SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


Hinterlasse einen Kommentar

Tagklinik – endlich mehr Energie

In den mittlerweile zwei Wochen mit einem auf meine Bedürfnisse adaptierten Stundenplan in der Tagklinik habe ich dank der Sonderregelungen jetzt mehr Regenerationszeit. Weil die für mich chaotischen Situationen aus dem Stundenplan gestrichen wurden, hat sich mein Angst- und damit mein Stressbelastungslevel verringert. Und siehe da: Ich habe mehr Energie.

Und zwar endlich auch ausreichend Energie für mehr soziale Interaktionen mit Mitpatienten. Ich unterhielt mich zum erstenmal intensiver mit zwei Mitgruppenmitgliedern und hatte in der Ergotherapie sogar das für mich seltene Erlebnis, mich einmal als echter Teil einer Gruppe fühlen können zu dürfen. Die beiden Mitpatienten suchen seither von sich aus den Kontakt zu mir und wir führten sogar interessante Gespräche zu dritt. In dieser Kleingruppe werde ich tatsächlich so akzeptiert, wie ich bin und fühle mich wohl. Durch das bessere Eingebundensein und den engeren Kontakt zu diesen zwei Mitpatienten sehe ich aber auch, wie einsam ich eigentlich bin. Diese Einsamkeit ist im Unterschied zum regelmäßigen Alleinsein, das ich brauche und aktiv herbeiführe, um mich zu regenerieren, nicht selbst gewählt.

Ich hatte in Studien davon gelesen, dass fehlende Sozialkontakte depressionsfördernd sind. Dank der Morgenrunde, bei der jeder Patient erzählt, was er am Vortag nach der Tagklinik noch alles gemacht hat, wird mir jeden Tag aufs Neue vor Augen geführt, wie wenig Kontakte ich eigentlich habe. Wenn die Mitgruppenmitglieder berichten, dass sie sich nach der Tagklinik noch mit Freunden treffen, auf Feiern gehen, mit anderen Sport treiben, Veranstaltungen besuchen, bin ich erstaunt, wie viel Energie sie offenbar noch haben und wie viele Sozialkontakte. Im Unterschied dazu ist mein soziales Umfeld bis auf meine Familienmitglieder nahezu leer. Seitdem die Kinder erwachsen sind, haben sich die Familientreffen stark reduziert. Und seit ich nicht mehr in die Arbeit gehe, fallen auch die Kontakte zu den Arbeitskollegen weg. Ich habe leider oft nicht die Energie, ins Fitnessstudio zu fahren oder gar auf Veranstaltungen zu gehen. Seit ich im Studium pausiere, habe ich auch keine regelmäßigen Online-Kontakte zu Kommilitonen. Für mich ist es außerdem sehr schwierig, überhaupt neue Kontakte zu knüpfen, ganz zu schweigen davon, dass ich sie nach erfolgreichem Knüpfen pflegen könnte. Allerdings hat mein nahezu leeres soziales Umfeld neben einer depressionsfördernden Wirkung auch etwas Positives: In Ermangelung an Sozialkontakten stolpere ich normalerweise nicht so häufig über meine sozialen Defizite.

Durch meinen Tagklinikaufenthalt habe ich derzeit nun so viele Sozialkontakte, wie schon seit langem nicht mehr. Dadurch werde ich zwar nahezu täglich mit meinen sozialen Schwieirigkeiten konfrontiert, aber ich versuche, das als hochfrequentes Sozialkompetenztraining zu betrachten. Dass ich im Tagkliniksetting häufiger in Konfliktsituationen komme oder es öfter Missverständnissen gibt, ist logisch. Wenn nicht verstanden wird, dass ich Sonderregelungen benötige, um mich vor Reizüberlastung zu schützen und ich viel lieber auf diese Sonderregelungen verzichten können würde, spare ich es mir, um Verständnis zu kämpfen und ich spare es mir auch, mich über Unverständnis zu ärgern. Ich nehme es zur Kenntnis und akzeptiere, dass manche Leute scheinbar den Unterschied zwischen ihren und meinen Bedürfnissen nicht verstehen oder auch nicht tolerieren können, dass ich überhaupt Sonderregelungen brauche. Ich bemühe mich, bei Konflikten und Missverständnissen nicht frustriert aufzugeben oder mich wegen der wiederholten Erfahrung des Scheiterns im Kontakt mit anderen zurückzuziehen, um diese Erfahrungen zu vermeiden. Ich nehme das wiederholte Scheitern hin, versuche herauszufinden, woran genau es in jedem einzelnen Fall lag, dass es zu Schwierigkeiten kam und versuche, nicht darunter zu leiden, dass es diese Schwierigkeiten gab und auch in Zukunft geben wird. Das ist nicht immer einfach und gelingt mir auch nicht durchgängig, aber je mehr Energie ich habe, desto besser komme ich klar.

Im positiv gefärbten Psychojargon heißt diese Haltung „Radikale Akzeptanz“. Ich kann es nicht ändern, dass ich Autistin bin und mir deshalb in sozialen Interaktionen schwertue. Ich kann es nicht ändern, dass mich zu viele Reize überlasten. Ich kann es nicht ändern, dass ich wenig Energie habe, die ich sorgfältig einteilen muss, um über den Tag oder gar die Woche zu kommen. Das ist nicht toll für meine Umwelt, es ist bedauerlich für mich, aber es ist einfach so. Es wird auch so bleiben. Was ich ändern kann, ist: Die Menge der Reize, denen ich ausgesetzt bin zu verringern, indem ich beispielsweise auch in Innenräumen eine Sonnenbrille trage oder meine Kopfhörer aufsetze. Ich kann Energie sparen, indem ich die zu vielen Belastungen nicht versuche auszuhalten und auf diese Weise im Grunde gegen mich selbst kämpfe. Lieber verwende ich meine Energie darauf, dafür zu kämpfen, die Belastungen zu reduzieren und dafür, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass sie zu meinen Bedürfnissen passen. Radikale Akzeptanz heißt nämlich keineswegs, dass man aufgibt und die Dinge kampflos akzeptiert. Es sollten nur die richtigen Dinge sein, gegen die man ankämpft.

Denn der Tagklinikaufenthalt kann mir nämlich tatsächlich bei meinem Kampf gegen die Depression helfen – wenn ich meine Grenzen, die mir mein Autismus vorgibt, akzeptiere. Und dafür Sorge trage, dass mir genügend Energie übrig bleibt, um zu lernen, was ich alles gegen die Depression unternehmen kann.

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Hat man es verdient zu leben?

In Zusammenhang mit Depressionen ist mir öfter die Frage begegnet, ob man es verdient hat zu leben. Ich finde ja, dass es eine unlogische Fragestellung ist, Leben muss man sich nicht verdienen, man wird völlig verdienstfrei einfach so geboren, ohne darum gebeten zu haben und ohne etwas dafür getan zu haben. Wenn überhaupt hat die eine Samenzelle des biologischen Vaters, die das Rennen gewonnen hat, es verdient, ihre halbe Ladung an Genen weiterzuvererben. Das ist aber schon der einzige Verdienst, den ich mit Leben in Zusammenhang bringen kann.

Manche Menschen meinen, man bekomme das Leben geschenkt. Andere wiederum behaupten, man werde sozusagen als Strafe (wieder)geboren, weil man im vergangenen Leben zu viele Fehler gemacht hat und die Chance erhält, es das nächstemal besser zu machen. Die Fraktion, die das Leben als Geschenk sieht, geht in der Regel davon aus, dass man sein Leben – weil von [hier beliebige Gottheit einsetzen] gegeben – weder vergeuden noch wegwerfen (im Sinne von Suizid) darf, also nicht frei über dieses Geschenk zu verfügen hat, sondern etwas daraus machen soll. Wobei die Definition „etwas aus seinem Leben gemacht zu haben“ in unserem Kulturkreis bedeutet, möglichst beruflich erfolgreich zu sein, viel Geld anzuhäufen und anerkannte kulturelle Werte zu leben, also Besitz zu erwerben, im besten Fall irgend ein Projekt caritativ mittels Spenden oder einer Stiftung zu unterstützen, ein skandalfreies Familienleben zu haben. Obwohl ein wenig Skandal erwünscht ist, ansonsten erscheint man nicht in den Medien, was wichtig ist, denn Erfolg ohne Publikum ist nicht sichtbar und damit in unserer Gesellschaft weniger wert.

