SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


Ein Kommentar

Offen mit Autismus und Depressionen umgehen – darf man das?

Inzwischen gibt es hin und wieder ein paar gute Tage. Tage an denen mir etwas gelingt, an denen ich es schaffe Staub zu saugen und zu putzen. Sogar Tage, an denen ich begonnen hatte, an meinem Teich weiter zu graben. Es kann gar nicht genug Teich geben, das ist schon mal klar. Je mehr Teich, desto mehr Möglichkeiten, am Ufer sitzend auf Fische zu starren. Darüber nachzudenken, welche Formationen sie schwimmen. Die Reflexionen des Sonnenlichts auf den Schuppen zu sehen, wenn sie fressen. Zu beobachten, welche Muster sich ergeben, welche Schwärme welches Revierverhalten zeigen und wer mit wem schwimmt – stundenlang auf Fische starren tut mir gut. Und es ist gut, sich bei einer Depression sportlich zu betätigen und aus dem Haus zu gehen. Dazu ist ein Gartenprojekt, bei dem man an der frischen Luft ganz viel Erde per Schubkarre und Handarbeit mit Spaten von A nach B verbringen muss, für mich als Autistin perfekt geeignet.

Leider kann ich das nicht andauernd machen, im Moment wäre es sogar denkbar ungünstig im Regen zu sitzen und zu frieren oder draußen zu schwitzen bei der Fische-starr-Flächenvergrößerung. Ich dachte, es ginge jetzt endlich wieder aufwärts. Aber schon seit mehr als einer Woche schleppe ich mich vom Bett zum Tisch, von dort zum Sofa und zurück ins Bett. Gut, derzeit bin ich richtig unangenehm körperlich krank. Das könnte eine Erklärung sein. Die andere Erklärung wäre, dass ich schlicht und ergreifend immer noch ziemlich depressiv bin.

Laut der Sachbearbeiterin in der Deutschen Rentenversicherung, bei der ich letzten Monat einen Termin wegen meines Antrages auf Teilhabe am Arbeitsleben und wegen meiner beruflichen Zukunft hatte, bin ich vollschichtig erwerbsfähig. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es Zeit meines Lebens noch nie geschafft habe, Vollzeit zu arbeiten: Warum nur fühle ich mich so überhaupt nicht erwerbsfähig? Ich bin immer noch krank geschrieben. Seit nunmehr einem halben Jahr bin ich ununterbrochen arbeitsunfähig krank geschrieben. Obwohl ich mich nach der langen Zeit doch eigentlich hätte erholt haben müssen.

Eigentlich müsste ich inzwischen wieder die Kraft haben, den Kampf weiter zu kämpfen, eine neue Arbeitsstelle zu suchen, wieder von vorne anzufangen. Unbelastet, keiner kennt mich, ich habe noch keine nicht wieder gut zu machenden soziale Fehler im Umgang mit den Kollegen gemacht, neue und hoffentlich interessante Aufgaben warten. Aber allein der Gedanke daran, mich um eine neue Stelle bemühen zu müssen, führt dazu, dass mir der Angstschweiß ausbricht. Ich kann mir seltsamerweise absolut nicht mehr vorstellen nochmals in irgendeinem Büro zu arbeiten. Schon gar nicht kann ich mir vorstellen das nicht alleine, sondern mit Kollegen zu tun. Ich wüßte nicht einmal, wie ich mit ihnen reden sollte. Ich wundere mich, dass mir das mal gelungen ist, verstehe nicht, wie ich es geschafft habe. Beim Gedanken daran kommen mir die Tränen und mir tut der Magen weh. Alles psychosomatisch, ich weiß – aber auch wenn es keine körperliche Ursache hat, die Magenschmerzen tun trotzdem weh. Kann natürlich auch sein, dass meine Weinerlichkeit und die Magenschmerzen daher rühren, weil ich mir nutzlos vorkomme und weil ich Versagensgefühle habe. Und solche Gedanken und Gefühle wiederum sind laut Literatur typisch bei einer Depression.

Jetzt könnte man meinen, dass ich doch gar keinen Grund habe, mich zu beklagen. Immerhin bin ich daheim, seit einem halben Jahr habe ich frei. Aber ich schaffe es nicht einmal trotz all der „Freizeit“, die ich dank der Krankschreibung habe, mich mit meinen Hobbys zu beschäftigen. Mich darum zu kümmern, wie es im Studium weitergeht. Jetzt hätte ich seit einem halben Jahr die Zeit gehabt, die Reader des letzten Moduls vollständig zu lesen, ein Hausarbeitsthema zu finden, Literatur zu recherchieren und loszuschreiben. Und was habe ich davon erledigt? Genau – nichts. Was ist aus meinen Plänen geworden, mich mit Ubuntu zu beschäftigen, C++ zu lernen, die Literatur-Datensammlung zu ordnen, alle Folgen von GoT anzusehen? Tag um Tag verbringe ich damit, mir vorzunehmen etwas davon ganz bestimmt am nächsten Tag anzufangen.

Und Tag um Tag vergeht, eine lange Reihe an Tagen mittlerweile. Zu einer Depression gehört augenscheinlich Geduld – es bleibt also schwierig, denn Geduld gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Hinderlich ist auch das Gefühl, dass es seit längerem eigentlich nur noch Abwärts geht. Mein Leben besteht mittlerweile gefühlt seit ewiger Zeit, tatsächlich seit drei Jahren überwiegend daraus, wahlweise körperlich erkrankt, erschöpft oder antriebslos auf dem Sofa herum zu Gammeln und nichts mehr zustande zu bringen. Nach wie vor überkommt mich täglich die Sinnfrage. Es ist schwierig in dem Zustand den Spaß am Leben zu sehen. Lebensqualität ist nicht wirklich gegeben.

Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass es problematisch werden könnte jemals wieder eine neue Arbeitsstelle zu finden, wenn ich öffentlich von meinem Autismus schreibe und insbesondere von einer Depression. Meiner Ansicht nach gehört der komplette Bereich der psychischen Erkrankungen aber aus der Verheimlichungsecke heraus. Wenn eine Depression tatsächlich eine Erkrankung ist, dann sollte man genauso darüber sprechen dürfen wie über eine Blasenentzündung oder einen grippalen Infekt. Wo ist der Unterschied? Alles sind heilbare Erkrankungen, die einen arbeitsunfähig werden lassen können. Angeblich – bei der Depression habe ich mittlerweile so meine Zweifel bezüglich der Heilbarkeit, immerhin scheine ich seit meiner Jugend immer mal wieder depressiv zu sein.

Eine Autismus-Spektrum-Störung (soweit ich auf dem Laufenden bin, soll man das Wort Störung nicht mehr benutzen – in Ermangelung einer zufriedenstellenden anderen Bezeichnung bleibe ich aber dabei) ist zwar weder eine Erkrankung noch ist sie heilbar. Trotzdem denke ich, dass es, zumindest für mich, unabdingbar ist, offen damit umzugehen. Ich glaube, dass ich nicht mehr versuchen sollte mich an eine Arbeitsstelle anzupassen. Das hat Zeit meines Lebens bisher nicht geklappt. Es ist wichtig, dass ein zukünftiger Arbeitgeber weiß wo meine Schwierigkeiten liegen, wenn ich denn irgendwann in der Zukunft (hoffentlich bald) fähig sein werde wieder einer Teilzeit-Erwerbsarbeit! nachzugehen. Mir ist inzwischen klar, dass ich wahrscheinlich niemals genügend Energie haben werde, um ganztags arbeiten gehen zu können. Ich arbeite daran, das nicht mehr als persönliches Lebensversagen zu sehen, sondern als nachvollziehbare Folge meines Autismus. Und dass ich unbedingt eine Stelle finden muss, bei der sich die Rahmenbedingungen an meine Bedürfnisse anpassen lassen. Damit ich gesund bleiben kann – soweit ich das wieder werde.

