SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Kontakthalten

Es gibt inzwischen einige Personen in meinem Leben, mit denen ich mich relativ regelmäßig austausche. Relativ deswegen, weil ich es nicht schaffe, zu allen den Kontakt dauerhaft aufrecht zu erhalten und relativ, weil meine Kontakthaltefrequenz und mein Kontakthalteverhalten für Nichtautisten vermutlich seltsam anmutet. Kontakthalten ist schwierig.

Zuallererst deswegen, weil ich Kontakt überwiegend über schriftlichen Austausch herstelle. Ich rufe so gut wie nie jemanden an – nur innerhalb meiner Familie greife ich von mir aus freiwillig zum Telefon. Und selbst das kann man innerhalb eines Quartals problemlos an den Fingern einer Hand abzählen. Meine bevorzugten Kommunikationsmittel sind Messenger oder E-Mail. Für mich hat der schriftliche Austausch den Vorteil, dass ich ausreichend Zeit habe, meine Worte zu überlegen und sie so zu formulieren, dass sie genau das ausdrücken, was ich ausdrücken möchte. Selbst bei schriftlicher Kommunikation kommt es zwar immer mal wieder zu Schwierigkeiten, aber meiner Erfahrung nach wesentlich weniger häufig als bei einem direkten mündlichen Austausch.

Zudem betrifft das die Häufigkeit, mit der ich Kontakte herstelle. Selbst mit meinen Familienangehörigen habe ich teilweise wochenlang keinen Kontakt. Es kann passieren, dass ich mich nur alle paar Monate mal bei jemandem melde, dann aber auch phasenweise mehrmals täglich, bevor es dann wieder eine Zeit lang komplett einschläft. In der überwiegenden Zahl der Fälle melde ich mich auch nur, wenn ich ein konkretes Anliegen habe. Das ist dann für mich natürlich dringend. Und ich denke nicht daran, dass mein Anliegen meinem Gegenüber vielleicht nicht so wichtig ist, wie mir. Einfach mal so jemandem schreiben, fiel mir lange nicht ein. In den letzten Jahren übe ich mich zwar darin, auch zwischendurch ein paar Zeilen zu schreiben, aber das gelingt mir nicht durchgängig.

Ich habe mir angewöhnt, mich möglichst häufig mit der üblichen „Wie geht es dir“ Einleitungsfrage zu melden oder sie zumindest irgendwann zu stellen. Wobei ich immer noch am Hadern mit mir bin, ob ich diese Frage überhaupt stellen darf, wenn es mich gerade nicht interessiert, wie es dem anderen geht. Aber ich weiß, dass diese Frage notwendig und sozial wichtig ist, weil eine Beziehung immer auf Gegenseitigkeit beruht, also auch darauf, dass es mich interessieren sollte.

Oft komme ich aber gleich zur Sache, selbst wenn es Monate her ist, dass ich zuletzt mit jemandem geschrieben habe. Und zwar ohne einleitende Worte wie einer Begrüßung, einem Guten Morgen oder ähnlichem. Weil mir selbst solche Dinge nicht wichtig sind, ich in Gedanken bei meinem Thema bin und solche Höflichkeitsfloskeln im Grunde immer noch für überflüssig halte. Und weil mein Zeitempfinden die Zeit ohne Kontakt dazwischen einfach ausschaltet. Für mich ist es so, als hätte ich erst gestern mit der Person geschrieben. Nur bei den Personen, von denen ich weiß, dass diese Floskeln ihnen wichtig sind, verwende ich sie meistens. Allerdings muss ich bei diesen Personen bewusst daran denken, solche Floskeln zu verwenden – wenn ich zu aufgeregt bin oder angespannt, kann es auch hier passieren, dass ich sie vergesse. Diejenigen, die das bereits kennen, schreiben dann als Antwort erst einmal Guten Morgen o.ä., garniert mit lachenden Emoji, woraufhin ich die fehlende Begrüßungsfloskel nachliefern kann.

Ich schreibe also unvermittelt jemanden an, mit dem ich eventuell seit längerer Zeit gar keinen Kontakt hatte. Zumindest keinen, von dem mein Gegenüber weiß. Denn es ist so, dass ich den Personen meines Interesses auf den sozialen Medien folge, d.h. ich lese alles, was sie posten mit. Sie sind in meinem Erleben also präsent, ich denke häufig an sie, weiß zumindest in dem Umfang, in dem sie etwas darüber posten, was sie beschäftigt. Nur wissen das diese Personen ja nicht. Diesen Punkt vergesse ich aber bei meiner Kontaktaufnahme und gehe davon aus, dass mein Gegenüber weiß, was ich weiß.

Ich verliere außerdem beim Kontakthalten mit Autisten immer wieder aus den Augen, dass derjenige, mit dem ich schreibe selbst Autist ist. Wenn ich das Bedürfnis habe, mit ihm zu „reden“, also zu chatten, dann denke ich egozentrisch und ziehe nicht in Betracht, dass der andere eventuell gerade seine Ruhe braucht, sich zurückgezogen hat und abschottet, weil er wegen irgendwelcher Dinge in seinem Leben überlastet ist, die gar nichts mit mir und dem zu tun haben, was ich geschrieben habe.

Wenn derjenige dann auch nach mehreren Chatbeiträgen von mir im Verlauf einiger Stunden nicht antwortet, obwohl ich sehe, dass er online ist, dann mache ich mir Gedanken und vor allem Sorgen – im Sorgen machen bin ich nämlich richtig gut. Weil ich sein Verhalten, also dass er mir nicht antwortet, dooferweise auf mich beziehe und Angst habe, dass ich irgendwo etwas Falsches geschrieben habe. Ich befürchte dann Ablehnung oder dass derjenige nichts mehr mit mir zu tun haben will, dass ich ihn nerve und er es mir nur nicht sagen möchte. Ich weiß natürlich, dass das nichts mit der Realität zu tun hat, sondern nur meine eigene, fünfzig Jahre währende Erfahrungsgeschichte widerspiegelt. Allerdings fällt es mir schwer, dieses Wissen über mich selbst in meinem Kontaktverhalten ständig präsent zu behalten und nicht unruhig zu werden, wenn ich erst einmal keine Antwort erhalte.

Übrigens antworte ich selbst auch häufig nicht sofort, wenn mich jemand anschreibt. Entweder weil ich unterwegs bin und es gar nicht mitbekomme – mein Smartphone trage ich zwar permanent mit mir herum, allerdings ist es fast immer stumm geschaltet und auch die Benachrichtigungen zu den Messenger Diensten habe ich meistens ausgeschaltet. Oder weil ich keine Energie habe, sofort zu antworten. Manchmal geht auch eine Antwort unter, weil ich zwar gelesen habe, was der andere mir schrieb, es aber vergesse, die Nachricht auf Nichtgelesen zurückzusetzen, so dass sie in der Nachrichtenchronik verschwindet. Wenn ich dann gerade mal wieder an diese Person denke und mir einfällt, dass ich noch eine Antwort schuldig bin, weiß ich nicht, wie ich verständlich machen kann, dass es nicht an meinem Desinteresse an der Person an sich lag, sondern an meinem Zeitempfinden und meinen grundlegenden Schwierigkeiten mit Kontakthalten.

Denn Kontakthalten ist und bleibt einfach anstrengend für mich. Selbst wenn ich mich redlich bemühe. Und es gelingt mir leider nach wie vor nicht wirklich gut.

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Die Angst vor Veränderungen

Viele Autisten haben Schwierigkeiten mit Veränderungen – ich gehöre dazu. Auf unerwartete Veränderungen wie Terminverschiebungen oder noch schlimmer Ausfall von vereinbarten Terminen, neuen Anforderungen an mich, mit denen ich mich in Gedanken nicht schon irgendwann einmal befasst habe, reagiere ich zuallererst ablehnend. Diese erste ablehnende Reaktion habe ich nicht unter Kontrolle. Sie resultiert aber nicht daraus, dass ich mich grundsätzlich weigern würde, mich einer neuen Anforderung zu stellen oder einen Termin zu verschieben. Sondern es liegt daran, dass ich Angst habe. Bei mir ist es sinnvoll, wenn man das weiß, dass man mir genügend Zeit gibt, nachzudenken. Und sich nicht abschrecken lässt von meiner ersten meist impulsiven Reaktion, sondern beispielsweise ein zweites Mal nachfragt. Meine zweite Reaktion ist nämlich meistens wesentlich positiver. Wenn ich Zeit hatte, das Ganze zu durchdenken und mich damit auseinanderzusetzen, dann habe ich nämlich auch weniger Angst.

Seit ich begriffen habe, dass ich Angst vor Veränderungen habe, kann ich besser mit Veränderungen umgehen, die planbar sind. So wie beispielsweise die Entlassung aus der Tagklinik. Ich wusste, dass die Tage direkt nach der Entlassung schwer für mich werden würden. Ich hatte Angst davor, sofort wieder in das nächste Depressionsloch zu fallen, weil ich eben nicht gut mit Veränderungen umgehen kann und es bestimmt ein paar Tage dauern würde, bis ich mich wieder daran gewöhnt hätte, nicht mehr in der Tagklinik zu sein. Und weil ich keine von außen vorgegebene und damit verbindliche Tagesstruktur mehr haben würde, niemanden, der sich für mich um meine Gesundheit kümmern würde.

Weil im Klinikalltag besonders deutlich meine nicht altersgemäßen bzw. ablehnenden Reaktionen auf Veränderungen immer wieder sichtbar geworden waren, hatte das Klinikpersonal für die Zeit direkt nach der Tagklinik deshalb vorgesorgt. Noch in der Tagklinik wurde für mich der Kontakt zu einer Ergotherapie-Praxis hergestellt und ein Termin vereinbart, der zeitnah nach der Entlassung stattfand. Für den ersten Tag nach der Entlassung vereinbarten sie zwei Termine für mich, um gesundheitliche Probleme fachärztlich abklären zu lassen. Am zweiten Tag fuhr ich für drei Tage an den Chiemsee. Dieses Wochenende am Chiemsee mit meiner Selbsthilfegruppe war schon seit Monaten geplant, am Montag der darauffolgenden Woche stand das Treffen von interessierten Autisten in München wegen der Autismus-Strategie-Bayern im Terminkalender. Und am Dienstag war eine Familienfeier, weil mein Neffe 18 wurde. Am Mittwoch dann der Ergotherapie-Termin, bei dem die Folgetermine vereinbart wurden. Und am Donnerstag war ich beim ambulanten Sportprogramm „Sanftes Yoga“ angemeldet. Am Freitag war ich dann mit der Koordination eines weiteren Treffens in Zusammenhang mit der Erarbeitung der Autismus-Strategie-Bayern beschäftigt. Dank dieses Programms hatte ich überhaupt keine Zeit, um depressiv zu sein oder Angst wegen der Veränderung „Nicht mehr Tagklinik“ zu haben. Und mittlerweile habe ich mich wieder daran gewöhnt, nicht mehr in der Tagklinik zu sein. Eine mögliche Lösung, mit dieser Angst vor Veränderung umzugehen ist für mich also, mich so lange vollumfänglich beschäftigt zu halten, dass ich einfach keine Zeit habe, mich wegen der Veränderung zu ängstigen, bis ich mich an die veränderten Zustände gewöhnt habe.

