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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Autismus und komorbide Erkrankungen

6 Kommentare


Rezidivierende Depressionen

Ich habe wieder einmal eine Depression, was jetzt nichts bahnbrechend Neues ist und mich auch nicht überrascht. Ich habe genügend Wissen zu dieser Erkrankung, um die Symptome zu erkennen und auch, um zu wissen, dass es eine reaktive Depression ist. Ich also auf krankmachende Umstände reagiert habe. Wenn diese Umstände nicht gewesen wären, dann wäre ich vermutlich auch nicht wieder depressiv geworden. Ich habe versucht, gegenzusteuern und all die Dinge getan, die ich bereits gelernt habe, wie Achtsamkeitsübungen, Entspannungstechniken, Schlafhygiene, Dinge tun, die mir guttun.

Soweit es mir eben möglich war neben den administrativen und organisatorischen Dingen, die notwendig waren, um das Schlimmste abzuwenden, nämlich komplett ohne Geld dazustehen. Ich habe seit Anfang des Jahres gefühlt hunderte Seiten Anträge ausgefüllt, Widersprüche geschrieben, mit immer wieder denselben Unterlagen vollgestopfte Briefumschläge unzählige Male rechtssicher verschickt bzw. erstmal bei der einen Behörde oder Institution angefordert und zur anderen Behörde oder Institution weitergeleitet. Es ist schon ohne die Einschränkungen einer Depression anstrengend und auch demotivierend, wenn man an dieselben Institutionen mehrfach dieselben Anlagen und Anträge schicken muss. Ich frage mich, in wievielfacher Ausfertigung die das wirklich brauchen – im digitalen Zeitalter ist es zudem unverständlich, weshalb bei der DRV alles in analoger Papierform angefordert wird, nur damit deren Scanzentrum die Papierstapel dann einscannt und digital an passende und oft auch unpassende Abteilungen weiterleitet. Wenn man eine Depression hat, ist das sich um Orgakram kümmern und Anträge stellen ein ganz schöner Kraftakt.

Was paradox erscheint, ist, dass mein Autismus zwar die Grundlage ist, weswegen ich immer wieder an Umständen verzweifle und depressiv werde, mir mein Autismus aber gleichzeitig dabei hilft, mit der Erkrankung zurechtzukommen. Ich weiß, dass mein Umgang mit meinen Depressionen auf keinen Fall verallgemeinerbar ist. Ich würde die Not anderer Menschen, die an dieser tückischen Erkrankung leiden, bagatellisieren, wenn ich davon ausgehen würde, dass jeder andere fähig ist, genauso damit umzugehen, wie ich. Warum ist mein Autismus hilfreich? Unter anderem, weil ich extrem viel Zeit darauf verwendet habe, möglichst umfassend Wissen zur Erkrankung zu sammeln und mir dieses Wissen dabei hilft, zu verstehen, was mit mir passiert. Ich habe mittlerweile einen recht hohen Stapel an Fachbüchern, -artikeln und Studien zu Depressionen gelesen und mit meiner eigenen Erfahrung abgeglichen. Wissen hilft. Nicht umsonst ist ein Baustein in der Behandlung von Depressionen die Psychoedukation.

Was in den depressiven Zuständen immer mitschwingt, ist eine Grundtraurigkeit und der Drang, mir eine Decke über den Kopf zu ziehen bzw. einfach nicht mehr aufzustehen, weil mir alles überwältigend sinnlos erscheint. Wegen meines autistischen Bedürfnisses nach meinen Routinen schleppe ich mich morgens zwar nur mit Mühe aus dem Bett, aber ich bleibe eben nicht depressiv im Bett liegen. Nach der allmorgendlichen Cappuccino-Zeitungs-Routine, die der Grund ist, weshalb ich zuverlässig aufstehe, verfalle ich danach aber trotzdem in eine Art Lähmung. Im Fachsprech nennt sich das Antriebslosigkeit.

Zu einem Antrieb gehören bestimmte Komponenten, wenn man es technisch betrachtet. Das Wichtigste ist natürlich der Motor, der Leistung generiert. Es ist aber nicht so, dass mein Motor kaputt wäre. Im Gegenteil. Ich habe eher den Eindruck, dass mein Motor funktioniert, ich bin innerlich angespannt und unruhig, vibriere quasi mit dem Fuß auf dem Gaspedal vor mich hin, nur dringt nichts davon nach außen. Es ist, als würde ich mit angezogener Handbremse dastehen oder besser: als hätte ich vergessen, wie man die Kupplung tritt und könne keinen Gang einlegen. Dabei würde ich nur zu gerne die Leistung, die mein innerer Motor im Leerlauf vergeudet, sinnbringend in z.B. Bewegung umsetzen. Aber ich komme im übertragenen Sinn und buchstäblich nicht in die Gänge, ich bewege mich nicht vorwärts. Nur seitwärts, denn des Nächtens, wenn ich wieder stundenlang wachliege, werfe ich mich ruhelos hin und her. Immerhin, Bewegung soll ja bekanntlich bei Depressionen helfen.

