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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil2

Nach Anlaufschwierigkeiten, weil er sich bei mir per E-Mail meldete, weil er mich telefonisch nie erreichen könne, woraufhin ich einen festen Telefontermin mit ihm vereinbarte und mein Smartphone einschaltete, er aber nicht anrief, hatte ich dann doch noch im Urlaub Kontakt zu einem vielversprechend klingenden Therapeuten. Er hatte mit mir bereits schriftlich abgeklärt, dass Asperger für ihn kein Hinderungsgrund sei. In einem ruhigen Telefonat erklärte er mir sowohl die Anfahrtsmöglichkeiten zu seiner am Wasser gelegenen Praxis als auch detailliert das geplante Prozedere für das Erstgespräch.

Ich erschien also eine Stunde vor dem vereinbarten Termin, um im Wartezimmer bei gedämpftem Licht und entspannter Ruhe auf seinem Tablet verschiedene Tests auszufüllen, die sofort ausgewertet wurden. Das empfand ich als professionelles Vorgehen. Der Therapeut war erfreulich technikaffin. Nur eine leise schnurrende Perserkatze leistete mir beim Ausfüllen Gesellschaft. Als er nach einer Stunde wie abgesprochen kam, um mir das Tablet abzunehmen, konnte er nicht glauben, dass ich alle Tests bearbeitet hatte. Er sagte, das habe bisher noch nie jemand bei ihm geschafft. Es erstaune ihn ungemein. Ich wunderte mich, er hatte gesagt, ich solle die Tests so weit ausfüllen, wie ich kommen würde, also hatte ich das getan. Es handelte sich unter anderem um ein Depressionsinventar, einen Fragebogen zur Abklärung von Psychosen oder Schizophrenie, Fragen zu potentiellen anderen physischen Erkrankungen, mein Krankheitserleben, usw. In meinen Augen waren es zehn umfassende, zumindest soweit sie mir bekannt waren, valide Fragebögen, das Ganze wirkte wirklich gut organisiert.

Er bat mich in sein riesiges, geschmackvoll eingerichtetes Therapiezimmer mit wenigen, ausgesuchten, massiven, zeitlosen, hochwertigen Echtholzmöbeln. Dort ging er kurz die Auswertungen der Fragebögen durch, bevor er zu mir sagte: „Suchen Sie sich einen Platz aus“. Er hatte insgesamt vier Sitzmöglichkeiten, eine davon an seinem Schreibtisch, der Rest locker um einen Couchtisch gruppiert, eine war ein wunderschöner Funktionsstuhl, der mir sofort aufgefallen war, weil er interessant aussah. Ich setzte mich auf besagten Stuhl, woraufhin er meinte: „Aber nicht diesen, das ist meiner“. Aha, kann ich ja nicht wissen, ich meinte, dann müsse er das halt vorher sagen. Er hatte mich dann trotzdem dort sitzen lassen, nachdem er mir die unterschiedlichen Funktionen des Stuhls und mögliche Sitz-, Schaukel und Liegepositionen vorführte. Wir unterhielten uns eine Stunden lang meinem Empfinden nach angenehm miteinander. Nur, damit er mir danach sagte, dass

  • es ihn sehr gestört habe, dass ich „motorisch unruhig“ gewesen sei. Ich dachte bei mir, dass ein Stuhl, der explizit für nichtstatisches, gesundes Sitzen gebaut ist und dessen Funktionsweise er mir ausführlich erklärt und vorgeführt hatte, auch so genutzt werden sollte. Worin ich mich anscheinend getäuscht hatte. Ich zog zu seinen Gunsten in Erwägung, etwas falsch verstanden zu haben.
  • er Verhaltenstherapie in meinem komplexen Fall nicht für das Mittel der Wahl hielte, er würde eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie für zielführender halten. Auf meine Einwände, dass laut der Literatur, die ich dazu gelesen hätte, bei Autismus Tiefenpsychologie eher nicht helfe, und die Testpsychologin mir ausdrücklich zu Verhaltenstherapie geraten habe, ging er nicht ein.
  • er selbst sich bei all seiner Erfahrung eine Therapie mit mir nicht zutraue. Er, obwohl er offen sei, seltsamerweise zu mir keinen Zugang bekäme, keine Passung sähe, es läge nicht an mir, er wolle mich nicht enttäuschen. Woraufhin ich irritiert erwiderte, ich hätte ja noch gar keine Beziehung zu ihm, insofern enttäusche er mich nicht, darum ginge es doch gar nicht, aber ich würde gern verstehen, weshalb er sich eine Therapie mit mir nicht zutraue.
  • er meine, ich würde unbedingt eine Therapie brauchen, da wäre so viel, er überblicke das gar nicht alles. Ich fragte verunsichert nach, ob er mit „komplexer Fall“, schwieriger, wenig erfolgversprechender Fall meine. Was er verneinte und mich nachdrücklich darauf hinwies, ich könne mich an die Institutsambulanz im BKH wenden oder beim Krisendienst Horizont kurzfristige kompetente Hilfe erhalten, ob er mir die Adressen ausdrucken solle?

