SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Tage der Überforderung – muss das denn wirklich sein?

Es ist frustrierend, immer und immer wieder dabei Probleme zu haben, wenn ich mich um (gesetzlich garantierte) Unterstützungsleistungen bemühe, indem ich Krankengeld beantrage und einen Antrag auf berufliche Rehabilitation stelle. Ich empfinde es als ungerecht, wie mit mir umgegangen wird. Und ich verstehe es nicht. Denn es ist unlogisch. Nach meinem Verständnis sollte meiner Krankenkasse daran gelegen sein, dass ich schnellstmöglich gesund werde. Und das Ziel der beruflichen Rehabilitation sollte darin liegen, dass ich schnellstmöglich wieder eine Stelle finde. Trotz meiner Schwierigkeiten, die ich mir nicht ausgesucht habe und die ich auch nicht vorsätzlich herbeigeführt habe. Ich kann nichts dafür, Autistin zu sein und ich kann auch nichts dafür, dass ich eine Depression habe.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich mich frage, warum es mir bitte so schwer gemacht werden muss. In der Post war ein Brief meiner Krankenkasse, in dem ich aufgefordert werde, bis 12.10. einen Befundbericht meiner behandelnden Ärztin einzureichen, andernfalls wird mir das Krankengeld verwehrt. Selbst wenn meine Ärztin es schafft, diesen Befundbericht heute noch zu schreiben, wovon nicht auszugehen ist, ist die Frist zu kurz. Erfahrungsgemäß dauert es mehrere Werktage, bis Post von der medbo bei mir ankommt und dann muss ich diesen Bericht noch zur Krankenkasse weiterschicken. Das hätte sich die Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse auch selbst ausrechnen können. Ich frage mich, was so eine Fristsetzung für einen Sinn hat. Ich meine, das führt auch beim nichtautistischen Versicherten zu einem massivem Stresserleben und Existenzängsten. Selbst völlig ohne Kenntnis meiner Diagnosen hätte klar sein müssen, dass dieses Schreiben garantiert nicht gesundheitsförderlich ist.

Ich habe eine mir zugeteilte Reha-Sachbearbeiterin bei der Deutschen Rentenversicherung, die meine Diagnosen kennt. Meiner Ansicht nach hat sie die Pflicht, sich darüber zu informieren, wenn sie bisher keine Kenntnis der damit einhergehenden Behinderungen hat, um mich bestmöglich unterstützen zu können. Ich frage mich, warum sie sich dann so denkbar kontraproduktiv verhält?

Den Termin zum ersten Beratungsgespräch an einem Donnerstag im August hatte sie äußerst kurzfristig per Mail einen Tag vorher wegen „unvorhersehbarer Gründe“ abgesagt und auf Freitag verlegt. Obwohl mein Mann extra Urlaub für diesen Termin genommen hatte und ich mich auf den Termin eingestellt hatte.

Im Beratungsgespräch hatte sie mir nur eine Maßnahme vorgeschlagen, deren Rahmenbedingungen mir nicht autistenfreundlich erschienen. Auf meine Rückfragen zu diesen Rahmenbedingungen erhielt ich von ihr für mich undurchführbare Lösungsvorschläge. Ich könne unter der Woche im Wohnheim wohnen. Die Betreuung erfolge durch wechselnde Sozialpädagogen. Es werde besonderen Wert auf viele betriebliche Praktika in möglichst vielen unterschiedlichen Betrieben und Werkstätten gelegt, um meine Belastungsfähigkeit wiederherzustellen. Bei diesem Szenario war es fast schon egal, dass mich zusätzlich die beiden Worte Betreuung und Werkstätten massiv verunsicherten. Meine Nachfrage, inwiefern mir diese Maßnahme als autistischer Akademikerin helfen solle, wieder im Berufsleben integriert zu werden, ließ meine Sachbearbeiterin offen. Stattdessen meinte sie, sie könne im Moment eh nichts für mich tun.

Zu solchen Terminen muss mein Mann mich immer begleiten, weil ich oft Schwierigkeiten habe, adäquat zu reagieren, wenn ich Unvorhergesehenes gefragt werde oder ich nicht verständlich meine Anliegen übermitteln kann. Wir hatten wie immer ausgemacht, dass er das Gespräch übernehmen würde, wenn ich ihm ein vorher vereinbartes Zeichen geben würde oder er mir ein Zeichen geben würde, wenn er den Eindruck bekäme, dass Missverständnisse entstünden. Den größten Teil der Zeit redete sie aber sowieso nur mit meinem Mann. Meine Sachbearbeiterin behauptete, ich müsse zuerst einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen, vorher wäre sie sowieso nicht für mich zuständig. Diesen Antrag könne ich allerdings nicht bei ihr, sondern müsse ihn bei meiner Heimatgemeinde stellen. Warum erklärte sie nicht. Mein Mann signalisierte mir zu diesem Zeitpunkt, dass ich nicht mehr nachfragen solle und beendete das Gespräch. Draußen erklärte er mir dann, dass er nicht den Eindruck gehabt hätte, dass diese Sachbearbeiterin mich unterstützen wolle. Er meinte, ich sollte dann einfach möglichst schnell diesen Antrag stellen.

Bei dem Versuch, am Montag nach dem Beratungsgespräch ohne die Unterstützung meines Mannes – der musste schließlich arbeiten – diesen Antrag abzugeben, fragte der Sachbearbeiter in der Gemeinde telefonisch bei der Sachbearbeiterin in der DRV nach, weshalb ich eigentlich einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen müsse. Ihre Antwort, die ich mithören konnte war: „Das stimmt so nicht, die Dame will einen Antrag stellen“. Diese Aussage war definitiv unrichtig. Ich hatte bei dem Beratungsgespräch nicht gesagt, ich will einen Antrag stellen, das Gespräch war erst drei Tage her, ich erinnerte mich sehr genau an alles, was besprochen wurde. Der Sachbearbeiter in der Gemeinde riet mir, keinen Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen, sondern erst eine Kontenklärung vornehmen zu lassen. Er erklärte mir insbesondere die Nachteile einer solchen Antragstellung in meiner Situation. Ich war aber mit der Absicht gekommen, den übers Wochenende ausgefüllten Antrag abzugeben und nicht so flexibel, dass ich sofort froh über seinen Rat war. Ich stand überfordert im Raum mit meinem Antrag in der Hand und begann zu heulen. Für eine erwachsene Frau von 52 Jahren ganz sicher kein adäquates Sozialverhalten. Leider passiert mir so etwas immer wieder, weshalb ich es nach Möglichkeit vermeide, mich ohne Unterstützung in solche Situationen zu begeben.