Hängt man der Fraktion an, die von der Wiedergeburt ausgeht, hat man in Sachen freie Verfügbarkeit über das Leben sowieso Pech gehabt. Wenn die Chance, nach einem Suizid endgültig Ruhe vom Leben zu haben, nahe Null geht, dann kann man das derzeitige Leben auch getrost weiterführen. Denn schlimmer geht immer. Also lieber im bekannten und schon deshalb gemütlichen Elend verbleiben, als sich dem Risiko auszusetzen, eventuell in einer vollkommen fremden Lebenswirklichkeit, beispielsweise als Insekt versuchen zu müssen, es besser hinzubekommen.

Meiner Ansicht nach geht es um all diese Dinge gar nicht. Wenn man sich die Sachlage aus dem Blickwinkel der Tierwelt ansieht, dann geht es nur darum, möglichst so lange zu überleben, dass die eigenen oder zumindest überhaupt die Gene der eigenen Art an die nächste Generation weitergegeben werden. Insofern könnte man also, wenn man Nachwuchs geboren oder gezeugt und dafür Sorge getragen hat, dass dieser soweit überlebt hat, um sich selbst fortzupflanzen, seinem Leben ein Ende setzen.

Heutzutage jedoch begeht jeder, der sich selbst tötet, in den Augen der meisten Mitmenschen ein Unrecht, wenn er sich entscheidet zu sterben. Ob das dann vorzeitig ist, bleibt eine offene Frage. Für einen selbst wohl eher nicht, für die Verbliebenen sehr wahrscheinlich schon. Laut Todesanzeigen stirbt jeder, sogar Menschen im Rentenalter scheinbar plötzlich und unerwartet, viel zu früh oder nach schwerer Krankheit. Wenn man sein Leben also nicht durch Zufall / Schicksal in Form einer Erkrankung verliert oder einem Verbrechen oder Unfall zum Opfer fällt, dann muss man hierzulande nicht sonderlich viel tun, um sehr lange zu überleben. Mit eigenem Verdienst hat das wieder eher nichts zu tun, eine gesunde Lebensführung ist offenbar auch kein Garant für ein langes, gesundes Leben. Immer wieder sterben beispielsweise Menschen, die nie geraucht haben jung an Lungenkrebs.

Der Gedanke, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen wird zunehmend aktueller, je weniger freie Ressourcen es gibt und je mehr Individuen sie sich teilen müssen. Heutzutage gibt es neben Artgenossen keine „natürlichen“ Feinde mehr, die dafür sorgen, dass die Art Mensch nicht Überhand nimmt, dafür hat unsere Art selbst gesorgt. Der Nachteil ist, dass immer mehr Menschen diesen Planeten bewohnen und diese dank der medizinischen Versorgung auch zunehmend älter werden, was gesamtgesellschaftlich zu nicht unerheblichen Problemen führt. Betriebswirtschaftlich und aus ökologischen Gründen wäre es besser, eine Obergrenze festzusetzen, wie lange man am Leben bleiben darf und unter welchen Umständen man besser sterben sollte. Nur bei einem solchen Szenario würde sich die Frage überhaupt stellen, ob man es verdient hat zu leben.

Leben und Verdienst stehen zumindest Stand heute meiner Meinung nach also in keinem Zusammenhang, selbst Überleben nicht. Leben ist verdienstfrei einfach da, so lange es währt. Und wann es vorbei ist, hat man nur insofern in der Hand, als man je nach Glauben entscheiden kann, es selbst zu beenden oder abzuwarten, bis das jemand oder etwas anderes, beispielsweise der Zufall oder das Schicksal oder einfach die Zeit erledigt.


7 Kommentare

Tagklinik – vielleicht doch (k)ein Weg aus der Depression bei Autismus?

Die Tagklinik hilft mir im Moment zwar in einigen Belangen, das Dilemma ist aber, dass mir der Aufenthalt auch schadet. Nach nunmehr fünf Wochen geht es mir zunehmend schlecht, jeweils gegen Ende der Woche häufen sich Vorfälle, die gelinde gesagt unschön sind und bei denen sich meiner Ansicht nach zeigt, dass ich massiv überlastet bin. Vor der Autismus-Diagnose hatte ich hier einmal darüber nachsinniert, ob Büroarbeit mich tatsächlich krankmacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es wohl so sein müsse. Ich denke heute, dass ich mich geirrt habe. Das Problem tritt nicht nur in Büros oder in der Arbeit auf. Den Grund dafür sehe ich in der Menge der Sozialkontakte innerhalb einer bestimmten Zeit. Vielleicht liege ich falsch, aber im Moment ist es die für mich stimmigste Erklärung für das, was immer wieder passiert.

Genau wie 2015 erlebe ich jetzt, dass es mir innerhalb von nur fünf Wochen so schlecht geht, dass ich einfach nicht mehr kann. Und es zeigt sich ein Muster, das ich bisher nur den Rahmenbedingungen in meiner jeweiligen Arbeitsstelle zugeschrieben hatte. Therapie ist Arbeit an sich selbst, findet allerdings in einem geschützten Raum statt, in dem Fachleute tätig sind und Fehler nicht so gravierende Folgen haben, wie in der normalen Arbeitswelt. Nur ging ich davon aus, dass in einer Tagklinik nicht dasselbe passieren kann, wie draußen ohne professionelle „Aufsicht“, was sich wohl als Fehlschluss meinerseits erwiesen hat. Denn ich funktioniere zunehmend nicht mehr.

Von Woche zu Woche verspürte ich einen immer stärker werdenden Widerwillen, morgens in die Tagklinik zu fahren. Das war zwar auch tagesabhängig, weil ich manche Programmpunkte schlichtweg weniger mag als andere, es zeigte sich aber, dass sich dieser Widerwille im Lauf der Woche steigerte. Dagegen steht meine Eigenart, egal wie es mir geht, alle ausgemachten Termine wahrzunehmen, weshalb ich jeden Tag trotz des Widerwillens in die Klinik fahre, weil ich mehrmals wöchentlich neben dem Tagesprogramm auch Einzelgesprächs-, Krankengymnastik- und Massagetermine habe. Obwohl Donnerstag und Freitag meine Lieblingstage in der Klinik sind, war es so, dass sich ausgerechnet an diesen Tagen die unschönen Zwischenfälle häuften. Und zwar von Woche zu Woche ebenfalls in steigender Anzahl. Das reichte von kommunikativen Missverständnissen über meine zunehmende Gereiztheit inklusive Konflikten und zunehmender Erschöpfung bis hin zum Verschlafen von Terminen. Bearbeitet wurden Zwischenfälle in der Regel durch Gespräche mit dem Personal, in denen ich allerdings wohl nicht verständlich machen konnte, was ablief. Denn Anfang letzter Woche erhielt ich zufällig von einer Klinikmitarbeiterin die Rückmeldung, dass das Team der Ansicht sei, mir ginge es besser, weil ich mich mehr integrieren würde, offener sei und Kontakt zu Mitpatienten aufgenommen hätte, mehr in der Klinik angekommen sei.

Ich war im ersten Moment konsterniert und erheblich irritiert, weil mein eigenes Empfinden ein so ganz anderes war. Nach einigem Nachdenken hatte ich dann einen Aha-Moment. So nenne ich die Momente, in denen mir plötzlich Zusammenhänge klarwerden und ich etwas begreife, das ich mir vorher nicht hatte erklären können. Mir wurde klar, warum meine Selbstwahrnehmung sich so diametral von der Fremdwahrnehmung unterschied. Ich tat auch in der Tagklinik genau das, was ich bereits mein Leben lang tue und darin Perfektion entwickelt hatte: Ich erfüllte die Erwartungen, ich passte mich an. Und zwar wie gewohnt bereits wieder weit über meine Grenzen hinaus. Ich funktionierte – und da wo ich es nicht tat, flog ich unter dem Radar.

