SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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TKSI – unbedingt empfehlenswert, zumindest für mich

Ende nächster Woche ist mein Aufenthalt in der TKSI zu Ende. Inzwischen funktioniere ich im Rahmen der Tagklinikstrukturen wieder ganz gut. Ob das ein stabiler Zustand sein wird, kann nur der Alltag und die Zukunft zeigen. Da ich die Diagnose rezidivierende Depression mitnehme, ist davon auszugehen, dass mich irgendwann im Leben wieder eine schwerere Depression einholen kann. Muss ich halt schneller sein – wenn es denn so einfach wäre. Aber ich habe in der Klinik das Wissen erlernt, um mitzubekommen, wenn Gefahr im Verzug ist und ich auf mich aufpassen sollte. Dazu habe ich jetzt ein Instrumentarium, das mir hilft, meine Grenzen zu akzeptieren; mit meiner Energie achtsam umzugehen; mir genügend Zeit und Raum zur Erholung zu lassen; die Haltung: „Zuerst die Arbeit und dann (vielleicht, wenn Zeit ist) das Vergnügen“ aufzugeben; meinen Perfektionismus mit Abstand zu betrachten und zu versuchen, auch manchmal Unperfektes zuzulassen; mich für Leistungen zu belohnen – geübt habe ich das alles bereits. Jetzt muss ich das Ganze noch in meinen zukünftigen Alltag integrieren.

Dem für mich wichtigsten Ziel, der Entwicklung einer längerfristigen beruflichen Perspektive, bin ich sehr viel nähergekommen. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Sozialdienstes der TKSI habe ich die Aussicht darauf, in absehbarer Zukunft wieder eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu haben. Genauer gesagt sieht es sogar so aus, als könne ich zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählen. Ich bin noch am Abwägen, welcher Möglichkeit ich den Vorzug geben sollte und ob nicht sogar beide Möglichkeiten miteinander zu vereinbaren wären. Die eine Möglichkeit ist eine Anstellung bei auticon als IT-Consultant im Software-Testing Bereich. Die andere eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU. Eine dritte Möglichkeit kann sich eventuell noch in Regensburg ergeben, wobei ich meine Kenntnisse aus dem Masterstudium einsetzen könnte. Was mich besonders bei allen drei Möglichkeiten begeistert ist, dass ich definitiv nichts mehr mit Verwaltung, Buchhaltung und allgemeinen Bürotätigkeiten zu tun hätte, von vornherein klar wäre, dass ich Autistin bin und die Rahmenbedingungen wesentlich passgenauer meine bisherigen autismusbedingten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz abfedern könnten. Bei allen drei Möglichkeiten könnte ich Stärken einsetzen, die ich bisher nie umsetzen habe können. Ich scheine nämlich der geborene Fehlerfinder zu sein, Fehler im System oder in Programmen oder in Texten fallen mir schon seit jeher auf. Ich finde es lustig, dass man tatsächlich damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann, auf alles zu klicken und dann rückzumelden, dass etwas nicht funktioniert oder falsch ist. Das mache ich sowieso ständig, hatte mir damit aber bisher eher keine Freunde gemacht. Die Überprüfung großer Datenmengen macht mir Spaß. Außerdem bin ich wirklich gut darin, passgenaue Literatur zu einem autodidaktisch zu erarbeitenden Thema zu finden, wissenschaftliche Texte zu redigieren bzw. zu schreiben und Vorträge zu gestalten – nur halten muss sie jemand anderes.

Was meine absoluten Stärken sind, wusste ich bereits als Jugendliche und damals wusste ich auch, welcher Beruf passend für mich wäre. Ich wollte Lektorin werden und irgendwann vielleicht einmal selbst Schriftstellerin. Jemand sein, der sehr viel lesen darf und damit am besten von zu Hause aus Geld verdient. Der im Hintergrund die Fehler findet, Geschriebenes besser macht, der mit Sprache umgeht, recherchiert, lebenslang eigenständig lernt. Leider scheiterte ich damals, weil ich nicht fähig war, ein Studium zu schaffen. Und in der Folge verlor ich mein Ziel aus den Augen wegen der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Also wurde ich mangels anderer Möglichkeiten Steuerfachangestellte. Verbrachte Jahre in diversen Büros, stets krank werdend.

Es ist schade, dass ich erst ein halbes Jahrhundert alt werden musste, um meine eigentlichen Begabungen einsetzen zu dürfen. Und erst durch die Autismus-Diagnose erkannt habe, was falsch lief und weshalb ich immer und immer wieder im Arbeitsleben scheiterte. Aber wenigstens habe ich jetzt endlich die Chance, doch noch erfolgreich zu sein. Und mir ist sehr bewusst, welchen maßgeblichen Anteil die Unterstützung in der TKSI daran hat. Für mich war mein Aufenthalt in der TKSI eine der besten Ideen, die ich in letzter Zeit hatte. Klar war nicht alles, was ich dort erlebt habe, durchgängig toll. Es gab anfangs ein gewisses organisatorisches Eröffnungs-Chaos, es gab immer wieder Termine, die kurzfristig ausfielen, weil beispielsweise Mitarbeiter erkrankten und keine Vertretung gefunden wurde. Aber was durchgängig zu spüren war: Ich wurde als Person mit all meinen individuellen Schwierigkeiten stets wertgeschätzt und es wurde mit allen verfügbaren Ressourcen versucht, mir sofort und möglichst umfassend zu helfen. Deshalb geht mein tiefempfundener Dank an die Menschen, die mich die vergangenen Wochen dort unterstützt haben und auch in Zukunft noch unterstützen wollen.


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TKSI zum Zweiten

Morgen ist der letzte Tag der ersten Woche meines zweiten sechswöchigen Durchlaufes in der TKSI. Mir wurde seitens der Klinik angeboten, meinen Aufenthalt nochmals um sechs Wochen zu verlängern. Dieses Angebot nahm ich gerne an. Ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich nach den sechs Wochen machen soll. Die Struktur in der Klinik tut mir gut. Eine Wiederholung von Inhalten stört mich keineswegs. Das Einzige, was es richtig schwierig macht, sind die neuen Mitpatienten.

Hier bediene ich das Autistenklischee: Ich komme mit Veränderungen nicht wirklich gut klar. Aber auch das gilt nur eingeschränkt, denn trotz meiner Aussage in einem vorherigen Blogbeitrag habe ich meine Essensroutine angepasst. Nachdem ein Mitpatient vorvorletzte Woche fragte, ob ich mit Mittagessen gehen würde, versuchte ich es nochmals mit einem Kantinenbesuch, weil das Wetter so schön war, dass ich draußen essen konnte. Ich trabte hinter ihm her in eine Ecke, die mir vorher gar nicht aufgefallen war. Und siehe da: Es gab eine Salatbar zum Selbermischen nebst laktosefreiem Dressing.  Das Mitschleppen meines laktosefreien Joghurtmüslis erübrigte sich ab diesem Moment.  Seither gehe ich mit meiner großen Salatschüssel auf den Balkon der TKSI und genieße in Ruhe und alleine ein gesundes Mittagessen.

