SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Angst lähmt

Guter Beitrag, der beschreibt, was ich ebenfalls denke. Am Übelsten empfinde ich es ja, wenn gescreenshottete Textschnipsel in der Semi-Öffentlichkeit von Twitter oder auf Blogs weiterverbreitet werden und dann rund um diese aus dem Zusammenhang gerissenen Textfragmente Verschwörungstheorien gebastelt werden. Da stehe ich dann schon mal mit großen Fragezeichen da. Denn angeblich können Autisten doch nicht zwischen den Zeilen lesen, lesen aber erstaunlich viel in solche aus dem Kontext gerissene Textfragmente hinein. Seltsam.

Leisetretend Popcorn essen

Ein Grund warum wir diesen Blog gegründet haben ist, dass viele inzwischen Angst haben, offen zu sagen was sie denken. Es wird in geschlossenen Gruppen geredet, sicher, es wird auch in Chats diskutiert, natürlich.

Diese Angst lähmt, ein alt bekanntes Muster.

Und es ist auch ein altbekanntes Muster, dass diese Angst bewusst und gezielt genutzt wird, sich Leute gefügig zu machen, oder mundtot, oder zu Marionetten.

Es ist erschreckend, denn wovon ich schreibe, das sind Autisten, die gegen andere Autisten vorgehen, die sich ihre eigene Meinung bewahrt haben, diese auch äußern und nicht Lemming-gleich Folge leisten.

Was derzeit in der Autismusgemeinschaft (Gemeinschaft, welch lächerliche Bezeichnung, leider) passiert, ist nur noch peinlich.

Es eskaliert geradezu. Ein bekannter Autist stellt sich als Berater einer Fernsehproduktion zur Verfügung, die kontrovers diskutiert wird, weil viele Autisten der Meinung sind, sie sei überzeichnet, vergessend, dass sie sich ggf. tatsächlich nicht wiederfinden können, es aber durchaus…

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Die Angst vor Veränderungen

Viele Autisten haben Schwierigkeiten mit Veränderungen – ich gehöre dazu. Auf unerwartete Veränderungen wie Terminverschiebungen oder noch schlimmer Ausfall von vereinbarten Terminen, neuen Anforderungen an mich, mit denen ich mich in Gedanken nicht schon irgendwann einmal befasst habe, reagiere ich zuallererst ablehnend. Diese erste ablehnende Reaktion habe ich nicht unter Kontrolle. Sie resultiert aber nicht daraus, dass ich mich grundsätzlich weigern würde, mich einer neuen Anforderung zu stellen oder einen Termin zu verschieben. Sondern es liegt daran, dass ich Angst habe. Bei mir ist es sinnvoll, wenn man das weiß, dass man mir genügend Zeit gibt, nachzudenken. Und sich nicht abschrecken lässt von meiner ersten meist impulsiven Reaktion, sondern beispielsweise ein zweites Mal nachfragt. Meine zweite Reaktion ist nämlich meistens wesentlich positiver. Wenn ich Zeit hatte, das Ganze zu durchdenken und mich damit auseinanderzusetzen, dann habe ich nämlich auch weniger Angst.

Seit ich begriffen habe, dass ich Angst vor Veränderungen habe, kann ich besser mit Veränderungen umgehen, die planbar sind. So wie beispielsweise die Entlassung aus der Tagklinik. Ich wusste, dass die Tage direkt nach der Entlassung schwer für mich werden würden. Ich hatte Angst davor, sofort wieder in das nächste Depressionsloch zu fallen, weil ich eben nicht gut mit Veränderungen umgehen kann und es bestimmt ein paar Tage dauern würde, bis ich mich wieder daran gewöhnt hätte, nicht mehr in der Tagklinik zu sein. Und weil ich keine von außen vorgegebene und damit verbindliche Tagesstruktur mehr haben würde, niemanden, der sich für mich um meine Gesundheit kümmern würde.

Weil im Klinikalltag besonders deutlich meine nicht altersgemäßen bzw. ablehnenden Reaktionen auf Veränderungen immer wieder sichtbar geworden waren, hatte das Klinikpersonal für die Zeit direkt nach der Tagklinik deshalb vorgesorgt. Noch in der Tagklinik wurde für mich der Kontakt zu einer Ergotherapie-Praxis hergestellt und ein Termin vereinbart, der zeitnah nach der Entlassung stattfand. Für den ersten Tag nach der Entlassung vereinbarten sie zwei Termine für mich, um gesundheitliche Probleme fachärztlich abklären zu lassen. Am zweiten Tag fuhr ich für drei Tage an den Chiemsee. Dieses Wochenende am Chiemsee mit meiner Selbsthilfegruppe war schon seit Monaten geplant, am Montag der darauffolgenden Woche stand das Treffen von interessierten Autisten in München wegen der Autismus-Strategie-Bayern im Terminkalender. Und am Dienstag war eine Familienfeier, weil mein Neffe 18 wurde. Am Mittwoch dann der Ergotherapie-Termin, bei dem die Folgetermine vereinbart wurden. Und am Donnerstag war ich beim ambulanten Sportprogramm „Sanftes Yoga“ angemeldet. Am Freitag war ich dann mit der Koordination eines weiteren Treffens in Zusammenhang mit der Erarbeitung der Autismus-Strategie-Bayern beschäftigt. Dank dieses Programms hatte ich überhaupt keine Zeit, um depressiv zu sein oder Angst wegen der Veränderung „Nicht mehr Tagklinik“ zu haben. Und mittlerweile habe ich mich wieder daran gewöhnt, nicht mehr in der Tagklinik zu sein. Eine mögliche Lösung, mit dieser Angst vor Veränderung umzugehen ist für mich also, mich so lange vollumfänglich beschäftigt zu halten, dass ich einfach keine Zeit habe, mich wegen der Veränderung zu ängstigen, bis ich mich an die veränderten Zustände gewöhnt habe.

Das funktioniert aber nur bei Veränderungssituationen, von denen ich vorher weiß, dass sie auf mich zukommen werden. Wenn es kurzfristige Terminabsagen oder -verschiebungen sind, dann passiert es nach wie vor, dass ich von einer erwachsenen Frau zu einer Vierjährigen mutiere. Jemandem, der völlig aufgelöst ist und nicht mit der Absage umgehen kann. Jemandem, der lauthals schimpft und kein Verständnis für solche Dinge hat. Der türenschlagend den Raum verlässt, um sich irgendwo zu verkriechen und dort erst einmal in Tränen auszubrechen und vor sich hinzuwüten. Jemandem, der ich gar nicht sein will. Es dauert dann eine Weile, je nach Verfassung und wie wichtig der Termin für mich war, bis ich mich beruhigt habe und wieder geradeaus denken kann. Meistens schäme ich mich dann erst einmal gründlich. Und dann überlege ich, wie ich meinen Ausbruch entschuldigen kann. Mein bevorzugtes Mittel der Wahl ist, dass ich mich schriftlich entschuldige, indem ich einen Brief oder eine E-Mail schreibe und erkläre, weshalb ich so unerwachsen reagiert habe.

