SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


7 Kommentare

Tagklinik – vielleicht doch (k)ein Weg aus der Depression bei Autismus?

Die Tagklinik hilft mir im Moment zwar in einigen Belangen, das Dilemma ist aber, dass mir der Aufenthalt auch schadet. Nach nunmehr fünf Wochen geht es mir zunehmend schlecht, jeweils gegen Ende der Woche häufen sich Vorfälle, die gelinde gesagt unschön sind und bei denen sich meiner Ansicht nach zeigt, dass ich massiv überlastet bin. Vor der Autismus-Diagnose hatte ich hier einmal darüber nachsinniert, ob Büroarbeit mich tatsächlich krankmacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es wohl so sein müsse. Ich denke heute, dass ich mich geirrt habe. Das Problem tritt nicht nur in Büros oder in der Arbeit auf. Den Grund dafür sehe ich in der Menge der Sozialkontakte innerhalb einer bestimmten Zeit. Vielleicht liege ich falsch, aber im Moment ist es die für mich stimmigste Erklärung für das, was immer wieder passiert.

Genau wie 2015 erlebe ich jetzt, dass es mir innerhalb von nur fünf Wochen so schlecht geht, dass ich einfach nicht mehr kann. Und es zeigt sich ein Muster, das ich bisher nur den Rahmenbedingungen in meiner jeweiligen Arbeitsstelle zugeschrieben hatte. Therapie ist Arbeit an sich selbst, findet allerdings in einem geschützten Raum statt, in dem Fachleute tätig sind und Fehler nicht so gravierende Folgen haben, wie in der normalen Arbeitswelt. Nur ging ich davon aus, dass in einer Tagklinik nicht dasselbe passieren kann, wie draußen ohne professionelle „Aufsicht“, was sich wohl als Fehlschluss meinerseits erwiesen hat. Denn ich funktioniere zunehmend nicht mehr.

Von Woche zu Woche verspürte ich einen immer stärker werdenden Widerwillen, morgens in die Tagklinik zu fahren. Das war zwar auch tagesabhängig, weil ich manche Programmpunkte schlichtweg weniger mag als andere, es zeigte sich aber, dass sich dieser Widerwille im Lauf der Woche steigerte. Dagegen steht meine Eigenart, egal wie es mir geht, alle ausgemachten Termine wahrzunehmen, weshalb ich jeden Tag trotz des Widerwillens in die Klinik fahre, weil ich mehrmals wöchentlich neben dem Tagesprogramm auch Einzelgesprächs-, Krankengymnastik- und Massagetermine habe. Obwohl Donnerstag und Freitag meine Lieblingstage in der Klinik sind, war es so, dass sich ausgerechnet an diesen Tagen die unschönen Zwischenfälle häuften. Und zwar von Woche zu Woche ebenfalls in steigender Anzahl. Das reichte von kommunikativen Missverständnissen über meine zunehmende Gereiztheit inklusive Konflikten und zunehmender Erschöpfung bis hin zum Verschlafen von Terminen. Bearbeitet wurden Zwischenfälle in der Regel durch Gespräche mit dem Personal, in denen ich allerdings wohl nicht verständlich machen konnte, was ablief. Denn Anfang letzter Woche erhielt ich zufällig von einer Klinikmitarbeiterin die Rückmeldung, dass das Team der Ansicht sei, mir ginge es besser, weil ich mich mehr integrieren würde, offener sei und Kontakt zu Mitpatienten aufgenommen hätte, mehr in der Klinik angekommen sei.

Ich war im ersten Moment konsterniert und erheblich irritiert, weil mein eigenes Empfinden ein so ganz anderes war. Nach einigem Nachdenken hatte ich dann einen Aha-Moment. So nenne ich die Momente, in denen mir plötzlich Zusammenhänge klarwerden und ich etwas begreife, das ich mir vorher nicht hatte erklären können. Mir wurde klar, warum meine Selbstwahrnehmung sich so diametral von der Fremdwahrnehmung unterschied. Ich tat auch in der Tagklinik genau das, was ich bereits mein Leben lang tue und darin Perfektion entwickelt hatte: Ich erfüllte die Erwartungen, ich passte mich an. Und zwar wie gewohnt bereits wieder weit über meine Grenzen hinaus. Ich funktionierte – und da wo ich es nicht tat, flog ich unter dem Radar.

