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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


Ein Kommentar

Der Freitagabend-Radieschen-Vorfall

Freitagabend, mein Mann war mit dem Nachbarn unterwegs auf einer Veranstaltung. Ich gedachte, mir einen gemütlichen Filmabend zu machen. Dazu hatte ich mir eine Schüssel Salat vorbereitet und Brot getoastet. Dann passierte etwas, das mir in Nachhinein bewusst macht, wie wichtig es ist, achtsam zu essen. Ich verschluckte mich an einem halben Radieschen. Klingt banal, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, daran zu ersticken. Das Ding blieb in meiner Kehle stecken, so dass ich zuerst massiv würgen musste und keine Luft mehr bekam. Daraus entwickelte sich sehr schnell Panik.

Ich weiß nicht, warum das bei mir so ist, aber wenn wirklich schlimme Dinge passieren, dann teile ich mich auf, anders kann ich das nicht erklären. Es ist dann als wenn ich nochmal da wäre, neben mir stehend, die Situation beobachtend und das Kommando übernehmend. Mein funktionierendes Ich versuchte, mich vornübergebeugt soweit zu beruhigen, dass ich Atmen konnte, was nicht leicht war. Das Radieschen steckte fest, ich spürte sogar genau wo. Dummerweise ging der Versuch, es mit einem Schluck Bier herunter zu spülen, gründlich schief. Ein erneuter heftiger Würganfall, feuchtrasselnder Atem und Bier in den Nebenhöhlen war die Folge.

Eine Zeitlang versuchte ich, die Situation auszuhalten und einzuschätzen, ob ich es alleine hinbekomme. Mein Mann war ja nicht da, ich dachte darüber nach, mich ins Auto zu setzen, um ins Krankenhaus zu fahren, verwarf den Gedanken aber, weil jede Bewegung einen Würganfall zur Folge hatte. Es wurde nicht besser. Mein anderes Ich merkte an, dass Hilfe wohl doch notwendig sei und zwang mich dazu, mich würgend zum Festnetztelefon zu schleppen und die 112 einzutippen. Die Überlegung war, wenn ich doch noch einen Atemstillstand habe, dann können sie herausfinden, woher der Anruf kam. Mein Smartphone hätte ich in der Hosentasche gehabt, aber wir wohnen in einem Funkloch, eine Smartphone-Ortung ist eventuell nicht möglich. Reden konnte ich nicht, dann musste ich sofort würgen, flüstern ging stoßweise, immerhin bekam ich die Straße und den Wohnort heraus, dann war wieder Schluss. Die Stimme am Telefon sagte, dass sie jemanden vorbeischicken würden, ich solle die Haustüre öffnen. Erschien mir vernünftig, also tat ich das noch und griff mir auf dem Weg dorthin den Haustürschlüssel. Nach dieser Aktion hing ich wieder rasselnd um Atem ringend und würgend über der Spüle.

Eine gefühlte Ewigkeit später waren drei fremde Sanitäter in unserer Küche, einer hielt mich fest und redete auf mich ein, einer telefonierte wohl und der letzte warf bunte Taschen auf den Küchentisch. Das Festhalten war äußerst unangenehm, ich wand mich schwächlich, wurde aber auf einen Stuhl gedrückt und dann schlug mir jemand sehr kräftig mehrfach auf den Rücken, was überhaupt nichts brachte. Ich versuchte, auf meinen Hals deutend zu zeigen, was los war, krächzte „Radieschen“, bevor der nächste Würganfall kam, während der Sanitäter mir weiter auf den Rücken drosch.

Die drei Sanitäter unterhielten sich und diskutierten, dass es unmöglich ein Radieschen sein könne, die seien rund und würden nicht stecken bleiben, sie einigten sich darauf, dass ich mir mit dem getoasteten Brot die Speiseröhre verletzt hätte. Ich gab resigniert alle Kommunikationsversuche auf und versuchte, vornübergebeugt zu atmen und auf keinen Fall dem Schluckreflex nachzugeben und nicht zu würgen. Der eine Sanitäter hielt mich weiter fest und redete ständig auf mich ein, dass ich mich beruhigen solle.

Meine übrigens äußerst klaren Gedanken waren nicht besonders freundlich –  ich dachte wörtlich „und was meinst du, dass ich hier tue, verdammt nochmal holt doch bitte endlich einer das Ding aus meiner Kehle raus, das blockiert den Kehldeckel“. Die drei berieten, was mit mir zu tun wäre und kamen überein, mich ins Krankenhaus mitzunehmen. Was sie dann auch taten. Mein anderes Ich kümmerte sich noch darum, dass die Tür zugesperrt wurde. Wahrscheinlich war das auch ein Grund, dass sie meine Schmerzen und Beschwerden nicht so ernst nahmen, den Eindruck hatte ich nämlich – welcher ernsthaft Erkrankte kümmert sich noch ums Haustüre abschließen?

Zum Krankenwagen ging ich selbst, ich schüttelte den Arm ab, der mich halten wollte. Woraufhin der Sanitäter sagte: „Na gut, dann halt nicht“. Tat mir leid, dass ich ihm nicht erklären konnte, dass ich das nicht aushielt. Die Fahrt im Krankenwagen verbrachte ich vornübergebeugt mit Spucktüte in der Hand, hinten neben der Liege, nicht angeschnallt, abwechselnd würgend und keuchend. Irgendwie bugsierten sie mich in einem Rollstuhl vom Krankenwagen in die Notaufnahme, dort schoben sie mich in ein Zimmer, wo ich mich aufs Bett legen sollte, was nicht ging. Sie wollten ein EKG machen, was daran scheiterte, dass ich mich nicht zurücklegen konnte. Ich wusste, ich musste unbedingt vornübergebeugt sitzen bleiben, jede Bewegung führte dazu, dass das Radieschen meinen Kehldeckel reizte und ich den nächsten Würganfall bekam. Eine Krankenschwester schob mir eine Nierenschale unter den Kopf und zwei Papiertücher, ich versuchte ihr mitzuteilen, dass sie mir bitte mehr Tücher geben sollte, was nicht klappte. Ein Pfleger gab mir eine Tablette, von der er sagte, sie würde sich im Mund auflösen und riet mir, nicht zu würgen und nicht zu schlucken – ach ne, hatte ich auch schon bemerkt. Was die Tablette bewirken sollte, die sich zwar auflöste, aber logischerweise mit der Spucke aus meinem Mund herauslief, ich sollte ja nicht schlucken, verstand ich nicht. Später vergaß ich dann danach zu fragen. Ich war sehr frustriert, konnte aber nichts machen.

