SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


Ein Kommentar

Offen mit Autismus und Depressionen umgehen – darf man das?

Inzwischen gibt es hin und wieder ein paar gute Tage. Tage an denen mir etwas gelingt, an denen ich es schaffe Staub zu saugen und zu putzen. Sogar Tage, an denen ich begonnen hatte, an meinem Teich weiter zu graben. Es kann gar nicht genug Teich geben, das ist schon mal klar. Je mehr Teich, desto mehr Möglichkeiten, am Ufer sitzend auf Fische zu starren. Darüber nachzudenken, welche Formationen sie schwimmen. Die Reflexionen des Sonnenlichts auf den Schuppen zu sehen, wenn sie fressen. Zu beobachten, welche Muster sich ergeben, welche Schwärme welches Revierverhalten zeigen und wer mit wem schwimmt – stundenlang auf Fische starren tut mir gut. Und es ist gut, sich bei einer Depression sportlich zu betätigen und aus dem Haus zu gehen. Dazu ist ein Gartenprojekt, bei dem man an der frischen Luft ganz viel Erde per Schubkarre und Handarbeit mit Spaten von A nach B verbringen muss, für mich als Autistin perfekt geeignet.

Leider kann ich das nicht andauernd machen, im Moment wäre es sogar denkbar ungünstig im Regen zu sitzen und zu frieren oder draußen zu schwitzen bei der Fische-starr-Flächenvergrößerung. Ich dachte, es ginge jetzt endlich wieder aufwärts. Aber schon seit mehr als einer Woche schleppe ich mich vom Bett zum Tisch, von dort zum Sofa und zurück ins Bett. Gut, derzeit bin ich richtig unangenehm körperlich krank. Das könnte eine Erklärung sein. Die andere Erklärung wäre, dass ich schlicht und ergreifend immer noch ziemlich depressiv bin.

Laut der Sachbearbeiterin in der Deutschen Rentenversicherung, bei der ich letzten Monat einen Termin wegen meines Antrages auf Teilhabe am Arbeitsleben und wegen meiner beruflichen Zukunft hatte, bin ich vollschichtig erwerbsfähig. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es Zeit meines Lebens noch nie geschafft habe, Vollzeit zu arbeiten: Warum nur fühle ich mich so überhaupt nicht erwerbsfähig? Ich bin immer noch krank geschrieben. Seit nunmehr einem halben Jahr bin ich ununterbrochen arbeitsunfähig krank geschrieben. Obwohl ich mich nach der langen Zeit doch eigentlich hätte erholt haben müssen.

Eigentlich müsste ich inzwischen wieder die Kraft haben, den Kampf weiter zu kämpfen, eine neue Arbeitsstelle zu suchen, wieder von vorne anzufangen. Unbelastet, keiner kennt mich, ich habe noch keine nicht wieder gut zu machenden soziale Fehler im Umgang mit den Kollegen gemacht, neue und hoffentlich interessante Aufgaben warten. Aber allein der Gedanke daran, mich um eine neue Stelle bemühen zu müssen, führt dazu, dass mir der Angstschweiß ausbricht. Ich kann mir seltsamerweise absolut nicht mehr vorstellen nochmals in irgendeinem Büro zu arbeiten. Schon gar nicht kann ich mir vorstellen das nicht alleine, sondern mit Kollegen zu tun. Ich wüßte nicht einmal, wie ich mit ihnen reden sollte. Ich wundere mich, dass mir das mal gelungen ist, verstehe nicht, wie ich es geschafft habe. Beim Gedanken daran kommen mir die Tränen und mir tut der Magen weh. Alles psychosomatisch, ich weiß – aber auch wenn es keine körperliche Ursache hat, die Magenschmerzen tun trotzdem weh. Kann natürlich auch sein, dass meine Weinerlichkeit und die Magenschmerzen daher rühren, weil ich mir nutzlos vorkomme und weil ich Versagensgefühle habe. Und solche Gedanken und Gefühle wiederum sind laut Literatur typisch bei einer Depression.

Jetzt könnte man meinen, dass ich doch gar keinen Grund habe, mich zu beklagen. Immerhin bin ich daheim, seit einem halben Jahr habe ich frei. Aber ich schaffe es nicht einmal trotz all der „Freizeit“, die ich dank der Krankschreibung habe, mich mit meinen Hobbys zu beschäftigen. Mich darum zu kümmern, wie es im Studium weitergeht. Jetzt hätte ich seit einem halben Jahr die Zeit gehabt, die Reader des letzten Moduls vollständig zu lesen, ein Hausarbeitsthema zu finden, Literatur zu recherchieren und loszuschreiben. Und was habe ich davon erledigt? Genau – nichts. Was ist aus meinen Plänen geworden, mich mit Ubuntu zu beschäftigen, C++ zu lernen, die Literatur-Datensammlung zu ordnen, alle Folgen von GoT anzusehen? Tag um Tag verbringe ich damit, mir vorzunehmen etwas davon ganz bestimmt am nächsten Tag anzufangen.

Und Tag um Tag vergeht, eine lange Reihe an Tagen mittlerweile. Zu einer Depression gehört augenscheinlich Geduld – es bleibt also schwierig, denn Geduld gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Hinderlich ist auch das Gefühl, dass es seit längerem eigentlich nur noch Abwärts geht. Mein Leben besteht mittlerweile gefühlt seit ewiger Zeit, tatsächlich seit drei Jahren überwiegend daraus, wahlweise körperlich erkrankt, erschöpft oder antriebslos auf dem Sofa herum zu Gammeln und nichts mehr zustande zu bringen. Nach wie vor überkommt mich täglich die Sinnfrage. Es ist schwierig in dem Zustand den Spaß am Leben zu sehen. Lebensqualität ist nicht wirklich gegeben.

Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass es problematisch werden könnte jemals wieder eine neue Arbeitsstelle zu finden, wenn ich öffentlich von meinem Autismus schreibe und insbesondere von einer Depression. Meiner Ansicht nach gehört der komplette Bereich der psychischen Erkrankungen aber aus der Verheimlichungsecke heraus. Wenn eine Depression tatsächlich eine Erkrankung ist, dann sollte man genauso darüber sprechen dürfen wie über eine Blasenentzündung oder einen grippalen Infekt. Wo ist der Unterschied? Alles sind heilbare Erkrankungen, die einen arbeitsunfähig werden lassen können. Angeblich – bei der Depression habe ich mittlerweile so meine Zweifel bezüglich der Heilbarkeit, immerhin scheine ich seit meiner Jugend immer mal wieder depressiv zu sein.

Eine Autismus-Spektrum-Störung (soweit ich auf dem Laufenden bin, soll man das Wort Störung nicht mehr benutzen – in Ermangelung einer zufriedenstellenden anderen Bezeichnung bleibe ich aber dabei) ist zwar weder eine Erkrankung noch ist sie heilbar. Trotzdem denke ich, dass es, zumindest für mich, unabdingbar ist, offen damit umzugehen. Ich glaube, dass ich nicht mehr versuchen sollte mich an eine Arbeitsstelle anzupassen. Das hat Zeit meines Lebens bisher nicht geklappt. Es ist wichtig, dass ein zukünftiger Arbeitgeber weiß wo meine Schwierigkeiten liegen, wenn ich denn irgendwann in der Zukunft (hoffentlich bald) fähig sein werde wieder einer Teilzeit-Erwerbsarbeit! nachzugehen. Mir ist inzwischen klar, dass ich wahrscheinlich niemals genügend Energie haben werde, um ganztags arbeiten gehen zu können. Ich arbeite daran, das nicht mehr als persönliches Lebensversagen zu sehen, sondern als nachvollziehbare Folge meines Autismus. Und dass ich unbedingt eine Stelle finden muss, bei der sich die Rahmenbedingungen an meine Bedürfnisse anpassen lassen. Damit ich gesund bleiben kann – soweit ich das wieder werde.

Ich hoffe, die Zusammenhänge kann ich der Sachbearbeiterin von der Rentenversicherung verständlich erklären, wenn ich das nächste Mal zu einem Beratungsgespräch über meine berufliche Zukunft eingeladen werde. Das letzte Mal verlief nämlich denkbar irritierend. Ich bekam als für mich passende berufliche Rehabilitationsmaßnahme vorgeschlagen, in dieses berufliche Trainingszentrum zu gehen. Der „Erwerb von Schlüsselqualifikationen, die Steigerung der Belastbarkeit und das (Wieder-) Erlernen des Rollenverhaltens“ (Quelle) als seelisch erkrankter Arbeitnehmer stehen im Vordergrund des mir anempfohlenen Trainings. Dort solle ich dann mittels Kursen aus den Themenbereichen

  • Büroorganisation
  • Schriftverkehr
  • PC-Kenntnisse
  • Computertechnik
  • Grundkenntnisse der Verwaltungsorganisation
  • Grundkenntnisse der Buchhaltung
  • Grundkenntnisse des Personalwesens
  • Mediengestaltung (Quelle)

eine Lösung für meine berufliche Situation finden. Zudem gäbe es laut Sachbearbeiterin ein Anpassungstraining in der Gruppe, bei der ich soziale Kompetenz erlernen könne. Auf meine Frage, ob sich die Fachkräfte dort auch mit Autismus auskennen würden erhielt ich die Antwort: Betreut werde man von Sozialpädagogen. Ein sehr wichtiger Baustein der Maßnahme seien möglichst viele betriebliche Praktika. Ganztags, in wechselnden Betrieben und in der Werkstatt. Wegen des weiten Anfahrtsweges könne ich während der Woche im dortigen Gästehaus logieren. Vor Beginn dieser Maßnahme müsse ich jedoch erst noch einen Erwerbsminderungsrentenantrag stellen, davor könne sie gar nichts für mich tun. Aber das ginge nicht bei ihr, sie sei für diesen Antrag nicht zuständig.

Ich frage mich, inwiefern mir diese Maßnahme in meiner gesundheitlichen Situation und hinsichtlich meiner bereits vorhandenen beruflichen (Über)qualifikation als Steuerfachangestellte und Bildungswissenschaftlerin etwas Positives bringen soll. Ich hoffe wirklich, diese Beratungsgesprächsergebnisse sind nur dem fehlenden Wissen der Sachbearbeiterin über Autismus mit der Komorbidität Depression zuzuschreiben. Ich hoffe, Mitarbeiter in Ämtern und Behörden sind nicht lernresistent und durch zunehmende Verbreitung von Wissen über Autismus und Depressionen kann nicht nur ich zukünftig hoffentlich zielführender beraten werden. Auch deshalb scheint es mir imho sehr wichtig, offen mit meinen Diagnosen umzugehen.

Übrigens: Den Erwerbsminderungsrentenantrag habe ich bisher nicht gestellt. Und jetzt verschwinde ich wieder eine Zeitlang auf dem Sofa.

 

 

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TKSI – unbedingt empfehlenswert, zumindest für mich

Ende nächster Woche ist mein Aufenthalt in der TKSI zu Ende. Inzwischen funktioniere ich im Rahmen der Tagklinikstrukturen wieder ganz gut. Ob das ein stabiler Zustand sein wird, kann nur der Alltag und die Zukunft zeigen. Da ich die Diagnose rezidivierende Depression mitnehme, ist davon auszugehen, dass mich irgendwann im Leben wieder eine schwerere Depression einholen kann. Muss ich halt schneller sein – wenn es denn so einfach wäre. Aber ich habe in der Klinik das Wissen erlernt, um mitzubekommen, wenn Gefahr im Verzug ist und ich auf mich aufpassen sollte. Dazu habe ich jetzt ein Instrumentarium, das mir hilft, meine Grenzen zu akzeptieren; mit meiner Energie achtsam umzugehen; mir genügend Zeit und Raum zur Erholung zu lassen; die Haltung: „Zuerst die Arbeit und dann (vielleicht, wenn Zeit ist) das Vergnügen“ aufzugeben; meinen Perfektionismus mit Abstand zu betrachten und zu versuchen, auch manchmal Unperfektes zuzulassen; mich für Leistungen zu belohnen – geübt habe ich das alles bereits. Jetzt muss ich das Ganze noch in meinen zukünftigen Alltag integrieren.