Wenn ich es schaffe, die Antriebslosigkeit zu überwinden, und einen Gang einzulegen, dann scheitert es nach ein paar Metern an der Kraftübertragung. Es knirscht nicht nur, was ich Alterserscheinungen zuschreiben könnte, nein, es hakt im Getriebe und frisst sich fest bis hin zum Getriebeschaden. Jetzt könnte man auf den Gedanken kommen, sich zu fragen, weshalb ich mich nicht in eine Werkstatt (=Klinik) begebe und den Schaden reparieren lasse. Tja. Dazu müsste ich erstmal eine passende Werkstatt finden. Und einen Termin ausmachen. Gar nicht so einfach während einer Depression. Da dauert das noch länger als in undepressivem Zustand.

Außerdem frage ich mich, ob sich das Reparieren überhaupt lohnt. Ich hatte in den vergangenen fünf Jahren immer wieder depressive Episoden und ich würde sagen, dass ich mich immer weniger gut von diesen Einbrüchen erholt habe. Das schreibe ich nicht, um Mitleid zu heischen oder um [hier irgendein (phantasievolles) Motiv einsetzen], es ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Meiner Meinung nach waren meine Depressionen stets reaktive Depressionen. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Umwelt in absehbarer Zeit wirklich autistenfreundlicher gestalten wird. Also lauert auch nach einem Werkstattbesuch mit Getriebewechsel, der nicht kostenlos sein wird, die nächste Depression nur um die Ecke. Ich ziehe selbstverständlich in Erwägung, dass dies depressive Gedanken sind, die aus meiner Antriebslosigkeit resultieren.

Nicht kostenlos meint, dass meine Versuche, etwas gegen solche depressive Episoden zu tun, stets mit Kosten im übertragenen Sinn verbunden waren. Die Einnahme von Antidepressiva hatte massive Nebenwirkungen zur Folge. Der Aufenthalt in einer Klinik war exorbitant energiefressend. Eine gründliche Kosten-Nutzen-Analyse ist meiner Ansicht nach für mich unabdingbar, bevor ich mich in die Gänge setze, um etwas gegen meine gegenwärtige Depression zu unternehmen. Wobei mein Zögerlichkeit bzw. Schwierigkeit, eine Entscheidung für oder gegen eine Behandlung zu treffen, auch wieder nur ein Symptom der Erkrankung selbst sein könnte.

Eine Lösung wäre, meine rezidivierenden Depressionen pragmatisch als eine wiederkehrende Erkrankung anzusehen, mit der ich leben muss und jede Episode auszusitzen. Irgendwann ging noch jede dieser depressiven Episoden zu Ende. Doof für mein Bedürfnis nach Planbarkeit ist nur, dass ich nie wusste, wann irgendwann war.

Mein depressives Gehirn mit einer großen Portion Skepsis aus der Metaperspektive zu betrachten und wachsam zu bleiben, ist eine meiner Methoden, mit der Erkrankung umzugehen. Was mir noch hilft, ist eine ebenso große Portion Humor und Akzeptanz. Es ist halt so, dass mir derzeit wieder einmal alles in schneckösem Depressionstempo von der Hand geht. Manche müssen eine solche Entschleunigung ihres Lebens in sündteuren Seminaren mühsam lernen, ich bekomme das gratis hin.

Bildquelle: Peggy_Marco (03.11.2015) URL https://pixabay.com/de/illustrations/regen-traurig-trauer-1013940/ in Kombination mit rauschenberger (10.03.2018) URL https://pixabay.com/de/illustrations/kontur-tier-schnecke-shell-langsam-3212894/

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

6 Kommentare zu “Autismus und komorbide Erkrankungen

  1. Danke für den sehr aufschlussreichen Artikel. Als Mutter einer frühkindlichen Autistin (33 Jahre) interesssiert mich ob auch diese Personengruppe häufig von Depressionen betroffen ist. Da sich meine Tochter nur per eigener Zeichensprache verständigen kann, schließe ich das aus ihrem Verhalten.
    Mit freundlichen Grüßen
    Sigrid (Vorstandsmitglied von Autismus Regensburg)

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  2. Meine Bewunderung und meinen Respekt für diesen Beitrag!
    Er bestätigt ein weiteres Mal, dass (Asperger-)Autisten auch hoch effiziente Autodidakten sind, vor Allem in eigener Sache natürlich.
    Die Komorbidität ist bisher viel zu wenig beachtet und mein behandelnder Facharzt schaut jedesmal völlig überrascht, wenn ich ihn auf Zusammenhänge aufmerksam mache, die (für mich) offenkundig sind, ihm jedoch noch nie erklärt wurden.
    Und denen er – ungeachtet aller Offensichtlichkeit und Plausibilität – nur langsam folgen kann.
    Zum Glück weiß er, dass Autismus keine Krankheit sondern „nur andere Gesundheit“ darstellt.
    „Unheilbar gesund“ – wie ich gern sage.
    Oder „alternativ gesund“ – wie ich gern sagen würde, hätte nicht ein unsäglicher Präsident das Wort „alternativ“ so in den Schmutz seines Lügensumpfes getreten …

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  3. Danke für diesen Beitrag, er beschreibt exakt meine Wahrnehmung depressiver Episoden.
    Grüße aus Berlin
    Chrissi, Autistin, 39

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  4. Pingback: Die Qual der Wahl? – Wunsch- und Wahlrecht bei Rehabilitationseinrichtungen | SWB - MeiBlog

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