Alle Anwesenden verließen den Raum, ich hörte noch, die Atemwege sind soweit frei, wir lassen sie jetzt in Ruhe. Die nächsten zweieinhalb Stunden passierte nichts weiter, als dass zweimal jemand ins Zimmer kam, um das EKG zu machen, was nicht funktionierte, weil ich mich wirklich nicht bewegen konnte. Außerdem hörte ich von draußen gruselige Geräusche und jemand schrie immer mal wieder. Das irritierte mich ziemlich und machte mir auch Angst. Inzwischen war die Nierenschale am Überschwappen und die zwei Papiertücher watschelnass. Nach der ganzen Zeit, in der ich gelernt hatte, nicht zu schlucken, inzwischen aber wegen der bewegungslosen, sehr unbequemen Haltung am ganzen Körper zitterte und zutiefst erschöpft war, regte sich Wut in mir. Ich hatte zwar riesige Angst vor den Schmerzen, aber ich drückte den Schwesternrufknopf, wofür ich mich leider bewegen musste. Das Ergebnis war der vorhersehbare nächste Würganfall. Währenddessen eine Schwester und eine Ärztin hereingekommen waren. Und dann kam nach dem bisher schlimmsten Würgen endlich auch das bisschen Salat hervor, das ich vor dem Verschlucken gegessen hatte, und mit einem deutlichen Ploppen dazu das halbe Radieschen.

Meine erste Reaktion war ein krächzendes, sehr wütendes aber auch sehr erleichtertes „Und ich hatte doch recht“. Die Ärztin meinte dann zu mir, ja, ich hätte recht gehabt, aber sie hätten nichts machen können. Die Gefahr, dass ich beim mir in den Hals schauen gewürgt hätte, was dann in die Lunge geraten wäre, sei zu groß gewesen. Ich dachte: Na toll, warum hatte mit mir keiner gesprochen und mir die Sachlage erklärt, das hätte die vergangenen Stunden sehr viel einfacher für mich gemacht. Die Ärztin meinte noch, der Oberarzt sei bereits informiert worden, der hätte mir morgen früh mit einer Magenspiegelung geholfen. Ich verstand nicht, weshalb ich die Schmerzen im Hals noch die ganze Nacht aushalten hätte sollen. Aber ich dachte zu lange darüber nach, wie ich danach fragen sollte, so dass sich keine Gelegenheit mehr für die Frage bot. Die Ärztin sagte währenddessen einen scheinbar geplanten Röntgentermin ab. Die Schwester meinte, ich solle über Nacht bleiben, um das EKG noch zu machen und zu schauen, ob alles in Ordnung sei.

Als beide aus dem Zimmer verschwunden waren, beschloss ich, meinen Mann anzurufen und ihn zu bitten, mich abzuholen. Erklären musste ich am Telefon nichts, dafür kennt mich mein Mann zu gut. Ich machte das Licht aus, schloss die Tür, legte mich aufs Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Eine halbe Stunde später holte mein Mann mich dort ab. Ich hatte gehofft, keinem Menschen auf dem Flur zu begegnen, aber der Pfleger kam aus einem Zimmer und sprach uns an. Notgedrungen sagte ich zu ihm das erste, was mir einfiel: Dass ich recht gehabt hätte. Er meinte, sie hätten mir geglaubt, aber seien beruhigt gewesen, weil ich atmen konnte. Und weiter habe man erst einmal nichts machen können. Im Weggehen fiel mir zum Glück noch ein, mich zu bedanken.

Dann fuhr mich mein Mann heim, wo ich sofort ins Bett ging. Am nächsten Morgen fühlte ich mich überhaupt nicht erholt, sondern wie erschlagen – was wahrscheinlich an der Kombination Würgen plus wirklich kräftige Schläge auf den Rücken plus Panik plus Nachwirkungen der Überlastungssituation im Krankenhaus lag. Ich war zu nichts fähig, mein Mann meinte zwar, bevor er in seiner Werkstatt verschwand, ich könnte den Filmabend nachholen, das schaffte ich aber nicht. Den halben Samstag verschlief ich auf dem Sofa. Trinken war nur eingeschränkt möglich, essen gar nicht, was mir aber auch egal war, mir war die Lust aufs Essen gründlich vergangen. Heute konnte ich immerhin schon den obligatorischen Cappuccino einigermaßen schlucken und mich an den PC setzen, um schreibend den Vorfall in meinen Gedanken zu ordnen. Jetzt ist meine Energie aber schon wieder aufgebraucht. Ich schätze, es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich mich von dem Erlebnis erholt habe. Und es wird wahrscheinlich noch länger dauern, bevor ich mich wieder traue, etwas Hartes zu essen.

Erkenntnisse aus dem Freitagabend-Radieschen-Vorfall: Beim Essen sollte ich gründlich kauen und mich vor allem bewusst auf das Essen konzentrieren, nicht nebenbei etwas anderes machen. Wenn notwendig, dann greife ich sogar freiwillig zum Telefon. Ich kann sehr gut abschätzen, was in meinem Körper nicht stimmt. Gelingende Kommunikation ist und bleibt schwierig. Es wäre schön, wenn Rettungssanitäter und Ärzte mir als Patientin erklären würden, was sie tun und warum sie es tun. Radieschen können verflixt ungesund sein.