Aus einem weiteren Grund ist ein verlängerter Aufenthalt gut. Vollständig arbeitsfähig fühle ich mich derzeit nämlich definitiv noch nicht. Gestern war ich an meinem Arbeitsplatz, um Schlüssel zurückzugeben und meine Sachen abzuholen, da mein Arbeitsvertrag Anfang Juni endet. Ich habe es glaube ich geschafft, diese halbe Stunde normal zu wirken, aber es war anstrengend und ich hätte nicht mehr lang durchgehalten. Dadurch, dass mir mittlerweile die Bedeutung und der Nutzen von Smalltalk bewusst ist und ich in den letzten Wochen genügend Zeit zum Üben hatte, fiel mir auch das relativ leicht. Immerhin hat meine zukünftige Exchefin mir gegenüber geäußert, dass sie sich freut, dass es mir wieder so gutgeht. Die Außenwirkung war demnach in Ordnung, meine Fassade hatte wohl keine sichtbaren Risse. Hoffe ich, denn wissen kann ich es nicht. Ich bin darauf angewiesen zu glauben, was sie mir sagt. Ein Kollege, der ebenfalls anwesend war gab mir den Rat mit auf den Weg, mir für die Zukunft eine Arbeitsstelle zu suchen, bei der ich nicht so oft in Kontakt zu anderen Menschen komme. Er meinte, dass die Bereiche, in denen ich gut gewesen sei leider nur einen sehr kleinen Teil der Stelle ausgemacht hätten. Mir ist klar, dass er recht hat, trotzdem hörte sich das nicht schön an. Jetzt weiß ich nicht, ob die Traurigkeit wegen dieser Aussage der Depression geschuldet ist. Im Grunde ist es egal, die Rahmenbedingungen der Arbeitsstelle haben nicht gepasst, weswegen ich krank geworden bin, also muss die nächste Stelle eine sein, bei der die Rahmenbedingunen besser passen.

Autismus, Depression und alles, was damit einhergeht, wie Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit und die psychosomatischen Reaktionen hängen miteinander zusammen. Wobei sie sich gegenseitig beeinflussen. Meine Überlegung ist: Wenn in mein Leben wieder Ruhe eingekehrt ist, ich eine Arbeitsstelle gefunden habe, genügend Zeit zum Eingewöhnen vergangen sein wird und die Unsicherheit der Probezeit oder eines befristeten Vertrages vorbei sein wird, dann wird es mir psychisch und in der Folge auch somatisch bessergehen. Die zusätzlich geschenkte Zeit in der TKSI kann ich dafür nutzen, die berufliche und die gesundheitliche Situation zu klären.

Mir wurde empfohlen, mit Hilfe eines Neuroleptikums meine Reizbarkeit und Reizsensitivität zu dämpfen. Danach hätte dann die Depression ebenfalls nochmals medikamentös behandelt werden können. Nach knapp zwei Wochen Medikamenteneinnahme hatte ich wie bei meinem ersten Versuch mit Antidepressiva etliche unschöne Nebenwirkungen. Ich war mir nicht sicher, auch eine dämpfende Wirkung zu verspüren. Wahrscheinlich wurde die jedoch von den Nebenwirkungen überdeckt. Ich empfand es als überaus positiv, dass meine Ärztin meine Bedenken und Überlegungen zu der Medikamenteneinnahme ernst nahm und auf meine Einwände und Befürchtungen einging. Sie betonte auch, dass die Entscheidung, Medikamente einzunehmen immer bei mir läge. Sie würde mich nach Kräften unterstützen. Wir kamen überein, dass ich außer Schmerzmitteln (wegen einer Schulterverletzung habe ich Schmerzen) nichts mehr nehmen werde. Denn meine Überlegung war: Ein Neuroleptikum kann ich maximal 3 Jahre lang einnehmen, währenddessen passt sich mein Gehirn über Rezeptorenvermehrung und Sensitivierung an, um den Ursprungszustand wiederherzustellen (so ganz stimmt das medizinisch scheinbar nicht, meine Ärztin sagte aber ganz offen, dass nicht klar ist, was genau im Gehirn abläuft und wie die Medikamente tatsächlich wirken). In dem Moment, wo ich die Medikamente dann absetzen muss, holt mich wegen des wiederum entstehenden chemischen Ungleichgewichtes im Gehirn die Depression vielleicht wieder ein und zusätzlich wäre ich eine Zeitlang noch reizoffener als anfangs. Eine ungute Kombination, die eventuell dann dazu führen könnte, dass ich meine Arbeitsstelle gefährde, die ich bis dahin gefunden zu haben hoffe. Weil der Nutzen durch die Medikamente für mich nur kurzfristig ersichtlich ist und ich nicht genau feststellen konnte, ob sie tatsächlich wirken, habe ich beschlossen, lieber keine zu nehmen.

Zum Glück habe ich bereits einen Psychotherapieplatz, so dass ich nach dem Klinikaufenthalt nahtlos eine Verhaltenstherapie machen kann, die mir dabei helfen wird, mit den alltäglichen Schwierigkeiten und den Problemen, die eine Depression mit sich bringt, umgehen zu können. Beides: Therapie und stabile Arbeitsstelle sollten meinem Leben so viel Struktur geben, dass die Depression abklingt, damit einhergehend die Reizoffenheit weniger wird und in der Folge Schlafstörungen und psychosomatische Stressreaktionen verschwinden.

Das klingt nach: Alles wird gut. Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass die körperlichen Probleme ebenfalls behandelt werden, denn die Schulterverletzung ist nicht von selbst ausgeheilt. Hier steht noch eine Abklärung bzw. eine erfolgreiche Behandlung an. Denn solange ich Dauerschmerzen habe, ist mein Stresslevel erhöht. Wobei die Schmerzen wiederum die Depression verstärken. Also ist ein wichtiger Schritt im Moment, die Schmerzen loszuwerden. Und eine neue Stelle oder eine finanzielle Lösung zu finden. Klingt nach einem guten kurz- bis mittelfristigen Plan, den ich die kommenden Wochen verfolgen werde. Und die neuen Mitpatienten werden in fünf Wochen gewohnte alte Mitpatienten für mich sein, genau wie beim ersten mal. Es besteht eine echte Chance auf: Alles wird gut.


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Autismus und Nachteilsausgleich an der FernUniversität Hagen – ein Update

Ich habe mich größtenteils bemüht, den Erwartungen soweit es mir möglich war, zu entsprechen und mich anzupassen. Einfach nur ein normales, erfolgreiches Leben zu leben, wie alle andern um mich herum, die das anscheinend ohne größere Schwierigkeiten machten. Ich habe die Welt um mich herum beobachtet und mich gefragt, wo der Zauber ist, wieso die anderen sich augenscheinlich so leicht tun und wieso ich so wenig von diesem Zauber abbekommen habe. Ich habe mich so sehr bemüht, es genauso zu machen und mich wie die anderen zu verhalten.

Ich habe studiert. Aber ein Studium zu beenden, gelang mir nur dank der Unterstützung durch meinen Ehemann und erst im Alter von 50 Jahren. Er half mir, es zu strukturieren und Termine einzuhalten. Mein jetziges Masterstudium an der FernUniversität Hagen hatte ich gewählt, weil es ein reines Online Studium ist und ausschließlich schriftliche Abschlußarbeiten verlangt werden, so dass die Belastung durch Sozialkontakte minimiert ist. Aber trotzdem musste ich überlastungsbedingt ein Jahr lang die Bearbeitung meiner Module abbrechen. Ob es mir je gelingen wird, dieses Masterstudium abzuschließen, weiß ich nicht.