Nach Außen war ich die engagierte, motivierte Patientin, die anscheinend mit hoher Geschwindigkeit lernte, ihr Verhalten änderte, passgenau zur Zielsetzung einer kognitiven Umstrukturierung. Ab und an hatte diese Patientin zwar Einbrüche, die aber vor dem Hintergrund einer Depressionserkrankung durch die dabei typische emotionale Instabilität erklärbar zu sein schienen. Und ein Muster in den Einbrüchen erkennen offenbar Nichtautisten nicht, obwohl alles digital dokumentiert wird. Somit für jeden, der die Aufzeichnungen ansieht, also das Muster erkennbar sein müsste?

Ich hatte meinen Bezugspersonen mehrfach erklärt, weshalb ich motiviert mitarbeite und mich engagiere – wenn ich schonmal da bin, kann ich auch mitmachen, alles andere macht für mich keinen Sinn. Wenn ich etwas mache, dann möglichst perfekt und vollständig oder eben überhaupt nicht. Ich lerne tatsächlich schnell, ich passte mein Verhalten selbstverständlich den jeweils erhaltenen Informationen an – anfangs gab es deshalb wegen der Salamitaktik des Klinikpersonals in Sachen Patienteninformation noch mehr Schwierigkeiten, aber als ich alle Informationen hatte, alle Regeln kannte und wusste, was in welchen Stunden von mir erwartet wurde, konnte ich auch genau das Verhalten zeigen, das erwartet wurde und nahezu alle Regeln einhalten. Die Einschränkung betrifft stets Regeln, die mir nicht sinnvoll oder kontraproduktiv erscheinen und mir deshalb nicht einsichtig sind.

Allerdings nahm ich zunehmend nicht mehr an Klinikprogrammpunkten teil, bei denen ich die Erfahrung gemacht hatte, dass sie mir schadeten. Ich hatte die Lücken im System erkannt und nutzte sie, ich sagte zu Krankengymnastik- Massage- und Einzelgesprächsterminen, die mir in diesen schädlichen Zeiten angeboten wurden sofort ja. Ansonsten legte ich sie in die therapiefreien Zeiten. Nachdem ich mich bemüht hatte, mich ab der zweiten Woche in einzelnen Pausen dazuzusetzen und sogar mit Mitpatienten zu sprechen, stellte ich diese Bemühungen die letzten zwei Wochen nahezu komplett ein und verschwand in jeder noch so kurzen Pause aus dem Gebäude oder in den Ruheraum. Ich kam wie immer gar nicht auf den Gedanken, jemandem Bescheid zu sagen oder um Hilfe zu bitten, sondern zog mich zunehmend zurück. Ich bekam Angst, wenn mich jemand ansprach und dann, dass mich jemand ansprechen könnte. Es hätte auffallen können, dass ich bei meinen Kontakten zu Mitpatienten meistens nur noch zunehmend schreckhaft reagierte. Nur noch sehr selten aktiv auf Gruppenmitglieder zuging. Die Mitpatienten mit denen ich von mir aus Kontakt aufnahm hatten Gemeinsamkeiten: Es waren bis auf einen Patienten solche, die entlassen wurden, ich sprach mit ihnen nur jeweils einmal. Ich entwickelte eine Alternativstrategie nach einmaligem Küchendienst in der zweiten Woche, nachdem ich in der ersten Woche aus Informationsmangel beim Küchendienst fehlte, indem ich morgens alleine aufdeckte und mittags aus Erschöpfung verschlief. In der dritten Woche hatte ich morgens einen Termin und schaffte es seitdem keinmal mehr mitzuhelfen. Weder beim Küchendienst, noch beim gemeinsamen Kochen. In der Klinik wird einmal wöchentlich in der Gruppe gekocht, wobei die Entscheidung, welche Gerichte mit welchen Zutaten gekocht werden, demokratisch fällt. Da ich neben einer Laktoseintoleranz noch diverse Lebensmittelallergien habe, ist die Auswahl an Lebensmitteln, die ich esse, begrenzt. Dazu kommen meine Routinen – ich esse eine ganze Zeitlang immer dieselben speziellen Lebensmittel. Voraussehbar bin ich bei demokratischen Entscheidungen immer in der Minderheit. Also kann ich gar nicht mitessen. Dazu kommt, dass ich die letzten zwei Wochen keinen Hunger mehr hatte, was ich auf Nachfrage auch mitteilte. Beim Mittagessen war ich ebenfalls seit mehr als einer Woche nicht mehr. Weil ich von der Küche Sonderkost erhalte, blieb also mein Extrateller seither unberührt in der Küche stehen. Die Medikamenteneinnahme wird dokumentiert und ich teile stets mit, wann ich was einnehme. In den letzten zwei Wochen stieg mein Schmerztablettenverbrauch kontinuierlich an. Alles in Allem sind das sowohl erkennbare Muster als auch deutliche Anzeichen, dass es mir schlecht geht.

Dem Personal war wohl genau das passiert, was mir immer wieder begegnet: Ich hatte anfangs gesagt, dass ich Autistin bin, anfänglich höfliches Interesse geerntet und dann ging man wohl größtenteils zur Tagesordnung über. Meine Bezugspflegerin klärte ich über meine autistischen Verhaltensweisen kontinuierlich auf und ging davon aus, da sich das Team spätestens jede Woche austauscht und alles dokumentiert wird, dass alle Teammitglieder demnach auf demselben Informationsstand sein müssten. Dass dem nicht so war, erkannte ich erst spät, nämlich nach der Rückmeldung, die mir die Fehlschlüsse des Teams bewusstmachte. Ich vermute, es liegt daran, dass das Klinikpersonal es gewohnt ist, nichtautistische Patienten zu haben, deren Reaktionen und Verhalten die Erfahrungsbasis darstellen, auf der alle Vorkommnisse interpretiert werden. Was in meinem Fall aber leider zu einigen Fehlinterpretationen führte, weil ich eine autistische Patientin bin, anders reagiere und mein Verhalten andere Gründe hat.

Nachdem mir das klargeworden war, begann ich sofort damit, dem für mich zuständigen Klinikpersonal zu sagen, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich versuchte, so weit es mir möglich war, mit größtmöglicher Offenheit verständlich zu machen, was los ist. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Meine Bezugspflegerin und die Ärztin sprachen an, dass eine Adaption des Wochenplanes möglich sei. Gestern bekam ich den Nachmittag klinikfrei. Auf Drängen meinerseits, weil ein Gespräch mit meiner Therapeutin wegen einer möglichen Adaption des Klinikstundenplanes für mich auf übernächste Woche verschoben werden hätte sollen, findet dieses Gespräch zum Glück jetzt doch schon Anfang nächster Woche statt.

Ich kann mich nämlich nicht einfach mal eben noch eine weitere Woche zusammenreißen. Ich bin massiv überlastet. Ich verbringe meine klinikfreie Zeit nur noch damit, mich soweit zu erholen, dass ich wieder am Klinikprogramm teilnehmen kann. Und das heißt, dass ich die Hausarbeit nicht mehr schaffe, nicht mehr für das Wochenende einkaufen fahre, nicht mehr am Rehasport teilnehme, meine Spezialinteressen nicht verfolge, an immer mehr Tagen nach der Klinik nur noch dösend oder schlafend auf der Couch oder im Bett liege.

Es hat seinen Grund, weshalb ich nach einer Teilzeitarbeitsstelle mit maximal 20 Wochenstunden und einer Viertagewoche suche. In der Tagklinik arbeite ich seit fünf Wochen und zwei Tagen weit mehr als diese 20 Wochenstunden an mir, fünf Tage die Woche nahezu ununterbrochen in sozialen Interaktionen, mehrheitlich sogar in Gruppensituationen, die Reizbelastung ist in manchen Situationen exorbitant hoch. Bisher zeigten sich meine Ausfallerscheinungen überwiegend in den unstrukturierten Interaktionen, wie Gruppensituationen, in denen alle durcheinandersmalltalken. Die meisten Interaktionen in der Tagklinik laufen zum Glück stark strukturiert ab, in diesen funktioniere ich (größtenteils) noch. Ich befürchte nur, dass das nicht mehr lange gut geht. Ich gehe jeden einzelnen Tagkliniktag nämlich wirklich weit über meine Grenzen.

