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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Autismus und Teilhabe – BehördenirrSinn?

7 Kommentare


Ich ging eigentlich davon aus, dass die DRV mir tatsächlich behilflich sein wollen würde. Denn sie hat mir eine medizinische Reha bewilligt, die zum Ziel hat, Behinderungen einschließlich chronischer Krankheiten abzuwenden oder zu beseitigen, zumindest aber diese zu mindern, auszugleichen oder eine Verschlimmerung zu verhüten. Dadurch solle meine Erwerbsfähigkeit erhalten, wesentlich gebessert oder wiederhergestellt werden. Es läge also in meinem Interesse an der Rehabilitation auch aktiv mitzuwirken. Alles klar. Klar liegt das in meinem Interesse, insbesondere liegt es ja seit 2017 in meinem vordringlichen Interesse, am Arbeitsleben teilzuhaben.

Dabei möchte ich sehr gerne aktiv mitwirken. Vorgestern rief die für mich zuständige Reha-Beraterin an und sagte meinem Mann, man wolle erst einmal das Ergebnis der medizinischen Reha abwarten, bevor man weiter darüber entscheiden könne, wie es mit meiner Teilhabe am Arbeitsleben weitergehen würde. Okay, das klingt nach einem soweit ganz guten Plan. Im Bescheid der DRV zur medizinischen Reha steht: Wenn die medizinische Reha nicht innerhalb von 6 Monaten angetreten wird, würde der Bescheid seine Gültigkeit verliert.

Heute liegt ein Brief der Reha-Klinik, die die DRV für mich ausgesucht hat, im Briefkasten. Diese Reha-Klinik freut sich, dass mir eine Rehabilitationsmaßnahme bei ihnen genehmigt worden ist. Aufgrund der ihnen bereits vorliegenden Genehmigung können sie mir mitteilen, dass meine Maßnahme voraussichtlich in der Woche ab dem 06.12.2021 (+/- 1 Woche) zur Durchführung kommt. Die Heilbehandlung könne aus Sicht des Kostenträgers nur aus besonders wichtigen Gründen verschoben werden.

Aha.

Fast vernachlässigbar ist da, dass mir die Klinik einen zweitägigen Weihnachtsurlaub gewähren kann, falls ich Weihnachten zu Hause verbringen wollen würde.

Die Reha-Abteilung sagt, ich müsse mich um meine Gesundheit kümmern, bevor entschieden werden kann, wie bzw. ob es in Sachen Teilhabe am Arbeitsleben weitergehen soll. Die Reha-Abteilung kümmert sich selbstverständlich darum, dass ich in eine passende Reha-Einrichtung geschickt werde. Diese Reha-Einrichtung erhält von der DRV dann mitgeteilt, dass ich dorthin gehen soll. Die Reha-Abteilung in der DRV hat aber augenscheinlich keine Ahnung, dass die Wartezeit in der von ihr bestimmten bayerischen Reha-Klinik länger ist, als die Gültigkeitsdauer ihres Bescheides.

Wie bitteschön wollen sie so gewährleisten, dass meine komorbiden Erkrankungen abgewendet, beseitigt, gemindert oder eine Verschlimmerung verhütet wird? Den Autismus können sie ja wohl hoffentlich nicht meinen, abgewendet oder beseitigt wird der nicht werden. Ich vermute, sie meinen also die Depression und/oder Angststörung. Die Idee, auf eine Minderung zu hoffen bzw. eine Verschlimmerung zu verhüten, indem man mir eine Reha in mehr als acht Monaten anbietet, die man sechs Monate lang bewilligt hat und mich bis nach dem Ende einer medizinischen Reha vertrösten möchte, bevor man sich weiter mit meinem Fall befasst, lässt mich mehr als nur irritiert zurück.

Ich versuche ja wirklich, den Sinn des Vorgehens zu verstehen. Was erhofft sich die Reha-Abteilung eigentlich? Dass sie es aussitzen können? Dass sich das Teilhabe-Problem von allein erledigt, weil ich mich derweilen umbringe? Die Chancen sind bei einem depressiven Menschen angesichts von Perspektivlosigkeit gegeben. Das sollte eigentlich auch jedem Sachbearbeiter in einer Reha-Abteilung klar sein. Dass die Suizidrate bei Autisten nochmal um einiges erhöht ist (wen es interessiert, Links zu Studien hier, hier und hier), geschenkt – ich erwarte gar nicht, dass meine Reha-Beraterin das weiß. Ich erwarte gar nichts Positives mehr aus dieser Ecke.

Vielleicht ist der Sinn hinter dem Vorgehen ja, dass ich begreife: Menschen wie ich erhalten schlicht keine Unterstützung von der DRV? Ich verbuche diesen behördlichen IrrSinn jetzt einfach mal als: Da hat meine „Superkraft“, ein Fehlermagnet zu sein, mal wieder zugeschlagen. Sinn habe ich auch gefunden: Nichts ist unnütz, es kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Ich zeige am praktischen Beispiel auf, was im Unterstützungssystem so alles schief gehen kann. Bin gespannt, was als nächstes kommt. Ich werde berichten.

