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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Tagklinik – endlich mehr Energie

In den mittlerweile zwei Wochen mit einem auf meine Bedürfnisse adaptierten Stundenplan in der Tagklinik habe ich dank der Sonderregelungen jetzt mehr Regenerationszeit. Weil die für mich chaotischen Situationen aus dem Stundenplan gestrichen wurden, hat sich mein Angst- und damit mein Stressbelastungslevel verringert. Und siehe da: Ich habe mehr Energie.

Und zwar endlich auch ausreichend Energie für mehr soziale Interaktionen mit Mitpatienten. Ich unterhielt mich zum erstenmal intensiver mit zwei Mitgruppenmitgliedern und hatte in der Ergotherapie sogar das für mich seltene Erlebnis, mich einmal als echter Teil einer Gruppe fühlen können zu dürfen. Die beiden Mitpatienten suchen seither von sich aus den Kontakt zu mir und wir führten sogar interessante Gespräche zu dritt. In dieser Kleingruppe werde ich tatsächlich so akzeptiert, wie ich bin und fühle mich wohl. Durch das bessere Eingebundensein und den engeren Kontakt zu diesen zwei Mitpatienten sehe ich aber auch, wie einsam ich eigentlich bin. Diese Einsamkeit ist im Unterschied zum regelmäßigen Alleinsein, das ich brauche und aktiv herbeiführe, um mich zu regenerieren, nicht selbst gewählt.

Ich hatte in Studien davon gelesen, dass fehlende Sozialkontakte depressionsfördernd sind. Dank der Morgenrunde, bei der jeder Patient erzählt, was er am Vortag nach der Tagklinik noch alles gemacht hat, wird mir jeden Tag aufs Neue vor Augen geführt, wie wenig Kontakte ich eigentlich habe. Wenn die Mitgruppenmitglieder berichten, dass sie sich nach der Tagklinik noch mit Freunden treffen, auf Feiern gehen, mit anderen Sport treiben, Veranstaltungen besuchen, bin ich erstaunt, wie viel Energie sie offenbar noch haben und wie viele Sozialkontakte. Im Unterschied dazu ist mein soziales Umfeld bis auf meine Familienmitglieder nahezu leer. Seitdem die Kinder erwachsen sind, haben sich die Familientreffen stark reduziert. Und seit ich nicht mehr in die Arbeit gehe, fallen auch die Kontakte zu den Arbeitskollegen weg. Ich habe leider oft nicht die Energie, ins Fitnessstudio zu fahren oder gar auf Veranstaltungen zu gehen. Seit ich im Studium pausiere, habe ich auch keine regelmäßigen Online-Kontakte zu Kommilitonen. Für mich ist es außerdem sehr schwierig, überhaupt neue Kontakte zu knüpfen, ganz zu schweigen davon, dass ich sie nach erfolgreichem Knüpfen pflegen könnte. Allerdings hat mein nahezu leeres soziales Umfeld neben einer depressionsfördernden Wirkung auch etwas Positives: In Ermangelung an Sozialkontakten stolpere ich normalerweise nicht so häufig über meine sozialen Defizite.

Durch meinen Tagklinikaufenthalt habe ich derzeit nun so viele Sozialkontakte, wie schon seit langem nicht mehr. Dadurch werde ich zwar nahezu täglich mit meinen sozialen Schwieirigkeiten konfrontiert, aber ich versuche, das als hochfrequentes Sozialkompetenztraining zu betrachten. Dass ich im Tagkliniksetting häufiger in Konfliktsituationen komme oder es öfter Missverständnissen gibt, ist logisch. Wenn nicht verstanden wird, dass ich Sonderregelungen benötige, um mich vor Reizüberlastung zu schützen und ich viel lieber auf diese Sonderregelungen verzichten können würde, spare ich es mir, um Verständnis zu kämpfen und ich spare es mir auch, mich über Unverständnis zu ärgern. Ich nehme es zur Kenntnis und akzeptiere, dass manche Leute scheinbar den Unterschied zwischen ihren und meinen Bedürfnissen nicht verstehen oder auch nicht tolerieren können, dass ich überhaupt Sonderregelungen brauche. Ich bemühe mich, bei Konflikten und Missverständnissen nicht frustriert aufzugeben oder mich wegen der wiederholten Erfahrung des Scheiterns im Kontakt mit anderen zurückzuziehen, um diese Erfahrungen zu vermeiden. Ich nehme das wiederholte Scheitern hin, versuche herauszufinden, woran genau es in jedem einzelnen Fall lag, dass es zu Schwierigkeiten kam und versuche, nicht darunter zu leiden, dass es diese Schwierigkeiten gab und auch in Zukunft geben wird. Das ist nicht immer einfach und gelingt mir auch nicht durchgängig, aber je mehr Energie ich habe, desto besser komme ich klar.

Im positiv gefärbten Psychojargon heißt diese Haltung „Radikale Akzeptanz“. Ich kann es nicht ändern, dass ich Autistin bin und mir deshalb in sozialen Interaktionen schwertue. Ich kann es nicht ändern, dass mich zu viele Reize überlasten. Ich kann es nicht ändern, dass ich wenig Energie habe, die ich sorgfältig einteilen muss, um über den Tag oder gar die Woche zu kommen. Das ist nicht toll für meine Umwelt, es ist bedauerlich für mich, aber es ist einfach so. Es wird auch so bleiben. Was ich ändern kann, ist: Die Menge der Reize, denen ich ausgesetzt bin zu verringern, indem ich beispielsweise auch in Innenräumen eine Sonnenbrille trage oder meine Kopfhörer aufsetze. Ich kann Energie sparen, indem ich die zu vielen Belastungen nicht versuche auszuhalten und auf diese Weise im Grunde gegen mich selbst kämpfe. Lieber verwende ich meine Energie darauf, dafür zu kämpfen, die Belastungen zu reduzieren und dafür, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass sie zu meinen Bedürfnissen passen. Radikale Akzeptanz heißt nämlich keineswegs, dass man aufgibt und die Dinge kampflos akzeptiert. Es sollten nur die richtigen Dinge sein, gegen die man ankämpft.

Denn der Tagklinikaufenthalt kann mir nämlich tatsächlich bei meinem Kampf gegen die Depression helfen – wenn ich meine Grenzen, die mir mein Autismus vorgibt, akzeptiere. Und dafür Sorge trage, dass mir genügend Energie übrig bleibt, um zu lernen, was ich alles gegen die Depression unternehmen kann.

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Tagklinik – vielleicht doch (k)ein Weg aus der Depression bei Autismus?

Die Tagklinik hilft mir im Moment zwar in einigen Belangen, das Dilemma ist aber, dass mir der Aufenthalt auch schadet. Nach nunmehr fünf Wochen geht es mir zunehmend schlecht, jeweils gegen Ende der Woche häufen sich Vorfälle, die gelinde gesagt unschön sind und bei denen sich meiner Ansicht nach zeigt, dass ich massiv überlastet bin. Vor der Autismus-Diagnose hatte ich hier einmal darüber nachsinniert, ob Büroarbeit mich tatsächlich krankmacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es wohl so sein müsse. Ich denke heute, dass ich mich geirrt habe. Das Problem tritt nicht nur in Büros oder in der Arbeit auf. Den Grund dafür sehe ich in der Menge der Sozialkontakte innerhalb einer bestimmten Zeit. Vielleicht liege ich falsch, aber im Moment ist es die für mich stimmigste Erklärung für das, was immer wieder passiert.

Genau wie 2015 erlebe ich jetzt, dass es mir innerhalb von nur fünf Wochen so schlecht geht, dass ich einfach nicht mehr kann. Und es zeigt sich ein Muster, das ich bisher nur den Rahmenbedingungen in meiner jeweiligen Arbeitsstelle zugeschrieben hatte. Therapie ist Arbeit an sich selbst, findet allerdings in einem geschützten Raum statt, in dem Fachleute tätig sind und Fehler nicht so gravierende Folgen haben, wie in der normalen Arbeitswelt. Nur ging ich davon aus, dass in einer Tagklinik nicht dasselbe passieren kann, wie draußen ohne professionelle „Aufsicht“, was sich wohl als Fehlschluss meinerseits erwiesen hat. Denn ich funktioniere zunehmend nicht mehr.

Von Woche zu Woche verspürte ich einen immer stärker werdenden Widerwillen, morgens in die Tagklinik zu fahren. Das war zwar auch tagesabhängig, weil ich manche Programmpunkte schlichtweg weniger mag als andere, es zeigte sich aber, dass sich dieser Widerwille im Lauf der Woche steigerte. Dagegen steht meine Eigenart, egal wie es mir geht, alle ausgemachten Termine wahrzunehmen, weshalb ich jeden Tag trotz des Widerwillens in die Klinik fahre, weil ich mehrmals wöchentlich neben dem Tagesprogramm auch Einzelgesprächs-, Krankengymnastik- und Massagetermine habe. Obwohl Donnerstag und Freitag meine Lieblingstage in der Klinik sind, war es so, dass sich ausgerechnet an diesen Tagen die unschönen Zwischenfälle häuften. Und zwar von Woche zu Woche ebenfalls in steigender Anzahl. Das reichte von kommunikativen Missverständnissen über meine zunehmende Gereiztheit inklusive Konflikten und zunehmender Erschöpfung bis hin zum Verschlafen von Terminen. Bearbeitet wurden Zwischenfälle in der Regel durch Gespräche mit dem Personal, in denen ich allerdings wohl nicht verständlich machen konnte, was ablief. Denn Anfang letzter Woche erhielt ich zufällig von einer Klinikmitarbeiterin die Rückmeldung, dass das Team der Ansicht sei, mir ginge es besser, weil ich mich mehr integrieren würde, offener sei und Kontakt zu Mitpatienten aufgenommen hätte, mehr in der Klinik angekommen sei.