Ich hoffe, die Zusammenhänge kann ich der Sachbearbeiterin von der Rentenversicherung verständlich erklären, wenn ich das nächste Mal zu einem Beratungsgespräch über meine berufliche Zukunft eingeladen werde. Das letzte Mal verlief nämlich denkbar irritierend. Ich bekam als für mich passende berufliche Rehabilitationsmaßnahme vorgeschlagen, in dieses berufliche Trainingszentrum zu gehen. Der „Erwerb von Schlüsselqualifikationen, die Steigerung der Belastbarkeit und das (Wieder-) Erlernen des Rollenverhaltens“ (Quelle) als seelisch erkrankter Arbeitnehmer stehen im Vordergrund des mir anempfohlenen Trainings. Dort solle ich dann mittels Kursen aus den Themenbereichen

  • Büroorganisation
  • Schriftverkehr
  • PC-Kenntnisse
  • Computertechnik
  • Grundkenntnisse der Verwaltungsorganisation
  • Grundkenntnisse der Buchhaltung
  • Grundkenntnisse des Personalwesens
  • Mediengestaltung (Quelle)

eine Lösung für meine berufliche Situation finden. Zudem gäbe es laut Sachbearbeiterin ein Anpassungstraining in der Gruppe, bei der ich soziale Kompetenz erlernen könne. Auf meine Frage, ob sich die Fachkräfte dort auch mit Autismus auskennen würden erhielt ich die Antwort: Betreut werde man von Sozialpädagogen. Ein sehr wichtiger Baustein der Maßnahme seien möglichst viele betriebliche Praktika. Ganztags, in wechselnden Betrieben und in der Werkstatt. Wegen des weiten Anfahrtsweges könne ich während der Woche im dortigen Gästehaus logieren. Vor Beginn dieser Maßnahme müsse ich jedoch erst noch einen Erwerbsminderungsrentenantrag stellen, davor könne sie gar nichts für mich tun. Aber das ginge nicht bei ihr, sie sei für diesen Antrag nicht zuständig.

Ich frage mich, inwiefern mir diese Maßnahme in meiner gesundheitlichen Situation und hinsichtlich meiner bereits vorhandenen beruflichen (Über)qualifikation als Steuerfachangestellte und Bildungswissenschaftlerin etwas Positives bringen soll. Ich hoffe wirklich, diese Beratungsgesprächsergebnisse sind nur dem fehlenden Wissen der Sachbearbeiterin über Autismus mit der Komorbidität Depression zuzuschreiben. Ich hoffe, Mitarbeiter in Ämtern und Behörden sind nicht lernresistent und durch zunehmende Verbreitung von Wissen über Autismus und Depressionen kann nicht nur ich zukünftig hoffentlich zielführender beraten werden. Auch deshalb scheint es mir imho sehr wichtig, offen mit meinen Diagnosen umzugehen.

Übrigens: Den Erwerbsminderungsrentenantrag habe ich bisher nicht gestellt. Und jetzt verschwinde ich wieder eine Zeitlang auf dem Sofa.

 

 

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TKSI – Emotionserkennung-Update

Mittlerweile trainiere ich seit einigen Wochen mit Hilfe einer Trainings-Software (SCOTT) das Erkennen von Emotionen. Inzwischen habe ich bei allen drei Spielen das Level 3 erreicht. In einem vorherigen Blogbeitrag hatte ich mich über vermeintliche Bugs im Programm ausgelassen.

In der vergangenen Woche ist mir aufgefallen, dass ich mich geirrt habe. Ziemlich peinlich, das hier schreiben zu müssen, aber ich habe scheinbar die Anleitung bei dem Spiel Stimme zu Gesicht und Emotion zuordnen falsch verstanden. Immer noch fällt mir dieses Spiel am Schwersten. Letzte Woche hatte ich dann ein Aha-Erlebnis: Es kommt gar nicht auf den Inhalt des Gesagten an – die Anleitung stimmt insofern, als dass man den Inhalt sogar aktiv ausblenden muss, weil die Lösung sonst zu absurd ist. Einzig wichtig für die korrekte Lösung sind Mimik und Tonfall der Stimme, der Inhalt ist teilweise sogar irreführend. Ich komme mir jetzt ziemlich doof vor, weil ich Wochen dafür gebraucht habe, die Erkenntnis, dass Tonfall, Inhalt und Mimik nicht zusammenpassen, auch tatsächlich umzusetzen und zu begreifen, was das für die richtige Lösung bedeutet. Und weil ich die Spielanweisung, man soll den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen so gründlich missverstanden habe. Ich dachte bei Stimme nur an den Inhalt des Gesagten. Auch jetzt fällt es mir unglaublich schwer, den Inhalt auszublenden. Es ist und bleibt komisch, wenn der korrekte Emotionsbegriff zu dem Satz: „Die Wohnung liegt im zweiten Stock und hat einen Aufzug“ wehmütig ist.

Beim Gesichter Puzzle habe ich es inzwischen geschafft, die 5400 Punktehürde zu meistern. Allerdings nicht, weil ich mich tatsächlich darin verbesserte, die Mimik zu erkennen. Nach fortwährendem Frustrationserleben stand ich vor der Entscheidung, aufzugeben und zu akzeptieren, dass ich hier scheinbar nicht weiter lernfähig bin oder eine andere Lösung zu finden. Also schaute ich mir die jeweiligen Gesichtsober- und -unterteile nochmals genauer an. Sie unterschieden sich beispielsweise in der Ausleuchtung und damit in der Gesichtsfarbe. Falls das nicht der Fall war, behalf ich mir mit dem Vergleich, wieviel vom Ohrläppchen zu sehen war oder wie die Kopfneigung der jeweiligen Sequenz verlief. So war es relativ einfach, die passenden Einzelteile zusammenzusetzen. Das hat natürlich überhaupt nichts mit Emotionserkennung zu tun.

Auf der Bestenliste rangiere ich immer noch nur im Mittelfeld. Scheinbar habe ich wieder die Grenze meiner derzeitigen Fähigkeiten erreicht. Auch bei den Filmsequenzen erreiche ich keine höhere Punktzahl mehr. Im Moment bin ratlos und weiß nicht, was ich noch tun kann außer wieder und wieder zunehmend frustriert die Spiele auf Level 3 zu spielen und zu hoffen, dass ich nochmals eine Eingebung haben werde oder es doch noch zu einer Verbesserung meiner Fähigkeiten durch die Übung kommt.

Manchmal kann ich mir ein Lachen während der eineinhalb Stunden KTT (kognitive Testung und Training) einfach nicht verkneifen, weil die richtigen Lösungen in meinem Augen seltsam bzw. absurd erscheinen. Gleichzeitig bin ich traurig, weil mir durch das Training sehr deutlich vor Augen geführt wird, wo genau ein Teil meiner Defizite liegt. Einesteils freue ich mich darüber, endlich zu wissen, woran es liegt, dass sich fortwährend kommunikative Missverständnisse durch mein Leben ziehen. Aber ich vermisse andernteils auch den selbstzufriedenen Zustand der Unwissenheit vor der Diagnose. Es war so viel einfacher davon auszugehen, meine Mitmenschen verstünden mich deshalb nicht, weil sie größtenteils anscheinend begriffstutzig sind und nicht genau hinhören. Die Erkenntnis, dass nicht meine Mitmenschen doofer als ich sind, sondern es gerade umgekehrt ist, mir wegen meiner Defizite in der Wahrnehmung nonverbaler Kommunikation wichtige Informationen fehlen, die sie haben, ist immer noch bitter.


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TKSI zum Zweiten

Morgen ist der letzte Tag der ersten Woche meines zweiten sechswöchigen Durchlaufes in der TKSI. Mir wurde seitens der Klinik angeboten, meinen Aufenthalt nochmals um sechs Wochen zu verlängern. Dieses Angebot nahm ich gerne an. Ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich nach den sechs Wochen machen soll. Die Struktur in der Klinik tut mir gut. Eine Wiederholung von Inhalten stört mich keineswegs. Das Einzige, was es richtig schwierig macht, sind die neuen Mitpatienten.

