SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Struktur für das autistische Ich

Über Strukturen hatte ich zwar hier schon einmal etwas geschrieben, aber das Thema beschäftigt mich immer wieder. Ich habe gut funktioniert, als es in meinem Leben noch strukturierende, mir Halt gebende und mich verpflichtende Rahmenbedingungen gab. Zu den Schulzeiten der Kinder waren das deren Stundenpläne, die mir vorgaben, wann für die gemeinsamen Mahlzeiten das Essen auf dem Tisch stehen musste und ich mich darum kümmern musste, dass der Haushalt lief. Dazu kamen die Aktivitäten, zu denen ich sie mit dem Auto fahren musste oder die Termine, die in Zusammenhang mit Gesundheit, Sozialkontakten und Schule anstanden. Die Jahre, in denen ich zusätzlich arbeitete, kamen meine Arbeitszeiten als von außen vorgegebene Struktur dazu.

Vor ein paar Wochen begann ich damit, die Datenmenge neu zu ordnen, die sich auf den diversen Speichermedien für meine digitalen Daten angesammelt hatte. Ich fand dabei erstaunlich viele Tabellen mit Wochenplänen, die über die Zeit mein Leben strukturiert hatten. Ich mag Tabellen, das war anhand der Dateimenge nicht zu leugnen. Die Tage sind auf so einem Plan in kleinschrittige Zeitabschnitte unterteilt und zur schnellen Orientierung sind die unterschiedlichen Tätigkeitskategorien stets farbig gekennzeichnet. Auf einem Plan gab es sogar Badzeiten für alle Familienmitglieder im Halbstundentakt. Auf manchen Plänen ist vermerkt, was es an jedem Tag der Woche jeweils zu essen geben soll. Zu anderen Zeiten hatte ich eine übergreifende Essenstabelle mit miteinander zu kombinierenden Gerichten. In einer zweimal wöchentlich stattfindenden Familienkonferenz wurden daraus die Gerichte ausgewählt, die sich die Familienmitglieder wünschten. Es ist interessant zu sehen, dass sich die bevorzugten Gerichte über die Zeit nur unwesentlich veränderten. Es gab stets einen Pfannkuchen- und mindestens einen Nudel-mit-Soßen-Tag. Seit einiger Zeit gibt es jetzt einen neu hinzugekommenen Sushi-Tag, der in dem Moment wieder aus dem Plan verschwinden wird, wenn der regelmäßige Termin in der Nähe des Restaurants wegfällt.

Nach dem Auszug der Kinder gab es für die Erstellung von verbindlichen Plänen, die den kompletten Tag strukturierten keine Notwendigkeit mehr und nachdem ich meine letzte Arbeitsstelle verloren hatte, existierte außer den wöchentlichen Therapieterminen überhaupt keine haltgebende Struktur mehr in meinem Leben. Ich bemerkte ziemlich bald, dass es mir damit nicht gut ging und erstellte mir neue Wochenpläne. Während der Zeit, als ich depressiv war, war es mir zwar nicht möglich, die Pläne einzuhalten. Seitdem die Depression mich nicht mehr so einschränkt, funktioniert es wieder.

Allerdings hat das Ganze zwei Seiten: Einesteils ist es ungemein entlastend, genau zu wissen, was ich den Tag über wann tun sollte, was für die Woche einzukaufen ist und nicht jeden Tag erst überlegen zu müssen, was ich kochen könnte. Andernteils belastet es mich auch, wenn ich den Plan nicht einhalte. Dabei ist es egal aus welchem Grund ich ihn nicht einhalten kann. Mein Stresserleben macht keinen Unterschied zwischen einem Arztbesuch, weil ich außerplanmäßig erkrankt bin oder einem nicht befolgten Plan, weil ich an dem Tag einfach keine Motivation aufbringe oder lieber etwas mache, das zu dem Zeitpunkt gar nicht auf dem Plan steht. Ich muss also gut abschätzen, wie viele außerhäusliche Aktivitäten ich einplanen darf, ohne überlastet zu sein und wie viel Zeit zur Erholung ich wahrscheinlich benötigen werde. Ob mir das gelungen ist, kann ich aber immer nur retrospektiv beurteilen.

Derzeit läuft es gut, ich schaffe es, an den meisten Tagen alle geplanten Dinge auch zu erledigen. Da ich meinen Tagesablauf tabellarisch dokumentiere, kann ich auswerten, welche Umstände dazu führen, dass ich den Plan nicht einhalte. In der Regel liegt es daran, dass unvorhergesehene Dinge passieren oder ich mir zu viel vorgenommen habe und länger brauche, bis ich mich von einer Überlastung erholt habe. In den letzten Wochen kam dazu, dass Termine wegen der Feiertage ausfielen oder der gewohnte Tagesablauf wegen Besuchen nicht einzuhalten war. Aber Weihnachten ist ja nun erst einmal zum Glück vorbei.

Insgesamt macht ein strukturierender Plan mein Leben einfacher, weil ich nicht mehr orientierungslos durch die Tage stolpere und die Sicherheit habe, nichts Wichtiges vergessen zu können. Die kommenden Wochen steht überwiegend Schreibtischarbeit für die Uni im aktuellen Wochenplan, weil ich die letzte Modulabschlussarbeit meines derzeitigen Studiums schreibe.

In dem Zusammenhang brachte ich auch endlich Ordnung in die Literatur, die ich für mein Studium bisher gesammelt hatte. Als Studierende habe ich den Vorteil, über die Universität kostenfrei Software zu erhalten. Dazu gehört auch ein Literaturverwaltungsprogramm, bei mir war das bisher Citavi. Leider hatte ich zu Beginn meines Studiums die verwendete Literatur nicht konsequent mit dieser Software verwaltet, sondern als PDF-Sammlung in diversen Unterordnern auf meiner Festplatte gespeichert. Wenn die Dateinamen alle notwendigen bibliografischen Angaben enthalten und sich in der richtigen Ordnerkategorie befinden, kann man sich zumindest bei einer überschaubaren Menge an Literatur auch mit einer Tabelle noch einigermaßen zurechtfinden. Mittlerweile habe ich dank meiner Sammelleidenschaft aber wirklich viele Literaturdateien. Ich pflege zwar seit dem Masterstudium neue Literatur überwiegend in Citavi ein, hatte jedoch zum einen mehrere Citavi-Projekte und zum anderen ein Kategoriensystem, das so umfangreich geworden war, dass ich dafür inzwischen selbst ein Verwaltungsprogramm gebraucht hätte. Also musste ich aufräumen. Bei der Gelegenheit entschloss ich mich dazu, alle bisher noch nicht in das Literaturverwaltungsprogramm aufgenommene Literaturdateien noch einzuarbeiten und dabei gleich die fehlenden bibliografischen Angaben einzupflegen.

Das klingt jetzt nach einem riesen Haufen Arbeit, aber an manchen Tagen ist es für mich genau das Richtige, stundenlang dazusitzen und Zeug zu sortieren. Das kann ich in der Vorratskammer nicht ständig machen, alle Vorräte befinden sich nach einem übersichtlichen System geordnet in passenden Behältern. Und alle Eierkartons stehen farblich und der Größe nach sortiert im Regal. Die analoge Bücherwand habe ich erst Anfang des Jahres komplett durchsortiert, einen Teil alphabetisch nach Autorennamen, andere Teile nach Genre und Thema oder Verlag, Coverfarbe und Größe – mein Bedürfnis nach Ordnung am PC auszuleben, bietet sich also an.