Ich hatte mich noch während meiner Zeit in der TKSI bei auticon beworben. Sie hatten zwar bisher kein Projekt, bei dem sie mich einsetzen hätten können, schlugen mir aber vor, an einer Vorbereitungswoche teilzunehmen. Ich solle vorher bitte in Erfahrung bringen, ob meine Teilnahme als Maßnahme zur beruflichen Eingliederung beim Arbeitgeber gelten würde.

Ich fragte beim Arbeitsamt nach, wurde jedoch an die DRV verwiesen, weil beim Arbeitsamt wegen meines Reha-Antrages ein Förderverbot bestünde. Am 02. September schrieb ich eine E-Mail an meine Sachbearbeiterin, in der ich sie davon in Kenntnis setzte, dass ich in den kommenden Wochen mit meinem Mann im Urlaub wäre und im Ausland nur eingeschränkt erreichbar sei. Am 04. September erhielt ich von ihr einen Einzeiler ohne Anrede oder Grußformel, in der ich nach meiner Versicherungsnummer gefragt wurde. Ich wunderte mich, wieso ausgerechnet meine DRV-Beraterin meine Sozialversicherungsnummer nicht hat, obwohl diese links oben auf dem Einladungschreiben zum Beratungsgespräch gestanden hatte? Vielleicht meinte sie ja auch meine Krankenversicherungsnummer? Aber die hätte sie von der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die ich ihr in meiner Anfragemail im Anhang mitgesendet hatte ablesen können. Ich fragte meinen Mann, weshalb ich zwar gelernt hatte, dass E-Mails immer mit Anrede und Grußformel am Ende zu schreiben sind, es in einer Versicherung aber scheinbar unüblich zu sein schien, sich an diese Gepflogenheiten zu halten? Ich schrieb also am 07. September eine Antwortmail, in der ich ihr sowohl meine Sozialversicherungsnummer, als auch meine Krankenversicherungsnummer mitteilte.

Zurück aus dem Urlaub hatte ich immer noch keine Antwort, die Vorbereitungswoche bei auticon soll aber schon am 11. Oktober beginnen. Ich besprach bei meinem nächsten Arzttermin mit meiner Ärztin, wie es weitergehen sollte. Sie hat die Teilnahme an der Maßnahme bei auticon trotz weiterer Krankschreibung befürwortet. Ich bin wegen Autismus und Depressionen krank geschrieben. Mit meiner Teilnahme an dieser Maßnahme tue ich laut ihr aktiv etwas gegen die Depression.

Ich schickte der Sachbearbeiterin bei der DRV heute eine zweite Anfrage mit der Bitte, mir bis spätestens 10. Oktober zu antworten. Ihre Antwort bekam ich umgehend: Die Anfrage werde im Team bearbeitet, sie hält eine Teilnahme an der Vorbereitungswoche aber wegen meiner Krankschreibung nicht für empfehlenswert. Eine Woche vor Beginn noch keine Antwort der DRV auf meine Anfrage zu haben, ist für mich sehr belastend, weil das viel zu kurzfristig ist. Ich habe so keine Planungssicherheit. Und warum empfiehlt mir meine eigene Sachbearbeiterin, dass ich nicht an der Vorbereitungswoche teilnehmen soll? Ich bemühe mich selbständig um eine Lösung meiner beruflichen Situation und kümmere mich aktiv darum, eine neue Stelle zu finden. Ich erhalte bei einer Firma eine Chance, die nachweislich geeignete Arbeitsplätze für Autisten anbietet. Und dann soll ich diese Chance nicht nutzen? Obwohl die Sachbearbeiterin der DRV mir dabei helfen soll, wieder im Arbeitsleben integriert zu werden? Stattdessen behindert sie mich nach meinem Erleben.

Die Folgen der Nachrichten des heutigen Tages waren: Nichts von dem geschafft, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte, ein Heulanfall, eine Schimpftirade, weil ich völlig außer Fassung geriet, heftige Kopfschmerzen und jetzt das Gefühl der tiefen Erschöpfung. Meiner Ansicht nach sollte das nicht sein, wenn es tatsächlich darum ginge, mich bestmöglich zu unterstützen. Aber wahrscheinlich ist es nur meiner schizoiden und paranoiden Persönlichkeitsakzentuierung zuzuschreiben, wenn ich ein System hinter solchen Vorkommnissen vermute und zunehmend keine Kraft mehr habe, mich mit Sachbearbeitern und Unterstützungsanträgen auseinanderzusetzen.

Aufgeben ist natürlich keine echte Option. An Tagen wie heute wünschte ich mir nur, es wäre nicht alles so ein unglaublicher K(r)ampf.

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Offen mit Autismus und Depressionen umgehen – darf man das?

Inzwischen gibt es hin und wieder ein paar gute Tage. Tage an denen mir etwas gelingt, an denen ich es schaffe Staub zu saugen und zu putzen. Sogar Tage, an denen ich begonnen hatte, an meinem Teich weiter zu graben. Es kann gar nicht genug Teich geben, das ist schon mal klar. Je mehr Teich, desto mehr Möglichkeiten, am Ufer sitzend auf Fische zu starren. Darüber nachzudenken, welche Formationen sie schwimmen. Die Reflexionen des Sonnenlichts auf den Schuppen zu sehen, wenn sie fressen. Zu beobachten, welche Muster sich ergeben, welche Schwärme welches Revierverhalten zeigen und wer mit wem schwimmt – stundenlang auf Fische starren tut mir gut. Und es ist gut, sich bei einer Depression sportlich zu betätigen und aus dem Haus zu gehen. Dazu ist ein Gartenprojekt, bei dem man an der frischen Luft ganz viel Erde per Schubkarre und Handarbeit mit Spaten von A nach B verbringen muss, für mich als Autistin perfekt geeignet.