Letzte Woche gipfelte das weit über meine Grenzen gehen dann am Donnerstag in einem veritablen Kontrollverlust. Damit man sich darunter etwas vorstellen kann: Ich erinnere mich nicht ganz genau, aber ich habe mich wohl neben dem obligatorischen Weinen auch verbal lautstärker geäußert, wobei das nicht nur Worte waren und meinen Kopf mehrfach gegen die Wand bzw. den Tisch geschlagen. Was war der Auslöser?

Ich weiß noch, dass ich völlig verängstigt in der Ergotherapie saß, weil mir seit der Krankengymnastik am Morgen aus keinem mir bekannten Grund ständig Tränen aus den Augen flossen. Ich versuchte das natürlich zu verbergen. Warum natürlich? Ganz einfach: Ich habe sehr gut gelernt, bei Nichtfunktionalität nicht aufzufallen, um den in der Regel unangenehmen Konsequenzen zu entgehen. Das Verbergen scheint mir soweit auch gelungen zu sein, nur kam dann auch noch Zittern dazu. Als ich versuchte, meine Lesebrille in das Etui zurückzustecken, klapperte es so heftig, dass ich Angst hatte, es könnte jemand hören. Ich versuchte mich zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, dass sich das Zittern auf den gesamten Körper ausbreitete. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt leider nicht mehr fähig, den Raum zu verlassen, geschweige denn das unauffällig zu tun. Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen, saß wie eingefroren auf dem Stuhl und hatte fürchterliche Angst. Ironischerweise davor, dass mich jemand vom Klinikpersonal bemerkte, denn mir ist ständig präsent, dass sich die geschlossene Station des BKH räumlich sehr nah bei der Tagklinik befindet und der Gedanke, mich in einem solchen funktionsunfähigen Zustand einzuweisen, in meinen Augen schon deshalb auf der Hand liegen muss.

Allerdings war das nicht der Fall, es bemerkte wie von mir beabsichtigt niemand. Als es ans Aufräumen ging, saß ich immer noch da und konnte mich einfach nicht bewegen. Alle verließen den Raum – dachte ich – evtl. wäre das meine Rettung gewesen, weil ich mich dann soweit wieder in den Griff hätte bekommen können, dass ich eine Chance auf einen geordneten Rückzug gehabt hätte. Aber dann sprach mich plötzlich ein sehr netter Mitpatient an und fragte, ob er mir helfen könne. Ich mag ihn, ich presste mit aller Kraft ein „Ich weiß es nicht“ heraus. Er redete auf mich ein, irgendetwas mit Hilfe annehmen, was genau, weiß ich nicht mehr. Es war sicher gut gemeint, nur in der Situation nicht gut gemacht. Rechtzeitig um Hilfe bitten fällt mir meistens nicht ein. Sinnvolle Kommunikation war mir schon längst nicht mehr möglich. Das auf mich Einreden war nur ein Reiz mehr, der mich in meiner Konzentration darauf, die Kontrolle zu behalten behinderte. Plötzlich wurde es unerträglich laut und da war es dann endgültig vorbei mit jeglicher Kontrolle. Ich wollte nur noch, dass der Lärm und das unsägliche Chaos im Kopf aufhören.

Meine Bezugspflegerin sagte mir später, dass wegen der Vorbereitung der Verabschiedung eines Gruppenmitglieds ein Wagen holpernd mit klirrendem und klapperndem Geschirr in den Raum geschoben worden war. Wegen meines Kontrollverlustes sei sie geholt worden und habe dann dafür gesorgt, dass ich alleine im Raum war. Sie habe das Licht ausgeschaltet, ca. fünf Minuten vor dem Raum abgewartet und aufgepasst, dass keiner hineinging.

Es endete damit, dass ich es nach den fünf Minuten schaffte, mich soweit zu beruhigen, dass ich dem Vorschlag meiner Bezugspflegerin, mich in den Ruheraum zu begeben, folgen konnte. Dort verkroch ich mich mit dem Kopf auf den Knien in eine Ecke, während sie ein Bett frisch bezog. Das war wirklich fürsorglich und es tut mir leid, dass ich es nicht nutzen konnte. Aber als sie gegangen war, zog ich nur den herabhängenden Vorhang über mich und schottete mich nach einiger Zeit noch mit Musik von der Umwelt ab, zu mehr war ich nicht fähig.

Ich fühlte mich zutiefst erschöpft, andere Gefühle kamen erst nach und nach wieder. Das Positive an dem Kontrollverlust war, dass ich nicht mehr weinte und das Zittern auch aufgehört hatte. Es herrschte betäubte, aber angenehme Ruhe im Kopf. Negativ waren die Sorgen, die ich mir nach ca. eineinhalb Stunden machte, als ich endlich wieder fähig war, aus meiner Ecke zu krabbeln und mit der Außenwelt zu kommunizieren. Meine Bezugspflegerin sprach mit mir über das, was passiert war. Ich hatte Angst, dass mir gesagt werden würde, ein solcher Kontrollverlust sei in der Tagklinik nicht tragbar. Erstaunlicherweise passierte das aber nicht, die zuständige Ärztin sagte mir später, dass „schlechte“ Tage in der Tagklinik erlaubt seien.

Das ist einesteils beruhigend, andernteils nicht, denn ich vermute, dass mehr „schlechte“ Tage folgen werden, wenn sich nichts an meiner Überlastung ändert. Ich vermute, dass der Auslöser dieses „schlechten“ Tages der eine Lärmreiz zuviel nach einer Reihe anderer mich kumulativ überlastender Reize und Vorkommnisse war. Die Grenze meiner Belastbarkeit überschreite ich täglich. Allerdings wachse ich nicht daran. Es ist kontraproduktiv und trägt nicht dazu bei, gesundheitlich stabiler zu werden, ganz im Gegenteil. Eine mehrtägige Klinikpause ist vermutlich keine Lösung, weil ich danach zwar wieder ein paar Tage lang durchhalte, die Abstände zwischen den „schlechten“ Tagen aber erfahrungsgemäß immer kürzer werden. Aus Gründen des Selbstschutzes müsste ich den Klinikaufenthalt abbrechen, wenn es keine andere Lösung gibt.

Eine mögliche Lösung könnte tatsächlich sein, das Klinikprogramm auf meine Bedürfnisse anzupassen, indem ich nicht am gesamten Wochenprogramm teilnehme. Ich soll mir Gedanken machen, welche Programmpunkte mir zu viel Energie rauben. Das habe ich getan. Leider sieht das Ergebnis ziemlich unsozial aus – alle mehr oder weniger unstrukturierten Gruppenaktivitäten mit zu vielen Leuten, die durcheinanderreden und sich unübersichtlich um mich herum bewegen fallen unter die Energieräuber. Also insbesondere das gemeinsame Kochen und Essen, der Küchendienst, das Zusammensitzen in den Pausen und die Verabschiedungen. Das Mittagessen im Speisesaal und der Küchendienst sind schon allein wegen der Lärmbelastung extrem energieraubend.