Um die digitale Büchersammlung zu ordnen, verwende ich die open-source Software Calibre. Neben der nützlichen Sortierfunktion mittels Kategorisierung über Serien und Verschlagwortung, die ich bei der riesigen Bibliothek unbedingt brauche, bietet das Programm den Vorteil, dass ich Metadaten zu den Büchern unkompliziert ergänzen und vor allem, dass ich damit meine Bücher in alle gängigen Formate konvertieren kann, um sie anschließend auf unterschiedlichen Lesegeräten zu lesen. Sehr hilfreich dafür, Struktur ins Leben zu bringen, hat sich für mich auch eine Gewohnheiten-App erwiesen, die meiner Vorliebe für grafische statistische Auswertungen entgegenkommt. Seitdem vergesse ich solche Sachen, wie alle zwei Wochen meine für den Winter eingelagerten Pflanzen zu gießen nicht mehr, was den Pflanzen sichtbar gut tut.

Mit Plänen und Softwareunterstützung kann ich so dafür sorgen, dass einigermaßen Ordnung herrscht im alltäglichen Chaos des Lebens. Denn Struktur und Ordnung sind wirklich wichtig, damit es meinem autistischen Ich gut geht.

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Emotionserkennung im Supermarkt

Ich hatte von der Ergotherapeutin, zu der ich seit Dezember gehe, vor Weihnachten die Hausaufgabe bekommen, beim Einkaufen eine Person zu beobachten, ihre Körpersprache und Mimik darauf zu interpretieren, welche Emotionen diese Person hat, bestenfalls noch in Kontakt zu kommen und über das Ganze einen Bericht zu schreiben.

Da ich eher selten Einkaufen gehe und zu Prokrastination neige, habe ich das heute erst erledigt. Im Auto bemerkte ich bei mir bereits Widerwillen wegen der Aufgabe. Ich verstehe, dass es Übungszwecken dienen soll, aber beim Einkaufen habe ich eigentlich nur das Ziel, meine Einkäufe möglichst schnell zu erledigen. Normalerweise trage ich Kopfhörer im Supermarkt, schon um das nervige Hintergrundgedudel und Gepiepe auszuschalten und auch, um die Gespräche nicht mit anhören zu müssen. Heute ging das ja nicht.

Als ich meinen Einkaufswagen durch die Eingangsschranke schieben wollte, blockierte die ein älterer Herr in herunterhängender Jeans und dunkelblauem Pullover, der sich an seinem Wagen festhielt und genau davor stehenblieb. Da ich ihn nur von hinten sah, konnte ich seine Mimik nicht erkennen. Nach einigen Sekunden wedelte er erstaunlicherweise in Richtung Kasse, diese Handbewegung sollte wohl jemanden herbeirufen. Es dauerte eine Weile, bevor eine ältere, in eine pinke Bluse und helle Pelzjacke gewandete Dame mit Perlenkette zu ihm schlurfte, wobei sie noch ein paar launige Worte mit der Kassiererin wechselte. Ich interpretierte: Beide waren wohl bereits im Laden gewesen, bevor sie beschlossen hatten, doch einen Einkaufswagen zu brauchen, den er dann holte, wobei seine Frau schon mal vorab durch den Laden ging und eventuell die Kassiererin kannte – weshalb sonst hätte sie mit dieser reden sollen? Die beiden begannen im Schneckentempo endlich den Eingang freimachend eine Diskussion miteinander und bogen in einen Gang ab. Ich beschloss, mir lieber eine Einzelperson für die Erledigung meiner Hausaufgabe zu suchen, wahrscheinlich wäre die schneller mit ihrem Einkauf fertig und ich somit schneller mit meiner Aufgabe.

Im ansonsten leeren Discounter stand ich dann erst einmal etwas verloren zwischen dem Gemüse und war wie immer überfordert vom bunten Angebot. Meiner Ansicht nach gibt es zu viel unterschiedliches Zeugs – ich persönlich brauche nicht mehr als zwei Sorten, eine billige und eine teure, und verstehe auch nicht, weshalb man im Januar unbedingt um die halbe Welt geflogene Früchte kaufen können muss. Es dauerte eine Weile, bevor eine weitere Kundin durch die Eingangstüre kam, die braune Stiefel, eine schwarze Hose und eine dunkelrote Jacke anhatte und eine Brille trug. Sie leerte zuerst einen schwarzen Beutel mit Altbatterien aus, bevor sie durch die grün leuchtende Schranke gehen wollte, die allerdings nicht aufmachte. Sie stockte, ging zwei Schritte zurück, versuchte es ein zweites Mal ohne Erfolg und wandte sich dann nach rechts, um die Schanke zu umgehen. Als sie drei Schritte gegangen war, öffnete sich die Schranke dann doch verspätet, sie drehte den Kopf und stockte wieder, was ich als Irritation interpretierte. Zeitgleich grüßte die Frau jemanden Richtung Kassenbereich und sagte noch etwas Unverständliches, wobei sie außer Sicht zwischen den Regalen verschwand. Mir war das Phänomen mit der unwilligen Schranke selbst schon passiert, ich registrierte erst da, dass ich nicht hätte sagen können, ob die Mimik der Frau irritiert aussah, sondern dass ich von mir auf sie geschlossen und ihr überhaupt nicht ins Gesicht gesehen hatte. In dem Moment kam ein einzelner Mann in Jeans und blauem Oberteil herein, der sich allerdings ebenfalls sofort nach rechts wandte und Richtung Kassen verschwand. Ich überlegte, den beiden zu folgen, meine benötigten Waren gab es aber in einem anderen Gang und Einkaufen musste ich schließlich. Ich beschloss, erst in meine Richtung zu gehen, ich würde beide wahrscheinlich irgendwo im Laden wiedersehen und könnte dann die Aufgabe erledigen.

Erst als ich meine Waren auf das Kassenband legte, fiel mir auf, dass ich vollumfänglich damit beschäftigt gewesen war, meine benötigten Sachen zusammenzusuchen und ich wohl unfähig war, meine Aufmerksamkeit zusätzlich noch auf die Beobachtung von Personen auszudehnen. Ich hatte nur eine Hilfskraft bewusst registriert, die leere Kartons aus den Kühlregalen räumte, weil ich ihr ausweichen musste. Daran, welche sonstigen Merkmale diese junge? männliche Person in Turnschuhen, Jeans, gelbem T-Shirt und blauem Sweater hatte oder gar welche Mimik, konnte ich mich nicht erinnern. Und auch nicht daran, ob mir die Frau oder der Mann von vorhin oder irgendwelche anderen Kunden begegnet waren. Scheinbar blendete ich beim Einkaufen andere Personen komplett aus oder ich war tatsächlich nicht fähig, mich auf mehr als eine Tätigkeit zu konzentrieren.