Eine Möglichkeit dazu hatte ich in einem Nachteilsausgleich gesehen, der mir aber nicht gewährt wurde. Auch ein Widerspruch half nicht. Begründet wurde die Ablehnung damit, dass ich keine körperliche Beeinträchtigung habe. Meine geistige Leistungsfähigkeit selbst ist beeinträchtigt, nicht nur die technische Umsetzung meiner geistigen Leistungsfähigkeit.

Mein Autismus ist laut Prüfungsamt eine persönlichkeitsbedingte Eigenschaft, eine Veränderung der Prüfungsanforderungen würde bei einer solchen generellen Einschränkung der Leistungsfähigkeit den Aussagewert des Ergebnisses der Leistungskontrolle verfälschen. So eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit sei nicht ausgleichbar und dürfe schon wegen der Chancengleichheit nicht ausgeglichen werden. Krankheitsbedingte Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit können aus Gründen der Chancengleichheit keinen Anspruch auf Schreibzeitverlängerung begründen. Solche Einschränkungen sind Mitbestandteil des durch die Prüfung zu belegenden Leistungsbildes. Wenn sich eine persönlichkeitsbedingte, generelle Einschränkung der psychischen Leistungsfähigkeit im Prüfungsergebnis negativ niederschlägt, wird dadurch der Aussagewert der Prüfung nicht verfälscht. Meine Reizfilterschwäche und meine Priorisierungsschwierigkeiten gehören ebenso zu dieser persönlichkeitsbedingten psychischen Einschränkung meiner Leistungsfähigkeit.

Das Prüfungsamt verweist darauf, dass ich diese Einschränkungen meiner Leistungsfähigkeit bereits seit der frühen Kindheit habe und trotzdem die Modulprüfungen bisher mit sehr beachtlichem Erfolg absolviert habe. Im Folgenden wird ein Nachteilsausgleich auch wegen meiner bisherigen sehr guten Noten abgelehnt, die im Einzelnen aufgelistet werden. Ich frage mich nun, ob ich dafür bestraft werden soll, so gute Noten zu haben – würde mir ein Nachteilsausgleich zustehen, wenn ich schlechte Noten hätte?

Das Prüfungsamt weist mich außerdem auf die Möglichkeit einer Verlängerung der Bearbeitungszeit auf der Grundlage einer Krankschreibung hin und einen Satz später dann darauf, dass dies eine Kulanzregelung ist. Ich verstehe das jetzt so, dass ich zwar keinen offiziellen Nachteilsausgleich in Form einer Zeitverlängerung bei bekomme, aber ich mich nur einfach krankschreiben lassen soll, um sie trotzdem inoffiziell zu erhalten. Mir würde es nicht in den Sinn kommen, mich krankschreiben zu lassen, wenn ich nicht krank bin, mal ganz abgesehen davon, dass ein Arzt das gar nicht machen darf – ich halte mich an Regeln und gehe davon aus, dass es andere auch tun. Ich frage mich, wo hier die Chancengleichheit bleibt, vielleicht kommen Nichtautisten von selbst auf diese Idee und nur ich als Autistin bin nicht darauf gekommen und muss durch das Prüfungsamt darauf hingewiesen werden?

Eine Umwandlung der mündlichen Verteidigung der Masterthesis ist laut Prüfungsamt deshalb nicht möglich, weil das Modulhandbuch explizit eine mündliche Prüfung verlangt und eine Modifizierung den Grundsatz der Chancengleichheit verletzen würde. Eine Begleitperson darf ich nicht mitbringen, weil eine mündliche Prüfung nicht öffentlich stattzufinden hat und es (schon wieder) den Grundsatz der Chancengleichheit verletzen würde, wenn ich eine Begleitperson mitbrächte, weil das zu ungleichen äußeren Prüfungsbedingungen führen würde. Auch zusätzliche Pausen werden mir in der mündlichen Prüfung nicht gewährt, weil zwischen der 15 bis 20-minütigen Präsentation der Masterarbeit und der anschließenden 10-minütigen Präsentation des E-Portfolios und den darauf folgenden Fragen der Prüfer (hier wird keine Zeitangabe gemacht – das kann also individuell unterschiedlich lange dauern) bereits kurze Pausen vorgesehen sind. Zusätzliche Pausen – insbesondere Pausen außerhalb des Prüfungsraumes würden – wen überrascht es noch? – die Sicherstellung der Chancengleichheit beeinträchtigen. Eine reizarme Prüfungssituation läge schon deshalb vor, weil ich die Modulabschlussarbeiten zu Hause schreiben kann. Die mündliche Prüfung kann auch als Videokonferenz durchgeführt werden, damit wäre sie dann auch unter reizarmen Bedingungen absolvierbar – immerhin. Ich soll mich zu gegebener Zeit an die jeweiligen Prüfer direkt wenden. Das Prüfungsamt schlägt mir für  Gruppenarbeiten und zur Anfertigung von schriftlichen Protokollen bei Videokonferenzen eine Studienassistenz vor, schreibt aber auch, dass ich ja gar keine Gruppenarbeiten mehr machen muss in den verbleibenden Modulen. Leider kann sich im Prüfungsamt offenbar keiner vorstellen, dass eine Studienassistenz bei einem Fernstudium und meinen autismusbedingten Schwierigkeiten keine Lösung meiner Probleme darstellt. Mal ganz abgesehen von der Finanzierung oder auch nur der Organisation einer Studienassistenz, die mich überfordern würde – aber dafür ist schließlich das Prüfungsamt nicht zuständig. Leider scheint die Behindertenbeauftrage ebenfalls (in meinem Fall) nicht dafür zuständig zu sein, denn sie empfahl mir in ihrer E-Mail zwar ebenfalls eine Studienassistenz, das war es aber dann auch an erfahrener Hilfestellung von dieser Seite, für die Realisierung ihres Vorschlages sei sie nicht zuständig.

Mir drängt sich insgesamt bei der Begründung des Widerspruchsbescheides die Karikatur der Chancengleichheit mit dem Prüfer auf, vor dem ein Flamingo, ein Pinguin, ein Affe, ein Elefant, ein Goldfisch im Glas und ein Hai stehen, die alle die Aufgabe bekommen, auf den nebenstehenden Baum zu klettern.

Zusammenfassend muss ich sagen: Ich empfehle keinem Autisten an der FernUniversität Hagen zu studieren, wenn er einen Nachteilsausgleich benötigt, um erfolgreich sein Studium zu absolvieren.


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TKSI – Emotionserkennung

Das kognitive Training am PC zur Emotionserkennung, das ich seit zwei Wochen mache, ist interessant und erstaunlich anstrengend. Dieses Tool wird dazu verwendet: http://www.scott-training.de/#  Es scheint ein Trainingsprogramm zu sein das nach einer Evaluation überarbeitet wurde. Demnächst soll es in einer neuen Version erscheinen. Grundsätzlich scheint es die Emotionserkennung bei Autismus positiv beeinflussen zu können – zumindest innerhalb meiner autistischen Begrenzungen.