Die Programmpunkte, die mir meiner Ansicht nach am meisten helfen und mir auch Energie geben, sind die (Einzel)gespräche mit dem Klinikpersonal, die Psychoedukation und das soziale Kompetenztraining. Daneben blieben noch die Ergotherapie, die meistens eine ausgeglichene Energiebilanz hat, weil die Gruppe sich auf zwei Räume verteilt und die meisten aus lauter Konzentration auf ihre Tätigkeit erfreulich wenig plauschen. Außerdem das Entspannungstraining, sofern es statische Entspannungsübungen im Sitzen sind, oder welche im Gehen draußen, bei denen man sich von der Gruppe entfernen kann und bestimmte Außenaktivitäten. Allerdings nur, wenn sie in relativer Ruhe und in der Natur stattfinden, ein Besuch im Einkaufszentrum gehört definitiv nicht dazu. Der obligatorische Abschluss der Außenaktivität in irgendeinem Café ebenfalls nicht. Krankengymnastik und Massage helfen zwar gegen die körperlichen Erkrankungen, kosten jedoch Energie, schon weil sie mit Berührungen verbunden sind. Und das Sportangebot kann ebenfalls helfen und Energie bringen, sofern es sportliche Aktivitäten sind, die ich maximal in Zweiergruppen ausüben kann. Wobei beispielsweise Badmintonspielen wegen meiner Schulterprobleme kontraproduktiv, weil schmerzhaft ist. Da bleibt vom Wochenprogramm reichlich wenig übrig. Das was Nichtautisten hilft, weniger depressiv zu sein – unter Leute gehen und sozial miteinander zu interagieren, bedeutet für mich höchsten Stress, ist teilweise extrem energieraubend, nicht hilfreich und macht mich im Ergebnis depressiver.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Welt nicht für Autisten gemacht ist. Teilhabe am Gesundheitssystem in Form eines für mich hilfreichen Tagklinikaufenthaltes ist nicht ohne Anpassung auf meine autistischen Bedürfnisse möglich. Und das geht nur, wenn Verständnis dafür und das Wissen um die Notwendigkeit vorhanden sind. Es erfordert von mir größtmögliche Offenheit, ständige Aufklärungsarbeit und das stete Bemühen, meine Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen und so zu kommunizieren, dass ich verstanden werde – ausgerechnet hierin liegen nicht meine Stärken, schon gar nicht, wenn ich überlastet bin. Von Klinikseite erfordert es ebenfalls Offenheit, ständige Aufmerksamkeit, eigene Überprüfung auf mögliche Fehlinterpretationen, indem auf mich zugegangen wird, viel Toleranz für meine Ausfallerscheinungen, Flexibilität und die Bereitschaft, individuelle Lösungen zu finden. Meine bisherige Erfahrung mit dem engagierten und bemühten Klinikpersonal, dem ich hiermit von Herzen danke, lässt mich hoffen, dass der Tagklinikaufenthalt doch noch so gestaltet werden kann, dass er mir mehr hilft als schadet.


Hinterlasse einen Kommentar

Tagklinik – ein Weg aus der Depression?

Ich gehe derzeit in eine Tagklinik, um etwas gegen meine Depression zu unternehmen und wieder aus der Rentenfalle zu kommen. Bisher ist es unglaublich anstrengend gewesen. Das lag zu einem großen Teil daran, dass es eine unbekannte neue Umgebung für mich ist und an der Informationspolitik der Therapeuten. Meine Bezugspsychologin erklärte mir leider erst am Ende der Woche, weshalb man mir nicht alle notwendigen Informationen gleich zu Beginn meines Aufenthaltes gab. Sie verfolgen dort eine Art Salami-Taktik, geben Informationen also nur in kleinen Portionen heraus, um die normalerweise nichtautistischen Patienten nicht zu überfordert. So ein Vorgehen löst bei mir als Autistin aber Stress aus und ist ganz und garnicht hilfreich, weil ich auf diese Weise nur durch Zufall auf notwendige Informationen stoße, um Allem gerecht werden zu können. Auch der Hinweis, ich könne fragen, wenn mir etwas unklar ist, fruchtet hier nicht, weil ich nur fragen kann, wenn ich überhaupt Kenntnis davon habe, dass mir Informationen fehlen.

Die Therapeuten gehen wohl davon aus, dass sich die Patienten notwendige Erklärungen zum Ablauf von den Mitpatienten und Gruppenmitgliedern holen. Dadurch dass ich in dieser ersten Woche mangels Energie aber außerhalb von Therapiezeiten keinen Kontakt zu meiner Gruppe pflegte, gingen viele Dinge an mir vorüber. So bekam ich beispielsweise nicht mit, was beim sogenannten Küchendienst wann zu erledigen ist, so dass ich nicht da war, um mitzuhelfen. In dieser Klinik gibt es einen ständigen fließenden Wechsel der Gruppenmitglieder, auch das ist eine Herausforderung für mich. Ich konnte beobachten, dass Patienten, die nach mir kamen, schneller Anschluss an die Gruppe als ich fanden, weil es ihnen möglich ist, sich in den Pausen zu den anderen zu setzen und mit ihnen zu plaudern. Und so erlebe ich auch hier wieder meine Schwierigkeiten mit der Teilhabe am sozialen Miteinander.

Die Nachteile meines Rückzuges in den Pausen zwischen den Therapien sind mir sehr wohl bewusst, leider kann ich im Moment aber nichts dagegen tun. Um funktionsfähig zu bleiben, muss ich die Pausen dazu nutzen, mich soweit zu regenerieren, dass ich nicht in einen Überlastungszustand komme.  Im Moment ist es während der Woche so, dass ich zu Hause nach der Tagklinik, außer mich aufs Sofa zu legen und zu erholen, so dass ich am darauffolgenden Tag wieder hinfahren konnte, nichts sonst zustandebrachte. Nicht einmal für die Beschäftigung mit meinem Interessensgebiet hatte ich genügend Energie übrig. Obwohl ich weiß, dass das eine Einzahlung auf mein Energiekonto wäre. Leider bin ich bei fast jedem Versuch, noch etwas zu lesen, sofort eingeschlafen.

Während des Tages hatte ich mich in der Tagklinik so oft als möglich – also in allen Pausen – komplett zurückgezogen. Ich bin gut im Finden von stillen Ecken wo nie jemand hinkommt, so dass ich mir schon am ersten Tag einen Rückzugsraum schaffen konnte. Mittlerweile steht dort ein Gartenstuhl, den ich mit Hilfe eines Steines, eines Astes und der Hebelwirkung wieder soweit reparieren konnte, dass er beim darauf Niederlassen nicht zusammenklappt. Außerdem grub ich die Bocciabahn dort um und rechte sie glatt, denn das Spielen darauf in einer Therapiestunde am Montag ähnelte wegen des Bewuchses und der Löcher eher einem Glücksspiel. So macht Bocciaspielen mir allerdings keinen Spaß. Insofern war diese Arbeit und das von zu Hause mitbringen des dafür notwendigen Gartenrechens sowohl altruistisch als auch egoistisch. Was ich nächste Woche noch erledigen möchte, ist den Abfall in dieser Ecke aufzusammeln, damit ich mich dort wohler fühlen kann. Was auch ein Beitrag zum Umweltschutz ist.

Trotz meines Bemühens um ein funktionierendes Energiemanagement ist es mir aber am Donnerstag dann passiert, dass ich akut überlastet war. Dies zeigte sich in einem Heulanfall und depressiven Gedanken während eines Einzelgespräches. Letzter Auslöser war eine kurzfristige Terminänderung, denn die mir zu Beginn zugeordnete Therapeutin sagte mir am Anfang des Gespräches, dass sie mich gerne an eine andere Therapeutin abgeben würde und das geplante Gespräch mit ihr also ausfallen müsse. Sie bot mir einen Gesprächstermin am folgenden Tag bei dieser neuen Bezugstherapeutin an. Prompt brach ich in Tränen aus. Die Therapeutin meinte, ich solle mich beruhigen und wenn das so schlimm für mich sei, dann würde sie halt einen anderen Patienten abgeben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es gar nicht darum ging. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass sie verstand, was ich schluchzend an Kommunikation noch zustandebrachte.

Mir ging es nicht um die Person meines Bezugstherapeuten an sich – da ich sowieso noch keine Beziehung aufgebaut hatte. Was mir so zu schaffen machte, dass ich wie ein vierjähriges Kind reagierte, war die kurzfristige Terminänderung. Denn ich hatte mich auf Donnerstag, genau um diese Uhrzeit auf Einzelgesprächstermine eingestellt und mich wie immer auf solche Gespräche vorbereitet. Also überlegt und aufgeschrieben, was ich mitteilen wollte. Und das sollte jetzt plötzlich nicht stattfinden. Letzten Endes war ich zu erschöpft, um aus der Überlastungssituation zu fliehen, was darin resultierte, dass ich ganze zwei Stunden bei der Therapeutin saß und im Endeffekt dann doch das Gespräch inhaltlich soweit stattfand, so dass ich mich beruhigen konnte. Ich weiß allerdings nicht, ob die Therapeutin die Zusammenhänge verstanden hat. Ich gehe begründet davon aus, dass es auch bei diesem Klinikaufenthalt zu vielen Missverständnissen zwischen mir und meinen Mitmenschen kommt.

