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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Tagklinik – vielleicht doch (k)ein Weg aus der Depression bei Autismus?

Die Tagklinik hilft mir im Moment zwar in einigen Belangen, das Dilemma ist aber, dass mir der Aufenthalt auch schadet. Nach nunmehr fünf Wochen geht es mir zunehmend schlecht, jeweils gegen Ende der Woche häufen sich Vorfälle, die gelinde gesagt unschön sind und bei denen sich meiner Ansicht nach zeigt, dass ich massiv überlastet bin. Vor der Autismus-Diagnose hatte ich hier einmal darüber nachsinniert, ob Büroarbeit mich tatsächlich krankmacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es wohl so sein müsse. Ich denke heute, dass ich mich geirrt habe. Das Problem tritt nicht nur in Büros oder in der Arbeit auf. Den Grund dafür sehe ich in der Menge der Sozialkontakte innerhalb einer bestimmten Zeit. Vielleicht liege ich falsch, aber im Moment ist es die für mich stimmigste Erklärung für das, was immer wieder passiert.

Genau wie 2015 erlebe ich jetzt, dass es mir innerhalb von nur fünf Wochen so schlecht geht, dass ich einfach nicht mehr kann. Und es zeigt sich ein Muster, das ich bisher nur den Rahmenbedingungen in meiner jeweiligen Arbeitsstelle zugeschrieben hatte. Therapie ist Arbeit an sich selbst, findet allerdings in einem geschützten Raum statt, in dem Fachleute tätig sind und Fehler nicht so gravierende Folgen haben, wie in der normalen Arbeitswelt. Nur ging ich davon aus, dass in einer Tagklinik nicht dasselbe passieren kann, wie draußen ohne professionelle „Aufsicht“, was sich wohl als Fehlschluss meinerseits erwiesen hat. Denn ich funktioniere zunehmend nicht mehr.

Von Woche zu Woche verspürte ich einen immer stärker werdenden Widerwillen, morgens in die Tagklinik zu fahren. Das war zwar auch tagesabhängig, weil ich manche Programmpunkte schlichtweg weniger mag als andere, es zeigte sich aber, dass sich dieser Widerwille im Lauf der Woche steigerte. Dagegen steht meine Eigenart, egal wie es mir geht, alle ausgemachten Termine wahrzunehmen, weshalb ich jeden Tag trotz des Widerwillens in die Klinik fahre, weil ich mehrmals wöchentlich neben dem Tagesprogramm auch Einzelgesprächs-, Krankengymnastik- und Massagetermine habe. Obwohl Donnerstag und Freitag meine Lieblingstage in der Klinik sind, war es so, dass sich ausgerechnet an diesen Tagen die unschönen Zwischenfälle häuften. Und zwar von Woche zu Woche ebenfalls in steigender Anzahl. Das reichte von kommunikativen Missverständnissen über meine zunehmende Gereiztheit inklusive Konflikten und zunehmender Erschöpfung bis hin zum Verschlafen von Terminen. Bearbeitet wurden Zwischenfälle in der Regel durch Gespräche mit dem Personal, in denen ich allerdings wohl nicht verständlich machen konnte, was ablief. Denn Anfang letzter Woche erhielt ich zufällig von einer Klinikmitarbeiterin die Rückmeldung, dass das Team der Ansicht sei, mir ginge es besser, weil ich mich mehr integrieren würde, offener sei und Kontakt zu Mitpatienten aufgenommen hätte, mehr in der Klinik angekommen sei.

Ich war im ersten Moment konsterniert und erheblich irritiert, weil mein eigenes Empfinden ein so ganz anderes war. Nach einigem Nachdenken hatte ich dann einen Aha-Moment. So nenne ich die Momente, in denen mir plötzlich Zusammenhänge klarwerden und ich etwas begreife, das ich mir vorher nicht hatte erklären können. Mir wurde klar, warum meine Selbstwahrnehmung sich so diametral von der Fremdwahrnehmung unterschied. Ich tat auch in der Tagklinik genau das, was ich bereits mein Leben lang tue und darin Perfektion entwickelt hatte: Ich erfüllte die Erwartungen, ich passte mich an. Und zwar wie gewohnt bereits wieder weit über meine Grenzen hinaus. Ich funktionierte – und da wo ich es nicht tat, flog ich unter dem Radar.

Nach Außen war ich die engagierte, motivierte Patientin, die scheinbar mit hoher Geschwindigkeit lernte, ihr Verhalten änderte, passgenau zur Zielsetzung einer kognitiven Umstrukturierung. Ab und an hatte diese Patientin zwar Einbrüche, die aber vor dem Hintergrund einer Depressionserkrankung durch die dabei typische emotionale Instabilität erklärbar zu sein schienen. Und ein Muster in den Einbrüchen erkennen offenbar Nichtautisten nicht, obwohl alles digital dokumentiert wird. Somit für jeden, der die Aufzeichnungen ansieht, also das Muster erkennbar sein müsste?