Hier bediene ich das Autistenklischee: Ich komme mit Veränderungen nicht wirklich gut klar. Aber auch das gilt nur eingeschränkt, denn trotz meiner Aussage in einem vorherigen Blogbeitrag habe ich meine Essensroutine angepasst. Nachdem ein Mitpatient vorvorletzte Woche fragte, ob ich mit Mittagessen gehen würde, versuchte ich es nochmals mit einem Kantinenbesuch, weil das Wetter so schön war, dass ich draußen essen konnte. Ich trabte hinter ihm her in eine Ecke, die mir vorher gar nicht aufgefallen war. Und siehe da: Es gab eine Salatbar zum Selbermischen nebst laktosefreiem Dressing.  Das Mitschleppen meines laktosefreien Joghurtmüslis erübrigte sich ab diesem Moment.  Seither gehe ich mit meiner großen Salatschüssel auf den Balkon der TKSI und genieße in Ruhe und alleine ein gesundes Mittagessen.

Aus einem weiteren Grund ist ein verlängerter Aufenthalt gut. Vollständig arbeitsfähig fühle ich mich derzeit nämlich definitiv noch nicht. Gestern war ich an meinem Arbeitsplatz, um Schlüssel zurückzugeben und meine Sachen abzuholen, da mein Arbeitsvertrag Anfang Juni endet. Ich habe es glaube ich geschafft, diese halbe Stunde normal zu wirken, aber es war anstrengend und ich hätte nicht mehr lang durchgehalten. Dadurch, dass mir mittlerweile die Bedeutung und der Nutzen von Smalltalk bewusst ist und ich in den letzten Wochen genügend Zeit zum Üben hatte, fiel mir auch das relativ leicht. Immerhin hat meine zukünftige Exchefin mir gegenüber geäußert, dass sie sich freut, dass es mir wieder so gutgeht. Die Außenwirkung war demnach in Ordnung, meine Fassade hatte wohl keine sichtbaren Risse. Hoffe ich, denn wissen kann ich es nicht. Ich bin darauf angewiesen zu glauben, was sie mir sagt. Ein Kollege, der ebenfalls anwesend war gab mir den Rat mit auf den Weg, mir für die Zukunft eine Arbeitsstelle zu suchen, bei der ich nicht so oft in Kontakt zu anderen Menschen komme. Er meinte, dass die Bereiche, in denen ich gut gewesen sei leider nur einen sehr kleinen Teil der Stelle ausgemacht hätten. Mir ist klar, dass er recht hat, trotzdem hörte sich das nicht schön an. Jetzt weiß ich nicht, ob die Traurigkeit wegen dieser Aussage der Depression geschuldet ist. Im Grunde ist es egal, die Rahmenbedingungen der Arbeitsstelle haben nicht gepasst, weswegen ich krank geworden bin, also muss die nächste Stelle eine sein, bei der die Rahmenbedingunen besser passen.

Autismus, Depression und alles, was damit einhergeht, wie Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit und die psychosomatischen Reaktionen hängen miteinander zusammen. Wobei sie sich gegenseitig beeinflussen. Meine Überlegung ist: Wenn in mein Leben wieder Ruhe eingekehrt ist, ich eine Arbeitsstelle gefunden habe, genügend Zeit zum Eingewöhnen vergangen sein wird und die Unsicherheit der Probezeit oder eines befristeten Vertrages vorbei sein wird, dann wird es mir psychisch und in der Folge auch somatisch bessergehen. Die zusätzlich geschenkte Zeit in der TKSI kann ich dafür nutzen, die berufliche und die gesundheitliche Situation zu klären.

Mir wurde empfohlen, mit Hilfe eines Neuroleptikums meine Reizbarkeit und Reizsensitivität zu dämpfen. Danach hätte dann die Depression ebenfalls nochmals medikamentös behandelt werden können. Nach knapp zwei Wochen Medikamenteneinnahme hatte ich wie bei meinem ersten Versuch mit Antidepressiva etliche unschöne Nebenwirkungen. Ich war mir nicht sicher, auch eine dämpfende Wirkung zu verspüren. Wahrscheinlich wurde die jedoch von den Nebenwirkungen überdeckt. Ich empfand es als überaus positiv, dass meine Ärztin meine Bedenken und Überlegungen zu der Medikamenteneinnahme ernst nahm und auf meine Einwände und Befürchtungen einging. Sie betonte auch, dass die Entscheidung, Medikamente einzunehmen immer bei mir läge. Sie würde mich nach Kräften unterstützen. Wir kamen überein, dass ich außer Schmerzmitteln (wegen einer Schulterverletzung habe ich Schmerzen) nichts mehr nehmen werde. Denn meine Überlegung war: Ein Neuroleptikum kann ich maximal 3 Jahre lang einnehmen, währenddessen passt sich mein Gehirn über Rezeptorenvermehrung und Sensitivierung an, um den Ursprungszustand wiederherzustellen (so ganz stimmt das medizinisch scheinbar nicht, meine Ärztin sagte aber ganz offen, dass nicht klar ist, was genau im Gehirn abläuft und wie die Medikamente tatsächlich wirken). In dem Moment, wo ich die Medikamente dann absetzen muss, holt mich wegen des wiederum entstehenden chemischen Ungleichgewichtes im Gehirn die Depression vielleicht wieder ein und zusätzlich wäre ich eine Zeitlang noch reizoffener als anfangs. Eine ungute Kombination, die eventuell dann dazu führen könnte, dass ich meine Arbeitsstelle gefährde, die ich bis dahin gefunden zu haben hoffe. Weil der Nutzen durch die Medikamente für mich nur kurzfristig ersichtlich ist und ich nicht genau feststellen konnte, ob sie tatsächlich wirken, habe ich beschlossen, lieber keine zu nehmen.

Zum Glück habe ich bereits einen Psychotherapieplatz, so dass ich nach dem Klinikaufenthalt nahtlos eine Verhaltenstherapie machen kann, die mir dabei helfen wird, mit den alltäglichen Schwierigkeiten und den Problemen, die eine Depression mit sich bringt, umgehen zu können. Beides: Therapie und stabile Arbeitsstelle sollten meinem Leben so viel Struktur geben, dass die Depression abklingt, damit einhergehend die Reizoffenheit weniger wird und in der Folge Schlafstörungen und psychosomatische Stressreaktionen verschwinden.

Das klingt nach: Alles wird gut. Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass die körperlichen Probleme ebenfalls behandelt werden, denn die Schulterverletzung ist nicht von selbst ausgeheilt. Hier steht noch eine Abklärung bzw. eine erfolgreiche Behandlung an. Denn solange ich Dauerschmerzen habe, ist mein Stresslevel erhöht. Wobei die Schmerzen wiederum die Depression verstärken. Also ist ein wichtiger Schritt im Moment, die Schmerzen loszuwerden. Und eine neue Stelle oder eine finanzielle Lösung zu finden. Klingt nach einem guten kurz- bis mittelfristigen Plan, den ich die kommenden Wochen verfolgen werde. Und die neuen Mitpatienten werden in fünf Wochen gewohnte alte Mitpatienten für mich sein, genau wie beim ersten mal. Es besteht eine echte Chance auf: Alles wird gut.


Ein Kommentar

TKSI – Emotionserkennung

Das kognitive Training am PC zur Emotionserkennung, das ich seit zwei Wochen mache, ist interessant und erstaunlich anstrengend. Dieses Tool wird dazu verwendet: http://www.scott-training.de/#  Es scheint ein Trainingsprogramm zu sein das nach einer Evaluation überarbeitet wurde. Demnächst soll es in einer neuen Version erscheinen. Grundsätzlich scheint es die Emotionserkennung bei Autismus positiv beeinflussen zu können – zumindest innerhalb meiner autistischen Begrenzungen.

