SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Die Sache mit der Akzeptanz

Mein Therapeut spricht öfter von Akzeptanz. Die mir in seinen Augen in einigen Bereichen fehlt. Unter anderem in Hinblick auf die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung und die inzwischen immer gravierenderen Folgen, die seither in Zusammenhang damit entstanden sind. Akzeptanz, was heißt das eigentlich? Laut Wikipedia ist es die freiwillige und aktive Bereitschaft, etwas zu akzeptieren, damit einverstanden zu sein, etwas hinzunehmen und das Gegenteil von Ablehnung. Erreicht werden kann Akzeptanz durch Verstehen, Ignoranz oder Resignation.

Im Fall der Diagnose habe ich den Weg des Verstehens gewählt und ich meine, sie akzeptiert zu haben. Ich habe mich freiwillig zur hiesigen Autismusambulanz begeben, um von Fachleuten beurteilen zu lassen, ob ich Autistin bin oder nicht. Gut, ich hatte die Diagnose nicht sofort freudig angenommen. Zweifel blieben, die ich neben anderen Zielen durch meinen Aufenthalt in der Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion zerstreuen wollte. Aber nachdem ich mich mit dem Thema auf zuerst sowohl anekdotischer als auch wissenschaftlicher, und nach dem Kennenlernen von mehr und mehr Autisten auch auf empirischer Basis intensiv beschäftigt habe, erkenne ich die Meinung der Fachärzte an, wohl tatsächlich zum Spektrum zu gehören. Ich weiß nicht inwiefern es einer Akzeptanz widerspricht, dass ich mir darüber bewusst bin, dass die Diagnose nur eine Zuschreibung ist, die dem derzeitigen medizinischen Kenntnisstand entspricht. Wer weiß schon, welche Diagnose ich in 15 Jahren erhalten würde? Meine Skepsis in Hinblick auf Diagnosen erscheint mir angesichts meiner Geschichte aber verständlich.

Diese Diagnose dient mir als zur Zeit beste Arbeitshypothese, um mir mein Verhalten zu erklären und viele Vorkommnisse retrospektiv besser zu verstehen. Ich muss mich nicht mehr verzweifelt fragen, was so falsch an mir ist. Sondern ich kann meinen Blick darauf richten, zu verstehen, wie ich bin und nachzuvollziehen, weshalb ich so bin, wie ich bin. Immer mehr rücken dabei für mich meine Stärken in den Vordergrund und ich sehe meine Schwächen nicht mehr als persönliches Versagen, sondern als nachvollziehbare Ergebnisse meines Lebens und meiner autistischen Wahrnehmung und deren Verarbeitung. An manchen Schwächen kann ich arbeiten, an anderen nicht. Die Akzeptanz der Diagnose erleichtert mir dabei die Unterscheidung, wo sich der Aufwand lohnt und sie erleichtert es mir, meine Begrenztheit dabei einzusehen.

Bei der Suche nach einer autistengerechten Arbeitsstelle und der Auseinandersetzung mit den Behörden ist die Akzeptanz schwieriger und ich muss eher den Weg der Resignation gehen. Immer und immer wieder Schwierigkeiten wegen fehlgeschlagener Kommunikation, Missverständnissen und Schwierigkeiten mit den sozialen Regeln am Arbeitsplatz zu bekommen, kann ich nicht ignorieren. Dass es so war, immer noch ist und wahrscheinlich auch in Zukunft so sein wird, muss ich annehmen. Ich musste hinnehmen, wieder einmal einen Arbeitsplatz zu verlieren. Die mir gegenüber vertretene Ansicht, dass ich selbst für meine Lebensumstände verantwortlich bin impliziert, dass ich etwas an diesen Umständen ändern kann. Beim Arbeitsplatz ist das so eine Sache. Akzeptanz bedeutet nämlich auch, dass ich die Realität, die mich umgibt, bewusst wahrnehme und sie anerkenne. Und ich nehme überaus bewusst wahr, dass es leider sehr wenig Arbeitsplätze gibt, die für mich passende Rahmenbedingungen haben. Ich muss anerkennen, dass ich dagegen eher nichts unternehmen kann. Ich kann offen mit der Diagnose umgehen und mich bei verfügbaren passenden Arbeitgebern wie auticon bewerben. Ich kann mich bemühen, mich soweit es mir möglich ist, anzupassen, allerdings möchte ich das nicht mehr auf Kosten meiner Gesundheit machen. Aber ansonsten kann ich an der Situation nichts ändern. Ich hoffe, dass sich in Zukunft etwas an der hohen Arbeitslosenquote von Autisten zum Besseren hin verändert und dass mehr Arbeitgeber Menschen wie mich einstellen wollen.

Ich habe akzeptiert, dass ich Unterstützung bei der Bewältigung dieses Teils meines Lebens benötige. Ich hatte deshalb auf Anraten der Arbeitsamt-Sachbearbeiterin freiwillig bei der Deutschen Rentenversicherung einen Antrag auf berufliche Rehabilitation gestellt. Das Ergebnis war zwar eine Bewilligung der Leistungen dem Grunde nach, aber ein Kampf um die Bewilligung einer Maßnahme bei einem potentiellen Arbeitgeber und neuerdings eine Umdeutung des Antrages auf Leistungen zur Teilhabe in einen Rentenantrag. Die Deutschen Rentenversicherung stellte aufgrund der vorliegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen und der damit verbundenen Funktionseinschränkungen eine rückwirkende volle Erwerbsminderung auf Zeit fest.

In etlichen Forenbeiträgen las ich, dass viele erfolglos darum kämpfen, eine solche Rente zu erhalten. Und mir wird sie einfach so gewährt. Mir ist klar, dass mein Ringen um Akzeptanz hier wie ein Luxusproblem erscheint. Aber mein Ziel beim Stellen des Antrages auf berufliche Teilhabe am Arbeitsleben war es, Unterstützung dabei zu erhalten, eine Stelle zu finden, die Rahmenbedingungen bietet, unter denen ich langfristig meine Leistungsfähigkeit erhalten kann. Ich will arbeiten, möchte meine umfangreichen Kenntnisse anwenden dürfen, weiß aber mittlerweile aus Erfahrung, dass das nur unter bestimmten Rahmenbedingungen möglich ist. Jetzt muss ich akzeptieren, dass eine Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz abgelehnt wurde. Die psychotherapeutisch verstandene Akzeptanz dieser Erwerbsminderungsrente als Akzeptanz des Unvermeidbaren fällt mir wirklich schwer. Denn ich selbst sehe die Unvermeidbarkeit nicht.

