SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


Hinterlasse einen Kommentar

Autismus, Depressionen, Belastbarkeit und der Zusammenhang mit Strukturen

Sind Belastbarkeit und Kompensationsfähigkeiten bei Autisten altersabhängig? Früher war ich wesentlich belastungs- und damit leistungsfähiger. Es frustriert mich, dass ich zunehmend nicht mehr funktioniere. Immer mehr Aufgaben und Tätigkeiten schaffe ich nur noch mit größter Anstrengung oder sie bleiben sogar ganz liegen. Ich laufe im Notprogramm und das mittlerweile seit eineinhalb Jahren. Das ist kein schöner Zustand und ich wünsche mir dringend, dass es mir irgendwann auch einmal wieder besser geht. Seit einem Jahr gehört auch mein Studium zu den Dingen, für die ich keine Kraft mehr habe. Das ist besonders frustrierend, weil es sich dabei um mein Hobby handelt. Ich bin aber stolz darauf, es größtenteils doch noch hinzubekommen, in die Arbeit zu gehen, leider macht mein Körper mir zunehmend Schwierigkeiten, er zeigt mir wahrscheinlich die Grenzen. Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass all die Erkrankungen in der letzten Zeit psychosomatische Reaktionen sind.

Es ist nicht schön, dass die Hausarbeit seit Monaten größtenteils liegenbleibt, aber das hat außer einem mittlerweile riesengroßen schlechten Gewissen keine gravierenden Folgen. Ich fühle mich nur ziemlich unwohl, weil ich es einfach nicht mehr schaffe zu saugen oder zu putzen. Ordnung ist eigentlich sehr wichtig für mich, dass sich hier alles in ein Chaos verwandelt, belastet mich. Wenn ich es nicht schaffe, nach der Arbeit noch einkaufen zu gehen und die Vorratshaltung schwierig geworden ist, dann hat das nur bedingt Auswirkungen, wegen ständiger Magen-Darm Probleme brauche ich sowieso wenig zu essen. Dass seit einigen Monaten die Einkäufe meistens mein Mann erledigen muss, um selbst noch etwas im Kühlschrank zu haben, tut mir sehr Leid und entspricht auch nicht unserer Aufgabenverteilung. Ich leide darunter, meine Pflichten nicht zu erledigen und es belastet mich. Die größten Schwierigkeiten macht aber das tiefe Gefühl der Erschöpfung. Im reinen Überlebensmodus macht das Leben nämlich nicht wirklich Freude.

Ich habe jetzt mal gründlich darüber nachgedacht, wo das Problem eigentlich liegt. Ich vermute, viele Dinge hatten früher, nicht nur weil ich jünger, belastbarer und kompensationsfähiger war, gut funktioniert, sondern weil es einen festen, von außen vorgegebenen Stundenplan gab. Als ich in erster Linie noch Muttertier war, hatte ich wegen der fixen Termine, die die Schule und die Aktivitäten der Kinder vorgaben, einen sehr strukturierten Tagesablauf. Nachdem alle ausgezogen waren, habe ich es nicht geschafft, mir eine neue Struktur selbst vorzugeben.

Dazu kam zeitgleich eine neue Arbeitsstelle, die bis dato unbekannte soziale Anforderungen an mich stellte. Diese Stelle gibt mir zwar einerseits eine äußere Struktur vor, was sehr hilfreich ist, weil es zu meinem Tagesablauf gehört, zu einer bestimmten Zeit aufzustehen und nach dem Cappu-Zeitungs-Morgenritual in die Arbeit zu fahren. Das ist auch der Grund, weshalb ich es an vielen Tagen trotz einer Depression, die ich laut meinem Psychotherapeut habe, überhaupt noch schaffe, aufzustehen. Andererseits sind aber die Bedingungen dieser Arbeitsstelle ein Hauptbelastungsfaktor und ein Grund, weshalb es mir schlecht geht. Ich bin nach jedem Tag in der Arbeit so dermaßen erschöpft, dass ich direkt nach Hause fahre, meine Verkleidung abwerfe und mich nur noch auf die Couch legen kann. Mal abgesehen von der Hausarbeit habe ich auch für Freizeitaktivitäten, wie im Garten arbeiten oder Sport treiben, einfach keine Kraft mehr.

Ich weiß, dass regelmäßige sportliche Aktivitäten mir gut tun würden. Früher gehörten sie zu meinem Tagesablauf und es ging mir gut dabei. Nur kann ich im Moment leider nichts dagegen tun. Es liegt an den fehlenden Möglichkeiten, bzw. an meiner fehlenden Energie, neben meinen Arbeitskollegen beispielsweise im Schwimmbad oder Fitnessraum auch noch mit weiteren Menschen Kontakt haben zu wollen. Wobei ich das eher mit schizoider Paranoia verbinde, die natürlich auch damit zu tun haben mag, älter und erfahrener zu werden. Früher empfand ich viele andere Menschen zwar auch als Belastung, habe es aber leichter ertragen und habe zum Teil auch Sozialkontakte aktiv gesucht. Aber je älter ich werde, desto mehr schlechte Erfahrungen sammelten sich an. Mit jeder neuen Erfahrung des Scheiterns in sozialen Interaktionsversuchen resignierte ich mehr und wollte mich dem Ganzen am Liebsten gar nicht mehr aussetzen.