Leider kann ich das nicht andauernd machen, im Moment wäre es sogar denkbar ungünstig im Regen zu sitzen und zu frieren oder draußen zu schwitzen bei der Fische-starr-Flächenvergrößerung. Ich dachte, es ginge jetzt endlich wieder aufwärts. Aber schon seit mehr als einer Woche schleppe ich mich vom Bett zum Tisch, von dort zum Sofa und zurück ins Bett. Gut, derzeit bin ich richtig unangenehm körperlich krank. Das könnte eine Erklärung sein. Die andere Erklärung wäre, dass ich schlicht und ergreifend immer noch ziemlich depressiv bin.

Laut der Sachbearbeiterin in der Deutschen Rentenversicherung, bei der ich letzten Monat einen Termin wegen meines Antrages auf Teilhabe am Arbeitsleben und wegen meiner beruflichen Zukunft hatte, bin ich vollschichtig erwerbsfähig. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es Zeit meines Lebens noch nie geschafft habe, Vollzeit zu arbeiten: Warum nur fühle ich mich so überhaupt nicht erwerbsfähig? Ich bin immer noch krank geschrieben. Seit nunmehr einem halben Jahr bin ich ununterbrochen arbeitsunfähig krank geschrieben. Obwohl ich mich nach der langen Zeit doch eigentlich hätte erholt haben müssen.

Eigentlich müsste ich inzwischen wieder die Kraft haben, den Kampf weiter zu kämpfen, eine neue Arbeitsstelle zu suchen, wieder von vorne anzufangen. Unbelastet, keiner kennt mich, ich habe noch keine nicht wieder gut zu machenden soziale Fehler im Umgang mit den Kollegen gemacht, neue und hoffentlich interessante Aufgaben warten. Aber allein der Gedanke daran, mich um eine neue Stelle bemühen zu müssen, führt dazu, dass mir der Angstschweiß ausbricht. Ich kann mir seltsamerweise absolut nicht mehr vorstellen nochmals in irgendeinem Büro zu arbeiten. Schon gar nicht kann ich mir vorstellen das nicht alleine, sondern mit Kollegen zu tun. Ich wüßte nicht einmal, wie ich mit ihnen reden sollte. Ich wundere mich, dass mir das mal gelungen ist, verstehe nicht, wie ich es geschafft habe. Beim Gedanken daran kommen mir die Tränen und mir tut der Magen weh. Alles psychosomatisch, ich weiß – aber auch wenn es keine körperliche Ursache hat, die Magenschmerzen tun trotzdem weh. Kann natürlich auch sein, dass meine Weinerlichkeit und die Magenschmerzen daher rühren, weil ich mir nutzlos vorkomme und weil ich Versagensgefühle habe. Und solche Gedanken und Gefühle wiederum sind laut Literatur typisch bei einer Depression.

Jetzt könnte man meinen, dass ich doch gar keinen Grund habe, mich zu beklagen. Immerhin bin ich daheim, seit einem halben Jahr habe ich frei. Aber ich schaffe es nicht einmal trotz all der „Freizeit“, die ich dank der Krankschreibung habe, mich mit meinen Hobbys zu beschäftigen. Mich darum zu kümmern, wie es im Studium weitergeht. Jetzt hätte ich seit einem halben Jahr die Zeit gehabt, die Reader des letzten Moduls vollständig zu lesen, ein Hausarbeitsthema zu finden, Literatur zu recherchieren und loszuschreiben. Und was habe ich davon erledigt? Genau – nichts. Was ist aus meinen Plänen geworden, mich mit Ubuntu zu beschäftigen, C++ zu lernen, die Literatur-Datensammlung zu ordnen, alle Folgen von GoT anzusehen? Tag um Tag verbringe ich damit, mir vorzunehmen etwas davon ganz bestimmt am nächsten Tag anzufangen.

Und Tag um Tag vergeht, eine lange Reihe an Tagen mittlerweile. Zu einer Depression gehört augenscheinlich Geduld – es bleibt also schwierig, denn Geduld gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Hinderlich ist auch das Gefühl, dass es seit längerem eigentlich nur noch Abwärts geht. Mein Leben besteht mittlerweile gefühlt seit ewiger Zeit, tatsächlich seit drei Jahren überwiegend daraus, wahlweise körperlich erkrankt, erschöpft oder antriebslos auf dem Sofa herum zu Gammeln und nichts mehr zustande zu bringen. Nach wie vor überkommt mich täglich die Sinnfrage. Es ist schwierig in dem Zustand den Spaß am Leben zu sehen. Lebensqualität ist nicht wirklich gegeben.

Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass es problematisch werden könnte jemals wieder eine neue Arbeitsstelle zu finden, wenn ich öffentlich von meinem Autismus schreibe und insbesondere von einer Depression. Meiner Ansicht nach gehört der komplette Bereich der psychischen Erkrankungen aber aus der Verheimlichungsecke heraus. Wenn eine Depression tatsächlich eine Erkrankung ist, dann sollte man genauso darüber sprechen dürfen wie über eine Blasenentzündung oder einen grippalen Infekt. Wo ist der Unterschied? Alles sind heilbare Erkrankungen, die einen arbeitsunfähig werden lassen können. Angeblich – bei der Depression habe ich mittlerweile so meine Zweifel bezüglich der Heilbarkeit, immerhin scheine ich seit meiner Jugend immer mal wieder depressiv zu sein.