Das funktioniert aber nur bei Veränderungssituationen, von denen ich vorher weiß, dass sie auf mich zukommen werden. Wenn es kurzfristige Terminabsagen oder -verschiebungen sind, dann passiert es nach wie vor, dass ich von einer erwachsenen Frau zu einer Vierjährigen mutiere. Jemandem, der völlig aufgelöst ist und nicht mit der Absage umgehen kann. Jemandem, der lauthals schimpft und kein Verständnis für solche Dinge hat. Der türenschlagend den Raum verlässt, um sich irgendwo zu verkriechen und dort erst einmal in Tränen auszubrechen und vor sich hinzuwüten. Jemandem, der ich gar nicht sein will. Es dauert dann eine Weile, je nach Verfassung und wie wichtig der Termin für mich war, bis ich mich beruhigt habe und wieder geradeaus denken kann. Meistens schäme ich mich dann erst einmal gründlich. Und dann überlege ich, wie ich meinen Ausbruch entschuldigen kann. Mein bevorzugtes Mittel der Wahl ist, dass ich mich schriftlich entschuldige, indem ich einen Brief oder eine E-Mail schreibe und erkläre, weshalb ich so unerwachsen reagiert habe.

Mittlerweile habe ich begriffen, dass es ein sich wiederholendes Muster ist, gegen das ich leider nichts ausrichten kann. Das passiert, weil ich in solchen Momenten, in denen es zu einer für mich unvorhersehbare Änderung meiner Pläne kommt, sehr große Angst habe und dann wegen dieser Angst sozusagen wild um mich schlage. Es hilft, wenn mich Leute besser kennen, weil solche Leute es im besten Fall dann nicht persönlich nehmen, wie ich reagiere. Im Nachhinein kann ich erklären, was los war, aber in dem Moment selbst geht das nicht. Da bin ich im Fight or Flight Modus, weil mich Angst fest im Griff hat. Ich kann mir dann nicht vorstellen, dass es eine Lösung gibt, dass man Termine auch nachholen kann oder verschieben. Und dass ich mit der plötzlich freigewordenen Zeit auch etwas Anderes anfangen könnte. Wenn Termine ausfallen, brauche ich Zeit, um mich darauf einzustellen. Oft kann ich das aber nicht so schnell und verbringe die Zeit, in der der Termin gewesen wäre damit, gar nichts zu tun, abzuwarten, bis ich mit meiner eigentlichen Planung für den Tag fortfahren kann. Nur wenn ich Alternativpläne habe, kann ich mit der unverhofften freien Zeit Sinnvolles anfangen.

Bei spontanen Vorschlägen, wie beispielsweise dem Vorschlag meines Mannes, am Freitag übers Wochenende mit dem Wohnmobil wegzufahren, sage ich erst einmal Nein. Das liegt daran, dass so etwas bei mir Unbehagen auslöst, weil ich für das Wochenende beispielsweise geplant hatte, einen Blogbeitrag zu schreiben, Wäsche zu waschen und das Bad zu putzen. Statt mich zu freuen, dass wir unverhofft wegfahren, reagiere ich ablehnend. In solchen Momenten habe ich einfach nur Angst, dass ich nicht dazu komme, die Hausarbeit zu erledigen und meinen Blogbeitrag zu schreiben. Denn ich kann mir in dem Moment nicht vorstellen, dass es schöner ist, am Wochenende an einem See zu campen und eine Radtour zu machen, statt Hausarbeit und dass ich die Hausarbeit auch gut an einem anderen Tag erledigen kann. Und mir ist nicht präsent, dass ich den Blogbeitrag eigentlich auch unterwegs schreiben könnte. Da mein Mann mich mittlerweile kennt, wartet er einfach ab und ist nicht beleidigt, dass ich seinen Vorschlag erst einmal rundweg ablehne. Er weiß aus Erfahrung, dass ich mich zuerst an den Gedanken gewöhnen muss, bevor ich dann doch noch zustimme.

Und größere Veränderungen machen mir grundsätzlich Angst. Deshalb verbleibe ich häufig in Situationen, die mir nicht guttun. Obwohl ich weiß, dass ich sie eigentlich ändern müsste. Aber mir fehlt die Flexibilität. Ich hätte zwar die Fähigkeit gehabt, mich zu bewerben, um mir eine andere Arbeitsstelle zu suchen, aber ich tat es nicht. Lieber hielt ich es aus bis zu dem Moment, als meine Chefin mich aufforderte, mich krankschreiben zu lassen. Das Problem war, dass ich überhaupt nicht wusste, was auf mich zukommen würde, der Berg an im Zusammenhang mit einer Bewerbung zu erledigenden Aufgaben und die Unsicherheit, was mich bei einer neuen Arbeitsstelle erwarten würde, waren so groß, dass es mir einfach nur Angst machte.

Dazu kam, dass ich meine komplette Energie darauf verwenden musste, in die Arbeit zu gehen und dort zu überleben. Paradoxerweise hatte ich also Angst vor einer Veränderung und gleichzeitig Angst vor dem, was mich täglich in der Arbeit erwartete. Statt mich aus der Situation zu befreien, hielt ich durch und veränderte nichts. Mein Verhalten stieß natürlich auf Unverständnis. Denn niemand konnte nachvollziehen, weshalb ich Tag um Tag in eine Arbeit fuhr, in der ich krank wurde, weil die Rahmenbedingungen nicht zu meinen Bedürfnissen passten. Zu dem Zeitpunkt konnte ich das nicht erklären, weil ich mich selbst nicht verstand und mir nicht klar war, dass der Grund meines Verhaltens diese übergroße Angst vor einer grundlegenden Veränderung war.

Diese Angst ist die treibende Kraft meines Verhaltens. Wenn man das weiß, kann man eher verstehen und vielleicht auch akzeptieren, wieso ich mich in bestimmten Situationen so verhalte, wie ich es tue.


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Die Notwendigkeit lebenslanger Unterstützung für Autisten

Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass auch hochfunktionale Autisten in höherem Alter so etwas wie einen Lebensorganisations-Coach bräuchten, der dafür sorgt, dass sich in Zeiten mangelnder Energie und Überforderung nicht Berge an unerledigten Dingen ansammeln, die das Leben dann in der Folge noch anstrengender machen und dazu führen, dass der Autist irgendwann an einen Punkt angelangt, an dem er zusammenbricht.

Lebensnotwendig ist für mich nach wie vor die Tagesstruktur, die ich mir alleine zu Hause nicht geben kann und die Unterstützung, die ich in der Tagklinik erfahre. Es tut mir gut, zu wissen, wo ich von Montag bis Freitag von wann bis wann bin und was in den Therapiestunden auf mich zukommt. Außerdem muss ich Krankengymnastik-Termine nicht selbst vereinbaren, mich um die Verordnung kümmern und dazu rechtzeitig zum Hausarzt gehen, sondern ich muss nur noch dort hingehen, wo die Krankengymnastik stattfindet. Und ich muss mich nicht selbst darum kümmern, wichtige oder regelmäßige Gesprächstermine oder Psychotherapie zu erhalten oder bei gesundheitlichen Problemen medizinisch versorgt zu werden, weil das alles in der Tagklinik für mich geregelt wird. Unter diesen unterstützenden Rahmenbedingungen kann ich gut leben. Es ist eine wichtige Erkenntnis, wie sehr ich wirklich auf eine geregelte, von außen vorgegebene Tagesstruktur und auf Unterstützung im organisatorischen Bereich angewiesen bin. Wenn ich diese Unterstützung nämlich nicht habe, dann gerate ich wegen meiner Prokrastinationsneigung und meiner Unfähigkeit, meinen Alltag so zu organisieren, dass ich Dinge erledige, statt sie ewig vor mir her zu schieben immer wieder in Situationen, in denen sich so viel angestaut hat, dass ich es alleine gar nicht mehr regeln kann. Und dann brauche ich dringend Hilfe.

Leider ist es nun aber so, dass ich ausgerechnet dann gar nicht mehr in der Lage bin, mir Hilfe zu organisieren. Wichtig ist also, schon vorher ein Hilfsnetzwerk etabliert zu haben, das mich im Notfall dann unterstützen kann. Der erste und wichtigste Helfer für mich ist dabei mein Mann. Jetzt gibt es aber genügend erwachsene Autisten, die nicht das Glück haben, einen Partner an ihrer Seite zu haben, der sie in solchen immer wieder auftretenden Krisenfällen unterstützen kann. Ein bester Freund wäre dann eine Alternative. Und wenn man, wie bei Autisten nicht unüblich, keinen besten Freund hat, dann wäre eine weitere Alternative, sich rechtzeitig an das nächstgelegene Autismuskompetenzzentrum zu wenden. Und das ist schwierig.

Meine Erfahrung ist, dass ich als Autistin beim Finden und Etablieren von unterstützenden Strukturen schon dabei Unterstützung bräuchte. Es scheitert oft an der Kontaktaufnahme und dem Vereinbaren von einem ersten Termin. Ich bräuchte nämlich jemanden, der mich daran erinnert, Kontakt aufzunehmen oder einen Termin zu vereinbaren. Das kann die Erinnerungsfunktion eines Kalenders nicht übernehmen, denn die ignoriere ich oder verschiebe die Erledigung der Aufgabe auf morgen. Und morgen passiert genau das Gleiche, so dass schon Monate ins Land gegangen sind, bevor ich hier weiterkomme. Es braucht einen Menschen, der sich daneben hinsetzt und nicht wieder weggeht, bevor ich das Notwendige erledigt habe. Oder der das, falls es mir schon zu schlecht geht, für mich erledigt.