Mittlerweile habe ich begriffen, dass es ein sich wiederholendes Muster ist, gegen das ich leider nichts ausrichten kann. Das passiert, weil ich in solchen Momenten, in denen es zu einer für mich unvorhersehbare Änderung meiner Pläne kommt, sehr große Angst habe und dann wegen dieser Angst sozusagen wild um mich schlage. Es hilft, wenn mich Leute besser kennen, weil solche Leute es im besten Fall dann nicht persönlich nehmen, wie ich reagiere. Im Nachhinein kann ich erklären, was los war, aber in dem Moment selbst geht das nicht. Da bin ich im Fight or Flight Modus, weil mich Angst fest im Griff hat. Ich kann mir dann nicht vorstellen, dass es eine Lösung gibt, dass man Termine auch nachholen kann oder verschieben. Und dass ich mit der plötzlich freigewordenen Zeit auch etwas Anderes anfangen könnte. Wenn Termine ausfallen, brauche ich Zeit, um mich darauf einzustellen. Oft kann ich das aber nicht so schnell und verbringe die Zeit, in der der Termin gewesen wäre damit, gar nichts zu tun, abzuwarten, bis ich mit meiner eigentlichen Planung für den Tag fortfahren kann. Nur wenn ich Alternativpläne habe, kann ich mit der unverhofften freien Zeit Sinnvolles anfangen.

Bei spontanen Vorschlägen, wie beispielsweise dem Vorschlag meines Mannes, am Freitag übers Wochenende mit dem Wohnmobil wegzufahren, sage ich erst einmal Nein. Das liegt daran, dass so etwas bei mir Unbehagen auslöst, weil ich für das Wochenende beispielsweise geplant hatte, einen Blogbeitrag zu schreiben, Wäsche zu waschen und das Bad zu putzen. Statt mich zu freuen, dass wir unverhofft wegfahren, reagiere ich ablehnend. In solchen Momenten habe ich einfach nur Angst, dass ich nicht dazu komme, die Hausarbeit zu erledigen und meinen Blogbeitrag zu schreiben. Denn ich kann mir in dem Moment nicht vorstellen, dass es schöner ist, am Wochenende an einem See zu campen und eine Radtour zu machen, statt Hausarbeit und dass ich die Hausarbeit auch gut an einem anderen Tag erledigen kann. Und mir ist nicht präsent, dass ich den Blogbeitrag eigentlich auch unterwegs schreiben könnte. Da mein Mann mich mittlerweile kennt, wartet er einfach ab und ist nicht beleidigt, dass ich seinen Vorschlag erst einmal rundweg ablehne. Er weiß aus Erfahrung, dass ich mich zuerst an den Gedanken gewöhnen muss, bevor ich dann doch noch zustimme.

Und größere Veränderungen machen mir grundsätzlich Angst. Deshalb verbleibe ich häufig in Situationen, die mir nicht guttun. Obwohl ich weiß, dass ich sie eigentlich ändern müsste. Aber mir fehlt die Flexibilität. Ich hätte zwar die Fähigkeit gehabt, mich zu bewerben, um mir eine andere Arbeitsstelle zu suchen, aber ich tat es nicht. Lieber hielt ich es aus bis zu dem Moment, als meine Chefin mich aufforderte, mich krankschreiben zu lassen. Das Problem war, dass ich überhaupt nicht wusste, was auf mich zukommen würde, der Berg an im Zusammenhang mit einer Bewerbung zu erledigenden Aufgaben und die Unsicherheit, was mich bei einer neuen Arbeitsstelle erwarten würde, waren so groß, dass es mir einfach nur Angst machte.

Dazu kam, dass ich meine komplette Energie darauf verwenden musste, in die Arbeit zu gehen und dort zu überleben. Paradoxerweise hatte ich also Angst vor einer Veränderung und gleichzeitig Angst vor dem, was mich täglich in der Arbeit erwartete. Statt mich aus der Situation zu befreien, hielt ich durch und veränderte nichts. Mein Verhalten stieß natürlich auf Unverständnis. Denn niemand konnte nachvollziehen, weshalb ich Tag um Tag in eine Arbeit fuhr, in der ich krank wurde, weil die Rahmenbedingungen nicht zu meinen Bedürfnissen passten. Zu dem Zeitpunkt konnte ich das nicht erklären, weil ich mich selbst nicht verstand und mir nicht klar war, dass der Grund meines Verhaltens diese übergroße Angst vor einer grundlegenden Veränderung war.

Diese Angst ist die treibende Kraft meines Verhaltens. Wenn man das weiß, kann man eher verstehen und vielleicht auch akzeptieren, wieso ich mich in bestimmten Situationen so verhalte, wie ich es tue.


Ein Kommentar

Suizidprävention bei depressivem Autismus

Eine depressive Autistin unter Alkoholeinfluss ruft am Tag X bei der TelefonSeelsorge Anonym, Kompetent, Rund um die Uhr an, nur um die Bandansage „Unsere Mitarbeiter sind zurzeit leider alle im Gespräch, so dass Ihr Anruf nicht entgegengenommen werden kann. Bitte nutzen Sie unsere Mail- und Chatberatung oder versuchen Sie es später noch einmal“ zu hören. Später hört sie genau dieselbe Bandansage, also versucht sie, die Chatberatung zu nutzen. Chattermine sind die nächsten zwei Wochen alle ausgebucht. So schreibt sie eine Mail und klickt auf Senden, um dem Leben eine faire Chance zu geben. Sie verzweifelt, als sie liest, dass es bis zu drei Tage dauern kann, bis jemand antwortet. Sie fragt sich, ob die TelefonSeelsorge nicht lieber ihren Namen ändern sollte. Aber sie reißt sich noch einmal zusammen und hält ihren Zustand immerhin noch drei weitere Tage aus.