Ich hatte meinen Bezugspersonen mehrfach erklärt, weshalb ich motiviert mitarbeite und mich engagiere – wenn ich schonmal da bin, kann ich auch mitmachen, alles andere macht für mich keinen Sinn. Wenn ich etwas mache, dann möglichst perfekt und vollständig oder eben überhaupt nicht. Ich lerne tatsächlich schnell, ich passte mein Verhalten selbstverständlich den jeweils erhaltenen Informationen an – anfangs gab es deshalb wegen der Salamitaktik des Klinikpersonals in Sachen Patienteninformation noch mehr Schwierigkeiten, aber als ich alle Informationen hatte, alle Regeln kannte und wusste, was in welchen Stunden von mir erwartet wurde, konnte ich auch genau das Verhalten zeigen, das erwartet wurde und nahezu alle Regeln einhalten. Die Einschränkung betrifft stets Regeln, die mir nicht sinnvoll oder kontraproduktiv erscheinen und mir deshalb nicht einsichtig sind.

Allerdings nahm ich zunehmend nicht mehr an Klinikprogrammpunkten teil, bei denen ich die Erfahrung gemacht hatte, dass sie mir schadeten. Ich hatte die Lücken im System erkannt und nutzte sie, ich sagte zu Krankengymnastik- Massage- und Einzelgesprächsterminen, die mir in diesen schädlichen Zeiten angeboten wurden sofort ja. Ansonsten legte ich sie in die therapiefreien Zeiten. Nachdem ich mich bemüht hatte, ab der zweiten Woche mich in einzelnen Pausen dazuzusetzen und sogar mit Mitpatienten zu sprechen, stellte ich diese Bemühungen die letzten zwei Wochen nahezu komplett ein und verschwand in jeder noch so kurzen Pause aus dem Gebäude oder in den Ruheraum. Ich kam wie immer gar nicht auf den Gedanken, jemandem Bescheid zu sagen oder um Hilfe zu bitten, sondern zog mich zunehmend zurück. Ich bekam Angst, wenn mich jemand ansprach und dann, dass mich jemand ansprechen könnte. Es hätte auffallen können, dass ich bei meinen Kontakten zu Mitpatienten meistens nur noch zunehmend schreckhaft reagierte. Nur noch sehr selten aktiv auf Gruppenmitglieder zuging. Die Mitpatienten mit denen ich von mir aus Kontakt aufnahm hatten Gemeinsamkeiten: Es waren bis auf einen Patienten solche, die entlassen wurden, ich sprach mit ihnen nur jeweils einmal. Ich entwickelte eine Alternativstrategie nach einmaligem Küchendienst in der zweiten Woche, nachdem ich in der ersten Woche aus Informationsmangel beim Küchendienst fehlte, indem ich morgens alleine aufdeckte und mittags aus Erschöpfung verschlief. In der dritten Woche hatte ich morgens einen Termin und schaffte es seitdem keinmal mehr mitzuhelfen. Weder beim Küchendienst, noch beim gemeinsamen Kochen. In der Klinik wird einmal wöchentlich in der Gruppe gekocht, wobei die Entscheidung, welche Gerichte mit welchen Zutaten gekocht werden, demokratisch fällt. Da ich neben einer Laktoseintoleranz noch diverse Lebensmittelallergien habe, ist die Auswahl an Lebensmitteln, die ich esse, begrenzt. Dazu kommen meine Routinen – ich esse eine ganze Zeitlang immer dieselben speziellen Lebensmittel. Voraussehbar bin ich bei demokratischen Entscheidungen immer in der Minderheit. Also kann ich gar nicht mitessen. Dazu kommt, dass ich die letzten zwei Wochen keinen Hunger mehr hatte, was ich auf Nachfrage auch mitteilte. Beim Mittagessen war ich ebenfalls seit mehr als einer Woche nicht mehr. Weil ich von der Küche Sonderkost erhalte, blieb also mein Extrateller seither unberührt in der Küche stehen. Die Medikamenteneinnahme wird dokumentiert und ich teile stets mit, wann ich was einnehme. In den letzten zwei Wochen stieg mein Schmerztablettenverbrauch kontinuierlich an. Alles in Allem sind das sowohl erkennbare Muster als auch deutliche Anzeichen, dass es mir schlecht geht.

Dem Personal war wohl genau das passiert, was mir immer wieder begegnet: Ich hatte anfangs gesagt, dass ich Autistin bin, anfänglich höfliches Interesse geerntet und dann ging man wohl größtenteils zur Tagesordnung über. Meine Bezugspflegerin klärte ich über meine autistischen Verhaltensweisen kontinuierlich auf und ging davon aus, da sich das Team spätestens jede Woche austauscht und alles dokumentiert wird, dass alle Teammitglieder demnach auf demselben Informationsstand sein müssten. Dass dem nicht so war, erkannte ich erst spät, nämlich nach der Rückmeldung, die mir die Fehlschlüsse des Teams bewusstmachte. Ich vermute, es liegt daran, dass das Klinikpersonal es gewohnt ist, nichtautistische Patienten zu haben, deren Reaktionen und Verhalten die Erfahrungsbasis darstellen, auf der alle Vorkommnisse interpretiert werden. Was in meinem Fall aber leider zu einigen Fehlinterpretationen führte, weil ich eine autistische Patientin bin, anders reagiere und mein Verhalten andere Gründe hat.

