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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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TKSI – unbedingt empfehlenswert, zumindest für mich

Ende nächster Woche ist mein Aufenthalt in der TKSI zu Ende. Inzwischen funktioniere ich im Rahmen der Tagklinikstrukturen wieder ganz gut. Ob das ein stabiler Zustand sein wird, kann nur der Alltag und die Zukunft zeigen. Da ich die Diagnose rezidivierende Depression mitnehme, ist davon auszugehen, dass mich irgendwann im Leben wieder eine schwerere Depression einholen kann. Muss ich halt schneller sein – wenn es denn so einfach wäre. Aber ich habe in der Klinik das Wissen erlernt, um mitzubekommen, wenn Gefahr im Verzug ist und ich auf mich aufpassen sollte. Dazu habe ich jetzt ein Instrumentarium, das mir hilft, meine Grenzen zu akzeptieren; mit meiner Energie achtsam umzugehen; mir genügend Zeit und Raum zur Erholung zu lassen; die Haltung: „Zuerst die Arbeit und dann (vielleicht, wenn Zeit ist) das Vergnügen“ aufzugeben; meinen Perfektionismus mit Abstand zu betrachten und zu versuchen, auch manchmal Unperfektes zuzulassen; mich für Leistungen zu belohnen – geübt habe ich das alles bereits. Jetzt muss ich das Ganze noch in meinen zukünftigen Alltag integrieren.

Dem für mich wichtigsten Ziel, der Entwicklung einer längerfristigen beruflichen Perspektive, bin ich sehr viel nähergekommen. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Sozialdienstes der TKSI habe ich die Aussicht darauf, in absehbarer Zukunft wieder eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu haben. Genauer gesagt sieht es sogar so aus, als könne ich zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählen. Ich bin noch am Abwägen, welcher Möglichkeit ich den Vorzug geben sollte und ob nicht sogar beide Möglichkeiten miteinander zu vereinbaren wären. Die eine Möglichkeit ist eine Anstellung bei auticon als IT-Consultant im Software-Testing Bereich. Die andere eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU. Eine dritte Möglichkeit kann sich eventuell noch in Regensburg ergeben, wobei ich meine Kenntnisse aus dem Masterstudium einsetzen könnte. Was mich besonders bei allen drei Möglichkeiten begeistert ist, dass ich definitiv nichts mehr mit Verwaltung, Buchhaltung und allgemeinen Bürotätigkeiten zu tun hätte, von vornherein klar wäre, dass ich Autistin bin und die Rahmenbedingungen wesentlich passgenauer meine bisherigen autismusbedingten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz abfedern könnten. Bei allen drei Möglichkeiten könnte ich Stärken einsetzen, die ich bisher nie umsetzen habe können. Ich scheine nämlich der geborene Fehlerfinder zu sein, Fehler im System oder in Programmen oder in Texten fallen mir schon seit jeher auf. Ich finde es lustig, dass man tatsächlich damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann, auf alles zu klicken und dann rückzumelden, dass etwas nicht funktioniert oder falsch ist. Das mache ich sowieso ständig, hatte mir damit aber bisher eher keine Freunde gemacht. Die Überprüfung großer Datenmengen macht mir Spaß. Außerdem bin ich wirklich gut darin, passgenaue Literatur zu einem autodidaktisch zu erarbeitenden Thema zu finden, wissenschaftliche Texte zu redigieren bzw. zu schreiben und Vorträge zu gestalten – nur halten muss sie jemand anderes.

Was meine absoluten Stärken sind, wusste ich bereits als Jugendliche und damals wusste ich auch, welcher Beruf passend für mich wäre. Ich wollte Lektorin werden und irgendwann vielleicht einmal selbst Schriftstellerin. Jemand sein, der sehr viel lesen darf und damit am besten von zu Hause aus Geld verdient. Der im Hintergrund die Fehler findet, Geschriebenes besser macht, der mit Sprache umgeht, recherchiert, lebenslang eigenständig lernt. Leider scheiterte ich damals, weil ich nicht fähig war, ein Studium zu schaffen. Und in der Folge verlor ich mein Ziel aus den Augen wegen der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Also wurde ich mangels anderer Möglichkeiten Steuerfachangestellte. Verbrachte Jahre in diversen Büros, stets krank werdend.