Dann bricht sie wieder zusammen, diesmal schlimmer. Sie hat sehr große Angst, erinnert sich aber an die Worte ihres Therapeuten, kramt aus ihrem Rucksack den Flyer des Caritas Krisendienstes Horizont heraus. Sie trinkt etwas, um ihre Hemmungen vor Telefonaten zu verlieren. Zu ihrem Glück ereignet sich dieser Zusammenbruch während der Sprechzeiten. Es geht sogar jemand ans Telefon. Sie spricht eine halbe Stunde völlig aufgelöst mit einer Stimme, die ihr mitteilt, dass sie nicht anonym anruft, sondern ihre Telefonnummer im Display angezeigt wird. Und dass der Krisendienst wegen ihres Zustandes leider Hilfe vorbeischicken muss – außer sie verspricht, in einer Stunde nochmals anzurufen. Denn die Mitarbeiterin habe jetzt einen Termin. Die autistische Depressive sagt selbstreflexiv, dass sie das wahrscheinlich nicht schaffen wird und nennt auch die Gründe. Die Mitarbeiterin bietet an, fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit von sich aus zurückzurufen. Das Telefonat wird beendet. Die Verzweiflung ist immer noch da. Sie trinkt noch mehr. Wie befürchtet, schafft sie es nicht, nochmals anzurufen. Sie fürchtet sich extrem davor, untergebracht zu werden, aber mittlerweile ist ihr alles egal, außerdem ist sie betrunken. Allerdings klingelt das Telefon auch in der darauffolgenden Stunde nicht. Und niemand kommt zur Hilfe.

Währenddessen ist sie nach einem Wein- und Schreianfall wegen totaler Überlastung eingeschlafen. Um ein paar Stunden später wieder aufzuwachen und zu registrieren, dass es ihr immer noch sehr schlecht geht. Sie schämt sich ob ihres Totalzusammenbruchs, ist verärgert, weil eine Vereinbarung nicht eingehalten wurde, was sie absolut nicht tolerieren kann. Zugleich ist sie erleichtert, nicht untergebracht worden zu sein, weil es ihr nicht mehr egal ist und sie vermutet, dass ihr eine solche Maßnahme zwar kurzfristig helfen, aber binnen Kurzem außerdem sehr schaden könnte. Sie hat starke Kopfschmerzen, verbucht das aber als gerechte Strafe wegen des Alkohols. Sie reißt sich wieder zusammen, hält es weiter aus. Traut sich sogar, sich am folgenden Tag erwartungslos, aber der Vollständigkeit halber nochmals in die Mailberatung der Telefonseelsorge einzuloggen, nachdem sie den Flyer des Krisendienstes Horizont in den Papiermüll geworfen hatte. Und liest, dass tatsächlich nach genau drei Tagen jemand geantwortet hatte, geschrieben hatte „hier ist ihre Chance“ „ich bin da für Sie und gehe gerne mit Ihnen in das Gespräch über Ihre Situation“. Sie fragt sich, was bei der TelefonSeelsorge unter Gespräch verstanden wird. Sie ergreift ihre Chance, indem sie sogleich zurückschreibt.

Denn es ist noch nicht vorbei. Es geht ihr auch heute sehr schlecht, aber sie schildert schriftlich ausführlich ihre Situation und hofft, hofft so dringend, dass ihr Gegenüber sie versteht, ihr hilft, ihr vielleicht sogar schreibt, wie es weitergehen kann. Einen Hinweis gibt, was sie noch tun kann. Sie loggt sich mehrmals täglich ein und wieder aus. Drei Tage später hat sie einen Gesprächstermin mit ihrer Psychiaterin. Der sie eine dreiviertel Stunde lang weinend von ihrer aktuellen Krisensituation berichtet. Die Psychiaterin kennt sie und beantwortet ihre dringenden Fragen, verfällt jedoch bei einem der Themen in Allgemeinplätze. Die depressive Autistin schaltet innerlich ab, nachdem sie gesagt hat, dass sie all das wisse.

Sie ruht sich nach dem Termin ein wenig aus, bevor sie einen weiteren Termin bei einer Psychiaterin zwecks Aufnahme in eine Tagklinik für Depressionen wahrnimmt. Natürlich wird sie im Verlauf des Gesprächs auch nach Suizidgedanken gefragt. Sie erzählt von ihren Erfahrungen der letzten Tage mit Suizidprävention und wie es ihr derzeit geht. Die Psychiaterin bedankt sich für die Ehrlichkeit und erwidert, das könne eigentlich gar nicht sein, aber: „Was Sie mir da erzählen, glaube ich Ihnen natürlich. Wir haben eine Warteliste. Rufen Sie doch einfach mal an und fragen, auf welchem Platz sie stehen“. Sie warnt die autistische Depressive mehrfach, dass ein Aufenthalt in der Tagklinik schwierig werden könne, weil dort Gruppentherapie stattfände und sie die einzige Autistin wäre. Die autistische Depressive erwidert, dass ihr das bewusst sei, sie aber etwas gegen die Depression unternehmen wollen würde und fragt, was sie denn jetzt noch machen könne. Die Psychiaterin antwortet: „Auf einen freien Platz in der Tagklinik warten. Ich wünsche Ihnen derweilen viel Glück“. Die zutiefst deprimierte Autistin geht. Erzählt all ihre Erlebnisse ihrem Psychotherapeuten, erzählt, sie sei erschöpft, wolle nur noch schlafen, am Liebsten nicht mehr aufwachen. Der sagt ihr, dass es in den nächsten Tagen nur darum ginge, zu überleben. Irgendwann werde es ihr wieder besser gehen. Aushalten sei die Parole. In drei Tagen sehe man sich wieder.

Fünf Tage nach dem Verfassen ist die zweite Mail an die TelefonSeelsorge noch nicht einmal gelesen. Die depressive Autistin ist mittlerweile eher verblüfft als verzweifelt. Und wundert sich, weshalb bei ihr Suizidprävention nicht hilft. Sie registriert, dass das System bei ihr nicht greift. Registriert das allerdings nicht zum ersten Mal, denkt über die Absurdität der Welt, die Menschen und deren Handeln nach. Versucht, sich von depressiven Gedanken mit der Verfolgung der aktuellen Nachrichten zum Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz und der bayrischen Autismus-Strategie abzulenken, letzteres erweist sich als wenig hilfreich. Verzieht grimmig die Mundwinkel resigniert minimal nach oben. Und wertet das als Erfolg des Tages.


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Wer hat Angst vorm Gutachtertermin?