Was ich wahrnehme, ist mein begrenzter Einfluss auf die Entscheidungen der Behörden, die ich zu akzeptieren habe. In meinem Fall scheint der Grundsatz Reha vor Rente nicht zu gelten. Neben der resignativen Akzeptanz dieser Entscheidung erlaube ich mir, Wut darüber zu empfinden, dass es nach meinem Empfinden nur ums Geld geht. Zum einen hat die Krankenkasse ein Interesse daran, dass ich Rente erhalte, denn damit besteht ein Erstattungsanspruch gegenüber einem anderen Sozialversicherungsträger und sie muss kein Krankengeld mehr an mich zahlen. Zum anderen hat die Deutsche Rentenversicherung ebenfalls Interesse daran, denn mich in eine Erwerbsminderungsrente zu schicken, kostet die Solidargemeinschaft ihrer Ansicht nach nicht so viel, wie es kosten würde, mich dabei zu unterstützen, beruflich teilzuhaben. Die Behörden liegen meiner Ansicht nach aber falsch in ihrer Einschätzung, dass es billiger ist, mich nach § 116 Abs. 2 Nr. 2 SGB VI in Rente zu schicken. Eine verminderte Erwerbsfähigkeit habe ich bereits mein Leben lang. Aber ich habe nicht gar keine Erwerbsfähigkeit, sondern es wäre nur die Akzeptanz notwendig, dass es passende Rahmenbedingungen und eine gewisse Unterstützung braucht, sie zu finden, damit ich mein in manchen Bereichen überdurchschnittliches Leistungsvermögen gewinnbringend für die Solidargemeinschaft einbringen kann. Im Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, unverhofft Frührentnerin geworden zu sein, selbst wenn ich nicht verstehe, wieso. Die auch vorhandenen Vorteile zu sehen und das Beste daraus zu machen.

Als Resümee aber bleibt: Ich meine, dass nicht nur Akzeptanz von meiner Seite notwendig ist. Und ich meine, mir fehlt es gar nicht so sehr an Akzeptanz, sondern vielmehr an Handlungsmöglichkeiten.

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Tage der Überforderung – muss das denn wirklich sein?

Es ist frustrierend, immer und immer wieder dabei Probleme zu haben, wenn ich mich um (gesetzlich garantierte) Unterstützungsleistungen bemühe, indem ich Krankengeld beantrage und einen Antrag auf berufliche Rehabilitation stelle. Ich empfinde es als ungerecht, wie mit mir umgegangen wird. Und ich verstehe es nicht. Denn es ist unlogisch. Nach meinem Verständnis sollte meiner Krankenkasse daran gelegen sein, dass ich schnellstmöglich gesund werde. Und das Ziel der beruflichen Rehabilitation sollte darin liegen, dass ich schnellstmöglich wieder eine Stelle finde. Trotz meiner Schwierigkeiten, die ich mir nicht ausgesucht habe und die ich auch nicht vorsätzlich herbeigeführt habe. Ich kann nichts dafür, Autistin zu sein und ich kann auch nichts dafür, dass ich eine Depression habe.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich mich frage, warum es mir bitte so schwer gemacht werden muss. In der Post war ein Brief meiner Krankenkasse, in dem ich aufgefordert werde, bis 12.10. einen Befundbericht meiner behandelnden Ärztin einzureichen, andernfalls wird mir das Krankengeld verwehrt. Selbst wenn meine Ärztin es schafft, diesen Befundbericht heute noch zu schreiben, wovon nicht auszugehen ist, ist die Frist zu kurz. Erfahrungsgemäß dauert es mehrere Werktage, bis Post von der medbo bei mir ankommt und dann muss ich diesen Bericht noch zur Krankenkasse weiterschicken. Das hätte sich die Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse auch selbst ausrechnen können. Ich frage mich, was so eine Fristsetzung für einen Sinn hat. Ich meine, das führt auch beim nichtautistischen Versicherten zu einem massivem Stresserleben und Existenzängsten. Selbst völlig ohne Kenntnis meiner Diagnosen hätte klar sein müssen, dass dieses Schreiben garantiert nicht gesundheitsförderlich ist.

Ich habe eine mir zugeteilte Reha-Sachbearbeiterin bei der Deutschen Rentenversicherung, die meine Diagnosen kennt. Meiner Ansicht nach hat sie die Pflicht, sich darüber zu informieren, wenn sie bisher keine Kenntnis der damit einhergehenden Behinderungen hat, um mich bestmöglich unterstützen zu können. Ich frage mich, warum sie sich dann so denkbar kontraproduktiv verhält?

Den Termin zum ersten Beratungsgespräch an einem Donnerstag im August hatte sie äußerst kurzfristig per Mail einen Tag vorher wegen „unvorhersehbarer Gründe“ abgesagt und auf Freitag verlegt. Obwohl mein Mann extra Urlaub für diesen Termin genommen hatte und ich mich auf den Termin eingestellt hatte.

Im Beratungsgespräch hatte sie mir nur eine Maßnahme vorgeschlagen, deren Rahmenbedingungen mir nicht autistenfreundlich erschienen. Auf meine Rückfragen zu diesen Rahmenbedingungen erhielt ich von ihr für mich undurchführbare Lösungsvorschläge. Ich könne unter der Woche im Wohnheim wohnen. Die Betreuung erfolge durch wechselnde Sozialpädagogen. Es werde besonderen Wert auf viele betriebliche Praktika in möglichst vielen unterschiedlichen Betrieben und Werkstätten gelegt, um meine Belastungsfähigkeit wiederherzustellen. Bei diesem Szenario war es fast schon egal, dass mich zusätzlich die beiden Worte Betreuung und Werkstätten massiv verunsicherten. Meine Nachfrage, inwiefern mir diese Maßnahme als autistischer Akademikerin helfen solle, wieder im Berufsleben integriert zu werden, ließ meine Sachbearbeiterin offen. Stattdessen meinte sie, sie könne im Moment eh nichts für mich tun.

Zu solchen Terminen muss mein Mann mich immer begleiten, weil ich oft Schwierigkeiten habe, adäquat zu reagieren, wenn ich Unvorhergesehenes gefragt werde oder ich nicht verständlich meine Anliegen übermitteln kann. Wir hatten wie immer ausgemacht, dass er das Gespräch übernehmen würde, wenn ich ihm ein vorher vereinbartes Zeichen geben würde oder er mir ein Zeichen geben würde, wenn er den Eindruck bekäme, dass Missverständnisse entstünden. Den größten Teil der Zeit redete sie aber sowieso nur mit meinem Mann. Meine Sachbearbeiterin behauptete, ich müsse zuerst einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen, vorher wäre sie sowieso nicht für mich zuständig. Diesen Antrag könne ich allerdings nicht bei ihr, sondern müsse ihn bei meiner Heimatgemeinde stellen. Warum erklärte sie nicht. Mein Mann signalisierte mir zu diesem Zeitpunkt, dass ich nicht mehr nachfragen solle und beendete das Gespräch. Draußen erklärte er mir dann, dass er nicht den Eindruck gehabt hätte, dass diese Sachbearbeiterin mich unterstützen wolle. Er meinte, ich sollte dann einfach möglichst schnell diesen Antrag stellen.