Nach Außen war ich die engagierte, motivierte Patientin, die scheinbar mit hoher Geschwindigkeit lernte, ihr Verhalten änderte, passgenau zur Zielsetzung einer kognitiven Umstrukturierung. Ab und an hatte diese Patientin zwar Einbrüche, die aber vor dem Hintergrund einer Depressionserkrankung durch die dabei typische emotionale Instabilität erklärbar zu sein schienen. Und ein Muster in den Einbrüchen erkennen offenbar Nichtautisten nicht, obwohl alles digital dokumentiert wird. Somit für jeden, der die Aufzeichnungen ansieht, also das Muster erkennbar sein müsste?

Ich hatte meinen Bezugspersonen mehrfach erklärt, weshalb ich motiviert mitarbeite und mich engagiere – wenn ich schonmal da bin, kann ich auch mitmachen, alles andere macht für mich keinen Sinn. Wenn ich etwas mache, dann möglichst perfekt und vollständig oder eben überhaupt nicht. Ich lerne tatsächlich schnell, ich passte mein Verhalten selbstverständlich den jeweils erhaltenen Informationen an – anfangs gab es deshalb wegen der Salamitaktik des Klinikpersonals in Sachen Patienteninformation noch mehr Schwierigkeiten, aber als ich alle Informationen hatte, alle Regeln kannte und wusste, was in welchen Stunden von mir erwartet wurde, konnte ich auch genau das Verhalten zeigen, das erwartet wurde und nahezu alle Regeln einhalten. Die Einschränkung betrifft stets Regeln, die mir nicht sinnvoll oder kontraproduktiv erscheinen und mir deshalb nicht einsichtig sind.

Allerdings nahm ich zunehmend nicht mehr an Klinikprogrammpunkten teil, bei denen ich die Erfahrung gemacht hatte, dass sie mir schadeten. Ich hatte die Lücken im System erkannt und nutzte sie, ich sagte zu Krankengymnastik- Massage- und Einzelgesprächsterminen, die mir in diesen schädlichen Zeiten angeboten wurden sofort ja. Ansonsten legte ich sie in die therapiefreien Zeiten. Nachdem ich mich bemüht hatte, ab der zweiten Woche mich in einzelnen Pausen dazuzusetzen und sogar mit Mitpatienten zu sprechen, stellte ich diese Bemühungen die letzten zwei Wochen nahezu komplett ein und verschwand in jeder noch so kurzen Pause aus dem Gebäude oder in den Ruheraum. Ich kam wie immer gar nicht auf den Gedanken, jemandem Bescheid zu sagen oder um Hilfe zu bitten, sondern zog mich zunehmend zurück. Ich bekam Angst, wenn mich jemand ansprach und dann, dass mich jemand ansprechen könnte. Es hätte auffallen können, dass ich bei meinen Kontakten zu Mitpatienten meistens nur noch zunehmend schreckhaft reagierte. Nur noch sehr selten aktiv auf Gruppenmitglieder zuging. Die Mitpatienten mit denen ich von mir aus Kontakt aufnahm hatten Gemeinsamkeiten: Es waren bis auf einen Patienten solche, die entlassen wurden, ich sprach mit ihnen nur jeweils einmal. Ich entwickelte eine Alternativstrategie nach einmaligem Küchendienst in der zweiten Woche, nachdem ich in der ersten Woche aus Informationsmangel beim Küchendienst fehlte, indem ich morgens alleine aufdeckte und mittags aus Erschöpfung verschlief. In der dritten Woche hatte ich morgens einen Termin und schaffte es seitdem keinmal mehr mitzuhelfen. Weder beim Küchendienst, noch beim gemeinsamen Kochen. In der Klinik wird einmal wöchentlich in der Gruppe gekocht, wobei die Entscheidung, welche Gerichte mit welchen Zutaten gekocht werden, demokratisch fällt. Da ich neben einer Laktoseintoleranz noch diverse Lebensmittelallergien habe, ist die Auswahl an Lebensmitteln, die ich esse, begrenzt. Dazu kommen meine Routinen – ich esse eine ganze Zeitlang immer dieselben speziellen Lebensmittel. Voraussehbar bin ich bei demokratischen Entscheidungen immer in der Minderheit. Also kann ich gar nicht mitessen. Dazu kommt, dass ich die letzten zwei Wochen keinen Hunger mehr hatte, was ich auf Nachfrage auch mitteilte. Beim Mittagessen war ich ebenfalls seit mehr als einer Woche nicht mehr. Weil ich von der Küche Sonderkost erhalte, blieb also mein Extrateller seither unberührt in der Küche stehen. Die Medikamenteneinnahme wird dokumentiert und ich teile stets mit, wann ich was einnehme. In den letzten zwei Wochen stieg mein Schmerztablettenverbrauch kontinuierlich an. Alles in Allem sind das sowohl erkennbare Muster als auch deutliche Anzeichen, dass es mir schlecht geht.