Seit ich weiß, dass ich Autistin bin, habe ich neu angefangen, den sozialen Kram besser zu bewältigen. Ich bin in eine Selbsthilfegruppe gegangen und habe mich wieder einmal mit dem Training sozialer Kompetenzen, Kommunikation und Smalltalk beschäftigt. Inzwischen ist es mir aber die Mühe oft nicht mehr wert und ich überlege immer, ob sich der Aufwand lohnt oder ich besser Energie spare, indem ich allein daheim bleibe. Ich weiß auch, dass mir das Ausüben meiner Hobbys sehr gut tut. Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich es nicht schaffe, im Studium weiterzumachen. Es wäre toll, wenn ich die Energie hätte, mich mit dem zu beschäftigen, was mich wirklich interessiert. Ich habe zusätzlich ein fürchterlich schlechtes Gewissen, weil ich es zu Hause nicht fertigbringe, seit Monaten liegengebliebene Arbeiten zu erledigen, die ich früher problemlos geschafft habe. Mittlerweile türmt sich ein so hoher Berg an unerledigten Dingen hier auf, dass allein der Gedanke daran, das alles abarbeiten zu müssen, mir eine riesige Angst macht. Aber alle Dinge, die eine Frist haben und solche, die in kurzen regelmäßigen Abständen zu erledigen sind, die schaffe ich. Erklären kann ich mir das damit, dass sie eben regelmäßig sind, also Routine. Und damit, dass ich verbindliche Regeln in jedem Fall einhalte, wozu Fristen ja gehören.

Mir ist natürlich klar, dass die Erwerbsarbeit die höchste Priorität hat und ganz sicher wichtiger ist als jedes Hobby. Aber irgendwo ärgert es mich auch, dass mein Leben sich nur noch darum dreht, in die Arbeit zu gehen. Ich sehne mich bereits am Montag nachmittag nach dem Wochenende. In den letzten Wochen ging es mir häufiger bereits Mitte der Woche gesundheitlich so schlecht, dass ich vom Arzt krank geschrieben wurde. Und dann brauchte ich das komplette Wochenende, um mich bis Montag soweit erholt zu haben, wieder in die Arbeit fahren zu können. Ich wünsche mir eine Arbeitsstelle, wo ich meine Stärken einbringen kann und die ich am Allerliebsten bis zur Rente behalten kann. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie so eine Stelle aussehen könnte und wo ich sie finde. Außerdem habe ich Angst davor Bewerbungsprozesse durchlaufen zu müssen. Dazu kommt, dass ich ein ausgesprochener Gewohnheitsmensch bin und aus lauter Angst vor Veränderungen lieber in ungesunden Situationen verharre, die kenne ich wenigstens. Das hat sehr wahrscheinlich mit Autismus oder auch mit Depressionen zu tun, weil es erstaunlich ist, wie schwer es mir tatsächlich fällt, mich auf etwas Neues einzulassen und die notwendigen Schritte aktiv dafür zu tun. Eigentlich bin ich also sehr belastbar, ich halte solche Situationen nämlich trotz hoher Belastung lange Zeit aus.

Mein soziales Leben war immer schon sehr überschaubar, aber es war nicht überhaupt nicht vorhanden. Wobei darunter mein Mann natürlich mehr leidet als ich. Ich hatte von jeher wesentlich weniger Bedürfnisse, mich mit anderen zu treffen oder auf Veranstaltungen zu gehen. Lieber verbringe ich meine Freizeit mit Lesen und zu Hause sein, wo es meiner Ansicht nach eh am Schönsten ist. Trotzdem habe ich viele Termine im Kalender stehen. Jetzt könnte man auf die Idee kommen, dass mich solche zusätzlichen Termine zu sehr belasten, weil ich sowieso dermaßen erschöpft bin. Einige sind Informationsveranstaltungstermine zu Themen, die mich interessieren, andere sind Arzttermine oder jetzt neu meine regelmäßigen Psychotherapietermine. Der Vorteil dieser Termine im Kalender ist, dass sie für mich absolut verbindlich sind und mir eben die dringend notwendige Struktur geben. Das ist wie früher, egal, wie es mir geht, Termin ist Termin – ich gehe dann sicher dort hin, sie machen, dass ich funktioniere. Für mich als Autistin haben diese vielen Termine neben der Belastung auch eine heilsame Wirkung.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass es Autisten mit zunehmendem Alter besser geht, weil die Kompensationsfähigkeiten durch lebenslanges Lernen so ausgereift sind, dass sie immer besser mit den Schwierigkeiten zurechtkommen. Mich selbst als Beispiel nehmend, scheint es aber so zu sein, dass meine Kompensationsfähigkeiten umso besser sind, je besser es mir geht. Und das wiederum hängt mit den äußeren Bedingungen zusammen. Das Fatale ist: Das Ganze ist ein Zirkel, je schlechter es mir geht, desto weniger bin ich in der Lage, die Rahmenbedingungen aufrecht zu erhalten, mit denen es mir so gut geht, dass ich problemlos funktioniere. Je schlechter es mir geht, desto weniger belastbar bin ich und umgekehrt.

Ist das alles jetzt ein Problem des Alters, meines spezifischen Autismus, einer Depression oder vielleicht eine Kombination daraus und dass ich selbst nicht fähig bin, mir verbindliche Strukturen vorzugeben und exekutive Dysfunktionen habe? Oder ist es banal ein hausgemachtes Problem wegen meiner Neigung zu Prokrastination, die mit dem Alter leider nicht besser geworden ist? Was auch immer der Grund ist, ich wünsche mir, dass es aufhört, ich möchte mich wieder besser fühlen und nicht mehr so deprimiert sein. Strukturen helfen, andernfalls würde ich wahrscheinlich schon lange nicht mehr morgens aufstehen, sondern depressiv im Bett liegenbleiben. Dazu kommt, dass sich bei jedem Gedanken daran, einfach nicht mehr aufzustehen, sofort mein Hirn einschaltet und fragt: Ok, verstehe, du bist zutiefst erschöpft, der Gedanke, im Bett liegen zu bleiben ist verlockend. Aber: Was machst du dann da? Morgen auch noch darin liegen? Und übermorgen?