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TKSI – Emotionserkennung-Update

Mittlerweile trainiere ich seit einigen Wochen mit Hilfe einer Trainings-Software (SCOTT) das Erkennen von Emotionen. Inzwischen habe ich bei allen drei Spielen das Level 3 erreicht. In einem vorherigen Blogbeitrag hatte ich mich über vermeintliche Bugs im Programm ausgelassen.

In der vergangenen Woche ist mir aufgefallen, dass ich mich geirrt habe. Ziemlich peinlich, das hier schreiben zu müssen, aber ich habe scheinbar die Anleitung bei dem Spiel Stimme zu Gesicht und Emotion zuordnen falsch verstanden. Immer noch fällt mir dieses Spiel am Schwersten. Letzte Woche hatte ich dann ein Aha-Erlebnis: Es kommt gar nicht auf den Inhalt des Gesagten an – die Anleitung stimmt insofern, als dass man den Inhalt sogar aktiv ausblenden muss, weil die Lösung sonst zu absurd ist. Einzig wichtig für die korrekte Lösung sind Mimik und Tonfall der Stimme, der Inhalt ist teilweise sogar irreführend. Ich komme mir jetzt ziemlich doof vor, weil ich Wochen dafür gebraucht habe, die Erkenntnis, dass Tonfall, Inhalt und Mimik nicht zusammenpassen, auch tatsächlich umzusetzen und zu begreifen, was das für die richtige Lösung bedeutet. Und weil ich die Spielanweisung, man soll den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen so gründlich missverstanden habe. Ich dachte bei Stimme nur an den Inhalt des Gesagten. Auch jetzt fällt es mir unglaublich schwer, den Inhalt auszublenden. Es ist und bleibt komisch, wenn der korrekte Emotionsbegriff zu dem Satz: „Die Wohnung liegt im zweiten Stock und hat einen Aufzug“ wehmütig ist.

Beim Gesichter Puzzle habe ich es inzwischen geschafft, die 5400 Punktehürde zu meistern. Allerdings nicht, weil ich mich tatsächlich darin verbesserte, die Mimik zu erkennen. Nach fortwährendem Frustrationserleben stand ich vor der Entscheidung, aufzugeben und zu akzeptieren, dass ich hier scheinbar nicht weiter lernfähig bin oder eine andere Lösung zu finden. Also schaute ich mir die jeweiligen Gesichtsober- und -unterteile nochmals genauer an. Sie unterschieden sich beispielsweise in der Ausleuchtung und damit in der Gesichtsfarbe. Falls das nicht der Fall war, behalf ich mir mit dem Vergleich, wieviel vom Ohrläppchen zu sehen war oder wie die Kopfneigung der jeweiligen Sequenz verlief. So war es relativ einfach, die passenden Einzelteile zusammenzusetzen. Das hat natürlich überhaupt nichts mit Emotionserkennung zu tun.

Auf der Bestenliste rangiere ich immer noch nur im Mittelfeld. Scheinbar habe ich wieder die Grenze meiner derzeitigen Fähigkeiten erreicht. Auch bei den Filmsequenzen erreiche ich keine höhere Punktzahl mehr. Im Moment bin ratlos und weiß nicht, was ich noch tun kann außer wieder und wieder zunehmend frustriert die Spiele auf Level 3 zu spielen und zu hoffen, dass ich nochmals eine Eingebung haben werde oder es doch noch zu einer Verbesserung meiner Fähigkeiten durch die Übung kommt.

Manchmal kann ich mir ein Lachen während der eineinhalb Stunden KTT (kognitive Testung und Training) einfach nicht verkneifen, weil die richtigen Lösungen in meinem Augen seltsam bzw. absurd erscheinen. Gleichzeitig bin ich traurig, weil mir durch das Training sehr deutlich vor Augen geführt wird, wo genau ein Teil meiner Defizite liegt. Einesteils freue ich mich darüber, endlich zu wissen, woran es liegt, dass sich fortwährend kommunikative Missverständnisse durch mein Leben ziehen. Aber ich vermisse andernteils auch den selbstzufriedenen Zustand der Unwissenheit vor der Diagnose. Es war so viel einfacher davon auszugehen, meine Mitmenschen verstünden mich deshalb nicht, weil sie größtenteils anscheinend begriffstutzig sind und nicht genau hinhören. Die Erkenntnis, dass nicht meine Mitmenschen doofer als ich sind, sondern es gerade umgekehrt ist, mir wegen meiner Defizite in der Wahrnehmung nonverbaler Kommunikation wichtige Informationen fehlen, die sie haben, ist immer noch bitter.


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil2

Nach Anlaufschwierigkeiten, weil er sich bei mir per E-Mail meldete, weil er mich telefonisch nie erreichen könne, woraufhin ich einen festen Telefontermin mit ihm vereinbarte und mein Smartphone einschaltete, er aber nicht anrief, hatte ich dann doch noch im Urlaub Kontakt zu einem vielversprechend klingenden Therapeuten. Er hatte mit mir bereits schriftlich abgeklärt, dass Asperger für ihn kein Hinderungsgrund sei. In einem ruhigen Telefonat erklärte er mir sowohl die Anfahrtsmöglichkeiten zu seiner am Wasser gelegenen Praxis als auch detailliert das geplante Prozedere für das Erstgespräch.

Ich erschien also eine Stunde vor dem vereinbarten Termin, um im Wartezimmer bei gedämpftem Licht und entspannter Ruhe auf seinem Tablet verschiedene Tests auszufüllen, die sofort ausgewertet wurden. Das empfand ich als professionelles Vorgehen. Der Therapeut war erfreulich technikaffin. Nur eine leise schnurrende Perserkatze leistete mir beim Ausfüllen Gesellschaft. Als er nach einer Stunde wie abgesprochen kam, um mir das Tablet abzunehmen, konnte er nicht glauben, dass ich alle Tests bearbeitet hatte. Er sagte, das habe bisher noch nie jemand bei ihm geschafft. Es erstaune ihn ungemein. Ich wunderte mich, er hatte gesagt, ich solle die Tests so weit ausfüllen, wie ich kommen würde, also hatte ich das getan. Es handelte sich unter anderem um ein Depressionsinventar, einen Fragebogen zur Abklärung von Psychosen oder Schizophrenie, Fragen zu potentiellen anderen physischen Erkrankungen, mein Krankheitserleben, usw. In meinen Augen waren es zehn umfassende, zumindest soweit sie mir bekannt waren, valide Fragebögen, das Ganze wirkte wirklich gut organisiert.