Es gibt jeweils drei Level in jedem der drei angebotenen Spiele. Ein höheres Level schaltet man nach dem Erreichen von fünf Prämien frei. Ein Spiel beinhaltet zwischen fünf und zehn Durchgänge. Das Spiel ist durch relativ unlangweilig und der „pädagogische Zeigefinger“ ist wenig sichtbar. Was mich stört, sind die grafische Aufmachung und die immer wieder eingeblendeten „hilfreichen Hinweise“. Ich denke wirklich nicht daran, nach zweimaligem Lesen der Hilfefunktion diese noch ein weiteres mal aufzurufen. Und es ärgert mich, wenn ich immer wieder von einem Männchen mit Baseballkappe betont jugendfrisch lässig freundlich dazu aufgefordert werde, das in einem Fenster in mehr oder minder regelmäßigen Abständen erscheint. Ich müsste  mitzählen, wie oft dieses Fenster aufpoppt, meiner Vermutung nach passiert es nach fünf Fehlversuchen. Neben der Hilfe gibt es noch die Möglichkeit, Tipps zu erhalten oder einen Joker einzusetzen, was jedoch zu Punktabzug führt. Da ich Spiele grundsätzlich ohne solche Cheatmöglichkeiten spiele, setze ich sie nicht ein. Abgesehen von der nicht unbedingt zielgruppengerechten Aufmachung und den irritierenden Kommentaren, die nicht zur Leistung passen, finde ich dieses Serious Gaming Tool zur Emotionserkennung ziemlich gut umgesetzt.

Anfangs hatte ich nur geraten, inzwischen muss ich aber nur noch bei neuen Spielen und differenzierteren Emotionen die Lösung durch Versuch und Irrtum herausfinden. Emotionale Bezeichnungen wie heiter und angeekelt oder traurig und überrascht kann ich mittlerweile ziemlich gut auseinander halten und korrekt dem Gesichtsausdruck zuordnen. Weil sich die Aufgaben wiederholen, habe ich spätestens nach dem dritten Durchgang die richtigen Lösungen auswendig gelernt. Meine Punktzahl hat sich so nach nur einer Woche verdoppelt. Ich hoffe jetzt, dass trotzdem ein Lerneffekt einsetzt und etwas hängenbleiben wird bei den vielen bewegten Bildern von Gesichtern, die Emotionen ausdrücken. Wenig Verbesserung ist immerhin mehr als gar keine Verbesserung. Ich bin dankbar für jeden Fortschritt.

Immerhin habe ich bereits gelernt, relativ sicher die Basisgefühle Angst, Freude, Ekel, Trauer, Wut, Verachtung und Überraschung anhand der Unterschiede bei Augen- und Mundpartie auseinanderzuhalten. Meine Strategie des Auswendiglernens und die Tatsache, dass die Darsteller im Spiel alles Schauspieler sind, die die Emotionen übertrieben darstellen, dürfte meine Transferleistung aber ziemlich einschränken. Ich vermute nämlich, dass die Leute in der realen Welt nicht genau dieselben Gesichtsausdrücke haben, schon weil es nicht dieselben Gesichter sind. Die Wahrscheinlichkeit, genau diesen Schauspielern zu begegnen, schätze ich als sehr gering ein. Und jedesmal, wenn im Spiel neue Gesichter kamen, hatte ich zuerst, bis auf zufällige Treffer so ziemlich alles falsch.

Beim Gesichter Puzzle habe ich jetzt immerhin Level 3 erreicht – aber seither stagniert es, ich komme einfach nicht über die Punktehürde. Vier verschiedene Gesichtsoberteile zu den jeweiligen Unterteilen zusammenzusetzen plus danach noch die zugehörigen Gefühle korrekt zuzuordnen, und das über fünf Durchgänge pro Spiel mit insgesamt maximal 10 Fehlversuchen ist wirklich schwierig. Besonders, weil sich bei Level 3 die Gesichtsausdrücke nicht mehr diametral unterscheiden. Die Unterschiede zwischen sehnsüchtig, wehmütig, melancholisch, vergebend und verliebt sind nämlich wirklich nicht einfach zu erkennen. Wenn man es geschafft hat, die Gesichter passend zusammenzusetzen, gucken die Schauspieler aber häufig auch dermaßen ähnlich oder die angebotenen Emotionskärtchen passen meines Erachtens so gar nicht zu den Gesichtsausdrücken, dass ich zu viele Fehler mache und bisher im dritten Level noch keinmal ein komplettes Spiel lösen konnte. In Level 1 muss man das Ganze nur mit zwei Gesichtern und drei angebotenen Emotionen machen, in Level 2 dann mit drei Gesichtern und fünf Emotionen und ab Level 3 dann mit vier Gesichtern und sieben Emotionsbegriffen. In Level 1 hat man also die meisten Chancen, die Aufgabe durch pures Glück oder per Ausschlussverfahren zu lösen. Wie gesagt, seit Level 3 komme ich nicht mehr weiter, ich scheitere an der 5400 Punkte Hürde und an den maximal erlaubten Fehlversuchen.

Das demotiviert mich inzwischen ziemlich. Außerdem stört mich, dass die dargestellten Emotionen bei den vier Gesichtern nicht synchron jeweils von vorne abgespielt werden. Am Ende einer Sequenz erscheint immer ein Pixelmuster, das demnach zeitversetzt über alle vier Gesichter läuft. Da die Gesichter auf dem Bildschirm relativ nah nebeneinander positioniert sind, irritiert mich das unglaublich, weil ich es nicht schaffe, konzentriert nur ein Gesicht zu betrachten. Leider kann man das Fenster auch nicht vergrößern. Dazu kommt, dass die Emotionskarte ganz rechts bei sieben Karten abgeschnitten dargestellt wird und sich mit der Maus nicht in das Feld des Gesichts ganz rechts ziehen lässt, was zu etlichen ungewollten Fehlversuchen führt, wenn man die linke Maustaste zu früh loslässt. Diese Fehler beeinträchtigen den Spielspaß und die Konzentration nicht unerheblich und strengen mich sehr an.

Die Filmsequenzen, die man zusammensetzen muss werden ebenfalls im Level 2 – weiter habe ich es nicht geschafft – anzahlmäßig mehr und außerdem gibt es im zweiten Level Filmchen komplett ohne Text, das macht die Bestimmung der richtigen Reihenfolge echt schwer, weil ich mich nicht mehr am Inhalt des Gesagten orientieren kann. Außerdem wiederholen sich die Filme und man muss für die Lösung der Aufgabe stets von Neuem alle Filmsequenzen in kompletter Länge von vorn ansehen, damit das Schlosssymbol verschwindet und man die Aufgabe lösen darf. Das nervt spätestens nach dem zweitenmal ziemlich – zumindest mich, weil es unnötig aufhält – ich weiß ja bereits, wie es weitergeht und außerdem langweilt es mich. Bei diesem Spiel ist es für mich noch einfacher, mir die richtige Lösung zu merken. Die Regel für die Auswahl der korrekten Abschlussfrage ist, immer die abgeschwächte Version mit weniger Adjektiven zu wählen und die zwei Möglichkeiten auszuschließen, die im Film nicht erwähnte Details beinhalten oder sichtlich abwegig sind.

Beim Spiel Stimme zu Gesicht zuordnen habe ich ebenfalls nur das Level 2 erreicht. Dieses Spiel fällt mir am Schwersten. Ich muss die Stimmen mehrfach anklicken und anhören, weil ich mir weder das Gesagte noch den emotionalen Ausdruck im Tonfall merken kann. Ich erkläre mir das damit, dass ich von jeher Schwierigkeiten habe, auditiv etwas zu lernen oder mir mündliche Arbeitsanweisungen zu merken, ich scheine ein rein visueller Lerner zu sein. Im ersten Level konnte ich anhand des Inhaltes des Gesagten den passenden Emotionsbegriff zuordnen. Aber ab Level 2 haben die Entwickler des Games Bugs eingebaut – manche Gesichtsausdrücke passen meines Erachtens wirklich nicht zum Inhalt oder Tonfall des Gesagten und dann soll ich Emotionen zuordnen, die überhaupt nicht zum Inhalt des Satzes passen? Die Spielanweisung lautet, man soll die den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen. Erstaunlicherweise war die korrekte Lösung hier jedoch, den Emotionsbegriff passend zum Gesichtsausdruck zu wählen und den Inhalt des Gesagten zu ignorieren, der sowieso weder zum einen noch zum anderen passte. Ich verstehe hier nicht, warum. Denn in der Spielanleitung steht eindeutig, man solle Stimme und Emotion richtig einander zuordnen.