Mein Psychotherapeut glaubt, dass es zwei Dinge braucht, damit es mir besser geht: Eine Therapie und Medikamente. Er hat mir gesagt, dass ich mich dringend an meine Ärztin wenden soll. Den Teil mit der Therapie erledige ich ja jetzt, seit ich ihn gefunden habe, die Hälfte habe ich demnach geschafft. Und weil es so, wie es derzeit ist, einfach nicht mehr weitergehen soll, überlege ich trotz meiner inneren Widerstände, ob Antidepressiva tatsächlich eine Lösung wären. Wobei ich glaube, dass ich einfach nur ganz, ganz dringend eine mit meinem eigenen Autismus vereinbare Arbeit und einen Stundenplan brauche. Früher ging es doch auch. Ich möchte wirklich gerne meinen Teich fertigbauen und mein Studium beenden, bevor ich im Rentenalter bin.

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil4

Zum nächsten Erstgesprächstermin einige Wochen später ging ich in eher gedrückter Stimmung. Ich war gespannt, aus welchen Gründen es diesmal scheitern würde. Erstaunlicherweise vertrat dieser Therapeut (A) eine andere Haltung. Als ich ihn nach der Stunde fragte, ob er sich vorstellen könnte, mit mir zu arbeiten, meinte er, er sähe seinen Auftrag in der Versorgung der gesamten Bevölkerung und er würde es gerne versuchen, zwei Wochen später solle ich wieder zu ihm kommen. Wir hätten insgesamt fünf probatorische Sitzungen zur Verfügung, in denen wir uns kennenlernen und ich entscheiden könne, ob er der passende Therapeut für mich sei. In den Folgeterminen unterhielten wir uns überwiegend über meine aktuellen Themen, wie mein Outing in der Arbeit und über philosophische Fragestellungen zum Sinn des Lebens. Dieser Therapeut erklärte mir ruhig und sachlich überwiegend auf einer Metaebene Dinge, die ich ihn fragte.

Eine Wochen später hatte ich noch ein weiteres Erstgespräch bei einer Therapeutin (B). Auch sie gab mir Folgetermine. Abwechselnd hatte ich ab da jede Woche einen Termin bei einem der beiden Therapeuten. Und ab Mitte November dann noch wöchentliche Termine bei einem dritten Therapeuten (C), der zu Beginn jeder Stunde fragte, wie es mir gehe und wie die Stimmung sei. Beim erstenmal war ich überrumpelt und wusste keine Antwort. Ab dem zweitenmal wurde es zur Routine und ich begann mich ernsthaft mit meinen Emotionen zu beschäftigen. Dazu legte ich mir ein nützliches Instrument zu, um meine Gefühle besser bestimmen zu können – den GfK Navigator für Gefühle, Emotionen und Stimmungen. Dieser Therapeut ging systematisch vor, er ließ mich zu Beginn jede Menge Fragebögen ausfüllen, die er neben dem testpsychologischen Befund, dem Arztbrief der Diagnosestelle und den Entlassberichten meiner zwei Klinikaufenthalte auswertete. Er meinte auf meine Nachfrage, weshalb er das mache, er könne nicht einfach die Diagnosen von anderen abschreiben, er würde sich gern selbst ein umfassendes Bild machen, allerdings würde er jede von ihm gestellte Diagnose mit mir besprechen. Er hinterfragte gezielt meine Antworten, erläuterte mir vorher sein geplantes Vorgehen in der nächsten Stunde und tat stets das, was er sagte. Die Stunden bei ihm waren anstrengend, aber auf eine positive Art.

Ich beschloss, bei jedem der drei alle fünf Probesitzungen zu besuchen, um für meine Entscheidung eine Vergleichsgrundlage zu haben. Die Termine bei der Therapeutin verliefen unstrukturiert und für mich ohne erkennbaren Plan. In der vierten Sitzung passierten seltsame Dinge, die ich nicht sofort einordnen konnte. Nach meiner Beantwortung ihrer Frage, was ich am Wochenende vorhätte, sagte sie zu mir, das sei viel zu viel, ich müsse lernen, andere zu enttäuschen. Als erste Übung dazu solle ich ein meinem Stiefvater gegebenes Versprechen brechen. Auf meinen Einwand, ich hätte in meinem Leben bereits recht viele Leute enttäuscht, vor allem mich selbst und ich wolle nicht ausgerechnet meinen Stiefvater und damit meine Mutter enttäuschen, ob es nicht bitte jemand anderes sein könne, ging sie nicht ein. Sie wiederholte mantraartig ihre Forderung an mich. Ich war bei dem Gadanken daran, mein Versprechen zu brechen völlig überlastet und fing an zu weinen, sie hörte nicht auf, ihre Forderung zu wiederholen. Erst als ich ihr sagte, sie solle mich bitte in Ruhe lassen, wartete sie eine Weile, bis ich mich soweit beruhigt hatte. Dann fragte sie mich, ob ich den Konsiliarbericht dabei hätte. Ich war irritiert, sie hatte mir gegenüber ganz sicher dieses Wort nie erwähnt, weshalb sollte ich also so etwas dabeihaben? Sie legte mir zwei Formulare vor, die ich unterschreiben sollte, nachdem ich meine Daten eingetragen hätte. Ich wunderte mich, bemühte mich aber, trotz meiner Irritation meine Kontaktdaten in die richtigen Felder einzutragen. Ich verstand nicht, weshalb diese ganze Prozedere zu diesem Zeitpunkt unbedingt notwendig war, wir hatten doch noch einen Termin. Die Stunde war bereits überzogen und ich hatte noch nichts unterschrieben, da nahm sie mir die Formulare wieder aus der Hand und meinte, dass wir das in der nächsten Stunde auch erledigen könnten. Ich war dankbar, denn das war ja auch mein Gedanke, den ich allerdings nicht laut geäußert hatte. Zu Hause besprach ich mich mit meinem Mann und meiner Freundin, beide meinten nach meiner Schilderung, zu dieser Therapeutin solle ich nicht mehr gehen, ihr Verhalten sei suspekt, ich solle ihr nicht trauen.