Falls ich diese erste Hürde gemeistert habe, kann die nächste Schwierigkeit darin liegen, diesen Termin auch tatsächlich wahrzunehmen. Je nachdem, wie es mir zu dem Zeitpunkt geht, brauche ich eine Vertrauensperson, die mich dorthin begleitet oder mich zumindest bis vor die Tür bringt, denn es kann passieren, dass ich schon an der Anfahrt scheitere. Auch bei bester Planung kann einiges schiefgehen, eine Umleitung oder ein ausgefallener Zug reichen schon aus, dass so ein Termin deshalb nicht wahrgenommen wird, weil ich nicht zu spät kommen kann, sondern dann lieber gar nicht komme. Und einen zweiten Anlauf unternehme ich in so einem Fall von mir aus nicht, wenn mit mir nicht sofort ein Ersatztermin vereinbart wird.

Sogar in der Tagklinik ist es mir passiert, dass ich nach einem ausgefallenen Massagetermin zwei Wochen lang keine weiteren Massagen mehr erhielt, weil ich gar nicht auf die Idee kam, dass die Bäderabteilung es vergessen haben könnte, wie vereinbart in der Tagklinik anzurufen, um einen neuen Termin mitzuteilen. Mein Stand war: Wir rufen an und geben einen neuen Termin durch. Also wartete ich. Und sagte nichts. In so einer Umgebung wie der Tagklinik klärt sich so eine Situation früher oder später dann doch, weil beispielsweise die Ärztin in der Visite nachfragt und sich dann darum kümmert. Aber außerhalb der Tagklinik passiert das nicht. Ich müsste mich selbst darum kümmern und das schaffe ich erfahrungsgemäß nicht. Obwohl mir klar ist, dass die Massage kein Luxus ist, sondern medizinisch dringend geboten, um die Schmerzen erträglicher zu machen. Nur ist es für mich leichter, Schmerzen zu ertragen als mich um Terminvereinbarungen für ausgefallenen Termine zu kümmern oder darum, mir ein neues Krankengymnastik-Rezept zu besorgen.

Die Etablierung eines Hilfsnetzwerkes und die regelmäßige Behandlung chronischer Erkrankungen kann bei Autisten leider bereits im Anfangsstadium scheitern. Obwohl man doch einfach nur [hier beliebige zu bewältigende Aufgabe einsetzen] müsste. Ja wenn es denn so einfach wäre. Aber das jemandem zu erklären, ist nicht leicht. Denn die Umwelt versteht oftmals nicht, weshalb das so ist. Selbst wenn ich als Autistin fähig bin, mitzuteilen, wo meine Schwierigkeiten liegen, werde ich häufig nicht ernst genommen. Mir wird nicht geglaubt, wenn ich sage, dass ich es alleine nicht schaffe und Hilfe dabei bräuchte. Und zwar nicht nur einmalig, sondern immer wieder, jedes mal, wenn ein Krankengymnastik-Rezept voll ist, jedes mal, wenn es darum geht, eine neue Unterstützungsleistung in Anspruch zu nehmen. Ich vermute, das liegt daran, dass es nicht in die Vorstellungswelt passt, wenn eine augenscheinlich intelligente, erwachsene Frau behauptet, so einfache Dinge nicht zu schaffen, wie einen Termin vereinbaren oder ihn wahrzunehmen. Es ist schwer vermittelbar, wo die Problematik liegt. Dazu kommt, dass es je nach Energielevel und Tagesform mal klappt und dann eben auch länger mal nicht klappt. Die Umwelt sieht dann nur: Die Autistin hat es doch schon einmal geschafft und kann nicht nachvollziehen, weshalb das keine stabile, stets abrufbare Leistung ist.

Immer mal wieder lande ich in Krisensituationen, weil ich es einfach nicht schaffe, mir mein Leben so zu organisieren, dass sich nichts anstaut. Und dann stehe ich vor dem Berg an unerledigten, wichtigen oder termingebundenen Dingen und verzweifle. Jedes mal wieder. Denn das Leben als Autistin wird meiner Erfahrung nach keineswegs leichter, wenn man älter wird. Klar habe ich immer mehr Lebenserfahrung angesammelt und Kompensationsmöglichkeiten gelernt, nur leider haben die ständige Anpassungsleistung und der Dauerstress dazu geführt, dass ich je älter ich wurde, desto weniger belastbar geworden bin. Die Menge an Dingen, die ich vor zehn Jahren noch jeden Tag geschafft habe, muss ich heute auf mehrere Tage verteilen, andernfalls klappe ich jeden Tag zusammen.

Und von den richtig großen Zusammenbrüchen der letzten Jahre habe ich mich leider nie mehr vollständig erholt. So erlebe ich, dass immer weniger Energie da ist, um den Alltag zu schaffen und zusätzlich noch beispielsweise zu studieren. Daran ist im Moment nicht nur wegen mangelnder Energie, sondern auch deshalb nicht zu denken, weil ich es nicht schaffe, mir die noch fehlende Masterarbeit und den Weg dorthin zu strukturieren. Das Ganze in bewältigbare Einheiten aufzuteilen, so dass ich mein Studium tatsächlich zu Ende bringen könnte. Also schiebe ich auch dieses Problem seit mehreren Semestern vor mir her. Ich hatte mich zwar per E-Mail an die Behindertenbeauftragte meiner Universität gewandt, die mir eine Studienassistenz empfohlen hatte. Nur wie ich mir so eine Assistenz organisieren könnte, konnte sie mir nicht sagen, sie verwies mich an die Studienberatung und darauf, sie anzurufen. Ein Jahr später hatte ich es endlich geschafft, einen Termin mit der örtlichen Studienberatung zu vereinbaren, der auch tatsächlich stattfand. Bei der Behindertenbeauftragten meiner eigenen Uni angerufen hatte ich natürlich nicht. Die mich beratende Dame erklärte mir, dass ich einen Antrag auf persönliches Budget stellen müsste und mir dann nach Bewilligung, die allerdings fraglich sei, selbst eine Studienassistenz suchen sollte. Ihre Idee war, an der hiesigen Uni am schwarzen Brett einen Aushang zu machen oder mich an einen bestimmten Verein zu wenden. Nach diesem Termin passierte dann: Nichts. Ich war völlig überfordert mit den zu erledigenden Dingen. Ich habe es bis heute nicht geschafft, den Antrag auf persönliches Budget zu stellen oder mich darum zu kümmern, wo und in welcher Form ich ihn stellen müsste. Ich habe die Befürchtung, dass dieser Antrag sowieso nicht bewilligt werden wird. Und ich weiß, dass ich es selbst bei einer Bewilligung niemals schaffe, eigenständig eine Studienassistenz zu finden. Wie ich das anpacken soll, ist mir nämlich völlig schleierhaft. Mein Studium zu beenden rückt damit in unerreichbare Ferne.

Meine von der Krankenkasse bewilligten Psychotherapiestunden neigen sich dem Ende zu. Mir wurde in der Tagklinik der Vorschlag gemacht, mich an den Sozialpsychiatrischen Dienst zu wenden, um die zweijährige Wartezeit zu überbrücken, vor deren Ablauf mir die Kasse keine erneute Psychotherapie bewilligt. Alternativ sollte ich mir beispielsweise einen tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten suchen, da bei einer Psychoanalyse mehr Stunden bewilligt werden. Letzterer Vorschlag erscheint mir am undurchführbarsten. Zum einen sind freie Therapieplätze Mangelware, die Zeit auf der Warteliste eines neuen Therapeuten, so ich es schaffen würde, einen aufzutreiben, dürfte annähernd diesen zwei Jahren entsprechen. Zum anderen scheue ich mich, mir einen neuen Therapeuten zu suchen. Ich mag keine Veränderungen, das schließt auch neue Therapeuten ein. Ich habe mich an meinen jetzigen gewöhnt und kann mir nicht vorstellen, bei jemand Neuem wieder von vorn anzufangen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dasselbe wie vor zwei Jahren nochmals zu schaffen: Bei Therapeuten in zweistelliger Zahl anzufragen, allein der Gedanke an diese Tortur verursacht bei mir eine Panikreaktion. An den Sozialpsychiatrischen Dienst habe ich mich natürlich auch noch nicht gewandt. Tag um Tag schiebe ich diese Aufgabe vor mir her. Es ist nicht so, dass ich es nicht wollen würde, aber ich schaffe es einfach nicht.

Meine Therapeutin in der Tagklinik meinte jetzt, mein Verhalten sei dadurch erklärbar, dass ich die Entäuschung vermeiden wolle, eventuell dort keine passende Unterstützung zu erhalten. Dass ich, solange ich nichts tue, auch die Hoffnung aufrechterhalten kann, eine Lösung dafür zu haben, dass ich demnächst ohne therapeutische Unterstützung dastehe. Es kann sein, dass solche Mechanismen mit eine Rolle dabei spielen, dass ich es nicht schaffe, mich darum zu kümmern. Allerdings glaube ich, dass das nicht alles ist. Sondern dass es an meiner mangelnden Fähigkeit liegt, mich selbst zu organisieren.

Eine weitere Idee war nun eine nochmalige Ergotherapie. Hier hatte ich vor einem halben Jahr ein weiteres Rezept für Hausbesuche durch einen Ergotherapeuten von meiner behandelnden Ärztin erhalten, die mir den Erstkontakt zu einer Ergotherapiepraxis vermittelte, die Erfahrung mit Autismus haben. Das Praxisteam hatte sich damals bei mir gemeldet und mir mitgeteilt, dass sie mir zwar keinen Platz anbieten könnten, weil niemand in der Praxis auch nur annähernd in meiner Richtung fahren würde. Aber sie boten mir an, mich an eine wohnortnahe Praxis weiter zu vermitteln, in  der ebenfalls bereits mit Autisten gearbeitet worden war. Das klappte auch und diese Ergotherapeutin meldete sich per SMS bei mir, hatte aber erst wieder in zwei Monaten Kapazitäten frei. Das Ende vom Lied war, dass ich bis heute weder ein gültiges Rezept, noch einen Ergotherapieplatz habe. Es liegt daran, dass ich nicht nachfragte, als sich diese Ergotherapeutin nicht wieder bei mir meldete, obwohl sie genau das zugesagt hatte. Je mehr Zeit verging, desto weniger präsent war mir die Sache. Und der Aufwand, eine neue Lösung zu finden, übersteigt bis heute meine Möglichkeiten. Ich hätte Unterstützung gebraucht und brauche sie noch, um mich darum zu kümmern, einen Ergotherapieplatz für mich zu organisieren.