Das Versorgungsamt hatte mir auf meinen Antrag auf Schwerbehinderung einen GdB von 30 zugebilligt und mir auch im Widerspruchsverfahren keinen höheren GdB zuerkannt. Also musste ich Klage erheben. Ich klagte mit Hilfe der Gewerkschaft als Rechtsbeistand. Dafür musste ich in die Gewerkschaft eintreten, aber die nicht mal 10 Euro pro Monat waren gut investiertes Geld. Eine Selbstbeteiligung bei der Rechtsschutzversicherung hätte mehr gekostet. Nachdem über ein Jahr nichts passierte, außer dass ich dem Rechtsanwalt jeweils meine Krankschreibungen und alle Arztberichte geschickt hatte, setzte das Sozialgericht einen Gerichtstermin zur mündlichen Verhandlung und Beweisaufnahme mit vorher vom Gericht angeordneter Begutachtung an. Der Gutachter wurde vom Gericht vorgeschlagen, er war (ist es noch) ein Neurologe und Psychiater. Ich hatte im Internet in diversen Foren ausschließlich schlechte Bewertungen über diesen Gutachter gelesen. Es stand auch nirgendwo, dass er irgendetwas mit Autismus zu tun gehabt hätte. Ich hatte also richtig Angst vor diesem Termin. Ich hatte im Vorfeld massive Schlafstörungen, nebst Magen-Darm Problemen. Das ist scheinbar meine typische körperliche Reaktion auf Stress.

Der Termin war ziemlich anstrengend. Weil mein Mann zu spät losfuhr, kamen wir in Zeitnot und hetzten vom Parkhaus bei eisiger Kälte zum Gerichtsgebäude. Ich musste ganz dringend auf die Toilette, aber eine Sicherheitsschleuse stand zwischen mir und der rettenden Örtlichkeit. Als die Glastüre aufging, rannte ich durch, ließ meine Tasche fallen und stürzte zur Toilette. Völlig durchgeschwitzt und maximal gestresst kam ich danach zurück. Mein Mann erzählte mir später, das er mit Gesten versucht hatte, die Sicherheitskräfte zu beruhigen und ihnen als er selbst drin war, erklärte, was mit mir los war. Ich durfte meine Wasserflasche, die ich immer dabei habe (das ist das Äquivalent zu einer Kuscheldecke für mich), nicht mit ins Gerichtsgebäude nehmen. Das hat mich völlig fertig gemacht, so dass ich dastand, in den Boden starrte und gegen die Tränen ankämpfte. Eine Gerichtsdienerin forderte mich dann auf, mitzukommen, aber mein Mann war ja noch nicht durch die Schleuse gekommen, also wollte ich stehenbleiben, um auf ihn zu warten. Das durfte ich aber nicht und sollte vor dem Untersuchungszimmer des Gutachters warten. Als mein Mann endlich kam, hatte er glücklicherweise meine Wasserflasche bei sich. Er hatte sie den Sicherheitskräften abgeschwatzt und die Verantwortung dafür übernommen, dass ich mit der Flasche nicht den Gutachter k.o. schlage. Ich war einfach nur erleichtert, dass ich sie wieder bei mir hatte, ich brauche diese Flasche wirklich dringend, damit es mir gut geht.

Zur Begutachtung selbst durfte mein Mann nicht mitkommen, weil das Gericht geschrieben hatte, dass ein Gutachten dann nicht mehr verwertbar gewesen wäre. Ich musste also alleine in das Untersuchungszimmer hineingehen und habe während der gesamten Untersuchung teilweise am ganzen Körper gezittert vor Angst. Aber es geht ja zum Glück gerade nicht darum, dass man beim Gutachter möglichst gut kompensiert, sondern genau um das Gegenteil. Insofern war die ganze Stresssituation vorher im Nachhinein gesehen optimal, weil der Gutachter mich so in autistischer Bestform erleben konnte. Im Raum saß noch eine Dame, die auf einer Schreibmaschine mitschrieb. Der Gutachter hatte eine dröhnende tiefe Stimme und in Verbindung mit dem Schreibmaschinengeklapper verstand ich ihn nicht immer. Außerdem war mir nicht immer ganz klar, wann er mit mir und wann mit der Dame, die mitschrieb, redete. Einmal buchstabierte er etwas falsch für diese Dame und ich verbesserte ihn. Im Gutachten steht dann dazu: Teilweise im Gespräch etwas beharrend und wenig flexibel.

Er kannte sich mit Autismus aus und hatte meine Akte gründlich gelesen. Das schloss ich aus den spezifischen Fragen zu meiner Gesundheit, die er mir stellte. Er fragte mich durchgängig nur Dinge, die auch in den Arztbriefen gestanden hatten. Also keine offenen Fragen. Das lief überwiegend so ab: „Sie haben ja die und die Erkrankung.“  „Wie bitte?“ Er wiederholt die Frage. Ich:“ Ja.“ „Haben sie dabei die und die Beschwerden?“ „Ja.“ „Wirkt sich das bei Ihnen so und so aus?“ „Wie bitte… Ja … Am Ende wurde ich noch körperlich untersucht. Er maß meinen Blutdruck, prüfte Reflexe, fragte nach Größe und Gewicht, ließ mich die Arme heben und prüfte die Beweglichkeit meiner Wirbelsäule. Und ich musste ein paar Schritte auf den Ballen und auf der Ferse gehen. Das wars auch schon.

Nach der Begutachtung mussten wir noch auf den Gerichtstermin warten. Der Gutachter hatte mir bei der Verabschiedung vorgeschlagen, noch einen Kaffee trinken zu gehen. Auf diesen Vorschlag hatte ich nicht geantwortet, es erschien mir die Mühe nicht wert, ihm zu erklären, dass das für mich ganz bestimmt keine Option ist. Wir saßen (ich hing eher in meinem Stuhl) also draußen vor dem Zimmer als die Türe aufging und der Gutachter nochmal herauskam und anfing zu reden. Im Gang hallte es ganz entsetzlich, außerdem kam gerade wieder jemand mit Stöckelschuhen vorbei, so dass ich mit einem Schmerzlaut meinen Kopfhörer aufsetzte. War zwar unhöflich, aber zu Höflichkeit war ich wegen akuter Reizüberlastung nicht mehr fähig. Er sprach dann mit meinem Mann und erklärte ihm, dass um die Ecke ein Wartebereich sei. Außerdem sagte er, dass es ihm leidtue, dass die Untersuchung so anstrengend für mich gewesen sei, aber eine Untersuchung müsse halt nunmal leider sein.

