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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Finde den Fehler

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Ich habe viele Talente, breit gefächerte Fachkenntnisse, eine kaufmännische Ausbildung, ein erfolgreich abgeschlossenes Studium im pädagogischen Bereich und eine ganze Reihe Bescheinigungen über Fort- und Weiterbildungen quer über diverse Skills, die in der Arbeitswelt gefragt sind.

Aber die passende Stelle, eine, bei der ich längerfristig angestellt und langfristig arbeitsfähig geblieben bin, habe ich nie gefunden. Das liegt sicher auch an den Rahmenbedingungen, die am jeweiligen Arbeitsplatz vorherrschten. Nur ist das nur die halbe Wahrheit.

Ich weiß, dass ich kein einfacher Arbeitnehmer bin. Sondern ein unbequemer und zusätzlich jemand, der polarisierend wirkt. Ich hinterfrage alles, erkenne Autoritäten nicht qua Status an. Bei von mir als sinnlos empfundenen Arbeitsweisen und insbesondere bei Sachverhalten, die ich als ungerecht wahrnehme bzw. die tatsächlich Unrecht sind, mache ich nicht mit.

Und das schon von Anfang an. Während meines allerersten Ausbildungsversuches zur Versicherungskauffrau riet ein Ausbilder dazu, im Versicherungsfall erst einmal berechtigte Ansprüche von Kunden abzuwehren und darauf zu bauen, dass ein Großteil seine vertraglichen Rechte nicht einfordern würde. Damals waren Ausbildungsplätze noch rar und ich neige nicht zu Spontaneität, aber diese Vorgehensweise war für mich nicht mitgehbar. Auch wenn sie damit begründet wurde, dass die Versicherungsgesellschaft auf diese Weise wirtschaftlicher arbeiten könne und somit mir mein gutes Gehalt zahlen könne. Ich widersprach aufs Heftigste, kündigte, umgehend und kompromisslos, ich erschien von einem Tag auf den anderen nicht mehr am Ausbildungsplatz. Bis heute empfinde ich mein Verhalten als stimmig und richtig.

In der Rückschau kann ich sagen, dass nicht nur, für andere evtl. überhöhte, moralische Ansprüche, meine Schwierigkeiten mit Kommunikation und sozialer Interaktion, oder meine Bedürfnisse nach bestimmten, autismusfreundlichen Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz der Grund dafür sind, dass ich bis heute daran scheiterte, im Arbeitsleben Fuß zu fassen. Ich denke, es liegt auch daran, dass ich ein besonderes Talent habe. Ich bin offenbar die geborene Fehlerfinderin: Mehr noch: Ich bin ein Fehlermagnet.

Egal wo ich auftauche, decke ich unweigerlich das, was schiefläuft, auf. In einem Team eskalieren Konflikte, die unsichtbar schwelten, Führungsschwäche von Vorgesetzten wird offenkundig. Qualitätsmängel, Fehlplanungen, Inkompetenz und Vertuschungsversuche werden sichtbar.

Und zwar nebenbei, ohne Vorsatz, aus Versehen, einfach nur, weil ich Dinge an- und ausspreche, Fragen stelle. Kein Problem, möchte man auf den ersten Blick meinen, wenn ich nicht zielsicher genau die Fragen stellen und die bislang ungesagten Dinge aussprechen oder auf Widersprüche hinweisen würde, von denen sich hinterher zeigt, dass sie Folgen haben, die ich gar nicht beabsichtigt hatte. Es geht mir nicht darum, dass ich recht haben will, querulatorisch veranlagt wäre oder andere bloßstellen möchte. Es passiert einfach. Das Einzige was hilft ist, dass ich gar nichts sage. Das ist aber in der Regel nicht gern gesehen. Und gerade in der Einarbeitungszeit wird erwartet, dass ein neuer Mitarbeiter Fragen stellt.

Mein Talent, Fehler zu finden, erstreckt sich auch auf unbelebte Sachen. Wenn ich mit Gerätschaften, mit Hard- und Software umgehe, die problemlos bei allen anderen funktionieren, tun sie das nach erstaunlich kurzer Zeit bei mir nicht mehr – nicht, weil ich das Zeug bewusst kaputtmache, sondern weil ich unter Garantie die eine Tastenkombination drücke, die einzige Reihenfolge, in der man die Hebel nicht bedienen darf, finde oder genau die unpassenden Buttons anklicke, bei denen alles abstürzt, sich aufhängt, abstirbt, den Geist aufgibt und erst mit erheblichem Aufwand wieder funktionsfähig wird.

Bis ich das Zeug in die Finger bekam, war das noch nie passiert und der potentielle „Fehler“ niemandem aufgefallen, weil keiner auf die Idee gekommen wäre, dass man genau diese Tastenkombination verwenden könnte, ausgerechnet in dieser Reihenfolge die Hebel bedienen oder tatsächlich den einen Button zu diesem Zeitpunkt anklicken könnte. Klar hat es auch etwas Gutes, ich decke mit diesem Talent auf, was der Hersteller unbedingt in Bedienungsanleitungen hätte schreiben bzw. hätte absichern müssen – nur funktioniert halt dooferweise das Zeug erstmal nicht mehr und zwar überwiegend dann, wenn es nicht hätte ausfallen dürfen, weil man es leider, leider genau zu dem Zeitpunkt dringend gebraucht hätte.