Nachdem mir das klargeworden war, begann ich sofort damit, dem für mich zuständigen Klinikpersonal zu sagen, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich versuchte, so weit es mir möglich war, mit größtmöglicher Offenheit verständlich zu machen, was los ist. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Meine Bezugspflegerin und die Ärztin sprachen an, dass eine Adaption des Wochenplanes möglich sei. Gestern bekam ich den Nachmittag klinikfrei. Auf Drängen meinerseits, weil ein Gespräch mit meiner Therapeutin wegen einer möglichen Adaption des Klinikstundenplanes für mich auf übernächste Woche verschoben werden hätte sollen, findet dieses Gespräch zum Glück jetzt doch schon Anfang nächster Woche statt.

Ich kann mich nämlich nicht einfach mal eben noch eine weitere Woche zusammenreißen. Ich bin massiv überlastet. Ich verbringe meine klinikfreie Zeit nur noch damit, mich soweit zu erholen, dass ich wieder am Klinikprogramm teilnehmen kann. Und das heißt, dass ich die Hausarbeit nicht mehr schaffe, nicht mehr für das Wochenende einkaufen fahre, nicht mehr am Rehasport teilnehme, meine Spezialinteressen nicht verfolge, an immer mehr Tagen nach der Klinik nur noch dösend oder schlafend auf der Couch oder im Bett liege.

Es hat seinen Grund, weshalb ich nach einer Teilzeitarbeitsstelle mit maximal 20 Wochenstunden und einer Viertagewoche suche. In der Tagklinik arbeite ich seit fünf Wochen und zwei Tagen weit mehr als diese 20 Wochenstunden an mir, fünf Tage die Woche nahezu ununterbrochen in sozialen Interaktionen, mehrheitlich sogar in Gruppensituationen, die Reizbelastung ist in manchen Situationen exorbitant hoch. Bisher zeigten sich meine Ausfallerscheinungen überwiegend in den unstrukturierten Interaktionen, wie Gruppensituationen, in denen alle durcheinandersmalltalken. Die meisten Interaktionen in der Tagklinik laufen zum Glück stark strukturiert ab, in diesen funktioniere ich (größtenteils) noch. Ich befürchte nur, dass das nicht mehr lange gut geht. Ich gehe jeden einzelnen Tagkliniktag nämlich wirklich weit über meine Grenzen.

Letzte Woche gipfelte das weit über meine Grenzen gehen dann am Donnerstag in einem veritablen Kontrollverlust. Damit man sich darunter etwas vorstellen kann: Ich erinnere mich nicht ganz genau, aber ich habe mich wohl neben dem obligatorischen Weinen auch verbal lautstärker geäußert, wobei das nicht nur Worte waren und meinen Kopf mehrfach gegen die Wand bzw. den Tisch geschlagen. Was war der Auslöser?

Ich weiß noch, dass ich völlig verängstigt in der Ergotherapie saß, weil mir seit der Krankengymnastik am Morgen aus keinem mir bekannten Grund ständig Tränen aus den Augen flossen. Ich versuchte das natürlich zu verbergen. Warum natürlich? Ganz einfach: Ich habe sehr gut gelernt, bei Nichtfunktionalität nicht aufzufallen, um den in der Regel unangenehmen Konsequenzen zu entgehen. Das Verbergen scheint mir soweit auch gelungen zu sein, nur kam dann auch noch Zittern dazu. Als ich versuchte, meine Lesebrille in das Etui zurückzustecken, klapperte es so heftig, dass ich Angst hatte, es könnte jemand hören. Ich versuchte mich zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, dass sich das Zittern auf den gesamten Körper ausbreitete. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt leider nicht mehr fähig, den Raum zu verlassen, geschweige denn das unauffällig zu tun. Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen, saß wie eingefroren auf dem Stuhl und hatte fürchterliche Angst. Ironischerweise davor, dass mich jemand vom Klinikpersonal bemerkte, denn mir ist ständig präsent, dass sich die geschlossene Station des BKH räumlich sehr nah bei der Tagklinik befindet und der Gedanke, mich in einem solchen funktionsunfähigen Zustand einzuweisen, in meinen Augen schon deshalb auf der Hand liegen muss.

Allerdings war das nicht der Fall, es bemerkte wie von mir beabsichtigt niemand. Als es ans Aufräumen ging, saß ich immer noch da und konnte mich einfach nicht bewegen. Alle verließen den Raum – dachte ich – evtl. wäre das meine Rettung gewesen, weil ich mich dann soweit wieder in den Griff hätte bekommen können, dass ich eine Chance auf einen geordneten Rückzug gehabt hätte. Aber dann sprach mich plötzlich ein sehr netter Mitpatient an und fragte, ob er mir helfen könne. Ich mag ihn, ich presste mit aller Kraft ein „Ich weiß es nicht“ heraus. Er redete auf mich ein, irgendetwas mit Hilfe annehmen, was genau, weiß ich nicht mehr. Es war sicher gut gemeint, nur in der Situation nicht gut gemacht. Rechtzeitig um Hilfe bitten fällt mir meistens nicht ein. Sinnvolle Kommunikation war mir schon längst nicht mehr möglich. Das auf mich Einreden war nur ein Reiz mehr, der mich in meiner Konzentration darauf, die Kontrolle zu behalten behinderte. Plötzlich wurde es unerträglich laut und da war es dann endgültig vorbei mit jeglicher Kontrolle. Ich wollte nur noch, dass der Lärm und das unsägliche Chaos im Kopf aufhören.