Ein Missverständnis wurde in diesem Gespräch nämlich zum Glück aufgeklärt. Beim Anamnesegespräch vor der Anmeldung in der Tagklinik meinte die aufnehmende Ärztin, dass sie gerne eine zweiwöchige Probezeit mit mir vereinbaren würde, damit von beiden Seiten geschaut wird, ob ein Klinikaufenthalt für mich als depressiver Autistin unter lauter nichtautistischen Depressiven umsetzbar wäre. Ich hatte also Angst davor, während dieser „Probezeit“ naturgemäß zu viele Fehler – vor allem im sozialen Miteinander – zu machen, so dass ich sie nicht bestehen würde. Und sogar in einer Klinik die Erfahrung machen zu müssen, wegen fehlender „Teampassung“ sozusagen gekündigt zu werden. Die erste Woche war auch aus diesem Grund unglaublich stressig, weil ich nicht wusste, wie viele „Fehler“ ich mir erlauben konnte. Also versuchte ich mit aller Kraft unbedingt alles richtig zu machen, was dazu führte, dass sich das sogar im Blutdruck niederschlug. Als ich danach fragte, wie viele Fehler ich maximal machen dürfe, bevor sie mir nahelegen würden, die Tagklinik zu verlassen, klärte sich dieses Missverständnis auf – gemeint war anscheinend nur, dass ich selbst zwei Wochen lang am Programm der Tagklinik teilnehmen dürfe, um zu sehen, ob ein längerer Aufenthalt sinnvoll für mich sei.

In der Tagklinik gibt es einen Ruheraum mit drei Betten, in den ich mich während der letzten Woche in der Mittagspause zurückgezogen hatte, um mich auszuruhen bzw. zu schlafen. Bisher war außer mir noch nie jemand in diesem Raum, was wohl damit zusammenhängt, dass ihn die Betreuer erst aufsperren müssen. In der Gruppe fühle ich mich natürlich oft unverstanden, ich bin ja auch die einzige Autistin dort. Aber meine neue Bezugspsychologin hat offenbar Ahnung von der Thematik und ich finde sie sympathisch. Sie gab mir in dem Gespräch, das dann am Freitag stattfand, sehr hilfreiches Feedback und erklärte mir eine schwierige Situation, zu der es letzte Woche in der Guppe kam, weil ich dort wohl sozial unpassend meine Bedürfnisse äußerte. Ich bat darum, dass während der Ergotherapie das Radio ausgeschaltet wird. Was die Betreuerin auch tat, mich dann aber zwei Tage später beiseite nahm, um mir zu sagen, dass viele Mitpatienten das Bedürfnis hätten, Radio zu hören und ich mich deshalb anpassen oder eine Lösung finden müsste. Mein Versuch, ihr zu erklären, dass es für meine Mitpatienten ein „nice to have“ sei, nebenbei Radio zu hören, für mich es aber aus Gründen des Energiemanagementes ein „must have“ sei, die Lärmquellen zu minimieren, und weil ich mich sonst neben den Stimmen der Mitpatienten auch noch auf die des Radiosprechers konzentrieren müsste, scheiterte.

Als ich ihr diese Situation schilderte, schlüsselte sie meine Bezugstherapeutin sozial für mich auf, machte Lösungsvorschläge und zeigte mir einen sozialkompatiblen Weg auf, wie ich bei einem erneuten Versuch, meine Bedürfnisse nach „Radio aus“ umzusetzen vorgehen könnte. Ich finde es nach wie vor irritierend, dass meinen Mitpatienten laut der Therapeutin die Befriedigung emotionaler Befindlichkeiten beim jemanden neu kennenlernen so wichtig ist und sie einer logischen Argumentation nicht zugänglich sind. Ich soll nämlich deren Du erhöhen und mein Ich mit Hilfe passender Formulierungen klein machen, dann würde ich gemocht werden und sie würden eher das tun, worum ich sie bäte. Es ist schon absurd, dass Inklusion auch in einem teilstationären Setting mit Sozialpädagogen, Erziehern, Psychologen und Psychiatern schwer umzusetzen ist. Ich muss mich anpassen, um nicht exkludiert zu werde bzw. mich selbst zu exkludieren, indem ich beispielsweise als Lösung während der Therapiestunde meine Kopfhörer aufsetze, weil viele Menschen nicht logisch handeln können oder wollen, sondern emotional und intuitiv.

Nachdem ich es aber nun geschafft habe, eine komplette Woche durchzuhalten und sich das Programm wöchentlich wiederholt, hoffe ich, dass die kommende Woche stressfreier wird. In dieser Klinik arbeiten sie nach einer für mich neueren störungsspezifischen Therapieform, der von James P. McCullough in den USA zur Behandlung chronisch depressiver Patienten entwickelten Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP), die schulenübergreifend Denkansätze aus der kognitiven, behavioralen, interpersonellen und der psychodynamischen Therapie und der Entwicklungspsychologie Jean Piagets integriert. Was ich bisher zu der Therapie und den Strategien bzw. Methoden gelesen habe, klingt logisch. Mal sehen, ob es hilft.

Ich glaube, dass ich insbesondere von den Einzelgesprächen, dem einmal wöchentlich stattfindenden Soziale Kompetenztraining nach CBASP und dem Sportangebot profitieren werde. Die Gruppensituationen kann ich als Übungsfeld für soziale Interaktion und Kommunikation nutzen. Und während der Ergotherapie habe ich die Möglichkeit, interessante neue Sachen auszuprobieren, wie beispielsweise Perlenhäkeln. Begonnen habe ich mit einer Mosaikarbeit, das ist etwas, was ich in der Beschäftigungstherapie während der Wartezeit auf den Tagklinikplatz bereits gemacht hatte. Macht Spaß, beruhigt durch die Sortiertätigkeit und das meditative Kleben der Mosaiksteinchen und bringt nebenbei auch hübsche Schalen oder Behältnisse hervor, die ich als Geschenk nutzen kann.

Bei meinem wichtigsten Ziel, einen Abschlussbericht zu erhalten, in dem eine Empfehlung für die Maßnahme Unterstützte Beschäftigung steht, mit der der ifd betraut werden soll, wird mich die Klinik unterstützen. Das ist für mich der Weg aus der Rentenfalle in der ich festsitze, weil die Rentenversicherung ohne einen neuen Arztbericht, in dem mir Rehafähigkeit besscheinigt wird, vermutlich meine EM Rente verlängern würde, statt mich dabei zu unterstützen, mich beruflich wieder einzugliedern. Es ist mir sehr wichtig, wieder eine Arbeit zu finden. Ich denke, dass ich es nur so schaffen kann, nicht ganztags zu Hause herumzuhängen und allein deshalb täglich depressiver zu werden. Ich hoffe, dass ein Weg aus der Depression sein könnte, durch den Tagklinikaufenthalt die Chance auf eine für mich passende Arbeitsstelle zu erhalten. Und damit nach der Kindererziehung wieder einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, die gleichzeitig eine von außen vorgegebene Tagesstruktur mit sich bringt.

Also auf in die zweite volle Woche Tagklinik.


Hinterlasse einen Kommentar

Suizidprävention bei depressivem Autismus

Eine depressive Autistin unter Alkoholeinfluss ruft am Tag X bei der TelefonSeelsorge Anonym, Kompetent, Rund um die Uhr an, nur um die Bandansage „Unsere Mitarbeiter sind zurzeit leider alle im Gespräch, so dass Ihr Anruf nicht entgegengenommen werden kann. Bitte nutzen Sie unsere Mail- und Chatberatung oder versuchen Sie es später noch einmal“ zu hören. Später hört sie genau dieselbe Bandansage, also versucht sie, die Chatberatung zu nutzen. Chattermine sind die nächsten zwei Wochen alle ausgebucht. So schreibt sie eine Mail und klickt auf Senden, um dem Leben eine faire Chance zu geben. Sie verzweifelt, als sie liest, dass es bis zu drei Tage dauern kann, bis jemand antwortet. Sie fragt sich, ob die TelefonSeelsorge nicht lieber ihren Namen ändern sollte. Aber sie reißt sich noch einmal zusammen und hält ihren Zustand immerhin noch drei weitere Tage aus.