Es ist schade, dass ich erst ein halbes Jahrhundert alt werden musste, um meine eigentlichen Begabungen einsetzen zu dürfen. Und erst durch die Autismus-Diagnose erkannt habe, was falsch lief und weshalb ich immer und immer wieder im Arbeitsleben scheiterte. Aber wenigstens habe ich jetzt endlich die Chance, doch noch erfolgreich zu sein. Und mir ist sehr bewusst, welchen maßgeblichen Anteil die Unterstützung in der TKSI daran hat. Für mich war mein Aufenthalt in der TKSI eine der besten Ideen, die ich in letzter Zeit hatte. Klar war nicht alles, was ich dort erlebt habe, durchgängig toll. Es gab anfangs ein gewisses organisatorisches Eröffnungs-Chaos, es gab immer wieder Termine, die kurzfristig ausfielen, weil beispielsweise Mitarbeiter erkrankten und keine Vertretung gefunden wurde. Aber was durchgängig zu spüren war: Ich wurde als Person mit all meinen individuellen Schwierigkeiten stets wertgeschätzt und es wurde mit allen verfügbaren Ressourcen versucht, mir sofort und möglichst umfassend zu helfen. Deshalb geht mein tiefempfundener Dank an die Menschen, die mich die vergangenen Wochen dort unterstützt haben und auch in Zukunft noch unterstützen wollen.

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Autistic pride: autistische Stärken – Uminterpretationen allein bringen mich als Autistin auch nicht weiter

Autismus wird anhand von Defiziten diagnostiziert, die Diagnosekriterien beschreiben keine Stärken. Carol Gray und Tony Attwood haben diese Kriterien (hier in einer deutschen Übersetzung) aber zu Stärken umformuliert. Auch andernorts hatte ich von autistischen Stärken gelesen. Ich habe Schwierigkeiten damit, mich in den beschriebenen Stärken wiederzufinden. Autistic pride klingt enthusiastisch, aber als so toll oder explizit autistisch empfinde ich manche meiner Eigenschaften gar nicht.

Als positive Eigenschaft von Autisten wird deren bedingungslose Loyalität genannt. Aber ob das immer ursächlich mit Autismus zu tun hat, bezweifle ich. Die wichtigsten Werte, die mir meine Eltern vermittelten, waren Ehrlichkeit und Familienzusammenhalt. Meine Mutter brachte mir bei, dass man sich in jedem Fall zu seinem Mann und seinen Kindern loyal verhält. Die Familie hat unbedingt erste Priorität. Sie selbst hat sich bedingungslos daran gehalten. Mein Vater aber leider nicht. In meinem Fall ist meine unbedingte Loyalität also eher ein Ergebnis meiner sehr konsequenten Erziehung, die überwiegend meine Mutter geleistet hat. Für Freundschaften kann ich bedingungslose Loyalität jedoch bestätigen. Mein Vater erklärte mir, dass man Freunde erkennt, wenn man umzieht. Wer tatsächlich beim Umzug als Helfer anwesend ist und den ganzen Tag Kisten und Möbel schleppt, zählt zu echten Freunden. Ich hatte niemals viele Freunde, aber für die Menschen, von denen ich meinte, dass sie meine Freunde sind, tat ich tatsächlich sehr viel. Auch zu Zeiten, wo es mir gesundheitlich schlecht ging, half ich ihnen mit hohem Engagement, ohne je eine Gegenleistung zu erwarten und war auch bei jedem Umzug dabei. Ich selbst hatte nach der Definition meines Vaters eine sehr überschaubare Anzahl an echten Freunden. Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass ich auch noch nicht so häufig umgezogen bin.

Autisten zeichnen sich durch ihre Ehrlichkeit aus. Lügen ist für Autisten angeblich nicht möglich. Ich glaube das erstmal nicht. Von mir selbst kann ich definitiv nicht behaupten, nicht lügen zu können. Ich mache es zwar sehr ungern, das hat aber neben dem schlechten Gewissen, das ich wegen meiner nachhaltigen Erziehung sofort habe, auch pragmatische Gründe. Lügen ist anstrengend, man muss sich sehr genau merken, was man wem erzählt hat. Die Wahrheit zu erzählen, ist für mich wesentlich einfacher. Um eigene Fehler zu vertuschen lüge ich nicht, weil ich es nicht schlimm finde, Fehler zu machen oder einzugestehen. Es heißt, dass man aus Fehlern lernt. Wenn ich bemerke, dass ich einen Fehler gemacht habe, spreche ich das an. Auch wenn zwischen dem Fehler und der Erkenntnis, ihn gemacht zu haben, sehr viel Zeit vergangen ist. Als ich jemanden wiedersah, mit dem ich ein Jahr zuvor ein Streitgespräch hatte, teilte ich ihr sofort mit, inwiefern ich damals in der Sache irrte. Monate später hatte ich zu dem Thema neue Informationen gelesen und wusste deshalb, dass ich im Gespräch etwas Falsches behauptet hatte. Mir war es ein inneres Bedürfnis, meinen Fehler richtig zu stellen. Die Frau konnte sich aber gar nicht mehr an unser Gespräch erinnern. Wenn man unter autistischer Ehrlichkeit auch die Direktheit subsummiert, dann hat sie nicht nur schöne Seiten. Ich bin Spezialistin darin, zur Unzeit unpassende Dinge zu äußern. Von frühester Kindheit an habe ich selten „ein Fettnäpfchen ausgelassen“ (RW). Leider habe ich mit meinem Talent dafür und mit meiner Direktheit häufig unbeabsichtigt andere Menschen verletzt oder soziale Fehler begangen und Schwierigkeiten dadurch bekommen. Weniger Direktheit wäre für mich mehr.