Dem Personal war wohl genau das passiert, was mir immer wieder begegnet: Ich hatte anfangs gesagt, dass ich Autistin bin, anfänglich höfliches Interesse geerntet und dann ging man wohl größtenteils zur Tagesordnung über. Meine Bezugspflegerin klärte ich über meine autistischen Verhaltensweisen kontinuierlich auf und ging davon aus, da sich das Team spätestens jede Woche austauscht und alles dokumentiert wird, dass alle Teammitglieder demnach auf demselben Informationsstand sein müssten. Dass dem nicht so war, erkannte ich erst spät, nämlich nach der Rückmeldung, die mir die Fehlschlüsse des Teams bewusstmachte. Ich vermute, es liegt daran, dass das Klinikpersonal es gewohnt ist, nichtautistische Patienten zu haben, deren Reaktionen und Verhalten die Erfahrungsbasis darstellen, auf der alle Vorkommnisse interpretiert werden. Was in meinem Fall aber leider zu einigen Fehlinterpretationen führte, weil ich eine autistische Patientin bin, anders reagiere und mein Verhalten andere Gründe hat.

Nachdem mir das klargeworden war, begann ich sofort damit, dem für mich zuständigen Klinikpersonal zu sagen, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich versuchte, so weit es mir möglich war, mit größtmöglicher Offenheit verständlich zu machen, was los ist. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Meine Bezugspflegerin und die Ärztin sprachen an, dass eine Adaption des Wochenplanes möglich sei. Gestern bekam ich den Nachmittag klinikfrei. Auf Drängen meinerseits, weil ein Gespräch mit meiner Therapeutin wegen einer möglichen Adaption des Klinikstundenplanes für mich auf übernächste Woche verschoben werden hätte sollen, findet dieses Gespräch zum Glück jetzt doch schon Anfang nächster Woche statt.

Ich kann mich nämlich nicht einfach mal eben noch eine weitere Woche zusammenreißen. Ich bin massiv überlastet. Ich verbringe meine klinikfreie Zeit nur noch damit, mich soweit zu erholen, dass ich wieder am Klinikprogramm teilnehmen kann. Und das heißt, dass ich die Hausarbeit nicht mehr schaffe, nicht mehr für das Wochenende einkaufen fahre, nicht mehr am Rehasport teilnehme, meine Spezialinteressen nicht verfolge, an immer mehr Tagen nach der Klinik nur noch dösend oder schlafend auf der Couch oder im Bett liege.