Ich habe gelernt, dass es besser ist, mir die Meinung anderer zu solchen Vorkommnissen anzuhören. Aber ich bilde mir letzten Endes doch immer selbst eine Meinung. Ungeklärte und offene Dinge mag ich nicht. Ich denke auch, dass es besser ist, bei Unklarheiten direkt nachzufragen und offen darüber zu sprechen. Außerdem empfinde ich es nicht als fair, ausgemachte Termine ohne Erklärung nicht wahrzunehmen, also ging ich trotzdem zum letzten Termin. Diesmal mit einer Liste, auf der ich meine offenen Fragen wegen ihrer mich irritierenden Vorgehensweise aufschrieb und ihr gab, um dann Punkt für Punkt darüber zu sprechen. Dieser Termin war strukturiert, sie beantwortete alle meine Fragen. Sie meinte, sie habe nicht so ein gutes Gedächtnis wie ich und hätte vergessen, dass sie mir den Konsiliarbericht nicht zum Ausfüllen mitgegeben habe. Sie sei nicht auf mein Weinen eingegangen, weil sie nicht den Eindruck gehabt hätte, dass es mir wirklich schlecht ging. Außerdem gehöre das Eingehen auf solche Reaktionen zur eigentlichen Therapie und wir seien ja erst in den Probesitzungen. Wir vereinbarten, dass ich mich erst nach Weihnachten entscheiden könnte, ob ich eine Therapie bei ihr machen wolle.

Ich fragte die nette Frau im Netzwerk Autismus beim unserem nächsten Termin, woran ich erkennen könne, welcher Therapeut der Richtige für mich sei. In der Literatur hätte ich davon gelesen, meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Leider aber fühlte ich nichts im Bauch außer meinen mittlerweile allgegenwärtigen Magen-Darmproblemen. Sie gab zu bedenken, dass ich mich allein durch die Menge an Terminen und den parallelen Kontakt zu drei Therapeuten überlasten würde. Ich gab ihr im Prinzip recht, wandte jedoch ein, dass ich mich beeilen müsse, um vor einem potentiellen nächsten Zusammenbruch einen Therapieplatz zu finden. Ich fragte meinen Mann, wie ich das Problem lösen könnte. Er meinte, ich solle mir eine Matrix erstellen und das tun, was ich am besten könne: Systematisch vorgehen.

Danach überlegte ich mir einen Kriterienkatalog von für mich relevanten Bedingungen und gab jedem Kriterium eine eigene Gewichtung zwischen dem Wert 1 und 5. Dann bewertete ich auf einer dreistufigen Skala von 1 (schlecht), 2 (durchschnittlich) bis 3 (gut) die jeweilige Bedingung bei allen drei Therapeuten. Anschließend multiplizierte ich jeden Wert mit der Gewichtung, summierte das Ganze und erhielt so einen Gesamtwert. Zur besseren Übersicht stellte ich alles auch noch grafisch dar. Das sah dann letzten Endes so aus und ergab eine übersichtliche Grundlage für meine Entscheidung:

therapeutenpassung

Jetzt kann ich nur hoffen, dass mein Weg, mich für einen der drei Therapeuten zu entscheiden, dazu geführt hat, aus meinen Wahlmöglichkeiten tatsächlich den am besten passenden Therapeuten herauszufinden. Ob die Therapie dann auch erfolgreicher ist, als meine bisherigen Therapieversuche, wird die Zukunft zeigen.

Ich frage mich, wie es möglich ist, dass man einen Therapeuten langfristig behalten kann. In manchen Büchern hatte ich gelesen, dass Betroffene den Therapeuten ihres Vertrauens über Jahre hinweg hatten und das als hilfreiche Unterstützung sahen. Meines Wissens zahlt die Krankenkasse aber nur eine begrenzte Anzahl an Terminen. Und man darf nur alle zwei Jahre eine Therapie machen. Wahrscheinlich funktioniert das also nur, wenn man privat zahlt.

Falls jemand eine bessere Idee hat, wie man als Autist feststellen kann, ob man einen passenden Therapeuten gefunden hat, wäre ich dankbar, wenn er sie mir bitte verraten würde.


Hinterlasse einen Kommentar

Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil3

Über eine Bekannte hatte ich den Tipp bekommen, bei ihrem eigenen tiefenpsychologisch orientierten Therapeuten anzurufen. Als pragmatischer Mensch hatte ich ein paar Tage später dann ein Erstgespräch bei diesem. Er verabschiedete mich nach genau 19 Minuten mit den Worten: „Ich meine, dass Sie sehr zeitnah wöchentliche Therapiegespräche brauchen, die kann ich Ihnen leider nicht anbieten, wenden Sie sich doch zur Überbrückung an das BKH. Die Frau, die gerade eben vorher bei mir war, der kann ich sporadisch Termine anbieten, bis sie einen festen Platz bei mir erhält, bei Ihnen halte ich das nicht für sinnvoll, es tut mir leid“. Als weitere Rückmeldung erhielt ich den Hinweis, dass es für den Erhalt eines Therapieplatzes besser wäre, wenn ich einem Therapeuten erst im Lauf einer Therapie vorsichtig von meinen Diagnosen erzählen würde, weil eine sofortige Mitteilung abschrecken würde. Ah ja. Und ich dachte, eine Therapie basiere auf größtmöglicher Offenheit. Ich dachte, die umfassendste Antwort auf die Frage, weshalb ich einen Therapieplatz suche, wäre, dem Therapeuten den Arztbrief auszuhändigen. Irgend etwas hatte ich da wohl wieder falsch verstanden, wie scheinbar so viele andere Dinge auch.