Eine der Stärken von Asperger-Autisten sollen die sehr guten sprachlichen Fähigkeiten sein. Ich meinte bis zur Diagnostik, einen relativ großen Wortschatz zu haben und mich einigermaßen klar ausdrücken zu können. Laut Intelligenztest ist mein Wortschatz aber nur gut durchschnittlich. Angeblich sagte meiner Mutter der Kinderarzt bei einer Vorsorgeuntersuchung, sie müsse sich unbedingt ein Tonbandgerät kaufen, um aufzunehmen, wie ich mich als Kleinkind ausdrückte, das wäre ungewöhnlich. Das hat sie nicht getan, so dass es dafür keine Beweise gibt. Ich habe mich jedenfalls nie als besonders redegewandt wahrgenommen. Schriftlich kann ich mich besser artikulieren. Im Schriftlichen war ich auch während meines gesamten Schülerdaseins wesentlich besser als im Mündlichen. In allen Zeugnissen steht, die Schülerin sollte sich mehr am Unterricht beteiligen und mehr mitarbeiten. Ich hatte an der Tafel, oder wenn ich von der Lehrkraft aufgerufen wurde, oft einen Blackout und deshalb panische Angst davor, aufgerufen zu werden. Referate hatte ich lange Jahre vermeiden können. Bis heute sind sie ein Problem für mich. Ich kann vor mehreren Leuten nicht gut reden und muss mich immer an schriftlichen Aufzeichnungen festhalten. Wenn ich unterbrochen werde, kann ich danach häufig nichts mehr zum Thema beitragen, weil ich den Einstieg nicht mehr finde.

Logischerweise habe ich einen großen passiven Wortschatz, ich denke, das bleibt nicht aus, wenn man fast fünfzig Jahre lang sehr viele Bücher liest. Selbstverständlich kann ich mich ausdrücken, trotzdem kommt es immer wieder zu eklatanten Missverständnissen in der Kommunikation mit anderen. Meine Versuche, das Fremdwörterbuch auswendig zu lernen, waren nicht erfolgreich, ich bin nicht besonders weit gekommen, es gibt viel zu viele Fremdwörter, die ich nicht kenne und die ich nicht erklären kann. Außerdem ist mein Textverständnis scheinbar nicht so toll. Aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass es sinnvoll ist, eine E-Mail mehr als einmal durchzulesen und gründlich über den Inhalt nachzudenken, bevor ich voreilige Schlüsse ziehe, die sich im Nachhinein dann als Irrtum erweisen. Als sehr gute sprachliche Fähigkeiten würde ich das Ganze nicht bezeichnen.

