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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Welt-Autismus-Tag 2021 – und ich puzzele

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Heute erst gelesen: Der Welt-Autismus-Tag 2021 steht in der Kampagne 2020/2021 von Autism Europe unter dem Motto „I can LEARN. I can WORK“. Vor dem Hintergrund des Maßnahme Verlaufs Unterstützte Beschäftigung registriere ich dieses Motto mit einer Mischung aus perplex Sein und Resignation. Ich meine: Wir haben 2021, die UN-BRK ist seit langem gültiges Recht. Und leider braucht es trotzdem ein Motto, das wohl Nichtautisten klarmachen soll, dass auch Autisten lernen und arbeiten können. Nur dürfen sie leider noch immer viel zu oft nicht. Nach wie vor ist es sehr schwer, eine Nische auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden und zu behalten – auch für Autisten mit einer akademischen Ausbildung – oder gerade wegen dieser.

Mein oberstes Ziel in den vergangenen nunmehr fünf Jahren war, endlich meine Nische zu finden und wieder am Arbeitsleben teilzuhaben. Meine Ziele in Bezug auf den IFD waren, dabei in den Bereichen, in denen ich Unterstützung benötige, unterstützt zu werden. Dies ist nicht geschehen. Im Gegenteil, ich bin dabei behindert worden, mein Ziel teilzuhaben zu erreichen, weil ich nicht in das Unterstützungssystem passte.

Ich habe in diesen fünf Jahren immer wieder reflektiert, wo die Schwierigkeiten liegen und versucht, sie aus dem Weg zu räumen. Ich reflektiere von Natur aus ständig – was ja im Wortsinn heißt, nachzudenken, zu überlegen, etwas prüfend zu betrachten. Sich die Vergangenheit und das eigene Handeln darin anzuschauen, ist für eine Reflexion ebenfalls wichtig und braucht die Zeit und den Raum, den derjenige, der reflektiert, dafür benötigt. Dies steht keineswegs im Widerspruch zu Aussagen wie: „Man sollte nach vorne schauen“. Denn um nach vorne schauen zu können, muss man erst einmal wissen, was einen hinten eventuell ja verfolgt statt hinter einem zu liegen.

Ich kann lernen, das tue ich schon mein Leben lang. Ich kann auch Arbeiten, das habe ich in verschiedenen Kontexten bewiesen. Was ich offenbar nicht kann, ist irgendwo richtig reinzupassen.

Es stehen Entscheidungen an, wie es weitergeht. Möglichst viel Informationen einzuholen, die ich fortlaufend versuche, zu sortieren, hilft mir dabei, Vorkommnisse richtig einzuordnen, Situationen zu analysieren und Entscheidungen zu treffen. Ich kann Entscheidungen aber nur dann treffen, wenn ich einen ausreichend guten Überblick habe. Also puzzel ich gerade mal wieder mit Hochdruck.

Ich habe nahezu ständig ein Infodurcheinander, sozusagen einen großen Puzzleteilhaufen im Kopf, den ich günstigstenfalls zwischendurch beim Schreiben und eventuell sogar in Gesprächen mit den richtigen Leuten schon irgendwie vorsortieren habe können. Ich brauche aber Zeit und Ruhe, indem ich zum Beispiel innerlich Selbstgespräche führe oder auch beim Tagebuchschreiben mit einem fiktiven Gegenüber spreche, um den Haufen abarbeiten zu können. Ich schreibe gern und ich schreibe viel, für mich ist Schreiben schon seit Jahrzehnten eine funktionierende Methode, den Puzzleteilhaufen irgendwie sortiert zu bekommen. Tagtäglich erhalte ich jedoch neue Puzzleteile, was aus der Informationssammelsicht gut ist, aus der Sortiersicht aber nicht. Vor mir liegt also ständig ein mehr oder minder großer Haufen an unsortierten Puzzleteilen und ein paar Häufchen – je nachdem, was gerade Thema ist – an sortierten Teilen.

Mein Autismus bringt es mit sich, dass ich Puzzleteile nicht intuitiv an den richtigen Platz im Puzzle legen kann. Ich habe also erstmal kein Gesamtbild vor meinem inneren Auge. Ich muss auch immer erst die richtige Kategorie finden, nach der ich sortieren muss, damit überhaupt so etwas wie ein Bildausschnitt erkennbar ist, der Sinn ergibt. Sehr lange – Nichtautisten würden das vermutlich als extrem langsam empfinden – sehe ich nur lauter Einzelteile. Ich nehme jedes einzelne Puzzleteil mehrfach in die Hand und lege es mal auf den einen Kategorienhaufen und mal auf einen anderen, irgendwann passiert es dann, dass ich sehe, dass zwei oder mehr Teile zusammenpassen.