Meine deprimierte Folgerung war: Es scheiterte offenbar an mir und meiner Person. Nicht nur mit sehr vielen nicht psychologisch geschulten Nichtfachleuten, sogar mit Therapeuten aller Fachrichtungen kommt es bei mir zu Verständigungsproblemen und zu Ablehnung. Ich hatte keine Ahnung, was so falsch an mir war, ich war nur leider nach nunmehr 58 Therapeutenkontakten, die meisten davon telefonisch, und inzwischen 37 Absagen, etliche davon explizit wegen der Autismus-Diagnose, ratlos, was ich noch machen sollte. Die Therapieplatzsuche entwickelte sich zu einer immensen Belastung. Ich hatte keine Kraft mehr, das gesamte Prozedere nochmals zu erledigen und neue Therapeuten zu kontaktieren. Aber ich hatte noch drei weitere offene Termine, also auch noch drei potentielle Chancen, einen Therapeuten zu finden.


Hinterlasse einen Kommentar

Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil2

Nach Anlaufschwierigkeiten, weil er sich bei mir per E-Mail meldete, weil er mich telefonisch nie erreichen könne, woraufhin ich einen festen Telefontermin mit ihm vereinbarte und mein Smartphone einschaltete, er aber nicht anrief, hatte ich dann doch noch im Urlaub Kontakt zu einem vielversprechend klingenden Therapeuten. Er hatte mit mir bereits schriftlich abgeklärt, dass Asperger für ihn kein Hinderungsgrund sei. In einem ruhigen Telefonat erklärte er mir sowohl die Anfahrtsmöglichkeiten zu seiner am Wasser gelegenen Praxis als auch detailliert das geplante Prozedere für das Erstgespräch.

Ich erschien also eine Stunde vor dem vereinbarten Termin, um im Wartezimmer bei gedämpftem Licht und entspannter Ruhe auf seinem Tablet verschiedene Tests auszufüllen, die sofort ausgewertet wurden. Das empfand ich als professionelles Vorgehen. Der Therapeut war erfreulich technikaffin. Nur eine leise schnurrende Perserkatze leistete mir beim Ausfüllen Gesellschaft. Als er nach einer Stunde wie abgesprochen kam, um mir das Tablet abzunehmen, konnte er nicht glauben, dass ich alle Tests bearbeitet hatte. Er sagte, das habe bisher noch nie jemand bei ihm geschafft. Es erstaune ihn ungemein. Ich wunderte mich, er hatte gesagt, ich solle die Tests so weit ausfüllen, wie ich kommen würde, also hatte ich das getan. Es handelte sich unter anderem um ein Depressionsinventar, einen Fragebogen zur Abklärung von Psychosen oder Schizophrenie, Fragen zu potentiellen anderen physischen Erkrankungen, mein Krankheitserleben, usw. In meinen Augen waren es zehn umfassende, zumindest soweit sie mir bekannt waren, valide Fragebögen, das Ganze wirkte wirklich gut organisiert.

Er bat mich in sein riesiges, geschmackvoll eingerichtetes Therapiezimmer mit wenigen, ausgesuchten, massiven, zeitlosen, hochwertigen Echtholzmöbeln. Dort ging er kurz die Auswertungen der Fragebögen durch, bevor er zu mir sagte: „Suchen Sie sich einen Platz aus“. Er hatte insgesamt vier Sitzmöglichkeiten, eine davon an seinem Schreibtisch, der Rest locker um einen Couchtisch gruppiert, eine war ein wunderschöner Funktionsstuhl, der mir sofort aufgefallen war, weil er interessant aussah. Ich setzte mich auf besagten Stuhl, woraufhin er meinte: „Aber nicht diesen, das ist meiner“. Aha, kann ich ja nicht wissen, ich meinte, dann müsse er das halt vorher sagen. Er hatte mich dann trotzdem dort sitzen lassen, nachdem er mir die unterschiedlichen Funktionen des Stuhls und mögliche Sitz-, Schaukel und Liegepositionen vorführte. Wir unterhielten uns eine Stunden lang meinem Empfinden nach angenehm miteinander. Nur, damit er mir danach sagte, dass

  • es ihn sehr gestört habe, dass ich „motorisch unruhig“ gewesen sei. Ich dachte bei mir, dass ein Stuhl, der explizit für nichtstatisches, gesundes Sitzen gebaut ist und dessen Funktionsweise er mir ausführlich erklärt und vorgeführt hatte, auch so genutzt werden sollte. Worin ich mich anscheinend getäuscht hatte. Ich zog zu seinen Gunsten in Erwägung, etwas falsch verstanden zu haben.
  • er Verhaltenstherapie in meinem komplexen Fall nicht für das Mittel der Wahl hielte, er würde eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie für zielführender halten. Auf meine Einwände, dass laut der Literatur, die ich dazu gelesen hätte, bei Autismus Tiefenpsychologie eher nicht helfe, und die Testpsychologin mir ausdrücklich zu Verhaltenstherapie geraten habe, ging er nicht ein.
  • er selbst sich bei all seiner Erfahrung eine Therapie mit mir nicht zutraue. Er, obwohl er offen sei, seltsamerweise zu mir keinen Zugang bekäme, keine Passung sähe, es läge nicht an mir, er wolle mich nicht enttäuschen. Woraufhin ich irritiert erwiderte, ich hätte ja noch gar keine Beziehung zu ihm, insofern enttäusche er mich nicht, darum ginge es doch gar nicht, aber ich würde gern verstehen, weshalb er sich eine Therapie mit mir nicht zutraue.
  • er meine, ich würde unbedingt eine Therapie brauchen, da wäre so viel, er überblicke das gar nicht alles. Ich fragte verunsichert nach, ob er mit „komplexer Fall“, schwieriger, wenig erfolgversprechender Fall meine. Was er verneinte und mich nachdrücklich darauf hinwies, ich könne mich an die Institutsambulanz im BKH wenden oder beim Krisendienst Horizont kurzfristige kompetente Hilfe erhalten, ob er mir die Adressen ausdrucken solle?