In Ermangelung anderer Personen, beschloss ich, die Kassiererin zum Subjekt meiner Aufgabe zu machen. Die kniete in heller Hose, Discounterkittel und grünem T-Shirt darunter mit dem Rücken zu mir auf dem Boden hinter ihrer Kasse und wischte irgendetwas auf. Dabei versprühte sie großzügig ein stark riechendes Putzmittel und teilte dem Boden mit, dass sie gleich für ihn da sei. Das schien eher an mich gerichtet zu sein, sonst war ja keiner da. Als sie sich aufrichtete und sich meinem Einkaufswagen zuwandte, führte sie weiter aus, dass so wenig los sei und sie deshalb die Zeit gut nutzen könne, auch mal überall sauberzumachen. Ich dachte mir, dass mich das nicht interessieren würde, sah, dass sie stark geschminkt war und wusste nicht, ob und was ich antworten sollte. Mir war vom Geruch des Putzmittels übel und ich versuchte, mich so weit als möglich davon wegzubewegen. Sie fing an die Waren, die ich in meinem Wagen gelassen hatte zu zählen. Hier war ich vorbereitet und sagte ihr die Gesamtanzahl der einzutippenden Waren und dass eine sich auf dem Band befände. Sie fragte, ob das alles dieselbe Sorte sei, wartete eine Antwort meinerseits jedoch nicht ab und begann selbst die Waren im Wagen nachzuzählen. Ich reichte ihr das Exemplar, das ich aufs Band gelegt hatte, sie zog es über die Kasse, griff sich die andersfarbige Tüte, zog auch diese darüber, während ich bemerkte, dass es wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde, woraufhin sie mir ins Wort fiel, um wortreich festzustellen, dass ich recht mit meiner Annahme hatte. Bei der letzten über den piepsenden Scanner gezogenen Ware sagte ich: „Aufrunden bitte, mit Karte“, woraufhin von rechts eine Stimme sagte: „Abrunden wäre mir lieber“. Die Kassiererin erwiderte, dass ich eine von zwei Kundinnen im Ort wäre, die diese Möglichkeit zum Spenden überhaupt nutzte. Ich versuchte, dem mittelalten? Mann (dunkelgrüne Jacke, braunbeige Hose), der seine Waren (Stangenweißbrot, ein Kopfsalat, zwei Becher Joghurt) nach mir aufs Band gelegt hatte und den ich soeben erst registriert hatte, zu erklären, dass der Vorteil der Aktion neben der guten Tat der überschaubaren Spende sei, keine Kupfermünzen zurückzuerhalten. Währenddessen sagte die Kassiererin mir den Betrag, fragte nach einer Deutschlandkarte, reichte mir den Kassenzettel zum Unterschreiben und unterhielt sich nebenbei weiter mit dem Mann. Weil ich unterschreiben musste, fehlte mir ein Teil des Gesprächs, erfahrungsgemäß wiederholen sich Personen aber oft. Als ich wieder zuhören konnte, äußerte der Mann gerade, dass er lieber die Möglichkeit des Abrundens wählen würde. Ich brachte mich wieder ins Gespräch ein, indem ich zu ihm im Hinausgehen meinte, dass er heute ausnahmsweise mal Aufrunden sagen solle, dann wären es immerhin drei Personen, die spenden würden. Ich weiß nicht, ob er das gehört hat und was er tatsächlich tat. Ich weiß nicht, welche Emotionen beide hatten. Ich war nur sehr erleichtert, endlich dem Gestank des Putzmittels zu entkommen.

Ziel der Ergotherapie ist es, besser mit meinen Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen. Ich vermute, dass es meiner Ergotherapeutin bei dieser Hausaufgabe darum geht, zu sehen, wie es um meine Emotionserkennung steht. Diese Aufgabe ist m. E. gut geeignet, um konkrete Beispiele für die Diagnosekriterien Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Qualitative Beeinträchtigungen der verbalen und nonverbalen Kommunikation zu finden. Die Reflexion solcher Aufgaben ermöglicht es mir, die Auswirkungen meiner Autismus-Spektrum-Störung zu erkennen.

Ich erinnere mich nicht an Dinge wie Details der Kleidung, Augen- und Haarfarbe oder Frisur der Personen, die ich beobachten konnte. Ich habe es zwar geschafft, mit zwei Personen gleichzeitig zu interagieren. Aber ich musste mich komplett auf die Gespräche konzentrieren und darauf, den Geruch des Putzmittels auszuhalten, um überhaupt sinnvolle Dinge von mir geben zu können. Die ganze Interaktionssituation hat mich ziemlich belastet, so dass ich keine Kapazität mehr hatte, überhaupt auf die Gesichter oder die Körpersprache zu achten. Ich habe keine Ahnung, welche Emotionen die Personen hatten und ich frage mich, wie ich das hätte erkennen können, ohne entweder einfach zu raten oder die Personen direkt nach ihren Gefühlen zu fragen. Ich weiß nicht, ob es ein erfolgreiches Gespräch war und welche Beweggründe die Personen hatten, mit mir zu sprechen. Meine Beweggründe sind mir klar: Ich hatte eine Aufgabe zu erledigen. Diese Aufgabe habe ich partiell erfüllt, immerhin bin ich sogar in Kontakt mit zwei Personen gekommen. Aber welche Emotionen diese Personen hatten, kann ich beim besten Willen nicht hineininterpretieren.

Diese Erkenntnis wird auch meine Grundhaltung nicht verändern: Ich werde wohl niemals von alleine auf die Idee kommen, mit anderen Personen in einem Supermarkt ins Gespräch zu kommen. Ich kenne sie nicht und selbst wenn ich jemanden kennen würde, würde ich diese Person wahrscheinlich nicht bemerken oder nicht wiedererkennen. In meinen Augen sind Gespräche mit Smalltalk Inhalt die Mühe nicht wert. Und die Emotionen mir wildfremder Menschen, denen ich wahrscheinlich nie mehr begegne, scheine ich erstens nur in eindeutigen Fällen zu erkennen und zweitens interessieren sie mich schlichtweg nicht.

Meine Ergotherapeutin wird wahrscheinlich freuen, dass ich zumindest bei mir selbst Emotionen erkenne: Einesteils machen mich die offenkundig vorhandenen Defizite in Emotionserkennung oder im Deuten von Körpersprache und Mimik traurig. Andernteils freue ich mich, mittlerweile zu sehen, welche Schwierigkeiten ich in solchen Situationen eigentlich habe. Emotionserkennung ist wichtig, keine Frage. Aber mittlerweile kann ich entscheiden, wann es sich für mich lohnt, Energie in Anpassungsleitungen zu stecken, ich sehe, welche Kompensationsmöglichkeiten ich habe und denke, dass ich meine eigenen Grenzen immer besser kennenlerne. Besser mit meinen autismusbedingten Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen, heißt für mich nicht, gegen meine Natur zu agieren. Schätze, ich sollte der Ergotherapeutin sagen, was ich durch diese Hausaufgabe gelernt habe: Es macht keinen Sinn, Einkäufe zusätzlich dadurch zu erschweren, Personen zu beobachten und mit ihnen zu reden. In Zukunft gehe ich wieder wie gewohnt durch den Supermarkt, höre Musik und habe meine Ruhe. Damit fühle ich mich definitiv besser, das habe ich zweifelsfrei erkannt.


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Ich bin Autistin, keine potentielle Gewalttäterin!

In der heutigen Ausgabe unserer Tageszeitung (Allgemeine Laber Zeitung; Samstag 07. Oktober 2017) las ich auf Seite 11 unter der Überschrift „Die drei Gutachten im Überblick: Krankheit als Antrieb“, dass der Täter des Münchner Amoklaufes im OEZ laut einem der Gutachter „Offensichtlich aus narzisstischer Kränkung und Empathielosigkeit (vermutlich wegen des Aspergersyndroms)“ die Tat begangen habe.

Seit Jahren wird in sozialen Medien (beispielsweise hier) von Betroffenen versucht, die Tragweite der medialen Berichterstattung begreiflich zu machen. Gefühlt jedes Mal, wenn in den Medien über einen Amoklauf berichtet wird, ist in irgendeiner Form auch die Rede von Autismus oder von damit assoziierten, sozial nicht akzeptierten Dingen, wie Einzelgänger sein, keine Freunde haben, zurückgezogen leben, exzessiv Computerspiele (hier vor allem immer wieder Ego-Shooter) spielen, Mobbing usw. usf.