Ich war im ersten Moment konsterniert und erheblich irritiert, weil mein eigenes Empfinden ein so ganz anderes war. Nach einigem Nachdenken hatte ich dann einen Aha-Moment. So nenne ich die Momente, in denen mir plötzlich Zusammenhänge klarwerden und ich etwas begreife, das ich mir vorher nicht hatte erklären können. Mir wurde klar, warum meine Selbstwahrnehmung sich so diametral von der Fremdwahrnehmung unterschied. Ich tat auch in der Tagklinik genau das, was ich bereits mein Leben lang tue und darin Perfektion entwickelt hatte: Ich erfüllte die Erwartungen, ich passte mich an. Und zwar wie gewohnt bereits wieder weit über meine Grenzen hinaus. Ich funktionierte – und da wo ich es nicht tat, flog ich unter dem Radar.

Nach Außen war ich die engagierte, motivierte Patientin, die scheinbar mit hoher Geschwindigkeit lernte, ihr Verhalten änderte, passgenau zur Zielsetzung einer kognitiven Umstrukturierung. Ab und an hatte diese Patientin zwar Einbrüche, die aber vor dem Hintergrund einer Depressionserkrankung durch die dabei typische emotionale Instabilität erklärbar zu sein schienen. Und ein Muster in den Einbrüchen erkennen offenbar Nichtautisten nicht, obwohl alles digital dokumentiert wird. Somit für jeden, der die Aufzeichnungen ansieht, also das Muster erkennbar sein müsste?

Ich hatte meinen Bezugspersonen mehrfach erklärt, weshalb ich motiviert mitarbeite und mich engagiere – wenn ich schonmal da bin, kann ich auch mitmachen, alles andere macht für mich keinen Sinn. Wenn ich etwas mache, dann möglichst perfekt und vollständig oder eben überhaupt nicht. Ich lerne tatsächlich schnell, ich passte mein Verhalten selbstverständlich den jeweils erhaltenen Informationen an – anfangs gab es deshalb wegen der Salamitaktik des Klinikpersonals in Sachen Patienteninformation noch mehr Schwierigkeiten, aber als ich alle Informationen hatte, alle Regeln kannte und wusste, was in welchen Stunden von mir erwartet wurde, konnte ich auch genau das Verhalten zeigen, das erwartet wurde und nahezu alle Regeln einhalten. Die Einschränkung betrifft stets Regeln, die mir nicht sinnvoll oder kontraproduktiv erscheinen und mir deshalb nicht einsichtig sind.

Allerdings nahm ich zunehmend nicht mehr an Klinikprogrammpunkten teil, bei denen ich die Erfahrung gemacht hatte, dass sie mir schadeten. Ich hatte die Lücken im System erkannt und nutzte sie, ich sagte zu Krankengymnastik- Massage- und Einzelgesprächsterminen, die mir in diesen schädlichen Zeiten angeboten wurden sofort ja. Ansonsten legte ich sie in die therapiefreien Zeiten. Nachdem ich mich bemüht hatte, ab der zweiten Woche mich in einzelnen Pausen dazuzusetzen und sogar mit Mitpatienten zu sprechen, stellte ich diese Bemühungen die letzten zwei Wochen nahezu komplett ein und verschwand in jeder noch so kurzen Pause aus dem Gebäude oder in den Ruheraum. Ich kam wie immer gar nicht auf den Gedanken, jemandem Bescheid zu sagen oder um Hilfe zu bitten, sondern zog mich zunehmend zurück. Ich bekam Angst, wenn mich jemand ansprach und dann, dass mich jemand ansprechen könnte. Es hätte auffallen können, dass ich bei meinen Kontakten zu Mitpatienten meistens nur noch zunehmend schreckhaft reagierte. Nur noch sehr selten aktiv auf Gruppenmitglieder zuging. Die Mitpatienten mit denen ich von mir aus Kontakt aufnahm hatten Gemeinsamkeiten: Es waren bis auf einen Patienten solche, die entlassen wurden, ich sprach mit ihnen nur jeweils einmal. Ich entwickelte eine Alternativstrategie nach einmaligem Küchendienst in der zweiten Woche, nachdem ich in der ersten Woche aus Informationsmangel beim Küchendienst fehlte, indem ich morgens alleine aufdeckte und mittags aus Erschöpfung verschlief. In der dritten Woche hatte ich morgens einen Termin und schaffte es seitdem keinmal mehr mitzuhelfen. Weder beim Küchendienst, noch beim gemeinsamen Kochen. In der Klinik wird einmal wöchentlich in der Gruppe gekocht, wobei die Entscheidung, welche Gerichte mit welchen Zutaten gekocht werden, demokratisch fällt. Da ich neben einer Laktoseintoleranz noch diverse Lebensmittelallergien habe, ist die Auswahl an Lebensmitteln, die ich esse, begrenzt. Dazu kommen meine Routinen – ich esse eine ganze Zeitlang immer dieselben speziellen Lebensmittel. Voraussehbar bin ich bei demokratischen Entscheidungen immer in der Minderheit. Also kann ich gar nicht mitessen. Dazu kommt, dass ich die letzten zwei Wochen keinen Hunger mehr hatte, was ich auf Nachfrage auch mitteilte. Beim Mittagessen war ich ebenfalls seit mehr als einer Woche nicht mehr. Weil ich von der Küche Sonderkost erhalte, blieb also mein Extrateller seither unberührt in der Küche stehen. Die Medikamenteneinnahme wird dokumentiert und ich teile stets mit, wann ich was einnehme. In den letzten zwei Wochen stieg mein Schmerztablettenverbrauch kontinuierlich an. Alles in Allem sind das sowohl erkennbare Muster als auch deutliche Anzeichen, dass es mir schlecht geht.

Dem Personal war wohl genau das passiert, was mir immer wieder begegnet: Ich hatte anfangs gesagt, dass ich Autistin bin, anfänglich höfliches Interesse geerntet und dann ging man wohl größtenteils zur Tagesordnung über. Meine Bezugspflegerin klärte ich über meine autistischen Verhaltensweisen kontinuierlich auf und ging davon aus, da sich das Team spätestens jede Woche austauscht und alles dokumentiert wird, dass alle Teammitglieder demnach auf demselben Informationsstand sein müssten. Dass dem nicht so war, erkannte ich erst spät, nämlich nach der Rückmeldung, die mir die Fehlschlüsse des Teams bewusstmachte. Ich vermute, es liegt daran, dass das Klinikpersonal es gewohnt ist, nichtautistische Patienten zu haben, deren Reaktionen und Verhalten die Erfahrungsbasis darstellen, auf der alle Vorkommnisse interpretiert werden. Was in meinem Fall aber leider zu einigen Fehlinterpretationen führte, weil ich eine autistische Patientin bin, anders reagiere und mein Verhalten andere Gründe hat.

Nachdem mir das klargeworden war, begann ich sofort damit, dem für mich zuständigen Klinikpersonal zu sagen, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich versuchte, so weit es mir möglich war, mit größtmöglicher Offenheit verständlich zu machen, was los ist. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Meine Bezugspflegerin und die Ärztin sprachen an, dass eine Adaption des Wochenplanes möglich sei. Gestern bekam ich den Nachmittag klinikfrei. Auf Drängen meinerseits, weil ein Gespräch mit meiner Therapeutin wegen einer möglichen Adaption des Klinikstundenplanes für mich auf übernächste Woche verschoben werden hätte sollen, findet dieses Gespräch zum Glück jetzt doch schon Anfang nächster Woche statt.

Ich kann mich nämlich nicht einfach mal eben noch eine weitere Woche zusammenreißen. Ich bin massiv überlastet. Ich verbringe meine klinikfreie Zeit nur noch damit, mich soweit zu erholen, dass ich wieder am Klinikprogramm teilnehmen kann. Und das heißt, dass ich die Hausarbeit nicht mehr schaffe, nicht mehr für das Wochenende einkaufen fahre, nicht mehr am Rehasport teilnehme, meine Spezialinteressen nicht verfolge, an immer mehr Tagen nach der Klinik nur noch dösend oder schlafend auf der Couch oder im Bett liege.

Es hat seinen Grund, weshalb ich nach einer Teilzeitarbeitsstelle mit maximal 20 Wochenstunden und einer Viertagewoche suche. In der Tagklinik arbeite ich seit fünf Wochen und zwei Tagen weit mehr als diese 20 Wochenstunden an mir, fünf Tage die Woche nahezu ununterbrochen in sozialen Interaktionen, mehrheitlich sogar in Gruppensituationen, die Reizbelastung ist in manchen Situationen exorbitant hoch. Bisher zeigten sich meine Ausfallerscheinungen überwiegend in den unstrukturierten Interaktionen, wie Gruppensituationen, in denen alle durcheinandersmalltalken. Die meisten Interaktionen in der Tagklinik laufen zum Glück stark strukturiert ab, in diesen funktioniere ich (größtenteils) noch. Ich befürchte nur, dass das nicht mehr lange gut geht. Ich gehe jeden einzelnen Tagkliniktag nämlich wirklich weit über meine Grenzen.

Letzte Woche gipfelte das weit über meine Grenzen gehen dann am Donnerstag in einem veritablen Kontrollverlust. Damit man sich darunter etwas vorstellen kann: Ich erinnere mich nicht ganz genau, aber ich habe mich wohl neben dem obligatorischen Weinen auch verbal lautstärker geäußert, wobei das nicht nur Worte waren und meinen Kopf mehrfach gegen die Wand bzw. den Tisch geschlagen. Was war der Auslöser?