Eine Autismus-Spektrum-Störung (soweit ich auf dem Laufenden bin, soll man das Wort Störung nicht mehr benutzen – in Ermangelung einer zufriedenstellenden anderen Bezeichnung bleibe ich aber dabei) ist zwar weder eine Erkrankung noch ist sie heilbar. Trotzdem denke ich, dass es, zumindest für mich, unabdingbar ist, offen damit umzugehen. Ich glaube, dass ich nicht mehr versuchen sollte mich an eine Arbeitsstelle anzupassen. Das hat Zeit meines Lebens bisher nicht geklappt. Es ist wichtig, dass ein zukünftiger Arbeitgeber weiß wo meine Schwierigkeiten liegen, wenn ich denn irgendwann in der Zukunft (hoffentlich bald) fähig sein werde wieder einer Teilzeit-Erwerbsarbeit! nachzugehen. Mir ist inzwischen klar, dass ich wahrscheinlich niemals genügend Energie haben werde, um ganztags arbeiten gehen zu können. Ich arbeite daran, das nicht mehr als persönliches Lebensversagen zu sehen, sondern als nachvollziehbare Folge meines Autismus. Und dass ich unbedingt eine Stelle finden muss, bei der sich die Rahmenbedingungen an meine Bedürfnisse anpassen lassen. Damit ich gesund bleiben kann – soweit ich das wieder werde.

Ich hoffe, die Zusammenhänge kann ich der Sachbearbeiterin von der Rentenversicherung verständlich erklären, wenn ich das nächste Mal zu einem Beratungsgespräch über meine berufliche Zukunft eingeladen werde. Das letzte Mal verlief nämlich denkbar irritierend. Ich bekam als für mich passende berufliche Rehabilitationsmaßnahme vorgeschlagen, in dieses berufliche Trainingszentrum zu gehen. Der „Erwerb von Schlüsselqualifikationen, die Steigerung der Belastbarkeit und das (Wieder-) Erlernen des Rollenverhaltens“ (Quelle) als seelisch erkrankter Arbeitnehmer stehen im Vordergrund des mir anempfohlenen Trainings. Dort solle ich dann mittels Kursen aus den Themenbereichen

  • Büroorganisation
  • Schriftverkehr
  • PC-Kenntnisse
  • Computertechnik
  • Grundkenntnisse der Verwaltungsorganisation
  • Grundkenntnisse der Buchhaltung
  • Grundkenntnisse des Personalwesens
  • Mediengestaltung (Quelle)

eine Lösung für meine berufliche Situation finden. Zudem gäbe es laut Sachbearbeiterin ein Anpassungstraining in der Gruppe, bei der ich soziale Kompetenz erlernen könne. Auf meine Frage, ob sich die Fachkräfte dort auch mit Autismus auskennen würden erhielt ich die Antwort: Betreut werde man von Sozialpädagogen. Ein sehr wichtiger Baustein der Maßnahme seien möglichst viele betriebliche Praktika. Ganztags, in wechselnden Betrieben und in der Werkstatt. Wegen des weiten Anfahrtsweges könne ich während der Woche im dortigen Gästehaus logieren. Vor Beginn dieser Maßnahme müsse ich jedoch erst noch einen Erwerbsminderungsrentenantrag stellen, davor könne sie gar nichts für mich tun. Aber das ginge nicht bei ihr, sie sei für diesen Antrag nicht zuständig.

Ich frage mich, inwiefern mir diese Maßnahme in meiner gesundheitlichen Situation und hinsichtlich meiner bereits vorhandenen beruflichen (Über)qualifikation als Steuerfachangestellte und Bildungswissenschaftlerin etwas Positives bringen soll. Ich hoffe wirklich, diese Beratungsgesprächsergebnisse sind nur dem fehlenden Wissen der Sachbearbeiterin über Autismus mit der Komorbidität Depression zuzuschreiben. Ich hoffe, Mitarbeiter in Ämtern und Behörden sind nicht lernresistent und durch zunehmende Verbreitung von Wissen über Autismus und Depressionen kann nicht nur ich zukünftig hoffentlich zielführender beraten werden. Auch deshalb scheint es mir imho sehr wichtig, offen mit meinen Diagnosen umzugehen.

Übrigens: Den Erwerbsminderungsrentenantrag habe ich bisher nicht gestellt. Und jetzt verschwinde ich wieder eine Zeitlang auf dem Sofa.

 

 


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TKSI – unbedingt empfehlenswert, zumindest für mich

Ende nächster Woche ist mein Aufenthalt in der TKSI zu Ende. Inzwischen funktioniere ich im Rahmen der Tagklinikstrukturen wieder ganz gut. Ob das ein stabiler Zustand sein wird, kann nur der Alltag und die Zukunft zeigen. Da ich die Diagnose rezidivierende Depression mitnehme, ist davon auszugehen, dass mich irgendwann im Leben wieder eine schwerere Depression einholen kann. Muss ich halt schneller sein – wenn es denn so einfach wäre. Aber ich habe in der Klinik das Wissen erlernt, um mitzubekommen, wenn Gefahr im Verzug ist und ich auf mich aufpassen sollte. Dazu habe ich jetzt ein Instrumentarium, das mir hilft, meine Grenzen zu akzeptieren; mit meiner Energie achtsam umzugehen; mir genügend Zeit und Raum zur Erholung zu lassen; die Haltung: „Zuerst die Arbeit und dann (vielleicht, wenn Zeit ist) das Vergnügen“ aufzugeben; meinen Perfektionismus mit Abstand zu betrachten und zu versuchen, auch manchmal Unperfektes zuzulassen; mich für Leistungen zu belohnen – geübt habe ich das alles bereits. Jetzt muss ich das Ganze noch in meinen zukünftigen Alltag integrieren.