Dem für mich wichtigsten Ziel, der Entwicklung einer längerfristigen beruflichen Perspektive, bin ich sehr viel nähergekommen. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Sozialdienstes der TKSI habe ich die Aussicht darauf, in absehbarer Zukunft wieder eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu haben. Genauer gesagt sieht es sogar so aus, als könne ich zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählen. Ich bin noch am Abwägen, welcher Möglichkeit ich den Vorzug geben sollte und ob nicht sogar beide Möglichkeiten miteinander zu vereinbaren wären. Die eine Möglichkeit ist eine Anstellung bei auticon als IT-Consultant im Software-Testing Bereich. Die andere eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU. Eine dritte Möglichkeit kann sich eventuell noch in Regensburg ergeben, wobei ich meine Kenntnisse aus dem Masterstudium einsetzen könnte. Was mich besonders bei allen drei Möglichkeiten begeistert ist, dass ich definitiv nichts mehr mit Verwaltung, Buchhaltung und allgemeinen Bürotätigkeiten zu tun hätte, von vornherein klar wäre, dass ich Autistin bin und die Rahmenbedingungen wesentlich passgenauer meine bisherigen autismusbedingten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz abfedern könnten. Bei allen drei Möglichkeiten könnte ich Stärken einsetzen, die ich bisher nie umsetzen habe können. Ich scheine nämlich der geborene Fehlerfinder zu sein, Fehler im System oder in Programmen oder in Texten fallen mir schon seit jeher auf. Ich finde es lustig, dass man tatsächlich damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann, auf alles zu klicken und dann rückzumelden, dass etwas nicht funktioniert oder falsch ist. Das mache ich sowieso ständig, hatte mir damit aber bisher eher keine Freunde gemacht. Die Überprüfung großer Datenmengen macht mir Spaß. Außerdem bin ich wirklich gut darin, passgenaue Literatur zu einem autodidaktisch zu erarbeitenden Thema zu finden, wissenschaftliche Texte zu redigieren bzw. zu schreiben und Vorträge zu gestalten – nur halten muss sie jemand anderes.

Was meine absoluten Stärken sind, wusste ich bereits als Jugendliche und damals wusste ich auch, welcher Beruf passend für mich wäre. Ich wollte Lektorin werden und irgendwann vielleicht einmal selbst Schriftstellerin. Jemand sein, der sehr viel lesen darf und damit am besten von zu Hause aus Geld verdient. Der im Hintergrund die Fehler findet, Geschriebenes besser macht, der mit Sprache umgeht, recherchiert, lebenslang eigenständig lernt. Leider scheiterte ich damals, weil ich nicht fähig war, ein Studium zu schaffen. Und in der Folge verlor ich mein Ziel aus den Augen wegen der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Also wurde ich mangels anderer Möglichkeiten Steuerfachangestellte. Verbrachte Jahre in diversen Büros, stets krank werdend.

Es ist schade, dass ich erst ein halbes Jahrhundert alt werden musste, um meine eigentlichen Begabungen einsetzen zu dürfen. Und erst durch die Autismus-Diagnose erkannt habe, was falsch lief und weshalb ich immer und immer wieder im Arbeitsleben scheiterte. Aber wenigstens habe ich jetzt endlich die Chance, doch noch erfolgreich zu sein. Und mir ist sehr bewusst, welchen maßgeblichen Anteil die Unterstützung in der TKSI daran hat. Für mich war mein Aufenthalt in der TKSI eine der besten Ideen, die ich in letzter Zeit hatte. Klar war nicht alles, was ich dort erlebt habe, durchgängig toll. Es gab anfangs ein gewisses organisatorisches Eröffnungs-Chaos, es gab immer wieder Termine, die kurzfristig ausfielen, weil beispielsweise Mitarbeiter erkrankten und keine Vertretung gefunden wurde. Aber was durchgängig zu spüren war: Ich wurde als Person mit all meinen individuellen Schwierigkeiten stets wertgeschätzt und es wurde mit allen verfügbaren Ressourcen versucht, mir sofort und möglichst umfassend zu helfen. Deshalb geht mein tiefempfundener Dank an die Menschen, die mich die vergangenen Wochen dort unterstützt haben und auch in Zukunft noch unterstützen wollen.


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TKSI – Emotionserkennung-Update

Mittlerweile trainiere ich seit einigen Wochen mit Hilfe einer Trainings-Software (SCOTT) das Erkennen von Emotionen. Inzwischen habe ich bei allen drei Spielen das Level 3 erreicht. In einem vorherigen Blogbeitrag hatte ich mich über vermeintliche Bugs im Programm ausgelassen.

In der vergangenen Woche ist mir aufgefallen, dass ich mich geirrt habe. Ziemlich peinlich, das hier schreiben zu müssen, aber ich habe scheinbar die Anleitung bei dem Spiel Stimme zu Gesicht und Emotion zuordnen falsch verstanden. Immer noch fällt mir dieses Spiel am Schwersten. Letzte Woche hatte ich dann ein Aha-Erlebnis: Es kommt gar nicht auf den Inhalt des Gesagten an – die Anleitung stimmt insofern, als dass man den Inhalt sogar aktiv ausblenden muss, weil die Lösung sonst zu absurd ist. Einzig wichtig für die korrekte Lösung sind Mimik und Tonfall der Stimme, der Inhalt ist teilweise sogar irreführend. Ich komme mir jetzt ziemlich doof vor, weil ich Wochen dafür gebraucht habe, die Erkenntnis, dass Tonfall, Inhalt und Mimik nicht zusammenpassen, auch tatsächlich umzusetzen und zu begreifen, was das für die richtige Lösung bedeutet. Und weil ich die Spielanweisung, man soll den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen so gründlich missverstanden habe. Ich dachte bei Stimme nur an den Inhalt des Gesagten. Auch jetzt fällt es mir unglaublich schwer, den Inhalt auszublenden. Es ist und bleibt komisch, wenn der korrekte Emotionsbegriff zu dem Satz: „Die Wohnung liegt im zweiten Stock und hat einen Aufzug“ wehmütig ist.