Als die Gerichtsdienerin wieder vorbeikam, organisierte mein Mann mit ihrer Hilfe ein freies Untersuchungszimmer, in dem ich warten durfte. Den allgemeinen Wartebereich, in dem es laut war und ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, hätte ich nicht durchgehalten. Ich setzte meine Kopfhörer auf und döste fast eineinhalb Stunden völlig erschöpft auf der Untersuchungsliege. Mein Mann wartete im Wartebereich und ließ mich in Ruhe. Er übernahm zum Glück die notwendige Kommunikation mit dem Rechtsanwalt und der Gerichtsdienerin, die das Gutachten vorbeibrachte und uns mitteilte, wann wir dran waren. Ich habe wirklich Glück, weil mein Mann mich so toll unterstützt.

Als mein Mann mir das Gutachten zum Lesen vorbeibrachte, war ich ziemlich überrascht. Für mich war es seltsam zu lesen, wie der Gutachter mich wahrgenommen hatte. Er schlug einen GdB von 80 vor, 70 davon nur für den Autismus. Dafür, dass ich nur einen GdB von 50 einklagen wollte, erschien es mir ziemlich hoch. Ich diskutierte das mit meinem Mann, der mir riet, nicht zu widersprechen. Meine Meinung, dass ich doch gar nicht so behindert sei, teilte er nicht.

Dann mussten wir in den Gerichtssaal. Dort sollte ich mich neben den Rechtsanwalt setzen, den ich noch nie vorher gesehen hatte. Bevor ich mich richtig sortiert hatte und mich orientieren konnte, hatte die Richterin bereits begonnen zu reden. In diesem Raum war die Akustik besser, ich musste nicht so oft nachfragen. Er hatte außerdem große Fenster und ich konnte mich auf einen Baum vor dem Fenster fokussieren. Die Richterin meinte gleich zu Beginn ebenfalls, dass der vorgeschlagenen GdB ziemlich hoch wäre und fragte mich deshalb nach meinem Alltag. Ich fing an, ihr zu erzählen, was ich die Woche über so mache, dabei kam ich aber nicht einmal bis zum Abend, weil sie mich unterbrach. Sie fragte im Anschluss, wie oft ich meine Freunde sehen würde und meine Kinder und wie häufig ich mit ihnen telefonieren würde, wie viele Haustiere ich hätte. Auf alle Fragen konnte ich keine vollständigen Antworten geben, weil sie mich immer wieder unterbrach.

Die komplette Verhandlung dauerte keine 15 Minuten und endete mit dem Vorschlag der Richterin, einen Vergleich abzuschließen und dem Gutachten in vollem Umfang zu folgen. Damit war das beklagte Versorgungsamt einverstanden und mein Rechtsanwalt ebenfalls. Das ging alles ziemlich schnell und meinem Empfinden nach über meinen Kopf hinweg, denn ich war völlig überfordert und hätte Zeit gebraucht, um nachvollziehen zu können, wer gerade was genau von mir wollte und was ablief, die bekam ich aber nicht. Mein Mann ließ noch den Antrag auf Fahrtkostenerstattung ausfüllen, während ich etwas verloren im Raum stand und mich fragte, was eigentlich gerade passiert war und ob die Verhandlung tatsächlich schon vorbei war. Der Rechtsanwalt bat uns im Wartebereich dann noch um meine Unterschrift, ich fragte ihn, ob ich das Gutachten erhalten könnte. Er sicherte mir zu, es mir am nächsten Tag zuzuschicken, was er auch tat. Er erklärte uns, dass ich vom Versorgungsamt einen abgeänderten Bescheid erhalten würde und das Verfahren damit abgeschlossen sei.

Tja, und jetzt habe ich halt einen GdB von 80 statt 30 und eine Behinderung (Hörminderung beidseits GdB 10) mehr, die vorher in keinem Arztbrief stand. Mein Appell an alle Leser: Ich finde es wichtig, immer zu bedenken, dass Leute, bei denen es keine Probleme bei ihrer Begutachtung gab, sich in der Regel nicht im Netz äußern, sondern da überwiegend Leute schreiben, die ihren Unmut kundtun. Das verzerrt das Bild ziemlich. Angst vorm Gutachter ist ok, die kann man haben. Aber ein Gutachter ist nicht per se ein Feind, der einem Böses will, er soll einfach nur die Realität begutachten, die aus der Aktenlage nicht immer so ersichtlich ist. Mit diesem Beitrag möchte ich darüber aufklären, dass es auch die Fälle gibt, bei denen es gut läuft und so ein kleines bisschen etwas gegen den Rant-Bias im Netz tun.


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Sicherheitsbedürfnis und Autismus

Mein Bedürfnis nach Sicherheit ist exorbitant hoch. Ich bin immer noch am Sortieren, was davon eigentlich von meinem Autismus kommt. Ich sorge Zeit meines Lebens mit aller Kraft für Sicherheit. Andere haben das auch schon als „Du musst aber auch immer alles unter Kontrolle haben“ bemängelt. Ja, mag sein. Aber ich kann Sprüchen wie: „Man kann nie sicher sein“ oder „Ohne Unsicherheit wäre das Leben ja langweilig“ nicht viel abgewinnen. Ich finde, das Leben ist Überraschung genug. Da brauche ich nicht zusätzlich in meinen Augen vermeidbare Unsicherheit. Deshalb sorge ich für größtmögliche Sicherheit, indem ich vorausplane und mich informiere, rückversichere und absichere.

Entscheidungen zu treffen, ist ebenfalls kompliziert für mich. Es ist für mich zwingend notwendig, vor jeder Entscheidung alle für mich vorstellbaren Szenarien durchzudenken. Ich bin mir dessen bewusst, dass das viel Zeit und Energie kostet. Aber ich kann mich nur für einen (den optimalen) Plan entscheiden, wenn ich jeden möglichen Plan durchdacht habe. Ich denke zwar sehr schnell und auf Hochtouren, die Folge davon ist aber, dass ich erstmal nicht zum Handeln komme und ich dadurch Zeitprobleme bekomme. Zeitmanagement ist eines meiner Kernprobleme, das mich stark behindert. Ich kann nicht handeln, ohne alle Alternativen durchdacht zu haben. Es ist ein Zwang, ich funktioniere so. Ich würde gern lernen, das zu ändern, anders damit umzugehen. Aber es macht mir Angst, mich entscheiden zu müssen, ohne erst alles gründlich für mich durchdacht zu haben. Ich muss wissen, was passiert. Unsicherheit ist sehr verunsichernd. Allerdings ist mir klar, dass ich nie alle Möglichkeiten durchplanen kann. Ich versuche zwar, die potentiellen Möglichkeiten, was passieren wird, einzugrenzen, es wird mir aber nie vollständig gelingen. Nur: Irgendwo anfangen, um dann eins nach dem anderen zu erledigen, vollkommen ohne zu wissen, auf was ich mich damit wenigstens wahrscheinlich einlasse – allein die Vorstellung lässt mich vor Angst handlungsunfähig erstarren. Es erscheint mir unvorstellbar, mir keine weiteren Gedanken über die Folgen, die eine andere Entscheidung hätte, zu machen. Dazu kommen die Überlegungen, was ich mache, wenn etwas dazwischen kommt?