Ich weiß noch, dass ich völlig verängstigt in der Ergotherapie saß, weil mir seit der Krankengymnastik am Morgen aus keinem mir bekannten Grund ständig Tränen aus den Augen flossen. Ich versuchte das natürlich zu verbergen. Warum natürlich? Ganz einfach: Ich habe sehr gut gelernt, bei Nichtfunktionalität nicht aufzufallen, um den in der Regel unangenehmen Konsequenzen zu entgehen. Das Verbergen scheint mir soweit auch gelungen zu sein, nur kam dann auch noch Zittern dazu. Als ich versuchte, meine Lesebrille in das Etui zurückzustecken, klapperte es so heftig, dass ich Angst hatte, es könnte jemand hören. Ich versuchte mich zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, dass sich das Zittern auf den gesamten Körper ausbreitete. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt leider nicht mehr fähig, den Raum zu verlassen, geschweige denn das unauffällig zu tun. Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen, saß wie eingefroren auf dem Stuhl und hatte fürchterliche Angst. Ironischerweise davor, dass mich jemand vom Klinikpersonal bemerkte, denn mir ist ständig präsent, dass sich die geschlossene Station des BKH räumlich sehr nah bei der Tagklinik befindet und der Gedanke, mich in einem solchen funktionsunfähigen Zustand einzuweisen, in meinen Augen schon deshalb auf der Hand liegen muss.

Allerdings war das nicht der Fall, es bemerkte wie von mir beabsichtigt niemand. Als es ans Aufräumen ging, saß ich immer noch da und konnte mich einfach nicht bewegen. Alle verließen den Raum – dachte ich – evtl. wäre das meine Rettung gewesen, weil ich mich dann soweit wieder in den Griff hätte bekommen können, dass ich eine Chance auf einen geordneten Rückzug gehabt hätte. Aber dann sprach mich plötzlich ein sehr netter Mitpatient an und fragte, ob er mir helfen könne. Ich mag ihn, ich presste mit aller Kraft ein „Ich weiß es nicht“ heraus. Er redete auf mich ein, irgendetwas mit Hilfe annehmen, was genau, weiß ich nicht mehr. Es war sicher gut gemeint, nur in der Situation nicht gut gemacht. Rechtzeitig um Hilfe bitten fällt mir meistens nicht ein. Sinnvolle Kommunikation war mir schon längst nicht mehr möglich. Das auf mich Einreden war nur ein Reiz mehr, der mich in meiner Konzentration darauf, die Kontrolle zu behalten behinderte. Plötzlich wurde es unerträglich laut und da war es dann endgültig vorbei mit jeglicher Kontrolle. Ich wollte nur noch, dass der Lärm und das unsägliche Chaos im Kopf aufhören.

Meine Bezugspflegerin sagte mir später, dass wegen der Vorbereitung der Verabschiedung eines Gruppenmitglieds ein Wagen holpernd mit klirrendem und klapperndem Geschirr in den Raum geschoben worden war. Wegen meines Kontrollverlustes sei sie geholt worden und habe dann dafür gesorgt, dass ich alleine im Raum war. Sie habe das Licht ausgeschaltet, ca. fünf Minuten vor dem Raum abgewartet und aufgepasst, dass keiner hineinging.

Es endete damit, dass ich es nach den fünf Minuten schaffte, mich soweit zu beruhigen, dass ich dem Vorschlag meiner Bezugspflegerin, mich in den Ruheraum zu begeben, folgen konnte. Dort verkroch ich mich mit dem Kopf auf den Knien in eine Ecke, während sie ein Bett frisch bezog. Das war wirklich fürsorglich und es tut mir leid, dass ich es nicht nutzen konnte. Aber als sie gegangen war, zog ich nur den herabhängenden Vorhang über mich und schottete mich nach einiger Zeit noch mit Musik von der Umwelt ab, zu mehr war ich nicht fähig.

Ich fühlte mich zutiefst erschöpft, andere Gefühle kamen erst nach und nach wieder. Das Positive an dem Kontrollverlust war, dass ich nicht mehr weinte und das Zittern auch aufgehört hatte. Es herrschte betäubte, aber angenehme Ruhe im Kopf. Negativ waren die Sorgen, die ich mir nach ca. eineinhalb Stunden machte, als ich endlich wieder fähig war, aus meiner Ecke zu krabbeln und mit der Außenwelt zu kommunizieren. Meine Bezugspflegerin sprach mit mir über das, was passiert war. Ich hatte Angst, dass mir gesagt werden würde, ein solcher Kontrollverlust sei in der Tagklinik nicht tragbar. Erstaunlicherweise passierte das aber nicht, die zuständige Ärztin sagte mir später, dass „schlechte“ Tage in der Tagklinik erlaubt seien.

Das ist einesteils beruhigend, andernteils nicht, denn ich vermute, dass mehr „schlechte“ Tage folgen werden, wenn sich nichts an meiner Überlastung ändert. Ich vermute, dass der Auslöser dieses „schlechten“ Tages der eine Lärmreiz zuviel nach einer Reihe anderer mich kumulativ überlastender Reize und Vorkommnisse war. Die Grenze meiner Belastbarkeit überschreite ich täglich. Allerdings wachse ich nicht daran. Es ist kontraproduktiv und trägt nicht dazu bei, gesundheitlich stabiler zu werden, ganz im Gegenteil. Eine mehrtägige Klinikpause ist vermutlich keine Lösung, weil ich danach zwar wieder ein paar Tage lang durchhalte, die Abstände zwischen den „schlechten“ Tagen aber erfahrungsgemäß immer kürzer werden. Aus Gründen des Selbstschutzes müsste ich den Klinikaufenthalt abbrechen, wenn es keine andere Lösung gibt.

Eine mögliche Lösung könnte tatsächlich sein, das Klinikprogramm auf meine Bedürfnisse anzupassen, indem ich nicht am gesamten Wochenprogramm teilnehme. Ich soll mir Gedanken machen, welche Programmpunkte mir zu viel Energie rauben. Das habe ich getan. Leider sieht das Ergebnis ziemlich unsozial aus – alle mehr oder weniger unstrukturierten Gruppenaktivitäten mit zu vielen Leuten, die durcheinanderreden und sich unübersichtlich um mich herum bewegen fallen unter die Energieräuber. Also insbesondere das gemeinsame Kochen und Essen, der Küchendienst, das Zusammensitzen in den Pausen und die Verabschiedungen. Das Mittagessen im Speisesaal und der Küchendienst sind schon allein wegen der Lärmbelastung extrem energieraubend.

Die Programmpunkte, die mir meiner Ansicht nach am meisten helfen und mir auch Energie geben, sind die (Einzel)gespräche mit dem Klinikpersonal, die Psychoedukation und das soziale Kompetenztraining. Daneben blieben noch die Ergotherapie, die meistens eine ausgeglichene Energiebilanz hat, weil die Gruppe sich auf zwei Räume verteilt und die meisten aus lauter Konzentration auf ihre Tätigkeit erfreulich wenig plauschen. Außerdem das Entspannungstraining, sofern es statische Entspannungsübungen im Sitzen sind, oder welche im Gehen draußen, bei denen man sich von der Gruppe entfernen kann und bestimmte Außenaktivitäten. Allerdings nur, wenn sie in relativer Ruhe und in der Natur stattfinden, ein Besuch im Einkaufszentrum gehört definitiv nicht dazu. Der obligatorische Abschluss der Außenaktivität in irgendeinem Café ebenfalls nicht. Krankengymnastik und Massage helfen zwar gegen die körperlichen Erkrankungen, kosten jedoch Energie, schon weil sie mit Berührungen verbunden sind. Und das Sportangebot kann ebenfalls helfen und Energie bringen, sofern es sportliche Aktivitäten sind, die ich maximal in Zweiergruppen ausüben kann. Wobei beispielsweise Badmintonspielen wegen meiner Schulterprobleme kontraproduktiv, weil schmerzhaft ist. Da bleibt vom Wochenprogramm reichlich wenig übrig. Das was Nichtautisten hilft, weniger depressiv zu sein – unter Leute gehen und sozial miteinander zu interagieren, bedeutet für mich höchsten Stress, ist teilweise extrem energieraubend, nicht hilfreich und macht mich im Ergebnis depressiver.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Welt nicht für Autisten gemacht ist. Teilhabe am Gesundheitssystem in Form eines für mich hilfreichen Tagklinikaufenthaltes ist nicht ohne Anpassung auf meine autistischen Bedürfnisse möglich. Und das geht nur, wenn Verständnis dafür und das Wissen um die Notwendigkeit vorhanden sind. Es erfordert von mir größtmögliche Offenheit, ständige Aufklärungsarbeit und das stete Bemühen, meine Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen und so zu kommunizieren, dass ich verstanden werde – ausgerechnet hierin liegen nicht meine Stärken, schon gar nicht, wenn ich überlastet bin. Von Klinikseite erfordert es ebenfalls Offenheit, ständige Aufmerksamkeit, eigene Überprüfung auf mögliche Fehlinterpretationen, indem auf mich zugegangen wird, viel Toleranz für meine Ausfallerscheinungen, Flexibilität und die Bereitschaft, individuelle Lösungen zu finden. Meine bisherige Erfahrung mit dem engagierten und bemühten Klinikpersonal, dem ich hiermit von Herzen danke, lässt mich hoffen, dass der Tagklinikaufenthalt doch noch so gestaltet werden kann, dass er mir mehr hilft als schadet.


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46. AvD Oldtimer Grand Prix am Nürburgring

Von Donnerstagnacht um 22 Uhr bis Sonntag Mittag waren wir am Nürburgring beim 46. AvD Oldtimer Grand Prix. Die erste Nacht konnte ich bereits sehr gut schlafen, typisch für uns im Wohnmobil-Urlaub gleich bis halb acht Uhr morgens, nachdem ich nachts einmal total desorientiert aufgewacht war, weil ich auf die Toilette musste und nicht gleich realisiert hatte, im WoMo zu sein. Danach konnte ich aber sofort wieder einschlafen. Anders als zu Hause habe ich jedesmal, wenn wir mit unserem WoMo unterwegs sind, keine Schlafstörungen.