Beim Gesichter Puzzle habe ich es inzwischen geschafft, die 5400 Punktehürde zu meistern. Allerdings nicht, weil ich mich tatsächlich darin verbesserte, die Mimik zu erkennen. Nach fortwährendem Frustrationserleben stand ich vor der Entscheidung, aufzugeben und zu akzeptieren, dass ich hier scheinbar nicht weiter lernfähig bin oder eine andere Lösung zu finden. Also schaute ich mir die jeweiligen Gesichtsober- und -unterteile nochmals genauer an. Sie unterschieden sich beispielsweise in der Ausleuchtung und damit in der Gesichtsfarbe. Falls das nicht der Fall war, behalf ich mir mit dem Vergleich, wieviel vom Ohrläppchen zu sehen war oder wie die Kopfneigung der jeweiligen Sequenz verlief. So war es relativ einfach, die passenden Einzelteile zusammenzusetzen. Das hat natürlich überhaupt nichts mit Emotionserkennung zu tun.

Auf der Bestenliste rangiere ich immer noch nur im Mittelfeld. Scheinbar habe ich wieder die Grenze meiner derzeitigen Fähigkeiten erreicht. Auch bei den Filmsequenzen erreiche ich keine höhere Punktzahl mehr. Im Moment bin ratlos und weiß nicht, was ich noch tun kann außer wieder und wieder zunehmend frustriert die Spiele auf Level 3 zu spielen und zu hoffen, dass ich nochmals eine Eingebung haben werde oder es doch noch zu einer Verbesserung meiner Fähigkeiten durch die Übung kommt.

Manchmal kann ich mir ein Lachen während der eineinhalb Stunden KTT (kognitive Testung und Training) einfach nicht verkneifen, weil die richtigen Lösungen in meinem Augen seltsam bzw. absurd erscheinen. Gleichzeitig bin ich traurig, weil mir durch das Training sehr deutlich vor Augen geführt wird, wo genau ein Teil meiner Defizite liegt. Einesteils freue ich mich darüber, endlich zu wissen, woran es liegt, dass sich fortwährend kommunikative Missverständnisse durch mein Leben ziehen. Aber ich vermisse andernteils auch den selbstzufriedenen Zustand der Unwissenheit vor der Diagnose. Es war so viel einfacher davon auszugehen, meine Mitmenschen verstünden mich deshalb nicht, weil sie größtenteils anscheinend begriffstutzig sind und nicht genau hinhören. Die Erkenntnis, dass nicht meine Mitmenschen doofer als ich sind, sondern es gerade umgekehrt ist, mir wegen meiner Defizite in der Wahrnehmung nonverbaler Kommunikation wichtige Informationen fehlen, die sie haben, ist immer noch bitter.


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TKSI zum Zweiten

Morgen ist der letzte Tag der ersten Woche meines zweiten sechswöchigen Durchlaufes in der TKSI. Mir wurde seitens der Klinik angeboten, meinen Aufenthalt nochmals um sechs Wochen zu verlängern. Dieses Angebot nahm ich gerne an. Ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich nach den sechs Wochen machen soll. Die Struktur in der Klinik tut mir gut. Eine Wiederholung von Inhalten stört mich keineswegs. Das Einzige, was es richtig schwierig macht, sind die neuen Mitpatienten.

Hier bediene ich das Autistenklischee: Ich komme mit Veränderungen nicht wirklich gut klar. Aber auch das gilt nur eingeschränkt, denn trotz meiner Aussage in einem vorherigen Blogbeitrag habe ich meine Essensroutine angepasst. Nachdem ein Mitpatient vorvorletzte Woche fragte, ob ich mit Mittagessen gehen würde, versuchte ich es nochmals mit einem Kantinenbesuch, weil das Wetter so schön war, dass ich draußen essen konnte. Ich trabte hinter ihm her in eine Ecke, die mir vorher gar nicht aufgefallen war. Und siehe da: Es gab eine Salatbar zum Selbermischen nebst laktosefreiem Dressing.  Das Mitschleppen meines laktosefreien Joghurtmüslis erübrigte sich ab diesem Moment.  Seither gehe ich mit meiner großen Salatschüssel auf den Balkon der TKSI und genieße in Ruhe und alleine ein gesundes Mittagessen.

Aus einem weiteren Grund ist ein verlängerter Aufenthalt gut. Vollständig arbeitsfähig fühle ich mich derzeit nämlich definitiv noch nicht. Gestern war ich an meinem Arbeitsplatz, um Schlüssel zurückzugeben und meine Sachen abzuholen, da mein Arbeitsvertrag Anfang Juni endet. Ich habe es glaube ich geschafft, diese halbe Stunde normal zu wirken, aber es war anstrengend und ich hätte nicht mehr lang durchgehalten. Dadurch, dass mir mittlerweile die Bedeutung und der Nutzen von Smalltalk bewusst ist und ich in den letzten Wochen genügend Zeit zum Üben hatte, fiel mir auch das relativ leicht. Immerhin hat meine zukünftige Exchefin mir gegenüber geäußert, dass sie sich freut, dass es mir wieder so gutgeht. Die Außenwirkung war demnach in Ordnung, meine Fassade hatte wohl keine sichtbaren Risse. Hoffe ich, denn wissen kann ich es nicht. Ich bin darauf angewiesen zu glauben, was sie mir sagt. Ein Kollege, der ebenfalls anwesend war gab mir den Rat mit auf den Weg, mir für die Zukunft eine Arbeitsstelle zu suchen, bei der ich nicht so oft in Kontakt zu anderen Menschen komme. Er meinte, dass die Bereiche, in denen ich gut gewesen sei leider nur einen sehr kleinen Teil der Stelle ausgemacht hätten. Mir ist klar, dass er recht hat, trotzdem hörte sich das nicht schön an. Jetzt weiß ich nicht, ob die Traurigkeit wegen dieser Aussage der Depression geschuldet ist. Im Grunde ist es egal, die Rahmenbedingungen der Arbeitsstelle haben nicht gepasst, weswegen ich krank geworden bin, also muss die nächste Stelle eine sein, bei der die Rahmenbedingunen besser passen.