Dem für mich wichtigsten Ziel, der Entwicklung einer längerfristigen beruflichen Perspektive, bin ich sehr viel nähergekommen. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Sozialdienstes der TKSI habe ich die Aussicht darauf, in absehbarer Zukunft wieder eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu haben. Genauer gesagt sieht es sogar so aus, als könne ich zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählen. Ich bin noch am Abwägen, welcher Möglichkeit ich den Vorzug geben sollte und ob nicht sogar beide Möglichkeiten miteinander zu vereinbaren wären. Die eine Möglichkeit ist eine Anstellung bei auticon als IT-Consultant im Software-Testing Bereich. Die andere eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU. Eine dritte Möglichkeit kann sich eventuell noch in Regensburg ergeben, wobei ich meine Kenntnisse aus dem Masterstudium einsetzen könnte. Was mich besonders bei allen drei Möglichkeiten begeistert ist, dass ich definitiv nichts mehr mit Verwaltung, Buchhaltung und allgemeinen Bürotätigkeiten zu tun hätte, von vornherein klar wäre, dass ich Autistin bin und die Rahmenbedingungen wesentlich passgenauer meine bisherigen autismusbedingten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz abfedern könnten. Bei allen drei Möglichkeiten könnte ich Stärken einsetzen, die ich bisher nie umsetzen habe können. Ich scheine nämlich der geborene Fehlerfinder zu sein, Fehler im System oder in Programmen oder in Texten fallen mir schon seit jeher auf. Ich finde es lustig, dass man tatsächlich damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann, auf alles zu klicken und dann rückzumelden, dass etwas nicht funktioniert oder falsch ist. Das mache ich sowieso ständig, hatte mir damit aber bisher eher keine Freunde gemacht. Die Überprüfung großer Datenmengen macht mir Spaß. Außerdem bin ich wirklich gut darin, passgenaue Literatur zu einem autodidaktisch zu erarbeitenden Thema zu finden, wissenschaftliche Texte zu redigieren bzw. zu schreiben und Vorträge zu gestalten – nur halten muss sie jemand anderes.

Was meine absoluten Stärken sind, wusste ich bereits als Jugendliche und damals wusste ich auch, welcher Beruf passend für mich wäre. Ich wollte Lektorin werden und irgendwann vielleicht einmal selbst Schriftstellerin. Jemand sein, der sehr viel lesen darf und damit am besten von zu Hause aus Geld verdient. Der im Hintergrund die Fehler findet, Geschriebenes besser macht, der mit Sprache umgeht, recherchiert, lebenslang eigenständig lernt. Leider scheiterte ich damals, weil ich nicht fähig war, ein Studium zu schaffen. Und in der Folge verlor ich mein Ziel aus den Augen wegen der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Also wurde ich mangels anderer Möglichkeiten Steuerfachangestellte. Verbrachte Jahre in diversen Büros, stets krank werdend.

Es ist schade, dass ich erst ein halbes Jahrhundert alt werden musste, um meine eigentlichen Begabungen einsetzen zu dürfen. Und erst durch die Autismus-Diagnose erkannt habe, was falsch lief und weshalb ich immer und immer wieder im Arbeitsleben scheiterte. Aber wenigstens habe ich jetzt endlich die Chance, doch noch erfolgreich zu sein. Und mir ist sehr bewusst, welchen maßgeblichen Anteil die Unterstützung in der TKSI daran hat. Für mich war mein Aufenthalt in der TKSI eine der besten Ideen, die ich in letzter Zeit hatte. Klar war nicht alles, was ich dort erlebt habe, durchgängig toll. Es gab anfangs ein gewisses organisatorisches Eröffnungs-Chaos, es gab immer wieder Termine, die kurzfristig ausfielen, weil beispielsweise Mitarbeiter erkrankten und keine Vertretung gefunden wurde. Aber was durchgängig zu spüren war: Ich wurde als Person mit all meinen individuellen Schwierigkeiten stets wertgeschätzt und es wurde mit allen verfügbaren Ressourcen versucht, mir sofort und möglichst umfassend zu helfen. Deshalb geht mein tiefempfundener Dank an die Menschen, die mich die vergangenen Wochen dort unterstützt haben und auch in Zukunft noch unterstützen wollen.


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TKSI zum Zweiten

Morgen ist der letzte Tag der ersten Woche meines zweiten sechswöchigen Durchlaufes in der TKSI. Mir wurde seitens der Klinik angeboten, meinen Aufenthalt nochmals um sechs Wochen zu verlängern. Dieses Angebot nahm ich gerne an. Ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich nach den sechs Wochen machen soll. Die Struktur in der Klinik tut mir gut. Eine Wiederholung von Inhalten stört mich keineswegs. Das Einzige, was es richtig schwierig macht, sind die neuen Mitpatienten.

Hier bediene ich das Autistenklischee: Ich komme mit Veränderungen nicht wirklich gut klar. Aber auch das gilt nur eingeschränkt, denn trotz meiner Aussage in einem vorherigen Blogbeitrag habe ich meine Essensroutine angepasst. Nachdem ein Mitpatient vorvorletzte Woche fragte, ob ich mit Mittagessen gehen würde, versuchte ich es nochmals mit einem Kantinenbesuch, weil das Wetter so schön war, dass ich draußen essen konnte. Ich trabte hinter ihm her in eine Ecke, die mir vorher gar nicht aufgefallen war. Und siehe da: Es gab eine Salatbar zum Selbermischen nebst laktosefreiem Dressing.  Das Mitschleppen meines laktosefreien Joghurtmüslis erübrigte sich ab diesem Moment.  Seither gehe ich mit meiner großen Salatschüssel auf den Balkon der TKSI und genieße in Ruhe und alleine ein gesundes Mittagessen.

Aus einem weiteren Grund ist ein verlängerter Aufenthalt gut. Vollständig arbeitsfähig fühle ich mich derzeit nämlich definitiv noch nicht. Gestern war ich an meinem Arbeitsplatz, um Schlüssel zurückzugeben und meine Sachen abzuholen, da mein Arbeitsvertrag Anfang Juni endet. Ich habe es glaube ich geschafft, diese halbe Stunde normal zu wirken, aber es war anstrengend und ich hätte nicht mehr lang durchgehalten. Dadurch, dass mir mittlerweile die Bedeutung und der Nutzen von Smalltalk bewusst ist und ich in den letzten Wochen genügend Zeit zum Üben hatte, fiel mir auch das relativ leicht. Immerhin hat meine zukünftige Exchefin mir gegenüber geäußert, dass sie sich freut, dass es mir wieder so gutgeht. Die Außenwirkung war demnach in Ordnung, meine Fassade hatte wohl keine sichtbaren Risse. Hoffe ich, denn wissen kann ich es nicht. Ich bin darauf angewiesen zu glauben, was sie mir sagt. Ein Kollege, der ebenfalls anwesend war gab mir den Rat mit auf den Weg, mir für die Zukunft eine Arbeitsstelle zu suchen, bei der ich nicht so oft in Kontakt zu anderen Menschen komme. Er meinte, dass die Bereiche, in denen ich gut gewesen sei leider nur einen sehr kleinen Teil der Stelle ausgemacht hätten. Mir ist klar, dass er recht hat, trotzdem hörte sich das nicht schön an. Jetzt weiß ich nicht, ob die Traurigkeit wegen dieser Aussage der Depression geschuldet ist. Im Grunde ist es egal, die Rahmenbedingungen der Arbeitsstelle haben nicht gepasst, weswegen ich krank geworden bin, also muss die nächste Stelle eine sein, bei der die Rahmenbedingunen besser passen.