Bei dem Versuch, am Montag nach dem Beratungsgespräch ohne die Unterstützung meines Mannes – der musste schließlich arbeiten – diesen Antrag abzugeben, fragte der Sachbearbeiter in der Gemeinde telefonisch bei der Sachbearbeiterin in der DRV nach, weshalb ich eigentlich einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen müsse. Ihre Antwort, die ich mithören konnte war: „Das stimmt so nicht, die Dame will einen Antrag stellen“. Diese Aussage war definitiv unrichtig. Ich hatte bei dem Beratungsgespräch nicht gesagt, ich will einen Antrag stellen, das Gespräch war erst drei Tage her, ich erinnerte mich sehr genau an alles, was besprochen wurde. Der Sachbearbeiter in der Gemeinde riet mir, keinen Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen, sondern erst eine Kontenklärung vornehmen zu lassen. Er erklärte mir insbesondere die Nachteile einer solchen Antragstellung in meiner Situation. Ich war aber mit der Absicht gekommen, den übers Wochenende ausgefüllten Antrag abzugeben und nicht so flexibel, dass ich sofort froh über seinen Rat war. Ich stand überfordert im Raum mit meinem Antrag in der Hand und begann zu heulen. Für eine erwachsene Frau von 52 Jahren ganz sicher kein adäquates Sozialverhalten. Leider passiert mir so etwas immer wieder, weshalb ich es nach Möglichkeit vermeide, mich ohne Unterstützung in solche Situationen zu begeben.

Ich hatte mich noch während meiner Zeit in der TKSI bei auticon beworben. Sie hatten zwar bisher kein Projekt, bei dem sie mich einsetzen hätten können, schlugen mir aber vor, an einer Vorbereitungswoche teilzunehmen. Ich solle vorher bitte in Erfahrung bringen, ob meine Teilnahme als Maßnahme zur beruflichen Eingliederung beim Arbeitgeber gelten würde.

Ich fragte beim Arbeitsamt nach, wurde jedoch an die DRV verwiesen, weil beim Arbeitsamt wegen meines Reha-Antrages ein Förderverbot bestünde. Am 02. September schrieb ich eine E-Mail an meine Sachbearbeiterin, in der ich sie davon in Kenntnis setzte, dass ich in den kommenden Wochen mit meinem Mann im Urlaub wäre und im Ausland nur eingeschränkt erreichbar sei. Am 04. September erhielt ich von ihr einen Einzeiler ohne Anrede oder Grußformel, in der ich nach meiner Versicherungsnummer gefragt wurde. Ich wunderte mich, wieso ausgerechnet meine DRV-Beraterin meine Sozialversicherungsnummer nicht hat, obwohl diese links oben auf dem Einladungschreiben zum Beratungsgespräch gestanden hatte? Vielleicht meinte sie ja auch meine Krankenversicherungsnummer? Aber die hätte sie von der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die ich ihr in meiner Anfragemail im Anhang mitgesendet hatte ablesen können. Ich fragte meinen Mann, weshalb ich zwar gelernt hatte, dass E-Mails immer mit Anrede und Grußformel am Ende zu schreiben sind, es in einer Versicherung aber scheinbar unüblich zu sein schien, sich an diese Gepflogenheiten zu halten? Ich schrieb also am 07. September eine Antwortmail, in der ich ihr sowohl meine Sozialversicherungsnummer, als auch meine Krankenversicherungsnummer mitteilte.

Zurück aus dem Urlaub hatte ich immer noch keine Antwort, die Vorbereitungswoche bei auticon soll aber schon am 11. Oktober beginnen. Ich besprach bei meinem nächsten Arzttermin mit meiner Ärztin, wie es weitergehen sollte. Sie hat die Teilnahme an der Maßnahme bei auticon trotz weiterer Krankschreibung befürwortet. Ich bin wegen Autismus und Depressionen krank geschrieben. Mit meiner Teilnahme an dieser Maßnahme tue ich laut ihr aktiv etwas gegen die Depression.

Ich schickte der Sachbearbeiterin bei der DRV heute eine zweite Anfrage mit der Bitte, mir bis spätestens 10. Oktober zu antworten. Ihre Antwort bekam ich umgehend: Die Anfrage werde im Team bearbeitet, sie hält eine Teilnahme an der Vorbereitungswoche aber wegen meiner Krankschreibung nicht für empfehlenswert. Eine Woche vor Beginn noch keine Antwort der DRV auf meine Anfrage zu haben, ist für mich sehr belastend, weil das viel zu kurzfristig ist. Ich habe so keine Planungssicherheit. Und warum empfiehlt mir meine eigene Sachbearbeiterin, dass ich nicht an der Vorbereitungswoche teilnehmen soll? Ich bemühe mich selbständig um eine Lösung meiner beruflichen Situation und kümmere mich aktiv darum, eine neue Stelle zu finden. Ich erhalte bei einer Firma eine Chance, die nachweislich geeignete Arbeitsplätze für Autisten anbietet. Und dann soll ich diese Chance nicht nutzen? Obwohl die Sachbearbeiterin der DRV mir dabei helfen soll, wieder im Arbeitsleben integriert zu werden? Stattdessen behindert sie mich nach meinem Erleben.

Die Folgen der Nachrichten des heutigen Tages waren: Nichts von dem geschafft, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte, ein Heulanfall, eine Schimpftirade, weil ich völlig außer Fassung geriet, heftige Kopfschmerzen und jetzt das Gefühl der tiefen Erschöpfung. Meiner Ansicht nach sollte das nicht sein, wenn es tatsächlich darum ginge, mich bestmöglich zu unterstützen. Aber wahrscheinlich ist es nur meiner schizoiden und paranoiden Persönlichkeitsakzentuierung zuzuschreiben, wenn ich ein System hinter solchen Vorkommnissen vermute und zunehmend keine Kraft mehr habe, mich mit Sachbearbeitern und Unterstützungsanträgen auseinanderzusetzen.

Aufgeben ist natürlich keine echte Option. An Tagen wie heute wünschte ich mir nur, es wäre nicht alles so ein unglaublicher K(r)ampf.


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Offen mit Autismus und Depressionen umgehen – darf man das?

Inzwischen gibt es hin und wieder ein paar gute Tage. Tage an denen mir etwas gelingt, an denen ich es schaffe Staub zu saugen und zu putzen. Sogar Tage, an denen ich begonnen hatte, an meinem Teich weiter zu graben. Es kann gar nicht genug Teich geben, das ist schon mal klar. Je mehr Teich, desto mehr Möglichkeiten, am Ufer sitzend auf Fische zu starren. Darüber nachzudenken, welche Formationen sie schwimmen. Die Reflexionen des Sonnenlichts auf den Schuppen zu sehen, wenn sie fressen. Zu beobachten, welche Muster sich ergeben, welche Schwärme welches Revierverhalten zeigen und wer mit wem schwimmt – stundenlang auf Fische starren tut mir gut. Und es ist gut, sich bei einer Depression sportlich zu betätigen und aus dem Haus zu gehen. Dazu ist ein Gartenprojekt, bei dem man an der frischen Luft ganz viel Erde per Schubkarre und Handarbeit mit Spaten von A nach B verbringen muss, für mich als Autistin perfekt geeignet.

Leider kann ich das nicht andauernd machen, im Moment wäre es sogar denkbar ungünstig im Regen zu sitzen und zu frieren oder draußen zu schwitzen bei der Fische-starr-Flächenvergrößerung. Ich dachte, es ginge jetzt endlich wieder aufwärts. Aber schon seit mehr als einer Woche schleppe ich mich vom Bett zum Tisch, von dort zum Sofa und zurück ins Bett. Gut, derzeit bin ich richtig unangenehm körperlich krank. Das könnte eine Erklärung sein. Die andere Erklärung wäre, dass ich schlicht und ergreifend immer noch ziemlich depressiv bin.