Bei Unklarheiten sollten wir die anderen Gruppenmitglieder fragen. Aber alle, die laut Rangliste besser sind oder ein höheres Level erreicht hatten, gaben an, genau wie ich nur noch zu raten und sich die Lösungen zu merken. Also hat mich diese Nachfrage nicht weitergebracht. Auch einem anderen Gruppenmitglied zuzusehen, das wesentlich höhere Punktzahlen erreicht, demnach also jemand sein dürfte, von dem ich etwas lernen kann, war nicht hilfreich. Ich weiß jetzt noch nicht, wie ich nächste Woche weiter vorgehen werde, um beim Gesichter Puzzle weiterzukommen. Mir bleibt eigentlich nur noch, Tipps oder den Joker zu verwenden, was aber meinen Grundsätzen widerspricht. Ansonsten kann ich die Punktzahl erhöhen, indem ich schneller werde. Mein Ziel für die nächste Woche ist es, überall das Level 3 zu erreichen.


Ein Kommentar

TKSI – Woche 1 und 2

Seit zwei Wochen bin ich in der Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion (TKSI). In dieser Tagklinik wird Autisten ein sechswöchiges Therapieprogramm angeboten, bei dem 10-12 Personen teilstationär von Montag bis Freitag täglich von 9 bis 15 Uhr sowohl Gruppentherapie als auch Einzeltherapie erhalten. In zwei Gruppen durchlaufen die Patienten ein Therapieprogramm, das aus einer Gruppentherapie (MATE), einer berufsorientierten Therapie, Entspannungs- und Achtsamkeitsanleitungen, Sportangeboten und Aktivitäten, um Kommunikation und Interaktion zu fördern besteht. Die Tagklinik eröffnete am 10.04.17 und ich hatte das Glück, gleich beim ersten sechswöchigen Therapieturnus mit dabei sein zu dürfen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden – ich bin überaus froh, in der Tagklinik so schnell einen Platz bekommen zu haben. Und ich will keinesfalls undankbar erscheinen, wenn ich im Folgenden auch kritisch die vergangenen zwei Wochen reflektiere. Mir war durchaus klar, dass es ein zweischneidiges Glück ist, bei den ersten Patienten mit dabei zu sein. Denn wenn eine Einrichtung neu eröffnet, ist davon auszugehen, dass noch keine Fehler gemacht worden sind und noch nicht alles hat auffallen können, was nicht funktioniert.

Ich habe Ereignisse immer schon am besten verarbeitet und am meisten dabei gelernt, wenn ich sie aufgeschrieben hatte. Dabei kann ich meine Erfahrungen sortieren, reflektieren und mir darüber klar werden, was sie für mich bedeuten. Außerdem hatten mich sowohl meine Psychiaterin als auch die nette Frau vom Netzwerk Autismus gebeten, ihnen meine Erfahrungen in der Tagklinik rückzumelden und zu berichten, wie es mir bei meinem Aufenthalt ergangen ist, bzw. was für mich hilfreich war. Mittels dieser Reflexion kann ich beides gleichzeitig erledigen. Für die erbetene Beurteilung meiner subjektiven Einschätzung, welche Therapieangebote am hilfreichsten waren, werde ich noch eine Matrix erstellen.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten in der ersten anstrengenden Woche, die dank Osterfeiertagen kurz war, haben sich in der zweiten Woche der Stundenplan und der Programmablauf einigermaßen geklärt. Leider konnten auch in der zweiten Woche noch nicht alle geplanten Therapiemöglichkeiten angeboten werden. Scheinbar gibt es klinikintern noch Abstimmungsschwierigkeiten, was die Raumplanung betrifft und bestellte Dinge werden verzögert geliefert.

Sehr positiv empfand ich, dass in der sogenannten Morgenrunde die Patienten nach Wünschen und Verbesserungsvorschlägen gefragt werden. Auf nahezu alle Vorschläge ist insofern eingegangen worden, dass gewünschte Materialien bestellt  bzw. beantragt wurden. Leider werden die bestellten Dinge, wie beispielsweise Spiele, Couchtische oder auch schallschluckende Wandverkleidungen, voraussichtlich erst in sechs bis acht Wochen geliefert. Das freut mich für die Patienten des nächsten Turnus. Aber im Moment ist die Akustik in den Therapieräumen für lärmempfindliche Menschen wie mich leider noch schwierig.

Ebenfalls sehr positiv ist für mich der wertschätzende Umgang mit den Patienten. Es wird darauf geachtet, dass jeder in der Gruppe dort abgeholt wird, wo er steht und stets positive Feedback für jedweden Beitrag erhält. Außerdem finde ich sehr gut, dass versucht wird, den Redeanteil der Patienten gerecht zu verteilen und dass jeder bei einer Frage persönlich angesprochen wird. So kann es nicht passieren, dass redegewandtere Patienten diejenigen, die es nicht sind, daran hindern, sich zu äußern. Und es kann sich keiner in der Menge verstecken. Wobei die Menge mit derzeit fünf Patienten in der Gruppe recht übersichtlich ist.

Inhaltlich ging es in der Gruppentherapie (MATE) bisher um Psychoedukation zu den Themen Autismus und Depression. Die Daten und Fakten zum Thema selbst waren mir bereits bekannt und insofern für mich eher redundant. Aber es ist sinnvoll alle Patienten auf denselben Wissensstand zu bringen. Das Neue für mich waren Informationen zu den vermuteten Ursachen von Autismus bezüglich prä-, peri- und postnataler Einflüsse durch Infektionen. Es hat mir ungemein geholfen, dass mir jemand an praktischen Beispielen erklärt hat, was unter den Diagnosekriterien subsummiert werden kann. Ich habe jetzt endlich, dank der Erklärung der Therapeutin und den Beispielen der anderen Patienten, eine konkrete Vorstellung von den Auswirkungen meiner eigenen Autismus-Spektrum-Störung. Ich traue mir zu, besser einschätzen zu können, was zum Autismus gehört und was eine Persönlichkeitseigenschaft von mir ist oder eine Folge der Depression.

Ein subjektiver Kritikpunkt ist, dass es zwar einen Stundenplan gibt, in dem die offiziellen Anfangs- und Endzeiten der jeweiligen Therapien eingetragen sind, an die sich aber die Therapeuten nicht halten. Bisher hat noch keine Veranstaltung pünktlich begonnen. Bis auf die Morgenrunde, die stets vorzeitig beginnt und nie so lange dauert, wie im Stundenplan angegeben, haben alle Therapieangebote entweder zu spät begonnen oder sind ganz ausgefallen. In der ersten Woche leider, ohne dass den Patienten Bescheid gegeben wurde, so dass man im ungünstigsten Fall mehrere Stunden mit unsicherem, verwirrten Warten zubrachte, um danach zu erfahren, dass heute nichts mehr stattfindet, man ergo eigentlich hätte heimfahren können.

Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass die Anwesenheitszeiten von 9 bis 15 Uhr ausgeschrieben ist, darüber beklage ich mich sicher nicht. Man hätte die Wartezeit auch dazu nutzen können, sich mit den Mitpatienten auszutauschen – das gehört wohl auch mit zur Therapie. Nur bin ich natürlich nicht selbst auf diese Idee gekommen, das wurde uns in einer Morgenrunde in der zweiten Woche gesagt. Im Nachhinein schäme ich mich direkt, dass mir etwas so Offensichtliches nicht klar war.