Bildquelle: vcnestasozinhx (02.09.2018). URL https://pixabay.com/de/illustrations/selbstmord-vorbeugung-september-gelb-3645249/

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

7 Kommentare zu “Autismus und Teilhabe – BehördenirrSinn?

  1. Hallo swb! Ich weiss gar nicht, ob sich dieser ganze behördenkampf lohnt- das ist doch mühselig wegen paar schwammigen vorteilen.. Geh dir doch wenn du arbeiten willst einen job suchen, der deine kriterien einigermaßen erfüllt (komplett geht eh nicht) und dann arbeite einfach. Mit viel mühe lohnt sich die energie, die man da rein investiert schon. Schau in welchem bereich du irgendwo einen mehrwert leisten könntest und bewerbe deine stärken und versuch mal den autismus erstmal aussen vor zu lassen und bei schwächen zu sagen: mir liegt ein lautes umfeld nicht etc. Es gibt bestimmt irgendwas, was dir spaß macht und vielleicht bietet so ein unternehmen ja auch weiterbildung an… Einfach trauen. 

    Lg, auch autist..

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    • Danke für Deinen Tipp.

      Meiner Ansicht nach „lohnt“ sich mein Behördenkampf. Natürlich nur für mich persönlich. Und auch nur auf den Moment und meine persönliche Situation bezogen. Ich habe das Kosten-Nutzen-Verhältnis im Blick und fahre mehrgleisig, das meint, ich verlasse mich nicht auf das Unterstützungssystem, sondern bewerbe mich auf mir passend erscheinende Stellen. Bei meinen Erfahrungen und mit meiner „Superkraft“ als Fehlermagnet wäre es auch ziemlich deppert von mir, auf die DRV zu hoffen oder gar in der Warteschleife zu verbleiben, ich denke, da komme ich eher in Altersrente, als dass von deren Seite zielführend etwas geschieht.

      Dass ich hier auf meinem Blog über meine Erfahrungen berichte, hat Gründe. Zum einen schreibe ich einfach gerne. Zum anderen meine ich, dass man von Erfahrungen anderer profitieren kann. Aus einer Metaperspektive finde ich sehr interessant, was im Unterstützungssystem so alles schief gehen KANN – ich betone ausdrücklich, nicht muss, denn es handelt sich bei meinen persönlichen Erfahrungen schließlich nur um eine Anekdote.

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      • ich wurde im April 2000 arbeitsunfähig – seit dort habe ich gar keine andere Wahl als für meine mindesten Leistungen zu kämpfen, für 250,-€ Miete musste das Landessozielgericht entscheiden. Alles nur weil ich auf mein selbstbestimmtes Leben bestehe. Ich hab eine Autoimunerkrankung, Epilepsie und bin Autist, das gefährlichste für meine Gesundheit ist Stress. Und genau diesen Stress verursacht das Grundsicherungsamt als ob die Beamten beweisen wollen das ich ein Pflegefall bin – In meienm Beruf hatte ich übrigens keine Probleme

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      • Genau. Das dachte ich auch bei meiner Antwort auf den vorherigen Kommentar. Es gibt individuelle Situationen, bei denen es halt nicht so einfach ist. Und man gar nicht anders KANN, als den Kampf mit den Behörden nicht aufzugeben, weil es leider nicht nur um „paar schwammige Vorteile“ geht, sondern um die eigene Existenz.

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      • Ja.

        Das problem mit den behörden ist, dass sie richtlinien haben, in nur diesen dürfen sie handeln.
        Dann kommt oft überforderung dazu.
        Und darum ist der satz; „such dir einen job“ auch so diskussionswürdig, beispielsweise:

        Sag einem blinden, er soll als ausguck arbeiten…einem mathematiker, dass er tische bauen soll oder einem menschen ohne beine, dass er täglich 10 km laufen soll…

        Da ist doch jedem erstmal bewusst, dass man da etwas viel verlangt.

        Und nun kommt der autist, der dann vll wie es ein blinder in diesem job machen würde, fähigkeiten einsetzt, wie hören, fühlen oder wie ein ganz talentierter geschickter mathematiker dann irgendwie einen tisch hinbekommt oder die 10 km jeden tag mit prothesen bewältigt..

        Jetzt steht da ein autist vor dir in einer behörde odercim leben… Er kann dich sehen, er verhält sich normal, er kann laufen….ja vielleicht ist er sogar gut angezogen oder ist cool oder witzig oder nett. Eventuell sogar gebildet.

        Wie soll ein sachbearbeiter verstehen??? Das muss man auch bedenken.