Den Freitag verbrachten wir erst mit einem gemütlichen Frühstück bis halb elf Uhr morgens vor dem WoMo in der Sonne sitzend und ins Tal quer über den Campingplatz schauend, weil wir auf einem Plateau standen. Danach machten wir eine Radtour zum Nürburgring, wo wir uns das Gelände schonmal von außen anguckten. Auf den Parkplätzen rund um den Ring gab es immer wieder Fahrzeuge zu bestaunen, die man sonst nur im Museum sehen kann. Da den ganzen Tag über andauernd Rennen stattfanden, war es allerdings ziemlich laut. Also war permanentes Kopfhörer über die Ohren stülpen angesagt. Nach einer guten Stunde fuhren wir zurück zum Campingplatz, um schon Mittags eine erste Runde zu grillen. Danach erholte ich mich bei einem Mittagsschlaf in der Sonne (immer mit Kopfhörern als Lärmschutz). Anschließend machten wir noch einen eineinhalbstündigen Spaziergang übers Campinggelände, auf dem ebenfalls relativ viele Oldtimer Fahrzeuge standen, die wir uns anguckten, bevor wir nochmal grillten und den Abend chillend bzw. lesend und die Fotos, die wir tagsüber gemacht hatten, am Bildschirm betrachtend vor dem WoMo verbrachten, ich die ganze Zeit mit Kopfhörern, wobei der ständige Rennlärm dann doch trotzdem an den Nerven zerrte. Um halb zehn Abends war dann für diesen Tag endlich Rennruhe.

Wie gewohnt gingen wir um halb elf ins Bett und ich schlief wieder sehr gut bis halb acht durch. Normalerweise wache ich nämlich täglich zwischen drei und fünf Uhr morgens auf und kann dann nicht wieder einschlafen. Vor dem obligatorischen Cappucino – wir haben einen Kaffee-Vollautomaten und einen elektrischen Milchaufschäumer mit an Bord – und dem Croissant am Morgen, das mein Mann holte, war ich noch unter unsere komfortable Dusche gehüpft. Danach gab es Frühstück bis neun Uhr. Anschließend wanderten wir, jeder mit einer Wasserflasche bewaffnet, die wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit auffüllten, zu Fuß zum Nürburgring und dort an der Strecke über diverse Tribünen bis ins Fahrerlager. Im Gefolge einiger Leute mit passenden Ausweisen ist mein Mann dann sogar bis in die Boxengasse gekommen, weil er einfach mit der Gruppe mitlief, während ich mich erst orientierte und beobachtete, ob man dort überhaupt durchgehen hätte dürfen – was natürlich nicht der Fall war. Da war mein Mann aber schon an der Sicherheitsdame vorbei und ich konnte ihm nicht mehr folgen. Ich überlegte eine Zeitlang, was ich tun könnte, beschloss dann aber, einfach zu warten. Zu sehen gab es ja genug.  Nach einiger Zeit kam mein Mann zurück und berichtete, er hätte direkt an der Strecke ein paar Fotos machen dürfen, weil er einen der Ordner fragte, der ihm das erlaubte.

Auf dem Gelände im Inneren der Rennstrecke konnten wir dann hautnah unglaublich viele Oldtimer angucken, während sie für Rennen anstanden oder gerade wieder irgendwo geparkt wurden. Es waren zwar relativ viele Leute unterwegs, die verliefen sich aber zwischen all den Zelten, Fressbuden und Garagen. Immer wieder hatte man die Gelegenheit zuzusehen, wie Rennautos für die Rennen vorbereitet und dabei in ihre Einzelbestandtele zerlegt wurden. An jeder Ecke gab es beeindruckende Fahrzeuge zu bewundern. Dabei reichte das Altersspektrum von den Anfängen des Nürburgringes 1927 bis in die frühen 90er Jahre. Das Traumauto meines Mannes, einen Audi Quattro S1 BJ 85 mit Rennlackierung in der kurzen Ralley-Ausführung konnten wir ebenso bewundert wie manch andere Rarität. Skoda war mit einer ganzen Reihe an Fahrzeugen da, von denen mir drei Cabrios (ein weißer Felicia BJ 55, ein roter Felicia BJ 61 mit Heckflossen, ein Popular aus den 30er Jahren) besonders gut gefielen. Diese Autos sind gar nicht mal so teuer, so zwischen 10.000 und 30.000 Euro kostet so ein Fahrzeug in akzeptablem bis gutem Restaurierungszustand. Wenn ich jemals zu viel Geld habe, überlege ich, ob ich mir so ein Spaßauto zulege.

Auf dem Gelände des historischen Fahrerlagers standen ganz andere Preisklassen an Fahrzeugen, die teilweise sogar zum Verkauf angeboten wurden. Das teuerste, das ich sah, ein Austin kostete 240.000 Euro. Außerdem gab es einen Citroen AC 6 BJ 1929, der 1939 mit einem Holzvergaser zu einem Hybridfahrzeug umgerüstet wurde. Bei diesem Oldtimer Event konnten wir eine dermaßen große Menge an interessanten Fahrzeugen sehen, dass ich bereits am frühen Nachmittag in einen Informations-Overload driftete.

Ich war also auf einen Schlag ziemlich energielos und stoplerte nur noch kaputt über das Gelände, ohne noch aufnahmefähig zu sein. Mein Mann wanderte deshalb mit mir Richtung Campingplatz an der Strecke zurück. Wir machten unterwegs in einer interessanten Kurve, in der man einen Teil der Strecke überblicken konnte, noch eine längere Pommespause. Dort erholte ich mich auch vom anstrengenden Gehen, denn mein Rücken tat mir wegen der Wirbelsäulenprellung, die ich mir Anfang der Woche zugezogen hatte, ziemlich weh. Nachdem ich eine Schmerztablette genommen hatte, ging es aber wieder einigermaßen.

Da wir freie Platzwahl auf dem kompletten Gelände hatten, setzten wir uns auf die Tribüne und schauten dort noch bei einem Formel 1 Rennen mit Formel 1 Boliden aus den 60ern bis 80ern zu. Damals waren die Fahrzeuge noch nicht so techniklastig wie heutzutage, so dass das Zuschauen bei einem Rennen noch wesentlich mehr Spaß macht. Allerdings ist es bei Autorennen naturgemäß unglaublich laut. Also musste ich für einen ordentlichen Gehörschutz sorgen, andernfalls hätte ich das lärmtechnisch niemals ausgehalten. Ich hatte also den ganzen Tag meine Kopfhörer mit active noise canceling auf und darunter noch die extra für meine Gehörgänge angepassten Ohrstöpsel im Ohr. So konnte ich den Umgebungslärm nahezu vollständig ausblenden und den Motorenlärm auf ein erträgliches Maß reduzieren.

Nach dem Formel 1 Rennen fuhren alle Skoda Fahrzeuge, die wir bereits auf dem Gelände gesehen hatten, ein paar Runden und dann kam eine ganze Reihe unterschiedlich alter Fahrzeuge, unter ihnen auch ca. 10 Mercedes SL Cabrios in unterschiedlichen Ausführungen und Farben – mein Traumauto ist ein 280 SL aus den 60er Jahren, das mir am besten in der Ausführung elfenbeinfarbener Lack mit roten Ledersitzen gefällt. In dem Pulk fuhr auch ein alter Opel Rekord aus den 70ern mit, genau so ein Fahrzeug noch mit Lenkradschaltung und kupferfarbener Metallic-Lackierung hatte ich einmal besessen. Ich ärgere mich heute noch darüber, dieses Auto damals abgegeben zu haben. Aber damals war ich jung und brauchte das Geld bzw. kein Auto.

Theoretisch hätten wir selbst auch bei dieser Parade mitfahren können, es gab einen Audi 80, der ungefähr dasselbe Baujahr hatte, wie der, mit dem mein Mann während des Sommers fährt. Er meint, dass wir nur lauter altes Glump besitzen – im Grunde hat er recht, aber rein vom Alter her besitzen wir letzten Endes in unserem Fuhrpark im Moment schon einen Youngtimer (Audi 80 B4 Cabrio BJ 92), zwei landwirtschaftliche Oldtimerfahrzeuge (Fendt Geräteträger GT 250 BJ 74 und John Deere 1640 LS BJ 82 mit Frontlader) und zwei Oldtimer Mopeds (BMW K 100 und Honda XL 185). Alle Fahrzeuge sind angemeldet und fahrbereit und werden auch mehr oder minder regelmäßig bewegt, wobei das Auto derzeit täglich gefahren wird, die landwirtschaftlichen genutzten Fahrzeuge mehrmals wöchentlich im Einsatz sind, die Mopeds aber nur alle paar Wochen kurze Strecken bewegt werden. Da keines unserer Fahrzeuge ein reines Liebhaberfahrzeug ist, sondern alle im Arbeitseinsatz sind und sie nicht liebevoll gepflegt und im Originalzustand ständig hergerichtet und geputzt in der Garage stehen, denke ich, die Betrachtungsweise meines Mannes kommt der Realität näher. Unsere landwirtschaftlichen Fahrzeuge sind außerdem nichts Besonderes, sondern ganz normale Ackerschlepper, die teilweise ziemlich grob umgebaut wurden, den Fendt hat mein Mann in der Mitte abgeschnitten, so dass er inzwischen der Grünland Version ähnelt, damit er im Wald mehr Platz hat. Und den Frontlader des John Deere hat er komplett hydraulisiert, nicht einmal der Grundrahmen entspricht hier noch dem Original.

Vielleicht könnten wir irgendwann einmal tatsächlich an so einem Oldtimer-Event selbst teilnehmen, dafür müssten wir aber wesentlich mehr Geld und vor allem mehr Freizeit haben, in der wir uns um die dazu notwendigen Fahrzeuge, die wir zudem erst noch erwerben müssten so kümmern können, dass sie vorführtauglich sind. Derzeit ist daran also nicht zu denken.