Mich macht das einfach nur traurig. Und mutlos. Auch mein Sohn spielte sehr viel am Computer, war Einzelgänger und wurde in der Schule gemobbt. Ich erinnere mich daran, dass mir in der Schule beim Elternabend einmal eine Lehrkraft gegenübersaß, die mich allen Ernstes fragte, ob mein Sohn tatsächlich plane, die Welt zu vernichten? Ihr sei das von Mitschülern zugetragen worden. Sie mache sich Sorgen, zuzutrauen sei es ihm ja, intelligent wie er sei. Ich war damals völlig verblüfft und dachte mir im Stillen – eine studierte Gymnasiallehrkraft äußert so etwas, wie absurd ist das denn? Damals hatte mein Sohn noch keine Autismus-Diagnose. Aus heutiger Sicht bin ich direkt froh darüber. Leider zeigen mir diese Anekdote und der heutige Artikel, dass Anderssein grundsätzlich mit potentieller Gewalttätigkeit gleichgesetzt wird. Selbst bei einer Hochbegabung, die eigentlich doch positiv besetzt sein sollte, war diese Form des Andersseins einer Lehrkraft suspekt und führte zu einer solchen Zuschreibung.

Ich bin Autistin mit der ICD10-Diagnose F84.5 und mich beschäftigt dieser Artikel seit heute morgen. Die Formulierung ist spekulativ, wie das leicht zu überlesende Wort „vermutlich“ zeigt. Sie stellt aber einen angeblich fundierten Zusammenhang zwischen dem Amoklauf und Autismus her. Immerhin ist der Gutachter ein Professor und das Ganze steht in der Zeitung, das könnte viele Leser von der Korrektheit überzeugen. Unbeachtet bleibt dabei aber, dass der Gutachter aus der Aktenlage heraus begutachtet hat und offenbar gar nicht sicher ist, dass der Täter Autist war. Außerdem ist Autismus weder mit Narzissmus gleichzusetzen, noch sind Autisten generell empathielos. In meinen Augen ist die Formulierung diskriminierend, sie richtet sich gegen Inklusion und sie zementiert entgegen dem aktuellen Forschungsstand einen Mythos über Autismus.

Auf den heutigen Artikel habe ich mit der Redaktion der Zeitung Kontakt aufgenommen und meine Gedanken dazu mitgeteilt. Nur leider hilft das nicht gegen das durch solche Formulierungen weiterhin verbreitete Bild von Autisten als Menschen, vor denen man Angst haben muss – sie könnten ja beispielsweise Amok laufen. Zudem verhindern solche Artikel eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Offen mit meinen Diagnosen umzugehen, wird mir so schwergemacht. Ich befürchte, dass alle Versuche, gegen die Vorurteile vorzugehen und über das Wesen von Autimus aufzuklären, nichts gegen die durch solche Formulierungen in den Köpfen der Leser entstehenden Assoziationen ausrichten.

Ihr müsst mir also einfach glauben: Ich bin ein friedliebender Mensch. Ich bin Autistin, aber ich tue trotzdem niemandem Gewalt an.


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Tage der Überforderung – muss das denn wirklich sein?

Es ist frustrierend, immer und immer wieder dabei Probleme zu haben, wenn ich mich um (gesetzlich garantierte) Unterstützungsleistungen bemühe, indem ich Krankengeld beantrage und einen Antrag auf berufliche Rehabilitation stelle. Ich empfinde es als ungerecht, wie mit mir umgegangen wird. Und ich verstehe es nicht. Denn es ist unlogisch. Nach meinem Verständnis sollte meiner Krankenkasse daran gelegen sein, dass ich schnellstmöglich gesund werde. Und das Ziel der beruflichen Rehabilitation sollte darin liegen, dass ich schnellstmöglich wieder eine Stelle finde. Trotz meiner Schwierigkeiten, die ich mir nicht ausgesucht habe und die ich auch nicht vorsätzlich herbeigeführt habe. Ich kann nichts dafür, Autistin zu sein und ich kann auch nichts dafür, dass ich eine Depression habe.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich mich frage, warum es mir bitte so schwer gemacht werden muss. In der Post war ein Brief meiner Krankenkasse, in dem ich aufgefordert werde, bis 12.10. einen Befundbericht meiner behandelnden Ärztin einzureichen, andernfalls wird mir das Krankengeld verwehrt. Selbst wenn meine Ärztin es schafft, diesen Befundbericht heute noch zu schreiben, wovon nicht auszugehen ist, ist die Frist zu kurz. Erfahrungsgemäß dauert es mehrere Werktage, bis Post von der medbo bei mir ankommt und dann muss ich diesen Bericht noch zur Krankenkasse weiterschicken. Das hätte sich die Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse auch selbst ausrechnen können. Ich frage mich, was so eine Fristsetzung für einen Sinn hat. Ich meine, das führt auch beim nichtautistischen Versicherten zu einem massivem Stresserleben und Existenzängsten. Selbst völlig ohne Kenntnis meiner Diagnosen hätte klar sein müssen, dass dieses Schreiben garantiert nicht gesundheitsförderlich ist.

Ich habe eine mir zugeteilte Reha-Sachbearbeiterin bei der Deutschen Rentenversicherung, die meine Diagnosen kennt. Meiner Ansicht nach hat sie die Pflicht, sich darüber zu informieren, wenn sie bisher keine Kenntnis der damit einhergehenden Behinderungen hat, um mich bestmöglich unterstützen zu können. Ich frage mich, warum sie sich dann so denkbar kontraproduktiv verhält?

Den Termin zum ersten Beratungsgespräch an einem Donnerstag im August hatte sie äußerst kurzfristig per Mail einen Tag vorher wegen „unvorhersehbarer Gründe“ abgesagt und auf Freitag verlegt. Obwohl mein Mann extra Urlaub für diesen Termin genommen hatte und ich mich auf den Termin eingestellt hatte.

Im Beratungsgespräch hatte sie mir nur eine Maßnahme vorgeschlagen, deren Rahmenbedingungen mir nicht autistenfreundlich erschienen. Auf meine Rückfragen zu diesen Rahmenbedingungen erhielt ich von ihr für mich undurchführbare Lösungsvorschläge. Ich könne unter der Woche im Wohnheim wohnen. Die Betreuung erfolge durch wechselnde Sozialpädagogen. Es werde besonderen Wert auf viele betriebliche Praktika in möglichst vielen unterschiedlichen Betrieben und Werkstätten gelegt, um meine Belastungsfähigkeit wiederherzustellen. Bei diesem Szenario war es fast schon egal, dass mich zusätzlich die beiden Worte Betreuung und Werkstätten massiv verunsicherten. Meine Nachfrage, inwiefern mir diese Maßnahme als autistischer Akademikerin helfen solle, wieder im Berufsleben integriert zu werden, ließ meine Sachbearbeiterin offen. Stattdessen meinte sie, sie könne im Moment eh nichts für mich tun.

Zu solchen Terminen muss mein Mann mich immer begleiten, weil ich oft Schwierigkeiten habe, adäquat zu reagieren, wenn ich Unvorhergesehenes gefragt werde oder ich nicht verständlich meine Anliegen übermitteln kann. Wir hatten wie immer ausgemacht, dass er das Gespräch übernehmen würde, wenn ich ihm ein vorher vereinbartes Zeichen geben würde oder er mir ein Zeichen geben würde, wenn er den Eindruck bekäme, dass Missverständnisse entstünden. Den größten Teil der Zeit redete sie aber sowieso nur mit meinem Mann. Meine Sachbearbeiterin behauptete, ich müsse zuerst einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen, vorher wäre sie sowieso nicht für mich zuständig. Diesen Antrag könne ich allerdings nicht bei ihr, sondern müsse ihn bei meiner Heimatgemeinde stellen. Warum erklärte sie nicht. Mein Mann signalisierte mir zu diesem Zeitpunkt, dass ich nicht mehr nachfragen solle und beendete das Gespräch. Draußen erklärte er mir dann, dass er nicht den Eindruck gehabt hätte, dass diese Sachbearbeiterin mich unterstützen wolle. Er meinte, ich sollte dann einfach möglichst schnell diesen Antrag stellen.