Unsicherheit bedeutet für mich, dass ich Angst habe. Ich habe vor recht vielen Dingen Angst. Davor, meinen Mann und besten Freund zu verlieren. Ich habe nicht viele Freunde. Genaugenommen ist die Anzahl meiner Freunde in einem sehr überschaubaren einstelligen Bereich. Er ist das Beste, was mir beziehungs- und freundschaftstechnisch passieren konnte. Das möchte ich trotz der Schwierigkeiten, die sich durch das Zusammenleben mit ihm selbstverständlich auch ergeben, auf keinen Fall mehr missen. Damit zusammen hängt die Angst, mein Zuhause zu verlieren. Mein Zuhause ist mein sicherer Erholungsort von der (verkehrs)lärmigen und viel zu menschenvollen Welt. Zumindest so lange der Nachbar keinen Mais siliert. Aber da das nur an wenigen Tagen im Jahr passiert, kann ich mich vorher darauf einstellen und im besten Fall einfach nicht anwesend sein. Netterweise warnt der Nachbar uns nämlich immer ein paar Tage vorher vor, was ich sehr zu schätzen weiß.

Ein Unsicherheitsfaktor ist derzeit meine Arbeitssituation. Ich hatte längere Zeit Angst, meine Stelle zu verlieren, obwohl ich glaube, dass diese Stelle mich sehr belastet. Aber sie gibt meinen Tagen eine verbindliche Struktur und mir Selbstbewußtsein, auch weil ich einen Beitrag zu unserem Lebensunterhalt leiste. Außerdem vermittelt sie mir die Sicherheit, finanziell nicht vollkommen abhängig zu sein. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass der Vertrag nicht verlängert wird. Das Arbeitsamtprozedere hat bereits begonnen und verunsichert mich, weil nicht absehbar ist, was es für Möglichkeiten für mich gibt und was auf mich zukommt. Es wäre sehr hilfreich für mein Sicherheitsgefühl zu wissen, wie es in Sachen Arbeit weitergeht.

Ein mittlerweile chronischer Unsicherheitsfaktor ist aber die Angst, etwas missverstanden zu haben oder missverstanden worden zu sein. Sie beruht auf Erfahrungswerten, weshalb ich stets nachfrage und mich rückversichere, bis ich mir sicher bin, dass es richtig verstanden wurde. Leider merke ich nicht immer, wenn ich andere damit nerve und ich früher aufhören oder gar nicht erst beginnen hätte sollen. Aber ich arbeite daran.

Eminent wichtig für meine Sicherheit ist, dass sich etwas, auf das ich mich verlasse oder auf das ich mich freue, nicht plötzlich ändert. Abmachungen und Versprechen dürfen also nicht einseitig abgeändert oder gebrochen werden, auch geplante Freizeit-Unternehmungen sollten besser nicht ausfallen. Ich bin da leider bis heute überhaupt nicht flexibel und nehme solche Vorfälle seit dem Kindergartenalter absolut ungnädig zur Kenntnis. Ausfallende Termine führen ebenfalls zu Unsicherheit, meine erste Reaktion ist: Was mache ich denn jetzt stattdessen? Aber der Termin war doch wichtig, sie können ihn doch nicht einfach ausfallen lassen? Mir fällt auch nicht sofort die offensichtliche Lösung, einen neuen Termin auszumachen ein. Selbst wenn ein Termin wegen Erkrankung ausfällt, habe ich kein spontanes Mitgefühl mit dem Erkrankten, der mir gar nicht in den Sinn kommt. Im ersten Moment überwiegen Angst, Unsicherheit und sogar Wut, dass der Termin ausfällt, dass meine Planung gestört wird.

Letzten Endes hat mich auch die Diagnostik nach dem Verdacht, eventuell selbst autistisch zu sein, unsicher gemacht. Vieles, wovon ich sicher war, hat sich als anders herausgestellt. Mein Selbstbild in Sachen verbale Fähigkeiten, Textverständnis und erkennen, was auf Bildern fehlt, entspricht laut Testergebnissen offenbar nicht den Tatsachen. Dabei dachte ich beim Test, dass ich hier wirklich gut gewesen war. Erstaunlicherweise war ich aber eher gut in Dingen, von denen ich es nicht vermutet hätte. Ich bin zutiefst verunsichert, weil ich vorher einfach nicht bemerkt hatte, dass ich Gesichtsausdrücke scheinbar schlecht deuten kann. Seither traue ich meiner Menschenkenntnis nicht mehr und frage noch mehr nach, wobei dann wieder die Unsicherheit besteht, nicht zu bemerken, wann ich aufhören sollte. Die Autismus-Diagnose hat mir leider einen sehr großen Teil meiner sowieso nicht groß vorhandenen Selbstsicherheit genommen. Im Umgang mit anderen bin ich seither deutlich ängstlicher und unsicherer.

Unsicherheit in für mich absolut wichtigen Dingen macht mich unausstehlich. Unsicherheit in relativ wichtigen Dingen macht mich nur unnett. Seit sein Verdacht bestätigt wurde, dass ich tatsächlich autistisch bin, meint mein Mann, dass er meine Reaktionen viel besser nachvollziehen kann. Was sie allerdings nicht besser macht für uns beide. Unsicherheit führt bei mir zu unterschiedlichen Reaktionen. Je nachdem und je nach Zustand. Beispielsweise zu einer exzessiven Beschäftigung mit der Sache. Was neben penetrantem Nachhaken auch ausufernde Diskussionen bedeuten kann. Unsicherheit führt manchmal auch zu mehr oder weniger heftiger verbaler Abwehr. Oder zu tagelanger Schweigsamkeit. Eine unnette Reaktion ist sozialer Rückzug, ich verschwinde und mache mich unauffindbar, was bei meinem Zuhause nicht sonderlich schwer fällt. Ab und an führt Unsicherheit auch zu überaus emotionalen Reaktionen, aber zum Glück bekommt meine Zusammenbrüche bei GAUs (größter anzunehmender Unsicherheit) sehr selten jemand mit, was daran liegt, dass ich im Gegensatz zu früher gelernt habe, nicht nur alles um mich herum, sondern auch mich selbst rigide zu kontrollieren. In den meisten Fällen kann ich rechtzeitig dafür sorgen, dass ich sicher alleine bin und nur mein Mann solche Zustände mitbekommt.