Laut der Sachbearbeiterin in der Deutschen Rentenversicherung, bei der ich letzten Monat einen Termin wegen meines Antrages auf Teilhabe am Arbeitsleben und wegen meiner beruflichen Zukunft hatte, bin ich vollschichtig erwerbsfähig. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es Zeit meines Lebens noch nie geschafft habe, Vollzeit zu arbeiten: Warum nur fühle ich mich so überhaupt nicht erwerbsfähig? Ich bin immer noch krank geschrieben. Seit nunmehr einem halben Jahr bin ich ununterbrochen arbeitsunfähig krank geschrieben. Obwohl ich mich nach der langen Zeit doch eigentlich hätte erholt haben müssen.

Eigentlich müsste ich inzwischen wieder die Kraft haben, den Kampf weiter zu kämpfen, eine neue Arbeitsstelle zu suchen, wieder von vorne anzufangen. Unbelastet, keiner kennt mich, ich habe noch keine nicht wieder gut zu machenden soziale Fehler im Umgang mit den Kollegen gemacht, neue und hoffentlich interessante Aufgaben warten. Aber allein der Gedanke daran, mich um eine neue Stelle bemühen zu müssen, führt dazu, dass mir der Angstschweiß ausbricht. Ich kann mir seltsamerweise absolut nicht mehr vorstellen nochmals in irgendeinem Büro zu arbeiten. Schon gar nicht kann ich mir vorstellen das nicht alleine, sondern mit Kollegen zu tun. Ich wüßte nicht einmal, wie ich mit ihnen reden sollte. Ich wundere mich, dass mir das mal gelungen ist, verstehe nicht, wie ich es geschafft habe. Beim Gedanken daran kommen mir die Tränen und mir tut der Magen weh. Alles psychosomatisch, ich weiß – aber auch wenn es keine körperliche Ursache hat, die Magenschmerzen tun trotzdem weh. Kann natürlich auch sein, dass meine Weinerlichkeit und die Magenschmerzen daher rühren, weil ich mir nutzlos vorkomme und weil ich Versagensgefühle habe. Und solche Gedanken und Gefühle wiederum sind laut Literatur typisch bei einer Depression.

Jetzt könnte man meinen, dass ich doch gar keinen Grund habe, mich zu beklagen. Immerhin bin ich daheim, seit einem halben Jahr habe ich frei. Aber ich schaffe es nicht einmal trotz all der „Freizeit“, die ich dank der Krankschreibung habe, mich mit meinen Hobbys zu beschäftigen. Mich darum zu kümmern, wie es im Studium weitergeht. Jetzt hätte ich seit einem halben Jahr die Zeit gehabt, die Reader des letzten Moduls vollständig zu lesen, ein Hausarbeitsthema zu finden, Literatur zu recherchieren und loszuschreiben. Und was habe ich davon erledigt? Genau – nichts. Was ist aus meinen Plänen geworden, mich mit Ubuntu zu beschäftigen, C++ zu lernen, die Literatur-Datensammlung zu ordnen, alle Folgen von GoT anzusehen? Tag um Tag verbringe ich damit, mir vorzunehmen etwas davon ganz bestimmt am nächsten Tag anzufangen.

Und Tag um Tag vergeht, eine lange Reihe an Tagen mittlerweile. Zu einer Depression gehört augenscheinlich Geduld – es bleibt also schwierig, denn Geduld gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Hinderlich ist auch das Gefühl, dass es seit längerem eigentlich nur noch Abwärts geht. Mein Leben besteht mittlerweile gefühlt seit ewiger Zeit, tatsächlich seit drei Jahren überwiegend daraus, wahlweise körperlich erkrankt, erschöpft oder antriebslos auf dem Sofa herum zu Gammeln und nichts mehr zustande zu bringen. Nach wie vor überkommt mich täglich die Sinnfrage. Es ist schwierig in dem Zustand den Spaß am Leben zu sehen. Lebensqualität ist nicht wirklich gegeben.

Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass es problematisch werden könnte jemals wieder eine neue Arbeitsstelle zu finden, wenn ich öffentlich von meinem Autismus schreibe und insbesondere von einer Depression. Meiner Ansicht nach gehört der komplette Bereich der psychischen Erkrankungen aber aus der Verheimlichungsecke heraus. Wenn eine Depression tatsächlich eine Erkrankung ist, dann sollte man genauso darüber sprechen dürfen wie über eine Blasenentzündung oder einen grippalen Infekt. Wo ist der Unterschied? Alles sind heilbare Erkrankungen, die einen arbeitsunfähig werden lassen können. Angeblich – bei der Depression habe ich mittlerweile so meine Zweifel bezüglich der Heilbarkeit, immerhin scheine ich seit meiner Jugend immer mal wieder depressiv zu sein.

Eine Autismus-Spektrum-Störung (soweit ich auf dem Laufenden bin, soll man das Wort Störung nicht mehr benutzen – in Ermangelung einer zufriedenstellenden anderen Bezeichnung bleibe ich aber dabei) ist zwar weder eine Erkrankung noch ist sie heilbar. Trotzdem denke ich, dass es, zumindest für mich, unabdingbar ist, offen damit umzugehen. Ich glaube, dass ich nicht mehr versuchen sollte mich an eine Arbeitsstelle anzupassen. Das hat Zeit meines Lebens bisher nicht geklappt. Es ist wichtig, dass ein zukünftiger Arbeitgeber weiß wo meine Schwierigkeiten liegen, wenn ich denn irgendwann in der Zukunft (hoffentlich bald) fähig sein werde wieder einer Teilzeit-Erwerbsarbeit! nachzugehen. Mir ist inzwischen klar, dass ich wahrscheinlich niemals genügend Energie haben werde, um ganztags arbeiten gehen zu können. Ich arbeite daran, das nicht mehr als persönliches Lebensversagen zu sehen, sondern als nachvollziehbare Folge meines Autismus. Und dass ich unbedingt eine Stelle finden muss, bei der sich die Rahmenbedingungen an meine Bedürfnisse anpassen lassen. Damit ich gesund bleiben kann – soweit ich das wieder werde.

Ich hoffe, die Zusammenhänge kann ich der Sachbearbeiterin von der Rentenversicherung verständlich erklären, wenn ich das nächste Mal zu einem Beratungsgespräch über meine berufliche Zukunft eingeladen werde. Das letzte Mal verlief nämlich denkbar irritierend. Ich bekam als für mich passende berufliche Rehabilitationsmaßnahme vorgeschlagen, in dieses berufliche Trainingszentrum zu gehen. Der „Erwerb von Schlüsselqualifikationen, die Steigerung der Belastbarkeit und das (Wieder-) Erlernen des Rollenverhaltens“ (Quelle) als seelisch erkrankter Arbeitnehmer stehen im Vordergrund des mir anempfohlenen Trainings. Dort solle ich dann mittels Kursen aus den Themenbereichen

  • Büroorganisation
  • Schriftverkehr
  • PC-Kenntnisse
  • Computertechnik
  • Grundkenntnisse der Verwaltungsorganisation
  • Grundkenntnisse der Buchhaltung
  • Grundkenntnisse des Personalwesens
  • Mediengestaltung (Quelle)

eine Lösung für meine berufliche Situation finden. Zudem gäbe es laut Sachbearbeiterin ein Anpassungstraining in der Gruppe, bei der ich soziale Kompetenz erlernen könne. Auf meine Frage, ob sich die Fachkräfte dort auch mit Autismus auskennen würden erhielt ich die Antwort: Betreut werde man von Sozialpädagogen. Ein sehr wichtiger Baustein der Maßnahme seien möglichst viele betriebliche Praktika. Ganztags, in wechselnden Betrieben und in der Werkstatt. Wegen des weiten Anfahrtsweges könne ich während der Woche im dortigen Gästehaus logieren. Vor Beginn dieser Maßnahme müsse ich jedoch erst noch einen Erwerbsminderungsrentenantrag stellen, davor könne sie gar nichts für mich tun. Aber das ginge nicht bei ihr, sie sei für diesen Antrag nicht zuständig.