Es hat seinen Grund, weshalb ich nach einer Teilzeitarbeitsstelle mit maximal 20 Wochenstunden und einer Viertagewoche suche. In der Tagklinik arbeite ich seit fünf Wochen und zwei Tagen weit mehr als diese 20 Wochenstunden an mir, fünf Tage die Woche nahezu ununterbrochen in sozialen Interaktionen, mehrheitlich sogar in Gruppensituationen, die Reizbelastung ist in manchen Situationen exorbitant hoch. Bisher zeigten sich meine Ausfallerscheinungen überwiegend in den unstrukturierten Interaktionen, wie Gruppensituationen, in denen alle durcheinandersmalltalken. Die meisten Interaktionen in der Tagklinik laufen zum Glück stark strukturiert ab, in diesen funktioniere ich (größtenteils) noch. Ich befürchte nur, dass das nicht mehr lange gut geht. Ich gehe jeden einzelnen Tagkliniktag nämlich wirklich weit über meine Grenzen.

Letzte Woche gipfelte das weit über meine Grenzen gehen dann am Donnerstag in einem veritablen Kontrollverlust. Damit man sich darunter etwas vorstellen kann: Ich erinnere mich nicht ganz genau, aber ich habe mich wohl neben dem obligatorischen Weinen auch verbal lautstärker geäußert, wobei das nicht nur Worte waren und meinen Kopf mehrfach gegen die Wand bzw. den Tisch geschlagen. Was war der Auslöser?

Ich weiß noch, dass ich völlig verängstigt in der Ergotherapie saß, weil mir seit der Krankengymnastik am Morgen aus keinem mir bekannten Grund ständig Tränen aus den Augen flossen. Ich versuchte das natürlich zu verbergen. Warum natürlich? Ganz einfach: Ich habe sehr gut gelernt, bei Nichtfunktionalität nicht aufzufallen, um den in der Regel unangenehmen Konsequenzen zu entgehen. Das Verbergen scheint mir soweit auch gelungen zu sein, nur kam dann auch noch Zittern dazu. Als ich versuchte, meine Lesebrille in das Etui zurückzustecken, klapperte es so heftig, dass ich Angst hatte, es könnte jemand hören. Ich versuchte mich zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, dass sich das Zittern auf den gesamten Körper ausbreitete. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt leider nicht mehr fähig, den Raum zu verlassen, geschweige denn das unauffällig zu tun. Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen, saß wie eingefroren auf dem Stuhl und hatte fürchterliche Angst. Ironischerweise davor, dass mich jemand vom Klinikpersonal bemerkte, denn mir ist ständig präsent, dass sich die geschlossene Station des BKH räumlich sehr nah bei der Tagklinik befindet und der Gedanke, mich in einem solchen funktionsunfähigen Zustand einzuweisen, in meinen Augen schon deshalb auf der Hand liegen muss.

Allerdings war das nicht der Fall, es bemerkte wie von mir beabsichtigt niemand. Als es ans Aufräumen ging, saß ich immer noch da und konnte mich einfach nicht bewegen. Alle verließen den Raum – dachte ich – evtl. wäre das meine Rettung gewesen, weil ich mich dann soweit wieder in den Griff hätte bekommen können, dass ich eine Chance auf einen geordneten Rückzug gehabt hätte. Aber dann sprach mich plötzlich ein sehr netter Mitpatient an und fragte, ob er mir helfen könne. Ich mag ihn, ich presste mit aller Kraft ein „Ich weiß es nicht“ heraus. Er redete auf mich ein, irgendetwas mit Hilfe annehmen, was genau, weiß ich nicht mehr. Es war sicher gut gemeint, nur in der Situation nicht gut gemacht. Rechtzeitig um Hilfe bitten fällt mir meistens nicht ein. Sinnvolle Kommunikation war mir schon längst nicht mehr möglich. Das auf mich Einreden war nur ein Reiz mehr, der mich in meiner Konzentration darauf, die Kontrolle zu behalten behinderte. Plötzlich wurde es unerträglich laut und da war es dann endgültig vorbei mit jeglicher Kontrolle. Ich wollte nur noch, dass der Lärm und das unsägliche Chaos im Kopf aufhören.