Nochmal zurück zur (Un)pünktlichkeit: Vielleicht gehen die nichtautistischen Therapeuten gelassener mit Zeit um, eventuell gilt ja auch die akademische Viertelstunde, dies sind die derzeitigen Hypothesen einiger Patienten. In meiner nächsten Oberarzt-Sprechstunde werde ich danach fragen, ich habe es auf meine Fragenliste gesetzt. Eventuell soll ja auch meine Belastungsfähigkeit getestet werden. Oder mein Durchhaltevermögen. Oder es soll meine Flexibilität, als Autistin mit Planänderungen umgehen zu lernen, gefördert werden. Falls Letzteres, dann muss ich in dieser Hinsicht eingestehen, dass ich bisher weder anpassungsfähig, noch lernfähig bin, denn es hat mich jeden einzelnen Tag belastet und bei mir Stress erzeugt. Ich vermute, dass die Therapeuten wissen, wie schwer es mir fällt, mit Unpünktlichkeit und nicht eingehaltenen oder kurzfristig veränderten Planungen umzugehen. Fast alle Therapieangebote sind wirklich hilfreich für mich, aber ein Teil des hilfreichen Aspektes wird in meinem Fall leider zunichte gemacht, wenn durch Unpünktlichkeit Stress erzeugt wird, der (in meinen Augen) nicht sein müsste. Ich sehe es als echt harte Herausforderung für mich an, geduldiger mit Unpünktlichkeit umgehen zu lernen.

Irrtümlich bin ich davon ausgegangen, dass die Aufenthaltsraumnummerierung mit der Gruppenzugehörigkeit zu tun hat. Ich habe mich deshalb nur in „meinen“ Raum gesetzt und wäre auch weiterhin davon ausgegangen, dass ich im anderen Raum nichts zu suchen habe. Zum Glück wurde das auch in der Morgenrunde angesprochen. Die Patienten haben die freie Wahl und sollen sich sogar bunt durchmischen, um sich alle kennenzulernen. Gut, dass mir das gesagt wurde.

Nur die Umsetzung ist schwierig für mich. Es hat sich zumindest in „meinem“ Raum bereits eine Platzordnung eingebürgert, jeder in meiner Gruppe sitzt in den Wartezeiten zwischen Therapieangeboten stets auf demselben Platz – mittlerweile wäre ich vermutlich sogar sauer, wenn sich jemand auf den Platz setzen würde, den ich in Gedanken als „meinen“ Platz ansehe. Außerdem ist es in „meinem“ Raum angenehm still. Jeder sitzt mit Kopfhörer auf seinem üblichen Platz und beschäftigt sich den überwiegenden Teil der Wartezeit ruhig mit sich selbst. Durch die Wand dringt manchmal ein Geräuschpegel, der mich sowieso dazu veranlassen würde, aus dem anderen Raum zu fliehen. Wie obiger Formulierung unschwer zu entnehmen ist, habe ich mich bisher nicht dazu überwinden können, in den anderen Aufenthaltsraum zu gehen und mich dort niederzulassen, um neue Kontakte zu knüpfen. Ich lache über mich selbst, denn kaum vergehen gerade einmal zwei Wochen, habe ich also bereits funktionierende Routinen entwickelt, von denen ich nicht mehr abweiche.

Es gibt auch eine Küche mit Tisch, in der neben einer Spülmaschine, die wohl einige Patienten noch nicht entdeckt zu haben scheinen – anders kann ich mir die Tassen und Teller, die ich jeden Nachmittag dort einräume nicht erklären – auch eine wunderschöne, futuristisch anmutende Mikrowelle existiert. Das Besteck in der Besteckschublade habe ich übrigens auch bereits nach Form sortiert. Ich kann nicht anders, außerdem hat es mich beruhigt. Ich brauche Ordnung um mich herum.

Zwar kann man in der Klinikkantine sowohl Frühstücken als auch Mittagessen, das habe ich aber nur einmal ausprobiert und für mich beschlossen, dass ich es in Zukunft besser sein lasse. Es liegt nicht an der Qualität des Essens, die war das Eine mal wirklich gut, es gibt sogar vegetarische Gerichte, sondern an der Lautstärke und dem Hall in der Kantine. Leider bin ich zu lärmempfindlich. Ich könnte mir eigentlich etwas zu Essen, das ich aufwärmen muss, mitnehmen, das scheiterte bisher an der nicht beiliegenden Bedienungsanleitung für die Mikrowelle, die ich einfach nicht zum Laufen brachte. Dies sprach ich in der Morgenrunde an, woraufhin sofort zugesagt wurde, dass die Bedienungsanleitung in die Küche gelegt werden würde. Die Mikrowelle sieht wunderbar unbenutzt aus, somit hat sie scheinbar noch niemand ausprobiert. Netterweise hat mir inzwischen ein Mitpatient die Funktionsweise erklärt. Also könnte ich ab nächster Woche auch einmal etwas anderes als mein Müsli mitnehmen. So wie ich mich kenne, bleibe ich aber die ganzen sechs Wochen beim Müsli. Sicher einseitig, aber immerhin gewohnt und gesund. Ich von meiner Seite habe überhaupt kein Problem damit, wochenlang in dieser Küche dasselbe zu essen, während alle anderen in der Kantine verschwinden. Ich freue mich über die Ruhe und kann beim Essen die zahlreichen Eichhörnchen beobachten, die die Bäume vor dem Fenster hochklettern.

Andere technischen Dinge sind scheinbar im Vorfeld ebenfalls nicht im Einsatz gewesen. Was mich sehr verwundert hat, ist, dass wohl die Testsoftware bisher nicht eingesetzt  wurde. Auch die Hardware-Seite hat nicht sofort funktioniert. So konnte beispielsweise das System die erhobenen Daten eines Teils der Probanden nicht speichern, nachdem meine Gruppe einen zumindest mich sehr anstrengenden Reaktions-/Konzentrationstest am PC absolviert hatte. Der Fehler lag darin, dass nach Testende die Daten aller Teilnehmer nicht erfasst werden können, wenn alle in der Gruppe mit derselben Kennung den Test starten. Die Erklärung, dass davon ausgegangen wurde, dass die Daten wie bei den vorherigen Testungen unter der jeweiligen Patienten-E-Mail-Adresse gespeichert werden würden, war irritierend für mich. Denn der Zugang zu diesem Test wurde mir nicht per Link an meine E-Mail-Adresse übermittelt. Sondern jeder in der Gruppe setzte sich beliebig vor einen der vorhandenen Laptops und startete den Test mit derselben Kennung. Der Einzige, dessen Daten gespeichert wurden, war der, der am Schnellsten fertig wurde, danach hängte das System sich auf. Hinterher eigentlich logisch. Und genauso logisch, dass die Daten der Teilnehmer nicht unter deren E-Mail-Adresse gespeichert werden können. Denn woher soll der Laptop wissen, welcher Patient da gerade vor ihm sitzt?

Ich habe mich nicht nur bei diesem Test als Software-Testerin betätigt. Einige der bisherigen Tests haben sich von mir ein zweites Mal aufrufen lassen, was ungewöhnlich ist. Ich kenne es so, dass ich mit einer Kennung nur einmalig Zugang zu einem Test habe. Es sollte nicht möglich sein, dass ein Proband zigmal denselben Test macht, das produziert nur Datenmüll. Wahrscheinlich ist es normal, dass es einige Zeit dauert, bis eine Testreihe am Computer fehlerfrei läuft. Ich betrachte das jetzt einfach mal als Beta Version. Ich darf jedenfalls diesen Reaktions-/Konzentrationstest nächste Woche nochmals ganz von vorne machen. Wobei ich nun den Vorteil habe, dass ich weiß, wie lange die einzelnen Blöcke dauern und was mich erwartet. Das dürfte dann auch nicht mehr so anstrengend für mich werden.

Interessant für mich persönlich ist natürlich die Testkonstruktion. Ich frage mich bei jedem Test, welches Merkmal die Testkonstrukteure damit messen wollen. Bei den Fragebögen bewerte ich für mich, ob die Skala an die Fragestellung angepasst wurde, ob die Skala mit gerader oder ungerader Auswahlmöglichkeit sinnvoll ist hinsichtlich der Tendenz zur Mitte, wie wohl die Punktverteilung aussieht. Und ich denke darüber nach, ob in meinen Augen der Fragebogen optimal lang ist, das Item sinnvoll formuliert ist und weshalb eine Invertierung erfolgte. Ich denke zusätzlich über die möglichen Störfaktoren bei der Testung nach und frage mich, ob diese bei der Auswertung der Daten berücksichtigt werden. Sprich: Ich wende meine Kenntnisse aus meinem Studium an, was mich freut, weil ich das Gefühl habe, nicht umsonst studiert zu haben.