Meine Bezugspflegerin sagte mir später, dass wegen der Vorbereitung der Verabschiedung eines Gruppenmitglieds ein Wagen holpernd mit klirrendem und klapperndem Geschirr in den Raum geschoben worden war. Wegen meines Kontrollverlustes sei sie geholt worden und habe dann dafür gesorgt, dass ich alleine im Raum war. Sie habe das Licht ausgeschaltet, ca. fünf Minuten vor dem Raum abgewartet und aufgepasst, dass keiner hineinging.

Es endete damit, dass ich es nach den fünf Minuten schaffte, mich soweit zu beruhigen, dass ich dem Vorschlag meiner Bezugspflegerin, mich in den Ruheraum zu begeben, folgen konnte. Dort verkroch ich mich mit dem Kopf auf den Knien in eine Ecke, während sie ein Bett frisch bezog. Das war wirklich fürsorglich und es tut mir leid, dass ich es nicht nutzen konnte. Aber als sie gegangen war, zog ich nur den herabhängenden Vorhang über mich und schottete mich nach einiger Zeit noch mit Musik von der Umwelt ab, zu mehr war ich nicht fähig.

Ich fühlte mich zutiefst erschöpft, andere Gefühle kamen erst nach und nach wieder. Das Positive an dem Kontrollverlust war, dass ich nicht mehr weinte und das Zittern auch aufgehört hatte. Es herrschte betäubte, aber angenehme Ruhe im Kopf. Negativ waren die Sorgen, die ich mir nach ca. eineinhalb Stunden machte, als ich endlich wieder fähig war, aus meiner Ecke zu krabbeln und mit der Außenwelt zu kommunizieren. Meine Bezugspflegerin sprach mit mir über das, was passiert war. Ich hatte Angst, dass mir gesagt werden würde, ein solcher Kontrollverlust sei in der Tagklinik nicht tragbar. Erstaunlicherweise passierte das aber nicht, die zuständige Ärztin sagte mir später, dass „schlechte“ Tage in der Tagklinik erlaubt seien.

Das ist einesteils beruhigend, andernteils nicht, denn ich vermute, dass mehr „schlechte“ Tage folgen werden, wenn sich nichts an meiner Überlastung ändert. Ich vermute, dass der Auslöser dieses „schlechten“ Tages der eine Lärmreiz zuviel nach einer Reihe anderer mich kumulativ überlastender Reize und Vorkommnisse war. Die Grenze meiner Belastbarkeit überschreite ich täglich. Allerdings wachse ich nicht daran. Es ist kontraproduktiv und trägt nicht dazu bei, gesundheitlich stabiler zu werden, ganz im Gegenteil. Eine mehrtägige Klinikpause ist vermutlich keine Lösung, weil ich danach zwar wieder ein paar Tage lang durchhalte, die Abstände zwischen den „schlechten“ Tagen aber erfahrungsgemäß immer kürzer werden. Aus Gründen des Selbstschutzes müsste ich den Klinikaufenthalt abbrechen, wenn es keine andere Lösung gibt.

Eine mögliche Lösung könnte tatsächlich sein, das Klinikprogramm auf meine Bedürfnisse anzupassen, indem ich nicht am gesamten Wochenprogramm teilnehme. Ich soll mir Gedanken machen, welche Programmpunkte mir zu viel Energie rauben. Das habe ich getan. Leider sieht das Ergebnis ziemlich unsozial aus – alle mehr oder weniger unstrukturierten Gruppenaktivitäten mit zu vielen Leuten, die durcheinanderreden und sich unübersichtlich um mich herum bewegen fallen unter die Energieräuber. Also insbesondere das gemeinsame Kochen und Essen, der Küchendienst, das Zusammensitzen in den Pausen und die Verabschiedungen. Das Mittagessen im Speisesaal und der Küchendienst sind schon allein wegen der Lärmbelastung extrem energieraubend.

Die Programmpunkte, die mir meiner Ansicht nach am meisten helfen und mir auch Energie geben, sind die (Einzel)gespräche mit dem Klinikpersonal, die Psychoedukation und das soziale Kompetenztraining. Daneben blieben noch die Ergotherapie, die meistens eine ausgeglichene Energiebilanz hat, weil die Gruppe sich auf zwei Räume verteilt und die meisten aus lauter Konzentration auf ihre Tätigkeit erfreulich wenig plauschen. Außerdem das Entspannungstraining, sofern es statische Entspannungsübungen im Sitzen sind, oder welche im Gehen draußen, bei denen man sich von der Gruppe entfernen kann und bestimmte Außenaktivitäten. Allerdings nur, wenn sie in relativer Ruhe und in der Natur stattfinden, ein Besuch im Einkaufszentrum gehört definitiv nicht dazu. Der obligatorische Abschluss der Außenaktivität in irgendeinem Café ebenfalls nicht. Krankengymnastik und Massage helfen zwar gegen die körperlichen Erkrankungen, kosten jedoch Energie, schon weil sie mit Berührungen verbunden sind. Und das Sportangebot kann ebenfalls helfen und Energie bringen, sofern es sportliche Aktivitäten sind, die ich maximal in Zweiergruppen ausüben kann. Wobei beispielsweise Badmintonspielen wegen meiner Schulterprobleme kontraproduktiv, weil schmerzhaft ist. Da bleibt vom Wochenprogramm reichlich wenig übrig. Das was Nichtautisten hilft, weniger depressiv zu sein – unter Leute gehen und sozial miteinander zu interagieren, bedeutet für mich höchsten Stress, ist teilweise extrem energieraubend, nicht hilfreich und macht mich im Ergebnis depressiver.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Welt nicht für Autisten gemacht ist. Teilhabe am Gesundheitssystem in Form eines für mich hilfreichen Tagklinikaufenthaltes ist nicht ohne Anpassung auf meine autistischen Bedürfnisse möglich. Und das geht nur, wenn Verständnis dafür und das Wissen um die Notwendigkeit vorhanden sind. Es erfordert von mir größtmögliche Offenheit, ständige Aufklärungsarbeit und das stete Bemühen, meine Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen und so zu kommunizieren, dass ich verstanden werde – ausgerechnet hierin liegen nicht meine Stärken, schon gar nicht, wenn ich überlastet bin. Von Klinikseite erfordert es ebenfalls Offenheit, ständige Aufmerksamkeit, eigene Überprüfung auf mögliche Fehlinterpretationen, indem auf mich zugegangen wird, viel Toleranz für meine Ausfallerscheinungen, Flexibilität und die Bereitschaft, individuelle Lösungen zu finden. Meine bisherige Erfahrung mit dem engagierten und bemühten Klinikpersonal, dem ich hiermit von Herzen danke, lässt mich hoffen, dass der Tagklinikaufenthalt doch noch so gestaltet werden kann, dass er mir mehr hilft als schadet.