Ich frage mich, inwiefern mir diese Maßnahme in meiner gesundheitlichen Situation und hinsichtlich meiner bereits vorhandenen beruflichen (Über)qualifikation als Steuerfachangestellte und Bildungswissenschaftlerin etwas Positives bringen soll. Ich hoffe wirklich, diese Beratungsgesprächsergebnisse sind nur dem fehlenden Wissen der Sachbearbeiterin über Autismus mit der Komorbidität Depression zuzuschreiben. Ich hoffe, Mitarbeiter in Ämtern und Behörden sind nicht lernresistent und durch zunehmende Verbreitung von Wissen über Autismus und Depressionen kann nicht nur ich zukünftig hoffentlich zielführender beraten werden. Auch deshalb scheint es mir imho sehr wichtig, offen mit meinen Diagnosen umzugehen.

Übrigens: Den Erwerbsminderungsrentenantrag habe ich bisher nicht gestellt. Und jetzt verschwinde ich wieder eine Zeitlang auf dem Sofa.

 

 


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TKSI – unbedingt empfehlenswert, zumindest für mich

Ende nächster Woche ist mein Aufenthalt in der TKSI zu Ende. Inzwischen funktioniere ich im Rahmen der Tagklinikstrukturen wieder ganz gut. Ob das ein stabiler Zustand sein wird, kann nur der Alltag und die Zukunft zeigen. Da ich die Diagnose rezidivierende Depression mitnehme, ist davon auszugehen, dass mich irgendwann im Leben wieder eine schwerere Depression einholen kann. Muss ich halt schneller sein – wenn es denn so einfach wäre. Aber ich habe in der Klinik das Wissen erlernt, um mitzubekommen, wenn Gefahr im Verzug ist und ich auf mich aufpassen sollte. Dazu habe ich jetzt ein Instrumentarium, das mir hilft, meine Grenzen zu akzeptieren; mit meiner Energie achtsam umzugehen; mir genügend Zeit und Raum zur Erholung zu lassen; die Haltung: „Zuerst die Arbeit und dann (vielleicht, wenn Zeit ist) das Vergnügen“ aufzugeben; meinen Perfektionismus mit Abstand zu betrachten und zu versuchen, auch manchmal Unperfektes zuzulassen; mich für Leistungen zu belohnen – geübt habe ich das alles bereits. Jetzt muss ich das Ganze noch in meinen zukünftigen Alltag integrieren.

Dem für mich wichtigsten Ziel, der Entwicklung einer längerfristigen beruflichen Perspektive, bin ich sehr viel nähergekommen. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Sozialdienstes der TKSI habe ich die Aussicht darauf, in absehbarer Zukunft wieder eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu haben. Genauer gesagt sieht es sogar so aus, als könne ich zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählen. Ich bin noch am Abwägen, welcher Möglichkeit ich den Vorzug geben sollte und ob nicht sogar beide Möglichkeiten miteinander zu vereinbaren wären. Die eine Möglichkeit ist eine Anstellung bei auticon als IT-Consultant im Software-Testing Bereich. Die andere eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU. Eine dritte Möglichkeit kann sich eventuell noch in Regensburg ergeben, wobei ich meine Kenntnisse aus dem Masterstudium einsetzen könnte. Was mich besonders bei allen drei Möglichkeiten begeistert ist, dass ich definitiv nichts mehr mit Verwaltung, Buchhaltung und allgemeinen Bürotätigkeiten zu tun hätte, von vornherein klar wäre, dass ich Autistin bin und die Rahmenbedingungen wesentlich passgenauer meine bisherigen autismusbedingten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz abfedern könnten. Bei allen drei Möglichkeiten könnte ich Stärken einsetzen, die ich bisher nie umsetzen habe können. Ich scheine nämlich der geborene Fehlerfinder zu sein, Fehler im System oder in Programmen oder in Texten fallen mir schon seit jeher auf. Ich finde es lustig, dass man tatsächlich damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann, auf alles zu klicken und dann rückzumelden, dass etwas nicht funktioniert oder falsch ist. Das mache ich sowieso ständig, hatte mir damit aber bisher eher keine Freunde gemacht. Die Überprüfung großer Datenmengen macht mir Spaß. Außerdem bin ich wirklich gut darin, passgenaue Literatur zu einem autodidaktisch zu erarbeitenden Thema zu finden, wissenschaftliche Texte zu redigieren bzw. zu schreiben und Vorträge zu gestalten – nur halten muss sie jemand anderes.

Was meine absoluten Stärken sind, wusste ich bereits als Jugendliche und damals wusste ich auch, welcher Beruf passend für mich wäre. Ich wollte Lektorin werden und irgendwann vielleicht einmal selbst Schriftstellerin. Jemand sein, der sehr viel lesen darf und damit am besten von zu Hause aus Geld verdient. Der im Hintergrund die Fehler findet, Geschriebenes besser macht, der mit Sprache umgeht, recherchiert, lebenslang eigenständig lernt. Leider scheiterte ich damals, weil ich nicht fähig war, ein Studium zu schaffen. Und in der Folge verlor ich mein Ziel aus den Augen wegen der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Also wurde ich mangels anderer Möglichkeiten Steuerfachangestellte. Verbrachte Jahre in diversen Büros, stets krank werdend.

Es ist schade, dass ich erst ein halbes Jahrhundert alt werden musste, um meine eigentlichen Begabungen einsetzen zu dürfen. Und erst durch die Autismus-Diagnose erkannt habe, was falsch lief und weshalb ich immer und immer wieder im Arbeitsleben scheiterte. Aber wenigstens habe ich jetzt endlich die Chance, doch noch erfolgreich zu sein. Und mir ist sehr bewusst, welchen maßgeblichen Anteil die Unterstützung in der TKSI daran hat. Für mich war mein Aufenthalt in der TKSI eine der besten Ideen, die ich in letzter Zeit hatte. Klar war nicht alles, was ich dort erlebt habe, durchgängig toll. Es gab anfangs ein gewisses organisatorisches Eröffnungs-Chaos, es gab immer wieder Termine, die kurzfristig ausfielen, weil beispielsweise Mitarbeiter erkrankten und keine Vertretung gefunden wurde. Aber was durchgängig zu spüren war: Ich wurde als Person mit all meinen individuellen Schwierigkeiten stets wertgeschätzt und es wurde mit allen verfügbaren Ressourcen versucht, mir sofort und möglichst umfassend zu helfen. Deshalb geht mein tiefempfundener Dank an die Menschen, die mich die vergangenen Wochen dort unterstützt haben und auch in Zukunft noch unterstützen wollen.