Nachdem ich mich mittels Schreiben und Lesen zweieinhalb Stunden im Wohnmobil erholt und die Informationsflut im Gehirn so ein wenig sortiert hatte, gingen wir am Samstagabend nochmal auf das Gelände, um den Standort der Mercedes Fahrzeuge zu finden. Das ist uns leider nicht gelungen, außerdem waren die meisten Zelte inzwischen geschlossen und nur noch vereinzelt Besucher da und wir waren ziemlich geschafft. Also sind wir zurück zum Campingplatz gegangen, um dort noch die Fotos von der Kamera aufs Tablet zu verschieben und dann völlig erledigt ins Bett zu fallen. Am Sonntag fuhren wir mit den Fahrrädern nach einem weiteren gemütlichen Frühstück noch einmal zum Ring°Boulevard und schauten uns an, was es dort zu kaufen gab. Meines Erachtens überwiegend wegen der Markennamen überteuertes Zeug, das die Welt nicht braucht und ich mir niemals zulegen würde. Am irrwitzigsten empfand ich die Ohrenschützer für Babys in rosa und hellblau und die ebenso gefärbten Schuller, die es als Ferrarischnuller jedoch auch in genderneutralem Ziegelrot gab. Macht ja wenig Sinn, die Farbe als einzig verbliebenes Erkennungsmerkmal eines Ferraris auch noch wegzunehmen. Weshalb auch immer das eigene Baby für Ferrari Werbung machen soll, entzieht sich meinem Verständnis genauso wie die Tatsache, warum man ein Baby überhaupt zu einem Rennen auf den Nürburgring mitnehmen und dem ganz sicher gesundheitsschädlichen Lärm aussetzen will.

Wir gehen als gemeinsames Hobby häufiger Oldtimer angucken, aber so ein großes Oldtimer-Event hatten wir vorher noch nie besucht. Es macht Spaß, so viele toll hergerichtete Fahrzeuge von ganz nah bewundern zu können. Im Museum kommt man nie so nah an solche Fahrzeuge heran und erlebt auch nicht, wie sie fahren. Das ist nämlich das Besondere, sie tatsächlich fahren zu sehen, die Rennfahrzeuge sind ja auch genau zu diesem Zweck gebaut worden, um damit Rennen zu fahren – nur sie dabei auch zu hören empfinde ich als weniger angenehm. Die Atmosphäre auf so einem Event wie dem 46. AvD Oldtimer Grand Prix am Nürburgring ist wirklich etwas Besonderes. Für mich war es ein zwar anstrengendes, aber sehr interessantes Wochenende. Den Preis, mich davon die nächsten paar Tage erholen zu müssen, bevor ich energiemäßig wieder voll einsatzfähig bin, zahle ich dafür aber gerne.


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Widersprüche / Fehler: Registrieren 1, sozial adäquat Kommunizieren 6

Eine weitere Woche Tagklinik geschafft. Gegen Ende der Woche zeigten sich wieder Ausfallerscheinungen. Am Donnerstagnachmittag schickte mich meine Bezugspflegerin nach Hause, ich sollte dort etwas tun, das mir Energie bringt. Also saß ich dann gleich neun Stunden vor dem PC und las. Danach hatte ich wieder Rückenschmerzen und ich schaffte es auch nicht zum Rehasport zu fahren. Ich wollte einfach nicht mehr rausgehen und unter Menschen sein müssen. Da mein Mann an diesem Tag bis spätabend weg war, hatte ich auch keine Verpflichtung, mich mit ihm zu unterhalten und musste mich nicht ums Abendessen kümmern. Diese Zeit nur für mich, alleine Texte zu meinen Interessen lesend zu verbringen, tat mir gut. Am Freitag hatte ich dann wieder genügend Kraft, mich im Sozialen Kompetenztraining (SKT) aktiv einzubringen. Allerdings war das so anstrengend, dass ich mich danach in den Ruheraum zurückzog und prompt den nachfolgenden Wochenplan-Programmpunkt verschlief.

Als ich aufwachte und panisch aus dem Raum stolperte, um mit zwei Minuten Verspätung wenigstens noch in die Freitagsabschlussrunde der Gruppe zu gehen, kamen mir die Gruppenmitglieder entgegen, einer meinte, dass sie schon fertig seien. Ich war sehr irritiert, denn laut Wochenplan sollte diese Abschlussrunde gerade erst begonnen haben. Ich ging also in den Raum, in dem sich die beiden Personen, die die Gruppe leiteten, noch unterhielten. Als sie mich sahen, meinte die eine, ob ich geschlafen hätte. Entweder sah ich so verschlafen aus oder die Tatsache, dass ich das Bettzeug im Arm hielt, machte ihr diese Schlussfolgerung leicht. Gleich darauf sagte sie, dass es nicht so schlimm sei, dass ich die Gruppe verpasst hätte. Ihr sei wohl ein Fehler passiert, sie habe gedacht, ich hätte einen Einzelgesprächstermin, das habe sie wohl mit dem Termin einer anderen Patientin verwechselt, ansonsten hätte sie mich natürlich geweckt. Sie wiederholte mehrfach, es sei nicht schlimm, dass ich die Abschlussrunde verpasst hätte.

Für mich war es in dem Moment nur leider doch schlimm, ich war aufgebracht, weil ich die Abschlussrunde verpasst hatte und teilte unter Tränen meinen Unmut darüber mit, dass dieser Programmpunkt entgegen dem Wochenplan wohl vorgezogen worden war, ohne mir rechtzeitig deshalb Bescheid gegeben zu haben. Das Problem für mich war – wie immer – die kurzfristige Planänderung. Ich war darauf eingestellt, dass jetzt laut Wochenplan diese Abschlussrunde zu sein hatte. Ich empfand es als zutiefst ungerecht, dass ich über die Planänderung nicht informiert worden war. Sie sagte mir, dass es immer mal wieder vorkommen würde, dass sich kurzfristig etwas am Wochenplan verändern würde, den Mitpatienten hatte sie kurz vor dieser Änderung Bescheid gegeben, wenn ich anwesend gewesen wäre, hätte ich das auch mitbekommen. Mein Einwand daraufhin war, dass ich mich dann in keiner Pause mehr zurückziehen könne, um solcherart kurzfristige Veränderungen nicht zu verpassen. Dem folgte eine Tirade meinerseits, dass, wenn man sich nicht an Wochenpläne halten würde, diese entbehrlich wären. Dass sich in der Tagklinik nach meiner Beobachtung die Patienten häufig nicht an die vereinbarten Zeiten halten würden und ich damit schon genügend zu tun hätte, es nicht verstünde, weshalb dem nicht Einhalt geboten werden würde, denn die Therapiezeiten seien doch meines Wissens verpflichtend und außerdem meiner Ansicht nach wichtig. Ihr Einwand war, dass nicht alle Patienten so strukturiert seien, wie ich. Das beruhigte mich allerdings auch nicht.

Ich teilte ihr dann auch gleich noch mit, dass ich es nicht nachvollziehen könne, wenn Therapeuten Stunden früher beenden würden, Dass ich nicht davon ausginge, dass die Therapeuten zu wenig Inhalte vorbereitet hätten, denn das wäre inkompetent. Dass ich es bedenklich fände, dass ausgerechnet die einzige Stunde SKT in der Woche scheinbar immer mit der Begründung, die Gruppe habe Küchendienst und bekäme deshalb als Ausgleich mehr Pausenzeit, gekürzt werden würde. Nachdem das auch in der zweiten Woche und von unterschiedlichen Therapeuten so gehandhabt hätte werden sollen, ging ich davon aus, dass es immer so sein würde – zweimal ist eine Reihe für mich. Ich merkte an, dass es in diesem Fall sinnvoller wäre, den Küchendienst für die Gruppe nicht immer auf den selben Tag zu legen, damit wenigstens unterschiedliche Therapieangebote von der Kürzung betroffen wären.

Ich erklärte ihr, weshalb ich mich im SKT eingebracht hatte. Mir war es nämlich darum gegangen, dass dieses für CBASP so wichtige Therapieangebot möglichst in voller Länge stattfinden hatte können. Ich hatte verhindert, dass meine Gruppenmitglieder auf die Suggestivfrage, ob jemand noch ein Thema hätte oder die Stunde wegen des Küchendienstes und der Hitze früher beendet werden solle, mit ja antworten konnten, indem ich als Erste das Wort ergriff, nein sagte und einen Vorschlag machte, dem sich dann erwartungsgemäß die meisten anderen anschlossen. Sie schien meine Erläuterung, weshalb das aus sozialpsychologischer Sicht voraussehbar gewesen sei, und weshalb auf die Frage der Therapeutin sich ansonsten die meisten für das frühere Beenden ausgesprochen hätten, nicht nachzuvollziehen. Ich vermutete daraufhin aufgrund ihrer Ausbildung keine tiefergehenden sozialpsychologischen Kenntnisse. Ich merkte an, dass ich zwar von der dann in der restlichen Zeit durchgeführten Situationsanalyse profitieren hätte können, kritisierte jedoch, dass die Therapeutin, obwohl sie sagte, dass mein inhaltlicher Vorschlag (Kiesler Kreis), dem die Mehrheit der Mitpatienten zugestimmt hatten bearbeitet werden sollte, dann doch eine Situationsanalyse durchgeführt hatte. Ich bemängelte explizit die Nichtübereinstimmung von Worten und Handeln dieser Therapeutin und teilte mit, dass ein solches Verhalten mich irritieren würde. Sie erklärte das Vorgehen der Therapeutin damit, dass Situationsanalysen in der CBASP immer Vorrang hätten. Da ich gelesen hatte, dass möglichst mindestens 70% der Therapiezeit auf die Bearbeitung von Situationsanalysen verwendet werden soll, stimmte ich zu, dass dieses Argument das Verhaltender Therapeutin rechtfertigten würde, allerdings sei es besser, wenn den Patienten dies als Begründung für die Diskrepanz auch mitgeteilt werden würde. Ich bemerkte abschließend ihr gegenüber noch, dass es in meiner eigenen Verantwortung läge, pünktlich zu den Therapiestunden zu erscheinen und nicht in ihrer, mich zu wecken. Sie beendete das Gespräch mit der Zusage, dass sie meine Kritik an das Team weiterleiten werde.