Das waren ein paar Beispiele, wie es bei mir läuft, wenn ich alleine auf mich gestellt mein Leben organisieren soll. Es läuft eben nicht. Auch wenn ich „nur“ Asperger Autistin bin, bin ich trotzdem Autistin. Es liegt gar nicht einmal daran, dass es für Autisten nach der Kindheit keine Unterstützungsmöglichkeiten gäbe, es liegt daran, dass ich mir diese Unterstützung immer noch nicht ohne Unterstützung organisieren kann. Das wird vermutlich so bleiben. Und ich werde Tag für Tag älter, immer weniger belastbar, körperlich immer kränker, energieloser. Meine mangelnde Kompetenz, mich und mein Leben so zu organisieren, dass es dauerhaft ohne Störungen und immer wiederkehrende Krisen verläuft, wird nicht von alleine verschwinden, ich brauche tatsächlich lebenslange Unterstützung.


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Tagklinik – endlich mehr Energie

In den mittlerweile zwei Wochen mit einem auf meine Bedürfnisse adaptierten Stundenplan in der Tagklinik habe ich dank der Sonderregelungen jetzt mehr Regenerationszeit. Weil die für mich chaotischen Situationen aus dem Stundenplan gestrichen wurden, hat sich mein Angst- und damit mein Stressbelastungslevel verringert. Und siehe da: Ich habe mehr Energie.

Und zwar endlich auch ausreichend Energie für mehr soziale Interaktionen mit Mitpatienten. Ich unterhielt mich zum erstenmal intensiver mit zwei Mitgruppenmitgliedern und hatte in der Ergotherapie sogar das für mich seltene Erlebnis, mich einmal als echter Teil einer Gruppe fühlen können zu dürfen. Die beiden Mitpatienten suchen seither von sich aus den Kontakt zu mir und wir führten sogar interessante Gespräche zu dritt. In dieser Kleingruppe werde ich tatsächlich so akzeptiert, wie ich bin und fühle mich wohl. Durch das bessere Eingebundensein und den engeren Kontakt zu diesen zwei Mitpatienten sehe ich aber auch, wie einsam ich eigentlich bin. Diese Einsamkeit ist im Unterschied zum regelmäßigen Alleinsein, das ich brauche und aktiv herbeiführe, um mich zu regenerieren, nicht selbst gewählt.

Ich hatte in Studien davon gelesen, dass fehlende Sozialkontakte depressionsfördernd sind. Dank der Morgenrunde, bei der jeder Patient erzählt, was er am Vortag nach der Tagklinik noch alles gemacht hat, wird mir jeden Tag aufs Neue vor Augen geführt, wie wenig Kontakte ich eigentlich habe. Wenn die Mitgruppenmitglieder berichten, dass sie sich nach der Tagklinik noch mit Freunden treffen, auf Feiern gehen, mit anderen Sport treiben, Veranstaltungen besuchen, bin ich erstaunt, wie viel Energie sie offenbar noch haben und wie viele Sozialkontakte. Im Unterschied dazu ist mein soziales Umfeld bis auf meine Familienmitglieder nahezu leer. Seitdem die Kinder erwachsen sind, haben sich die Familientreffen stark reduziert. Und seit ich nicht mehr in die Arbeit gehe, fallen auch die Kontakte zu den Arbeitskollegen weg. Ich habe leider oft nicht die Energie, ins Fitnessstudio zu fahren oder gar auf Veranstaltungen zu gehen. Seit ich im Studium pausiere, habe ich auch keine regelmäßigen Online-Kontakte zu Kommilitonen. Für mich ist es außerdem sehr schwierig, überhaupt neue Kontakte zu knüpfen, ganz zu schweigen davon, dass ich sie nach erfolgreichem Knüpfen pflegen könnte. Allerdings hat mein nahezu leeres soziales Umfeld neben einer depressionsfördernden Wirkung auch etwas Positives: In Ermangelung an Sozialkontakten stolpere ich normalerweise nicht so häufig über meine sozialen Defizite.

Durch meinen Tagklinikaufenthalt habe ich derzeit nun so viele Sozialkontakte, wie schon seit langem nicht mehr. Dadurch werde ich zwar nahezu täglich mit meinen sozialen Schwieirigkeiten konfrontiert, aber ich versuche, das als hochfrequentes Sozialkompetenztraining zu betrachten. Dass ich im Tagkliniksetting häufiger in Konfliktsituationen komme oder es öfter Missverständnissen gibt, ist logisch. Wenn nicht verstanden wird, dass ich Sonderregelungen benötige, um mich vor Reizüberlastung zu schützen und ich viel lieber auf diese Sonderregelungen verzichten können würde, spare ich es mir, um Verständnis zu kämpfen und ich spare es mir auch, mich über Unverständnis zu ärgern. Ich nehme es zur Kenntnis und akzeptiere, dass manche Leute scheinbar den Unterschied zwischen ihren und meinen Bedürfnissen nicht verstehen oder auch nicht tolerieren können, dass ich überhaupt Sonderregelungen brauche. Ich bemühe mich, bei Konflikten und Missverständnissen nicht frustriert aufzugeben oder mich wegen der wiederholten Erfahrung des Scheiterns im Kontakt mit anderen zurückzuziehen, um diese Erfahrungen zu vermeiden. Ich nehme das wiederholte Scheitern hin, versuche herauszufinden, woran genau es in jedem einzelnen Fall lag, dass es zu Schwierigkeiten kam und versuche, nicht darunter zu leiden, dass es diese Schwierigkeiten gab und auch in Zukunft geben wird. Das ist nicht immer einfach und gelingt mir auch nicht durchgängig, aber je mehr Energie ich habe, desto besser komme ich klar.

Im positiv gefärbten Psychojargon heißt diese Haltung „Radikale Akzeptanz“. Ich kann es nicht ändern, dass ich Autistin bin und mir deshalb in sozialen Interaktionen schwertue. Ich kann es nicht ändern, dass mich zu viele Reize überlasten. Ich kann es nicht ändern, dass ich wenig Energie habe, die ich sorgfältig einteilen muss, um über den Tag oder gar die Woche zu kommen. Das ist nicht toll für meine Umwelt, es ist bedauerlich für mich, aber es ist einfach so. Es wird auch so bleiben. Was ich ändern kann, ist: Die Menge der Reize, denen ich ausgesetzt bin zu verringern, indem ich beispielsweise auch in Innenräumen eine Sonnenbrille trage oder meine Kopfhörer aufsetze. Ich kann Energie sparen, indem ich die zu vielen Belastungen nicht versuche auszuhalten und auf diese Weise im Grunde gegen mich selbst kämpfe. Lieber verwende ich meine Energie darauf, dafür zu kämpfen, die Belastungen zu reduzieren und dafür, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass sie zu meinen Bedürfnissen passen. Radikale Akzeptanz heißt nämlich keineswegs, dass man aufgibt und die Dinge kampflos akzeptiert. Es sollten nur die richtigen Dinge sein, gegen die man ankämpft.

Denn der Tagklinikaufenthalt kann mir nämlich tatsächlich bei meinem Kampf gegen die Depression helfen – wenn ich meine Grenzen, die mir mein Autismus vorgibt, akzeptiere. Und dafür Sorge trage, dass mir genügend Energie übrig bleibt, um zu lernen, was ich alles gegen die Depression unternehmen kann.


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Tagklinik – vielleicht doch (k)ein Weg aus der Depression bei Autismus?

Die Tagklinik hilft mir im Moment zwar in einigen Belangen, das Dilemma ist aber, dass mir der Aufenthalt auch schadet. Nach nunmehr fünf Wochen geht es mir zunehmend schlecht, jeweils gegen Ende der Woche häufen sich Vorfälle, die gelinde gesagt unschön sind und bei denen sich meiner Ansicht nach zeigt, dass ich massiv überlastet bin. Vor der Autismus-Diagnose hatte ich hier einmal darüber nachsinniert, ob Büroarbeit mich tatsächlich krankmacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es wohl so sein müsse. Ich denke heute, dass ich mich geirrt habe. Das Problem tritt nicht nur in Büros oder in der Arbeit auf. Den Grund dafür sehe ich in der Menge der Sozialkontakte innerhalb einer bestimmten Zeit. Vielleicht liege ich falsch, aber im Moment ist es die für mich stimmigste Erklärung für das, was immer wieder passiert.

Genau wie 2015 erlebe ich jetzt, dass es mir innerhalb von nur fünf Wochen so schlecht geht, dass ich einfach nicht mehr kann. Und es zeigt sich ein Muster, das ich bisher nur den Rahmenbedingungen in meiner jeweiligen Arbeitsstelle zugeschrieben hatte. Therapie ist Arbeit an sich selbst, findet allerdings in einem geschützten Raum statt, in dem Fachleute tätig sind und Fehler nicht so gravierende Folgen haben, wie in der normalen Arbeitswelt. Nur ging ich davon aus, dass in einer Tagklinik nicht dasselbe passieren kann, wie draußen ohne professionelle „Aufsicht“, was sich wohl als Fehlschluss meinerseits erwiesen hat. Denn ich funktioniere zunehmend nicht mehr.

Von Woche zu Woche verspürte ich einen immer stärker werdenden Widerwillen, morgens in die Tagklinik zu fahren. Das war zwar auch tagesabhängig, weil ich manche Programmpunkte schlichtweg weniger mag als andere, es zeigte sich aber, dass sich dieser Widerwille im Lauf der Woche steigerte. Dagegen steht meine Eigenart, egal wie es mir geht, alle ausgemachten Termine wahrzunehmen, weshalb ich jeden Tag trotz des Widerwillens in die Klinik fahre, weil ich mehrmals wöchentlich neben dem Tagesprogramm auch Einzelgesprächs-, Krankengymnastik- und Massagetermine habe. Obwohl Donnerstag und Freitag meine Lieblingstage in der Klinik sind, war es so, dass sich ausgerechnet an diesen Tagen die unschönen Zwischenfälle häuften. Und zwar von Woche zu Woche ebenfalls in steigender Anzahl. Das reichte von kommunikativen Missverständnissen über meine zunehmende Gereiztheit inklusive Konflikten und zunehmender Erschöpfung bis hin zum Verschlafen von Terminen. Bearbeitet wurden Zwischenfälle in der Regel durch Gespräche mit dem Personal, in denen ich allerdings wohl nicht verständlich machen konnte, was ablief. Denn Anfang letzter Woche erhielt ich zufällig von einer Klinikmitarbeiterin die Rückmeldung, dass das Team der Ansicht sei, mir ginge es besser, weil ich mich mehr integrieren würde, offener sei und Kontakt zu Mitpatienten aufgenommen hätte, mehr in der Klinik angekommen sei.