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Autistin + Depression = Job weg – wie soll es weitergehen?

Am 18. Februar war ich in München auf einer Veranstaltung, bei der Dr. Leonhard Schilbach seine Arbeit und das Konzept seiner neuen Ambulanz / Tagklinik vor drei Autismus-Selbsthilfegruppen aus der Region (Nürnberg, Regensburg, München) vorstellte. Angesichts meines bevorstehenden Jobverlustes und der schlechten beruflichen Perspektive sprach mich besonders die dort angebotene berufsorientierte Therapie an.

Wieder zu Hause, bat ich meinen Mann, mich sofort dort anzumelden, bzw. auf die wahrscheinlich bereits vorhandene Warteliste setzen zu lassen. Eine solche Tagklinik, die Therapie für erwachsene hochfunktionale Autisten anbietet, gab es meines Wissens bisher nicht. Es erstaunte mich, dass ausgerechnet in Bayern und dann noch für mich in erreichbarer Nähe so etwas angeboten werden würde. Ich stand zwar seit meiner Diagnose auf der Warteliste der Diagnosestelle für ein ambulantes soziales Kompetenztraining, hatte aber noch keine Nachricht erhalten, wann ich dort voraussichtlich mit einem Platz rechnen konnte. Das in der Tagklinik angebotene Programm klang so, als könnte es hilfreich für die Bewältigung meiner drängendsten Probleme sein.

Da ich arbeitsvertraglich und gesetzlich verpflichtet war, mich bei einem befristeten Vertrag rechtzeitig beim Arbeitsamt zu melden, vereinbarte ich einen Termin. Das war autistenfreundlich erfreulicherweise per E-Mail möglich. Ich durfte auch meinen Mann als Begleitperson mitbringen. Meine Sachbearbeiterin hatte sich wohl umfassend vorab über Autismus informiert. Es wurde erstaunlicherweise ein sehr hilfreiches Gespräch. Sie teilte mir mit, dass ich mich besser nicht arbeitslos melden solle, weil weder jetzt noch in Zukunft mit einem passenden Jobangebot für mich zu rechnen sei. Sie halte es nicht für zielführend, mich dem vorgeschriebenen Arbeitsamtprozedere auszusetzen. Sie schlug mir vor, eine Rehabilitationsmaßnahme über die Rentenversicherung zu beantragen und/oder eine Erwerbsminderungsrente. Ich war positiv überrascht, weil ich damit gerechnet hatte, mich wieder einmal erfolglos für meine Schwierigkeiten rechtfertigen zu müssen und auf kein Verständnis wegen meiner Einschränkungen zu stoßen. Statt dessen traf ich auf ein kompetentes, sehr gut informiertes und an meinem Wohl interessiertes Gegenüber – nochmals ein herzliches Danke an dieser Stelle. Zu Hause musste ich dann all die Informationen und Eindrücke erst einmal ein paar Tage lang sortieren. Ich stellte den Antrag auf Teilhabe am Arbeitsamt (berufliche Reha) bei der Rentenversicherung.

Aber eine Rente kann ich mir nicht vorstellen. Bei all meinen Qualifikationen und meiner akademischen Ausbildung muss es doch irgendwo einen Arbeitgeber geben, der meine fachlichen Fähigkeiten im Blick hat, statt sich auf die allseits geforderten Softskills und die „Team“passung – sprich der Fähigkeit, in der Kaffeeecke per Smalltalk zu netzwerken – zu fokussieren. Zugegeben, darin bin ich eher schlecht. Aber ich behaupte, dass ich keineswegs teamunfähig bin und auch nicht keine sozialen Kompetenzen habe. Ich kann und will arbeiten – allerdings kann ich mich nur innerhalb gewisser Grenzen im Büroalltag anpassen und ungünstige Rahmenbedingungen nicht längerfristig aushalten oder mich daran gewöhnen.

Ich bin einfach eine ganz normale, demnächst leider arbeitslose, mittlerweile auch deshalb depressive, hochfunktionale 52 jährige Autistin, die einen Platz in dieser für Autisten leider überwiegend unpassenden Arbeitswelt sucht.

Ich weiß nicht, wie es ab Juni beruflich für mich weitergehen soll. Im Moment bin ich noch krank geschrieben. Da das Krankengeld jedoch nicht so hoch ist wie mein bisheriges Arbeitsentgelt, fehlen jeden Monat ca. 30% meines bisherigen Einkommens in der Familienkasse. Das geht nicht lange gut. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was ich ab Juni tun werde und die Tatsache, dass meine Arbeitslosigkeit spätestens dann existenzbedrohend wird, wenn ich kein Krankengeld mehr erhalte und/oder nach einem Jahr Arbeitslosengeld überhaupt kein Geld mehr von irgendeiner Institution im sozialen Wohlfahrtsstaat, trägt ganz bestimmt nicht dazu bei, aus dem Depressionsloch zu kommen. Eine Perspektive muss her und das möglichst bald.


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Autismus, Depressionen, Belastbarkeit und der Zusammenhang mit Strukturen

Sind Belastbarkeit und Kompensationsfähigkeiten bei Autisten altersabhängig? Früher war ich wesentlich belastungs- und damit leistungsfähiger. Es frustriert mich, dass ich zunehmend nicht mehr funktioniere. Immer mehr Aufgaben und Tätigkeiten schaffe ich nur noch mit größter Anstrengung oder sie bleiben sogar ganz liegen. Ich laufe im Notprogramm und das mittlerweile seit eineinhalb Jahren. Das ist kein schöner Zustand und ich wünsche mir dringend, dass es mir irgendwann auch einmal wieder besser geht. Seit einem Jahr gehört auch mein Studium zu den Dingen, für die ich keine Kraft mehr habe. Das ist besonders frustrierend, weil es sich dabei um mein Hobby handelt. Ich bin aber stolz darauf, es größtenteils doch noch hinzubekommen, in die Arbeit zu gehen, leider macht mein Körper mir zunehmend Schwierigkeiten, er zeigt mir wahrscheinlich die Grenzen. Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass all die Erkrankungen in der letzten Zeit psychosomatische Reaktionen sind.

Es ist nicht schön, dass die Hausarbeit seit Monaten größtenteils liegenbleibt, aber das hat außer einem mittlerweile riesengroßen schlechten Gewissen keine gravierenden Folgen. Ich fühle mich nur ziemlich unwohl, weil ich es einfach nicht mehr schaffe zu saugen oder zu putzen. Ordnung ist eigentlich sehr wichtig für mich, dass sich hier alles in ein Chaos verwandelt, belastet mich. Wenn ich es nicht schaffe, nach der Arbeit noch einkaufen zu gehen und die Vorratshaltung schwierig geworden ist, dann hat das nur bedingt Auswirkungen, wegen ständiger Magen-Darm Probleme brauche ich sowieso wenig zu essen. Dass seit einigen Monaten die Einkäufe meistens mein Mann erledigen muss, um selbst noch etwas im Kühlschrank zu haben, tut mir sehr Leid und entspricht auch nicht unserer Aufgabenverteilung. Ich leide darunter, meine Pflichten nicht zu erledigen und es belastet mich. Die größten Schwierigkeiten macht aber das tiefe Gefühl der Erschöpfung. Im reinen Überlebensmodus macht das Leben nämlich nicht wirklich Freude.