Mir hat man in meinem Leben schon einige Male zu oft gesagt, dass es erstaunlich ist, dass mir immer wieder Dinge passieren, die anderen Leuten niemals passieren. Wenn ich beteiligt bin, passieren Fehler. Das ist bei nichtzwischenmenschlichen Dingen am Arbeitsplatz aber nur dann wirklich eine Stärke und positiv, wenn ich dafür eingestellt worden wäre, die Gerätschaften oder die Hard- und Software zu testen.

Wenn die „Fehler“, die passieren, im zwischenmenschlichen Bereichen angesiedelt sind, ist das erfahrungsgemäß für mich persönlich immer negativ. Ich mache niemandem einen Vorwurf. Mir ist klar, dass es für Arbeitgeber unkomplizierter ist, den „Störfaktor“, also mich, zu entfernen, als sich mit den unter Umständen sehr unangenehmen Dingen zu beschäftigen, die unbeabsichtigt zum Vorschein kamen, eben weil ich die geborene Fehlerfinderin, ein Fehlermagnet bin.

Ich finde übrigens auch unweigerlich die Lücke im System, ohne überhaupt danach gesucht zu haben. Das kann sich enorm positiv auswirken, wenn sich dadurch eine tolle, vorher nicht gesehene, neue Möglichkeit ergibt. Ganz mies ist es aber, wenn ich deshalb durch sämtliche Maschen eines Hilfsangebotes falle, das für den Notfall da ist. Weil mir passiert, was sonst niemandem passiert. Was sich, im Nachhinein nachgeforscht, als eine Verkettung unglücklicher Umstände erwies, die dazu führte, dass ausgerechnet in meinem Notfall das Netz gerissen war (im übertragenen Sinne).

Ich kann diese besondere Fähigkeit, Fehler zu finden, bewusst anwenden und als Stärke definieren. Zum Beispiel beim Korrekturlesen. Aber ich kann sie nicht wirklich steuern. Selbst wenn ich es vermeiden möchte, die Fehler finden mich!

Es ist ein tolles Talent. Ich  möchte es nicht missen, aber Fakt ist: Diese Fähigkeit macht mich größtenteils tatsächlich inkompatibel für die allermeisten Arbeitsstellen.


Bildquelle: Andrew Martin (9. März 2017). URL https://pixabay.com/de/photos/fehler-nicht-gefunden-404-lego-4-2129569/

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

6 Kommentare zu “Finde den Fehler

  1. Wieder ein Teil von mir erklärt. Danke!
    Damit zu leben erfordert Stärke. Und ich fürchte, mit dieser Stärke wird man nicht zwangsläufig geboren.

    Die Bedingungen, unter solchen Umständen Stärke zu entwickeln, sind ziemlich dünn gesät.

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    • Nachdenkenswert, ob es tatsächlich Stärke erfordert, mit einer Fähigkeit zu leben, mit der ich vermutlich geboren wurde.
      „Ziemlich dünn gesät“ heißt, dass es diese Bedingungen gibt.
      Alles hat mindestens zwei Seiten. Durch ein Leben zu navigieren, in dem vieles nicht harmonisch abläuft und basale Dinge schiefgehen, erscheint auf den ersten Blick nicht erstrebenswert. Ein möglicher zweiter Blick: Unschöne UND schöne Dinge dauerhaft vor mir zu verbergen, ist schwierig. Ich fokussiere auf die schönen Dinge. Und bin dankbar, dass ich die unschönen Dinge ebenfalls sehe, weil Sichtbares mich nicht „kalt erwischt“ oder hinterrücks ausknockt.
      Könnte aber auch aus der lebenslang wiederkehrenden Erfahrung, vor unschönen Dingen zu stehen, resultierendes positives Umdeuten sein.

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  2. Liebe Silke und Mitleidensgenossin,

    der erste Absatz Deines Beitrags stimmt mit Abstrichen im Detail auf mich zu. Ab den 2. Absatz indes erzählst Du mein Leben mit Deinen Worten. Zu wissen, daß man als Fehlermagnet und insgesamt Abweichling vom mehrheitlichen Durchschnitt nicht allein auf der weiten Welt da steht, ist aus meiner Sicht noch nicht einmal ein denkbar schwacher Trost, sondern vielmehr zutiefst betrüblich.