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Ein Kommentar

TKSI – Woche 1 und 2

Seit zwei Wochen bin ich in der Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion (TKSI). In dieser Tagklinik wird Autisten ein sechswöchiges Therapieprogramm angeboten, bei dem 10-12 Personen teilstationär von Montag bis Freitag täglich von 9 bis 15 Uhr sowohl Gruppentherapie als auch Einzeltherapie erhalten. In zwei Gruppen durchlaufen die Patienten ein Therapieprogramm, das aus einer Gruppentherapie (MATE), einer berufsorientierten Therapie, Entspannungs- und Achtsamkeitsanleitungen, Sportangeboten und Aktivitäten, um Kommunikation und Interaktion zu fördern besteht. Die Tagklinik eröffnete am 10.04.17 und ich hatte das Glück, gleich beim ersten sechswöchigen Therapieturnus mit dabei sein zu dürfen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden – ich bin überaus froh, in der Tagklinik so schnell einen Platz bekommen zu haben. Und ich will keinesfalls undankbar erscheinen, wenn ich im Folgenden auch kritisch die vergangenen zwei Wochen reflektiere. Mir war durchaus klar, dass es ein zweischneidiges Glück ist, bei den ersten Patienten mit dabei zu sein. Denn wenn eine Einrichtung neu eröffnet, ist davon auszugehen, dass noch keine Fehler gemacht worden sind und noch nicht alles hat auffallen können, was nicht funktioniert.

Ich habe Ereignisse immer schon am besten verarbeitet und am meisten dabei gelernt, wenn ich sie aufgeschrieben hatte. Dabei kann ich meine Erfahrungen sortieren, reflektieren und mir darüber klar werden, was sie für mich bedeuten. Außerdem hatten mich sowohl meine Psychiaterin als auch die nette Frau vom Netzwerk Autismus gebeten, ihnen meine Erfahrungen in der Tagklinik rückzumelden und zu berichten, wie es mir bei meinem Aufenthalt ergangen ist, bzw. was für mich hilfreich war. Mittels dieser Reflexion kann ich beides gleichzeitig erledigen. Für die erbetene Beurteilung meiner subjektiven Einschätzung, welche Therapieangebote am hilfreichsten waren, werde ich noch eine Matrix erstellen.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten in der ersten anstrengenden Woche, die dank Osterfeiertagen kurz war, haben sich in der zweiten Woche der Stundenplan und der Programmablauf einigermaßen geklärt. Leider konnten auch in der zweiten Woche noch nicht alle geplanten Therapiemöglichkeiten angeboten werden. Scheinbar gibt es klinikintern noch Abstimmungsschwierigkeiten, was die Raumplanung betrifft und bestellte Dinge werden verzögert geliefert.

Sehr positiv empfand ich, dass in der sogenannten Morgenrunde die Patienten nach Wünschen und Verbesserungsvorschlägen gefragt werden. Auf nahezu alle Vorschläge ist insofern eingegangen worden, dass gewünschte Materialien bestellt  bzw. beantragt wurden. Leider werden die bestellten Dinge, wie beispielsweise Spiele, Couchtische oder auch schallschluckende Wandverkleidungen, voraussichtlich erst in sechs bis acht Wochen geliefert. Das freut mich für die Patienten des nächsten Turnus. Aber im Moment ist die Akustik in den Therapieräumen für lärmempfindliche Menschen wie mich leider noch schwierig.

Ebenfalls sehr positiv ist für mich der wertschätzende Umgang mit den Patienten. Es wird darauf geachtet, dass jeder in der Gruppe dort abgeholt wird, wo er steht und stets positive Feedback für jedweden Beitrag erhält. Außerdem finde ich sehr gut, dass versucht wird, den Redeanteil der Patienten gerecht zu verteilen und dass jeder bei einer Frage persönlich angesprochen wird. So kann es nicht passieren, dass redegewandtere Patienten diejenigen, die es nicht sind, daran hindern, sich zu äußern. Und es kann sich keiner in der Menge verstecken. Wobei die Menge mit derzeit fünf Patienten in der Gruppe recht übersichtlich ist.