Ich habe jetzt mal gründlich darüber nachgedacht, wo das Problem eigentlich liegt. Ich vermute, viele Dinge hatten früher, nicht nur weil ich jünger, belastbarer und kompensationsfähiger war, gut funktioniert, sondern weil es einen festen, von außen vorgegebenen Stundenplan gab. Als ich in erster Linie noch Muttertier war, hatte ich wegen der fixen Termine, die die Schule und die Aktivitäten der Kinder vorgaben, einen sehr strukturierten Tagesablauf. Nachdem alle ausgezogen waren, habe ich es nicht geschafft, mir eine neue Struktur selbst vorzugeben.

Dazu kam zeitgleich eine neue Arbeitsstelle, die bis dato unbekannte soziale Anforderungen an mich stellte. Diese Stelle gibt mir zwar einerseits eine äußere Struktur vor, was sehr hilfreich ist, weil es zu meinem Tagesablauf gehört, zu einer bestimmten Zeit aufzustehen und nach dem Cappu-Zeitungs-Morgenritual in die Arbeit zu fahren. Das ist auch der Grund, weshalb ich es an vielen Tagen trotz einer Depression, die ich laut meinem Psychotherapeut habe, überhaupt noch schaffe, aufzustehen. Andererseits sind aber die Bedingungen dieser Arbeitsstelle ein Hauptbelastungsfaktor und ein Grund, weshalb es mir schlecht geht. Ich bin nach jedem Tag in der Arbeit so dermaßen erschöpft, dass ich direkt nach Hause fahre, meine Verkleidung abwerfe und mich nur noch auf die Couch legen kann. Mal abgesehen von der Hausarbeit habe ich auch für Freizeitaktivitäten, wie im Garten arbeiten oder Sport treiben, einfach keine Kraft mehr.

Ich weiß, dass regelmäßige sportliche Aktivitäten mir gut tun würden. Früher gehörten sie zu meinem Tagesablauf und es ging mir gut dabei. Nur kann ich im Moment leider nichts dagegen tun. Es liegt an den fehlenden Möglichkeiten, bzw. an meiner fehlenden Energie, neben meinen Arbeitskollegen beispielsweise im Schwimmbad oder Fitnessraum auch noch mit weiteren Menschen Kontakt haben zu wollen. Wobei ich das eher mit schizoider Paranoia verbinde, die natürlich auch damit zu tun haben mag, älter und erfahrener zu werden. Früher empfand ich viele andere Menschen zwar auch als Belastung, habe es aber leichter ertragen und habe zum Teil auch Sozialkontakte aktiv gesucht. Aber je älter ich werde, desto mehr schlechte Erfahrungen sammelten sich an. Mit jeder neuen Erfahrung des Scheiterns in sozialen Interaktionsversuchen resignierte ich mehr und wollte mich dem Ganzen am Liebsten gar nicht mehr aussetzen.

Seit ich weiß, dass ich Autistin bin, habe ich neu angefangen, den sozialen Kram besser zu bewältigen. Ich bin in eine Selbsthilfegruppe gegangen und habe mich wieder einmal mit dem Training sozialer Kompetenzen, Kommunikation und Smalltalk beschäftigt. Inzwischen ist es mir aber die Mühe oft nicht mehr wert und ich überlege immer, ob sich der Aufwand lohnt oder ich besser Energie spare, indem ich allein daheim bleibe. Ich weiß auch, dass mir das Ausüben meiner Hobbys sehr gut tut. Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich es nicht schaffe, im Studium weiterzumachen. Es wäre toll, wenn ich die Energie hätte, mich mit dem zu beschäftigen, was mich wirklich interessiert. Ich habe zusätzlich ein fürchterlich schlechtes Gewissen, weil ich es zu Hause nicht fertigbringe, seit Monaten liegengebliebene Arbeiten zu erledigen, die ich früher problemlos geschafft habe. Mittlerweile türmt sich ein so hoher Berg an unerledigten Dingen hier auf, dass allein der Gedanke daran, das alles abarbeiten zu müssen, mir eine riesige Angst macht. Aber alle Dinge, die eine Frist haben und solche, die in kurzen regelmäßigen Abständen zu erledigen sind, die schaffe ich. Erklären kann ich mir das damit, dass sie eben regelmäßig sind, also Routine. Und damit, dass ich verbindliche Regeln in jedem Fall einhalte, wozu Fristen ja gehören.

Mir ist natürlich klar, dass die Erwerbsarbeit die höchste Priorität hat und ganz sicher wichtiger ist als jedes Hobby. Aber irgendwo ärgert es mich auch, dass mein Leben sich nur noch darum dreht, in die Arbeit zu gehen. Ich sehne mich bereits am Montag nachmittag nach dem Wochenende. In den letzten Wochen ging es mir häufiger bereits Mitte der Woche gesundheitlich so schlecht, dass ich vom Arzt krank geschrieben wurde. Und dann brauchte ich das komplette Wochenende, um mich bis Montag soweit erholt zu haben, wieder in die Arbeit fahren zu können. Ich wünsche mir eine Arbeitsstelle, wo ich meine Stärken einbringen kann und die ich am Allerliebsten bis zur Rente behalten kann. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie so eine Stelle aussehen könnte und wo ich sie finde. Außerdem habe ich Angst davor Bewerbungsprozesse durchlaufen zu müssen. Dazu kommt, dass ich ein ausgesprochener Gewohnheitsmensch bin und aus lauter Angst vor Veränderungen lieber in ungesunden Situationen verharre, die kenne ich wenigstens. Das hat sehr wahrscheinlich mit Autismus oder auch mit Depressionen zu tun, weil es erstaunlich ist, wie schwer es mir tatsächlich fällt, mich auf etwas Neues einzulassen und die notwendigen Schritte aktiv dafür zu tun. Eigentlich bin ich also sehr belastbar, ich halte solche Situationen nämlich trotz hoher Belastung lange Zeit aus.

Mein soziales Leben war immer schon sehr überschaubar, aber es war nicht überhaupt nicht vorhanden. Wobei darunter mein Mann natürlich mehr leidet als ich. Ich hatte von jeher wesentlich weniger Bedürfnisse, mich mit anderen zu treffen oder auf Veranstaltungen zu gehen. Lieber verbringe ich meine Freizeit mit Lesen und zu Hause sein, wo es meiner Ansicht nach eh am Schönsten ist. Trotzdem habe ich viele Termine im Kalender stehen. Jetzt könnte man auf die Idee kommen, dass mich solche zusätzlichen Termine zu sehr belasten, weil ich sowieso dermaßen erschöpft bin. Einige sind Informationsveranstaltungstermine zu Themen, die mich interessieren, andere sind Arzttermine oder jetzt neu meine regelmäßigen Psychotherapietermine. Der Vorteil dieser Termine im Kalender ist, dass sie für mich absolut verbindlich sind und mir eben die dringend notwendige Struktur geben. Das ist wie früher, egal, wie es mir geht, Termin ist Termin – ich gehe dann sicher dort hin, sie machen, dass ich funktioniere. Für mich als Autistin haben diese vielen Termine neben der Belastung auch eine heilsame Wirkung.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass es Autisten mit zunehmendem Alter besser geht, weil die Kompensationsfähigkeiten durch lebenslanges Lernen so ausgereift sind, dass sie immer besser mit den Schwierigkeiten zurechtkommen. Mich selbst als Beispiel nehmend, scheint es aber so zu sein, dass meine Kompensationsfähigkeiten umso besser sind, je besser es mir geht. Und das wiederum hängt mit den äußeren Bedingungen zusammen. Das Fatale ist: Das Ganze ist ein Zirkel, je schlechter es mir geht, desto weniger bin ich in der Lage, die Rahmenbedingungen aufrecht zu erhalten, mit denen es mir so gut geht, dass ich problemlos funktioniere. Je schlechter es mir geht, desto weniger belastbar bin ich und umgekehrt.