Als ich nach Hause fuhr, dachte ich darüber nach, dass mir auch in der Tagklinik dasselbe passiert war, wie immer und überall: Ich komme irgendwo neu an und moniere nach spätestens zwei Wochen die von mir erkannten Fehler im System und/oder in Abläufen, das was in meinen Augen nicht richtig läuft und alle Widersprüche und teile die Konsequenzen, die sich daraus ergeben mit oder mache Verbesserungsvorschläge. In der Sache habe ich häufig recht. Allerdings kommuniziere ich das offensichtlich nie diplomatisch und drücke mich in meiner Kritik, wenn ich im Eifer direkt meine Gedanken mitteile, oftmals auch sozial inkompatibel aus. Das habe ich bisher einfach nicht in den Griff bekommen. Ich suche weder Fehler noch Widersprüche aktiv – ich bin nicht querulatorisch veranlagt – aber sie fallen mir unweigerlich auf. Und dann kann ich früher oder später, vor allem nach Situationen, die mich aus der Bahn werfen, meinen Mund einfach nicht halten und teile meiner Umwelt sämtliche von mir registrierten Fehler und Widersprüche schwallartig und ohne soziale Abmilderungsformulierungen mit. Hinterher bemerke ich beim Rekapitulieren des Gesagten dann, wo es undiplomatisch und sozial inkompatibel war. Und nehme mir vor, es beim nächstenmal besser zu machen, scheitere aber seit Jahrzehnten immer und immer wieder daran. Vermutlich wäre es besser, wenn ich mich einfach damit abfinde, dass es sich nicht verändern wird, dass ich Fehler / Widersprüche sehr gut erkennen, aber sehr schlecht kommunizieren kann.


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Tagklinik – ein Weg aus der Depression?

Ich gehe derzeit in eine Tagklinik, um etwas gegen meine Depression zu unternehmen und wieder aus der Rentenfalle zu kommen. Bisher ist es unglaublich anstrengend gewesen. Das lag zu einem großen Teil daran, dass es eine unbekannte neue Umgebung für mich ist und an der Informationspolitik der Therapeuten. Meine Bezugspsychologin erklärte mir leider erst am Ende der Woche, weshalb man mir nicht alle notwendigen Informationen gleich zu Beginn meines Aufenthaltes gab. Sie verfolgen dort eine Art Salami-Taktik, geben Informationen also nur in kleinen Portionen heraus, um die normalerweise nichtautistischen Patienten nicht zu überfordert. So ein Vorgehen löst bei mir als Autistin aber Stress aus und ist ganz und garnicht hilfreich, weil ich auf diese Weise nur durch Zufall auf notwendige Informationen stoße, um Allem gerecht werden zu können. Auch der Hinweis, ich könne fragen, wenn mir etwas unklar ist, fruchtet hier nicht, weil ich nur fragen kann, wenn ich überhaupt Kenntnis davon habe, dass mir Informationen fehlen.

Die Therapeuten gehen wohl davon aus, dass sich die Patienten notwendige Erklärungen zum Ablauf von den Mitpatienten und Gruppenmitgliedern holen. Dadurch dass ich in dieser ersten Woche mangels Energie aber außerhalb von Therapiezeiten keinen Kontakt zu meiner Gruppe pflegte, gingen viele Dinge an mir vorüber. So bekam ich beispielsweise nicht mit, was beim sogenannten Küchendienst wann zu erledigen ist, so dass ich nicht da war, um mitzuhelfen. In dieser Klinik gibt es einen ständigen fließenden Wechsel der Gruppenmitglieder, auch das ist eine Herausforderung für mich. Ich konnte beobachten, dass Patienten, die nach mir kamen, schneller Anschluss an die Gruppe als ich fanden, weil es ihnen möglich ist, sich in den Pausen zu den anderen zu setzen und mit ihnen zu plaudern. Und so erlebe ich auch hier wieder meine Schwierigkeiten mit der Teilhabe am sozialen Miteinander.

Die Nachteile meines Rückzuges in den Pausen zwischen den Therapien sind mir sehr wohl bewusst, leider kann ich im Moment aber nichts dagegen tun. Um funktionsfähig zu bleiben, muss ich die Pausen dazu nutzen, mich soweit zu regenerieren, dass ich nicht in einen Überlastungszustand komme.  Im Moment ist es während der Woche so, dass ich zu Hause nach der Tagklinik, außer mich aufs Sofa zu legen und zu erholen, so dass ich am darauffolgenden Tag wieder hinfahren konnte, nichts sonst zustandebrachte. Nicht einmal für die Beschäftigung mit meinem Interessensgebiet hatte ich genügend Energie übrig. Obwohl ich weiß, dass das eine Einzahlung auf mein Energiekonto wäre. Leider bin ich bei fast jedem Versuch, noch etwas zu lesen, sofort eingeschlafen.

Während des Tages hatte ich mich in der Tagklinik so oft als möglich – also in allen Pausen – komplett zurückgezogen. Ich bin gut im Finden von stillen Ecken wo nie jemand hinkommt, so dass ich mir schon am ersten Tag einen Rückzugsraum schaffen konnte. Mittlerweile steht dort ein Gartenstuhl, den ich mit Hilfe eines Steines, eines Astes und der Hebelwirkung wieder soweit reparieren konnte, dass er beim darauf Niederlassen nicht zusammenklappt. Außerdem grub ich die Bocciabahn dort um und rechte sie glatt, denn das Spielen darauf in einer Therapiestunde am Montag ähnelte wegen des Bewuchses und der Löcher eher einem Glücksspiel. So macht Bocciaspielen mir allerdings keinen Spaß. Insofern war diese Arbeit und das von zu Hause mitbringen des dafür notwendigen Gartenrechens sowohl altruistisch als auch egoistisch. Was ich nächste Woche noch erledigen möchte, ist den Abfall in dieser Ecke aufzusammeln, damit ich mich dort wohler fühlen kann. Was auch ein Beitrag zum Umweltschutz ist.

Trotz meines Bemühens um ein funktionierendes Energiemanagement ist es mir aber am Donnerstag dann passiert, dass ich akut überlastet war. Dies zeigte sich in einem Heulanfall und depressiven Gedanken während eines Einzelgespräches. Letzter Auslöser war eine kurzfristige Terminänderung, denn die mir zu Beginn zugeordnete Therapeutin sagte mir am Anfang des Gespräches, dass sie mich gerne an eine andere Therapeutin abgeben würde und das geplante Gespräch mit ihr also ausfallen müsse. Sie bot mir einen Gesprächstermin am folgenden Tag bei dieser neuen Bezugstherapeutin an. Prompt brach ich in Tränen aus. Die Therapeutin meinte, ich solle mich beruhigen und wenn das so schlimm für mich sei, dann würde sie halt einen anderen Patienten abgeben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es gar nicht darum ging. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass sie verstand, was ich schluchzend an Kommunikation noch zustandebrachte.

Mir ging es nicht um die Person meines Bezugstherapeuten an sich – da ich sowieso noch keine Beziehung aufgebaut hatte. Was mir so zu schaffen machte, dass ich wie ein vierjähriges Kind reagierte, war die kurzfristige Terminänderung. Denn ich hatte mich auf Donnerstag, genau um diese Uhrzeit auf Einzelgesprächstermine eingestellt und mich wie immer auf solche Gespräche vorbereitet. Also überlegt und aufgeschrieben, was ich mitteilen wollte. Und das sollte jetzt plötzlich nicht stattfinden. Letzten Endes war ich zu erschöpft, um aus der Überlastungssituation zu fliehen, was darin resultierte, dass ich ganze zwei Stunden bei der Therapeutin saß und im Endeffekt dann doch das Gespräch inhaltlich soweit stattfand, so dass ich mich beruhigen konnte. Ich weiß allerdings nicht, ob die Therapeutin die Zusammenhänge verstanden hat. Ich gehe begründet davon aus, dass es auch bei diesem Klinikaufenthalt zu vielen Missverständnissen zwischen mir und meinen Mitmenschen kommt.

Ein Missverständnis wurde in diesem Gespräch nämlich zum Glück aufgeklärt. Beim Anamnesegespräch vor der Anmeldung in der Tagklinik meinte die aufnehmende Ärztin, dass sie gerne eine zweiwöchige Probezeit mit mir vereinbaren würde, damit von beiden Seiten geschaut wird, ob ein Klinikaufenthalt für mich als depressiver Autistin unter lauter nichtautistischen Depressiven umsetzbar wäre. Ich hatte also Angst davor, während dieser „Probezeit“ naturgemäß zu viele Fehler – vor allem im sozialen Miteinander – zu machen, so dass ich sie nicht bestehen würde. Und sogar in einer Klinik die Erfahrung machen zu müssen, wegen fehlender „Teampassung“ sozusagen gekündigt zu werden. Die erste Woche war auch aus diesem Grund unglaublich stressig, weil ich nicht wusste, wie viele „Fehler“ ich mir erlauben konnte. Also versuchte ich mit aller Kraft unbedingt alles richtig zu machen, was dazu führte, dass sich das sogar im Blutdruck niederschlug. Als ich danach fragte, wie viele Fehler ich maximal machen dürfe, bevor sie mir nahelegen würden, die Tagklinik zu verlassen, klärte sich dieses Missverständnis auf – gemeint war scheinbar nur, dass ich selbst zwei Wochen lang am Programm der Tagklinik teilnehmen dürfe, um zu sehen, ob ein längerer Aufenthalt sinnvoll für mich sei.