Inhaltlich ging es in der Gruppentherapie (MATE) bisher um Psychoedukation zu den Themen Autismus und Depression. Die Daten und Fakten zum Thema selbst waren mir bereits bekannt und insofern für mich eher redundant. Aber es ist sinnvoll alle Patienten auf denselben Wissensstand zu bringen. Das Neue für mich waren Informationen zu den vermuteten Ursachen von Autismus bezüglich prä-, peri- und postnataler Einflüsse durch Infektionen. Es hat mir ungemein geholfen, dass mir jemand an praktischen Beispielen erklärt hat, was unter den Diagnosekriterien subsummiert werden kann. Ich habe jetzt endlich, dank der Erklärung der Therapeutin und den Beispielen der anderen Patienten, eine konkrete Vorstellung von den Auswirkungen meiner eigenen Autismus-Spektrum-Störung. Ich traue mir zu, besser einschätzen zu können, was zum Autismus gehört und was eine Persönlichkeitseigenschaft von mir ist oder eine Folge der Depression.

Ein subjektiver Kritikpunkt ist, dass es zwar einen Stundenplan gibt, in dem die offiziellen Anfangs- und Endzeiten der jeweiligen Therapien eingetragen sind, an die sich aber die Therapeuten nicht halten. Bisher hat noch keine Veranstaltung pünktlich begonnen. Bis auf die Morgenrunde, die stets vorzeitig beginnt und nie so lange dauert, wie im Stundenplan angegeben, haben alle Therapieangebote entweder zu spät begonnen oder sind ganz ausgefallen. In der ersten Woche leider, ohne dass den Patienten Bescheid gegeben wurde, so dass man im ungünstigsten Fall mehrere Stunden mit unsicherem, verwirrten Warten zubrachte, um danach zu erfahren, dass heute nichts mehr stattfindet, man ergo eigentlich hätte heimfahren können.

Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass die Anwesenheitszeiten von 9 bis 15 Uhr ausgeschrieben ist, darüber beklage ich mich sicher nicht. Man hätte die Wartezeit auch dazu nutzen können, sich mit den Mitpatienten auszutauschen – das gehört wohl auch mit zur Therapie. Nur bin ich natürlich nicht selbst auf diese Idee gekommen, das wurde uns in einer Morgenrunde in der zweiten Woche gesagt. Im Nachhinein schäme ich mich direkt, dass mir etwas so Offensichtliches nicht klar war.

Nochmal zurück zur (Un)pünktlichkeit: Vielleicht gehen die nichtautistischen Therapeuten gelassener mit Zeit um, eventuell gilt ja auch die akademische Viertelstunde, dies sind die derzeitigen Hypothesen einiger Patienten. In meiner nächsten Oberarzt-Sprechstunde werde ich danach fragen, ich habe es auf meine Fragenliste gesetzt. Eventuell soll ja auch meine Belastungsfähigkeit getestet werden. Oder mein Durchhaltevermögen. Oder es soll meine Flexibilität, als Autistin mit Planänderungen umgehen zu lernen, gefördert werden. Falls Letzteres, dann muss ich in dieser Hinsicht eingestehen, dass ich bisher weder anpassungsfähig, noch lernfähig bin, denn es hat mich jeden einzelnen Tag belastet und bei mir Stress erzeugt. Ich vermute, dass die Therapeuten wissen, wie schwer es mir fällt, mit Unpünktlichkeit und nicht eingehaltenen oder kurzfristig veränderten Planungen umzugehen. Fast alle Therapieangebote sind wirklich hilfreich für mich, aber ein Teil des hilfreichen Aspektes wird in meinem Fall leider zunichte gemacht, wenn durch Unpünktlichkeit Stress erzeugt wird, der (in meinen Augen) nicht sein müsste. Ich sehe es als echt harte Herausforderung für mich an, geduldiger mit Unpünktlichkeit umgehen zu lernen.

Irrtümlich bin ich davon ausgegangen, dass die Aufenthaltsraumnummerierung mit der Gruppenzugehörigkeit zu tun hat. Ich habe mich deshalb nur in „meinen“ Raum gesetzt und wäre auch weiterhin davon ausgegangen, dass ich im anderen Raum nichts zu suchen habe. Zum Glück wurde das auch in der Morgenrunde angesprochen. Die Patienten haben die freie Wahl und sollen sich sogar bunt durchmischen, um sich alle kennenzulernen. Gut, dass mir das gesagt wurde.

Nur die Umsetzung ist schwierig für mich. Es hat sich zumindest in „meinem“ Raum bereits eine Platzordnung eingebürgert, jeder in meiner Gruppe sitzt in den Wartezeiten zwischen Therapieangeboten stets auf demselben Platz – mittlerweile wäre ich vermutlich sogar sauer, wenn sich jemand auf den Platz setzen würde, den ich in Gedanken als „meinen“ Platz ansehe. Außerdem ist es in „meinem“ Raum angenehm still. Jeder sitzt mit Kopfhörer auf seinem üblichen Platz und beschäftigt sich den überwiegenden Teil der Wartezeit ruhig mit sich selbst. Durch die Wand dringt manchmal ein Geräuschpegel, der mich sowieso dazu veranlassen würde, aus dem anderen Raum zu fliehen. Wie obiger Formulierung unschwer zu entnehmen ist, habe ich mich bisher nicht dazu überwinden können, in den anderen Aufenthaltsraum zu gehen und mich dort niederzulassen, um neue Kontakte zu knüpfen. Ich lache über mich selbst, denn kaum vergehen gerade einmal zwei Wochen, habe ich also bereits funktionierende Routinen entwickelt, von denen ich nicht mehr abweiche.