Es gibt jeweils drei Level in jedem der drei angebotenen Spiele. Ein höheres Level schaltet man nach dem Erreichen von fünf Prämien frei. Ein Spiel beinhaltet zwischen fünf und zehn Durchgänge. Das Spiel ist durch relativ unlangweilig und der „pädagogische Zeigefinger“ ist wenig sichtbar. Was mich stört, sind die grafische Aufmachung und die immer wieder eingeblendeten „hilfreichen Hinweise“. Ich denke wirklich nicht daran, nach zweimaligem Lesen der Hilfefunktion diese noch ein weiteres mal aufzurufen. Und es ärgert mich, wenn ich immer wieder von einem Männchen mit Baseballkappe betont jugendfrisch lässig freundlich dazu aufgefordert werde, das in einem Fenster in mehr oder minder regelmäßigen Abständen erscheint. Ich müsste  mitzählen, wie oft dieses Fenster aufpoppt, meiner Vermutung nach passiert es nach fünf Fehlversuchen. Neben der Hilfe gibt es noch die Möglichkeit, Tipps zu erhalten oder einen Joker einzusetzen, was jedoch zu Punktabzug führt. Da ich Spiele grundsätzlich ohne solche Cheatmöglichkeiten spiele, setze ich sie nicht ein. Abgesehen von der nicht unbedingt zielgruppengerechten Aufmachung und den irritierenden Kommentaren, die nicht zur Leistung passen, finde ich dieses Serious Gaming Tool zur Emotionserkennung ziemlich gut umgesetzt.

Anfangs hatte ich nur geraten, inzwischen muss ich aber nur noch bei neuen Spielen und differenzierteren Emotionen die Lösung durch Versuch und Irrtum herausfinden. Emotionale Bezeichnungen wie heiter und angeekelt oder traurig und überrascht kann ich mittlerweile ziemlich gut auseinander halten und korrekt dem Gesichtsausdruck zuordnen. Weil sich die Aufgaben wiederholen, habe ich spätestens nach dem dritten Durchgang die richtigen Lösungen auswendig gelernt. Meine Punktzahl hat sich so nach nur einer Woche verdoppelt. Ich hoffe jetzt, dass trotzdem ein Lerneffekt einsetzt und etwas hängenbleiben wird bei den vielen bewegten Bildern von Gesichtern, die Emotionen ausdrücken. Wenig Verbesserung ist immerhin mehr als gar keine Verbesserung. Ich bin dankbar für jeden Fortschritt.

Immerhin habe ich bereits gelernt, relativ sicher die Basisgefühle Angst, Freude, Ekel, Trauer, Wut, Verachtung und Überraschung anhand der Unterschiede bei Augen- und Mundpartie auseinanderzuhalten. Meine Strategie des Auswendiglernens und die Tatsache, dass die Darsteller im Spiel alles Schauspieler sind, die die Emotionen übertrieben darstellen, dürfte meine Transferleistung aber ziemlich einschränken. Ich vermute nämlich, dass die Leute in der realen Welt nicht genau dieselben Gesichtsausdrücke haben, schon weil es nicht dieselben Gesichter sind. Die Wahrscheinlichkeit, genau diesen Schauspielern zu begegnen, schätze ich als sehr gering ein. Und jedesmal, wenn im Spiel neue Gesichter kamen, hatte ich zuerst, bis auf zufällige Treffer so ziemlich alles falsch.

Beim Gesichter Puzzle habe ich jetzt immerhin Level 3 erreicht – aber seither stagniert es, ich komme einfach nicht über die Punktehürde. Vier verschiedene Gesichtsoberteile zu den jeweiligen Unterteilen zusammenzusetzen plus danach noch die zugehörigen Gefühle korrekt zuzuordnen, und das über fünf Durchgänge pro Spiel mit insgesamt maximal 10 Fehlversuchen ist wirklich schwierig. Besonders, weil sich bei Level 3 die Gesichtsausdrücke nicht mehr diametral unterscheiden. Die Unterschiede zwischen sehnsüchtig, wehmütig, melancholisch, vergebend und verliebt sind nämlich wirklich nicht einfach zu erkennen. Wenn man es geschafft hat, die Gesichter passend zusammenzusetzen, gucken die Schauspieler aber häufig auch dermaßen ähnlich oder die angebotenen Emotionskärtchen passen meines Erachtens so gar nicht zu den Gesichtsausdrücken, dass ich zu viele Fehler mache und bisher im dritten Level noch keinmal ein komplettes Spiel lösen konnte. In Level 1 muss man das Ganze nur mit zwei Gesichtern und drei angebotenen Emotionen machen, in Level 2 dann mit drei Gesichtern und fünf Emotionen und ab Level 3 dann mit vier Gesichtern und sieben Emotionsbegriffen. In Level 1 hat man also die meisten Chancen, die Aufgabe durch pures Glück oder per Ausschlussverfahren zu lösen. Wie gesagt, seit Level 3 komme ich nicht mehr weiter, ich scheitere an der 5400 Punkte Hürde und an den maximal erlaubten Fehlversuchen.

Das demotiviert mich inzwischen ziemlich. Außerdem stört mich, dass die dargestellten Emotionen bei den vier Gesichtern nicht synchron jeweils von vorne abgespielt werden. Am Ende einer Sequenz erscheint immer ein Pixelmuster, das demnach zeitversetzt über alle vier Gesichter läuft. Da die Gesichter auf dem Bildschirm relativ nah nebeneinander positioniert sind, irritiert mich das unglaublich, weil ich es nicht schaffe, konzentriert nur ein Gesicht zu betrachten. Leider kann man das Fenster auch nicht vergrößern. Dazu kommt, dass die Emotionskarte ganz rechts bei sieben Karten abgeschnitten dargestellt wird und sich mit der Maus nicht in das Feld des Gesichts ganz rechts ziehen lässt, was zu etlichen ungewollten Fehlversuchen führt, wenn man die linke Maustaste zu früh loslässt. Diese Fehler beeinträchtigen den Spielspaß und die Konzentration nicht unerheblich und strengen mich sehr an.

Die Filmsequenzen, die man zusammensetzen muss werden ebenfalls im Level 2 – weiter habe ich es nicht geschafft – anzahlmäßig mehr und außerdem gibt es im zweiten Level Filmchen komplett ohne Text, das macht die Bestimmung der richtigen Reihenfolge echt schwer, weil ich mich nicht mehr am Inhalt des Gesagten orientieren kann. Außerdem wiederholen sich die Filme und man muss für die Lösung der Aufgabe stets von Neuem alle Filmsequenzen in kompletter Länge von vorn ansehen, damit das Schlosssymbol verschwindet und man die Aufgabe lösen darf. Das nervt spätestens nach dem zweitenmal ziemlich – zumindest mich, weil es unnötig aufhält – ich weiß ja bereits, wie es weitergeht und außerdem langweilt es mich. Bei diesem Spiel ist es für mich noch einfacher, mir die richtige Lösung zu merken. Die Regel für die Auswahl der korrekten Abschlussfrage ist, immer die abgeschwächte Version mit weniger Adjektiven zu wählen und die zwei Möglichkeiten auszuschließen, die im Film nicht erwähnte Details beinhalten oder sichtlich abwegig sind.