Ich erwiderte, dass ich von eben dieser Institutsambulanz die Diagnose erhalten hätte, was aus den von ihm vorab verlangten und ihm von mir auch zugesendeten Arztberichten hervorgehen würde. Außerdem sagte ich ihm, dass Horizont meines Wissens eine Stelle sei, bei der man Hilfe im Fall von Suizidabsichten erhalten würde, danke, die Adressen hätte ich beide bereits, das wäre für den Erhalt eines Therapieplatzes aber für mich eher nicht zielführend.

Ich fragte ihn, ob es eventuell doch an der Autismus-Diagnose läge, was er ebenfalls verneinte, er habe keine Schwierigkeiten mit dieser Thematik. Ich fragte, ob es daran läge, dass ich in seiner Testbatterie auf jede Frage, die irgendwie in spirituelle Richtung ging, mit Nichtzustimmung geantwortet hätte, was ihm, wie ich mich erinnerte, bei der Auswertung bereits aufgefallen sei. Ich mich jedoch auch daran erinnern würde, dass im Wartezimmer ein Buch über Zen, Achtsamkeit, und in meinen Augen eher esoterischen Dingen, wie Familienaufstellen mit ihm als Mitautor läge. Ob es da eventuell einen Zusammenhang geben könne. Was er wortreich verneinte. Ich fragte, ob ich es so zusammenfassen könne, dass er mich einfach nicht verstünde. Was er bejahte. Ich bin daraufhin mit den Worten gegangen: „Da sind Sie nicht der erste, das begleitet mich schon mein Leben lang und ist ja eben genau eines der Grundprobleme, das ich ihnen auch mehrfach in der letzten Stunde geschildert hatte. Schade wegen des schönen Stuhls“.

Ich war zuallererst ziemlich ungehalten, weil ich viel Zeit und Energie investiert hatte. Außerdem hatte ich mir während der Stunde bereits vorgestellt, wie schön es werden würde, diesen Stuhl in diesem ruhigen Raum, in dem ich mich wohl fühlte, öfter nutzen zu dürfen. Nach der intensiven, mehrtägigen Reflexion des Gesprächs war ich anschließend verunsichert. Ein ein erfahrener Therapeut hatte mich nicht verstanden und eine Behandlung abgelehnt, gleichzeitig aber gemeint, ich bräuchte unbedingt einen Therapieplatz, und das langfristig, am besten gleich eine komplette Psychoanalyse. Was, wenn er recht hätte?


Hinterlasse einen Kommentar

Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil1

Das erste Erstgespräch fand einen Tag vor unserem zweiten langfristig geplanten größeren Urlaub in diesem Jahr statt. Ort war ein muffig riechender, bedrückend niedriger Kellerraum eine gute Stunde Autofahrt von meinem Zuhause entfernt und das abends zu einer Zeit ohne Verkehr. Die Therapeutin war im zweiten Ausbildungsjahr und erklärte mir welche Vorteile es hätte, bei ihr eine Therapie zu machen, weil im Hintergrund als Supervisor auch immer ihr sie ausbildender Therapeut mit involviert sei. Über meinem Kopf trampelten die Bewohner der Erdgeschosswohnung herum, was meine Konzentration nachhaltig beeinträchtigte, so dass ich nicht alles mitbekam, was die potentielle Therapeutin im Alter meiner Tochter mir erzählte. Ihre Zehen in den Flipflops rollten sich im Verlauf der Stunde zunehmend ein, während ich versuchte, ihre Fragen zu beantworten. Ich fühlte mich mehr und mehr angestrengt, sie verstand scheinbar Dinge, die ich aus meinem Familienerleben erzählte nicht. Ich fragte, wie genau mir Therapie ihrer Ansicht nach helfen könnte, und was in der Therapie passiere. Sie antwortete, Therapie passiere einmal wöchentlich in der vereinbarten Stunde und könne mir ganz sicher sehr helfen, das würde ich mit der Zeit schon noch merken.

Nach der Stunde fuhr ich aufatmend nach Hause und besprach meine Beobachtungen mit meinem Mann. Wir kamen überein, dass weder die Rahmenbedingungen noch die Therapeutin passend erschienen, obwohl ich grundsätzlich kein Problem damit gehabt hätte, mit einer sich noch in Ausbildung befindlichen Therapeutin zu arbeiten. Wie sonst sollte sie Berufserfahrung bekommen? Ich wog Pro- und Contra-Argumente gegeneinander ab. Mit meiner Nachtblindheit den Weg von der Praxis nach Hause einmal wöchentlich Abends zu einer Zeit bewältigen zu müssen, in der ich mich normalerweise bereits darauf vorbereitete, ins Bett zu gehen, weil ich bei winterlichen Straßenverhältnissen garantiert mehr als eine Stunde für die Strecke brauchen würde, war ein schwerwiegendes Contra-Argument. Ich dachte darüber nach, wie wahrscheinlich es wohl war, dass die Mieter über dem Therapieraum sich zur Therapiezeit nicht zu Hause aufhalten würden. Meine Beobachtungen der körperlichen Reaktionen der angehenden Therapeutin ließen außerdem auf eine Überforderung bereits in der ersten Stunde schließen. Die Contra-Argumente gewannen. Wir fuhren erst einmal in Urlaub. Ich hatte ja noch die Option auf weitere Erstgespräche.