Ist das alles jetzt ein Problem des Alters, meines spezifischen Autismus, einer Depression oder vielleicht eine Kombination daraus und dass ich selbst nicht fähig bin, mir verbindliche Strukturen vorzugeben und exekutive Dysfunktionen habe? Oder ist es banal ein hausgemachtes Problem wegen meiner Neigung zu Prokrastination, die mit dem Alter leider nicht besser geworden ist? Was auch immer der Grund ist, ich wünsche mir, dass es aufhört, ich möchte mich wieder besser fühlen und nicht mehr so deprimiert sein. Strukturen helfen, andernfalls würde ich wahrscheinlich schon lange nicht mehr morgens aufstehen, sondern depressiv im Bett liegenbleiben. Dazu kommt, dass sich bei jedem Gedanken daran, einfach nicht mehr aufzustehen, sofort mein Hirn einschaltet und fragt: Ok, verstehe, du bist zutiefst erschöpft, der Gedanke, im Bett liegen zu bleiben ist verlockend. Aber: Was machst du dann da? Morgen auch noch darin liegen? Und übermorgen?

Mein Psychotherapeut glaubt, dass es zwei Dinge braucht, damit es mir besser geht: Eine Therapie und Medikamente. Er hat mir gesagt, dass ich mich dringend an meine Ärztin wenden soll. Den Teil mit der Therapie erledige ich ja jetzt, seit ich ihn gefunden habe, die Hälfte habe ich demnach geschafft. Und weil es so, wie es derzeit ist, einfach nicht mehr weitergehen soll, überlege ich trotz meiner inneren Widerstände, ob Antidepressiva tatsächlich eine Lösung wären. Wobei ich glaube, dass ich einfach nur ganz, ganz dringend eine mit meinem eigenen Autismus vereinbare Arbeit und einen Stundenplan brauche. Früher ging es doch auch. Ich möchte wirklich gerne meinen Teich fertigbauen und mein Studium beenden, bevor ich im Rentenalter bin.


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Krank durch Büroarbeit – kann das tatsächlich sein?

Im Büro kam es zu einer eskalierenden Diskussion mit einer Kollegin, die mir vorwarf, eine kooperative Zusammenarbeit sei mit mir wegen meiner Verschlossenheit und meines unmöglichen Sozialverhaltens nicht möglich. Ich fühlte mich in der Sache ungerecht behandelt. Das einzige, was ich meiner Ansicht nach in der Arbeit und auch in dieser Diskussion gezeigt hatte, war mein ganz normales Verhalten. Ich war schon immer introvertiert und beobachtete neue Situationen und Menschen erst einmal, bevor ich mit den Menschen interagierte. Außerdem löse ich Probleme grundsätzlich alleine, bitte selten um Hilfe und lerne seit jeher autodidaktisch. Ich hatte immer schon Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und insbesondere in Gruppen. Ich hatte leider auch schon immer ein besonderes Talent, undiplomatisch zu sein oder Dinge laut zu sagen, die man besser nicht nicht ausspricht. Ich war bereits als Kind stur, hatte oft Wutanfälle und meine Mutter ermahnt mich bis heute wegen meines offenbar häufig aggressiven Tonfalls, den ich selbst aber nicht so wahrnehme. Ich hatte mehrfach die Rückmeldung erhalten, zu offensiv in Diskussionen aufzutreten und arrogant zu sein, obwohl ich mich selbst als defensiv und selbstunsicher beschreiben würde. Ich verstand nicht, woher diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung kam. Dies alles bedenkend, verbuchte ich die Auseinandersetzung mit der Kollegin auf meiner langen Erfahrungsliste als weiteren fehlgeschlagenen Kommunikationsversuch.

In der nächsten Zeit bemühte ich mich, offener auf die Kollegen zuzugehen und mich zu unterhalten. Ich nahm an gemeinsamen Mittagspausen teil, obwohl ich überwiegend stumm am Rand saß, nicht wissend und unsicher, was ich beitragen sollte. Anschließend benötigte ich zurückgezogen in meinem Büro jedesmal eine längere Erholungspause von den mit Kollegen verbrachten Mittagspausen. Ich litt unter der Absurdität des Ganzen und darunter, dass sich meine unproduktiven Zeiten im Büro proportional zu meiner Angst vermehrten.

Ich begann Angst davor zu haben, wenn die Türe zu meinem Büro aufging und ich musste zunehmend dagegen ankämpfen, weinend aus der Arbeit zu fliehen. Ich war trotz Teilzeitstelle nach jedem Arbeitstag so erschöpft, dass ich zu Hause nur noch auf dem Sofa zusammenbrach. Ich litt neben meiner gestiegenen Geräuschempfindlichkeit zusätzlich unter einem Tinnitus. Ich hatte Rücken- und heftige Kopfschmerzen, ich vermutete Bandscheibenprobleme, aber eine fachärztliche Abklärung ergab außer massiven Muskelverspannungen keinen Befund. Seit Jahren trug ich nachts eine Schiene wegen meines Zähneknirschens, innerhalb eines halben Jahres hatte ich zur Verwunderung meiner Zahnärztin diese Schiene zweimal durchgeknirscht. Ich bekam zusätzlich zunehmend Magenschmerzen und Magen- Darmprobleme, seit Beginn der Angstsymptome hatte ich mehr als 20 Kilo abgenommen und ich hatte Angst, dass ich erneut eine Essstörung entwickelt haben könnte.  Ich ließ alle denkbaren Ursachen meiner Beschwerden bei diversen Fachärzten abklären, heraus kam, dass ich körperlich nicht ernsthaft erkrankt war.

Ich versuchte, eine plausible Erklärung dafür zu finden, weshalb ich anscheinend seltsamerweise jedesmal krank wurde, wenn ich eine Arbeitsstelle hatte.  Ich versuchte erfolglos, mir selbst, meinem Hausarzt und meinen nächsten Familienangehörigen zu erklären, weshalb ich einen gewöhnlichen Büroalltag als so ungemein belastend erlebte, dass ich Angst hatte, irgendwann in naher Zukunft gar nicht mehr funktionieren zu können. Mir war klar, dass mit mir psychisch etwas ganz und gar nicht stimmte. Mich wieder einmal in psychologisch versierte Hände zu begeben, schien unausweichlich, respektive alternativlos.