All diese unausstehlichen oder unnetten Reaktionen treten bei ausreichend befriedigtem Sicherheitsbedürfnis nicht auf. Sicherheit bewirkt, dass ich mich entspannen kann und mich wohl fühle. Und dass ich nicht nur Zeit und Energie dafür habe, mich interessanten Dingen zu widmen, sondern auch noch sozialverträglich zu bleiben. Auch ohne, dass dies alles tatsächlich von meinem Autismus kommt, sind das gute Gründe für mich, ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit zu haben und möglichst viel unter Kontrolle zu behalten.


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Krank durch Büroarbeit – kann das tatsächlich sein?

Im Büro kam es zu einer eskalierenden Diskussion mit einer Kollegin, die mir vorwarf, eine kooperative Zusammenarbeit sei mit mir wegen meiner Verschlossenheit und meines unmöglichen Sozialverhaltens nicht möglich. Ich fühlte mich in der Sache ungerecht behandelt. Das einzige, was ich meiner Ansicht nach in der Arbeit und auch in dieser Diskussion gezeigt hatte, war mein ganz normales Verhalten. Ich war schon immer introvertiert und beobachtete neue Situationen und Menschen erst einmal, bevor ich mit den Menschen interagierte. Außerdem löse ich Probleme grundsätzlich alleine, bitte selten um Hilfe und lerne seit jeher autodidaktisch. Ich hatte immer schon Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und insbesondere in Gruppen. Ich hatte leider auch schon immer ein besonderes Talent, undiplomatisch zu sein oder Dinge laut zu sagen, die man besser nicht nicht ausspricht. Ich war bereits als Kind stur, hatte oft Wutanfälle und meine Mutter ermahnt mich bis heute wegen meines offenbar häufig aggressiven Tonfalls, den ich selbst aber nicht so wahrnehme. Ich hatte mehrfach die Rückmeldung erhalten, zu offensiv in Diskussionen aufzutreten und arrogant zu sein, obwohl ich mich selbst als defensiv und selbstunsicher beschreiben würde. Ich verstand nicht, woher diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung kam. Dies alles bedenkend, verbuchte ich die Auseinandersetzung mit der Kollegin auf meiner langen Erfahrungsliste als weiteren fehlgeschlagenen Kommunikationsversuch.

In der nächsten Zeit bemühte ich mich, offener auf die Kollegen zuzugehen und mich zu unterhalten. Ich nahm an gemeinsamen Mittagspausen teil, obwohl ich überwiegend stumm am Rand saß, nicht wissend und unsicher, was ich beitragen sollte. Anschließend benötigte ich zurückgezogen in meinem Büro jedesmal eine längere Erholungspause von den mit Kollegen verbrachten Mittagspausen. Ich litt unter der Absurdität des Ganzen und darunter, dass sich meine unproduktiven Zeiten im Büro proportional zu meiner Angst vermehrten.

Ich begann Angst davor zu haben, wenn die Türe zu meinem Büro aufging und ich musste zunehmend dagegen ankämpfen, weinend aus der Arbeit zu fliehen. Ich war trotz Teilzeitstelle nach jedem Arbeitstag so erschöpft, dass ich zu Hause nur noch auf dem Sofa zusammenbrach. Ich litt neben meiner gestiegenen Geräuschempfindlichkeit zusätzlich unter einem Tinnitus. Ich hatte Rücken- und heftige Kopfschmerzen, ich vermutete Bandscheibenprobleme, aber eine fachärztliche Abklärung ergab außer massiven Muskelverspannungen keinen Befund. Seit Jahren trug ich nachts eine Schiene wegen meines Zähneknirschens, innerhalb eines halben Jahres hatte ich zur Verwunderung meiner Zahnärztin diese Schiene zweimal durchgeknirscht. Ich bekam zusätzlich zunehmend Magenschmerzen und Magen- Darmprobleme, seit Beginn der Angstsymptome hatte ich mehr als 20 Kilo abgenommen und ich hatte Angst, dass ich erneut eine Essstörung entwickelt haben könnte.  Ich ließ alle denkbaren Ursachen meiner Beschwerden bei diversen Fachärzten abklären, heraus kam, dass ich körperlich nicht ernsthaft erkrankt war.

Ich versuchte, eine plausible Erklärung dafür zu finden, weshalb ich anscheinend seltsamerweise jedesmal krank wurde, wenn ich eine Arbeitsstelle hatte.  Ich versuchte erfolglos, mir selbst, meinem Hausarzt und meinen nächsten Familienangehörigen zu erklären, weshalb ich einen gewöhnlichen Büroalltag als so ungemein belastend erlebte, dass ich Angst hatte, irgendwann in naher Zukunft gar nicht mehr funktionieren zu können. Mir war klar, dass mit mir psychisch etwas ganz und gar nicht stimmte. Mich wieder einmal in psychologisch versierte Hände zu begeben, schien unausweichlich, respektive alternativlos.


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Psychotherapieresistenz? – oder die Geschichte von der Kunst, den passenden Therapeuten zu finden #Teil4

Nach acht Jahren Arbeit in einem Büro mit einer allmählichen Steigerung der Arbeitszeit von acht auf letztlich fünfzehn Wochenstunden, einer Steigerung der Arbeitnehmerzahl von einer (mir) auf drei Mitarbeiter und einer Steigerung der Diskussionen um meine soziale Kompetenz von wenig auf die Behauptung, ich hätte überhaupt keine, bekam ich Anfang 2015 überraschend und unverhofft ein Angebot für eine andere Büroarbeitsstelle. Mein Hausarzt hatte mir seit längerem geraten, mir eine neue Arbeit zu suchen, ich war immer öfter krank und hatte seit zwei Jahren Schlafstörungen. Trotz der mich mittlerweile sehr belastenden Situation im Büro nahm ich dieses Angebot erst nach längerem Zögern an.