Autismus, Depression und alles, was damit einhergeht, wie Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit und die psychosomatischen Reaktionen hängen miteinander zusammen. Wobei sie sich gegenseitig beeinflussen. Meine Überlegung ist: Wenn in mein Leben wieder Ruhe eingekehrt ist, ich eine Arbeitsstelle gefunden habe, genügend Zeit zum Eingewöhnen vergangen sein wird und die Unsicherheit der Probezeit oder eines befristeten Vertrages vorbei sein wird, dann wird es mir psychisch und in der Folge auch somatisch bessergehen. Die zusätzlich geschenkte Zeit in der TKSI kann ich dafür nutzen, die berufliche und die gesundheitliche Situation zu klären.

Mir wurde empfohlen, mit Hilfe eines Neuroleptikums meine Reizbarkeit und Reizsensitivität zu dämpfen. Danach hätte dann die Depression ebenfalls nochmals medikamentös behandelt werden können. Nach knapp zwei Wochen Medikamenteneinnahme hatte ich wie bei meinem ersten Versuch mit Antidepressiva etliche unschöne Nebenwirkungen. Ich war mir nicht sicher, auch eine dämpfende Wirkung zu verspüren. Wahrscheinlich wurde die jedoch von den Nebenwirkungen überdeckt. Ich empfand es als überaus positiv, dass meine Ärztin meine Bedenken und Überlegungen zu der Medikamenteneinnahme ernst nahm und auf meine Einwände und Befürchtungen einging. Sie betonte auch, dass die Entscheidung, Medikamente einzunehmen immer bei mir läge. Sie würde mich nach Kräften unterstützen. Wir kamen überein, dass ich außer Schmerzmitteln (wegen einer Schulterverletzung habe ich Schmerzen) nichts mehr nehmen werde. Denn meine Überlegung war: Ein Neuroleptikum kann ich maximal 3 Jahre lang einnehmen, währenddessen passt sich mein Gehirn über Rezeptorenvermehrung und Sensitivierung an, um den Ursprungszustand wiederherzustellen (so ganz stimmt das medizinisch scheinbar nicht, meine Ärztin sagte aber ganz offen, dass nicht klar ist, was genau im Gehirn abläuft und wie die Medikamente tatsächlich wirken). In dem Moment, wo ich die Medikamente dann absetzen muss, holt mich wegen des wiederum entstehenden chemischen Ungleichgewichtes im Gehirn die Depression vielleicht wieder ein und zusätzlich wäre ich eine Zeitlang noch reizoffener als anfangs. Eine ungute Kombination, die eventuell dann dazu führen könnte, dass ich meine Arbeitsstelle gefährde, die ich bis dahin gefunden zu haben hoffe. Weil der Nutzen durch die Medikamente für mich nur kurzfristig ersichtlich ist und ich nicht genau feststellen konnte, ob sie tatsächlich wirken, habe ich beschlossen, lieber keine zu nehmen.

Zum Glück habe ich bereits einen Psychotherapieplatz, so dass ich nach dem Klinikaufenthalt nahtlos eine Verhaltenstherapie machen kann, die mir dabei helfen wird, mit den alltäglichen Schwierigkeiten und den Problemen, die eine Depression mit sich bringt, umgehen zu können. Beides: Therapie und stabile Arbeitsstelle sollten meinem Leben so viel Struktur geben, dass die Depression abklingt, damit einhergehend die Reizoffenheit weniger wird und in der Folge Schlafstörungen und psychosomatische Stressreaktionen verschwinden.

Das klingt nach: Alles wird gut. Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass die körperlichen Probleme ebenfalls behandelt werden, denn die Schulterverletzung ist nicht von selbst ausgeheilt. Hier steht noch eine Abklärung bzw. eine erfolgreiche Behandlung an. Denn solange ich Dauerschmerzen habe, ist mein Stresslevel erhöht. Wobei die Schmerzen wiederum die Depression verstärken. Also ist ein wichtiger Schritt im Moment, die Schmerzen loszuwerden. Und eine neue Stelle oder eine finanzielle Lösung zu finden. Klingt nach einem guten kurz- bis mittelfristigen Plan, den ich die kommenden Wochen verfolgen werde. Und die neuen Mitpatienten werden in fünf Wochen gewohnte alte Mitpatienten für mich sein, genau wie beim ersten mal. Es besteht eine echte Chance auf: Alles wird gut.


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Neue Medien – Saugut Präsentieren, Entwicklung eines Vodcasts zum Thema Foliengestaltung

Ich interessiere mich schon sehr lange für Pädagogik, Psychologie und E-Learning. Deshalb studiere ich seit 2014 an der FernUniversität Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien: eEducation. Mein liebstes Hobby ist und bleibt studieren. Auch wenn ich jetzt ein Jahr lang überlastungsbedingt pausieren musste. Im Moment denke ich über ein neues Medienprojekt nach. Wie in etwa ein solches Projekt aussehen kann, ist am besten anhand eines Beispiels zu erklären. Ein E-Learning-Projekt, das ich im Rahmen meines Studiums bereits umgesetzt habe, ist folgender Vodcast zum Thema (PowerPoint)-Foliengestaltung mit Hilfe der Gestalttheorie:

Da die Evaluation abgeschlossen ist, kann man nicht mehr an der Umfrage teilnehmen, die am Ende erwähnt wird. Zu so einem Projekt gehört bei einem Studium natürlich auch eine ganze Menge Theorie. Das klingt jetzt für den ein oder anderen vielleicht langweilig. Mir aber macht es tatsächlich sehr viel Spaß, solche wissenschaftlichen Arbeiten zu schreiben oder Fragebögen zu konstruieren und die erhobenen Daten auszuwerten. Hier können Interessierte den theoretischen Hintergrund, die Entstehung des Fragebogens als Evaluationsinstrument und die Ergebnisse der Evaluation des Vodcasts nachlesen:

M3_Hausarbeit_SWB_oeffentlich

Am Liebsten würde ich meine ganze Zeit darauf verwenden, nur noch solche Projekte durchzuführen. Und wissenschaftliche Arbeiten in den Themengebieten, die mich interessieren zu schreiben. Oder für andere Präsentationen zu gestalten und Vorträge zu konzipieren – nur halten mag ich sie nicht selbst. Irgendwo in einem kleinen Büro sitzen, ohne Telefon und möglichst unauffindbar, so dass niemand aus Versehen bei mir anklopft. Und am besten damit dann auch noch mein Geld verdienen.