Es gibt auch eine Küche mit Tisch, in der neben einer Spülmaschine, die wohl einige Patienten noch nicht entdeckt zu haben scheinen – anders kann ich mir die Tassen und Teller, die ich jeden Nachmittag dort einräume nicht erklären – auch eine wunderschöne, futuristisch anmutende Mikrowelle existiert. Das Besteck in der Besteckschublade habe ich übrigens auch bereits nach Form sortiert. Ich kann nicht anders, außerdem hat es mich beruhigt. Ich brauche Ordnung um mich herum.

Zwar kann man in der Klinikkantine sowohl Frühstücken als auch Mittagessen, das habe ich aber nur einmal ausprobiert und für mich beschlossen, dass ich es in Zukunft besser sein lasse. Es liegt nicht an der Qualität des Essens, die war das Eine mal wirklich gut, es gibt sogar vegetarische Gerichte, sondern an der Lautstärke und dem Hall in der Kantine. Leider bin ich zu lärmempfindlich. Ich könnte mir eigentlich etwas zu Essen, das ich aufwärmen muss, mitnehmen, das scheiterte bisher an der nicht beiliegenden Bedienungsanleitung für die Mikrowelle, die ich einfach nicht zum Laufen brachte. Dies sprach ich in der Morgenrunde an, woraufhin sofort zugesagt wurde, dass die Bedienungsanleitung in die Küche gelegt werden würde. Die Mikrowelle sieht wunderbar unbenutzt aus, somit hat sie scheinbar noch niemand ausprobiert. Netterweise hat mir inzwischen ein Mitpatient die Funktionsweise erklärt. Also könnte ich ab nächster Woche auch einmal etwas anderes als mein Müsli mitnehmen. So wie ich mich kenne, bleibe ich aber die ganzen sechs Wochen beim Müsli. Sicher einseitig, aber immerhin gewohnt und gesund. Ich von meiner Seite habe überhaupt kein Problem damit, wochenlang in dieser Küche dasselbe zu essen, während alle anderen in der Kantine verschwinden. Ich freue mich über die Ruhe und kann beim Essen die zahlreichen Eichhörnchen beobachten, die die Bäume vor dem Fenster hochklettern.

Andere technischen Dinge sind scheinbar im Vorfeld ebenfalls nicht im Einsatz gewesen. Was mich sehr verwundert hat, ist, dass wohl die Testsoftware bisher nicht eingesetzt  wurde. Auch die Hardware-Seite hat nicht sofort funktioniert. So konnte beispielsweise das System die erhobenen Daten eines Teils der Probanden nicht speichern, nachdem meine Gruppe einen zumindest mich sehr anstrengenden Reaktions-/Konzentrationstest am PC absolviert hatte. Der Fehler lag darin, dass nach Testende die Daten aller Teilnehmer nicht erfasst werden können, wenn alle in der Gruppe mit derselben Kennung den Test starten. Die Erklärung, dass davon ausgegangen wurde, dass die Daten wie bei den vorherigen Testungen unter der jeweiligen Patienten-E-Mail-Adresse gespeichert werden würden, war irritierend für mich. Denn der Zugang zu diesem Test wurde mir nicht per Link an meine E-Mail-Adresse übermittelt. Sondern jeder in der Gruppe setzte sich beliebig vor einen der vorhandenen Laptops und startete den Test mit derselben Kennung. Der Einzige, dessen Daten gespeichert wurden, war der, der am Schnellsten fertig wurde, danach hängte das System sich auf. Hinterher eigentlich logisch. Und genauso logisch, dass die Daten der Teilnehmer nicht unter deren E-Mail-Adresse gespeichert werden können. Denn woher soll der Laptop wissen, welcher Patient da gerade vor ihm sitzt?

Ich habe mich nicht nur bei diesem Test als Software-Testerin betätigt. Einige der bisherigen Tests haben sich von mir ein zweites Mal aufrufen lassen, was ungewöhnlich ist. Ich kenne es so, dass ich mit einer Kennung nur einmalig Zugang zu einem Test habe. Es sollte nicht möglich sein, dass ein Proband zigmal denselben Test macht, das produziert nur Datenmüll. Wahrscheinlich ist es normal, dass es einige Zeit dauert, bis eine Testreihe am Computer fehlerfrei läuft. Ich betrachte das jetzt einfach mal als Beta Version. Ich darf jedenfalls diesen Reaktions-/Konzentrationstest nächste Woche nochmals ganz von vorne machen. Wobei ich nun den Vorteil habe, dass ich weiß, wie lange die einzelnen Blöcke dauern und was mich erwartet. Das dürfte dann auch nicht mehr so anstrengend für mich werden.