Ich erwiderte, dass ich von eben dieser Institutsambulanz die Diagnose erhalten hätte, was aus den von ihm vorab verlangten und ihm von mir auch zugesendeten Arztberichten hervorgehen würde. Außerdem sagte ich ihm, dass Horizont meines Wissens eine Stelle sei, bei der man Hilfe im Fall von Suizidabsichten erhalten würde, danke, die Adressen hätte ich beide bereits, das wäre für den Erhalt eines Therapieplatzes aber für mich eher nicht zielführend.

Ich fragte ihn, ob es eventuell doch an der Autismus-Diagnose läge, was er ebenfalls verneinte, er habe keine Schwierigkeiten mit dieser Thematik. Ich fragte, ob es daran läge, dass ich in seiner Testbatterie auf jede Frage, die irgendwie in spirituelle Richtung ging, mit Nichtzustimmung geantwortet hätte, was ihm, wie ich mich erinnerte, bei der Auswertung bereits aufgefallen sei. Ich mich jedoch auch daran erinnern würde, dass im Wartezimmer ein Buch über Zen, Achtsamkeit, und in meinen Augen eher esoterischen Dingen, wie Familienaufstellen mit ihm als Mitautor läge. Ob es da eventuell einen Zusammenhang geben könne. Was er wortreich verneinte. Ich fragte, ob ich es so zusammenfassen könne, dass er mich einfach nicht verstünde. Was er bejahte. Ich bin daraufhin mit den Worten gegangen: „Da sind Sie nicht der erste, das begleitet mich schon mein Leben lang und ist ja eben genau eines der Grundprobleme, das ich ihnen auch mehrfach in der letzten Stunde geschildert hatte. Schade wegen des schönen Stuhls“.

Ich war zuallererst ziemlich ungehalten, weil ich viel Zeit und Energie investiert hatte. Außerdem hatte ich mir während der Stunde bereits vorgestellt, wie schön es werden würde, diesen Stuhl in diesem ruhigen Raum, in dem ich mich wohl fühlte, öfter nutzen zu dürfen. Nach der intensiven, mehrtägigen Reflexion des Gesprächs war ich anschließend verunsichert. Ein ein erfahrener Therapeut hatte mich nicht verstanden und eine Behandlung abgelehnt, gleichzeitig aber gemeint, ich bräuchte unbedingt einen Therapieplatz, und das langfristig, am besten gleich eine komplette Psychoanalyse. Was, wenn er recht hätte?

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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil1

Das erste Erstgespräch fand einen Tag vor unserem zweiten langfristig geplanten größeren Urlaub in diesem Jahr statt. Ort war ein muffig riechender, bedrückend niedriger Kellerraum eine gute Stunde Autofahrt von meinem Zuhause entfernt und das abends zu einer Zeit ohne Verkehr. Die Therapeutin war im zweiten Ausbildungsjahr und erklärte mir welche Vorteile es hätte, bei ihr eine Therapie zu machen, weil im Hintergrund als Supervisor auch immer ihr sie ausbildender Therapeut mit involviert sei. Über meinem Kopf trampelten die Bewohner der Erdgeschosswohnung herum, was meine Konzentration nachhaltig beeinträchtigte, so dass ich nicht alles mitbekam, was die potentielle Therapeutin im Alter meiner Tochter mir erzählte. Ihre Zehen in den Flipflops rollten sich im Verlauf der Stunde zunehmend ein, während ich versuchte, ihre Fragen zu beantworten. Ich fühlte mich mehr und mehr angestrengt, sie verstand scheinbar Dinge, die ich aus meinem Familienerleben erzählte nicht. Ich fragte, wie genau mir Therapie ihrer Ansicht nach helfen könnte, und was in der Therapie passiere. Sie antwortete, Therapie passiere einmal wöchentlich in der vereinbarten Stunde und könne mir ganz sicher sehr helfen, das würde ich mit der Zeit schon noch merken.

