiß ich jetzt offiziell, dass ich ein Mensch mit Asperger-Syndrom (ICD 10 F84.5) bin.

Immerhin habe ich jetzt endlich eine Antwort auf all meine Warums, die sich mein Leben lang ansammelten und sich verstärkt im Verlauf meines Masterstudiums auch in Bezug auf das Studium selbst und in jüngerer Zeit insbesondere durch eine neue Arbeitsstelle ergaben.

Warum scheitere ich wieder und wieder an Kommunikation, sogar an rein schriftlicher? Warum fällt es mir so schwer, Kontakt zu anderen aufzunehmen und zu halten, Freundschaften aufzubauen? Fails, Fehldeutungen, Missverständnisse sind scheinbar bei mir quasi immer schon vorprogrammiert. Warum eigne ich mich nicht besonders gut für Arbeiten in Gruppen, wenn die Gruppengröße > 2 Personen ist? Warum fällt es mir so schwer, Feedback zu geben? Warum verstehe ich nach sehr kurzer Zeit gar nichts mehr, wenn ich im Studium an Adobe Connect Sitzungen oder in der Arbeit an Teamsitzungen teilnehme? Warum bedeutet eine mit den Kollegen verbrachte Mittagspause so viel Stress für mich, dass ich danach absurderweise erstmal eine längere Pause brauche? Warum stören mich Unterbrechungen bei der Arbeit durch das Telefon oder hereinkommende Kollegen so sehr, dass ich an manchen Tagen mehr Zeit damit verbringe, wieder in meine vorherige Tätigkeit hineinzukommen, als insgesamt produktiv tätig zu sein? Warum konnte ich zeitlebens nicht Vollzeit arbeiten gehen, ohne binnen kürzester Zeit krank zu werden? Warum habe ich kein funktionierendes Zeitmanagement? Warum prokrastiniere ich oder schaffe es nicht, irgendetwas anzufangen, obwohl ich es mir täglich fest vornehme? Warum fällt es mir so schwer, rechtzeitig um Hilfe zu bitten? Warum erlebe ich, soweit ich mich erinnern kann, Interaktionen mit anderen größtenteils als Belastung? Warum habe ich scheinbar mein ganzes Leben lang bereits Angst? Warum muss ich eigentlich alles kontrollieren? Warum kann ich anderer Leute Unordnung so schlecht tolerieren und finde es beruhigend, wenn ich beispielsweise Eierschachteln nach Farbe sortiere? Warum bringt es mich völlig aus der Fassung, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden? Warum bin ich oft so unflexibel in meinem Denken und brauche unverhältnismäßig lang, etwas zu verändern, oder auf im Nachhinhein völlig offensichtliche Lösungen zu kommen, wenn sie mir ein anderer sagt? Warum mag ich Veränderungen im Grunde nicht, ja, ich kann mich daran gewöhnen, aber wenn ich mich daran gewöhnt habe, ist es in meinem Empfinden so, als wäre es immer schon so gewesen? Warum komme ich mit meinen Emotionen oft nicht zurecht? Warum brauche ich so viel mehr Zeit für mich alleine, als augenscheinlich alle anderen Menschen um mich herum?

Oder auch: Warum fällt es mir so leicht, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben? Warum bin ich wirklich gut in Literatursuche? Warum halte ich länger, ohne eine Pause zu brauchen, konzentriert und hochfokussiert durch, wenn mich ein Thema interessiert als die meisten anderen? Warum kann ich so gut Korrekturlesen und warum fallen mir Rechtschreib- oder Grammatikfehler sofort auf? Warum ermüdet oder langweilt es mich nicht, täglich stundenlang über Monate oder sogar Jahre hin alles, was sich finden lässt zu einem mich interessierenden Thema zu lesen? Warum lese ich seit meiner Kindheit wirklich unglaublich viel und so schnell? Warum kann ich problemlos so lange Zeit bewegungslos irgendwo stehen oder sitzen, dass ich für Tiere scheinbar ein Teil der Umgebung werde und ich sie beobachten kann, ohne dass mich das langweilt, ich Sehnsucht nach Gesellschaft oder Unterhaltung hätte oder irgendwem davon erzählen wollen würde?

Auf so vieles habe ich jetzt endlich eine Antwort.