Autismus, Depression und alles, was damit einhergeht, wie Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit und die psychosomatischen Reaktionen hängen miteinander zusammen. Wobei sie sich gegenseitig beeinflussen. Meine Überlegung ist: Wenn in mein Leben wieder Ruhe eingekehrt ist, ich eine Arbeitsstelle gefunden habe, genügend Zeit zum Eingewöhnen vergangen sein wird und die Unsicherheit der Probezeit oder eines befristeten Vertrages vorbei sein wird, dann wird es mir psychisch und in der Folge auch somatisch bessergehen. Die zusätzlich geschenkte Zeit in der TKSI kann ich dafür nutzen, die berufliche und die gesundheitliche Situation zu klären.

Mir wurde empfohlen, mit Hilfe eines Neuroleptikums meine Reizbarkeit und Reizsensitivität zu dämpfen. Danach hätte dann die Depression ebenfalls nochmals medikamentös behandelt werden können. Nach knapp zwei Wochen Medikamenteneinnahme hatte ich wie bei meinem ersten Versuch mit Antidepressiva etliche unschöne Nebenwirkungen. Ich war mir nicht sicher, auch eine dämpfende Wirkung zu verspüren. Wahrscheinlich wurde die jedoch von den Nebenwirkungen überdeckt. Ich empfand es als überaus positiv, dass meine Ärztin meine Bedenken und Überlegungen zu der Medikamenteneinnahme ernst nahm und auf meine Einwände und Befürchtungen einging. Sie betonte auch, dass die Entscheidung, Medikamente einzunehmen immer bei mir läge. Sie würde mich nach Kräften unterstützen. Wir kamen überein, dass ich außer Schmerzmitteln (wegen einer Schulterverletzung habe ich Schmerzen) nichts mehr nehmen werde. Denn meine Überlegung war: Ein Neuroleptikum kann ich maximal 3 Jahre lang einnehmen, währenddessen passt sich mein Gehirn über Rezeptorenvermehrung und Sensitivierung an, um den Ursprungszustand wiederherzustellen (so ganz stimmt das medizinisch scheinbar nicht, meine Ärztin sagte aber ganz offen, dass nicht klar ist, was genau im Gehirn abläuft und wie die Medikamente tatsächlich wirken). In dem Moment, wo ich die Medikamente dann absetzen muss, holt mich wegen des wiederum entstehenden chemischen Ungleichgewichtes im Gehirn die Depression vielleicht wieder ein und zusätzlich wäre ich eine Zeitlang noch reizoffener als anfangs. Eine ungute Kombination, die eventuell dann dazu führen könnte, dass ich meine Arbeitsstelle gefährde, die ich bis dahin gefunden zu haben hoffe. Weil der Nutzen durch die Medikamente für mich nur kurzfristig ersichtlich ist und ich nicht genau feststellen konnte, ob sie tatsächlich wirken, habe ich beschlossen, lieber keine zu nehmen.

Zum Glück habe ich bereits einen Psychotherapieplatz, so dass ich nach dem Klinikaufenthalt nahtlos eine Verhaltenstherapie machen kann, die mir dabei helfen wird, mit den alltäglichen Schwierigkeiten und den Problemen, die eine Depression mit sich bringt, umgehen zu können. Beides: Therapie und stabile Arbeitsstelle sollten meinem Leben so viel Struktur geben, dass die Depression abklingt, damit einhergehend die Reizoffenheit weniger wird und in der Folge Schlafstörungen und psychosomatische Stressreaktionen verschwinden.

Das klingt nach: Alles wird gut. Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass die körperlichen Probleme ebenfalls behandelt werden, denn die Schulterverletzung ist nicht von selbst ausgeheilt. Hier steht noch eine Abklärung bzw. eine erfolgreiche Behandlung an. Denn solange ich Dauerschmerzen habe, ist mein Stresslevel erhöht. Wobei die Schmerzen wiederum die Depression verstärken. Also ist ein wichtiger Schritt im Moment, die Schmerzen loszuwerden. Und eine neue Stelle oder eine finanzielle Lösung zu finden. Klingt nach einem guten kurz- bis mittelfristigen Plan, den ich die kommenden Wochen verfolgen werde. Und die neuen Mitpatienten werden in fünf Wochen gewohnte alte Mitpatienten für mich sein, genau wie beim ersten mal. Es besteht eine echte Chance auf: Alles wird gut.


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Autistin + Depression = Job weg – wie soll es weitergehen?

Am 18. Februar war ich in München auf einer Veranstaltung, bei der Dr. Leonhard Schilbach seine Arbeit und das Konzept seiner neuen Ambulanz / Tagklinik vor drei Autismus-Selbsthilfegruppen aus der Region (Nürnberg, Regensburg, München) vorstellte. Angesichts meines bevorstehenden Jobverlustes und der schlechten beruflichen Perspektive sprach mich besonders die dort angebotene berufsorientierte Therapie an.

