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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Depression die Zweite

6 Kommentare


Oder die xte, so genau weiß ich das nicht. Ich habe viel darüber gelesen, Studien, Fachartikel, Fachbücher, Autobiografien. Ich habe aspergertypisch viel Wissen angesammelt. Nur: Zu wissen, dass es vorübergeht, dass dieser Zustand nicht ewig andauern wird, ist trotzdem schwer zu glauben, wenn man mittendrin steckt. Was dieser Zustand nicht ist: Etwas, das ich mir ausgesucht habe. Etwas an dem ich selbst schuld bin – wobei, wenn es so etwas wie eine genetische Disposition gibt, dann liegt ein Grund in mir selbst. Etwas, das ich mir nur einbilde, eine Modekrankheit. Etwas, das durch Bemerkungen wie „Reiß dich doch einfach mal zusammen, dir geht es doch gut, andere haben es viel schwerer“ definitiv nicht besser wird.

Du musst nur mal rausgehen, Sport treiben, dann geht es dir gleich besser“ (Klar, auf die Idee wäre ich alleine nie gekommen, danke dir, sehr hilfreich. Seit Wochen nehme ich mir genau das jeden einzelnen Tag vor – und scheitere). „Du hast zu viel Zeit, suche dir eine Arbeit, dann denkst du nicht mehr so viel nach“ (Ach ja, ich spare es mir, dir das mit der Zwangsverrentung zu erklären. Und warum ich mir nicht mal eben so einfach irgendeine Arbeit suchen kann. Wie das mit den Chancen am Arbeitsmarkt und der Angst vor Bewerbungsgesprächen ist. Ich kann das übrigens auch prima im Büro machen, nachdenken. Aber wenn du mir den Ausschalter im Gehirn zeigst, dann denke ich auch nicht mehr so viel nach. Ich wäre dir dankbar dafür, ich suche ihn nämlich selbst schon seit Jahrzehnten). „So schlimm ist es doch nicht, dir geht es doch gut“ (Doch. Es. Ist. So. Schlimm. Zumindest fühlt es sich für mich schlimm an, warum auch immer, ich verstehe es ja selbst nicht, wie sollte ich es dir dann erklären? Es ist nicht logisch, aber es ist). „Du musst einfach nur öfter unter Leute gehen“ (Äh, … [sehr lange Pause, während der ich mich frage, ob die Person irgendeine Ahnung hat] … nicht). „Denk doch einfach an etwas Schönes, guck, die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern“ (Kann ich nicht. Die Sonne blendet und die sch… Vögel sind mir egal). „Blödsinn, das bildest du dir nur ein!“ (Nein, leider nicht, aber ich habe keine Kraft, mich zu rechtfertigen für meine Wahrnehmung). „Du brauchst einfach nur Struktur, mach dir doch mal einen Plan“ (Weiß ich, habe ich gemacht, ich schaffe es nur leider nicht, ihn einzuhalten). „Du musst nur zum Arzt gehen, da gibt es Tabletten dagegen, dann geht das schnell vorbei“ (Tja, habe ich versucht, mehrfach, nutzte nur nichts. Schadete aber und war heftig, du willst ganz sicher nicht am eigenen Leib erfahren, was diese Tabletten alles bewirken können. Und ich will nie mehr im Leben nicht mehr zu Hause in meinem eigenen Gehirn sein müssen – lieber halte ich irgendwie diesen Zustand aus. Falls Ärzte das hier lesen: NEIN, das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich mir nicht helfen lassen will, dass ich überempfindlich bin. Ihr steckt nicht in mir drin, ihr müsst die Nebenwirkungen nicht aushalten, nehmt die Tabletten bitte mal selbst und seht, was passiert). „Du solltest dir Hilfe suchen, ein stationärer Aufenthalt wäre sinnvoll“ (Öhm, glaube ich nicht. Warst du schon einmal in so einer Klinik? Ich könnte dir erzählen, wie es für mich dort war. Bis heute lässt mich die Frage nicht los, wieso zum Teufel es der Zimmerbettnachbarin sinnvoll erschien, innerhalb einer geschlossenen Station eine in Tabak gewickelte Rasierklinge zu schlucken. Verstehe ich einfach nicht – weder wie so etwas überhaupt funktioniert, noch, inwiefern die Aussage wahr ist, dass man auf so einer Station vor sich selbst geschützt wird. Mich hatte übrigens auch niemand vor dem Patienten – oder war es ein Pfleger, die konnte ich dort nicht auseinanderhalten – geschützt, der mir in die Dusche nachschlich. Und ich kann nicht nachvollziehen, weshalb mir ein 5minütiges Gespräch mit einem mir unbekannten Psychiater innerhalb von fünf Tagen mehr helfen soll, als die derzeit wöchentlichen 50minütigen Gespräche mit meinem mir bekannten Therapeuten. Aber vielleicht macht das alles ja tatsächlich irgendeinen Sinn und nur ich verstehe ihn wieder nicht – wie so vieles).

Gebt mir keine Ratschläge, was ich machen soll, damit es mir besser geht. Die frustrieren mich nur und die Ideen hatte ich alle selbst schon. Weil es nicht so einfach ist, ich versuche täglich, mich aufzuraffen und etwas zu tun, aber es scheitert zurzeit meistens schon im Ansatz. Und dann fühle ich mich noch mehr als Versager, weil ich es nicht hinbekomme, euren Ratschlägen zu folgen und Dinge zu unternehmen, damit es mir besser geht. Gedanken, dass ich mich im Grunde selbst sabotiere, selbst schuld daran bin, dass es mir schlecht geht. Nur eine Last für andere bin, nichts wert bin, ein totaler Versager bin, liegen dann nicht fern. An besseren Tagen kann ich sie wegschieben, mir sagen, dass es nicht wahr ist, diese Gedanken ein Symptom der Krankheit sind. An nicht so guten Tagen gelingt mir das nicht und dann wird es schwierig. Schwieriger als es sowieso schon ist, also lasst es, gebt mir bitte keine Ratschläge.