Nach der Stunde fuhr ich aufatmend nach Hause und besprach meine Beobachtungen mit meinem Mann. Wir kamen überein, dass weder die Rahmenbedingungen noch die Therapeutin passend erschienen, obwohl ich grundsätzlich kein Problem damit gehabt hätte, mit einer sich noch in Ausbildung befindlichen Therapeutin zu arbeiten. Wie sonst sollte sie Berufserfahrung bekommen? Ich wog Pro- und Contra-Argumente gegeneinander ab. Mit meiner Nachtblindheit den Weg von der Praxis nach Hause einmal wöchentlich Abends zu einer Zeit bewältigen zu müssen, in der ich mich normalerweise bereits darauf vorbereitete, ins Bett zu gehen, weil ich bei winterlichen Straßenverhältnissen garantiert mehr als eine Stunde für die Strecke brauchen würde, war ein schwerwiegendes Contra-Argument. Ich dachte darüber nach, wie wahrscheinlich es wohl war, dass die Mieter über dem Therapieraum sich zur Therapiezeit nicht zu Hause aufhalten würden. Meine Beobachtungen der körperlichen Reaktionen der angehenden Therapeutin ließen außerdem auf eine Überforderung bereits in der ersten Stunde schließen. Die Contra-Argumente gewannen. Wir fuhren erst einmal in Urlaub. Ich hatte ja noch die Option auf weitere Erstgespräche.


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Psychotherapie – oder wie finde ich überhaupt einen Therapeuten, der einen freien Therapieplatz hat?

Auf Anraten der Diagnosestelle versuche ich seit nunmehr vier Monaten auf ein Neues, einen Psychotherapieplatz zu finden. In der Hoffnung, dass nicht ich resistent gegen Psychotherapie bin, sondern die Therapeuten und Therapieversuche bisher einfach nicht zu mir passten.

Ich stehe auf der Warteliste für ein soziales Kompetenztraining, von dem ich begründet annehme, dass es ganz sicher nicht schaden kann. Die Testpsychologin hatte mir konkret am PC erklärt, wie ich Therapeuten finden kann. Über eine Umkreissuche 50 Kilometer rund um meinen Wohnort bei der KVB fand ich niedergelassenen Verhaltenstherapeuten, die mit dem Auto potentiell von meiner Arbeitsstelle oder von zu Hause gut erreichbar waren und erstellte eine Excel Liste mit deren Kontaktdaten. Ich arbeitete die Liste systematisch ab, indem ich erst einmal schaute, über welchen Therapeuten ich Informationen im Internet fand und wem ich eine E-Mail schreiben konnte. Ich formulierte meine Anfrage schriftlich und schickte sie jedem. Danach telefonierte ich einen Tag lang die verbleibenden Therapeuten auf der Liste ab, wobei ich darauf achtete, nicht innerhalb eines Zeitraumes von 10 Minuten vor bis 10 Minuten nach der vollen Stunde anzurufen, um mit niemandem persönlich sprechen zu müssen. Ich musste häufiger zweimal anrufen, um die Ansagen zu verstehen. Auf jeden Anrufbeantworter, dessen Ansage nicht auf für Terminvereinbarungen ausgewiesene Sprechzeiten oder volle Wartelisten verwies, sprach ich meinen E-Mail Anfragetext, den ich dazu vom Blatt ablas. Ich dokumentierte alles in meiner Liste.

Im nächsten Schritt fügte ich eine Tabelle ein (ich mag Excel), sortierte die verbliebenen Therapeuten, die Termine nur persönlich am Telefon zu bestimmten Zeiten vereinbarten, nach Sprechzeiten und machte mich daran, diese in alphabetischer Reihenfolge Tag für Tag mit dem Blatt in der Hand, von dem ich meinen Text ablesen konnte, telefonisch zu kontaktieren. Weiterhin dokumentierte ich alles nachvollziehbar in meiner komplexer werdenden Tabelle und erstellte Auswertungen, die anschaulich meine Bemühungen dokumentierten. In den folgenden Tagen hatte ich entweder viel Stress, weil ich mit Therapeuten am Telefon sprechen musste oder weil mein Mobiltelefon zu unpassender Zeit klingelte, wenn mich jemand zurückrief.

Aus meinen letztendlich 57 Anfragen resultierten 32 sofortige Absagen ohne Wartelistenplatz und sechs Wartelisteneintragungen mit der Option, mich im frühesten Fall im November wieder zu melden, falls ich bis dahin keinen Platz gefunden hätte, bzw. Anfang bis Mitte 2017 vielleicht eine Therapie beginnen zu können. Einige Therapeuten auf meiner Liste hatte ich gar nicht erreicht, weil sie keinen Anrufbeantworter hatten. Die Begründungen für eine sofortige Absage waren: „Habe bereits eine volle Warteliste“ oder: „Kenne mich leider nicht mit Asperger aus“. Immerhin fünf Therapeuten boten mir zwischen September und November einen Termin für ein Erstgespräch an, einer versuchte sogar mehrfach mich zurückzurufen. Und vom Rest erhielt ich keine Rückmeldung.