Ich habe jahrelange mit Menschen zusammengelebt, die wirklich gute sprachlichen Fähigkeiten haben. Mein jüngster Sohn brachte es während seiner Schulzeit jedes Jahr kurz vor Notenschluss noch mittels spontan gehaltener Referate, auf die er sich nicht mal vorbereitet hatte, fertig, dann doch nicht durchzufallen. Mein mittlerer Sohn kann unglaublich lange Monologe über interessante Dinge halten, die zwar ihn, aber ansonsten leider reichlich wenig Menschen um ihn herum interessieren. Seine Themen betrafen oftmals Interessensgebiete, die ich nicht teile, was schade ist, denn ich hätte dank seines umfangreichen Wissens viel von ihm lernen können. Wenn ihn jemand unterbricht, setzt er seinen Satz an genau der Stelle fort, an der er unterbrochen wurde, wenn er weitersprechen kann. Das ist eine Fähigkeit, die mich fasziniert. Meine Tochter war und ist einer der der eloquentesten Menschen, die ich überhaupt kenne. Sie verwendete bereits im einstelligen Kindesalter mehr Fremdwörter als manche Menschen im ganzen Leben und das auch noch durchgängig im richtigen Zusammenhang. Sie interessierte sich besonders für alte Sprachen und war sehr gut in Latein und Altgriechisch, was ihr bei der Herleitung der Bedeutung ihres Fremdwortschatzes sicher geholfen hat. Um sich umfassend zu bilden, wechselte sie nach dem Abitur zur Naturwissenschaft. Jetzt ist sie Doktorandin der Biologie, ich denke mal, ihre Sprachbegabung hilft ihr dort ebenfalls. Ich bin nicht sprachbegabt, das Latinum erreichte ich in meiner Schulkarriere nie. Es war ziemlich anstrengend, aber unglaublich interessant, mit meinen Kindern zu diskutieren. Sich gegen ihre Argumentationen durchzusetzen, war schwierig. Ihre Erziehung wurde dadurch auch nicht unbedingt leichter. Aber ich möchte trotzdem keine einzige Unterhaltungen mit ihnen missen. Ganz besonders fehlen mir die gemeinsamen Gespräche am Abendbrottisch, seit auch der Letzte ausgezogen ist.

Angeblich haben Autisten ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis und eine hervorragende Merkfähigkeit, sie häufen Expertenwissen in ihrem Spezialinteresse an. Jemand meinte zwar vor Jahren, ich solle mich für Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär“ anmelde, ich selbst weiß aber vor allem, wie unglaublich wenig ich weiß. Ich habe zu sehr vielen Themen ein mittelmäßiges Halbwissen, ein echtes Spezialgebiet habe ich jedoch nicht. Das einzige Thema, zu dem ich glaube, relativ viel zu wissen, ist Pädagogik, aber da sollte ich auch ein gewisses Wissen haben, ich habe es immerhin studiert. Das Dumme ist nur, dass ich mein Wissen zwar im Kopf habe, es aber auf Nachfrage nicht abrufen kann. Wenn ich etwas lese, dann vergesse ich ziemlich schnell, was der genaue Textinhalt war. Ich weiß dann, dass ich zum Thema bereits einiges gelesen hatte, kann aber nicht erklären, was genau und in welchem Buch oder in welcher Studie. Wenn ich zu Hause bin und nachsehen kann, finde ich die entsprechende Literatur relativ schnell wieder und erinnere mich dann auch an den Wortlaut. Nur nutzt mir das dann nichts, ich bin nicht immer zu Hause.

Mein Sohn dagegen ist eine wandelnde Wikipedia Enzyklopädie, das, was er liest, kann er sich langfristig merken und wiedergeben. Das funktioniert bei ihm aber nur bei Themen, die ihn interessieren. Ich kann auch Dinge lernen, die mich nicht total fesseln. Mein Langzeitgedächtnis ist meiner Meinung nach aber eher schlecht. Ich habe lebenslang auf dieselbe ineffektive Art gute Prüfungsleistungen erreicht, indem ich mir Lerninhalte zusammenschrieb und dann innerhalb sehr kurzer Zeit diese Seiten auswendig lernte. In der Prüfung brauchte ich dann im Kopf, wie von Spickzetteln, aber nicht gegen die Regeln, die Lösung nur noch ablesen, weil ich die Seiten als komplettes Bild vor Augen hatte. Leider vergaß ich mit dieser Methode die Lerninhalte nach der Prüfung, weil sie nur im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert wurden.

Mein Gedächtnis ist relativ gut, wenn es darum geht, mich zu erinnern, ob ich etwas schon einmal gelesen oder gehört habe. Und ob dieselbe Formulierung benutzt wurde oder zu welchem Zeitpunkt, Ort und zu welcher Begebenheit mir etwas mitgeteilt wurde. Aber das ist höchstens nützlich beim Zeitunglesen oder Plagiate finden. Mir fällt auf, wenn ein Artikel mehrfach, aber an verschiedenen Tagen gedruckt wird oder zu verschiedenen Artikeln dieselben Bilder verwendet werden. Es macht Bücher aber nicht interessanter, wenn ich bemerke, dass der Autor dasselbe etliche Seiten vorher schon mal geschrieben hatte oder sich sogar widerspricht. Oder dass ich dieselbe Formulierung bereits woanders gelesen habe und ich mich dann frage, wer wohl von wem abgeschrieben hat. Und die meisten Leute erinnern sich nicht daran, was sie gesagt haben und reagieren höchstens ungehalten, wenn ich ihnen gegenüber auf meiner Erinnerung beharre. Mir wäre lieber, wenn ich mir Wissensinhalte besser merken könnte, auf die Art, wie mein Gedächtnis gut funktioniert, ist es relativ nutzlos.