Er bat mich in sein riesiges, geschmackvoll eingerichtetes Therapiezimmer mit wenigen, ausgesuchten, massiven, zeitlosen, hochwertigen Echtholzmöbeln. Dort ging er kurz die Auswertungen der Fragebögen durch, bevor er zu mir sagte: „Suchen Sie sich einen Platz aus“. Er hatte insgesamt vier Sitzmöglichkeiten, eine davon an seinem Schreibtisch, der Rest locker um einen Couchtisch gruppiert, eine war ein wunderschöner Funktionsstuhl, der mir sofort aufgefallen war, weil er interessant aussah. Ich setzte mich auf besagten Stuhl, woraufhin er meinte: „Aber nicht diesen, das ist meiner“. Aha, kann ich ja nicht wissen, ich meinte, dann müsse er das halt vorher sagen. Er hatte mich dann trotzdem dort sitzen lassen, nachdem er mir die unterschiedlichen Funktionen des Stuhls und mögliche Sitz-, Schaukel und Liegepositionen vorführte. Wir unterhielten uns eine Stunden lang meinem Empfinden nach angenehm miteinander. Nur, damit er mir danach sagte, dass

  • es ihn sehr gestört habe, dass ich „motorisch unruhig“ gewesen sei. Ich dachte bei mir, dass ein Stuhl, der explizit für nichtstatisches, gesundes Sitzen gebaut ist und dessen Funktionsweise er mir ausführlich erklärt und vorgeführt hatte, auch so genutzt werden sollte. Worin ich mich anscheinend getäuscht hatte. Ich zog zu seinen Gunsten in Erwägung, etwas falsch verstanden zu haben.
  • er Verhaltenstherapie in meinem komplexen Fall nicht für das Mittel der Wahl hielte, er würde eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie für zielführender halten. Auf meine Einwände, dass laut der Literatur, die ich dazu gelesen hätte, bei Autismus Tiefenpsychologie eher nicht helfe, und die Testpsychologin mir ausdrücklich zu Verhaltenstherapie geraten habe, ging er nicht ein.
  • er selbst sich bei all seiner Erfahrung eine Therapie mit mir nicht zutraue. Er, obwohl er offen sei, seltsamerweise zu mir keinen Zugang bekäme, keine Passung sähe, es läge nicht an mir, er wolle mich nicht enttäuschen. Woraufhin ich irritiert erwiderte, ich hätte ja noch gar keine Beziehung zu ihm, insofern enttäusche er mich nicht, darum ginge es doch gar nicht, aber ich würde gern verstehen, weshalb er sich eine Therapie mit mir nicht zutraue.
  • er meine, ich würde unbedingt eine Therapie brauchen, da wäre so viel, er überblicke das gar nicht alles. Ich fragte verunsichert nach, ob er mit „komplexer Fall“, schwieriger, wenig erfolgversprechender Fall meine. Was er verneinte und mich nachdrücklich darauf hinwies, ich könne mich an die Institutsambulanz im BKH wenden oder beim Krisendienst Horizont kurzfristige kompetente Hilfe erhalten, ob er mir die Adressen ausdrucken solle?

Ich erwiderte, dass ich von eben dieser Institutsambulanz die Diagnose erhalten hätte, was aus den von ihm vorab verlangten und ihm von mir auch zugesendeten Arztberichten hervorgehen würde. Außerdem sagte ich ihm, dass Horizont meines Wissens eine Stelle sei, bei der man Hilfe im Fall von Suizidabsichten erhalten würde, danke, die Adressen hätte ich beide bereits, das wäre für den Erhalt eines Therapieplatzes aber für mich eher nicht zielführend.

Ich fragte ihn, ob es eventuell doch an der Autismus-Diagnose läge, was er ebenfalls verneinte, er habe keine Schwierigkeiten mit dieser Thematik. Ich fragte, ob es daran läge, dass ich in seiner Testbatterie auf jede Frage, die irgendwie in spirituelle Richtung ging, mit Nichtzustimmung geantwortet hätte, was ihm, wie ich mich erinnerte, bei der Auswertung bereits aufgefallen sei. Ich mich jedoch auch daran erinnern würde, dass im Wartezimmer ein Buch über Zen, Achtsamkeit, und in meinen Augen eher esoterischen Dingen, wie Familienaufstellen mit ihm als Mitautor läge. Ob es da eventuell einen Zusammenhang geben könne. Was er wortreich verneinte. Ich fragte, ob ich es so zusammenfassen könne, dass er mich einfach nicht verstünde. Was er bejahte. Ich bin daraufhin mit den Worten gegangen: „Da sind Sie nicht der erste, das begleitet mich schon mein Leben lang und ist ja eben genau eines der Grundprobleme, das ich ihnen auch mehrfach in der letzten Stunde geschildert hatte. Schade wegen des schönen Stuhls“.

Ich war zuallererst ziemlich ungehalten, weil ich viel Zeit und Energie investiert hatte. Außerdem hatte ich mir während der Stunde bereits vorgestellt, wie schön es werden würde, diesen Stuhl in diesem ruhigen Raum, in dem ich mich wohl fühlte, öfter nutzen zu dürfen. Nach der intensiven, mehrtägigen Reflexion des Gesprächs war ich anschließend verunsichert. Ein ein erfahrener Therapeut hatte mich nicht verstanden und eine Behandlung abgelehnt, gleichzeitig aber gemeint, ich bräuchte unbedingt einen Therapieplatz, und das langfristig, am besten gleich eine komplette Psychoanalyse. Was, wenn er recht hätte?


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Krank durch Büroarbeit – kann das tatsächlich sein?