Dann bricht sie wieder zusammen, diesmal schlimmer. Sie hat sehr große Angst, erinnert sich aber an die Worte ihres Therapeuten, kramt aus ihrem Rucksack den Flyer des Caritas Krisendienstes Horizont heraus. Sie trinkt etwas, um ihre Hemmungen vor Telefonaten zu verlieren. Zu ihrem Glück ereignet sich dieser Zusammenbruch während der Sprechzeiten. Es geht sogar jemand ans Telefon. Sie spricht eine halbe Stunde völlig aufgelöst mit einer Stimme, die ihr mitteilt, dass sie nicht anonym anruft, sondern ihre Telefonnummer im Display angezeigt wird. Und dass der Krisendienst wegen ihres Zustandes leider Hilfe vorbeischicken muss – außer sie verspricht, in einer Stunde nochmals anzurufen. Denn die Mitarbeiterin habe jetzt einen Termin. Die autistische Depressive sagt selbstreflexiv, dass sie das wahrscheinlich nicht schaffen wird und nennt auch die Gründe. Die Mitarbeiterin bietet an, fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit von sich aus zurückzurufen. Das Telefonat wird beendet. Die Verzweiflung ist immer noch da. Sie trinkt noch mehr. Wie befürchtet, schafft sie es nicht, nochmals anzurufen. Sie fürchtet sich extrem davor, untergebracht zu werden, aber mittlerweile ist ihr alles egal, außerdem ist sie betrunken. Allerdings klingelt das Telefon auch in der darauffolgenden Stunde nicht. Und niemand kommt zur Hilfe.

Währenddessen ist sie nach einem Wein- und Schreianfall wegen totaler Überlastung eingeschlafen. Um ein paar Stunden später wieder aufzuwachen und zu registrieren, dass es ihr immer noch sehr schlecht geht. Sie schämt sich ob ihres Totalzusammenbruchs, ist verärgert, weil eine Vereinbarung nicht eingehalten wurde, was sie absolut nicht tolerieren kann. Zugleich ist sie erleichtert, nicht untergebracht worden zu sein, weil es ihr nicht mehr egal ist und sie vermutet, dass ihr eine solche Maßnahme zwar kurzfristig helfen, aber binnen Kurzem außerdem sehr schaden könnte. Sie hat starke Kopfschmerzen, verbucht das aber als gerechte Strafe wegen des Alkohols. Sie reißt sich wieder zusammen, hält es weiter aus. Traut sich sogar, sich am folgenden Tag erwartungslos, aber der Vollständigkeit halber nochmals in die Mailberatung der Telefonseelsorge einzuloggen, nachdem sie den Flyer des Krisendienstes Horizont in den Papiermüll geworfen hatte. Und liest, dass tatsächlich nach genau drei Tagen jemand geantwortet hatte, geschrieben hatte „hier ist ihre Chance“ „ich bin da für Sie und gehe gerne mit Ihnen in das Gespräch über Ihre Situation“. Sie fragt sich, was bei der TelefonSeelsorge unter Gespräch verstanden wird. Sie ergreift ihre Chance, indem sie sogleich zurückschreibt.

Denn es ist noch nicht vorbei. Es geht ihr auch heute sehr schlecht, aber sie schildert schriftlich ausführlich ihre Situation und hofft, hofft so dringend, dass ihr Gegenüber sie versteht, ihr hilft, ihr vielleicht sogar schreibt, wie es weitergehen kann. Einen Hinweis gibt, was sie noch tun kann. Sie loggt sich mehrmals täglich ein und wieder aus. Drei Tage später hat sie einen Gesprächstermin mit ihrer Psychiaterin. Der sie eine dreiviertel Stunde lang weinend von ihrer aktuellen Krisensituation berichtet. Die Psychiaterin kennt sie und beantwortet ihre dringenden Fragen, verfällt jedoch bei einem der Themen in Allgemeinplätze. Die depressive Autistin schaltet innerlich ab, nachdem sie gesagt hat, dass sie all das wisse.

Sie ruht sich nach dem Termin ein wenig aus, bevor sie einen weiteren Termin bei einer Psychiaterin zwecks Aufnahme in eine Tagklinik für Depressionen wahrnimmt. Natürlich wird sie im Verlauf des Gesprächs auch nach Suizidgedanken gefragt. Sie erzählt von ihren Erfahrungen der letzten Tage mit Suizidprävention und wie es ihr derzeit geht. Die Psychiaterin bedankt sich für die Ehrlichkeit und erwidert, das könne eigentlich gar nicht sein, aber: „Was Sie mir da erzählen, glaube ich Ihnen natürlich. Wir haben eine Warteliste. Rufen Sie doch einfach mal an und fragen, auf welchem Platz sie stehen“. Sie warnt die autistische Depressive mehrfach, dass ein Aufenthalt in der Tagklinik schwierig werden könne, weil dort Gruppentherapie stattfände und sie die einzige Autistin wäre. Die autistische Depressive erwidert, dass ihr das bewusst sei, sie aber etwas gegen die Depression unternehmen wollen würde und fragt, was sie denn jetzt noch machen könne. Die Psychiaterin antwortet: „Auf einen freien Platz in der Tagklinik warten. Ich wünsche Ihnen derweilen viel Glück“. Die zutiefst deprimierte Autistin geht. Erzählt all ihre Erlebnisse ihrem Psychotherapeuten, erzählt, sie sei erschöpft, wolle nur noch schlafen, am Liebsten nicht mehr aufwachen. Der sagt ihr, dass es in den nächsten Tagen nur darum ginge, zu überleben. Irgendwann werde es ihr wieder besser gehen. Aushalten sei die Parole. In drei Tagen sehe man sich wieder.

Fünf Tage nach dem Verfassen ist die zweite Mail an die TelefonSeelsorge noch nicht einmal gelesen. Die depressive Autistin ist mittlerweile eher verblüfft als verzweifelt. Und wundert sich, weshalb bei ihr Suizidprävention nicht hilft. Sie registriert, dass das System bei ihr nicht greift. Registriert das allerdings nicht zum ersten Mal, denkt über die Absurdität der Welt, die Menschen und deren Handeln nach. Versucht, sich von depressiven Gedanken mit der Verfolgung der aktuellen Nachrichten zum Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz und der bayrischen Autismus-Strategie abzulenken, letzteres erweist sich als wenig hilfreich. Verzieht grimmig die Mundwinkel resigniert minimal nach oben. Und wertet das als Erfolg des Tages.


Ein Kommentar

Bay-PsychKHG und Autismus-Strategie-Bayern: E-Mail an die Politik

Sehr geehrte Frau Huml (mdl@melanie-huml.de),

Sehr geehrte Frau Schreyer (mdl@kerstin-schreyer.de),

Sehr geehrter Herr Söder (edda.probst@soeder.de; markus.soeder@soeder.de),

als Autistin mit rezidivierenden depressiven Episoden habe ich die Petition von Uwe Hauck und Kristina Wilms gegen das Bay-PsychKHG unterschrieben. Ich bitte Sie, dass wenigstens einer von Ihnen als Verantwortlicher sich am Dienstag, den 24.04.2018 gegen Mittag die Zeit nimmt, um die Ergebnisse dieser Petition persönlich von den Initiatoren in Empfang zu nehmen.

Vor dem Hintergrund des derzeitig geplanten Inhaltes dieses neuen Gesetzes habe ich für mich beschlossen, aus Gründen des Selbstschutzes zukünftig mit keinem Therapeuten oder Arzt mehr über meine Depression zu sprechen. Ich muss hier abwägen, weil eine stationäre Unterbringung in einer Klinik m. E. gesundheitsschädlich für mich als Autistin wäre und mich zusätzlich stigmatisiert.

Zudem fordere ich Sie auf, mir zu erklären, weshalb für die geplante Autismus-Strategie-Bayern nur so wenig Mittel zur Verfügung gestellt werden und weitere 4 Jahre geredet, statt endlich gehandelt werden wird. Bitte vernetzen Sie sich umgehend mit Fachärzten wie Hr. Dr. Schilbach am MPI für Psychiatrie in München und den bayrischen Autismuszentren. Fördern Sie partizipative Autismusforschung und nutzen Sie bitte die bereits vorhandenen Informationsmöglichkeiten, statt weitere 4 Jahre Ressourcen zu verschwenden. Und binden Sie bitte in die Arbeitskreise unbedingt einen repräsentativen Querschnitt an Autisten als Fachkräfte in eigener Sache mit ein!