Ich war im ersten Moment konsterniert und erheblich irritiert, weil mein eigenes Empfinden ein so ganz anderes war. Nach einigem Nachdenken hatte ich dann einen Aha-Moment. So nenne ich die Momente, in denen mir plötzlich Zusammenhänge klarwerden und ich etwas begreife, das ich mir vorher nicht hatte erklären können. Mir wurde klar, warum meine Selbstwahrnehmung sich so diametral von der Fremdwahrnehmung unterschied. Ich tat auch in der Tagklinik genau das, was ich bereits mein Leben lang tue und darin Perfektion entwickelt hatte: Ich erfüllte die Erwartungen, ich passte mich an. Und zwar wie gewohnt bereits wieder weit über meine Grenzen hinaus. Ich funktionierte – und da wo ich es nicht tat, flog ich unter dem Radar.

Nach Außen war ich die engagierte, motivierte Patientin, die scheinbar mit hoher Geschwindigkeit lernte, ihr Verhalten änderte, passgenau zur Zielsetzung einer kognitiven Umstrukturierung. Ab und an hatte diese Patientin zwar Einbrüche, die aber vor dem Hintergrund einer Depressionserkrankung durch die dabei typische emotionale Instabilität erklärbar zu sein schienen. Und ein Muster in den Einbrüchen erkennen offenbar Nichtautisten nicht, obwohl alles digital dokumentiert wird. Somit für jeden, der die Aufzeichnungen ansieht, also das Muster erkennbar sein müsste?

Ich hatte meinen Bezugspersonen mehrfach erklärt, weshalb ich motiviert mitarbeite und mich engagiere – wenn ich schonmal da bin, kann ich auch mitmachen, alles andere macht für mich keinen Sinn. Wenn ich etwas mache, dann möglichst perfekt und vollständig oder eben überhaupt nicht. Ich lerne tatsächlich schnell, ich passte mein Verhalten selbstverständlich den jeweils erhaltenen Informationen an – anfangs gab es deshalb wegen der Salamitaktik des Klinikpersonals in Sachen Patienteninformation noch mehr Schwierigkeiten, aber als ich alle Informationen hatte, alle Regeln kannte und wusste, was in welchen Stunden von mir erwartet wurde, konnte ich auch genau das Verhalten zeigen, das erwartet wurde und nahezu alle Regeln einhalten. Die Einschränkung betrifft stets Regeln, die mir nicht sinnvoll oder kontraproduktiv erscheinen und mir deshalb nicht einsichtig sind.

Allerdings nahm ich zunehmend nicht mehr an Klinikprogrammpunkten teil, bei denen ich die Erfahrung gemacht hatte, dass sie mir schadeten. Ich hatte die Lücken im System erkannt und nutzte sie, ich sagte zu Krankengymnastik- Massage- und Einzelgesprächsterminen, die mir in diesen schädlichen Zeiten angeboten wurden sofort ja. Ansonsten legte ich sie in die therapiefreien Zeiten. Nachdem ich mich bemüht hatte, ab der zweiten Woche mich in einzelnen Pausen dazuzusetzen und sogar mit Mitpatienten zu sprechen, stellte ich diese Bemühungen die letzten zwei Wochen nahezu komplett ein und verschwand in jeder noch so kurzen Pause aus dem Gebäude oder in den Ruheraum. Ich kam wie immer gar nicht auf den Gedanken, jemandem Bescheid zu sagen oder um Hilfe zu bitten, sondern zog mich zunehmend zurück. Ich bekam Angst, wenn mich jemand ansprach und dann, dass mich jemand ansprechen könnte. Es hätte auffallen können, dass ich bei meinen Kontakten zu Mitpatienten meistens nur noch zunehmend schreckhaft reagierte. Nur noch sehr selten aktiv auf Gruppenmitglieder zuging. Die Mitpatienten mit denen ich von mir aus Kontakt aufnahm hatten Gemeinsamkeiten: Es waren bis auf einen Patienten solche, die entlassen wurden, ich sprach mit ihnen nur jeweils einmal. Ich entwickelte eine Alternativstrategie nach einmaligem Küchendienst in der zweiten Woche, nachdem ich in der ersten Woche aus Informationsmangel beim Küchendienst fehlte, indem ich morgens alleine aufdeckte und mittags aus Erschöpfung verschlief. In der dritten Woche hatte ich morgens einen Termin und schaffte es seitdem keinmal mehr mitzuhelfen. Weder beim Küchendienst, noch beim gemeinsamen Kochen. In der Klinik wird einmal wöchentlich in der Gruppe gekocht, wobei die Entscheidung, welche Gerichte mit welchen Zutaten gekocht werden, demokratisch fällt. Da ich neben einer Laktoseintoleranz noch diverse Lebensmittelallergien habe, ist die Auswahl an Lebensmitteln, die ich esse, begrenzt. Dazu kommen meine Routinen – ich esse eine ganze Zeitlang immer dieselben speziellen Lebensmittel. Voraussehbar bin ich bei demokratischen Entscheidungen immer in der Minderheit. Also kann ich gar nicht mitessen. Dazu kommt, dass ich die letzten zwei Wochen keinen Hunger mehr hatte, was ich auf Nachfrage auch mitteilte. Beim Mittagessen war ich ebenfalls seit mehr als einer Woche nicht mehr. Weil ich von der Küche Sonderkost erhalte, blieb also mein Extrateller seither unberührt in der Küche stehen. Die Medikamenteneinnahme wird dokumentiert und ich teile stets mit, wann ich was einnehme. In den letzten zwei Wochen stieg mein Schmerztablettenverbrauch kontinuierlich an. Alles in Allem sind das sowohl erkennbare Muster als auch deutliche Anzeichen, dass es mir schlecht geht.

Dem Personal war wohl genau das passiert, was mir immer wieder begegnet: Ich hatte anfangs gesagt, dass ich Autistin bin, anfänglich höfliches Interesse geerntet und dann ging man wohl größtenteils zur Tagesordnung über. Meine Bezugspflegerin klärte ich über meine autistischen Verhaltensweisen kontinuierlich auf und ging davon aus, da sich das Team spätestens jede Woche austauscht und alles dokumentiert wird, dass alle Teammitglieder demnach auf demselben Informationsstand sein müssten. Dass dem nicht so war, erkannte ich erst spät, nämlich nach der Rückmeldung, die mir die Fehlschlüsse des Teams bewusstmachte. Ich vermute, es liegt daran, dass das Klinikpersonal es gewohnt ist, nichtautistische Patienten zu haben, deren Reaktionen und Verhalten die Erfahrungsbasis darstellen, auf der alle Vorkommnisse interpretiert werden. Was in meinem Fall aber leider zu einigen Fehlinterpretationen führte, weil ich eine autistische Patientin bin, anders reagiere und mein Verhalten andere Gründe hat.

Nachdem mir das klargeworden war, begann ich sofort damit, dem für mich zuständigen Klinikpersonal zu sagen, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich versuchte, so weit es mir möglich war, mit größtmöglicher Offenheit verständlich zu machen, was los ist. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Meine Bezugspflegerin und die Ärztin sprachen an, dass eine Adaption des Wochenplanes möglich sei. Gestern bekam ich den Nachmittag klinikfrei. Auf Drängen meinerseits, weil ein Gespräch mit meiner Therapeutin wegen einer möglichen Adaption des Klinikstundenplanes für mich auf übernächste Woche verschoben werden hätte sollen, findet dieses Gespräch zum Glück jetzt doch schon Anfang nächster Woche statt.

Ich kann mich nämlich nicht einfach mal eben noch eine weitere Woche zusammenreißen. Ich bin massiv überlastet. Ich verbringe meine klinikfreie Zeit nur noch damit, mich soweit zu erholen, dass ich wieder am Klinikprogramm teilnehmen kann. Und das heißt, dass ich die Hausarbeit nicht mehr schaffe, nicht mehr für das Wochenende einkaufen fahre, nicht mehr am Rehasport teilnehme, meine Spezialinteressen nicht verfolge, an immer mehr Tagen nach der Klinik nur noch dösend oder schlafend auf der Couch oder im Bett liege.

Es hat seinen Grund, weshalb ich nach einer Teilzeitarbeitsstelle mit maximal 20 Wochenstunden und einer Viertagewoche suche. In der Tagklinik arbeite ich seit fünf Wochen und zwei Tagen weit mehr als diese 20 Wochenstunden an mir, fünf Tage die Woche nahezu ununterbrochen in sozialen Interaktionen, mehrheitlich sogar in Gruppensituationen, die Reizbelastung ist in manchen Situationen exorbitant hoch. Bisher zeigten sich meine Ausfallerscheinungen überwiegend in den unstrukturierten Interaktionen, wie Gruppensituationen, in denen alle durcheinandersmalltalken. Die meisten Interaktionen in der Tagklinik laufen zum Glück stark strukturiert ab, in diesen funktioniere ich (größtenteils) noch. Ich befürchte nur, dass das nicht mehr lange gut geht. Ich gehe jeden einzelnen Tagkliniktag nämlich wirklich weit über meine Grenzen.

Letzte Woche gipfelte das weit über meine Grenzen gehen dann am Donnerstag in einem veritablen Kontrollverlust. Damit man sich darunter etwas vorstellen kann: Ich erinnere mich nicht ganz genau, aber ich habe mich wohl neben dem obligatorischen Weinen auch verbal lautstärker geäußert, wobei das nicht nur Worte waren und meinen Kopf mehrfach gegen die Wand bzw. den Tisch geschlagen. Was war der Auslöser?