Beim Spiel Stimme zu Gesicht zuordnen habe ich ebenfalls nur das Level 2 erreicht. Dieses Spiel fällt mir am Schwersten. Ich muss die Stimmen mehrfach anklicken und anhören, weil ich mir weder das Gesagte noch den emotionalen Ausdruck im Tonfall merken kann. Ich erkläre mir das damit, dass ich von jeher Schwierigkeiten habe, auditiv etwas zu lernen oder mir mündliche Arbeitsanweisungen zu merken, ich scheine ein rein visueller Lerner zu sein. Im ersten Level konnte ich anhand des Inhaltes des Gesagten den passenden Emotionsbegriff zuordnen. Aber ab Level 2 haben die Entwickler des Games Bugs eingebaut – manche Gesichtsausdrücke passen meines Erachtens wirklich nicht zum Inhalt oder Tonfall des Gesagten und dann soll ich Emotionen zuordnen, die überhaupt nicht zum Inhalt des Satzes passen? Die Spielanweisung lautet, man soll die den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen. Erstaunlicherweise war die korrekte Lösung hier jedoch, den Emotionsbegriff passend zum Gesichtsausdruck zu wählen und den Inhalt des Gesagten zu ignorieren, der sowieso weder zum einen noch zum anderen passte. Ich verstehe hier nicht, warum. Denn in der Spielanleitung steht eindeutig, man solle Stimme und Emotion richtig einander zuordnen.

Bei Unklarheiten sollten wir die anderen Gruppenmitglieder fragen. Aber alle, die laut Rangliste besser sind oder ein höheres Level erreicht hatten, gaben an, genau wie ich nur noch zu raten und sich die Lösungen zu merken. Also hat mich diese Nachfrage nicht weitergebracht. Auch einem anderen Gruppenmitglied zuzusehen, das wesentlich höhere Punktzahlen erreicht, demnach also jemand sein dürfte, von dem ich etwas lernen kann, war nicht hilfreich. Ich weiß jetzt noch nicht, wie ich nächste Woche weiter vorgehen werde, um beim Gesichter Puzzle weiterzukommen. Mir bleibt eigentlich nur noch, Tipps oder den Joker zu verwenden, was aber meinen Grundsätzen widerspricht. Ansonsten kann ich die Punktzahl erhöhen, indem ich schneller werde. Mein Ziel für die nächste Woche ist es, überall das Level 3 zu erreichen.


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TKSI – Woche 1 und 2

Seit zwei Wochen bin ich in der Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion (TKSI). In dieser Tagklinik wird Autisten ein sechswöchiges Therapieprogramm angeboten, bei dem 10-12 Personen teilstationär von Montag bis Freitag täglich von 9 bis 15 Uhr sowohl Gruppentherapie als auch Einzeltherapie erhalten. In zwei Gruppen durchlaufen die Patienten ein Therapieprogramm, das aus einer Gruppentherapie (MATE), einer berufsorientierten Therapie, Entspannungs- und Achtsamkeitsanleitungen, Sportangeboten und Aktivitäten, um Kommunikation und Interaktion zu fördern besteht. Die Tagklinik eröffnete am 10.04.17 und ich hatte das Glück, gleich beim ersten sechswöchigen Therapieturnus mit dabei sein zu dürfen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden – ich bin überaus froh, in der Tagklinik so schnell einen Platz bekommen zu haben. Und ich will keinesfalls undankbar erscheinen, wenn ich im Folgenden auch kritisch die vergangenen zwei Wochen reflektiere. Mir war durchaus klar, dass es ein zweischneidiges Glück ist, bei den ersten Patienten mit dabei zu sein. Denn wenn eine Einrichtung neu eröffnet, ist davon auszugehen, dass noch keine Fehler gemacht worden sind und noch nicht alles hat auffallen können, was nicht funktioniert.

Ich habe Ereignisse immer schon am besten verarbeitet und am meisten dabei gelernt, wenn ich sie aufgeschrieben hatte. Dabei kann ich meine Erfahrungen sortieren, reflektieren und mir darüber klar werden, was sie für mich bedeuten. Außerdem hatten mich sowohl meine Psychiaterin als auch die nette Frau vom Netzwerk Autismus gebeten, ihnen meine Erfahrungen in der Tagklinik rückzumelden und zu berichten, wie es mir bei meinem Aufenthalt ergangen ist, bzw. was für mich hilfreich war. Mittels dieser Reflexion kann ich beides gleichzeitig erledigen. Für die erbetene Beurteilung meiner subjektiven Einschätzung, welche Therapieangebote am hilfreichsten waren, werde ich noch eine Matrix erstellen.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten in der ersten anstrengenden Woche, die dank Osterfeiertagen kurz war, haben sich in der zweiten Woche der Stundenplan und der Programmablauf einigermaßen geklärt. Leider konnten auch in der zweiten Woche noch nicht alle geplanten Therapiemöglichkeiten angeboten werden. Scheinbar gibt es klinikintern noch Abstimmungsschwierigkeiten, was die Raumplanung betrifft und bestellte Dinge werden verzögert geliefert.

Sehr positiv empfand ich, dass in der sogenannten Morgenrunde die Patienten nach Wünschen und Verbesserungsvorschlägen gefragt werden. Auf nahezu alle Vorschläge ist insofern eingegangen worden, dass gewünschte Materialien bestellt  bzw. beantragt wurden. Leider werden die bestellten Dinge, wie beispielsweise Spiele, Couchtische oder auch schallschluckende Wandverkleidungen, voraussichtlich erst in sechs bis acht Wochen geliefert. Das freut mich für die Patienten des nächsten Turnus. Aber im Moment ist die Akustik in den Therapieräumen für lärmempfindliche Menschen wie mich leider noch schwierig.

Ebenfalls sehr positiv ist für mich der wertschätzende Umgang mit den Patienten. Es wird darauf geachtet, dass jeder in der Gruppe dort abgeholt wird, wo er steht und stets positive Feedback für jedweden Beitrag erhält. Außerdem finde ich sehr gut, dass versucht wird, den Redeanteil der Patienten gerecht zu verteilen und dass jeder bei einer Frage persönlich angesprochen wird. So kann es nicht passieren, dass redegewandtere Patienten diejenigen, die es nicht sind, daran hindern, sich zu äußern. Und es kann sich keiner in der Menge verstecken. Wobei die Menge mit derzeit fünf Patienten in der Gruppe recht übersichtlich ist.

Inhaltlich ging es in der Gruppentherapie (MATE) bisher um Psychoedukation zu den Themen Autismus und Depression. Die Daten und Fakten zum Thema selbst waren mir bereits bekannt und insofern für mich eher redundant. Aber es ist sinnvoll alle Patienten auf denselben Wissensstand zu bringen. Das Neue für mich waren Informationen zu den vermuteten Ursachen von Autismus bezüglich prä-, peri- und postnataler Einflüsse durch Infektionen. Es hat mir ungemein geholfen, dass mir jemand an praktischen Beispielen erklärt hat, was unter den Diagnosekriterien subsummiert werden kann. Ich habe jetzt endlich, dank der Erklärung der Therapeutin und den Beispielen der anderen Patienten, eine konkrete Vorstellung von den Auswirkungen meiner eigenen Autismus-Spektrum-Störung. Ich traue mir zu, besser einschätzen zu können, was zum Autismus gehört und was eine Persönlichkeitseigenschaft von mir ist oder eine Folge der Depression.

Ein subjektiver Kritikpunkt ist, dass es zwar einen Stundenplan gibt, in dem die offiziellen Anfangs- und Endzeiten der jeweiligen Therapien eingetragen sind, an die sich aber die Therapeuten nicht halten. Bisher hat noch keine Veranstaltung pünktlich begonnen. Bis auf die Morgenrunde, die stets vorzeitig beginnt und nie so lange dauert, wie im Stundenplan angegeben, haben alle Therapieangebote entweder zu spät begonnen oder sind ganz ausgefallen. In der ersten Woche leider, ohne dass den Patienten Bescheid gegeben wurde, so dass man im ungünstigsten Fall mehrere Stunden mit unsicherem, verwirrten Warten zubrachte, um danach zu erfahren, dass heute nichts mehr stattfindet, man ergo eigentlich hätte heimfahren können.

Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass die Anwesenheitszeiten von 9 bis 15 Uhr ausgeschrieben ist, darüber beklage ich mich sicher nicht. Man hätte die Wartezeit auch dazu nutzen können, sich mit den Mitpatienten auszutauschen – das gehört wohl auch mit zur Therapie. Nur bin ich natürlich nicht selbst auf diese Idee gekommen, das wurde uns in einer Morgenrunde in der zweiten Woche gesagt. Im Nachhinein schäme ich mich direkt, dass mir etwas so Offensichtliches nicht klar war.

Nochmal zurück zur (Un)pünktlichkeit: Vielleicht gehen die nichtautistischen Therapeuten gelassener mit Zeit um, eventuell gilt ja auch die akademische Viertelstunde, dies sind die derzeitigen Hypothesen einiger Patienten. In meiner nächsten Oberarzt-Sprechstunde werde ich danach fragen, ich habe es auf meine Fragenliste gesetzt. Eventuell soll ja auch meine Belastungsfähigkeit getestet werden. Oder mein Durchhaltevermögen. Oder es soll meine Flexibilität, als Autistin mit Planänderungen umgehen zu lernen, gefördert werden. Falls Letzteres, dann muss ich in dieser Hinsicht eingestehen, dass ich bisher weder anpassungsfähig, noch lernfähig bin, denn es hat mich jeden einzelnen Tag belastet und bei mir Stress erzeugt. Ich vermute, dass die Therapeuten wissen, wie schwer es mir fällt, mit Unpünktlichkeit und nicht eingehaltenen oder kurzfristig veränderten Planungen umzugehen. Fast alle Therapieangebote sind wirklich hilfreich für mich, aber ein Teil des hilfreichen Aspektes wird in meinem Fall leider zunichte gemacht, wenn durch Unpünktlichkeit Stress erzeugt wird, der (in meinen Augen) nicht sein müsste. Ich sehe es als echt harte Herausforderung für mich an, geduldiger mit Unpünktlichkeit umgehen zu lernen.

Irrtümlich bin ich davon ausgegangen, dass die Aufenthaltsraumnummerierung mit der Gruppenzugehörigkeit zu tun hat. Ich habe mich deshalb nur in „meinen“ Raum gesetzt und wäre auch weiterhin davon ausgegangen, dass ich im anderen Raum nichts zu suchen habe. Zum Glück wurde das auch in der Morgenrunde angesprochen. Die Patienten haben die freie Wahl und sollen sich sogar bunt durchmischen, um sich alle kennenzulernen. Gut, dass mir das gesagt wurde.

Nur die Umsetzung ist schwierig für mich. Es hat sich zumindest in „meinem“ Raum bereits eine Platzordnung eingebürgert, jeder in meiner Gruppe sitzt in den Wartezeiten zwischen Therapieangeboten stets auf demselben Platz – mittlerweile wäre ich vermutlich sogar sauer, wenn sich jemand auf den Platz setzen würde, den ich in Gedanken als „meinen“ Platz ansehe. Außerdem ist es in „meinem“ Raum angenehm still. Jeder sitzt mit Kopfhörer auf seinem üblichen Platz und beschäftigt sich den überwiegenden Teil der Wartezeit ruhig mit sich selbst. Durch die Wand dringt manchmal ein Geräuschpegel, der mich sowieso dazu veranlassen würde, aus dem anderen Raum zu fliehen. Wie obiger Formulierung unschwer zu entnehmen ist, habe ich mich bisher nicht dazu überwinden können, in den anderen Aufenthaltsraum zu gehen und mich dort niederzulassen, um neue Kontakte zu knüpfen. Ich lache über mich selbst, denn kaum vergehen gerade einmal zwei Wochen, habe ich also bereits funktionierende Routinen entwickelt, von denen ich nicht mehr abweiche.

Es gibt auch eine Küche mit Tisch, in der neben einer Spülmaschine, die wohl einige Patienten noch nicht entdeckt zu haben scheinen – anders kann ich mir die Tassen und Teller, die ich jeden Nachmittag dort einräume nicht erklären – auch eine wunderschöne, futuristisch anmutende Mikrowelle existiert. Das Besteck in der Besteckschublade habe ich übrigens auch bereits nach Form sortiert. Ich kann nicht anders, außerdem hat es mich beruhigt. Ich brauche Ordnung um mich herum.

Zwar kann man in der Klinikkantine sowohl Frühstücken als auch Mittagessen, das habe ich aber nur einmal ausprobiert und für mich beschlossen, dass ich es in Zukunft besser sein lasse. Es liegt nicht an der Qualität des Essens, die war das Eine mal wirklich gut, es gibt sogar vegetarische Gerichte, sondern an der Lautstärke und dem Hall in der Kantine. Leider bin ich zu lärmempfindlich. Ich könnte mir eigentlich etwas zu Essen, das ich aufwärmen muss, mitnehmen, das scheiterte bisher an der nicht beiliegenden Bedienungsanleitung für die Mikrowelle, die ich einfach nicht zum Laufen brachte. Dies sprach ich in der Morgenrunde an, woraufhin sofort zugesagt wurde, dass die Bedienungsanleitung in die Küche gelegt werden würde. Die Mikrowelle sieht wunderbar unbenutzt aus, somit hat sie scheinbar noch niemand ausprobiert. Netterweise hat mir inzwischen ein Mitpatient die Funktionsweise erklärt. Also könnte ich ab nächster Woche auch einmal etwas anderes als mein Müsli mitnehmen. So wie ich mich kenne, bleibe ich aber die ganzen sechs Wochen beim Müsli. Sicher einseitig, aber immerhin gewohnt und gesund. Ich von meiner Seite habe überhaupt kein Problem damit, wochenlang in dieser Küche dasselbe zu essen, während alle anderen in der Kantine verschwinden. Ich freue mich über die Ruhe und kann beim Essen die zahlreichen Eichhörnchen beobachten, die die Bäume vor dem Fenster hochklettern.

Andere technischen Dinge sind scheinbar im Vorfeld ebenfalls nicht im Einsatz gewesen. Was mich sehr verwundert hat, ist, dass wohl die Testsoftware bisher nicht eingesetzt  wurde. Auch die Hardware-Seite hat nicht sofort funktioniert. So konnte beispielsweise das System die erhobenen Daten eines Teils der Probanden nicht speichern, nachdem meine Gruppe einen zumindest mich sehr anstrengenden Reaktions-/Konzentrationstest am PC absolviert hatte. Der Fehler lag darin, dass nach Testende die Daten aller Teilnehmer nicht erfasst werden können, wenn alle in der Gruppe mit derselben Kennung den Test starten. Die Erklärung, dass davon ausgegangen wurde, dass die Daten wie bei den vorherigen Testungen unter der jeweiligen Patienten-E-Mail-Adresse gespeichert werden würden, war irritierend für mich. Denn der Zugang zu diesem Test wurde mir nicht per Link an meine E-Mail-Adresse übermittelt. Sondern jeder in der Gruppe setzte sich beliebig vor einen der vorhandenen Laptops und startete den Test mit derselben Kennung. Der Einzige, dessen Daten gespeichert wurden, war der, der am Schnellsten fertig wurde, danach hängte das System sich auf. Hinterher eigentlich logisch. Und genauso logisch, dass die Daten der Teilnehmer nicht unter deren E-Mail-Adresse gespeichert werden können. Denn woher soll der Laptop wissen, welcher Patient da gerade vor ihm sitzt?