Wegen fehlender Parkmöglichkeiten am neuen Arbeitsort war mein gewohnter Weg in die Arbeit mit dem Auto nicht mehr möglich. Ich fuhr deshalb fortan mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu der neuen Arbeitsstelle mit 20 Stunden Wochenarbeitszeit und 11 Mitarbeitern. Ich hatte nach ein paar Wochen zusätzlich zu den massiver werdenden Schlafstörungen für mich neue und mir unerklärliche Panikattacken, weshalb ich zu meiner ehemaligen Gesprächstherapeutin Kontakt aufnehmen wollte. Nach einem mich verunsichernden Telefonanruf, bei dem eine Stimme behauptete, diese Nummer sei nicht vergeben, ergab eine Google-Recherche auf der vierten Seite dann endlich die Information, sie sei 2014 verstorben – woraufhin ich eine so heftige Panikattacke hatte, dass ich umgehend zu einer Arztpraxis mit angegliedertem Psychologen flüchtete, der mich zu einer Neurologin weiterverwies. Dort hatte ich Weinkrämpfe und versuchte, zu erklären, warum ich Angst hatte, nicht mehr zu funktionieren. Das Ergebnis war, dass sie mich wegen Selbstgefährdung zur Sicherheit ins nächstgelegene BKH einweisen wollte. Was mich in noch größere Panik versetzte. Mein Versuch, zu argumentieren, ich sei nicht selbstgefährdet, darum ginge es doch gar nicht, ich sein im Übrigen mit meinem eigenen Auto in die Praxis gefahren und es sei schon deshalb völlig unmöglich, sofort in ein Krankenhaus zu gehen, ich müsse erst mein Auto nach Hause bringen, brachte sie nicht von ihrem Entschluß ab. Unfähig zu weiterer Kommunikation bat ich darum, meinen Mann zu verständigen. Er sammelte mich dort ein und wir fuhren mit zwei Autos nach Hause. Am nächsten Tag brachte er mich zu unserem Hausarzt und erklärte ihm die Situation. Ich war nach wie vor nicht in der Lage zu kommunizieren und einfach nur froh, dass mein Mann das für mich übernommen hatte. Mein Hausarzt war nicht der Meinung, dass ich in einem BKH gut aufgehoben wäre. Er schrieb mich erst einmal drei Wochen lang krank.

Mein Mann nahm sehr kurzfristig noch am selben Tag Urlaub und packte mich in unser Wohnmobil. Er hatte vom Hausarzt dieselben Beruhigungsmittel, die ich vor Jahren bereits genommen hatte, plus ein Antidepressivum für mich mitbekommen. 300 km weit weg von meiner Panik, an einem ruhigen Stellplatz am von mir so geliebten Wasser, las ich die Beipackzettel komplett durch, besprach anschließend mit meinem Mann, lieber noch bis zum Morgen mit der Medikamenteneinnahme zu warten – und hatte während dieser paar Tage fortan keinerlei Beschwerden. Gut ausgeschlafen wieder zu Hause, begleitete mich mein Mann wieder zum Hausarzt und erklärte ihm, dass wir beschlossen hatten, es ohne Medikamente zu versuchen. Er übernahm jegliche Kommunikation nach außen für mich und verhinderte, dass irgend jemand zu mir Kontakt aufnehmen konnte. Während der Zeit allein zu Hause ging es mir bis auf die Schlafstörungen gut. Ich verdrängte die aufkommenden Gedanken darüber, dass meine Arbeit der Grund für die Panik und meine sonstigen gesundheitlichen Probleme sein könnte.

Nach der Krankschreibung kämpfte ich in der Folgezeit in der Arbeit von Wochenende zu Wochenende gegen einen erneuten Zusammenbruch. In regelmäßigen Abständen nahm ich Kurzurlaube und nutzte die Feiertage, um mehrere Tage am Stück frei zu haben und mich so weit zu erholen, dass ich überhaupt wieder in die Arbeit gehen konnte. Mir war erschreckend bewusst, dass mich diese Strategie nur so lange retten würde, bis mein Urlaub aufgebraucht war.

Der Hausarzt vermittelte mir kurzfristig einen Termin bei einer Verhaltenstherapeutin, die mich nach dem Erstgespräch fragte, wie ich den Termin empfunden hätte. Ich verstand nicht, was sie genau von mir wissen wollte? Es war anstrengend für mich, ich hatte ihr eine Stunde lang monologisierend und immer mehr in Einzelheiten gehend meine Lebensgeschichte erzählt, wozu sie mich mit den einleitenden Worten „Erzählen sie mal, was Sie herführt“ aufgefordert hatte. Ihre Reaktionen während meines Berichtes erschöpften sich in diversen Oh Gotts, der Bemerkung, ich könne ein Buch über mein Leben schreiben und der rätselhaften Aussage, sie verstünde ihre therapeutische Funktion als Katalysator, wie Gold oder Platin. Sie sagte mir zum Abschied, ich solle das Gespräch erst einmal sitzen lassen und gründlich darüber schlafen, sie werde das ebenfalls tun. Einen weiteren Termin könne ich dann per Mail vereinbaren. Nach drei Tagen schrieb ich ihr eine Mail, in der ich fragte, ob dreimal schlafen in ihren Augen gründlich genug sei. Und ich fragte nach, ob sie sich als positiven oder negativen Katalysator verstünde, weshalb sie ausgerechnet Gold oder Platin gewählt habe und ob sie tatsächlich davon überzeugt sei, dass sie sich durch den Kontakt zu ihren Patienten nicht verändern würde. Falls ja, wäre ich sehr interessiert daran, ihre Methode der Abgrenzung zu lernen. Außerdem bat ich sie um einen weiteren Termin.

Mehrere Wochen später antwortete die Therapeutin mir per Mail mit einer Absage, die mich in einem weiteren Kurzurlaub unvermutet traf, keine meiner Nachfragen beantwortete und meine Motivation, mich um einen Therapieplatz zu bemühen, erst einmal auf Null reduzierte. Meine Angstsymptome in der Arbeit verschwanden jedoch nicht, ich hatte, wie gewohnt, weiter Schwierigkeiten mit Kollegen. Ungewohnt war nur die Menge an Kollegen und damit stieg auch die Menge an Schwierigkeiten. Ich glaubte, mich in einer Zeitschleife zu befinden, weil sich augenscheinlich meine sozialen Probleme in und mit Teams aus meiner Schulzeit und der Zeit an der Universität wiederholten. Es kam zu eklatanten Missverständnissen und ich begann, zunehmend Fehler in der Arbeit zu machen.