Ich weiß noch, dass ich völlig verängstigt in der Ergotherapie saß, weil mir seit der Krankengymnastik am Morgen aus keinem mir bekannten Grund ständig Tränen aus den Augen flossen. Ich versuchte das natürlich zu verbergen. Warum natürlich? Ganz einfach: Ich habe sehr gut gelernt, bei Nichtfunktionalität nicht aufzufallen, um den in der Regel unangenehmen Konsequenzen zu entgehen. Das Verbergen scheint mir soweit auch gelungen zu sein, nur kam dann auch noch Zittern dazu. Als ich versuchte, meine Lesebrille in das Etui zurückzustecken, klapperte es so heftig, dass ich Angst hatte, es könnte jemand hören. Ich versuchte mich zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, dass sich das Zittern auf den gesamten Körper ausbreitete. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt leider nicht mehr fähig, den Raum zu verlassen, geschweige denn das unauffällig zu tun. Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen, saß wie eingefroren auf dem Stuhl und hatte fürchterliche Angst. Ironischerweise davor, dass mich jemand vom Klinikpersonal bemerkte, denn mir ist ständig präsent, dass sich die geschlossene Station des BKH räumlich sehr nah bei der Tagklinik befindet und der Gedanke, mich in einem solchen funktionsunfähigen Zustand einzuweisen, in meinen Augen schon deshalb auf der Hand liegen muss.

Allerdings war das nicht der Fall, es bemerkte wie von mir beabsichtigt niemand. Als es ans Aufräumen ging, saß ich immer noch da und konnte mich einfach nicht bewegen. Alle verließen den Raum – dachte ich – evtl. wäre das meine Rettung gewesen, weil ich mich dann soweit wieder in den Griff hätte bekommen können, dass ich eine Chance auf einen geordneten Rückzug gehabt hätte. Aber dann sprach mich plötzlich ein sehr netter Mitpatient an und fragte, ob er mir helfen könne. Ich mag ihn, ich presste mit aller Kraft ein „Ich weiß es nicht“ heraus. Er redete auf mich ein, irgendetwas mit Hilfe annehmen, was genau, weiß ich nicht mehr. Es war sicher gut gemeint, nur in der Situation nicht gut gemacht. Rechtzeitig um Hilfe bitten fällt mir meistens nicht ein. Sinnvolle Kommunikation war mir schon längst nicht mehr möglich. Das auf mich Einreden war nur ein Reiz mehr, der mich in meiner Konzentration darauf, die Kontrolle zu behalten behinderte. Plötzlich wurde es unerträglich laut und da war es dann endgültig vorbei mit jeglicher Kontrolle. Ich wollte nur noch, dass der Lärm und das unsägliche Chaos im Kopf aufhören.

Meine Bezugspflegerin sagte mir später, dass wegen der Vorbereitung der Verabschiedung eines Gruppenmitglieds ein Wagen holpernd mit klirrendem und klapperndem Geschirr in den Raum geschoben worden war. Wegen meines Kontrollverlustes sei sie geholt worden und habe dann dafür gesorgt, dass ich alleine im Raum war. Sie habe das Licht ausgeschaltet, ca. fünf Minuten vor dem Raum abgewartet und aufgepasst, dass keiner hineinging.

Es endete damit, dass ich es nach den fünf Minuten schaffte, mich soweit zu beruhigen, dass ich dem Vorschlag meiner Bezugspflegerin, mich in den Ruheraum zu begeben, folgen konnte. Dort verkroch ich mich mit dem Kopf auf den Knien in eine Ecke, während sie ein Bett frisch bezog. Das war wirklich fürsorglich und es tut mir leid, dass ich es nicht nutzen konnte. Aber als sie gegangen war, zog ich nur den herabhängenden Vorhang über mich und schottete mich nach einiger Zeit noch mit Musik von der Umwelt ab, zu mehr war ich nicht fähig.

Ich fühlte mich zutiefst erschöpft, andere Gefühle kamen erst nach und nach wieder. Das Positive an dem Kontrollverlust war, dass ich nicht mehr weinte und das Zittern auch aufgehört hatte. Es herrschte betäubte, aber angenehme Ruhe im Kopf. Negativ waren die Sorgen, die ich mir nach ca. eineinhalb Stunden machte, als ich endlich wieder fähig war, aus meiner Ecke zu krabbeln und mit der Außenwelt zu kommunizieren. Meine Bezugspflegerin sprach mit mir über das, was passiert war. Ich hatte Angst, dass mir gesagt werden würde, ein solcher Kontrollverlust sei in der Tagklinik nicht tragbar. Erstaunlicherweise passierte das aber nicht, die zuständige Ärztin sagte mir später, dass „schlechte“ Tage in der Tagklinik erlaubt seien.

Das ist einesteils beruhigend, andernteils nicht, denn ich vermute, dass mehr „schlechte“ Tage folgen werden, wenn sich nichts an meiner Überlastung ändert. Ich vermute, dass der Auslöser dieses „schlechten“ Tages der eine Lärmreiz zuviel nach einer Reihe anderer mich kumulativ überlastender Reize und Vorkommnisse war. Die Grenze meiner Belastbarkeit überschreite ich täglich. Allerdings wachse ich nicht daran. Es ist kontraproduktiv und trägt nicht dazu bei, gesundheitlich stabiler zu werden, ganz im Gegenteil. Eine mehrtägige Klinikpause ist vermutlich keine Lösung, weil ich danach zwar wieder ein paar Tage lang durchhalte, die Abstände zwischen den „schlechten“ Tagen aber erfahrungsgemäß immer kürzer werden. Aus Gründen des Selbstschutzes müsste ich den Klinikaufenthalt abbrechen, wenn es keine andere Lösung gibt.

Eine mögliche Lösung könnte tatsächlich sein, das Klinikprogramm auf meine Bedürfnisse anzupassen, indem ich nicht am gesamten Wochenprogramm teilnehme. Ich soll mir Gedanken machen, welche Programmpunkte mir zu viel Energie rauben. Das habe ich getan. Leider sieht das Ergebnis ziemlich unsozial aus – alle mehr oder weniger unstrukturierten Gruppenaktivitäten mit zu vielen Leuten, die durcheinanderreden und sich unübersichtlich um mich herum bewegen fallen unter die Energieräuber. Also insbesondere das gemeinsame Kochen und Essen, der Küchendienst, das Zusammensitzen in den Pausen und die Verabschiedungen. Das Mittagessen im Speisesaal und der Küchendienst sind schon allein wegen der Lärmbelastung extrem energieraubend.

Die Programmpunkte, die mir meiner Ansicht nach am meisten helfen und mir auch Energie geben, sind die (Einzel)gespräche mit dem Klinikpersonal, die Psychoedukation und das soziale Kompetenztraining. Daneben blieben noch die Ergotherapie, die meistens eine ausgeglichene Energiebilanz hat, weil die Gruppe sich auf zwei Räume verteilt und die meisten aus lauter Konzentration auf ihre Tätigkeit erfreulich wenig plauschen. Außerdem das Entspannungstraining, sofern es statische Entspannungsübungen im Sitzen sind, oder welche im Gehen draußen, bei denen man sich von der Gruppe entfernen kann und bestimmte Außenaktivitäten. Allerdings nur, wenn sie in relativer Ruhe und in der Natur stattfinden, ein Besuch im Einkaufszentrum gehört definitiv nicht dazu. Der obligatorische Abschluss der Außenaktivität in irgendeinem Café ebenfalls nicht. Krankengymnastik und Massage helfen zwar gegen die körperlichen Erkrankungen, kosten jedoch Energie, schon weil sie mit Berührungen verbunden sind. Und das Sportangebot kann ebenfalls helfen und Energie bringen, sofern es sportliche Aktivitäten sind, die ich maximal in Zweiergruppen ausüben kann. Wobei beispielsweise Badmintonspielen wegen meiner Schulterprobleme kontraproduktiv, weil schmerzhaft ist. Da bleibt vom Wochenprogramm reichlich wenig übrig. Das was Nichtautisten hilft, weniger depressiv zu sein – unter Leute gehen und sozial miteinander zu interagieren, bedeutet für mich höchsten Stress, ist teilweise extrem energieraubend, nicht hilfreich und macht mich im Ergebnis depressiver.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Welt nicht für Autisten gemacht ist. Teilhabe am Gesundheitssystem in Form eines für mich hilfreichen Tagklinikaufenthaltes ist nicht ohne Anpassung auf meine autistischen Bedürfnisse möglich. Und das geht nur, wenn Verständnis dafür und das Wissen um die Notwendigkeit vorhanden sind. Es erfordert von mir größtmögliche Offenheit, ständige Aufklärungsarbeit und das stete Bemühen, meine Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen und so zu kommunizieren, dass ich verstanden werde – ausgerechnet hierin liegen nicht meine Stärken, schon gar nicht, wenn ich überlastet bin. Von Klinikseite erfordert es ebenfalls Offenheit, ständige Aufmerksamkeit, eigene Überprüfung auf mögliche Fehlinterpretationen, indem auf mich zugegangen wird, viel Toleranz für meine Ausfallerscheinungen, Flexibilität und die Bereitschaft, individuelle Lösungen zu finden. Meine bisherige Erfahrung mit dem engagierten und bemühten Klinikpersonal, dem ich hiermit von Herzen danke, lässt mich hoffen, dass der Tagklinikaufenthalt doch noch so gestaltet werden kann, dass er mir mehr hilft als schadet.


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Widersprüche / Fehler: Registrieren 1, sozial adäquat Kommunizieren 6

Eine weitere Woche Tagklinik geschafft. Gegen Ende der Woche zeigten sich wieder Ausfallerscheinungen. Am Donnerstagnachmittag schickte mich meine Bezugspflegerin nach Hause, ich sollte dort etwas tun, das mir Energie bringt. Also saß ich dann gleich neun Stunden vor dem PC und las. Danach hatte ich wieder Rückenschmerzen und ich schaffte es auch nicht zum Rehasport zu fahren. Ich wollte einfach nicht mehr rausgehen und unter Menschen sein müssen. Da mein Mann an diesem Tag bis spätabend weg war, hatte ich auch keine Verpflichtung, mich mit ihm zu unterhalten und musste mich nicht ums Abendessen kümmern. Diese Zeit nur für mich, alleine Texte zu meinen Interessen lesend zu verbringen, tat mir gut. Am Freitag hatte ich dann wieder genügend Kraft, mich im Sozialen Kompetenztraining (SKT) aktiv einzubringen. Allerdings war das so anstrengend, dass ich mich danach in den Ruheraum zurückzog und prompt den nachfolgenden Wochenplan-Programmpunkt verschlief.