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Autismus und Nachteilsausgleich an der FernUniversität Hagen – ein Update

Ich habe mich größtenteils bemüht, den Erwartungen soweit es mir möglich war, zu entsprechen und mich anzupassen. Einfach nur ein normales, erfolgreiches Leben zu leben, wie alle andern um mich herum, die das anscheinend ohne größere Schwierigkeiten machten. Ich habe die Welt um mich herum beobachtet und mich gefragt, wo der Zauber ist, wieso die anderen sich augenscheinlich so leicht tun und wieso ich so wenig von diesem Zauber abbekommen habe. Ich habe mich so sehr bemüht, es genauso zu machen und mich wie die anderen zu verhalten.

Ich habe studiert. Aber ein Studium zu beenden, gelang mir nur dank der Unterstützung durch meinen Ehemann und erst im Alter von 50 Jahren. Er half mir, es zu strukturieren und Termine einzuhalten. Mein jetziges Masterstudium an der FernUniversität Hagen hatte ich gewählt, weil es ein reines Online Studium ist und ausschließlich schriftliche Abschlußarbeiten verlangt werden, so dass die Belastung durch Sozialkontakte minimiert ist. Aber trotzdem musste ich überlastungsbedingt ein Jahr lang die Bearbeitung meiner Module abbrechen. Ob es mir je gelingen wird, dieses Masterstudium abzuschließen, weiß ich nicht.

Eine Möglichkeit dazu hatte ich in einem Nachteilsausgleich gesehen, der mir aber nicht gewährt wurde. Auch ein Widerspruch half nicht. Begründet wurde die Ablehnung damit, dass ich keine körperliche Beeinträchtigung habe. Meine geistige Leistungsfähigkeit selbst ist beeinträchtigt, nicht nur die technische Umsetzung meiner geistigen Leistungsfähigkeit.

Mein Autismus ist laut Prüfungsamt eine persönlichkeitsbedingte Eigenschaft, eine Veränderung der Prüfungsanforderungen würde bei einer solchen generellen Einschränkung der Leistungsfähigkeit den Aussagewert des Ergebnisses der Leistungskontrolle verfälschen. So eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit sei nicht ausgleichbar und dürfe schon wegen der Chancengleichheit nicht ausgeglichen werden. Krankheitsbedingte Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit können aus Gründen der Chancengleichheit keinen Anspruch auf Schreibzeitverlängerung begründen. Solche Einschränkungen sind Mitbestandteil des durch die Prüfung zu belegenden Leistungsbildes. Wenn sich eine persönlichkeitsbedingte, generelle Einschränkung der psychischen Leistungsfähigkeit im Prüfungsergebnis negativ niederschlägt, wird dadurch der Aussagewert der Prüfung nicht verfälscht. Meine Reizfilterschwäche und meine Priorisierungsschwierigkeiten gehören ebenso zu dieser persönlichkeitsbedingten psychischen Einschränkung meiner Leistungsfähigkeit.

Das Prüfungsamt verweist darauf, dass ich diese Einschränkungen meiner Leistungsfähigkeit bereits seit der frühen Kindheit habe und trotzdem die Modulprüfungen bisher mit sehr beachtlichem Erfolg absolviert habe. Im Folgenden wird ein Nachteilsausgleich auch wegen meiner bisherigen sehr guten Noten abgelehnt, die im Einzelnen aufgelistet werden. Ich frage mich nun, ob ich dafür bestraft werden soll, so gute Noten zu haben – würde mir ein Nachteilsausgleich zustehen, wenn ich schlechte Noten hätte?

Das Prüfungsamt weist mich außerdem auf die Möglichkeit einer Verlängerung der Bearbeitungszeit auf der Grundlage einer Krankschreibung hin und einen Satz später dann darauf, dass dies eine Kulanzregelung ist. Ich verstehe das jetzt so, dass ich zwar keinen offiziellen Nachteilsausgleich in Form einer Zeitverlängerung bei bekomme, aber ich mich nur einfach krankschreiben lassen soll, um sie trotzdem inoffiziell zu erhalten. Mir würde es nicht in den Sinn kommen, mich krankschreiben zu lassen, wenn ich nicht krank bin, mal ganz abgesehen davon, dass ein Arzt das gar nicht machen darf – ich halte mich an Regeln und gehe davon aus, dass es andere auch tun. Ich frage mich, wo hier die Chancengleichheit bleibt, vielleicht kommen Nichtautisten von selbst auf diese Idee und nur ich als Autistin bin nicht darauf gekommen und muss durch das Prüfungsamt darauf hingewiesen werden?