Ich habe mich nicht nur bei diesem Test als Software-Testerin betätigt. Einige der bisherigen Tests haben sich von mir ein zweites Mal aufrufen lassen, was ungewöhnlich ist. Ich kenne es so, dass ich mit einer Kennung nur einmalig Zugang zu einem Test habe. Es sollte nicht möglich sein, dass ein Proband zigmal denselben Test macht, das produziert nur Datenmüll. Wahrscheinlich ist es normal, dass es einige Zeit dauert, bis eine Testreihe am Computer fehlerfrei läuft. Ich betrachte das jetzt einfach mal als Beta Version. Ich darf jedenfalls diesen Reaktions-/Konzentrationstest nächste Woche nochmals ganz von vorne machen. Wobei ich nun den Vorteil habe, dass ich weiß, wie lange die einzelnen Blöcke dauern und was mich erwartet. Das dürfte dann auch nicht mehr so anstrengend für mich werden.

Interessant für mich persönlich ist natürlich die Testkonstruktion. Ich frage mich bei jedem Test, welches Merkmal die Testkonstrukteure damit messen wollen. Bei den Fragebögen bewerte ich für mich, ob die Skala an die Fragestellung angepasst wurde, ob die Skala mit gerader oder ungerader Auswahlmöglichkeit sinnvoll ist hinsichtlich der Tendenz zur Mitte, wie wohl die Punktverteilung aussieht. Und ich denke darüber nach, ob in meinen Augen der Fragebogen optimal lang ist, das Item sinnvoll formuliert ist und weshalb eine Invertierung erfolgte. Ich denke zusätzlich über die möglichen Störfaktoren bei der Testung nach und frage mich, ob diese bei der Auswertung der Daten berücksichtigt werden. Sprich: Ich wende meine Kenntnisse aus meinem Studium an, was mich freut, weil ich das Gefühl habe, nicht umsonst studiert zu haben.

In der zweiten Woche fand dann auch ein Teil des Sportprogramms statt.  Jeder Patient sollte sich entscheiden, an welchem der beiden Angebote, sanftes Walking oder Yoga, er teilnehmen wollte. Zumindest einmal sollte man sich das Angebot ansehen. Auch sportunbegeisterte Patienten sollten mitmachen. Das finde ich sehr lobenswert, denn nach meiner Erfahrung hilft Sport bei vielen Problemen. Unter anderem wirkt sportliche Betätigung stressabbauend, gesundheitsfördernd und entspannend. Da ich in der Vorwoche auf den vor der Turnhalle hängenden Stundenplan geschaut hatte, wusste ich, dass sich die beiden Angebote zeitlich nicht überschnitten und meldete mich für beide an. Andere Patienten machten es mir nach. Sowohl das „sanfte“ Walken als auch Yoga fand mit anderen Klinikpatienten, also Nichtautisten statt.

Die Anwesenden beim Walken wurden gefragt, ob sie lieber schneller oder lieber langsamer gehen wollen würen. Lustigerweise teilten sich sämtliche Autisten, auch die, die vorher gemeint hatten, Sport sei nicht so das ihre, selbst in die schnelle Gruppe ein. Wir waren dann eine reine Autistengruppe. Die Walking-Anleitung war erfreulich kurz und erschöpfte sich in dem Hinweis, die Stöcke gegengleich den Füßen einzusetzen. Danach wurden wir noch bis zum Parkeingang begleitet und dann alleine losgeschickt, wobei ein Wandererfahrener zum Glück die Führung übernahm. Wer weiß, ob zumindest ich ansonsten in der unbekannten Umgebung zurückgefunden hätte. Der Anführer führte die Gruppe stockunfallfrei durch den angrenzenden Park und sogar den dortigen Berg hinauf – so man den Hügel so nennen darf. Nach immerhin einer dreiviertel Stunde gar nicht so sanften Walkens hatten alle Autisten gemeinsam wieder die Turnhalle erreicht, stellten ihre paarweise aneinandergekletteten Stöcke davor ab und gingen einzeln zurück in die Tagklinik.

Das anschließende Yoga war für mich eine Art Offenbarung. Ich hatte mir vor acht Wochen eine Oberarmverletzung zugezogen, die zu einer Schleimbeutelentzündung in der Schulter geführt hatte. Neben meinen sonstigen Schlafstörungen kam seither jede Nacht noch mehrfaches schmerzbedingtes Erwachen dazu. Ein konsultierter Arzt hatte mir eine Spritze in das Schultergelenk gegeben und mir empfohlen, mich ruhig zu halten und zu schonen, nach sechs Wochen könne ich wiederkommen, um operiert zu werden. Hatte ich allerdings garantiert nicht vor, angstbedingt wäre ich dort nicht mehr hingegangen. Seit dem Yogaangebot, bei dem ich bei vielen Übungen über meine Schmerzgrenze ging, um pflichbewusst wenigstens halbwegs ordentlich mitzumachen, haben sich meine Schmerzen signifikant verringert. Ich erhoffe mir jetzt in den nächsten vier Wochen durch meine Teilnahme am Yoga eine weitere Mobilisierung des Schultergelenkes und ein Verschwinden des diagnostizierten Impingementsyndroms. Damit wäre wieder ein Problem gelöst.

Nach zwei Wochen kann ich zusammenfassend sagen, dass mir mein Aufenthalt in der Tagklinik und die Therapie weiterhilft und mir etwas bringt. Und zwar wesentlich mehr als nur die Sicherheit, noch die nächsten vier Wochen einen Plan zu haben, was ich jeden Tag tue, statt depressiv daheim zu sitzen und mich zu fragen, wie ich eine neue Arbeitsstelle finde und wie es eigentlich weitergehen soll. Ich bin gespannt, was die nächsten vier Wochen mir noch an Lernerfahrungen bringen werden. Ich freue mich seit langer Zeit endlich einmal wieder, unter der Woche morgens aufzustehen und in die „Arbeit“ fahren zu dürfen. Der Tagklinikaufenthalt ist damit zu vergleichen, die Therapieangebote strengen mich teilweise richtig an. Aber es ist eine positive Anstrengung, die mich weiterbringt. Bei einer drohenden Überlastung kann ich jederzeit pausieren. Alle Therapeuten, die mir bisher begegnet sind, waren zugewandt und sehr nett. Und ich bin sehr dankbar für die individuelle Unterstützung, die ich in der Tagklinik erhalte.


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Autistin + Depression = Job weg – wie soll es weitergehen?

Am 18. Februar war ich in München auf einer Veranstaltung, bei der Dr. Leonhard Schilbach seine Arbeit und das Konzept seiner neuen Ambulanz / Tagklinik vor drei Autismus-Selbsthilfegruppen aus der Region (Nürnberg, Regensburg, München) vorstellte. Angesichts meines bevorstehenden Jobverlustes und der schlechten beruflichen Perspektive sprach mich besonders die dort angebotene berufsorientierte Therapie an.