Im Büro kam es zu einer eskalierenden Diskussion mit einer Kollegin, die mir vorwarf, eine kooperative Zusammenarbeit sei mit mir wegen meiner Verschlossenheit und meines unmöglichen Sozialverhaltens nicht möglich. Ich fühlte mich in der Sache ungerecht behandelt. Das einzige, was ich meiner Ansicht nach in der Arbeit und auch in dieser Diskussion gezeigt hatte, war mein ganz normales Verhalten. Ich war schon immer introvertiert und beobachtete neue Situationen und Menschen erst einmal, bevor ich mit den Menschen interagierte. Außerdem löse ich Probleme grundsätzlich alleine, bitte selten um Hilfe und lerne seit jeher autodidaktisch. Ich hatte immer schon Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und insbesondere in Gruppen. Ich hatte leider auch schon immer ein besonderes Talent, undiplomatisch zu sein oder Dinge laut zu sagen, die man besser nicht nicht ausspricht. Ich war bereits als Kind stur, hatte oft Wutanfälle und meine Mutter ermahnt mich bis heute wegen meines offenbar häufig aggressiven Tonfalls, den ich selbst aber nicht so wahrnehme. Ich hatte mehrfach die Rückmeldung erhalten, zu offensiv in Diskussionen aufzutreten und arrogant zu sein, obwohl ich mich selbst als defensiv und selbstunsicher beschreiben würde. Ich verstand nicht, woher diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung kam. Dies alles bedenkend, verbuchte ich die Auseinandersetzung mit der Kollegin auf meiner langen Erfahrungsliste als weiteren fehlgeschlagenen Kommunikationsversuch.

In der nächsten Zeit bemühte ich mich, offener auf die Kollegen zuzugehen und mich zu unterhalten. Ich nahm an gemeinsamen Mittagspausen teil, obwohl ich überwiegend stumm am Rand saß, nicht wissend und unsicher, was ich beitragen sollte. Anschließend benötigte ich zurückgezogen in meinem Büro jedesmal eine längere Erholungspause von den mit Kollegen verbrachten Mittagspausen. Ich litt unter der Absurdität des Ganzen und darunter, dass sich meine unproduktiven Zeiten im Büro proportional zu meiner Angst vermehrten.

Ich begann Angst davor zu haben, wenn die Türe zu meinem Büro aufging und ich musste zunehmend dagegen ankämpfen, weinend aus der Arbeit zu fliehen. Ich war trotz Teilzeitstelle nach jedem Arbeitstag so erschöpft, dass ich zu Hause nur noch auf dem Sofa zusammenbrach. Ich litt neben meiner gestiegenen Geräuschempfindlichkeit zusätzlich unter einem Tinnitus. Ich hatte Rücken- und heftige Kopfschmerzen, ich vermutete Bandscheibenprobleme, aber eine fachärztliche Abklärung ergab außer massiven Muskelverspannungen keinen Befund. Seit Jahren trug ich nachts eine Schiene wegen meines Zähneknirschens, innerhalb eines halben Jahres hatte ich zur Verwunderung meiner Zahnärztin diese Schiene zweimal durchgeknirscht. Ich bekam zusätzlich zunehmend Magenschmerzen und Magen- Darmprobleme, seit Beginn der Angstsymptome hatte ich mehr als 20 Kilo abgenommen und ich hatte Angst, dass ich erneut eine Essstörung entwickelt haben könnte.  Ich ließ alle denkbaren Ursachen meiner Beschwerden bei diversen Fachärzten abklären, heraus kam, dass ich körperlich nicht ernsthaft erkrankt war.

Ich versuchte, eine plausible Erklärung dafür zu finden, weshalb ich anscheinend seltsamerweise jedesmal krank wurde, wenn ich eine Arbeitsstelle hatte.  Ich versuchte erfolglos, mir selbst, meinem Hausarzt und meinen nächsten Familienangehörigen zu erklären, weshalb ich einen gewöhnlichen Büroalltag als so ungemein belastend erlebte, dass ich Angst hatte, irgendwann in naher Zukunft gar nicht mehr funktionieren zu können. Mir war klar, dass mit mir psychisch etwas ganz und gar nicht stimmte. Mich wieder einmal in psychologisch versierte Hände zu begeben, schien unausweichlich, respektive alternativlos.


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Psychotherapieresistenz? – oder die Geschichte von der Kunst, den passenden Therapeuten zu finden #Teil4

Nach acht Jahren Arbeit in einem Büro mit einer allmählichen Steigerung der Arbeitszeit von acht auf letztlich fünfzehn Wochenstunden, einer Steigerung der Arbeitnehmerzahl von einer (mir) auf drei Mitarbeiter und einer Steigerung der Diskussionen um meine soziale Kompetenz von wenig auf die Behauptung, ich hätte überhaupt keine, bekam ich Anfang 2015 überraschend und unverhofft ein Angebot für eine andere Büroarbeitsstelle. Mein Hausarzt hatte mir seit längerem geraten, mir eine neue Arbeit zu suchen, ich war immer öfter krank und hatte seit zwei Jahren Schlafstörungen. Trotz der mich mittlerweile sehr belastenden Situation im Büro nahm ich dieses Angebot erst nach längerem Zögern an.