Eine Umwandlung der mündlichen Verteidigung der Masterthesis ist laut Prüfungsamt deshalb nicht möglich, weil das Modulhandbuch explizit eine mündliche Prüfung verlangt und eine Modifizierung den Grundsatz der Chancengleichheit verletzen würde. Eine Begleitperson darf ich nicht mitbringen, weil eine mündliche Prüfung nicht öffentlich stattzufinden hat und es (schon wieder) den Grundsatz der Chancengleichheit verletzen würde, wenn ich eine Begleitperson mitbrächte, weil das zu ungleichen äußeren Prüfungsbedingungen führen würde. Auch zusätzliche Pausen werden mir in der mündlichen Prüfung nicht gewährt, weil zwischen der 15 bis 20-minütigen Präsentation der Masterarbeit und der anschließenden 10-minütigen Präsentation des E-Portfolios und den darauf folgenden Fragen der Prüfer (hier wird keine Zeitangabe gemacht – das kann also individuell unterschiedlich lange dauern) bereits kurze Pausen vorgesehen sind. Zusätzliche Pausen – insbesondere Pausen außerhalb des Prüfungsraumes würden – wen überrascht es noch? – die Sicherstellung der Chancengleichheit beeinträchtigen. Eine reizarme Prüfungssituation läge schon deshalb vor, weil ich die Modulabschlussarbeiten zu Hause schreiben kann. Die mündliche Prüfung kann auch als Videokonferenz durchgeführt werden, damit wäre sie dann auch unter reizarmen Bedingungen absolvierbar – immerhin. Ich soll mich zu gegebener Zeit an die jeweiligen Prüfer direkt wenden. Das Prüfungsamt schlägt mir für  Gruppenarbeiten und zur Anfertigung von schriftlichen Protokollen bei Videokonferenzen eine Studienassistenz vor, schreibt aber auch, dass ich ja gar keine Gruppenarbeiten mehr machen muss in den verbleibenden Modulen. Leider kann sich im Prüfungsamt offenbar keiner vorstellen, dass eine Studienassistenz bei einem Fernstudium und meinen autismusbedingten Schwierigkeiten keine Lösung meiner Probleme darstellt. Mal ganz abgesehen von der Finanzierung oder auch nur der Organisation einer Studienassistenz, die mich überfordern würde – aber dafür ist schließlich das Prüfungsamt nicht zuständig. Leider scheint die Behindertenbeauftrage ebenfalls (in meinem Fall) nicht dafür zuständig zu sein, denn sie empfahl mir in ihrer E-Mail zwar ebenfalls eine Studienassistenz, das war es aber dann auch an erfahrener Hilfestellung von dieser Seite, für die Realisierung ihres Vorschlages sei sie nicht zuständig.

Mir drängt sich insgesamt bei der Begründung des Widerspruchsbescheides die Karikatur der Chancengleichheit mit dem Prüfer auf, vor dem ein Flamingo, ein Pinguin, ein Affe, ein Elefant, ein Goldfisch im Glas und ein Hai stehen, die alle die Aufgabe bekommen, auf den nebenstehenden Baum zu klettern.

Zusammenfassend muss ich sagen: Ich empfehle keinem Autisten an der FernUniversität Hagen zu studieren, wenn er einen Nachteilsausgleich benötigt, um erfolgreich sein Studium zu absolvieren.


Ein Kommentar

TKSI – Emotionserkennung

Das kognitive Training am PC zur Emotionserkennung, das ich seit zwei Wochen mache, ist interessant und erstaunlich anstrengend. Dieses Tool wird dazu verwendet: http://www.scott-training.de/#  Es scheint ein Trainingsprogramm zu sein das nach einer Evaluation überarbeitet wurde. Demnächst soll es in einer neuen Version erscheinen. Grundsätzlich scheint es die Emotionserkennung bei Autismus positiv beeinflussen zu können – zumindest innerhalb meiner autistischen Begrenzungen.

Es gibt jeweils drei Level in jedem der drei angebotenen Spiele. Ein höheres Level schaltet man nach dem Erreichen von fünf Prämien frei. Ein Spiel beinhaltet zwischen fünf und zehn Durchgänge. Das Spiel ist durch relativ unlangweilig und der „pädagogische Zeigefinger“ ist wenig sichtbar. Was mich stört, sind die grafische Aufmachung und die immer wieder eingeblendeten „hilfreichen Hinweise“. Ich denke wirklich nicht daran, nach zweimaligem Lesen der Hilfefunktion diese noch ein weiteres mal aufzurufen. Und es ärgert mich, wenn ich immer wieder von einem Männchen mit Baseballkappe betont jugendfrisch lässig freundlich dazu aufgefordert werde, das in einem Fenster in mehr oder minder regelmäßigen Abständen erscheint. Ich müsste  mitzählen, wie oft dieses Fenster aufpoppt, meiner Vermutung nach passiert es nach fünf Fehlversuchen. Neben der Hilfe gibt es noch die Möglichkeit, Tipps zu erhalten oder einen Joker einzusetzen, was jedoch zu Punktabzug führt. Da ich Spiele grundsätzlich ohne solche Cheatmöglichkeiten spiele, setze ich sie nicht ein. Abgesehen von der nicht unbedingt zielgruppengerechten Aufmachung und den irritierenden Kommentaren, die nicht zur Leistung passen, finde ich dieses Serious Gaming Tool zur Emotionserkennung ziemlich gut umgesetzt.

Anfangs hatte ich nur geraten, inzwischen muss ich aber nur noch bei neuen Spielen und differenzierteren Emotionen die Lösung durch Versuch und Irrtum herausfinden. Emotionale Bezeichnungen wie heiter und angeekelt oder traurig und überrascht kann ich mittlerweile ziemlich gut auseinander halten und korrekt dem Gesichtsausdruck zuordnen. Weil sich die Aufgaben wiederholen, habe ich spätestens nach dem dritten Durchgang die richtigen Lösungen auswendig gelernt. Meine Punktzahl hat sich so nach nur einer Woche verdoppelt. Ich hoffe jetzt, dass trotzdem ein Lerneffekt einsetzt und etwas hängenbleiben wird bei den vielen bewegten Bildern von Gesichtern, die Emotionen ausdrücken. Wenig Verbesserung ist immerhin mehr als gar keine Verbesserung. Ich bin dankbar für jeden Fortschritt.

Immerhin habe ich bereits gelernt, relativ sicher die Basisgefühle Angst, Freude, Ekel, Trauer, Wut, Verachtung und Überraschung anhand der Unterschiede bei Augen- und Mundpartie auseinanderzuhalten. Meine Strategie des Auswendiglernens und die Tatsache, dass die Darsteller im Spiel alles Schauspieler sind, die die Emotionen übertrieben darstellen, dürfte meine Transferleistung aber ziemlich einschränken. Ich vermute nämlich, dass die Leute in der realen Welt nicht genau dieselben Gesichtsausdrücke haben, schon weil es nicht dieselben Gesichter sind. Die Wahrscheinlichkeit, genau diesen Schauspielern zu begegnen, schätze ich als sehr gering ein. Und jedesmal, wenn im Spiel neue Gesichter kamen, hatte ich zuerst, bis auf zufällige Treffer so ziemlich alles falsch.