Bei dem Versuch, am Montag nach dem Beratungsgespräch ohne die Unterstützung meines Mannes – der musste schließlich arbeiten – diesen Antrag abzugeben, fragte der Sachbearbeiter in der Gemeinde telefonisch bei der Sachbearbeiterin in der DRV nach, weshalb ich eigentlich einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen müsse. Ihre Antwort, die ich mithören konnte war: „Das stimmt so nicht, die Dame will einen Antrag stellen“. Diese Aussage war definitiv unrichtig. Ich hatte bei dem Beratungsgespräch nicht gesagt, ich will einen Antrag stellen, das Gespräch war erst drei Tage her, ich erinnerte mich sehr genau an alles, was besprochen wurde. Der Sachbearbeiter in der Gemeinde riet mir, keinen Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen, sondern erst eine Kontenklärung vornehmen zu lassen. Er erklärte mir insbesondere die Nachteile einer solchen Antragstellung in meiner Situation. Ich war aber mit der Absicht gekommen, den übers Wochenende ausgefüllten Antrag abzugeben und nicht so flexibel, dass ich sofort froh über seinen Rat war. Ich stand überfordert im Raum mit meinem Antrag in der Hand und begann zu heulen. Für eine erwachsene Frau von 52 Jahren ganz sicher kein adäquates Sozialverhalten. Leider passiert mir so etwas immer wieder, weshalb ich es nach Möglichkeit vermeide, mich ohne Unterstützung in solche Situationen zu begeben.

Ich hatte mich noch während meiner Zeit in der TKSI bei auticon beworben. Sie hatten zwar bisher kein Projekt, bei dem sie mich einsetzen hätten können, schlugen mir aber vor, an einer Vorbereitungswoche teilzunehmen. Ich solle vorher bitte in Erfahrung bringen, ob meine Teilnahme als Maßnahme zur beruflichen Eingliederung beim Arbeitgeber gelten würde.

Ich fragte beim Arbeitsamt nach, wurde jedoch an die DRV verwiesen, weil beim Arbeitsamt wegen meines Reha-Antrages ein Förderverbot bestünde. Am 02. September schrieb ich eine E-Mail an meine Sachbearbeiterin, in der ich sie davon in Kenntnis setzte, dass ich in den kommenden Wochen mit meinem Mann im Urlaub wäre und im Ausland nur eingeschränkt erreichbar sei. Am 04. September erhielt ich von ihr einen Einzeiler ohne Anrede oder Grußformel, in der ich nach meiner Versicherungsnummer gefragt wurde. Ich wunderte mich, wieso ausgerechnet meine DRV-Beraterin meine Sozialversicherungsnummer nicht hat, obwohl diese links oben auf dem Einladungschreiben zum Beratungsgespräch gestanden hatte? Vielleicht meinte sie ja auch meine Krankenversicherungsnummer? Aber die hätte sie von der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die ich ihr in meiner Anfragemail im Anhang mitgesendet hatte ablesen können. Ich fragte meinen Mann, weshalb ich zwar gelernt hatte, dass E-Mails immer mit Anrede und Grußformel am Ende zu schreiben sind, es in einer Versicherung aber scheinbar unüblich zu sein schien, sich an diese Gepflogenheiten zu halten? Ich schrieb also am 07. September eine Antwortmail, in der ich ihr sowohl meine Sozialversicherungsnummer, als auch meine Krankenversicherungsnummer mitteilte.

Zurück aus dem Urlaub hatte ich immer noch keine Antwort, die Vorbereitungswoche bei auticon soll aber schon am 11. Oktober beginnen. Ich besprach bei meinem nächsten Arzttermin mit meiner Ärztin, wie es weitergehen sollte. Sie hat die Teilnahme an der Maßnahme bei auticon trotz weiterer Krankschreibung befürwortet. Ich bin wegen Autismus und Depressionen krank geschrieben. Mit meiner Teilnahme an dieser Maßnahme tue ich laut ihr aktiv etwas gegen die Depression.

Ich schickte der Sachbearbeiterin bei der DRV heute eine zweite Anfrage mit der Bitte, mir bis spätestens 10. Oktober zu antworten. Ihre Antwort bekam ich umgehend: Die Anfrage werde im Team bearbeitet, sie hält eine Teilnahme an der Vorbereitungswoche aber wegen meiner Krankschreibung nicht für empfehlenswert. Eine Woche vor Beginn noch keine Antwort der DRV auf meine Anfrage zu haben, ist für mich sehr belastend, weil das viel zu kurzfristig ist. Ich habe so keine Planungssicherheit. Und warum empfiehlt mir meine eigene Sachbearbeiterin, dass ich nicht an der Vorbereitungswoche teilnehmen soll? Ich bemühe mich selbständig um eine Lösung meiner beruflichen Situation und kümmere mich aktiv darum, eine neue Stelle zu finden. Ich erhalte bei einer Firma eine Chance, die nachweislich geeignete Arbeitsplätze für Autisten anbietet. Und dann soll ich diese Chance nicht nutzen? Obwohl die Sachbearbeiterin der DRV mir dabei helfen soll, wieder im Arbeitsleben integriert zu werden? Stattdessen behindert sie mich nach meinem Erleben.

Die Folgen der Nachrichten des heutigen Tages waren: Nichts von dem geschafft, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte, ein Heulanfall, eine Schimpftirade, weil ich völlig außer Fassung geriet, heftige Kopfschmerzen und jetzt das Gefühl der tiefen Erschöpfung. Meiner Ansicht nach sollte das nicht sein, wenn es tatsächlich darum ginge, mich bestmöglich zu unterstützen. Aber wahrscheinlich ist es nur meiner schizoiden und paranoiden Persönlichkeitsakzentuierung zuzuschreiben, wenn ich ein System hinter solchen Vorkommnissen vermute und zunehmend keine Kraft mehr habe, mich mit Sachbearbeitern und Unterstützungsanträgen auseinanderzusetzen.

Aufgeben ist natürlich keine echte Option. An Tagen wie heute wünschte ich mir nur, es wäre nicht alles so ein unglaublicher K(r)ampf.


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Offen mit Autismus und Depressionen umgehen – darf man das?

Inzwischen gibt es hin und wieder ein paar gute Tage. Tage an denen mir etwas gelingt, an denen ich es schaffe Staub zu saugen und zu putzen. Sogar Tage, an denen ich begonnen hatte, an meinem Teich weiter zu graben. Es kann gar nicht genug Teich geben, das ist schon mal klar. Je mehr Teich, desto mehr Möglichkeiten, am Ufer sitzend auf Fische zu starren. Darüber nachzudenken, welche Formationen sie schwimmen. Die Reflexionen des Sonnenlichts auf den Schuppen zu sehen, wenn sie fressen. Zu beobachten, welche Muster sich ergeben, welche Schwärme welches Revierverhalten zeigen und wer mit wem schwimmt – stundenlang auf Fische starren tut mir gut. Und es ist gut, sich bei einer Depression sportlich zu betätigen und aus dem Haus zu gehen. Dazu ist ein Gartenprojekt, bei dem man an der frischen Luft ganz viel Erde per Schubkarre und Handarbeit mit Spaten von A nach B verbringen muss, für mich als Autistin perfekt geeignet.