Meine Bezugspflegerin sagte mir später, dass wegen der Vorbereitung der Verabschiedung eines Gruppenmitglieds ein Wagen holpernd mit klirrendem und klapperndem Geschirr in den Raum geschoben worden war. Wegen meines Kontrollverlustes sei sie geholt worden und habe dann dafür gesorgt, dass ich alleine im Raum war. Sie habe das Licht ausgeschaltet, ca. fünf Minuten vor dem Raum abgewartet und aufgepasst, dass keiner hineinging.

Es endete damit, dass ich es nach den fünf Minuten schaffte, mich soweit zu beruhigen, dass ich dem Vorschlag meiner Bezugspflegerin, mich in den Ruheraum zu begeben, folgen konnte. Dort verkroch ich mich mit dem Kopf auf den Knien in eine Ecke, während sie ein Bett frisch bezog. Das war wirklich fürsorglich und es tut mir leid, dass ich es nicht nutzen konnte. Aber als sie gegangen war, zog ich nur den herabhängenden Vorhang über mich und schottete mich nach einiger Zeit noch mit Musik von der Umwelt ab, zu mehr war ich nicht fähig.

Ich fühlte mich zutiefst erschöpft, andere Gefühle kamen erst nach und nach wieder. Das Positive an dem Kontrollverlust war, dass ich nicht mehr weinte und das Zittern auch aufgehört hatte. Es herrschte betäubte, aber angenehme Ruhe im Kopf. Negativ waren die Sorgen, die ich mir nach ca. eineinhalb Stunden machte, als ich endlich wieder fähig war, aus meiner Ecke zu krabbeln und mit der Außenwelt zu kommunizieren. Meine Bezugspflegerin sprach mit mir über das, was passiert war. Ich hatte Angst, dass mir gesagt werden würde, ein solcher Kontrollverlust sei in der Tagklinik nicht tragbar. Erstaunlicherweise passierte das aber nicht, die zuständige Ärztin sagte mir später, dass „schlechte“ Tage in der Tagklinik erlaubt seien.

Das ist einesteils beruhigend, andernteils nicht, denn ich vermute, dass mehr „schlechte“ Tage folgen werden, wenn sich nichts an meiner Überlastung ändert. Ich vermute, dass der Auslöser dieses „schlechten“ Tages der eine Lärmreiz zuviel nach einer Reihe anderer mich kumulativ überlastender Reize und Vorkommnisse war. Die Grenze meiner Belastbarkeit überschreite ich täglich. Allerdings wachse ich nicht daran. Es ist kontraproduktiv und trägt nicht dazu bei, gesundheitlich stabiler zu werden, ganz im Gegenteil. Eine mehrtägige Klinikpause ist vermutlich keine Lösung, weil ich danach zwar wieder ein paar Tage lang durchhalte, die Abstände zwischen den „schlechten“ Tagen aber erfahrungsgemäß immer kürzer werden. Aus Gründen des Selbstschutzes müsste ich den Klinikaufenthalt abbrechen, wenn es keine andere Lösung gibt.

Eine mögliche Lösung könnte tatsächlich sein, das Klinikprogramm auf meine Bedürfnisse anzupassen, indem ich nicht am gesamten Wochenprogramm teilnehme. Ich soll mir Gedanken machen, welche Programmpunkte mir zu viel Energie rauben. Das habe ich getan. Leider sieht das Ergebnis ziemlich unsozial aus – alle mehr oder weniger unstrukturierten Gruppenaktivitäten mit zu vielen Leuten, die durcheinanderreden und sich unübersichtlich um mich herum bewegen fallen unter die Energieräuber. Also insbesondere das gemeinsame Kochen und Essen, der Küchendienst, das Zusammensitzen in den Pausen und die Verabschiedungen. Das Mittagessen im Speisesaal und der Küchendienst sind schon allein wegen der Lärmbelastung extrem energieraubend.