Beim Gesichter Puzzle habe ich jetzt immerhin Level 3 erreicht – aber seither stagniert es, ich komme einfach nicht über die Punktehürde. Vier verschiedene Gesichtsoberteile zu den jeweiligen Unterteilen zusammenzusetzen plus danach noch die zugehörigen Gefühle korrekt zuzuordnen, und das über fünf Durchgänge pro Spiel mit insgesamt maximal 10 Fehlversuchen ist wirklich schwierig. Besonders, weil sich bei Level 3 die Gesichtsausdrücke nicht mehr diametral unterscheiden. Die Unterschiede zwischen sehnsüchtig, wehmütig, melancholisch, vergebend und verliebt sind nämlich wirklich nicht einfach zu erkennen. Wenn man es geschafft hat, die Gesichter passend zusammenzusetzen, gucken die Schauspieler aber häufig auch dermaßen ähnlich oder die angebotenen Emotionskärtchen passen meines Erachtens so gar nicht zu den Gesichtsausdrücken, dass ich zu viele Fehler mache und bisher im dritten Level noch keinmal ein komplettes Spiel lösen konnte. In Level 1 muss man das Ganze nur mit zwei Gesichtern und drei angebotenen Emotionen machen, in Level 2 dann mit drei Gesichtern und fünf Emotionen und ab Level 3 dann mit vier Gesichtern und sieben Emotionsbegriffen. In Level 1 hat man also die meisten Chancen, die Aufgabe durch pures Glück oder per Ausschlussverfahren zu lösen. Wie gesagt, seit Level 3 komme ich nicht mehr weiter, ich scheitere an der 5400 Punkte Hürde und an den maximal erlaubten Fehlversuchen.

Das demotiviert mich inzwischen ziemlich. Außerdem stört mich, dass die dargestellten Emotionen bei den vier Gesichtern nicht synchron jeweils von vorne abgespielt werden. Am Ende einer Sequenz erscheint immer ein Pixelmuster, das demnach zeitversetzt über alle vier Gesichter läuft. Da die Gesichter auf dem Bildschirm relativ nah nebeneinander positioniert sind, irritiert mich das unglaublich, weil ich es nicht schaffe, konzentriert nur ein Gesicht zu betrachten. Leider kann man das Fenster auch nicht vergrößern. Dazu kommt, dass die Emotionskarte ganz rechts bei sieben Karten abgeschnitten dargestellt wird und sich mit der Maus nicht in das Feld des Gesichts ganz rechts ziehen lässt, was zu etlichen ungewollten Fehlversuchen führt, wenn man die linke Maustaste zu früh loslässt. Diese Fehler beeinträchtigen den Spielspaß und die Konzentration nicht unerheblich und strengen mich sehr an.

Die Filmsequenzen, die man zusammensetzen muss werden ebenfalls im Level 2 – weiter habe ich es nicht geschafft – anzahlmäßig mehr und außerdem gibt es im zweiten Level Filmchen komplett ohne Text, das macht die Bestimmung der richtigen Reihenfolge echt schwer, weil ich mich nicht mehr am Inhalt des Gesagten orientieren kann. Außerdem wiederholen sich die Filme und man muss für die Lösung der Aufgabe stets von Neuem alle Filmsequenzen in kompletter Länge von vorn ansehen, damit das Schlosssymbol verschwindet und man die Aufgabe lösen darf. Das nervt spätestens nach dem zweitenmal ziemlich – zumindest mich, weil es unnötig aufhält – ich weiß ja bereits, wie es weitergeht und außerdem langweilt es mich. Bei diesem Spiel ist es für mich noch einfacher, mir die richtige Lösung zu merken. Die Regel für die Auswahl der korrekten Abschlussfrage ist, immer die abgeschwächte Version mit weniger Adjektiven zu wählen und die zwei Möglichkeiten auszuschließen, die im Film nicht erwähnte Details beinhalten oder sichtlich abwegig sind.

Beim Spiel Stimme zu Gesicht zuordnen habe ich ebenfalls nur das Level 2 erreicht. Dieses Spiel fällt mir am Schwersten. Ich muss die Stimmen mehrfach anklicken und anhören, weil ich mir weder das Gesagte noch den emotionalen Ausdruck im Tonfall merken kann. Ich erkläre mir das damit, dass ich von jeher Schwierigkeiten habe, auditiv etwas zu lernen oder mir mündliche Arbeitsanweisungen zu merken, ich scheine ein rein visueller Lerner zu sein. Im ersten Level konnte ich anhand des Inhaltes des Gesagten den passenden Emotionsbegriff zuordnen. Aber ab Level 2 haben die Entwickler des Games Bugs eingebaut – manche Gesichtsausdrücke passen meines Erachtens wirklich nicht zum Inhalt oder Tonfall des Gesagten und dann soll ich Emotionen zuordnen, die überhaupt nicht zum Inhalt des Satzes passen? Die Spielanweisung lautet, man soll die den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen. Erstaunlicherweise war die korrekte Lösung hier jedoch, den Emotionsbegriff passend zum Gesichtsausdruck zu wählen und den Inhalt des Gesagten zu ignorieren, der sowieso weder zum einen noch zum anderen passte. Ich verstehe hier nicht, warum. Denn in der Spielanleitung steht eindeutig, man solle Stimme und Emotion richtig einander zuordnen.

Bei Unklarheiten sollten wir die anderen Gruppenmitglieder fragen. Aber alle, die laut Rangliste besser sind oder ein höheres Level erreicht hatten, gaben an, genau wie ich nur noch zu raten und sich die Lösungen zu merken. Also hat mich diese Nachfrage nicht weitergebracht. Auch einem anderen Gruppenmitglied zuzusehen, das wesentlich höhere Punktzahlen erreicht, demnach also jemand sein dürfte, von dem ich etwas lernen kann, war nicht hilfreich. Ich weiß jetzt noch nicht, wie ich nächste Woche weiter vorgehen werde, um beim Gesichter Puzzle weiterzukommen. Mir bleibt eigentlich nur noch, Tipps oder den Joker zu verwenden, was aber meinen Grundsätzen widerspricht. Ansonsten kann ich die Punktzahl erhöhen, indem ich schneller werde. Mein Ziel für die nächste Woche ist es, überall das Level 3 zu erreichen.