Leider kann ich das nicht andauernd machen, im Moment wäre es sogar denkbar ungünstig im Regen zu sitzen und zu frieren oder draußen zu schwitzen bei der Fische-starr-Flächenvergrößerung. Ich dachte, es ginge jetzt endlich wieder aufwärts. Aber schon seit mehr als einer Woche schleppe ich mich vom Bett zum Tisch, von dort zum Sofa und zurück ins Bett. Gut, derzeit bin ich richtig unangenehm körperlich krank. Das könnte eine Erklärung sein. Die andere Erklärung wäre, dass ich schlicht und ergreifend immer noch ziemlich depressiv bin.

Laut der Sachbearbeiterin in der Deutschen Rentenversicherung, bei der ich letzten Monat einen Termin wegen meines Antrages auf Teilhabe am Arbeitsleben und wegen meiner beruflichen Zukunft hatte, bin ich vollschichtig erwerbsfähig. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es Zeit meines Lebens noch nie geschafft habe, Vollzeit zu arbeiten: Warum nur fühle ich mich so überhaupt nicht erwerbsfähig? Ich bin immer noch krank geschrieben. Seit nunmehr einem halben Jahr bin ich ununterbrochen arbeitsunfähig krank geschrieben. Obwohl ich mich nach der langen Zeit doch eigentlich hätte erholt haben müssen.

Eigentlich müsste ich inzwischen wieder die Kraft haben, den Kampf weiter zu kämpfen, eine neue Arbeitsstelle zu suchen, wieder von vorne anzufangen. Unbelastet, keiner kennt mich, ich habe noch keine nicht wieder gut zu machenden soziale Fehler im Umgang mit den Kollegen gemacht, neue und hoffentlich interessante Aufgaben warten. Aber allein der Gedanke daran, mich um eine neue Stelle bemühen zu müssen, führt dazu, dass mir der Angstschweiß ausbricht. Ich kann mir seltsamerweise absolut nicht mehr vorstellen nochmals in irgendeinem Büro zu arbeiten. Schon gar nicht kann ich mir vorstellen das nicht alleine, sondern mit Kollegen zu tun. Ich wüßte nicht einmal, wie ich mit ihnen reden sollte. Ich wundere mich, dass mir das mal gelungen ist, verstehe nicht, wie ich es geschafft habe. Beim Gedanken daran kommen mir die Tränen und mir tut der Magen weh. Alles psychosomatisch, ich weiß – aber auch wenn es keine körperliche Ursache hat, die Magenschmerzen tun trotzdem weh. Kann natürlich auch sein, dass meine Weinerlichkeit und die Magenschmerzen daher rühren, weil ich mir nutzlos vorkomme und weil ich Versagensgefühle habe. Und solche Gedanken und Gefühle wiederum sind laut Literatur typisch bei einer Depression.

Jetzt könnte man meinen, dass ich doch gar keinen Grund habe, mich zu beklagen. Immerhin bin ich daheim, seit einem halben Jahr habe ich frei. Aber ich schaffe es nicht einmal trotz all der „Freizeit“, die ich dank der Krankschreibung habe, mich mit meinen Hobbys zu beschäftigen. Mich darum zu kümmern, wie es im Studium weitergeht. Jetzt hätte ich seit einem halben Jahr die Zeit gehabt, die Reader des letzten Moduls vollständig zu lesen, ein Hausarbeitsthema zu finden, Literatur zu recherchieren und loszuschreiben. Und was habe ich davon erledigt? Genau – nichts. Was ist aus meinen Plänen geworden, mich mit Ubuntu zu beschäftigen, C++ zu lernen, die Literatur-Datensammlung zu ordnen, alle Folgen von GoT anzusehen? Tag um Tag verbringe ich damit, mir vorzunehmen etwas davon ganz bestimmt am nächsten Tag anzufangen.

Und Tag um Tag vergeht, eine lange Reihe an Tagen mittlerweile. Zu einer Depression gehört augenscheinlich Geduld – es bleibt also schwierig, denn Geduld gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Hinderlich ist auch das Gefühl, dass es seit längerem eigentlich nur noch Abwärts geht. Mein Leben besteht mittlerweile gefühlt seit ewiger Zeit, tatsächlich seit drei Jahren überwiegend daraus, wahlweise körperlich erkrankt, erschöpft oder antriebslos auf dem Sofa herum zu Gammeln und nichts mehr zustande zu bringen. Nach wie vor überkommt mich täglich die Sinnfrage. Es ist schwierig in dem Zustand den Spaß am Leben zu sehen. Lebensqualität ist nicht wirklich gegeben.

Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass es problematisch werden könnte jemals wieder eine neue Arbeitsstelle zu finden, wenn ich öffentlich von meinem Autismus schreibe und insbesondere von einer Depression. Meiner Ansicht nach gehört der komplette Bereich der psychischen Erkrankungen aber aus der Verheimlichungsecke heraus. Wenn eine Depression tatsächlich eine Erkrankung ist, dann sollte man genauso darüber sprechen dürfen wie über eine Blasenentzündung oder einen grippalen Infekt. Wo ist der Unterschied? Alles sind heilbare Erkrankungen, die einen arbeitsunfähig werden lassen können. Angeblich – bei der Depression habe ich mittlerweile so meine Zweifel bezüglich der Heilbarkeit, immerhin scheine ich seit meiner Jugend immer mal wieder depressiv zu sein.

Eine Autismus-Spektrum-Störung (soweit ich auf dem Laufenden bin, soll man das Wort Störung nicht mehr benutzen – in Ermangelung einer zufriedenstellenden anderen Bezeichnung bleibe ich aber dabei) ist zwar weder eine Erkrankung noch ist sie heilbar. Trotzdem denke ich, dass es, zumindest für mich, unabdingbar ist, offen damit umzugehen. Ich glaube, dass ich nicht mehr versuchen sollte mich an eine Arbeitsstelle anzupassen. Das hat Zeit meines Lebens bisher nicht geklappt. Es ist wichtig, dass ein zukünftiger Arbeitgeber weiß wo meine Schwierigkeiten liegen, wenn ich denn irgendwann in der Zukunft (hoffentlich bald) fähig sein werde wieder einer Teilzeit-Erwerbsarbeit! nachzugehen. Mir ist inzwischen klar, dass ich wahrscheinlich niemals genügend Energie haben werde, um ganztags arbeiten gehen zu können. Ich arbeite daran, das nicht mehr als persönliches Lebensversagen zu sehen, sondern als nachvollziehbare Folge meines Autismus. Und dass ich unbedingt eine Stelle finden muss, bei der sich die Rahmenbedingungen an meine Bedürfnisse anpassen lassen. Damit ich gesund bleiben kann – soweit ich das wieder werde.

Ich hoffe, die Zusammenhänge kann ich der Sachbearbeiterin von der Rentenversicherung verständlich erklären, wenn ich das nächste Mal zu einem Beratungsgespräch über meine berufliche Zukunft eingeladen werde. Das letzte Mal verlief nämlich denkbar irritierend. Ich bekam als für mich passende berufliche Rehabilitationsmaßnahme vorgeschlagen, in dieses berufliche Trainingszentrum zu gehen. Der „Erwerb von Schlüsselqualifikationen, die Steigerung der Belastbarkeit und das (Wieder-) Erlernen des Rollenverhaltens“ (Quelle) als seelisch erkrankter Arbeitnehmer stehen im Vordergrund des mir anempfohlenen Trainings. Dort solle ich dann mittels Kursen aus den Themenbereichen

  • Büroorganisation
  • Schriftverkehr
  • PC-Kenntnisse
  • Computertechnik
  • Grundkenntnisse der Verwaltungsorganisation
  • Grundkenntnisse der Buchhaltung
  • Grundkenntnisse des Personalwesens
  • Mediengestaltung (Quelle)

eine Lösung für meine berufliche Situation finden. Zudem gäbe es laut Sachbearbeiterin ein Anpassungstraining in der Gruppe, bei der ich soziale Kompetenz erlernen könne. Auf meine Frage, ob sich die Fachkräfte dort auch mit Autismus auskennen würden erhielt ich die Antwort: Betreut werde man von Sozialpädagogen. Ein sehr wichtiger Baustein der Maßnahme seien möglichst viele betriebliche Praktika. Ganztags, in wechselnden Betrieben und in der Werkstatt. Wegen des weiten Anfahrtsweges könne ich während der Woche im dortigen Gästehaus logieren. Vor Beginn dieser Maßnahme müsse ich jedoch erst noch einen Erwerbsminderungsrentenantrag stellen, davor könne sie gar nichts für mich tun. Aber das ginge nicht bei ihr, sie sei für diesen Antrag nicht zuständig.