Hinterlasse einen Kommentar

Psychotherapie – oder wie finde ich überhaupt einen Therapeuten, der einen freien Therapieplatz hat?

Auf Anraten der Diagnosestelle versuche ich seit nunmehr vier Monaten auf ein Neues, einen Psychotherapieplatz zu finden. In der Hoffnung, dass nicht ich resistent gegen Psychotherapie bin, sondern die Therapeuten und Therapieversuche bisher einfach nicht zu mir passten.

Ich stehe auf der Warteliste für ein soziales Kompetenztraining, von dem ich begründet annehme, dass es ganz sicher nicht schaden kann. Die Testpsychologin hatte mir konkret am PC erklärt, wie ich Therapeuten finden kann. Über eine Umkreissuche 50 Kilometer rund um meinen Wohnort bei der KVB fand ich niedergelassenen Verhaltenstherapeuten, die mit dem Auto potentiell von meiner Arbeitsstelle oder von zu Hause gut erreichbar waren und erstellte eine Excel Liste mit deren Kontaktdaten. Ich arbeitete die Liste systematisch ab, indem ich erst einmal schaute, über welchen Therapeuten ich Informationen im Internet fand und wem ich eine E-Mail schreiben konnte. Ich formulierte meine Anfrage schriftlich und schickte sie jedem. Danach telefonierte ich einen Tag lang die verbleibenden Therapeuten auf der Liste ab, wobei ich darauf achtete, nicht innerhalb eines Zeitraumes von 10 Minuten vor bis 10 Minuten nach der vollen Stunde anzurufen, um mit niemandem persönlich sprechen zu müssen. Ich musste häufiger zweimal anrufen, um die Ansagen zu verstehen. Auf jeden Anrufbeantworter, dessen Ansage nicht auf für Terminvereinbarungen ausgewiesene Sprechzeiten oder volle Wartelisten verwies, sprach ich meinen E-Mail Anfragetext, den ich dazu vom Blatt ablas. Ich dokumentierte alles in meiner Liste.

Im nächsten Schritt fügte ich eine Tabelle ein (ich mag Excel), sortierte die verbliebenen Therapeuten, die Termine nur persönlich am Telefon zu bestimmten Zeiten vereinbarten, nach Sprechzeiten und machte mich daran, diese in alphabetischer Reihenfolge Tag für Tag mit dem Blatt in der Hand, von dem ich meinen Text ablesen konnte, telefonisch zu kontaktieren. Weiterhin dokumentierte ich alles nachvollziehbar in meiner komplexer werdenden Tabelle und erstellte Auswertungen, die anschaulich meine Bemühungen dokumentierten. In den folgenden Tagen hatte ich entweder viel Stress, weil ich mit Therapeuten am Telefon sprechen musste oder weil mein Mobiltelefon zu unpassender Zeit klingelte, wenn mich jemand zurückrief.

Aus meinen letztendlich 57 Anfragen resultierten 32 sofortige Absagen ohne Wartelistenplatz und sechs Wartelisteneintragungen mit der Option, mich im frühesten Fall im November wieder zu melden, falls ich bis dahin keinen Platz gefunden hätte, bzw. Anfang bis Mitte 2017 vielleicht eine Therapie beginnen zu können. Einige Therapeuten auf meiner Liste hatte ich gar nicht erreicht, weil sie keinen Anrufbeantworter hatten. Die Begründungen für eine sofortige Absage waren: „Habe bereits eine volle Warteliste“ oder: „Kenne mich leider nicht mit Asperger aus“. Immerhin fünf Therapeuten boten mir zwischen September und November einen Termin für ein Erstgespräch an, einer versuchte sogar mehrfach mich zurückzurufen. Und vom Rest erhielt ich keine Rückmeldung.


Hinterlasse einen Kommentar

Psychotherapieresistenz? – oder die Geschichte von der Kunst, den passenden Therapeuten zu finden #Teil4

Nach acht Jahren Arbeit in einem Büro mit einer allmählichen Steigerung der Arbeitszeit von acht auf letztlich fünfzehn Wochenstunden, einer Steigerung der Arbeitnehmerzahl von einer (mir) auf drei Mitarbeiter und einer Steigerung der Diskussionen um meine soziale Kompetenz von wenig auf die Behauptung, ich hätte überhaupt keine, bekam ich Anfang 2015 überraschend und unverhofft ein Angebot für eine andere Büroarbeitsstelle. Mein Hausarzt hatte mir seit längerem geraten, mir eine neue Arbeit zu suchen, ich war immer öfter krank und hatte seit zwei Jahren Schlafstörungen. Trotz der mich mittlerweile sehr belastenden Situation im Büro nahm ich dieses Angebot erst nach längerem Zögern an.