    Wie lange Du unter diesen unseligen Umständen mehr schlecht denn recht überlebst, entzieht sich meiner Kenntnis. Bei mir läuft es so seit bald siebzig Jahren. Lustig fühlt sich sich entschieden anders an. Manch ein Mal hätte ich am liebsten die Flinte ins Korn geworfen (und die Munition sogleich hinterher). Hin und wieder kommt das immer noch vor, wiewohl seltener als in jüngeren Jahren. Was mich stets aufs Neue davon abhält: Die mit einer glühenden Liebe zur Natur gleichsam Hand in Hand gehende, wohl gepflegte Fähigkeit, das Schöne zu sehen und daran sich zu erfreuen. Dafür nehme ich so oft wie möglich richtig fiese Satteldruckschmerzen in Kauf, was selbstredend auch meiner Passion fürs Radfahren geschuldet ist 😉

    Als ein Mitglied Deiner treue Anhängerschar, das Deine bewegende Beiträge mit tief empfundener Anteilnahme und wie jetzt meist weinend liest, kann ich unglücklicherweise wohl kaum mehr tun, als Dir von ganzem Herzen all die Kraft zu wünschen, die Du in Dir selbst wie auch in allem Schönen, Wahren und Guten finden kannst.

    Herzliche Grüße und aus der Ferne eine liebevolle Umarmung.

    P.S.: Verüble mir bitte nicht das Duzen. Das ist bi uns im Norden so Sitte 🙂

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  3. Thank you, thank you, thank you! I am so amazed and relieved to find someone else whose experience of life is in the same line as mine! I thought I was the only one like this until reading what you have shared. You may not yet fathom what treasure it is to find likeness on these points and to find that it is not so much an individual „problem“ but rather a neurodivergence that is just as valid, despite society’s reactions to it. I too have trouble with employment; most people do not even try to understand a new perspective. They just judge and get rid of me – „the problem“ instead of humbly considering that they may also be a contributing „problem“ in their behaviors. We are like prophets that by sheer presence bring light to that which is dark, and they can’t stand it, wanting to go back to feeling like ‚“all’s good.“ We are a gift, if they would receive it. And now, that is the positive perspective you have encouraged within me, when I’ve despaired and felt like I’m somehow „wrong“ or „broken“ or impossible in this world. Being able to proofread as proficiently as I do seems like a valid enough marketable skill, but it comes as a whole package, and I cannot „turn off“ parts of my personality. So the struggle continues, as I must take the responsibility to manage myself and find ways to fit in to workplace norms without ruffling too many feathers so that I can continue to earn my livelihood. You have given me a tremendous gift in that now I know I am not alone.

    Danke danke danke! Ich bin so erstaunt und erleichtert, jemanden zu finden, dessen Lebenserfahrung in der gleichen Linie liegt wie meine! Ich dachte, ich wäre der einzige wie dieser, bis ich gelesen habe, was du geteilt hast. Sie können sich noch nicht vorstellen, welchen Schatz es ist, in diesen Punkten Ähnlichkeit zu finden und festzustellen, dass es sich nicht so sehr um ein individuelles „Problem“ handelt, sondern um eine Neurodivergenz, die trotz der Reaktionen der Gesellschaft darauf ebenso gültig ist. Auch ich habe Probleme mit der Beschäftigung; Die meisten Menschen versuchen nicht einmal, eine neue Perspektive zu verstehen. Sie beurteilen mich einfach und werden mich los – „das Problem“, anstatt demütig zu bedenken, dass sie möglicherweise auch ein „Problem“ in ihrem Verhalten sind. Wir sind wie Propheten, die durch bloße Präsenz Licht in das bringen, was dunkel ist, und sie können es nicht ertragen und wollen wieder das Gefühl haben, „alles ist gut“. Wir sind ein Geschenk, wenn sie es erhalten würden. Und das ist die positive Perspektive, die Sie in mir gefördert haben, als ich verzweifelt war und das Gefühl hatte, irgendwie „falsch“ oder „gebrochen“ oder unmöglich in dieser Welt zu sein. In der Lage zu sein, so kompetent wie ich Korrektur zu lesen, scheint eine ausreichend marktfähige Fähigkeit zu sein, aber es kommt als ganzes Paket, und ich kann Teile meiner Persönlichkeit nicht „ausschalten“. Der Kampf geht also weiter, da ich die Verantwortung übernehmen muss, mich selbst zu verwalten und Wege zu finden, um mich an die Arbeitsplatznormen anzupassen, ohne zu viele Federn zu zerzausen, damit ich weiterhin meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Sie haben mir ein enormes Geschenk gemacht, jetzt weiß ich, dass ich nicht allein bin.

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  4. Mir fällt gerade auf, dass 2 Dauerkonflikte auf genau dieses Konto gehen wie du es beschrieben hast. Beim zweiten denke ich mir: Kann ja, noch heiter werden. Der Missstand muss dringend behoben werden, um nicht chronisch zwischen mir und den Leuten zu stehen. Das blöde ist, dass ich mit denen auskommen muss.

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  5. Sehr interessant, muss nachdenken , aber verstehe es. Mein Chefin, Szenenbildnerin hat mich 1998 vom Requsiteur zum autistic art director befördert. Ganz exakt meine Berufsbezeichnung, weil es meine Arbeitsweise beschreibt und auch die Bereiche ausschliesst , wo ich nicht funktioniere.

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