Ich frage mich, inwiefern mir diese Maßnahme in meiner gesundheitlichen Situation und hinsichtlich meiner bereits vorhandenen beruflichen (Über)qualifikation als Steuerfachangestellte und Bildungswissenschaftlerin etwas Positives bringen soll. Ich hoffe wirklich, diese Beratungsgesprächsergebnisse sind nur dem fehlenden Wissen der Sachbearbeiterin über Autismus mit der Komorbidität Depression zuzuschreiben. Ich hoffe, Mitarbeiter in Ämtern und Behörden sind nicht lernresistent und durch zunehmende Verbreitung von Wissen über Autismus und Depressionen kann nicht nur ich zukünftig hoffentlich zielführender beraten werden. Auch deshalb scheint es mir imho sehr wichtig, offen mit meinen Diagnosen umzugehen.

Übrigens: Den Erwerbsminderungsrentenantrag habe ich bisher nicht gestellt. Und jetzt verschwinde ich wieder eine Zeitlang auf dem Sofa.

 

 


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TKSI – unbedingt empfehlenswert, zumindest für mich

Ende nächster Woche ist mein Aufenthalt in der TKSI zu Ende. Inzwischen funktioniere ich im Rahmen der Tagklinikstrukturen wieder ganz gut. Ob das ein stabiler Zustand sein wird, kann nur der Alltag und die Zukunft zeigen. Da ich die Diagnose rezidivierende Depression mitnehme, ist davon auszugehen, dass mich irgendwann im Leben wieder eine schwerere Depression einholen kann. Muss ich halt schneller sein – wenn es denn so einfach wäre. Aber ich habe in der Klinik das Wissen erlernt, um mitzubekommen, wenn Gefahr im Verzug ist und ich auf mich aufpassen sollte. Dazu habe ich jetzt ein Instrumentarium, das mir hilft, meine Grenzen zu akzeptieren; mit meiner Energie achtsam umzugehen; mir genügend Zeit und Raum zur Erholung zu lassen; die Haltung: „Zuerst die Arbeit und dann (vielleicht, wenn Zeit ist) das Vergnügen“ aufzugeben; meinen Perfektionismus mit Abstand zu betrachten und zu versuchen, auch manchmal Unperfektes zuzulassen; mich für Leistungen zu belohnen – geübt habe ich das alles bereits. Jetzt muss ich das Ganze noch in meinen zukünftigen Alltag integrieren.

Dem für mich wichtigsten Ziel, der Entwicklung einer längerfristigen beruflichen Perspektive, bin ich sehr viel nähergekommen. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Sozialdienstes der TKSI habe ich die Aussicht darauf, in absehbarer Zukunft wieder eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu haben. Genauer gesagt sieht es sogar so aus, als könne ich zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählen. Ich bin noch am Abwägen, welcher Möglichkeit ich den Vorzug geben sollte und ob nicht sogar beide Möglichkeiten miteinander zu vereinbaren wären. Die eine Möglichkeit ist eine Anstellung bei auticon als IT-Consultant im Software-Testing Bereich. Die andere eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU. Eine dritte Möglichkeit kann sich eventuell noch in Regensburg ergeben, wobei ich meine Kenntnisse aus dem Masterstudium einsetzen könnte. Was mich besonders bei allen drei Möglichkeiten begeistert ist, dass ich definitiv nichts mehr mit Verwaltung, Buchhaltung und allgemeinen Bürotätigkeiten zu tun hätte, von vornherein klar wäre, dass ich Autistin bin und die Rahmenbedingungen wesentlich passgenauer meine bisherigen autismusbedingten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz abfedern könnten. Bei allen drei Möglichkeiten könnte ich Stärken einsetzen, die ich bisher nie umsetzen habe können. Ich scheine nämlich der geborene Fehlerfinder zu sein, Fehler im System oder in Programmen oder in Texten fallen mir schon seit jeher auf. Ich finde es lustig, dass man tatsächlich damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann, auf alles zu klicken und dann rückzumelden, dass etwas nicht funktioniert oder falsch ist. Das mache ich sowieso ständig, hatte mir damit aber bisher eher keine Freunde gemacht. Die Überprüfung großer Datenmengen macht mir Spaß. Außerdem bin ich wirklich gut darin, passgenaue Literatur zu einem autodidaktisch zu erarbeitenden Thema zu finden, wissenschaftliche Texte zu redigieren bzw. zu schreiben und Vorträge zu gestalten – nur halten muss sie jemand anderes.

Was meine absoluten Stärken sind, wusste ich bereits als Jugendliche und damals wusste ich auch, welcher Beruf passend für mich wäre. Ich wollte Lektorin werden und irgendwann vielleicht einmal selbst Schriftstellerin. Jemand sein, der sehr viel lesen darf und damit am besten von zu Hause aus Geld verdient. Der im Hintergrund die Fehler findet, Geschriebenes besser macht, der mit Sprache umgeht, recherchiert, lebenslang eigenständig lernt. Leider scheiterte ich damals, weil ich nicht fähig war, ein Studium zu schaffen. Und in der Folge verlor ich mein Ziel aus den Augen wegen der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Also wurde ich mangels anderer Möglichkeiten Steuerfachangestellte. Verbrachte Jahre in diversen Büros, stets krank werdend.

Es ist schade, dass ich erst ein halbes Jahrhundert alt werden musste, um meine eigentlichen Begabungen einsetzen zu dürfen. Und erst durch die Autismus-Diagnose erkannt habe, was falsch lief und weshalb ich immer und immer wieder im Arbeitsleben scheiterte. Aber wenigstens habe ich jetzt endlich die Chance, doch noch erfolgreich zu sein. Und mir ist sehr bewusst, welchen maßgeblichen Anteil die Unterstützung in der TKSI daran hat. Für mich war mein Aufenthalt in der TKSI eine der besten Ideen, die ich in letzter Zeit hatte. Klar war nicht alles, was ich dort erlebt habe, durchgängig toll. Es gab anfangs ein gewisses organisatorisches Eröffnungs-Chaos, es gab immer wieder Termine, die kurzfristig ausfielen, weil beispielsweise Mitarbeiter erkrankten und keine Vertretung gefunden wurde. Aber was durchgängig zu spüren war: Ich wurde als Person mit all meinen individuellen Schwierigkeiten stets wertgeschätzt und es wurde mit allen verfügbaren Ressourcen versucht, mir sofort und möglichst umfassend zu helfen. Deshalb geht mein tiefempfundener Dank an die Menschen, die mich die vergangenen Wochen dort unterstützt haben und auch in Zukunft noch unterstützen wollen.