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Psychotherapieresistenz? – oder die Geschichte von der Kunst, den passenden Therapeuten zu finden #Teil2

Ab 1999 ging es mir psychisch längere Zeit richtig schlecht und bis Ende 2001 hatte ich dann streckenweise hochfrequent mit Psychotherapeuten zu tun. Unter anderem in einer psychosomatischen Klinik und in einer ambulanten Verhaltenstherapie. Die ambulante Therapeutin sortierte mit mir bei den wöchentlichen Terminen eine Stunde lang mein Leben und ich schöpfte Kraft, um die Zeit bis zum nächsten Termin zu überstehen.

Stationäre Einzeltherapie brachte mir die Erkenntnis, dass mit mir tatsächlich etwas grundlegend nicht stimmte. Sie gab mir dafür auch eine Erklärung in Form einer Diagnose an die Hand, mit der ich mich in der Folgezeit nach Kräften zu identifizieren versuchte. Und den Plan, ein Jahr darauf den stationären Aufenthalt zu wiederholen. Die stationären Gruppentherapien lehrten mich,

  • dass sich an der Tatsache, dass ich künstlerisch nicht sonderlich begabt bin, seit meiner Schulzeit nichts geändert hatte.
  • dass es für meine Partnerin vorteilhafter gewesen wäre, wenn ich nicht versucht hätte, die Aufgabe „Bilden Sie Zweiergruppen und bauen sie Aggressionen ab, indem sie miteinander kämpfen“ ernsthaft zu erfüllen.
  • dass Autogenes Training mich stets einschlafen ließ. Nicht zuletzt, um der Diskrepanz zwischen dem, was die Stimme des Anleiters mir zu suggerieren versuchte und der mir viel zu deutlich präsenten Realität zu entkommen.
  • dass die Aufgabe „Lassen sie sich fallen“ bestenfalls dazu führte, in den verschwitzten Armen eines Fremden, in meinem Fall jedoch immer, zu zweit am Boden zu landen.
  • dass das interessant klingende Therapieangebot Kundalini leider nur ein äußerst befremdliches Verhalten von zu vielen Menschen in einer Sporthalle bedeutete, wobei mir auch die Musik nicht gefiel.
  • dass es ganz sicher 21 Methoden gibt, wie man sich nicht umbringen kann. Wobei mich die erzählten Methoden ob der Kreativität teilweise echt verblüfften. Die Schilderungen brachten mir die Erkenntnis, dass Suizidversuche sehr gut geplant werden sollten und es anscheinend erstaunlich viele Mythen in der Literatur darüber gibt.
  • dass Alkohol weder die positiven Seiten eines Mitmenschen sichtbar macht, noch Perspektiven eröffnet, was nicht nur die Verweildauer eines Patienten anschaulich demonstrierte.
  • dass es verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel gibt. Wieder zu Hause, setzte mein Hausarzt diese Möglichkeit für mich um und ich lernte, dass es zwar Medikamentenmissbrauch bedeutet, wenn ich mehr als verschrieben davon nehme, sie mich aber tatsächlich enorm beruhigten.
  • dass Magersüchtigen, obwohl oder gerade weil sie deutlich erkennbar krank aussahen, stets zugewandt, verständnisvoll und fürsorglich begegnet wurde. Meine Transferleistung bestand in der logischen Überlegung, dass eine Essstörung nicht nur mich leichter machen würde, sondern auch meine Sozialkontakte.

Mein zweiter Klinikaufenthalt, der ärztlicherseits dringend angeraten schien, weil sich meine Essstörung mittlerweile verselbständigt hatte, brachte mir endgültig das Wissen, dass ein stationärer Aufenthalt die Dinge für mich nicht besser machte. Kurz danach musste ich umziehen. Ich fuhr noch ein paarmal zu meiner ambulanten Verhaltenstherapeutin, weil ich sie mochte, obwohl ich häufig den Eindruck gehabt hatte, dass sie mich einfach nicht verstand. An meinem grundlegenden Verhalten hatte sich bis dato auch bei wohlwollender Betrachtung nichts geändert. Logistisch, kinderbetreuungs-, versicherungstechnisch und finanziell waren die Therapiestunden dann nicht mehr langfristig organisierbar, ich musste mein Leben also zukünftig ohne Therapeutin sortieren. Einen nochmaligen Klinikaufenthalt schloss ich für mich kategorisch aus.