Das bringt allerdings neben der Erleichterung, dass es nicht daran liegt, dass ich mich nicht genügend anstrenge oder zusammenreiße, dass ich nicht zu unkooperativ o.ä. bin, und auch kein Hypochonder, der sich das alles nur einbildet und neben dem Wissen, dass ich zwar leider nicht hochbegabt, aber immerhin auch nicht wirklich doof bin, auch die unschöne Erkenntnis, dass das, was sich in meiner Wahrnehmung wie eine gläserne Trennwand durch mein Leben zieht, eine Behinderung ist, die nicht verschwinden wird.

Die Erkenntnis, leider kein verkanntes Genie zu sein, selbstverständlich, während ich alle meine Schwierigkeiten völlig verdränge und sie den anderen zuschreibe, sondern im Gegenteil so viele Dinge wesentlich schlechter und vor allem anscheinend langsamer zu schaffen als andere und bei unglaublich vielen alltäglichen Vorkommnissen im Kontakt mit anderen und zu erledigendem Alltagskram trotz meines Alters immer noch dringend auf Hilfe und Erklärungen angewiesen zu sein. Die Erkenntnis, das unwahrscheinliche Glück gehabt zu haben, mein Leben lang von meiner Familie unterstützt worden zu sein. Ein tiefempfundener Dank geht hier an meine Eltern, insbesondere an meine Mutter, an meine Lieblingsschwägerin und an meinen Bruder und ganz besonders an meinen Mann. Die Erkenntnis, den Rest meines Lebens auch weiterhin Unterstützung zu brauchen und wahrscheinlich niemals wirklich selbstständig leben zu können, obwohl ich mein Leben lang darum gekämpft habe, einfach nur normal, so wie alle anderen zu werden. Mit dieser Erkenntnis zurecht zu kommen und damit, dass mich die Diagnose zwar nicht zu einem anderen Menschen macht, sich retrospektiv jedoch vieles ändert, und ich meine Selbstwahrnehmung korrigieren muss, braucht im Moment all meine Energie und Kraft.

Mein Autismus ist keine Krankheit, die impliziert, dass ich irgendwann einmal gesund war oder das jemals werden könnte. Es ist, soweit ich das verstanden habe, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Mein Autismus ist etwas, das ich als eine gläserne Trennwand bezeichne, die mich oft mehr und manchmal weniger daran hindert, an vielen Dingen genauso teilzuhaben, wie die meisten anderen Menschen. Je nach Tagesform ist diese gläserne Trennwand mal gut geputzt und nahezu unsichtbar oder völlig trüb und steht gut erkennbar zwischen mir und den anderen. Mein Autismus ist etwas, das immer da war, egal wie sehr ich mich bemüht habe, die Erwartungen zu erfüllen. Er ist sozusagen ein Teil meiner Persönlichkeit. Und ich möchte nicht den Rest meines Lebens einen Teil meiner Persönlichkeit verstecken müssen.

Nicht nur deshalb habe ich beschlossen, offen damit umzugehen. Sondern auch aus logischen und pragmatischen Gründen. Dieses Thema betrifft zwar nur relativ wenig Menschen. Bei einer Prävalenz von aktuell 0,3% ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass sich selbst in meinem FernStudiengang mehr als einer findet. Vielleicht hilft meine Offenheit anderen. Ich gehe dabei von mir aus, weil es mir auf meinem Weg durch die Diagnostik geholfen hat und jetzt aktuell nach der Diagnose immer noch hilft, von anderen zu lesen, zu erkennen, dass Autismus ein sehr differentes Spektrum ist, von dem ich bis letztes Jahr noch meinte, dass ich ganz bestimmt nicht dazu gehöre. Ich? Autistin? Das glaube ich nicht! Ich bin so ganz anders, als der eine andere Menschen mit Autismus, den ich bis dato persönlich kannte und anders als das, was mir in den Medien als Darstellung von Autismus begegnet war – meinte ich. Hier bewahrheitet sich ein Satz, den ich mittlerweile nachvollziehen kann: Kennst du einen Autisten, kennst du genau diesen einen Autisten.