Als ich aufwachte und panisch aus dem Raum stolperte, um mit zwei Minuten Verspätung wenigstens noch in die Freitagsabschlussrunde der Gruppe zu gehen, kamen mir die Gruppenmitglieder entgegen, einer meinte, dass sie schon fertig seien. Ich war sehr irritiert, denn laut Wochenplan sollte diese Abschlussrunde gerade erst begonnen haben. Ich ging also in den Raum, in dem sich die beiden Personen, die die Gruppe leiteten, noch unterhielten. Als sie mich sahen, meinte die eine, ob ich geschlafen hätte. Entweder sah ich so verschlafen aus oder die Tatsache, dass ich das Bettzeug im Arm hielt, machte ihr diese Schlussfolgerung leicht. Gleich darauf sagte sie, dass es nicht so schlimm sei, dass ich die Gruppe verpasst hätte. Ihr sei wohl ein Fehler passiert, sie habe gedacht, ich hätte einen Einzelgesprächstermin, das habe sie wohl mit dem Termin einer anderen Patientin verwechselt, ansonsten hätte sie mich natürlich geweckt. Sie wiederholte mehrfach, es sei nicht schlimm, dass ich die Abschlussrunde verpasst hätte.

Für mich war es in dem Moment nur leider doch schlimm, ich war aufgebracht, weil ich die Abschlussrunde verpasst hatte und teilte unter Tränen meinen Unmut darüber mit, dass dieser Programmpunkt entgegen dem Wochenplan wohl vorgezogen worden war, ohne mir rechtzeitig deshalb Bescheid gegeben zu haben. Das Problem für mich war – wie immer – die kurzfristige Planänderung. Ich war darauf eingestellt, dass jetzt laut Wochenplan diese Abschlussrunde zu sein hatte. Ich empfand es als zutiefst ungerecht, dass ich über die Planänderung nicht informiert worden war. Sie sagte mir, dass es immer mal wieder vorkommen würde, dass sich kurzfristig etwas am Wochenplan verändern würde, den Mitpatienten hatte sie kurz vor dieser Änderung Bescheid gegeben, wenn ich anwesend gewesen wäre, hätte ich das auch mitbekommen. Mein Einwand daraufhin war, dass ich mich dann in keiner Pause mehr zurückziehen könne, um solcherart kurzfristige Veränderungen nicht zu verpassen. Dem folgte eine Tirade meinerseits, dass, wenn man sich nicht an Wochenpläne halten würde, diese entbehrlich wären. Dass sich in der Tagklinik nach meiner Beobachtung die Patienten häufig nicht an die vereinbarten Zeiten halten würden und ich damit schon genügend zu tun hätte, es nicht verstünde, weshalb dem nicht Einhalt geboten werden würde, denn die Therapiezeiten seien doch meines Wissens verpflichtend und außerdem meiner Ansicht nach wichtig. Ihr Einwand war, dass nicht alle Patienten so strukturiert seien, wie ich. Das beruhigte mich allerdings auch nicht.

Ich teilte ihr dann auch gleich noch mit, dass ich es nicht nachvollziehen könne, wenn Therapeuten Stunden früher beenden würden, Dass ich nicht davon ausginge, dass die Therapeuten zu wenig Inhalte vorbereitet hätten, denn das wäre inkompetent. Dass ich es bedenklich fände, dass ausgerechnet die einzige Stunde SKT in der Woche scheinbar immer mit der Begründung, die Gruppe habe Küchendienst und bekäme deshalb als Ausgleich mehr Pausenzeit, gekürzt werden würde. Nachdem das auch in der zweiten Woche und von unterschiedlichen Therapeuten so gehandhabt hätte werden sollen, ging ich davon aus, dass es immer so sein würde – zweimal ist eine Reihe für mich. Ich merkte an, dass es in diesem Fall sinnvoller wäre, den Küchendienst für die Gruppe nicht immer auf den selben Tag zu legen, damit wenigstens unterschiedliche Therapieangebote von der Kürzung betroffen wären.

Ich erklärte ihr, weshalb ich mich im SKT eingebracht hatte. Mir war es nämlich darum gegangen, dass dieses für CBASP so wichtige Therapieangebot möglichst in voller Länge stattfinden hatte können. Ich hatte verhindert, dass meine Gruppenmitglieder auf die Suggestivfrage, ob jemand noch ein Thema hätte oder die Stunde wegen des Küchendienstes und der Hitze früher beendet werden solle, mit ja antworten konnten, indem ich als Erste das Wort ergriff, nein sagte und einen Vorschlag machte, dem sich dann erwartungsgemäß die meisten anderen anschlossen. Sie schien meine Erläuterung, weshalb das aus sozialpsychologischer Sicht voraussehbar gewesen sei, und weshalb auf die Frage der Therapeutin sich ansonsten die meisten für das frühere Beenden ausgesprochen hätten, nicht nachzuvollziehen. Ich vermutete daraufhin aufgrund ihrer Ausbildung keine tiefergehenden sozialpsychologischen Kenntnisse. Ich merkte an, dass ich zwar von der dann in der restlichen Zeit durchgeführten Situationsanalyse profitieren hätte können, kritisierte jedoch, dass die Therapeutin, obwohl sie sagte, dass mein inhaltlicher Vorschlag (Kiesler Kreis), dem die Mehrheit der Mitpatienten zugestimmt hatten bearbeitet werden sollte, dann doch eine Situationsanalyse durchgeführt hatte. Ich bemängelte explizit die Nichtübereinstimmung von Worten und Handeln dieser Therapeutin und teilte mit, dass ein solches Verhalten mich irritieren würde. Sie erklärte das Vorgehen der Therapeutin damit, dass Situationsanalysen in der CBASP immer Vorrang hätten. Da ich gelesen hatte, dass möglichst mindestens 70% der Therapiezeit auf die Bearbeitung von Situationsanalysen verwendet werden soll, stimmte ich zu, dass dieses Argument das Verhaltender Therapeutin rechtfertigten würde, allerdings sei es besser, wenn den Patienten dies als Begründung für die Diskrepanz auch mitgeteilt werden würde. Ich bemerkte abschließend ihr gegenüber noch, dass es in meiner eigenen Verantwortung läge, pünktlich zu den Therapiestunden zu erscheinen und nicht in ihrer, mich zu wecken. Sie beendete das Gespräch mit der Zusage, dass sie meine Kritik an das Team weiterleiten werde.

Als ich nach Hause fuhr, dachte ich darüber nach, dass mir auch in der Tagklinik dasselbe passiert war, wie immer und überall: Ich komme irgendwo neu an und moniere nach spätestens zwei Wochen die von mir erkannten Fehler im System und/oder in Abläufen, das was in meinen Augen nicht richtig läuft und alle Widersprüche und teile die Konsequenzen, die sich daraus ergeben mit oder mache Verbesserungsvorschläge. In der Sache habe ich häufig recht. Allerdings kommuniziere ich das offensichtlich nie diplomatisch und drücke mich in meiner Kritik, wenn ich im Eifer direkt meine Gedanken mitteile, oftmals auch sozial inkompatibel aus. Das habe ich bisher einfach nicht in den Griff bekommen. Ich suche weder Fehler noch Widersprüche aktiv – ich bin nicht querulatorisch veranlagt – aber sie fallen mir unweigerlich auf. Und dann kann ich früher oder später, vor allem nach Situationen, die mich aus der Bahn werfen, meinen Mund einfach nicht halten und teile meiner Umwelt sämtliche von mir registrierten Fehler und Widersprüche schwallartig und ohne soziale Abmilderungsformulierungen mit. Hinterher bemerke ich beim Rekapitulieren des Gesagten dann, wo es undiplomatisch und sozial inkompatibel war. Und nehme mir vor, es beim nächstenmal besser zu machen, scheitere aber seit Jahrzehnten immer und immer wieder daran. Vermutlich wäre es besser, wenn ich mich einfach damit abfinde, dass es sich nicht verändern wird, dass ich Fehler / Widersprüche sehr gut erkennen, aber sehr schlecht kommunizieren kann.


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Tagklinik – ein Weg aus der Depression?

Ich gehe derzeit in eine Tagklinik, um etwas gegen meine Depression zu unternehmen und wieder aus der Rentenfalle zu kommen. Bisher ist es unglaublich anstrengend gewesen. Das lag zu einem großen Teil daran, dass es eine unbekannte neue Umgebung für mich ist und an der Informationspolitik der Therapeuten. Meine Bezugspsychologin erklärte mir leider erst am Ende der Woche, weshalb man mir nicht alle notwendigen Informationen gleich zu Beginn meines Aufenthaltes gab. Sie verfolgen dort eine Art Salami-Taktik, geben Informationen also nur in kleinen Portionen heraus, um die normalerweise nichtautistischen Patienten nicht zu überfordert. So ein Vorgehen löst bei mir als Autistin aber Stress aus und ist ganz und garnicht hilfreich, weil ich auf diese Weise nur durch Zufall auf notwendige Informationen stoße, um Allem gerecht werden zu können. Auch der Hinweis, ich könne fragen, wenn mir etwas unklar ist, fruchtet hier nicht, weil ich nur fragen kann, wenn ich überhaupt Kenntnis davon habe, dass mir Informationen fehlen.

Die Therapeuten gehen wohl davon aus, dass sich die Patienten notwendige Erklärungen zum Ablauf von den Mitpatienten und Gruppenmitgliedern holen. Dadurch dass ich in dieser ersten Woche mangels Energie aber außerhalb von Therapiezeiten keinen Kontakt zu meiner Gruppe pflegte, gingen viele Dinge an mir vorüber. So bekam ich beispielsweise nicht mit, was beim sogenannten Küchendienst wann zu erledigen ist, so dass ich nicht da war, um mitzuhelfen. In dieser Klinik gibt es einen ständigen fließenden Wechsel der Gruppenmitglieder, auch das ist eine Herausforderung für mich. Ich konnte beobachten, dass Patienten, die nach mir kamen, schneller Anschluss an die Gruppe als ich fanden, weil es ihnen möglich ist, sich in den Pausen zu den anderen zu setzen und mit ihnen zu plaudern. Und so erlebe ich auch hier wieder meine Schwierigkeiten mit der Teilhabe am sozialen Miteinander.

Die Nachteile meines Rückzuges in den Pausen zwischen den Therapien sind mir sehr wohl bewusst, leider kann ich im Moment aber nichts dagegen tun. Um funktionsfähig zu bleiben, muss ich die Pausen dazu nutzen, mich soweit zu regenerieren, dass ich nicht in einen Überlastungszustand komme.  Im Moment ist es während der Woche so, dass ich zu Hause nach der Tagklinik, außer mich aufs Sofa zu legen und zu erholen, so dass ich am darauffolgenden Tag wieder hinfahren konnte, nichts sonst zustandebrachte. Nicht einmal für die Beschäftigung mit meinem Interessensgebiet hatte ich genügend Energie übrig. Obwohl ich weiß, dass das eine Einzahlung auf mein Energiekonto wäre. Leider bin ich bei fast jedem Versuch, noch etwas zu lesen, sofort eingeschlafen.