In der Tagklinik gibt es einen Ruheraum mit drei Betten, in den ich mich während der letzten Woche in der Mittagspause zurückgezogen hatte, um mich auszuruhen bzw. zu schlafen. Bisher war außer mir noch nie jemand in diesem Raum, was wohl damit zusammenhängt, dass ihn die Betreuer erst aufsperren müssen. In der Gruppe fühle ich mich natürlich oft unverstanden, ich bin ja auch die einzige Autistin dort. Aber meine neue Bezugspsychologin hat offenbar Ahnung von der Thematik und ich finde sie sympathisch. Sie gab mir in dem Gespräch, das dann am Freitag stattfand, sehr hilfreiches Feedback und erklärte mir eine schwierige Situation, zu der es letzte Woche in der Guppe kam, weil ich dort wohl sozial unpassend meine Bedürfnisse äußerte. Ich bat darum, dass während der Ergotherapie das Radio ausgeschaltet wird. Was die Betreuerin auch tat, mich dann aber zwei Tage später beiseite nahm, um mir zu sagen, dass viele Mitpatienten das Bedürfnis hätten, Radio zu hören und ich mich deshalb anpassen oder eine Lösung finden müsste. Mein Versuch, ihr zu erklären, dass es für meine Mitpatienten ein „nice to have“ sei, nebenbei Radio zu hören, für mich es aber aus Gründen des Energiemanagementes ein „must have“ sei, die Lärmquellen zu minimieren, und weil ich mich sonst neben den Stimmen der Mitpatienten auch noch auf die des Radiosprechers konzentrieren müsste, scheiterte.

Als ich ihr diese Situation schilderte, schlüsselte sie meine Bezugstherapeutin sozial für mich auf, machte Lösungsvorschläge und zeigte mir einen sozialkompatiblen Weg auf, wie ich bei einem erneuten Versuch, meine Bedürfnisse nach „Radio aus“ umzusetzen vorgehen könnte. Ich finde es nach wie vor irritierend, dass meinen Mitpatienten laut der Therapeutin die Befriedigung emotionaler Befindlichkeiten beim jemanden neu kennenlernen so wichtig ist und sie einer logischen Argumentation nicht zugänglich sind. Ich soll nämlich deren Du erhöhen und mein Ich mit Hilfe passender Formulierungen klein machen, dann würde ich gemocht werden und sie würden eher das tun, worum ich sie bäte. Es ist schon absurd, dass Inklusion auch in einem teilstationären Setting mit Sozialpädagogen, Erziehern, Psychologen und Psychiatern schwer umzusetzen ist. Ich muss mich anpassen, um nicht exkludiert zu werde bzw. mich selbst zu exkludieren, indem ich beispielsweise als Lösung während der Therapiestunde meine Kopfhörer aufsetze, weil viele Menschen nicht logisch handeln können oder wollen, sondern emotional und intuitiv.

Nachdem ich es aber nun geschafft habe, eine komplette Woche durchzuhalten und sich das Programm wöchentlich wiederholt, hoffe ich, dass die kommende Woche stressfreier wird. In dieser Klinik arbeiten sie nach einer für mich neueren störungsspezifischen Therapieform, der von James P. McCullough in den USA zur Behandlung chronisch depressiver Patienten entwickelten Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP), die schulenübergreifend Denkansätze aus der kognitiven, behavioralen, interpersonellen und der psychodynamischen Therapie und der Entwicklungspsychologie Jean Piagets integriert. Was ich bisher zu der Therapie und den Strategien bzw. Methoden gelesen habe, klingt logisch. Mal sehen, ob es hilft.

Ich glaube, dass ich insbesondere von den Einzelgesprächen, dem einmal wöchentlich stattfindenden Soziale Kompetenztraining nach CBASP und dem Sportangebot profitieren werde. Die Gruppensituationen kann ich als Übungsfeld für soziale Interaktion und Kommunikation nutzen. Und während der Ergotherapie habe ich die Möglichkeit, interessante neue Sachen auszuprobieren, wie beispielsweise Perlenhäkeln. Begonnen habe ich mit einer Mosaikarbeit, das ist etwas, was ich in der Beschäftigungstherapie während der Wartezeit auf den Tagklinikplatz bereits gemacht hatte. Macht Spaß, beruhigt durch die Sortiertätigkeit und das meditative Kleben der Mosaiksteinchen und bringt nebenbei auch hübsche Schalen oder Behältnisse hervor, die ich als Geschenk nutzen kann.

Bei meinem wichtigsten Ziel, einen Abschlussbericht zu erhalten, in dem eine Empfehlung für die Maßnahme Unterstützte Beschäftigung steht, mit der der ifd betraut werden soll, wird mich die Klinik unterstützen. Das ist für mich der Weg aus der Rentenfalle in der ich festsitze, weil die Rentenversicherung ohne einen neuen Arztbericht, in dem mir Rehafähigkeit besscheinigt wird, vermutlich meine EM Rente verlängern würde, statt mich dabei zu unterstützen, mich beruflich wieder einzugliedern. Es ist mir sehr wichtig, wieder eine Arbeit zu finden. Ich denke, dass ich es nur so schaffen kann, nicht ganztags zu Hause herumzuhängen und allein deshalb täglich depressiver zu werden. Ich hoffe, dass ein Weg aus der Depression sein könnte, durch den Tagklinikaufenthalt die Chance auf eine für mich passende Arbeitsstelle zu erhalten. Und damit nach der Kindererziehung wieder einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, die gleichzeitig eine von außen vorgegebene Tagesstruktur mit sich bringt.

Also auf in die zweite volle Woche Tagklinik.


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Abschaltung des Heureka Autismusforschungsforums

Das Heureka Autismusforschungsforum wurde abgeschaltet. Dabei gab es dieses anfangs vielversprechende Forum noch gar nicht lange. Kaum wurde es ein wenig bekannter, übernahmen vielschreibende Teilnehmer, von denen mir zumindest vier von anderen Plattformen bekannt sind, den Großteil der dort stattfindenden Kommunikation.
Und jetzt haben es also einige wenige User geschafft, wegen ihres aggressiven Auftretens und ihrer Strategie, die auf anderen Plattformen (inbesondere Twitter und Aspies.de) entstandenen und dort auch auf persönlicher Ebene ausgetragenen Konflikte auch auf dem Heureka Autismusforschungsforum weiter auszutragen, diese Kommunikationsplattform auszuschalten.
Dabei war das Forum doch für den Austausch zwischen Forschern und Betroffenen gedacht. Ich verstehe nicht, wieso es soweit hat kommen können, dass eine Minderheit das Forum übernommen hat. Und ich bin schwer enttäuscht. Ich hatte die Mitglieder meiner SHG Asperger Kultur Regensburg über diese neue vielversprechende Plattform und die Möglichkeit paritätisch an Forschung zu Autismus mitzuwirken informiert, ein breites Spektrum an Autistinnen und Autisten, die sich allerdings eher nicht öffentlich äußern und die sozialen Meden weitgehend meiden, waren sehr interessiert, wollten mehr dazu wissen und überlegten sogar, sich einzubringen. Ich hatte die Hoffnung, dass wenigstens auf diesem Forum ein sachlicher Diskurs zu Autismusthemen auch auf Laien-Ebene möglich sein sollte, deren Bearbeitung bzw. Erforschung langfristig zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Autistinnen und Autisten führen könnte.
Wenn der Betreiber des Forums uns gefragt hätte, was wir brauchen, hätten wir ihm geantwortet: Eine Möglichkeit, sich mit anderen Autisten und Nichtautisten online auszutauschen, ohne für die eigene Meinung persönlich angegangen zu werden. Eine Plattform, auf der wir unsere Wünsche bzw. Bedürfnisse an/nach Forschung und Unterstützung kommunizieren dürfen, ohne ausgegrenzt zu werden. Wir würden gerne unsere guten und schlechten Erfahrungen mit Behörden, Ärzten, Fachkräften und -diensten, Ämter, Kollegen, Arbeitgebern, Eltern, usw. mitteilen, in der Hoffnung, dass dies zu einer Verbesserung unserer Lebenssituation führt und dazu, dass die nächste Generation Autistinnen und Autisten es vielleicht leichter im Leben hat. Dies hat eine Minderheit offenbar nunmehr verhindert.
In der E-Mail, in der das Abschalten des Forums mitgeteilt wurde, war außerdem zu lesen, dass derzeit eine Umfrage zu Erwartungen von Betroffenen und Angehörigen an die Autismus-Strategie Bayern unter Mithilfe von Betroffenen aus dem Forum ausgearbeitet wird, die sich bereiterklärten, dabei mitzuhelfen. Mir war gar nicht bekannt, wann, wie und wo vom Forenbetreiber um Mithilfe gebeten wurde. Dabei hatte ich alle Beiträge des Forums gelesen. Ich hätte mich gerne bereiterklärt, so ich die Chance erhalten hätte, mich einzubringen.
An der geplanten Umfrage werde ich teilnehmen. Denn die politisch Verantwortlichen werden über Vorschläge von Autistinnen und Autisten nur dann nachdenken, wenn sie in ausreichender Zahl und durch objektive Befunde erhoben werden. Deshalb werde ich auch den Umfragelink an die Mitglieder meiner SHG weiterleiten.
Was mich dann doch verbittert ist die Tatsache, dass sie sich laut der E-Mail explizit an bayrische Autisten wendet. Denn wir von der SHG Asperger Kultur Regensburg vertraten genau diese Haltung, ich wurde dafür jedoch auf Twitter angegangen. Jetzt bin ich gespannt, ob und auf welche Weise dieselben Personen ihren Unmut darüber auch gegenüber dem Betreiber des Heureka Autismusforschungsforums äußern.
Dies ist eine weitere Erfahrung einer langen Reihe zeitlebens, die mir zeigen, dass Autistinnen und Autisten nicht gehört werden und eigene Vorschläge zwar von anderen aufgegriffen/übernommen werden, sie selbst jedoch ausgegrenzt werden.
Die Abschaltung dieses Forums ist meiner Ansicht nach eine weitere Form von Ausgrenzung. Nimmt sie Autistinnen und Autisten, die sich dem „Haifischbecken“ (Metapher) soziale Medien nicht aussetzen, aber trotzdem am Diskurs zu Autismusthemen teilhaben und sich einbringen wollen, doch eine der wenigen Möglichkeiten, die es dazu geben hätte können.