Das mit der erstaunlichen Konzentrationsfähigkeit von Autisten hat auch nicht nur Vorteile. Wenn mich etwas sehr interessiert, dann hyperfokussiere ich darauf. Das heißt aber auch, dass ich beispielsweise stundenlang am Computer sitze und Informationen zum Thema suche oder stapelweise Bücher lese, aber darüber komplett vergesse, wieviel Zeit vergeht. Und auch wichtige Dinge, wie Essen und Trinken oder mein Wärme- und Schmerzempfinden aus den Augen verliere. Blöd ist das dann, wenn ich durchgefroren bin und dadurch krank werde. Oder einen Tag lang gar nichts getrunken habe und mich abends ziemlich ausgetrocknet fühle oder heftige Kopfschmerzen bekomme, das aber viel zu spät bemerke. Oder den ganzen Tag nichts esse und dann auch noch vergessen habe, mich rechtzeitig um das Abendessen zu kümmern. Wenn man nicht alleine wohnt, bekommt man dann Probleme. Während meiner Kindheit hat meine Konzentrationsfähigkeit häufig zu Streitigkeiten geführt. Meine Mutter glaubte mir einfach nicht, dass ich sie wirklich nicht gehört hatte, wenn sie mich rief, während ich ein Buch las. Sie wurde sehr ungehalten, weil sie meinte, ich ignoriere sie mit Absicht.

Asperger-Autismus und hohe Intelligenz scheinen häufig vergesellschaftet zu sein. Ich kenne einige gemessen hochintelligente Menschen persönlich und schätzte mich deshalb selbst seit Jahren als zwar nicht doof, aber sicher nicht hochbegabt ein. Vor einigen Jahren meldete ich mich zu einem Mensa Intelligenztest an. In diesem IQ-Test (ich meine, er hieß IST2000) wurde meine Einschätzung bestätigt. Trotzdem hält mich meine Mutter bis heute für besonders intelligent. Und zwei Personen versuchten mich davon zu überzeugen, dass der von mir erreichte Punktwert nur aus dem Stress resultierte, dass ich eine halbe Stunde zu spät kam und das Ganze in einem Raum mit vielen anderen stattfand. Ich hatte mich auf dem Weg vom Parkplatz verlaufen und fand das Gebäude, in dem der Test stattfinden sollte nicht. Und die IQ-Tests von Mensa sind Gruppentests. Meine damaligen Untertestergebnisse kenne ich nicht, weil im Preis nur ein Gesamt IQ mit inbegriffen war, für eine genauere Auswertung hätte man nochmals zahlen müssen und ich sah damals keinen Sinn darin. Während der Autismus-Diagnostik durfte ich einen Wechsler Intelligenztest für Erwachsene (WIE, Adaption des WAIS-II) machen. Bei dem kam ebenfalls heraus, dass ich nur eine Standardabweichung intelligenter als der Durchschnitt bin, wobei ich diesmal die Ergebnisse der Untertests erhalten habe. Autisten wird nachgesagt, eine detailorientierte Wahrnehmung zu haben und gut Muster erkennen zu können, mein leider sehr unausgeglichenes Leistungsprofil weist in den entsprechenden Untertests darauf hin, dass das auf mich zutrifft. Im Matrizentest erreichte ich einen sehr hohen Testwert, im Bilderergänzen dagegen ein sehr schlechtes Ergebnis. Ich kann zielsicher sagen, wie ein Muster logisch weitergehen muss und erkenne zwar viele Details, aber kann nicht das wesentliche Detail dabei bestimmen. Das zu wissen ist interessant, hilft mir aber im Leben auch nicht besonders weiter. Beachtenswert ist eher das Ergebnis, dass ich anscheinend Schwierigkeiten unter Zeitdruck habe. Die autistischen Stärken wären wesentlich hilfreicher, wenn ich mich für IT Themen interessieren würde, weil ich mich dann bei auticon als Software-Testerin bewerben könnte. Ich bin sehr froh, dass meine Söhne Computer-Nerds sind, der Jüngste ist ein richtig guter Programmierer. Mit diesem Interessensgebiet werden sie nämlich nie Probleme haben, eine Arbeit zu finden und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

P.S. vom MT: Falls ihr das lesen solltet: Ich bin sehr stolz auf euch alle.