In der zweiten Woche fand dann auch ein Teil des Sportprogramms statt.  Jeder Patient sollte sich entscheiden, an welchem der beiden Angebote, sanftes Walking oder Yoga, er teilnehmen wollte. Zumindest einmal sollte man sich das Angebot ansehen. Auch sportunbegeisterte Patienten sollten mitmachen. Das finde ich sehr lobenswert, denn nach meiner Erfahrung hilft Sport bei vielen Problemen. Unter anderem wirkt sportliche Betätigung stressabbauend, gesundheitsfördernd und entspannend. Da ich in der Vorwoche auf den vor der Turnhalle hängenden Stundenplan geschaut hatte, wusste ich, dass sich die beiden Angebote zeitlich nicht überschnitten und meldete mich für beide an. Andere Patienten machten es mir nach. Sowohl das „sanfte“ Walken als auch Yoga fand mit anderen Klinikpatienten, also Nichtautisten statt.

Die Anwesenden beim Walken wurden gefragt, ob sie lieber schneller oder lieber langsamer gehen wollen würen. Lustigerweise teilten sich sämtliche Autisten, auch die, die vorher gemeint hatten, Sport sei nicht so das ihre, selbst in die schnelle Gruppe ein. Wir waren dann eine reine Autistengruppe. Die Walking-Anleitung war erfreulich kurz und erschöpfte sich in dem Hinweis, die Stöcke gegengleich den Füßen einzusetzen. Danach wurden wir noch bis zum Parkeingang begleitet und dann alleine losgeschickt, wobei ein Wandererfahrener zum Glück die Führung übernahm. Wer weiß, ob zumindest ich ansonsten in der unbekannten Umgebung zurückgefunden hätte. Der Anführer führte die Gruppe stockunfallfrei durch den angrenzenden Park und sogar den dortigen Berg hinauf – so man den Hügel so nennen darf. Nach immerhin einer dreiviertel Stunde gar nicht so sanften Walkens hatten alle Autisten gemeinsam wieder die Turnhalle erreicht, stellten ihre paarweise aneinandergekletteten Stöcke davor ab und gingen einzeln zurück in die Tagklinik.

Das anschließende Yoga war für mich eine Art Offenbarung. Ich hatte mir vor acht Wochen eine Oberarmverletzung zugezogen, die zu einer Schleimbeutelentzündung in der Schulter geführt hatte. Neben meinen sonstigen Schlafstörungen kam seither jede Nacht noch mehrfaches schmerzbedingtes Erwachen dazu. Ein konsultierter Arzt hatte mir eine Spritze in das Schultergelenk gegeben und mir empfohlen, mich ruhig zu halten und zu schonen, nach sechs Wochen könne ich wiederkommen, um operiert zu werden. Hatte ich allerdings garantiert nicht vor, angstbedingt wäre ich dort nicht mehr hingegangen. Seit dem Yogaangebot, bei dem ich bei vielen Übungen über meine Schmerzgrenze ging, um pflichbewusst wenigstens halbwegs ordentlich mitzumachen, haben sich meine Schmerzen signifikant verringert. Ich erhoffe mir jetzt in den nächsten vier Wochen durch meine Teilnahme am Yoga eine weitere Mobilisierung des Schultergelenkes und ein Verschwinden des diagnostizierten Impingementsyndroms. Damit wäre wieder ein Problem gelöst.

Nach zwei Wochen kann ich zusammenfassend sagen, dass mir mein Aufenthalt in der Tagklinik und die Therapie weiterhilft und mir etwas bringt. Und zwar wesentlich mehr als nur die Sicherheit, noch die nächsten vier Wochen einen Plan zu haben, was ich jeden Tag tue, statt depressiv daheim zu sitzen und mich zu fragen, wie ich eine neue Arbeitsstelle finde und wie es eigentlich weitergehen soll. Ich bin gespannt, was die nächsten vier Wochen mir noch an Lernerfahrungen bringen werden. Ich freue mich seit langer Zeit endlich einmal wieder, unter der Woche morgens aufzustehen und in die „Arbeit“ fahren zu dürfen. Der Tagklinikaufenthalt ist damit zu vergleichen, die Therapieangebote strengen mich teilweise richtig an. Aber es ist eine positive Anstrengung, die mich weiterbringt. Bei einer drohenden Überlastung kann ich jederzeit pausieren. Alle Therapeuten, die mir bisher begegnet sind, waren zugewandt und sehr nett. Und ich bin sehr dankbar für die individuelle Unterstützung, die ich in der Tagklinik erhalte.


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil4

Zum nächsten Erstgesprächstermin einige Wochen später ging ich in eher gedrückter Stimmung. Ich war gespannt, aus welchen Gründen es diesmal scheitern würde. Erstaunlicherweise vertrat dieser Therapeut (A) eine andere Haltung. Als ich ihn nach der Stunde fragte, ob er sich vorstellen könnte, mit mir zu arbeiten, meinte er, er sähe seinen Auftrag in der Versorgung der gesamten Bevölkerung und er würde es gerne versuchen, zwei Wochen später solle ich wieder zu ihm kommen. Wir hätten insgesamt fünf probatorische Sitzungen zur Verfügung, in denen wir uns kennenlernen und ich entscheiden könne, ob er der passende Therapeut für mich sei. In den Folgeterminen unterhielten wir uns überwiegend über meine aktuellen Themen, wie mein Outing in der Arbeit und über philosophische Fragestellungen zum Sinn des Lebens. Dieser Therapeut erklärte mir ruhig und sachlich überwiegend auf einer Metaebene Dinge, die ich ihn fragte.

Eine Wochen später hatte ich noch ein weiteres Erstgespräch bei einer Therapeutin (B). Auch sie gab mir Folgetermine. Abwechselnd hatte ich ab da jede Woche einen Termin bei einem der beiden Therapeuten. Und ab Mitte November dann noch wöchentliche Termine bei einem dritten Therapeuten (C), der zu Beginn jeder Stunde fragte, wie es mir gehe und wie die Stimmung sei. Beim erstenmal war ich überrumpelt und wusste keine Antwort. Ab dem zweitenmal wurde es zur Routine und ich begann mich ernsthaft mit meinen Emotionen zu beschäftigen. Dazu legte ich mir ein nützliches Instrument zu, um meine Gefühle besser bestimmen zu können – den GfK Navigator für Gefühle, Emotionen und Stimmungen. Dieser Therapeut ging systematisch vor, er ließ mich zu Beginn jede Menge Fragebögen ausfüllen, die er neben dem testpsychologischen Befund, dem Arztbrief der Diagnosestelle und den Entlassberichten meiner zwei Klinikaufenthalte auswertete. Er meinte auf meine Nachfrage, weshalb er das mache, er könne nicht einfach die Diagnosen von anderen abschreiben, er würde sich gern selbst ein umfassendes Bild machen, allerdings würde er jede von ihm gestellte Diagnose mit mir besprechen. Er hinterfragte gezielt meine Antworten, erläuterte mir vorher sein geplantes Vorgehen in der nächsten Stunde und tat stets das, was er sagte. Die Stunden bei ihm waren anstrengend, aber auf eine positive Art.