Die Programmpunkte, die mir meiner Ansicht nach am meisten helfen und mir auch Energie geben, sind die (Einzel)gespräche mit dem Klinikpersonal, die Psychoedukation und das soziale Kompetenztraining. Daneben blieben noch die Ergotherapie, die meistens eine ausgeglichene Energiebilanz hat, weil die Gruppe sich auf zwei Räume verteilt und die meisten aus lauter Konzentration auf ihre Tätigkeit erfreulich wenig plauschen. Außerdem das Entspannungstraining, sofern es statische Entspannungsübungen im Sitzen sind, oder welche im Gehen draußen, bei denen man sich von der Gruppe entfernen kann und bestimmte Außenaktivitäten. Allerdings nur, wenn sie in relativer Ruhe und in der Natur stattfinden, ein Besuch im Einkaufszentrum gehört definitiv nicht dazu. Der obligatorische Abschluss der Außenaktivität in irgendeinem Café ebenfalls nicht. Krankengymnastik und Massage helfen zwar gegen die körperlichen Erkrankungen, kosten jedoch Energie, schon weil sie mit Berührungen verbunden sind. Und das Sportangebot kann ebenfalls helfen und Energie bringen, sofern es sportliche Aktivitäten sind, die ich maximal in Zweiergruppen ausüben kann. Wobei beispielsweise Badmintonspielen wegen meiner Schulterprobleme kontraproduktiv, weil schmerzhaft ist. Da bleibt vom Wochenprogramm reichlich wenig übrig. Das was Nichtautisten hilft, weniger depressiv zu sein – unter Leute gehen und sozial miteinander zu interagieren, bedeutet für mich höchsten Stress, ist teilweise extrem energieraubend, nicht hilfreich und macht mich im Ergebnis depressiver.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Welt nicht für Autisten gemacht ist. Teilhabe am Gesundheitssystem in Form eines für mich hilfreichen Tagklinikaufenthaltes ist nicht ohne Anpassung auf meine autistischen Bedürfnisse möglich. Und das geht nur, wenn Verständnis dafür und das Wissen um die Notwendigkeit vorhanden sind. Es erfordert von mir größtmögliche Offenheit, ständige Aufklärungsarbeit und das stete Bemühen, meine Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen und so zu kommunizieren, dass ich verstanden werde – ausgerechnet hierin liegen nicht meine Stärken, schon gar nicht, wenn ich überlastet bin. Von Klinikseite erfordert es ebenfalls Offenheit, ständige Aufmerksamkeit, eigene Überprüfung auf mögliche Fehlinterpretationen, indem auf mich zugegangen wird, viel Toleranz für meine Ausfallerscheinungen, Flexibilität und die Bereitschaft, individuelle Lösungen zu finden. Meine bisherige Erfahrung mit dem engagierten und bemühten Klinikpersonal, dem ich hiermit von Herzen danke, lässt mich hoffen, dass der Tagklinikaufenthalt doch noch so gestaltet werden kann, dass er mir mehr hilft als schadet.

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Sicherheitsbedürfnis / Veränderungsangst und Routinen

In meinem vorherigen Blogbeitrag hatte ich Motive für mein Verhalten und Zusammenhänge beschrieben, die ich zwischen meinem Autismus und Sicherheitsbedürfnis / Veränderungsangst und Kontrolle vermute. Mir sind zu dem Thema noch zusätzliche Punkte eingefallen, die das vertiefen und konkretisieren könnten.