Wegen fehlender Parkmöglichkeiten am neuen Arbeitsort war mein gewohnter Weg in die Arbeit mit dem Auto nicht mehr möglich. Ich fuhr deshalb fortan mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu der neuen Arbeitsstelle mit 20 Stunden Wochenarbeitszeit und 11 Mitarbeitern. Ich hatte nach ein paar Wochen zusätzlich zu den massiver werdenden Schlafstörungen für mich neue und mir unerklärliche Panikattacken, weshalb ich zu meiner ehemaligen Gesprächstherapeutin Kontakt aufnehmen wollte. Nach einem mich verunsichernden Telefonanruf, bei dem eine Stimme behauptete, diese Nummer sei nicht vergeben, ergab eine Google-Recherche auf der vierten Seite dann endlich die Information, sie sei 2014 verstorben – woraufhin ich eine so heftige Panikattacke hatte, dass ich umgehend zu einer Arztpraxis mit angegliedertem Psychologen flüchtete, der mich zu einer Neurologin weiterverwies. Dort hatte ich Weinkrämpfe und versuchte, zu erklären, warum ich Angst hatte, nicht mehr zu funktionieren. Das Ergebnis war, dass sie mich wegen Selbstgefährdung zur Sicherheit ins nächstgelegene BKH einweisen wollte. Was mich in noch größere Panik versetzte. Mein Versuch, zu argumentieren, ich sei nicht selbstgefährdet, darum ginge es doch gar nicht, ich sein im Übrigen mit meinem eigenen Auto in die Praxis gefahren und es sei schon deshalb völlig unmöglich, sofort in ein Krankenhaus zu gehen, ich müsse erst mein Auto nach Hause bringen, brachte sie nicht von ihrem Entschluß ab. Unfähig zu weiterer Kommunikation bat ich darum, meinen Mann zu verständigen. Er sammelte mich dort ein und wir fuhren mit zwei Autos nach Hause. Am nächsten Tag brachte er mich zu unserem Hausarzt und erklärte ihm die Situation. Ich war nach wie vor nicht in der Lage zu kommunizieren und einfach nur froh, dass mein Mann das für mich übernommen hatte. Mein Hausarzt war nicht der Meinung, dass ich in einem BKH gut aufgehoben wäre. Er schrieb mich erst einmal drei Wochen lang krank.

Mein Mann nahm sehr kurzfristig noch am selben Tag Urlaub und packte mich in unser Wohnmobil. Er hatte vom Hausarzt dieselben Beruhigungsmittel, die ich vor Jahren bereits genommen hatte, plus ein Antidepressivum für mich mitbekommen. 300 km weit weg von meiner Panik, an einem ruhigen Stellplatz am von mir so geliebten Wasser, las ich die Beipackzettel komplett durch, besprach anschließend mit meinem Mann, lieber noch bis zum Morgen mit der Medikamenteneinnahme zu warten – und hatte während dieser paar Tage fortan keinerlei Beschwerden. Gut ausgeschlafen wieder zu Hause, begleitete mich mein Mann wieder zum Hausarzt und erklärte ihm, dass wir beschlossen hatten, es ohne Medikamente zu versuchen. Er übernahm jegliche Kommunikation nach außen für mich und verhinderte, dass irgend jemand zu mir Kontakt aufnehmen konnte. Während der Zeit allein zu Hause ging es mir bis auf die Schlafstörungen gut. Ich verdrängte die aufkommenden Gedanken darüber, dass meine Arbeit der Grund für die Panik und meine sonstigen gesundheitlichen Probleme sein könnte.

Nach der Krankschreibung kämpfte ich in der Folgezeit in der Arbeit von Wochenende zu Wochenende gegen einen erneuten Zusammenbruch. In regelmäßigen Abständen nahm ich Kurzurlaube und nutzte die Feiertage, um mehrere Tage am Stück frei zu haben und mich so weit zu erholen, dass ich überhaupt wieder in die Arbeit gehen konnte. Mir war erschreckend bewusst, dass mich diese Strategie nur so lange retten würde, bis mein Urlaub aufgebraucht war.

Der Hausarzt vermittelte mir kurzfristig einen Termin bei einer Verhaltenstherapeutin, die mich nach dem Erstgespräch fragte, wie ich den Termin empfunden hätte. Ich verstand nicht, was sie genau von mir wissen wollte? Es war anstrengend für mich, ich hatte ihr eine Stunde lang monologisierend und immer mehr in Einzelheiten gehend meine Lebensgeschichte erzählt, wozu sie mich mit den einleitenden Worten „Erzählen sie mal, was Sie herführt“ aufgefordert hatte. Ihre Reaktionen während meines Berichtes erschöpften sich in diversen Oh Gotts, der Bemerkung, ich könne ein Buch über mein Leben schreiben und der rätselhaften Aussage, sie verstünde ihre therapeutische Funktion als Katalysator, wie Gold oder Platin. Sie sagte mir zum Abschied, ich solle das Gespräch erst einmal sitzen lassen und gründlich darüber schlafen, sie werde das ebenfalls tun. Einen weiteren Termin könne ich dann per Mail vereinbaren. Nach drei Tagen schrieb ich ihr eine Mail, in der ich fragte, ob dreimal schlafen in ihren Augen gründlich genug sei. Und ich fragte nach, ob sie sich als positiven oder negativen Katalysator verstünde, weshalb sie ausgerechnet Gold oder Platin gewählt habe und ob sie tatsächlich davon überzeugt sei, dass sie sich durch den Kontakt zu ihren Patienten nicht verändern würde. Falls ja, wäre ich sehr interessiert daran, ihre Methode der Abgrenzung zu lernen. Außerdem bat ich sie um einen weiteren Termin.

Mehrere Wochen später antwortete die Therapeutin mir per Mail mit einer Absage, die mich in einem weiteren Kurzurlaub unvermutet traf, keine meiner Nachfragen beantwortete und meine Motivation, mich um einen Therapieplatz zu bemühen, erst einmal auf Null reduzierte. Meine Angstsymptome in der Arbeit verschwanden jedoch nicht, ich hatte, wie gewohnt, weiter Schwierigkeiten mit Kollegen. Ungewohnt war nur die Menge an Kollegen und damit stieg auch die Menge an Schwierigkeiten. Ich glaubte, mich in einer Zeitschleife zu befinden, weil sich augenscheinlich meine sozialen Probleme in und mit Teams aus meiner Schulzeit und der Zeit an der Universität wiederholten. Es kam zu eklatanten Missverständnissen und ich begann, zunehmend Fehler in der Arbeit zu machen.


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Barrierefreiheit sieht anders aus

Vorgestern nahm ich an einem Gesprächsabend teil. Anlass war ein Besuch von der Vorsitzenden des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V. in der Beratungs- und Koordinierungsstelle für die Oberpfalz beim Netzwerk Autismus in Regensburg.  Ziel der Veranstaltung war es, „Anliegen an den Bundesverband zu äußern und in einen fruchtbaren Diskurs zu gehen“ (Einladung des Netzwerk Autismus vom 17.11.2016).