Wieder zu Hause, bat ich meinen Mann, mich sofort dort anzumelden, bzw. auf die wahrscheinlich bereits vorhandene Warteliste setzen zu lassen. Eine solche Tagklinik, die Therapie für erwachsene hochfunktionale Autisten anbietet, gab es meines Wissens bisher nicht. Es erstaunte mich, dass ausgerechnet in Bayern und dann noch für mich in erreichbarer Nähe so etwas angeboten werden würde. Ich stand zwar seit meiner Diagnose auf der Warteliste der Diagnosestelle für ein ambulantes soziales Kompetenztraining, hatte aber noch keine Nachricht erhalten, wann ich dort voraussichtlich mit einem Platz rechnen konnte. Das in der Tagklinik angebotene Programm klang so, als könnte es hilfreich für die Bewältigung meiner drängendsten Probleme sein.

Da ich arbeitsvertraglich und gesetzlich verpflichtet war, mich bei einem befristeten Vertrag rechtzeitig beim Arbeitsamt zu melden, vereinbarte ich einen Termin. Das war autistenfreundlich erfreulicherweise per E-Mail möglich. Ich durfte auch meinen Mann als Begleitperson mitbringen. Meine Sachbearbeiterin hatte sich wohl umfassend vorab über Autismus informiert. Es wurde erstaunlicherweise ein sehr hilfreiches Gespräch. Sie teilte mir mit, dass ich mich besser nicht arbeitslos melden solle, weil weder jetzt noch in Zukunft mit einem passenden Jobangebot für mich zu rechnen sei. Sie halte es nicht für zielführend, mich dem vorgeschriebenen Arbeitsamtprozedere auszusetzen. Sie schlug mir vor, eine Rehabilitationsmaßnahme über die Rentenversicherung zu beantragen und/oder eine Erwerbsminderungsrente. Ich war positiv überrascht, weil ich damit gerechnet hatte, mich wieder einmal erfolglos für meine Schwierigkeiten rechtfertigen zu müssen und auf kein Verständnis wegen meiner Einschränkungen zu stoßen. Statt dessen traf ich auf ein kompetentes, sehr gut informiertes und an meinem Wohl interessiertes Gegenüber – nochmals ein herzliches Danke an dieser Stelle. Zu Hause musste ich dann all die Informationen und Eindrücke erst einmal ein paar Tage lang sortieren. Ich stellte den Antrag auf Teilhabe am Arbeitsamt (berufliche Reha) bei der Rentenversicherung.

Aber eine Rente kann ich mir nicht vorstellen. Bei all meinen Qualifikationen und meiner akademischen Ausbildung muss es doch irgendwo einen Arbeitgeber geben, der meine fachlichen Fähigkeiten im Blick hat, statt sich auf die allseits geforderten Softskills und die „Team“passung – sprich der Fähigkeit, in der Kaffeeecke per Smalltalk zu netzwerken – zu fokussieren. Zugegeben, darin bin ich eher schlecht. Aber ich behaupte, dass ich keineswegs teamunfähig bin und auch nicht keine sozialen Kompetenzen habe. Ich kann und will arbeiten – allerdings kann ich mich nur innerhalb gewisser Grenzen im Büroalltag anpassen und ungünstige Rahmenbedingungen nicht längerfristig aushalten oder mich daran gewöhnen.

Ich bin einfach eine ganz normale, demnächst leider arbeitslose, mittlerweile auch deshalb depressive, hochfunktionale 52 jährige Autistin, die einen Platz in dieser für Autisten leider überwiegend unpassenden Arbeitswelt sucht.

Ich weiß nicht, wie es ab Juni beruflich für mich weitergehen soll. Im Moment bin ich noch krank geschrieben. Da das Krankengeld jedoch nicht so hoch ist wie mein bisheriges Arbeitsentgelt, fehlen jeden Monat ca. 30% meines bisherigen Einkommens in der Familienkasse. Das geht nicht lange gut. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was ich ab Juni tun werde und die Tatsache, dass meine Arbeitslosigkeit spätestens dann existenzbedrohend wird, wenn ich kein Krankengeld mehr erhalte und/oder nach einem Jahr Arbeitslosengeld überhaupt kein Geld mehr von irgendeiner Institution im sozialen Wohlfahrtsstaat, trägt ganz bestimmt nicht dazu bei, aus dem Depressionsloch zu kommen. Eine Perspektive muss her und das möglichst bald.


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Depression und Autismus

Das besonders Fiese an einer Depression ist, dass man nicht mehr so gut denken kann wie sonst. Zumindest ist das meine subjektives Empfinden. Daneben stören mich die schnelle Erschöpfbarkeit und der fehlende Antrieb. Immerhin haben die aber den Vorteil, dass man die mangelnde Denkfähigkeit nicht so mitbekommt, weil man nichts tut oder erledigt, und es einem vielleicht gar nicht auffällt.

Jetzt scheint es aber wohl bei mir so zu sein, dass ich mit einer mittel bis schweren Depression (sagt der Oberarzt) trotzdem Dinge erledigen kann, was nicht jedem Depressionskranken möglich ist. Ich habe es in den letzten zwei Wochen dann doch noch geschafft, mich aufzuraffen, eine Modulabschlussarbeit für mein Fernstudium zu schreiben. Und dabei konnte ich diese kognitiven Einschränkungen leider ziemlich gut beobachten. Gleichzeitig halfen mir die Fokussierung auf das Thema und das Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit  aus dem Depressionsloch herauszukommen. Arbeit hilft – es muss nicht nur körperliche Arbeit oder Sport sein. Allerdings war das Schreiben diesmal ein wirklich mühsames Unterfangen. Obwohl ich das Studium als mein Hobby bezeichnen würde und ich bisher sehr gerne studiert hatte. Ich hatte neben den großen Schwierigkeiten überhaupt anzufangen zu schreiben, ein riesen Problem mit logischem Denken. Als ich dann endlich Text verfasste, speicherte ich jeden Tag die neueste Version der Arbeit ab. So war es mir möglich, nachzuvollziehen wie gut oder besser gesagt schlecht meine Denkleistung war.

Und ich muss sagen: Es ist einfach nur frustrierend, sich beim „Nichtdenken-Können“ selbst zuzusehen. Es gab in den früheren Versionen keinen roter Faden, keine durchgängig schlüssige Argumentation und sehr sprunghafte Gedankengänge. Außerdem konnte ich kein stilsicheres Deutsch mehr, machte Grammatikfehler und mehr Rechtschreibfehler als sonst. Dadurch, dass ich im Lauf der zwei Wochen immer „wacher“ wurde, konnte ich das auch selbst bewerten. Zum Glück hatte ich Korrekturleserinnen, die mich auf all meine Fehler aufmerksam machten, so dass ich letzten Endes eine abgabereife Arbeit hatte.

Meine Folgerung: Eine Depression ist ein tückischer Zustand, in dem man sich am besten nicht mehr auf die eigene Denkleistung verlassen sollte. Wahrscheinlich wird das die schlechteste Note meiner Masterlaufbahn, aber egal. Hauptsache, ich habe es trotz Depression überhaupt geschafft, sie abzugeben, darüber bin ich sehr froh.

Ich klettere derweilen zwar langsam, aber stetig weiter aus meinem Loch. Und erledige ein Ding nach dem anderen – lieber schneckös als gar nicht.