Wieder zu Hause, bat ich meinen Mann, mich sofort dort anzumelden, bzw. auf die wahrscheinlich bereits vorhandene Warteliste setzen zu lassen. Eine solche Tagklinik, die Therapie für erwachsene hochfunktionale Autisten anbietet, gab es meines Wissens bisher nicht. Es erstaunte mich, dass ausgerechnet in Bayern und dann noch für mich in erreichbarer Nähe so etwas angeboten werden würde. Ich stand zwar seit meiner Diagnose auf der Warteliste der Diagnosestelle für ein ambulantes soziales Kompetenztraining, hatte aber noch keine Nachricht erhalten, wann ich dort voraussichtlich mit einem Platz rechnen konnte. Das in der Tagklinik angebotene Programm klang so, als könnte es hilfreich für die Bewältigung meiner drängendsten Probleme sein.

Da ich arbeitsvertraglich und gesetzlich verpflichtet war, mich bei einem befristeten Vertrag rechtzeitig beim Arbeitsamt zu melden, vereinbarte ich einen Termin. Das war autistenfreundlich erfreulicherweise per E-Mail möglich. Ich durfte auch meinen Mann als Begleitperson mitbringen. Meine Sachbearbeiterin hatte sich wohl umfassend vorab über Autismus informiert. Es wurde erstaunlicherweise ein sehr hilfreiches Gespräch. Sie teilte mir mit, dass ich mich besser nicht arbeitslos melden solle, weil weder jetzt noch in Zukunft mit einem passenden Jobangebot für mich zu rechnen sei. Sie halte es nicht für zielführend, mich dem vorgeschriebenen Arbeitsamtprozedere auszusetzen. Sie schlug mir vor, eine Rehabilitationsmaßnahme über die Rentenversicherung zu beantragen und/oder eine Erwerbsminderungsrente. Ich war positiv überrascht, weil ich damit gerechnet hatte, mich wieder einmal erfolglos für meine Schwierigkeiten rechtfertigen zu müssen und auf kein Verständnis wegen meiner Einschränkungen zu stoßen. Statt dessen traf ich auf ein kompetentes, sehr gut informiertes und an meinem Wohl interessiertes Gegenüber – nochmals ein herzliches Danke an dieser Stelle. Zu Hause musste ich dann all die Informationen und Eindrücke erst einmal ein paar Tage lang sortieren. Ich stellte den Antrag auf Teilhabe am Arbeitsamt (berufliche Reha) bei der Rentenversicherung.

Aber eine Rente kann ich mir nicht vorstellen. Bei all meinen Qualifikationen und meiner akademischen Ausbildung muss es doch irgendwo einen Arbeitgeber geben, der meine fachlichen Fähigkeiten im Blick hat, statt sich auf die allseits geforderten Softskills und die „Team“passung – sprich der Fähigkeit, in der Kaffeeecke per Smalltalk zu netzwerken – zu fokussieren. Zugegeben, darin bin ich eher schlecht. Aber ich behaupte, dass ich keineswegs teamunfähig bin und auch nicht keine sozialen Kompetenzen habe. Ich kann und will arbeiten – allerdings kann ich mich nur innerhalb gewisser Grenzen im Büroalltag anpassen und ungünstige Rahmenbedingungen nicht längerfristig aushalten oder mich daran gewöhnen.

Ich bin einfach eine ganz normale, demnächst leider arbeitslose, mittlerweile auch deshalb depressive, hochfunktionale 52 jährige Autistin, die einen Platz in dieser für Autisten leider überwiegend unpassenden Arbeitswelt sucht.

Ich weiß nicht, wie es ab Juni beruflich für mich weitergehen soll. Im Moment bin ich noch krank geschrieben. Da das Krankengeld jedoch nicht so hoch ist wie mein bisheriges Arbeitsentgelt, fehlen jeden Monat ca. 30% meines bisherigen Einkommens in der Familienkasse. Das geht nicht lange gut. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was ich ab Juni tun werde und die Tatsache, dass meine Arbeitslosigkeit spätestens dann existenzbedrohend wird, wenn ich kein Krankengeld mehr erhalte und/oder nach einem Jahr Arbeitslosengeld überhaupt kein Geld mehr von irgendeiner Institution im sozialen Wohlfahrtsstaat, trägt ganz bestimmt nicht dazu bei, aus dem Depressionsloch zu kommen. Eine Perspektive muss her und das möglichst bald.


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Depression und Autismus

Das besonders Fiese an einer Depression ist, dass man nicht mehr so gut denken kann wie sonst. Zumindest ist das meine subjektives Empfinden. Daneben stören mich die schnelle Erschöpfbarkeit und der fehlende Antrieb. Immerhin haben die aber den Vorteil, dass man die mangelnde Denkfähigkeit nicht so mitbekommt, weil man nichts tut oder erledigt, und es einem vielleicht gar nicht auffällt.

Jetzt scheint es aber wohl bei mir so zu sein, dass ich mit einer mittel bis schweren Depression (sagt der Oberarzt) trotzdem Dinge erledigen kann, was nicht jedem Depressionskranken möglich ist. Ich habe es in den letzten zwei Wochen dann doch noch geschafft, mich aufzuraffen, eine Modulabschlussarbeit für mein Fernstudium zu schreiben. Und dabei konnte ich diese kognitiven Einschränkungen leider ziemlich gut beobachten. Gleichzeitig halfen mir die Fokussierung auf das Thema und das Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit  aus dem Depressionsloch herauszukommen. Arbeit hilft – es muss nicht nur körperliche Arbeit oder Sport sein. Allerdings war das Schreiben diesmal ein wirklich mühsames Unterfangen. Obwohl ich das Studium als mein Hobby bezeichnen würde und ich bisher sehr gerne studiert hatte. Ich hatte neben den großen Schwierigkeiten überhaupt anzufangen zu schreiben, ein riesen Problem mit logischem Denken. Als ich dann endlich Text verfasste, speicherte ich jeden Tag die neueste Version der Arbeit ab. So war es mir möglich, nachzuvollziehen wie gut oder besser gesagt schlecht meine Denkleistung war.