Anwesend waren zehn Personen, die zweieinhalb Stunden in einem ruhigen Raum eine Gesprächsrunde im Wortsinn bildeten. Nach meinem Kenntnisstand waren drei Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung da. Den überwiegenden Gesprächsanteil bestritt die Vorsitzende des Bundesverbandes, die gut vernehmbar und deutlich sprach. Soweit, so gut, möchte man meinen. Allerdings keineswegs barrierefrei. Zumindest nicht aus der Sicht eines Autisten. Die folgenden Zeilen geben meine eigene persönliche und subjektive Wahrnehmung wieder. Es geht mir nicht darum, meinen eigenen Autismus zu verallgemeinern. 

Ich hatte mir nach diesem Gesprächsabend Gedanken gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht sinnvoll sein könnte, meine Innensicht mitzuteilen. Und zwar auch Menschen, die sich bereits langjährig mit Autismus beschäftigen, sich für Autisten einsetzen, sie unterstützen und bei einem solchen Gesprächsabend sogar versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Diese Formulierung drückt aus, dass dies nicht wirklich gut funktioniert hat. Den überwiegenden Teil des Abends wurde meiner Ansicht nach über Autisten gesprochen. Die Gelegenheiten, mit den Autisten selbst zu sprechen, waren spärlich gesät. Von deren Seite kamen aktiv nur fünf eher kurze Gesprächsbeiträge.

Einmal ging es darum, ob der Bundesverband die örtliche Selbsthilfe finanziell unterstützen könnte. Kann er nicht. Einmal handelte es sich um eine Bemerkung, weshalb sich Autisten immer an die Nichtautisten anpassen müssten. Dies führte zwar zu einer kurzen Pause in der Runde, es wurde jedoch nicht auf diese Bemerkung eingegangen. Einmal ging es um die Nachfrage, weshalb man dem Bundespräsidenten nicht schreiben könne, dass er sich gegen das Bundesteilhabegesetz aussprechen solle. Das Ergebnis war, dass der nachfragende Autistin vorgeschlagen wurde, selbst einen Brief an den Bundespräsidenten zu schreiben, weil ihre Stimme wie die von 80.000 Bürgern zähle. Und einmal wurde nachgefragt, ob tatsächlich Kaffee serviert wurde. Die Antwort war nein, dies sei nur ein Beispiel für sozial erwünschtes Verhalten gewesen. Ein weiteres Mal wandte ich beim überraschend von der Vorsitzenden des Bundesverbandes selbst angesprochenen Thema ABA ein, dass es wenige Studien zu dieser Therapie gäbe und dass sich bereits einige Autisten, die mit ABA behandelt worden waren, negativ dazu geäußert hätten. Das Thema wurde nicht weiter vertieft.

Die Vorsitzende fragte nach zweieinviertel Stunden explizit nach, ob die anwesenden Betroffenen nicht selbst etwas beitragen wollen würden. Ich fragte reaktiv zurück, welche konkreten Fragen ich beantworten solle. Sie erkundigte sich danach, wie ich die Schulzeit erlebt hätte. Ich erzählte kurz von meinen eigenen Erfahrungen als Autistin und als Mutter eines Autisten. Sie fragte mich, was ich beruflich machen würde. Ich riss nach der Aufzählung meiner beruflichen Tätigkeit und dem Stand meines Studiums in diesem Zusammenhang derzeitige Problemfelder an. Die mich seit einem Jahr vom Netzwerk Autismus unterstützende Person nannte mir jemanden, an den ich mich wegen weiterer Unterstützung wenden könne. Ich bedankte mich. Das, was die Autistin, die nach mir von der Vorsitzenden direkt angesprochen wurde sagte, bekam ich leider nicht mehr richtig mit. Am Ende der Veranstaltung verließ eine Autistin fluchtartig den Raum, die andere und ich verabredeten noch Termine, unterhielten uns bei der Verabschiedung kurz mit einzelnen anderen Teilnehmern und gingen dann nach draußen, wo wir uns noch über die Veranstaltung austauschten.

Dazu ließe sich sagen: Selbst schuld, die Autisten hätten ausreichend Gelegenheiten gehabt, sich zu äußern. Dafür, dass auf den einen Beitrag niemand einging, kann die zeitliche Asynchronität des Redebeitrages oder die verwendeten Bezeichnungen für Autisten (Marsianer) und Nichtautisten (Erdlinge) verantwortlich gewesen sein. Aber – und hier sehe ich Barrieren  – genau hier zeigten sich Kernprobleme der Kommunikation. Weshalb fragte eigentlich keiner nach? Warum ging niemand auf den Gesprächsbeitrag ein? Von einem Autisten ist eher nicht zu erwarten, dass er in der Gesprächssituation selbst rechtzeitig dazu fähig ist, zu erkennen, dass ihn vielleicht niemand verstanden hat. Auch eine Korrektur seiner Wortwahl oder eventuell ein weiteres Mal nachzuhaken, ist ihm in einer solchen Situation, soweit ich es verstanden habe, gerade wegen des Autismus zeitnah wohl schwer bis nicht möglich.

Barrieren, die mir immer und immer wieder begegnen, sind der unterschiedlich wahrgenommene Zeitfaktor und mich belastende Rahmenbedingungen. In einer solchen Gesprächsrunde, die aus lauter Teilnehmern besteht, die viel Erfahrung mit Autismus haben, erhoffe ich mir als Autistin, dass ich mich nicht an die Geschwindigkeit anpassen muss, die Gespräche haben, die unter Nichtautisten üblich ist. Mal ganz abgesehen davon, dass ich das gar nicht kann. Und ich erhoffe mir, dass die Rahmenbedingungen für mich erträglich sind. Barrieren gibt es für mich nämlich viele.