Mein Verhalten haben andere schon als kontrollierend wahrgenommen und als sie einengend. Ich glaube, dass sich das durch mein – in den Augen anderer anscheinend übersteigertes – Sicherheitsbedürfnis und meinem Wunsch nach Verlässlichkeit erklären lässt, zwei Dinge, die wahrscheinlich vom Autismus herrühren. Denn ich will nicht deshalb wissen, wohin mein Mann geht und wann er wiederkommt, weil ich eifersüchtig bin oder einen Kontrollzwang habe. Ich freue mich, wenn er mir sagt, dass er sich darauf freut, dorthin zu gehen, wohin er geht. Sehr oft bin ich einfach nur froh, wenn ich nicht mitgehen muss und alleine zu Hause bleiben kann. Allerdings verlasse ich mich darauf, dass er um X Uhr wieder da sein wird… hoffentlich. Ein Rest an Unsicherheit bleibt, was, wenn ein Unfall passiert? Wenn er sich verspätet, wäre es schön, wenn er mich benachrichtigt. Dass es tatsächlich Situationen geben kann, in denen eine Benachrichtigung nicht möglich ist, weil beispielsweise der Akku vom Smartphone leer ist, konnte ich mir nicht vorstellen, bis mir das selbst passierte. So lange führte eine Verspätung ohne Benachrichtigung bei mir zu einer wütenden Reaktion und ich hatte überhaupt kein Verständnis, wenn er die Abmachung brach und sich nicht meldete. Auch wenn jemand zu spät zu einer Verabredung kommt, toleriere ich das heute und gehe nicht spätestens nach einer viertel Stunde Warten, wie ich das früher gemacht habe. Ich selbst bemühe mich, pünktlich zu sein, aber Stau oder ausfallende Bahnen lassen das auch nicht immer zu, wobei ich mich unwohl fühle, wenn ich mich verspäte. Dank genügend eigener Erfahrung machen mir solche Veränderungen heute aber nicht mehr so viel aus und ich reagiere selten sozial unpassend.

Wenn Termine, die verbindlich geplant waren, ausfallen, ist das heute immer noch schwierig für mich. In der Vorschule sollte ein Schäfflertanz aufgeführt werden. Ich hatte wochenlang zu Hause geübt und freute mich darauf. Kurz vor der Aufführung schaffte es mein kleiner Bruder wieder einmal, sich eine Platzwunde zuzuziehen. Ich erinnere mich, ausdauernd heulend und schreiend darauf bestehend, zu der Aufführung gehen zu müssen, an der Hand meiner Mutter mit zum Arzt geschleppt zu werden. Ich erinnere mich nicht daran, Mitleid mit meinem Bruder gehabt zu haben. Es war schließlich nicht das erste Loch im Kopf, das er hatte, ich hatte ihm gesagt, er solle mit Toben aufhören, weil ich befürchtete, dass er sich verletzen könnte. Er hatte nicht auf mich gehört und ich hatte Recht behalten. Er weinte nicht, blutete nicht übermäßig, das Nähen konnte doch eigentlich noch warten oder meine Mutter hätte mich mich auf dem Weg zum Arzt in der Vorschule absetzen können? Ich erinnere mich an das überwältigende Gefühl der Angst davor, diese Aufführung zu verpassen, die war mir schließlich enorm wichtig, ich hatte doch so lange geübt. Und ich erinnere mich auch an meine heftige Wut. Und daran, dass meine Mutter mich nicht verstand. Dass sie mich schimpfte, weil ich die Notwendigkeit mit zum Arzt zu gehen, nicht einsehen konnte, meinen kleinen, verletzten Bruder nicht bedauerte, als Ältere nicht vernünftiger war. Ich empfand das damals als zutiefst ungerecht und hatte überhaupt nicht verstanden, was so falsch an meiner Reaktion war.