Während des Tages hatte ich mich in der Tagklinik so oft als möglich – also in allen Pausen – komplett zurückgezogen. Ich bin gut im Finden von stillen Ecken wo nie jemand hinkommt, so dass ich mir schon am ersten Tag einen Rückzugsraum schaffen konnte. Mittlerweile steht dort ein Gartenstuhl, den ich mit Hilfe eines Steines, eines Astes und der Hebelwirkung wieder soweit reparieren konnte, dass er beim darauf Niederlassen nicht zusammenklappt. Außerdem grub ich die Bocciabahn dort um und rechte sie glatt, denn das Spielen darauf in einer Therapiestunde am Montag ähnelte wegen des Bewuchses und der Löcher eher einem Glücksspiel. So macht Bocciaspielen mir allerdings keinen Spaß. Insofern war diese Arbeit und das von zu Hause mitbringen des dafür notwendigen Gartenrechens sowohl altruistisch als auch egoistisch. Was ich nächste Woche noch erledigen möchte, ist den Abfall in dieser Ecke aufzusammeln, damit ich mich dort wohler fühlen kann. Was auch ein Beitrag zum Umweltschutz ist.

Trotz meines Bemühens um ein funktionierendes Energiemanagement ist es mir aber am Donnerstag dann passiert, dass ich akut überlastet war. Dies zeigte sich in einem Heulanfall und depressiven Gedanken während eines Einzelgespräches. Letzter Auslöser war eine kurzfristige Terminänderung, denn die mir zu Beginn zugeordnete Therapeutin sagte mir am Anfang des Gespräches, dass sie mich gerne an eine andere Therapeutin abgeben würde und das geplante Gespräch mit ihr also ausfallen müsse. Sie bot mir einen Gesprächstermin am folgenden Tag bei dieser neuen Bezugstherapeutin an. Prompt brach ich in Tränen aus. Die Therapeutin meinte, ich solle mich beruhigen und wenn das so schlimm für mich sei, dann würde sie halt einen anderen Patienten abgeben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es gar nicht darum ging. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass sie verstand, was ich schluchzend an Kommunikation noch zustandebrachte.

Mir ging es nicht um die Person meines Bezugstherapeuten an sich – da ich sowieso noch keine Beziehung aufgebaut hatte. Was mir so zu schaffen machte, dass ich wie ein vierjähriges Kind reagierte, war die kurzfristige Terminänderung. Denn ich hatte mich auf Donnerstag, genau um diese Uhrzeit auf Einzelgesprächstermine eingestellt und mich wie immer auf solche Gespräche vorbereitet. Also überlegt und aufgeschrieben, was ich mitteilen wollte. Und das sollte jetzt plötzlich nicht stattfinden. Letzten Endes war ich zu erschöpft, um aus der Überlastungssituation zu fliehen, was darin resultierte, dass ich ganze zwei Stunden bei der Therapeutin saß und im Endeffekt dann doch das Gespräch inhaltlich soweit stattfand, so dass ich mich beruhigen konnte. Ich weiß allerdings nicht, ob die Therapeutin die Zusammenhänge verstanden hat. Ich gehe begründet davon aus, dass es auch bei diesem Klinikaufenthalt zu vielen Missverständnissen zwischen mir und meinen Mitmenschen kommt.

Ein Missverständnis wurde in diesem Gespräch nämlich zum Glück aufgeklärt. Beim Anamnesegespräch vor der Anmeldung in der Tagklinik meinte die aufnehmende Ärztin, dass sie gerne eine zweiwöchige Probezeit mit mir vereinbaren würde, damit von beiden Seiten geschaut wird, ob ein Klinikaufenthalt für mich als depressiver Autistin unter lauter nichtautistischen Depressiven umsetzbar wäre. Ich hatte also Angst davor, während dieser „Probezeit“ naturgemäß zu viele Fehler – vor allem im sozialen Miteinander – zu machen, so dass ich sie nicht bestehen würde. Und sogar in einer Klinik die Erfahrung machen zu müssen, wegen fehlender „Teampassung“ sozusagen gekündigt zu werden. Die erste Woche war auch aus diesem Grund unglaublich stressig, weil ich nicht wusste, wie viele „Fehler“ ich mir erlauben konnte. Also versuchte ich mit aller Kraft unbedingt alles richtig zu machen, was dazu führte, dass sich das sogar im Blutdruck niederschlug. Als ich danach fragte, wie viele Fehler ich maximal machen dürfe, bevor sie mir nahelegen würden, die Tagklinik zu verlassen, klärte sich dieses Missverständnis auf – gemeint war scheinbar nur, dass ich selbst zwei Wochen lang am Programm der Tagklinik teilnehmen dürfe, um zu sehen, ob ein längerer Aufenthalt sinnvoll für mich sei.

In der Tagklinik gibt es einen Ruheraum mit drei Betten, in den ich mich während der letzten Woche in der Mittagspause zurückgezogen hatte, um mich auszuruhen bzw. zu schlafen. Bisher war außer mir noch nie jemand in diesem Raum, was wohl damit zusammenhängt, dass ihn die Betreuer erst aufsperren müssen. In der Gruppe fühle ich mich natürlich oft unverstanden, ich bin ja auch die einzige Autistin dort. Aber meine neue Bezugspsychologin hat offenbar Ahnung von der Thematik und ich finde sie sympathisch. Sie gab mir in dem Gespräch, das dann am Freitag stattfand, sehr hilfreiches Feedback und erklärte mir eine schwierige Situation, zu der es letzte Woche in der Guppe kam, weil ich dort wohl sozial unpassend meine Bedürfnisse äußerte. Ich bat darum, dass während der Ergotherapie das Radio ausgeschaltet wird. Was die Betreuerin auch tat, mich dann aber zwei Tage später beiseite nahm, um mir zu sagen, dass viele Mitpatienten das Bedürfnis hätten, Radio zu hören und ich mich deshalb anpassen oder eine Lösung finden müsste. Mein Versuch, ihr zu erklären, dass es für meine Mitpatienten ein „nice to have“ sei, nebenbei Radio zu hören, für mich es aber aus Gründen des Energiemanagementes ein „must have“ sei, die Lärmquellen zu minimieren, und weil ich mich sonst neben den Stimmen der Mitpatienten auch noch auf die des Radiosprechers konzentrieren müsste, scheiterte.

Als ich ihr diese Situation schilderte, schlüsselte sie meine Bezugstherapeutin sozial für mich auf, machte Lösungsvorschläge und zeigte mir einen sozialkompatiblen Weg auf, wie ich bei einem erneuten Versuch, meine Bedürfnisse nach „Radio aus“ umzusetzen vorgehen könnte. Ich finde es nach wie vor irritierend, dass meinen Mitpatienten laut der Therapeutin die Befriedigung emotionaler Befindlichkeiten beim jemanden neu kennenlernen so wichtig ist und sie einer logischen Argumentation nicht zugänglich sind. Ich soll nämlich deren Du erhöhen und mein Ich mit Hilfe passender Formulierungen klein machen, dann würde ich gemocht werden und sie würden eher das tun, worum ich sie bäte. Es ist schon absurd, dass Inklusion auch in einem teilstationären Setting mit Sozialpädagogen, Erziehern, Psychologen und Psychiatern schwer umzusetzen ist. Ich muss mich anpassen, um nicht exkludiert zu werde bzw. mich selbst zu exkludieren, indem ich beispielsweise als Lösung während der Therapiestunde meine Kopfhörer aufsetze, weil viele Menschen nicht logisch handeln können oder wollen, sondern emotional und intuitiv.

Nachdem ich es aber nun geschafft habe, eine komplette Woche durchzuhalten und sich das Programm wöchentlich wiederholt, hoffe ich, dass die kommende Woche stressfreier wird. In dieser Klinik arbeiten sie nach einer für mich neueren störungsspezifischen Therapieform, der von James P. McCullough in den USA zur Behandlung chronisch depressiver Patienten entwickelten Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP), die schulenübergreifend Denkansätze aus der kognitiven, behavioralen, interpersonellen und der psychodynamischen Therapie und der Entwicklungspsychologie Jean Piagets integriert. Was ich bisher zu der Therapie und den Strategien bzw. Methoden gelesen habe, klingt logisch. Mal sehen, ob es hilft.

Ich glaube, dass ich insbesondere von den Einzelgesprächen, dem einmal wöchentlich stattfindenden Soziale Kompetenztraining nach CBASP und dem Sportangebot profitieren werde. Die Gruppensituationen kann ich als Übungsfeld für soziale Interaktion und Kommunikation nutzen. Und während der Ergotherapie habe ich die Möglichkeit, interessante neue Sachen auszuprobieren, wie beispielsweise Perlenhäkeln. Begonnen habe ich mit einer Mosaikarbeit, das ist etwas, was ich in der Beschäftigungstherapie während der Wartezeit auf den Tagklinikplatz bereits gemacht hatte. Macht Spaß, beruhigt durch die Sortiertätigkeit und das meditative Kleben der Mosaiksteinchen und bringt nebenbei auch hübsche Schalen oder Behältnisse hervor, die ich als Geschenk nutzen kann.

Bei meinem wichtigsten Ziel, einen Abschlussbericht zu erhalten, in dem eine Empfehlung für die Maßnahme Unterstützte Beschäftigung steht, mit der der ifd betraut werden soll, wird mich die Klinik unterstützen. Das ist für mich der Weg aus der Rentenfalle in der ich festsitze, weil die Rentenversicherung ohne einen neuen Arztbericht, in dem mir Rehafähigkeit besscheinigt wird, vermutlich meine EM Rente verlängern würde, statt mich dabei zu unterstützen, mich beruflich wieder einzugliedern. Es ist mir sehr wichtig, wieder eine Arbeit zu finden. Ich denke, dass ich es nur so schaffen kann, nicht ganztags zu Hause herumzuhängen und allein deshalb täglich depressiver zu werden. Ich hoffe, dass ein Weg aus der Depression sein könnte, durch den Tagklinikaufenthalt die Chance auf eine für mich passende Arbeitsstelle zu erhalten. Und damit nach der Kindererziehung wieder einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, die gleichzeitig eine von außen vorgegebene Tagesstruktur mit sich bringt.

Also auf in die zweite volle Woche Tagklinik.