Und ich muss sagen: Es ist einfach nur frustrierend, sich beim „Nichtdenken-Können“ selbst zuzusehen. Es gab in den früheren Versionen keinen roter Faden, keine durchgängig schlüssige Argumentation und sehr sprunghafte Gedankengänge. Außerdem konnte ich kein stilsicheres Deutsch mehr, machte Grammatikfehler und mehr Rechtschreibfehler als sonst. Dadurch, dass ich im Lauf der zwei Wochen immer „wacher“ wurde, konnte ich das auch selbst bewerten. Zum Glück hatte ich Korrekturleserinnen, die mich auf all meine Fehler aufmerksam machten, so dass ich letzten Endes eine abgabereife Arbeit hatte.

Meine Folgerung: Eine Depression ist ein tückischer Zustand, in dem man sich am besten nicht mehr auf die eigene Denkleistung verlassen sollte. Wahrscheinlich wird das die schlechteste Note meiner Masterlaufbahn, aber egal. Hauptsache, ich habe es trotz Depression überhaupt geschafft, sie abzugeben, darüber bin ich sehr froh.

Ich klettere derweilen zwar langsam, aber stetig weiter aus meinem Loch. Und erledige ein Ding nach dem anderen – lieber schneckös als gar nicht.


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Depression – wenn nichts mehr geht

Das fasst das Ganze zusammen. Und trifft es nicht ganz. Denn etwas geht immer, immerhin stehe ich jeden Tag auf, um das Cappucino-Zeitung-Sudoku-Morgenritual zu zelebrieren. Und ich lese, exzessiv – wie früher, und wieder und wieder dieselben Bücher. Immerhin. Aber sonst geht eben nichts mehr.

Noch vor einem Jahr schaffte ich für mich jetzt unvorstellbare Höchstleistungen. Und heute geht nahezu gar nichts mehr. Schleichend zuerst, es wurde immer weniger, was ich noch erledigte an Haushaltspflichten. Immer öfter lag ich auf der Couch, gut ging es mir am Ende nur noch, wenn ich schlief. Leider wachte ich immer wieder auf.

Jetzt bin ich sogar seit mehreren Wochen krank geschrieben, gehe nicht in die Arbeit, das heißt, der Hauptbelastungsfaktor ist weg. Eigentlich müsste es jetzt doch besser geworden sein. Ich dachte, die Überlastung wegen der Rahmenbedingungen der Arbeitsstelle wäre der Grund für meinen Zustand. Nach meiner Logik sollte ich wieder funktionieren, wenn ich dieser andauernden Überlastung nicht mehr ausgesetzt bin. Es ist aber nicht so, ich kann aus irgendeinem Grund nicht wieder anfangen, zu funktionieren. Obwohl ich mir seit Wochen täglich vornehme, mich an den Schreibtisch zu setzen und etwas für mein Hobby, das Studium zu tun, tue ich nichts, Tag für Tag. Es wäre schön, nicht nur zu denken, ich müsste dringend saugen, sondern den Staubsauger tatsächlich zu holen und in Gang zu setzen. Aber es geht nicht. Ich weiß nicht warum. Ich verstehe es nicht. Es kann doch nicht sein, dass einfach so nichts mehr geht.

Ein Medikament dämpfte kurzfristig ein wenig den empfundenen Schmerz, meine arbeitsstellenbefreite Zeit nicht nutzen zu können, brachte aber zusätzlich so unangenehme Nebenwirkungen, dass ich wieder aufhören musste, es zu nehmen. Ich denke, ich habe dem Medikament eine faire Chance gegeben. Stellt sich die Frage, wie vielen anderen dieser Sorte Medikament ich eine Chance geben muss – und was sie mir neben einer Vielleichtwirkung an Wirkungen bringen werden.

Schön wäre, wenn mir jemand sagen könnte, dieser Zustand dauert durchschnittlich soundsoviele Wochen, dann wird es besser. Denn es wird nicht besser, ich habe eher den Eindruck, es wird schlechter. Wenn mein Mann nicht da ist, stehe ich nicht einmal mehr von der Couch auf. Wenn er da ist, wechsle ich abends wenigstens ins Bett. Und nur er schafft es noch, mich zu überzeugen, mich von dort ab und an doch noch wegzubewegen. Zu einer Veranstaltung zu gehen, zu der ich eigentlich gerne gehen wollte, als ich vor Monaten von ihr erfuhr. Dort angekommen, wusste ich seltsamerweise nicht, was ich dort sollte, wollte nicht dort sein, war jedoch zu erschöpft, um wieder zu fahren. Also blieb ich, und versuchte, mich zu motivieren. Aber es ging nicht. Mich interessiert nichts mehr so richtig.

Sogar Sachen, die mich früher sehr interessierten, motivieren mich nicht mehr. Ich schaffe es nicht, mich aufzuraffen, obwohl ich es mir fest vornehme. Der Gedanke: „Aber heute fange ich wirklich an“, kommt, verweilt bis kurz nach dem Aufstehen und verblasst spätestens nach dem Cappucino-Zeitung-Sudoku-Morgenritual. Ich schaffe es nicht, weiter als bis zur Couch zu gehen. Jeder Versuch, etwas zu beginnen, scheitert, bevor er richtig begonnen hat. Sofort meldet sich eine unglaubliche Erschöpfung – obwohl ich im Grunde Tag für Tag nur das Gleiche mache: Aufstehen, Cappucino-Zeitung-Sudoku-Morgenritual, auf der Couch liegen und lesen. Und das schlechte Gewissen immer leiser werdend murmelt: Wieder ein Tag, der vorübergeht, in einer mittlerweile sehr lang erscheinenden Aneinanderreihung an Tagen verschwindet.

Manchmal bäumt noch etwas in mir sich auf, aber sogar die Wut auf mein Unvermögen ist schwach geworden. Warum ist das so? Ich verstehe es einfach nicht. Bisher ging es doch auch. Ich habe früher so unglaublich Vieles geschafft, Tag für Tag. Ich hoffe so sehr, dass morgen endlich der Tag ist, an dem dieser Zustand ein Ende hat. Ich will mein altes Leistungsvermögen zurück. Ich empfinde meinen jetzigen Zustand als zutiefst unfair. Ich habe im Moment genügend andere, wichtige Dinge, um die ich mich kümmern müsste, die bearbeitet werden wollen. Eine Depression passt gerade jetzt gar nicht – aber, wann passt eine Depression schon?