Einige Menschen in meiner Lebenswelt haben geduldig versucht, mir Übereinstimmungen mit den Diagnosekriterien aufzuzeigen, die sie meinten bei mir zu erkennen, wofür ich ihnen dankbar bin. Aber am meisten hat es mir persönlich geholfen, von anderen zu lesen (beispielsweise in Büchern – ganz besonders Danke an Fuchskind–  oder auf Blogs anderer Frauen, wie dem Von Maedel oder Regine Winkelmann, oder Selbsthilfeforen, wie Aspies.de) oder zu hören und zu erfahren, dass ich nicht alleine bin. Dass ich vor allem auch nicht alleine bin mit meinen Zweifeln und meinem Hinterfragen der Diagnosekriterien und den Fragen, die sich mir jetzt, nachdem der Verdacht zur Gewissheit wurde, nach der Diagnose stellen. Ich habe auf einigen Seiten gelesen, dass sich andere dazu entschließen, aus bestimmten Gründen ihren Autismus zu verstecken. Das respektiere ich. Für mich selbst wähle ich jedoch den anderen Weg, in der Hoffnung auf Verständnis und darauf, den Rest meines Lebens als der Mensch akzeptiert zu werden, der ich bin. Das meint natürlich nicht, dass ich nicht auch in Zukunft versuchen werde, weiterhin an meinen Schwierigkeiten zu arbeiten.

Es wäre nur schön, wenn der Fokus nicht ausschließlich auf meinen Fehlern im zwischenmenschlichen Umgang oder auf meinen Schwierigkeiten mit Kommunikation und meinen Defiziten in sozialer Kompetenz liegen würde. Ich bin ziemlich lärm- und geruchsempfindlich und wirke in diesem Zusammenhang oft unhöflich. Ich bin, wenn ich mich nicht sehr kontrolliere, oftmals zu direkt. Ich sage manchmal unbeabsichtigt Dinge, die andere verletzen oder beleidigen können, ohne es zu merken. Wenn ich in Gedanken bin, kann es sein, dass ich abweisend und barsch reagiere. Mir wurde häufiger gesagt, dass ich nach außen überheblich und unhöflich wirke, ich selbst denke von mir, dass ich sehr oft unsicher bin und wenig Selbstbewußtsein habe. Ich bin leider oft gestresst, was mich dann genervt oder ungeduldig wirken lässt, oder auch völlig unbeteiligt. Und ich reagiere manchmal auf eine Weise, die andere befremdet. Ich erscheine häufiger unflexibel im Denken und wirke geistig abwesend, wenn ich innerlich wegen Überlastung bereits abgeschaltet habe. Mein Verhalten hat einen Grund und der heißt Autismus.

Aber trotzdem bin ich ein Mensch mit ganz normalen Vorlieben und Abneigungen, ich mag Sushi und derzeit meine tägliche Portion Tomate-Mozzarella (natürlich laktosefrei). Ich höre überwiegend Techno, aber auch Popmusik und mag Tiere und Pflanzen. Meine Fische, Hühner, Katzen und sonstiges Viechzeug beobachte ich ausdauernd. Ich buddle gern in meinem wunderschönen Garten und kenne die meisten Bäume, Sträucher und Stauden namentlich. Ich habe eine Vorliebe für autodidaktisches, lebenslanges Lernen und einen tiefschwarzen Humor, der häufig nicht verstanden wird. Ich lese neben viel Fachliteratur und wissenschaftlichen Studien, die meine Interessensgebiete und Inhalte meines Studiums behandeln, auch gern und exzessiv Science-Fiction und Fantasy Literatur, ich bin ein Fan von Terry Pratchett, Matt Ruff und George R.R. Martin. Ich halte viele Sendungen im Fernsehen für Volksverdummung, gucke aber trotzdem mit Begeisterung Serien wie The Big Bang Theory oder Game of Thrones. Ich bin ein überwiegend logisch denkender Mensch und halte nichts von esoterischen Themen, finde das Konzept der Astrologie verwunderlich, halte die wissenschaftlich nicht nachweisbare Wirksamkeit von Homöopathie für einen Placebo Effekt, habe bisher niemals irgendwelchen Auren gesehen und vermute, dass das auch so bleiben wird. Und ich bin zwar sehr oft gern allein, habe aber trotzdem auch das Bedürfnis nach Kontakten, nach gesellschaftlicher Teilhabe, auch wenn es dann wieder anstrengend für mich ist.

Laut Forschung scheine ich die Welt anders wahrzunehmen als andere Menschen. Ich schreibe das absichtlich so, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie andere die Welt wahrnehmen. Meine Art der Wahrnehmung ist die einzige, die ich habe, ich kenne es nicht anders, für mich ist sie vollkommen normal. Ich bin also irgendwie anders, aber in allererster Linie bin ich ein Mensch.