Interessant für mich persönlich ist natürlich die Testkonstruktion. Ich frage mich bei jedem Test, welches Merkmal die Testkonstrukteure damit messen wollen. Bei den Fragebögen bewerte ich für mich, ob die Skala an die Fragestellung angepasst wurde, ob die Skala mit gerader oder ungerader Auswahlmöglichkeit sinnvoll ist hinsichtlich der Tendenz zur Mitte, wie wohl die Punktverteilung aussieht. Und ich denke darüber nach, ob in meinen Augen der Fragebogen optimal lang ist, das Item sinnvoll formuliert ist und weshalb eine Invertierung erfolgte. Ich denke zusätzlich über die möglichen Störfaktoren bei der Testung nach und frage mich, ob diese bei der Auswertung der Daten berücksichtigt werden. Sprich: Ich wende meine Kenntnisse aus meinem Studium an, was mich freut, weil ich das Gefühl habe, nicht umsonst studiert zu haben.

In der zweiten Woche fand dann auch ein Teil des Sportprogramms statt.  Jeder Patient sollte sich entscheiden, an welchem der beiden Angebote, sanftes Walking oder Yoga, er teilnehmen wollte. Zumindest einmal sollte man sich das Angebot ansehen. Auch sportunbegeisterte Patienten sollten mitmachen. Das finde ich sehr lobenswert, denn nach meiner Erfahrung hilft Sport bei vielen Problemen. Unter anderem wirkt sportliche Betätigung stressabbauend, gesundheitsfördernd und entspannend. Da ich in der Vorwoche auf den vor der Turnhalle hängenden Stundenplan geschaut hatte, wusste ich, dass sich die beiden Angebote zeitlich nicht überschnitten und meldete mich für beide an. Andere Patienten machten es mir nach. Sowohl das „sanfte“ Walken als auch Yoga fand mit anderen Klinikpatienten, also Nichtautisten statt.

Die Anwesenden beim Walken wurden gefragt, ob sie lieber schneller oder lieber langsamer gehen wollen würen. Lustigerweise teilten sich sämtliche Autisten, auch die, die vorher gemeint hatten, Sport sei nicht so das ihre, selbst in die schnelle Gruppe ein. Wir waren dann eine reine Autistengruppe. Die Walking-Anleitung war erfreulich kurz und erschöpfte sich in dem Hinweis, die Stöcke gegengleich den Füßen einzusetzen. Danach wurden wir noch bis zum Parkeingang begleitet und dann alleine losgeschickt, wobei ein Wandererfahrener zum Glück die Führung übernahm. Wer weiß, ob zumindest ich ansonsten in der unbekannten Umgebung zurückgefunden hätte. Der Anführer führte die Gruppe stockunfallfrei durch den angrenzenden Park und sogar den dortigen Berg hinauf – so man den Hügel so nennen darf. Nach immerhin einer dreiviertel Stunde gar nicht so sanften Walkens hatten alle Autisten gemeinsam wieder die Turnhalle erreicht, stellten ihre paarweise aneinandergekletteten Stöcke davor ab und gingen einzeln zurück in die Tagklinik.

Das anschließende Yoga war für mich eine Art Offenbarung. Ich hatte mir vor acht Wochen eine Oberarmverletzung zugezogen, die zu einer Schleimbeutelentzündung in der Schulter geführt hatte. Neben meinen sonstigen Schlafstörungen kam seither jede Nacht noch mehrfaches schmerzbedingtes Erwachen dazu. Ein konsultierter Arzt hatte mir eine Spritze in das Schultergelenk gegeben und mir empfohlen, mich ruhig zu halten und zu schonen, nach sechs Wochen könne ich wiederkommen, um operiert zu werden. Hatte ich allerdings garantiert nicht vor, angstbedingt wäre ich dort nicht mehr hingegangen. Seit dem Yogaangebot, bei dem ich bei vielen Übungen über meine Schmerzgrenze ging, um pflichbewusst wenigstens halbwegs ordentlich mitzumachen, haben sich meine Schmerzen signifikant verringert. Ich erhoffe mir jetzt in den nächsten vier Wochen durch meine Teilnahme am Yoga eine weitere Mobilisierung des Schultergelenkes und ein Verschwinden des diagnostizierten Impingementsyndroms. Damit wäre wieder ein Problem gelöst.

Nach zwei Wochen kann ich zusammenfassend sagen, dass mir mein Aufenthalt in der Tagklinik und die Therapie weiterhilft und mir etwas bringt. Und zwar wesentlich mehr als nur die Sicherheit, noch die nächsten vier Wochen einen Plan zu haben, was ich jeden Tag tue, statt depressiv daheim zu sitzen und mich zu fragen, wie ich eine neue Arbeitsstelle finde und wie es eigentlich weitergehen soll. Ich bin gespannt, was die nächsten vier Wochen mir noch an Lernerfahrungen bringen werden. Ich freue mich seit langer Zeit endlich einmal wieder, unter der Woche morgens aufzustehen und in die „Arbeit“ fahren zu dürfen. Der Tagklinikaufenthalt ist damit zu vergleichen, die Therapieangebote strengen mich teilweise richtig an. Aber es ist eine positive Anstrengung, die mich weiterbringt. Bei einer drohenden Überlastung kann ich jederzeit pausieren. Alle Therapeuten, die mir bisher begegnet sind, waren zugewandt und sehr nett. Und ich bin sehr dankbar für die individuelle Unterstützung, die ich in der Tagklinik erhalte.