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TKSI zum Zweiten

Morgen ist der letzte Tag der ersten Woche meines zweiten sechswöchigen Durchlaufes in der TKSI. Mir wurde seitens der Klinik angeboten, meinen Aufenthalt nochmals um sechs Wochen zu verlängern. Dieses Angebot nahm ich gerne an. Ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich nach den sechs Wochen machen soll. Die Struktur in der Klinik tut mir gut. Eine Wiederholung von Inhalten stört mich keineswegs. Das Einzige, was es richtig schwierig macht, sind die neuen Mitpatienten.

Hier bediene ich das Autistenklischee: Ich komme mit Veränderungen nicht wirklich gut klar. Aber auch das gilt nur eingeschränkt, denn trotz meiner Aussage in einem vorherigen Blogbeitrag habe ich meine Essensroutine angepasst. Nachdem ein Mitpatient vorvorletzte Woche fragte, ob ich mit Mittagessen gehen würde, versuchte ich es nochmals mit einem Kantinenbesuch, weil das Wetter so schön war, dass ich draußen essen konnte. Ich trabte hinter ihm her in eine Ecke, die mir vorher gar nicht aufgefallen war. Und siehe da: Es gab eine Salatbar zum Selbermischen nebst laktosefreiem Dressing.  Das Mitschleppen meines laktosefreien Joghurtmüslis erübrigte sich ab diesem Moment.  Seither gehe ich mit meiner großen Salatschüssel auf den Balkon der TKSI und genieße in Ruhe und alleine ein gesundes Mittagessen.

Aus einem weiteren Grund ist ein verlängerter Aufenthalt gut. Vollständig arbeitsfähig fühle ich mich derzeit nämlich definitiv noch nicht. Gestern war ich an meinem Arbeitsplatz, um Schlüssel zurückzugeben und meine Sachen abzuholen, da mein Arbeitsvertrag Anfang Juni endet. Ich habe es glaube ich geschafft, diese halbe Stunde normal zu wirken, aber es war anstrengend und ich hätte nicht mehr lang durchgehalten. Dadurch, dass mir mittlerweile die Bedeutung und der Nutzen von Smalltalk bewusst ist und ich in den letzten Wochen genügend Zeit zum Üben hatte, fiel mir auch das relativ leicht. Immerhin hat meine zukünftige Exchefin mir gegenüber geäußert, dass sie sich freut, dass es mir wieder so gutgeht. Die Außenwirkung war demnach in Ordnung, meine Fassade hatte wohl keine sichtbaren Risse. Hoffe ich, denn wissen kann ich es nicht. Ich bin darauf angewiesen zu glauben, was sie mir sagt. Ein Kollege, der ebenfalls anwesend war gab mir den Rat mit auf den Weg, mir für die Zukunft eine Arbeitsstelle zu suchen, bei der ich nicht so oft in Kontakt zu anderen Menschen komme. Er meinte, dass die Bereiche, in denen ich gut gewesen sei leider nur einen sehr kleinen Teil der Stelle ausgemacht hätten. Mir ist klar, dass er recht hat, trotzdem hörte sich das nicht schön an. Jetzt weiß ich nicht, ob die Traurigkeit wegen dieser Aussage der Depression geschuldet ist. Im Grunde ist es egal, die Rahmenbedingungen der Arbeitsstelle haben nicht gepasst, weswegen ich krank geworden bin, also muss die nächste Stelle eine sein, bei der die Rahmenbedingunen besser passen.

Autismus, Depression und alles, was damit einhergeht, wie Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit und die psychosomatischen Reaktionen hängen miteinander zusammen. Wobei sie sich gegenseitig beeinflussen. Meine Überlegung ist: Wenn in mein Leben wieder Ruhe eingekehrt ist, ich eine Arbeitsstelle gefunden habe, genügend Zeit zum Eingewöhnen vergangen sein wird und die Unsicherheit der Probezeit oder eines befristeten Vertrages vorbei sein wird, dann wird es mir psychisch und in der Folge auch somatisch bessergehen. Die zusätzlich geschenkte Zeit in der TKSI kann ich dafür nutzen, die berufliche und die gesundheitliche Situation zu klären.

Mir wurde empfohlen, mit Hilfe eines Neuroleptikums meine Reizbarkeit und Reizsensitivität zu dämpfen. Danach hätte dann die Depression ebenfalls nochmals medikamentös behandelt werden können. Nach knapp zwei Wochen Medikamenteneinnahme hatte ich wie bei meinem ersten Versuch mit Antidepressiva etliche unschöne Nebenwirkungen. Ich war mir nicht sicher, auch eine dämpfende Wirkung zu verspüren. Wahrscheinlich wurde die jedoch von den Nebenwirkungen überdeckt. Ich empfand es als überaus positiv, dass meine Ärztin meine Bedenken und Überlegungen zu der Medikamenteneinnahme ernst nahm und auf meine Einwände und Befürchtungen einging. Sie betonte auch, dass die Entscheidung, Medikamente einzunehmen immer bei mir läge. Sie würde mich nach Kräften unterstützen. Wir kamen überein, dass ich außer Schmerzmitteln (wegen einer Schulterverletzung habe ich Schmerzen) nichts mehr nehmen werde. Denn meine Überlegung war: Ein Neuroleptikum kann ich maximal 3 Jahre lang einnehmen, währenddessen passt sich mein Gehirn über Rezeptorenvermehrung und Sensitivierung an, um den Ursprungszustand wiederherzustellen (so ganz stimmt das medizinisch scheinbar nicht, meine Ärztin sagte aber ganz offen, dass nicht klar ist, was genau im Gehirn abläuft und wie die Medikamente tatsächlich wirken). In dem Moment, wo ich die Medikamente dann absetzen muss, holt mich wegen des wiederum entstehenden chemischen Ungleichgewichtes im Gehirn die Depression vielleicht wieder ein und zusätzlich wäre ich eine Zeitlang noch reizoffener als anfangs. Eine ungute Kombination, die eventuell dann dazu führen könnte, dass ich meine Arbeitsstelle gefährde, die ich bis dahin gefunden zu haben hoffe. Weil der Nutzen durch die Medikamente für mich nur kurzfristig ersichtlich ist und ich nicht genau feststellen konnte, ob sie tatsächlich wirken, habe ich beschlossen, lieber keine zu nehmen.

Zum Glück habe ich bereits einen Psychotherapieplatz, so dass ich nach dem Klinikaufenthalt nahtlos eine Verhaltenstherapie machen kann, die mir dabei helfen wird, mit den alltäglichen Schwierigkeiten und den Problemen, die eine Depression mit sich bringt, umgehen zu können. Beides: Therapie und stabile Arbeitsstelle sollten meinem Leben so viel Struktur geben, dass die Depression abklingt, damit einhergehend die Reizoffenheit weniger wird und in der Folge Schlafstörungen und psychosomatische Stressreaktionen verschwinden.

Das klingt nach: Alles wird gut. Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass die körperlichen Probleme ebenfalls behandelt werden, denn die Schulterverletzung ist nicht von selbst ausgeheilt. Hier steht noch eine Abklärung bzw. eine erfolgreiche Behandlung an. Denn solange ich Dauerschmerzen habe, ist mein Stresslevel erhöht. Wobei die Schmerzen wiederum die Depression verstärken. Also ist ein wichtiger Schritt im Moment, die Schmerzen loszuwerden. Und eine neue Stelle oder eine finanzielle Lösung zu finden. Klingt nach einem guten kurz- bis mittelfristigen Plan, den ich die kommenden Wochen verfolgen werde. Und die neuen Mitpatienten werden in fünf Wochen gewohnte alte Mitpatienten für mich sein, genau wie beim ersten mal. Es besteht eine echte Chance auf: Alles wird gut.