Wegen fehlender Parkmöglichkeiten am neuen Arbeitsort war mein gewohnter Weg in die Arbeit mit dem Auto nicht mehr möglich. Ich fuhr deshalb fortan mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu der neuen Arbeitsstelle mit 20 Stunden Wochenarbeitszeit und 11 Mitarbeitern. Ich hatte nach ein paar Wochen zusätzlich zu den massiver werdenden Schlafstörungen für mich neue und mir unerklärliche Panikattacken, weshalb ich zu meiner ehemaligen Gesprächstherapeutin Kontakt aufnehmen wollte. Nach einem mich verunsichernden Telefonanruf, bei dem eine Stimme behauptete, diese Nummer sei nicht vergeben, ergab eine Google-Recherche auf der vierten Seite dann endlich die Information, sie sei 2014 verstorben – woraufhin ich eine so heftige Panikattacke hatte, dass ich umgehend zu einer Arztpraxis mit angegliedertem Psychologen flüchtete, der mich zu einer Neurologin weiterverwies. Dort hatte ich Weinkrämpfe und versuchte, zu erklären, warum ich Angst hatte, nicht mehr zu funktionieren. Das Ergebnis war, dass sie mich wegen Selbstgefährdung zur Sicherheit ins nächstgelegene BKH einweisen wollte. Was mich in noch größere Panik versetzte. Mein Versuch, zu argumentieren, ich sei nicht selbstgefährdet, darum ginge es doch gar nicht, ich sein im Übrigen mit meinem eigenen Auto in die Praxis gefahren und es sei schon deshalb völlig unmöglich, sofort in ein Krankenhaus zu gehen, ich müsse erst mein Auto nach Hause bringen, brachte sie nicht von ihrem Entschluß ab. Unfähig zu weiterer Kommunikation bat ich darum, meinen Mann zu verständigen. Er sammelte mich dort ein und wir fuhren mit zwei Autos nach Hause. Am nächsten Tag brachte er mich zu unserem Hausarzt und erklärte ihm die Situation. Ich war nach wie vor nicht in der Lage zu kommunizieren und einfach nur froh, dass mein Mann das für mich übernommen hatte. Mein Hausarzt war nicht der Meinung, dass ich in einem BKH gut aufgehoben wäre. Er schrieb mich erst einmal drei Wochen lang krank.

Mein Mann nahm sehr kurzfristig noch am selben Tag Urlaub und packte mich in unser Wohnmobil. Er hatte vom Hausarzt dieselben Beruhigungsmittel, die ich vor Jahren bereits genommen hatte, plus ein Antidepressivum für mich mitbekommen. 300 km weit weg von meiner Panik, an einem ruhigen Stellplatz am von mir so geliebten Wasser, las ich die Beipackzettel komplett durch, besprach anschließend mit meinem Mann, lieber noch bis zum Morgen mit der Medikamenteneinnahme zu warten – und hatte während dieser paar Tage fortan keinerlei Beschwerden. Gut ausgeschlafen wieder zu Hause, begleitete mich mein Mann wieder zum Hausarzt und erklärte ihm, dass wir beschlossen hatten, es ohne Medikamente zu versuchen. Er übernahm jegliche Kommunikation nach außen für mich und verhinderte, dass irgend jemand zu mir Kontakt aufnehmen konnte. Während der Zeit allein zu Hause ging es mir bis auf die Schlafstörungen gut. Ich verdrängte die aufkommenden Gedanken darüber, dass meine Arbeit der Grund für die Panik und meine sonstigen gesundheitlichen Probleme sein könnte.

Nach der Krankschreibung kämpfte ich in der Folgezeit in der Arbeit von Wochenende zu Wochenende gegen einen erneuten Zusammenbruch. In regelmäßigen Abständen nahm ich Kurzurlaube und nutzte die Feiertage, um mehrere Tage am Stück frei zu haben und mich so weit zu erholen, dass ich überhaupt wieder in die Arbeit gehen konnte. Mir war erschreckend bewusst, dass mich diese Strategie nur so lange retten würde, bis mein Urlaub aufgebraucht war.

Der Hausarzt vermittelte mir kurzfristig einen Termin bei einer Verhaltenstherapeutin, die mich nach dem Erstgespräch fragte, wie ich den Termin empfunden hätte. Ich verstand nicht, was sie genau von mir wissen wollte? Es war anstrengend für mich, ich hatte ihr eine Stunde lang monologisierend und immer mehr in Einzelheiten gehend meine Lebensgeschichte erzählt, wozu sie mich mit den einleitenden Worten „Erzählen sie mal, was Sie herführt“ aufgefordert hatte. Ihre Reaktionen während meines Berichtes erschöpften sich in diversen Oh Gotts, der Bemerkung, ich könne ein Buch über mein Leben schreiben und der rätselhaften Aussage, sie verstünde ihre therapeutische Funktion als Katalysator, wie Gold oder Platin. Sie sagte mir zum Abschied, ich solle das Gespräch erst einmal sitzen lassen und gründlich darüber schlafen, sie werde das ebenfalls tun. Einen weiteren Termin könne ich dann per Mail vereinbaren. Nach drei Tagen schrieb ich ihr eine Mail, in der ich fragte, ob dreimal schlafen in ihren Augen gründlich genug sei. Und ich fragte nach, ob sie sich als positiven oder negativen Katalysator verstünde, weshalb sie ausgerechnet Gold oder Platin gewählt habe und ob sie tatsächlich davon überzeugt sei, dass sie sich durch den Kontakt zu ihren Patienten nicht verändern würde. Falls ja, wäre ich sehr interessiert daran, ihre Methode der Abgrenzung zu lernen. Außerdem bat ich sie um einen weiteren Termin.

Mehrere Wochen später antwortete die Therapeutin mir per Mail mit einer Absage, die mich in einem weiteren Kurzurlaub unvermutet traf, keine meiner Nachfragen beantwortete und meine Motivation, mich um einen Therapieplatz zu bemühen, erst einmal auf Null reduzierte. Meine Angstsymptome in der Arbeit verschwanden jedoch nicht, ich hatte, wie gewohnt, weiter Schwierigkeiten mit Kollegen. Ungewohnt war nur die Menge an Kollegen und damit stieg auch die Menge an Schwierigkeiten. Ich glaubte, mich in einer Zeitschleife zu befinden, weil sich augenscheinlich meine sozialen Probleme in und mit Teams aus meiner Schulzeit und der Zeit an der Universität wiederholten. Es kam zu eklatanten Missverständnissen und ich begann, zunehmend Fehler in der Arbeit zu machen.