Ich beschloss, bei jedem der drei alle fünf Probesitzungen zu besuchen, um für meine Entscheidung eine Vergleichsgrundlage zu haben. Die Termine bei der Therapeutin verliefen unstrukturiert und für mich ohne erkennbaren Plan. In der vierten Sitzung passierten seltsame Dinge, die ich nicht sofort einordnen konnte. Nach meiner Beantwortung ihrer Frage, was ich am Wochenende vorhätte, sagte sie zu mir, das sei viel zu viel, ich müsse lernen, andere zu enttäuschen. Als erste Übung dazu solle ich ein meinem Stiefvater gegebenes Versprechen brechen. Auf meinen Einwand, ich hätte in meinem Leben bereits recht viele Leute enttäuscht, vor allem mich selbst und ich wolle nicht ausgerechnet meinen Stiefvater und damit meine Mutter enttäuschen, ob es nicht bitte jemand anderes sein könne, ging sie nicht ein. Sie wiederholte mantraartig ihre Forderung an mich. Ich war bei dem Gadanken daran, mein Versprechen zu brechen völlig überlastet und fing an zu weinen, sie hörte nicht auf, ihre Forderung zu wiederholen. Erst als ich ihr sagte, sie solle mich bitte in Ruhe lassen, wartete sie eine Weile, bis ich mich soweit beruhigt hatte. Dann fragte sie mich, ob ich den Konsiliarbericht dabei hätte. Ich war irritiert, sie hatte mir gegenüber ganz sicher dieses Wort nie erwähnt, weshalb sollte ich also so etwas dabeihaben? Sie legte mir zwei Formulare vor, die ich unterschreiben sollte, nachdem ich meine Daten eingetragen hätte. Ich wunderte mich, bemühte mich aber, trotz meiner Irritation meine Kontaktdaten in die richtigen Felder einzutragen. Ich verstand nicht, weshalb diese ganze Prozedere zu diesem Zeitpunkt unbedingt notwendig war, wir hatten doch noch einen Termin. Die Stunde war bereits überzogen und ich hatte noch nichts unterschrieben, da nahm sie mir die Formulare wieder aus der Hand und meinte, dass wir das in der nächsten Stunde auch erledigen könnten. Ich war dankbar, denn das war ja auch mein Gedanke, den ich allerdings nicht laut geäußert hatte. Zu Hause besprach ich mich mit meinem Mann und meiner Freundin, beide meinten nach meiner Schilderung, zu dieser Therapeutin solle ich nicht mehr gehen, ihr Verhalten sei suspekt, ich solle ihr nicht trauen.

Ich habe gelernt, dass es besser ist, mir die Meinung anderer zu solchen Vorkommnissen anzuhören. Aber ich bilde mir letzten Endes doch immer selbst eine Meinung. Ungeklärte und offene Dinge mag ich nicht. Ich denke auch, dass es besser ist, bei Unklarheiten direkt nachzufragen und offen darüber zu sprechen. Außerdem empfinde ich es nicht als fair, ausgemachte Termine ohne Erklärung nicht wahrzunehmen, also ging ich trotzdem zum letzten Termin. Diesmal mit einer Liste, auf der ich meine offenen Fragen wegen ihrer mich irritierenden Vorgehensweise aufschrieb und ihr gab, um dann Punkt für Punkt darüber zu sprechen. Dieser Termin war strukturiert, sie beantwortete alle meine Fragen. Sie meinte, sie habe nicht so ein gutes Gedächtnis wie ich und hätte vergessen, dass sie mir den Konsiliarbericht nicht zum Ausfüllen mitgegeben habe. Sie sei nicht auf mein Weinen eingegangen, weil sie nicht den Eindruck gehabt hätte, dass es mir wirklich schlecht ging. Außerdem gehöre das Eingehen auf solche Reaktionen zur eigentlichen Therapie und wir seien ja erst in den Probesitzungen. Wir vereinbarten, dass ich mich erst nach Weihnachten entscheiden könnte, ob ich eine Therapie bei ihr machen wolle.

Ich fragte die nette Frau im Netzwerk Autismus beim unserem nächsten Termin, woran ich erkennen könne, welcher Therapeut der Richtige für mich sei. In der Literatur hätte ich davon gelesen, meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Leider aber fühlte ich nichts im Bauch außer meinen mittlerweile allgegenwärtigen Magen-Darmproblemen. Sie gab zu bedenken, dass ich mich allein durch die Menge an Terminen und den parallelen Kontakt zu drei Therapeuten überlasten würde. Ich gab ihr im Prinzip recht, wandte jedoch ein, dass ich mich beeilen müsse, um vor einem potentiellen nächsten Zusammenbruch einen Therapieplatz zu finden. Ich fragte meinen Mann, wie ich das Problem lösen könnte. Er meinte, ich solle mir eine Matrix erstellen und das tun, was ich am besten könne: Systematisch vorgehen.

Danach überlegte ich mir einen Kriterienkatalog von für mich relevanten Bedingungen und gab jedem Kriterium eine eigene Gewichtung zwischen dem Wert 1 und 5. Dann bewertete ich auf einer dreistufigen Skala von 1 (schlecht), 2 (durchschnittlich) bis 3 (gut) die jeweilige Bedingung bei allen drei Therapeuten. Anschließend multiplizierte ich jeden Wert mit der Gewichtung, summierte das Ganze und erhielt so einen Gesamtwert. Zur besseren Übersicht stellte ich alles auch noch grafisch dar. Das sah dann letzten Endes so aus und ergab eine übersichtliche Grundlage für meine Entscheidung:

therapeutenpassung

Jetzt kann ich nur hoffen, dass mein Weg, mich für einen der drei Therapeuten zu entscheiden, dazu geführt hat, aus meinen Wahlmöglichkeiten tatsächlich den am besten passenden Therapeuten herauszufinden. Ob die Therapie dann auch erfolgreicher ist, als meine bisherigen Therapieversuche, wird die Zukunft zeigen.

Ich frage mich, wie es möglich ist, dass man einen Therapeuten langfristig behalten kann. In manchen Büchern hatte ich gelesen, dass Betroffene den Therapeuten ihres Vertrauens über Jahre hinweg hatten und das als hilfreiche Unterstützung sahen. Meines Wissens zahlt die Krankenkasse aber nur eine begrenzte Anzahl an Terminen. Und man darf nur alle zwei Jahre eine Therapie machen. Wahrscheinlich funktioniert das also nur, wenn man privat zahlt.

Falls jemand eine bessere Idee hat, wie man als Autist feststellen kann, ob man einen passenden Therapeuten gefunden hat, wäre ich dankbar, wenn er sie mir bitte verraten würde.


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil3

Über eine Bekannte hatte ich den Tipp bekommen, bei ihrem eigenen tiefenpsychologisch orientierten Therapeuten anzurufen. Als pragmatischer Mensch hatte ich ein paar Tage später dann ein Erstgespräch bei diesem. Er verabschiedete mich nach genau 19 Minuten mit den Worten: „Ich meine, dass Sie sehr zeitnah wöchentliche Therapiegespräche brauchen, die kann ich Ihnen leider nicht anbieten, wenden Sie sich doch zur Überbrückung an das BKH. Die Frau, die gerade eben vorher bei mir war, der kann ich sporadisch Termine anbieten, bis sie einen festen Platz bei mir erhält, bei Ihnen halte ich das nicht für sinnvoll, es tut mir leid“. Als weitere Rückmeldung erhielt ich den Hinweis, dass es für den Erhalt eines Therapieplatzes besser wäre, wenn ich einem Therapeuten erst im Lauf einer Therapie vorsichtig von meinen Diagnosen erzählen würde, weil eine sofortige Mitteilung abschrecken würde. Ah ja. Und ich dachte, eine Therapie basiere auf größtmöglicher Offenheit. Ich dachte, die umfassendste Antwort auf die Frage, weshalb ich einen Therapieplatz suche, wäre, dem Therapeuten den Arztbrief auszuhändigen. Irgend etwas hatte ich da wohl wieder falsch verstanden, wie scheinbar so viele andere Dinge auch.

Meine deprimierte Folgerung war: Es scheiterte offenbar an mir und meiner Person. Nicht nur mit sehr vielen nicht psychologisch geschulten Nichtfachleuten, sogar mit Therapeuten aller Fachrichtungen kommt es bei mir zu Verständigungsproblemen und zu Ablehnung. Ich hatte keine Ahnung, was so falsch an mir war, ich war nur leider nach nunmehr 58 Therapeutenkontakten, die meisten davon telefonisch, und inzwischen 37 Absagen, etliche davon explizit wegen der Autismus-Diagnose, ratlos, was ich noch machen sollte. Die Therapieplatzsuche entwickelte sich zu einer immensen Belastung. Ich hatte keine Kraft mehr, das gesamte Prozedere nochmals zu erledigen und neue Therapeuten zu kontaktieren. Aber ich hatte noch drei weitere offene Termine, also auch noch drei potentielle Chancen, einen Therapeuten zu finden.