Es ist betriebswirtschaftlich und auch im Hinblick auf den Inklusionsgedanken und den Fachkräftemangel nicht zu verantworten, die Talente und Fähigkeiten von 85 % der hochfunktionalen Autisten, zu denen auch ich gehöre, zu verschwenden, indem sie nicht ausreichend dabei unterstützt werden, am ersten Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle zu finden und zu behalten.

Ich stellte bei der Deutschen Rentenversicherung 2016 einen Antrag auf berufliche Teilhabe am Arbeitsplatz, um Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung zu erhalten. Dieser Antrag wurde 2017 nach meinem Aufenthalt in der Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion wegen meiner Depression seitens der DRV in einen Rentenantrag umgedeutet. Statt Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Stelle zu erhalten, wurde ich zwangsverrentet, obwohl ich arbeiten wollte. Das ist angesichts meines abgeschlossenen Studiums zur Erziehungswissenschaftlerin vollkommen unverständlich für mich. Ich würde gern selbst Steuern zahlen, statt von Steuergeldern leben zu müssen und das, bevor ich zu alt dafür bin. Ich habe nicht die Zeit, noch jahrelang auf eine Autismus-Strategie-Bayern zu warten. Ich fordere Sie als politisch Verantwortliche auf, Stellung zu beziehen.

In der Erwartung einer Antwort grüßt Sie

Silke Wanninger-Bachem


6 Kommentare

Depression die Zweite

Oder die xte, so genau weiß ich das nicht. Ich habe viel darüber gelesen, Studien, Fachartikel, Fachbücher, Autobiografien. Ich habe aspergertypisch viel Wissen angesammelt. Nur: Zu wissen, dass es vorübergeht, dass dieser Zustand nicht ewig andauern wird, ist trotzdem schwer zu glauben, wenn man mittendrin steckt. Was dieser Zustand nicht ist: Etwas, das ich mir ausgesucht habe. Etwas an dem ich selbst schuld bin – wobei, wenn es so etwas wie eine genetische Disposition gibt, dann liegt ein Grund in mir selbst. Etwas, das ich mir nur einbilde, eine Modekrankheit. Etwas, das durch Bemerkungen wie „Reiß dich doch einfach mal ein bisschen zusammen, dir geht es doch wirklich gut, andere haben es viel, viel schwerer, die haben echt ganz andere Probleme, das was du machst, ist Jammern auf hohem Niveau“ definitiv nicht besser wird.

Du darfst dich nicht so hängenlassen, geh einfach mal raus, treib Sport, dann geht es dir gleich besser“ (Klar, auf die Idee wäre ich alleine nie gekommen, danke dir, sehr hilfreich. Seit Wochen nehme ich mir genau das jeden einzelnen Tag vor – und scheitere). „Du hast zu viel Zeit, suche dir eine Arbeit, dann denkst du nicht mehr so viel nach“ (Ach ja, ich spare es mir, dir das mit der Zwangsverrentung zu erklären. Und warum ich mir nicht mal eben so einfach irgendeine Arbeit suchen kann. Wie das mit den Chancen am Arbeitsmarkt und der Angst vor Bewerbungsgesprächen ist. Ich kann das übrigens auch prima im Büro machen, nachdenken. Aber wenn du mir den Ausschalter im Gehirn zeigst, dann denke ich auch nicht mehr so viel nach. Ich wäre dir dankbar dafür, ich suche ihn nämlich selbst schon seit Jahrzehnten). „So schlimm ist es doch eigentlich gar nicht, dir geht es doch gut“ (Doch. Es. Ist. So. Schlimm. Zumindest fühlt es sich für mich schlimm an, warum auch immer, ich verstehe es ja selbst nicht, wie sollte ich es dir dann erklären? Es ist nicht logisch, aber es ist). „Du musst einfach nur öfter unter Leute gehen“ (Äh, … [sehr lange Pause, während der ich mich frage, ob die Person irgendeine Ahnung hat] … nicht). „Denk doch einfach an etwas Schönes, guck, das Wetter ist so schön, die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern“ (Kann ich nicht. Ich geh nicht raus, die Sonne blendet mich und die sch… Vögel sind mir zu laut). „Blödsinn, das bildest du dir alles nur ein, Depressionen gibt es gar nicht, du hast nur ein bisschen schlechte Laune!“ (Nein, leider nicht, aber ich habe keine Kraft, mich zu rechtfertigen für meine Wahrnehmung). „Du brauchst einfach nur Struktur, mach dir doch mal einen Plan“ (Weiß ich, habe ich gemacht, ich schaffe es nur leider nicht, ihn einzuhalten). „Du musst nur zum Arzt gehen, da gibt es gut wirksame Tabletten dagegen, dann geht das schnell vorbei“ (Tja, habe ich versucht, mehrfach, nutzte nur nichts. Schadete aber und war heftig, du willst ganz sicher nicht am eigenen Leib erfahren, was diese Tabletten alles bewirken können. Und ich will nie mehr im Leben nicht mehr zu Hause in meinem eigenen Gehirn sein müssen – lieber halte ich irgendwie diesen Zustand aus. Falls Ärzte das hier lesen: NEIN, das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich mir nicht helfen lassen will, dass ich überempfindlich bin. Ihr steckt nicht in mir drin, ihr müsst die Nebenwirkungen nicht aushalten, nehmt die Tabletten bitte mal selbst und seht, was passiert). „Du solltest dir Hilfe suchen, ein stationärer Aufenthalt wäre wirklich sinnvoll“ (Öhm, glaube ich nicht. Warst du schon einmal in so einer Klinik? Ich könnte dir erzählen, wie es für mich dort war. Bis heute lässt mich die Frage nicht los, wieso zum Teufel es der Zimmerbettnachbarin sinnvoll erschien, innerhalb einer geschlossenen Station eine in Tabak gewickelte Rasierklinge zu schlucken. Verstehe ich einfach nicht – weder wie so etwas überhaupt funktioniert, noch, inwiefern die Aussage wahr ist, dass man auf so einer Station vor sich selbst geschützt wird. Mich hatte übrigens auch niemand vor dem Patienten – oder war es ein Pfleger, die konnte ich dort nicht auseinanderhalten – geschützt, der mir in die Dusche nachschlich. Und ich kann nicht nachvollziehen, weshalb mir ein 5minütiges Gespräch mit einem mir unbekannten Psychiater innerhalb von fünf Tagen mehr helfen soll, als die derzeit wöchentlichen 50minütigen Gespräche mit meinem mir bekannten Therapeuten. Aber vielleicht macht das alles ja tatsächlich irgendeinen Sinn und nur ich verstehe ihn wieder nicht – wie so vieles).

Gebt mir keine Ratschläge, was ich machen soll, damit es mir besser geht. Die frustrieren mich nur und die Ideen hatte ich alle selbst schon. Weil es nicht so einfach ist, ich versuche täglich, mich aufzuraffen und etwas zu tun, aber es scheitert zurzeit meistens schon im Ansatz. Und dann fühle ich mich noch mehr als Versager, weil ich es nicht hinbekomme, euren Ratschlägen zu folgen und Dinge zu unternehmen, damit es mir besser geht. Gedanken, dass ich mich im Grunde selbst sabotiere, selbst schuld daran bin, dass es mir schlecht geht. Nur eine Last für andere bin, nichts wert bin, ein totaler Versager bin, liegen dann nicht fern. An besseren Tagen kann ich sie wegschieben, mir sagen, dass es nicht wahr ist, diese Gedanken ein Symptom der Krankheit sind. An nicht so guten Tagen gelingt mir das nicht und dann wird es schwierig. Schwieriger als es sowieso schon ist, also lasst es, gebt mir bitte keine Ratschläge.

Und sagt mir vor allem nicht, dass es nicht stimmt, was ich euch erzähle. Nehmt mich ernst, glaubt mir, hört mir zu, mehr will ich doch gar nicht von euch.