Ich habe es so erlebt: Nach einem für mich trotz Teilzeit belastenden Arbeitstag bin ich abends noch auf eine Veranstaltung gegangen. Ich hatte mich inhaltlich nicht konkret vorbereiten können, ich hatte zwar die Inhalte der Seiten des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V. im Internet gelesen und wusste oberflächlich über die Kontroverse zu ABA Bescheid, weil ich auf diversen Blogs und in Foren einiges dazu gelesen hatte. Aber da es keine TOP Liste gab, wusste ich nicht darüber Bescheid, welche Inhalte mich erwarten würden. Ich kannte den Raum, in dem die Veranstaltung stattfand. Allerdings sah es anders als sonst darin aus, weil die Stühle zu einem Stuhlkreis zusammengestellt waren. Ich kannte drei der Teilnehmer bereits persönlich. Aber ich saß nicht neben ihnen. Direkt rechts und links von mir befanden sich zwei mir Unbekannte. Ich war tatsächlich nicht darauf gefasst, dass jemand sich mit Fragen direkt an mich wenden würde. Ich konnte mich schwer fokussieren, weil ich im Verlauf des Abends bereits kumulativ belastet wurde.

Zu dem Zeitpunkt, an dem die Vorsitzende mich ansprach, war ich durch folgende Punkte überlastet: Ich musste meine Angst überwinden, vor einer Gruppe zu sprechen. Die Runde dauerte bereits zu lange, ich hatte mich stark konzentriert, um den Gesprächen folgen zu können. Ich musste Gesprächsbeiträge mit für mich redundanten und obsoleten Inhalten von denen mit konstruktiven Sachinhalten trennen. Ich war konsterniert, weil ich außer der Vereinbarung, dass eine Autistin an den Bundespräsidenten einen Brief schreiben sollte, eigentlich keine konkreten Ergebnisse erkennen konnte. Ich war irritiert, weil ich nicht verstand, weshalb die Vorsitzende sich mehrmals für mich ohne erkennbaren inhaltlichen Zusammenhang auf den Schal fokussierte, den die Autistin neben ihr trug und weil sie diese ohne Vorwarnung berührt und an dem Schal gezupft hatte.

Dazu kamen die sensorischen Belastungen: Im Verlauf hatten sich Teilnehmer zwischendrin untereinander unterhalten, die Wanduhr tickte und ein Telefon hatte geklingelt. Die Geräuschkulisse hatte es mir so jedesmal erschwert, die gerade offiziell sprechenden Teilnehmer akustisch zu verstehen. Zusätzlich beunruhigte mich die zunehmende motorische Unruhe der Autistin, die direkt neben mir saß, immer stärker. Die Runde war für mich räumlich zu beengt, die Stühle standen für mein Empfinden zu nah beieinander, ich hatte die Befürchtung, jemand könne mich berühren. Für mich war es deutlich zu hell, mir taten die Augen weh. Die Schokolebkuchen und Dominosteine auf dem Tisch stanken penetrant und ein Teilnehmer hatte einen für mich unangenehmen Körpergeruch. Zusätzlich war die Luft im Raum verbraucht und ich hatte starke Kopfschmerzen.

Inhaltlich hatte ich den Eindruck, dass ich niemandem vermitteln konnte, wo eigentlich meine Problematik lag und was genau mein Anliegen war, denn ich hatte keine Zeit, in Ruhe nachzudenken, wie ich mich ausdrücken soll. Ich hatte auf Funktionieren umgeschaltet. Ich habe wohl viel zu viel wahrscheinlich nicht Relevantes aus meinem Leben erzählt, wahrscheinlich wie immer in einem von anderen als aggressiv wahrgenommenen Tonfall und mit der falschen Wortwahl. Die von mir geschilderten Sachverhalte kamen wohl als Vorwürfe an (diese Rückmeldung erhielt ich nach der Veranstaltung von der anderen, mir bekannten Autistin). Ich befürchte, dass ich nicht einmal der mich seit einem Jahr vom Netzwerk Autismus unterstützenden Teilnehmerin verständlich machen konnte, warum ich mich bisher nicht an die vorhandenen unterstützenden Stellen gewandt hatte. Ich würde mir oft Unterstützung wünschen bei der Organisation von Unterstützung, was irgendwo absurd klingt. Aber ich habe sehr große Schwierigkeiten mit Zeitplanung.

Und mit mündlicher Kommunikation. Meine Erfahrung zeigt mir, dass ich es nicht schaffe, meine Anliegen in einem Gespräch so zu formulieren, dass meinem Gegenüber klar wird, was ich wirklich sagen möchte. Ich bräuchte eine Möglichkeit, dass mein von mir nicht zu kontrollierender Tonfall sich nicht negativ auswirken kann. Ich benötige genügend Zeit, um gründlich über die Verständlichkeit meiner Wortwahl nachdenken zu können oder um mögliche sozialverträgliche Antworten generieren zu können. Meistens bemerke ich nach einiger Zeit oder wenn ich Gelegenheit hatte, zu reflektieren, dass es Probleme in der Kommunikation gibt. Ich müsste oft genug zu Wort kommen können, um Missverständnisse auszuräumen. Ich bräuchte Gegenüber, die es mir nicht übelnehmen, wenn ich in ihren Augen soziale Fehler mache und die trotzdem über den Sachinhalt meiner Worte nachdenken. Ich bräuchte eigentlich stets die Möglichkeit, mich zumindest im Nachhinein nochmals schriftlich erklären zu können.

Eine „normale“ Gesprächsrunde mit Kleingebäck ist für meinen Autismus absolut nicht barrierefrei.

Sicher, dafür kann niemand etwas. Allerdings kann ich selbst ebenfalls nichts dafür, dass ich Autistin bin. Und es wäre wunderbar, wenn solche Barrieren bei allen Teilnehmern bekannt und präsent wären, die mit Autisten zusammen Gesprächsrunden veranstalten. Eventuell gibt es Möglichkeiten, Veranstaltungen barrierefreier zu gestalten. Und vielleicht hilft es langfristig, wenn ich mitteile, wo Barrieren für mich sind.