        Und wir können auch toiletten für menschen bauen lassen, die 3 leberflecke und eine große nase haben. Hoch lebe die diversität, man will ja…
        Aber es ist einfach nicht möglich so vielen verschiedenen menschen alles recht zu machen.
        So wenig ein autist vielleicht eine bestimmte mimik nicht versteht, versteht der sachbearbeiter autismus nicht. So ist es vielleicht leichter damit umzugehen.

        Manchmal weiß ich auch schon im vorfeld dass eine herausforderung nur eine begrenzte zeit hält… weil es einfach unpassend ist und nichts passendes verfügbar war..
        Bewegung kann auch komorbide erkrankungen fern halten.

        Aber trotz erschöpfung, kämpfen, etc bin ich z.b. froh, diese erfahrungen gemacht zu haben, es lohnt sich selten aber für irgendwas ist es am ende immer gut und hätte mein opa mich als kind nicht überredet raus zu gehen, er hat mich förmlich überredet in die kinderdisco zu gehen, fand ich blöd. Immer. Oder hätten freunde nicht gesagt; such dir einen job… dann hätte ich mich zwar weniger geärgert und wäre weniger verzweifelt aber hätte noch weniger teilhabe..
        Aber nur das verbindet und lehrt und auch wenn es schwierig ist, ist es ein erstes wichtiges Mittel zur teilhabe.

        Ich würde es viel sinnvoller finden wenn sich die menschen akzeptieren würden mit autismus, leberflecken, etc statt in den diskussionen um diversität und integration,inklusion usw die wichtigsten dinge aus den augen zu verlieren.
        Viele menschen haben nun auch in deutschland keine arbeit.
        Einige menschen machen viel geld mit zuständen wie diesen.
        Arbeitsmarktpolitik. Kriminalitätsbekämpfung. Solche sachen sind für alle wichtig.

        Dieses System ist für zu viele nicht geeignet, mobbing ist nicht nur ggü greta (das ist wirklich widerlich dass über ein kind hergezogen wird, da sollte sich jeder erwachsene schämen), auch ggü behördlern, politikern etc ein thema. Ist doch egal ob die grüne ihren master mit oder ohne diplom oder sonstwas.. oder was für ein kleid die merkel trägt..
        Die mehrzahl der menschen hat nicht studiert, daher sollte der zugang zu wichtigen politischen bereichen auch allen zugänglich sein die etwas zum positiven bewegen wollen.

        Noch viel irrsinniger und gefährlicher finde ich wenn menschen aus angst starre gruppierungen bilden.

        Das ist besonders an der pandemie zu erkennen in den sozialen medien.
        Die menschen, auch autisten sind soziale wesen.

        Man könnte ja auch fragen: warum afd oder cdu oder die grünen oder andere…

        Was fehlt?

        Was fehlt dir gerade mensch?

        Und wenn man was übrig hat dann kann man auch handeln.
        Das wäre ein möglicher weg.

        Transparenz und kommunikation sind immer gute wege. Schön dass du diesen blog hast!

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  2. ja , sollte noch erwähnen dass ich bereits von zwei kompetenten und vertauten Menschen in der Kommunikation unterstütz werde, dieses „Privileg“ wünsche ich doch allen –

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  3. @tomi- das glaub ich dir, dass du keine probleme im beruf hattest, das problem ist dass die anderen sich benachteiligt fühlen wenn man zu perfekt ist oder zu gut. Oder sich selbst ausgrenzt, was wirklich schwierig zu händeln ist.
    Und somit bleibt nichts, als eine zwischenlösung zu finden und auch die schwächen zu betonen, um in der gesellschaft anerkannt zu werden. Jeder fremde verursacht in menschen unbehagen, alles was man nicht versteht. Und es ist keine lösung aufzugeben. Sondern verständnis zu schaffen. Daher ist die transparenz gut, die du bloggst, @swb, dieses spektrum reicht von a bis z., man darf zwischendurch nur nicht vergessen, für sich selbst zu sorgen. Jeder mensch braucht ab und zu hilfe. Und nimmt sie sich. Der mensch ist kein einzelgänger. Umso mehr muss man die aufmerksamkeit auf die stärken legen, um veränderungen zu schaffen. Hier kann man ja auch nicht erwarten, dass sich die behördenstruktur unter der die meisten menschen leiden dadurch verbessert, dass man nichts tut. Oder nur für das eigene wohl.
    Mehr als das eigene umfeld wird weder autisten, noch piloten, oder putzfrauen verstehen… man kann die anderen nicht verändern. Ich wünschte mir, dass sich die aufmerksamkeit der medien nicht auf veraltete informationen über autismus stützt, es gibt ein paar schwierigkeiten, an denen man verzweifelt, hart an sich arbeiten kann im sonst gesunden zustand.
    Je nach schwere des spektrums ist es ein unding, dass kaum angemessene hilfe vorhanden ist und dafür unterstütze ich jeden kampf.
    Ein weg ist grundsätzlich die angst vor fremden zu verlieren. Ich habe die halbe welt bereist und lebe noch.
    Grund genug zu vertrauen.
    Viel erfolg!

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