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Abschied von Twitter

Heute setzte ich das um, worüber ich die letzten Tage nachgedacht hatte. Ich habe meinen Twitter Account gelöscht. Warum ich nicht mehr auf Twitter sein möchte hat mehrere Gründe. Der eine ist, dass es mich zu viel Zeit und Energie gekostet hat. Auf Twitter muss man ständig präsent sein und Tweets schreiben, um nicht in Vergessenheit zu geraten oder um sich einen gewissen Kreis an Followern zu erarbeiten. Dabei wird m. E. unglaublich viel gepostet, das es nicht wert ist, erwähnt zu werden. Da ich dabei nicht mitmachen wollte, musste ich also ein mich interessierendes Thema finden, bei dem man Tweets mit Inhalt senden kann. Das fand ich in der Autismus-Strategie Bayern. Über die vergangenen Wochen konnte ich nun aber bei mir beobachten, dass ich zunehmend mehr Zeit auf Twitter verbrachte, was zunehmend Energie abzog, die ich anderswo nötiger gehabt hätte.

Und mich mehr und mehr auch inhaltlich stresste. Ich hatte das, was auf Twitter abläuft zuerst beobachtet und dann eigene Test-Tweets verfasst, um zu sehen, ob sich meine Vermutung, wie ich schreiben muss, um Likes zu erhalten, bestätigt. Das hat sie. Es funktionierte gut, so lange ich derselben Meinung war, wie die Autisten-Community, die in der Twitterblase den Ton angibt. Und das ist ein anderer Grund, weshalb ich beschloss, nicht mehr auf Twitter zu bleiben. Denn deren Umgangston ist so gar nicht der meine. Auf Twitter und hier insbesondere in der Autismus-Twitterblase geht es meiner Beobachtung nach etlichen Usern nicht um Sachlichkeit und Informationsaustausch, sondern in erster Linie darum, sich darzustellen, Bestätigung für die eigene Meinung zu erhalten und gegen andere Meinungen auf unsachliche Weise z.T. auch mittels persönlicher Angriffe vorzugehen. Ich kam gar nicht mehr hinterher, mich für meine abweichende Meinung zu rechtfertigen und zu versuchen, Dinge klarzustellen, die unrichtig dargestellt wurden.

Dem voraus ging ein Fachgespräch am 07.06. im bayrischen Landtag, bei dem u.a. über eine mögliche Wahl solcher Vertreter gesprochen wurde. Und von Transparenz. Wenig transparent schrieb eine der Beteiligten zeitnah eine Mail an ein paar wenige andere – u.a. an mich – in der sie davon sprach, ein Konzept entwickeln zu wollen. In Absprache mit der SHG Leitung meiner Selbsthilfegruppe antwortete ich auf diese Mail. Ich schlug vor, im Sinne einer transparenten Vorgehensweise nicht den Kommunikationskanal E-Mail zu verwenden, sondern sich an möglichst viele Autisten und Selbsthilfegruppen zu wenden, so dass auch nicht in den sozialen Medien Twitter oder Facebook vertretene Autistinnen und Autisten und Angehörige sich beteiligen würden können. Ich betonte, dass möglichst vielen die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich um eine Vertretung zu bewerben und zu einer demokratischen Lösung zu kommen. Ich schrieb, dass alle Informationen, wie die Anfrage per Mail, die Entwicklung eines Konzeptes zur Bestimmung von Vertretern, die Vorstellung von zur aktiven Mitarbeit bereiten Vertretern, notwendige Umfragen und Abstimmungen, um die angestrebte paritätische Vertretung zu bestimmen, beispielsweise auf dem Heureka Autismusforschungsforum abgewickelt werden könnten. Ein weiterer Vorschlag meinerseits war, in Zusammenhang mit dieser demokratischen Bestimmung von paritätischen Vertretern zugleich eine möglichst umfassende Auflistung der aktuell in Bayern vorhandenen Selbsthilfestrukturen zu realisieren, indem mit den Autismus-Netzwerken aller anderen bayrischen Bezirke Kontakt aufgenommen werden könnte. So sollten die in den jeweiligen Bezirken vorhandenen Selbsthilfestrukturen und damit betroffene Autisten und Autistinnen sowie Eltern und Angehörige und möglichst flächendeckend erreicht werden können. Außerdem schrieb ich, dass wir uns nicht von der Verfasserin der ersten Mail vertreten sehen würden, sie vertrete in unseren Augen die Gruppe der Eltern und wir könnten und wollten uns als Autistinnen und Autisten selbst vertreten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, erfolgte wieder per Mail und beinhaltete neben einer umfassenden Selbstdarstellung keine konstruktiven Inhalte, die in der Sache weitergebracht hätten. Der Verantwortliche für das Heureka Forum schrieb eine weiterführende Antwort, auf die ich nochmals mit dem Vorschlag zur Verlagerung der Kommunikation auf eine geeignete öffentliche Plattform wie beispielsweise dem Heureka-Forum antwortete. Außerdem betonte ich, dass zwischen den unterschiedlichen Zielgruppen unterschieden werden müsse und es zwingend eigene Vertreter für die Gruppe der Autistinnen und Autisten und die der Eltern geben müsse. Es solle meiner Ansicht nach nicht die schiere Größe der Dachorganisation ausschlaggebend sein für die Stimmverteilung bei einer Wahl, dieser Punkt müsse selbstverständlich erst noch ausdiskutiert werden. Ich vertrat die Meinung, dass bei der Erarbeitung der Autismus-Strategie Bayern nur bayrische Betroffene inkludiert werden sollten.

Nebenbei liefen nach dem Fachgespräch wohl einzelne Gespräche mit Beteiligten, die auf dem Fachgespräch eine paritätische Mitarbeit gefordert hatten, und den politisch Verantwortlichen. Davon erfuhr ich ausschließlich auf Twitter, war sehr überrascht, und mahnte auf Twitter nochmals ein transparentes und demokratisches Vorgehen an. Allerdings hatte die betreffende Beteiligte scheinbar kein Interesse mehr an einer demokratischen Entscheidung für paritätische Vertreter, sondern twitterte, dass sie sich freuen würde, bei der Autismus-Strategie mitzuwirken. Außerdem gab es einen Aufschrei der Empörung, dass sich jemand gegen nichtbayrische Personen als Vertreter ausgesprochen hatte. Als ich das las, bemühte ich mich darum, sachlich zu erklären, was tatsächlich kommuniziert wurde. Auch meine wiederholten Vorschläge, doch bitte die gesamte Kommunikation zu veröffentlichen, am besten auf einer geeigneten Plattform wie dem Heureka Autismusforschungsforum zu diskutieren und sämtliche bis dato gelaufenen E-Mail-Kommunikation dort zu veröffentlichen, so dass sich jeder Interessierte eine eigene Meinung hätte bilden können, verhallten ungehört.

Nach gründlichem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen, dass keiner der Protagonisten außer mir und der beim Fachgespräch eingeladenen Fachkraft daran ein Interesse hat. Es ging wohl nie darum, demokratisch Vertreter zu wählen. Sich einer Wahl zu stellen, beinhaltet die Gefahr, nicht gewählt zu werden. Und laut Tweets eines der lautesten Twitter-User, scheint für diesen auch nur seine einstimmige Wahl als Vertreter in Frage zu kommen. Ich denke, ich habe mich mit dem Besuch des Fachgespräches instrumentalisieren lassen. Es ging nur einem der Beteiligten darum, möglichst viele Autistinnen und Autisten in die Erarbeitung der Autismus-Strategie Bayern mit einzubinden. Den anderen ging es von Anfang an darum, sich selbst zu positionieren.

Es war mir klar, dass es ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend zu sein scheint, statt Fakten die eigene emotionale Befindlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen und statt sachlich unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, alle, die anderer Meinung sind, mittels Shitstorm zu übertönen. Allerdings hatte ich angenommen, dass Autistinnen und Autisten dagegen einigermaßen gefeit sein sollten. Leider wurde ich eines Besseren belehrt. Es ist auf Twitter gang und gäbe, aus anderen Twitter-Strängen Tweets als Beweise zu posten, die aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es werden sogar Beiträge aus Foren als Screenshot auf Twitter gestellt und dort förmlich zerrissen, ohne dass der Autor der Beiträge sich dagegen wehren kann. Das sind Praktiken, die meinem Gerechtigkeitsempfinden zutiefst zuwiderlaufen. Ich habe hier bewusst keine Screenshots als „Quellen“ gepostet oder Namen genannt. Jeder, der dabei war, weiß um was es geht. Jeder andere hätte sich bei echter Transparenz seine eigene Meinung bilden können. Da diese Transparenz nicht gewünscht wird, schließe ich das Thema und in diesem Zusammenhang auch meinen Ausflug in die Welt des sozialen Mediums Twitter mit diesem Beitrag ab.

Zugegebenermaßen beruht meine Entscheidung, meinen Twitter-Account zu löschen, nur auf meiner anekdotischen Erfahrung. Und was ich mir selbst eingestehen muss ist, dass ich mit den zwei Antwort-Mails gegen die von mir angemahnte Transparenz verstoßen habe, weil ich es überhaupt zuließ, dass nur einige wenige über das eigentlich alle Betroffenen angehende Thema Autismus-Strategie Bayern miteinander kommunizierten.