Und sagt mir vor allem nicht, dass es nicht stimmt, was ich euch erzähle. Nehmt mich ernst, glaubt mir, hört mir zu, mehr will ich doch gar nicht von euch.

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Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

6 Kommentare zu “Depression die Zweite

  1. Du sprichst mir aus der Seele.
    Die vielen Fragen und Ratschläge; als wäre man selbst noch gar nicht auf diese Ideen gekommen.
    Vor allem eine Kommilitonin von mir kann das gut: „Geh doch raus in die Sonne, unternimm etwas mit Deinem Hund; dann sieht die Welt gleich ganz anders aus und Du bekommst wieder positive Gedanken.“
    Ja, natürlich!
    Nein!
    Ich bin jeden Tag dreimal mit meinem Hund draußen, aber das ändert nichts an der Depression.
    Ich fühle wirklich mit Dir.
    Das hilft Dir bestimmt nicht bei der Depression, aber Du bist nicht allein.
    Und auf keinen Fall bist Du daran Schuld.

    Liebe Grüße
    Sarinijha

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    • Danke Sarinijha.
      Warum glauben sie einem nicht?
      Viel Kraft auch dir – angeblich geht es einem ja irgendwann besser.
      Ich frage mich aber, wie soll ich nicht verzweifeln, wenn ich weiß, dass es jederzeit wiederkommen kann und auch tut?

      Gefällt 1 Person

  2. Ich bin depressiv seit der (frühen) Schulzeit. Die Phasen, in denen es mir richtig gut ging, waren immer kurz. Tageweise, mit Glück mal 1-2 Wochen, und dann der nächste Dämpfer, und dann schaut es wieder kastastrophal aus, dann geht es wieder aufwärts. Aber nie konstant auf einem hohen Niveau. Ich hab auch all das schon gehört. Mit dem Hund rausgehen (Hund oder Katze fehlen mir ja wirklich sehr) oder auch eine schöne Wanderung machen, das kann bei leichten Depressionen hilfreich sein. Bei mittelgradigen/schweren Depressionen ist die Gefahr gegeben, dass selbst Dinge, die einen normal aus der Lethargie reißen, nicht mehr Erfüllung/Ablenkung bringen. Ich hab in solchen Tiefpunktphasen auch schon stundenlang bei Wanderungen gegrübelt. Es gibt kein Patentrezept. Statt solcher Sprüche würde mir persönlich viel mehr helfen, wenn einfach zugehört wird. Und in dem Zusammenhang helfen mir Kontakte mit anderen Autisten oft mehr, denn die erzählen dann was von sich und versuchen Analogien zur eigenen Situation zu finden statt Kalenderspruchsager loszulassen.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, Katzen. Meiner Erfahrung nach ist es nicht gut, sein Herz zu sehr an sie zu hängen. Es tut zu weh, wenn sie verschwinden. Gespräche helfen tatsächlich, aber halt nur, wie du schreibst, mit Menschen, die zuhören, dich ernst nehmen, keine Rat“schläge“ geben. Vermutlich können aber nur Menschen, die selbst Erfahrung mit solchen Tiefpunkphasen haben, echtes Verständnis aufbringen. Danke für deine Worte. Denn wenn du schreibst, dass du es seit der Schulzeit überlebst, zeigt mir das, dass es möglich ist.

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  3. Liebe Silke,

    ich fühle ebenfalls mit Dir! Gute Ratschläge sind oftmals mehr „Schläge“ als Hilfe, da frustrierend. Im Zusammenahng mit den chronischen Schmerzen bei Fibromyalgie und nach einer recht traumatischen Kindheit (die mich durch den Tod meiner Mutter und durch die Gespräche mit den Geschwistern + Vergangenheitsbeschäftigung wieder einholt) sind mir Depressionen und depressive Phasen sehr gut bekannt. Aber leider habe ich nie jemanden, mit dem man einfach mal nur reden kann, was einen so bewegt, sondern ich bekomme immer nur Ratschläge, was ich tun oder besser machen könnte. Ich weiß, was ich tun müsste, aber ich kann mich trotz drängender werdender Not nicht dazu aufraffen ohne Arbeit meinen Mann zu verlassen, mir ne Wohnung ohne Geld zu suchen, zum Anwalt zu gehen, die gefühlt hundertste Schmerztherapie zu machen, ich hänge einfach so durch und harre der Dinge, die da nicht kommen… Wie gelähmt, motivationslos, antriebslos, ausharrend… das kann ich am besten. Schon in meiner Kindheit war das beste Überlebensmittel: Aushalten, still halten. Du hast zwar vollkommen andere „Gründe“ depressiv zu sein als ich, aber wie Du Dich fühlst, kann ich, denke ich zumindest, doch einigermaßen nach vollziehen. Danke für den Blogbeitrag – gut, das zu lesen, dann ist man nicht so alleine!

    Bis nächsten Samstag, viele liebe Grüße! Freu mich auf Dich!

    Barbara

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  4. Liebe Barbara,
    nächsten Samstag reden wir – den ganzen Tag lang. Und keine Rat“schläge“. Von mir sowieso nicht, ich weiß ja nicht mal, wie ich mir selbst helfen kann. Aber ich kann dir zuhören. Und wir können uns wenigstens einen Tag lang nicht so alleine fühlen.
    Viele liebe Grüße zurück
    Silke

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