Wenn es eine größere Sortieraktion gibt, was in Zeiten anstehender Entscheidungen der Fall ist, passiert Folgendes: In solchen Phasen überlaste ich mich im Grunde genommen ungesund, weil ich es nicht schaffe, Gedankenpause zu machen und mich mit etwas anderem zu beschäftigen, als zu puzzeln. Alles andere läuft nur noch im Not-Modus mit und ich erledige nur wirklich wichtige und unaufschiebbare Dinge, den Rest der Zeit beschäftige ich mich rund um die Uhr mit meinem Puzzleteilhaufen, sortiere Teile von einem Haufen zum anderen und lege vor mir auf dem Tisch bereits verbaute Teile an andere Stellen. Solche Phasen in meinem Leben brauchen sehr viel Energie und ich denke zwischendrin schon auch immer mal wieder darüber nach, etwas anderes machen zu wollen als mich quasi zwanghaft mit meinen Puzzleteilen zu beschäftigen. Aber ich kann das dann leider nicht. Nicht: Ich will das nicht machen, sondern ich kann es nicht tun, weil mein Gehirn einfach so arbeitet.

Also mache ich weiter. Tagsüber schreibe ich oder rede mit mir selbst. Nachts liege ich wach und denke über das Geschriebene nach und über die Puzzleteile, die noch auf dem Haufen liegen. Ich versuche, in jeder wachen Minute das Informationschaos aufzudröseln und Zusammenhänge zu finden. Jedes der zusammen gepuzzelten Bildfragmente betrachte ich genau und versuche, es mit anderen Bildfragmenten zu verbinden. Gleichzeitig plane ich. Das meint, ich überlege mir, was sich für Konsequenzen aus den Bildausschnitten, die ich glaube, richtig zusammengesetzt zu haben, ergeben. Was ich als nächstes tun kann, welche Information mir für mein Verständnis noch fehlt, damit ich mehr Klarheit habe, damit für mich die Puzzleteilausschnitte, die ich zusammengesetzt habe, möglichst vollständig sind.

Dabei läuft mein logischer, analytischer Verstand im übertragenen Sinn auf Hochtouren. Ich denke darüber nach, welche Handlungsmöglichkeiten sich zum jetzigen Stand meines für mich sichtbaren Puzzlebildes ergeben und wohin jeder einzelne Handlungsschritt führen könnte. Ich durchdenke, plane alles jede Nacht und in Hochtourenzeiten sogar Tag und Nacht. Ich passe meine nächsten Handlungsschritte an meinen Informationsstand an und an die Bildfragmente, die ich sehe. Für mich unvorhersehbar habe ich immer mal wieder eine Art Aha-Erlebnis, wie ich dieses Erleben für mich genannt habe. Also irgendwann setzen sich mehrere Bildfragmente zu einem erkennbaren größeren Gesamtausschnitt zusammen. Dann ist eine solche Hochtourenphase vorbei und mein Gehirn beruhigt sich, ich habe einen Plan und komme erst einmal zur Ruhe.

Mein Handeln sieht von außen betrachtet wohl zwanghaft aus, es ist aber kein Zwang im psychiatrischen Sinne, es ist autistisch. In meinem Leben erhalte ich immer nur weitere Puzzleteile, die ich zu Ausschnitten zusammensetzen kann, bestenfalls entstehen auch einmal aus mehreren Fragmenten zusammenpassende größere Bildausschnitte, aber ein großes Ganzes, ein komplettes Puzzle wird es nie, denn es gibt keine Randteile. 

Und falls sich jetzt jemand fragt, weshalb ich ausgerechnet am Welt-Autismus-Tag mit Puzzleteilen daherkomme: Es ist meine selbstironische Art, mich mit dem Thema Puzzleteil als Symbol für Autismus auseinanderzusetzen und ja, ich weiß um die Problematik des Symbols an sich.

Bildquelle: Peggy_Marco (04.11.2015) URL https://pixabay.com/de/illustrations/puzzle-zusammenarbeit-gemeinsam-1020404/

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

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