Vor drei Tagen saß ich auf einem Parkplatz in meinem Auto, hatte mein Smartphone eingeschaltete, um die Musik vor dem Losfahren zu starten und gesehen, dass ich zwei Mails erhalten hatte. In der ersten wurde mir mitgeteilt, dass wegen Erkrankung der Leitung eine Veranstaltung am nächsten Tag ausfallen würde. In der zweiten, dass ein für mich wichtiger Termin am übernächsten Tag aus demselben Grund entfallen würden, ich solle mich wegen eines neuen Termins rückmelden. Ich saß erst einmal in meinem Auto, unfähig, irgend etwas anderes zu denken oder zu tun als die sich in einer Schleife wiederholenden Gedanken: „Das war so nicht geplant. Das geht nicht.“ Ein paar Minuten später war ich dann so weit, zu denken: „Was mache ich jetzt statt dessen mit der freien Zeit? Der zweite Termin ist doch wichtig, der kann doch nicht einfach ausfallen?“ Das Auto starten und nach Hause fahren, war mir erst einige Minuten und wenige wütende Verzweiflungstränen später möglich. Innerlich ruhig zu akzeptieren und mich darauf einzustellen, dass die Termine ausfallen, mir Gedanken über meine Reaktion, den Gesundheitszustand der betroffenen Person zu machen und Mitgefühl zu empfinden, hat dann nocheinmal die halbe Stunde Fahrt bis zu Hause gedauert. Mich über die unverhofft gewonnenen Freizeit zu freuen und zu berücksichtigen, dass ich nicht nur auf die zweite, sehr freundlich geschriebene Mail antworten, sondern darin der erkrankten Person auch gute Besserung wünschen sollte, dauerte bis zum nächsten Tag.

Vielleicht hängen solche Reaktionen neben Veränderungsangst auch damit zusammen, dass man als Autist Schwierigkeiten mit der Perspektivenübernahme hat, es aber es lernen kann, sobald man selbst mit gleichen Situationen Erfahrungen hat. Mit ein wenig Zeit kann ich heute verständnisvoll nachempfinden, dass eine Erkrankung Planänderungen nötig macht und die sozialen Komponenten berücksichtigen. Das ist zwar ein bewusster Akt, meine Reaktion erscheint immer noch egozentrisch, ist relativ unflexibel und sozial natürlich nicht akzeptabel. Aber Egozentrik ist eben nicht das dahinterliegende Verhaltensmotiv, sondern Überforderung, weil ich im ersten Moment nicht weiß, wie ich mit der Situation insgesamt umgehen soll und schlichtweg länger brauche, um für mich alles zu sortieren, mir über mein Gefühlsleben klar zu werden und richtig zu reagieren.

Ich frage übrigens auch nicht so oft dasselbe, weil ich unterstelle, dass mich mein Gegenüber anlügt. Es ist auch nicht so, dass ich vergessen hätte, was die Antwort war. Aber ich muss manche Antworten immer wieder hören, damit ich mir wieder sicher sein kann. Das hält dann eine Weile vor, bis ich wieder nachfrage. Bei einigen Dingen dauert es leider sehr lange, bis ich es nicht mehr nötig habe, nachzufragen. Ich verstehe, dass das nerven kann und es tut mir auch Leid. Aber ich kann sehr schwer etwas gegen mein Bedürfnis tun, mich immer und immer wieder rückzuversichern. Vielleicht hat das auch etwas mit fehlendem Urvertrauen zu tun, das könnte es natürlich ebenfalls erklären.

Wiederholungen und Regelmäßigkeit beinhalten für mich Verlässlichkeit.  Dazu gehören auch gewisse Routinen. Sie sind gut für mich, aber ich muss jetzt nicht jeden Tag genau zur selben Uhrzeit dasselbe machen, Hauptsache, ich kann mir wichtige Dinge überhaupt irgendwann machen. Richtig wohl fühle ich mich dann, wenn alles nach meiner Vorstellung läuft, aber das dürfte fast allen Menschen so gehen. Ich komme zurecht, wenn es das nicht tut. Veränderungen, die ich selbst steuern kann, fallen mir dabei jedoch deutlich leichter. Ich bin zum Glück fähig, wenn es notwendig ist, meine geplanten Tagesabläufe oder auch eine komplette Routine relativ schnell abzuändern. Ich habe immerhin Kinder großgezogen, was ohne eine gewisse Grundflexibilität nicht möglich gewesen wäre. Aber ich kann verstehen, dass es Autisten gibt, die plötzliche Veränderungen ihrer Tagesabläufe oder Routinen nicht ertragen können, selbst wenn sie es noch so sehr wollten. Ich selbst komme inzwischen einigermaßen gut mit plötzlichen Planänderungen, ausgefallenen Routinen und mit überlastenden Situationen zurecht, wenn man mir ein wenig Zeit zugesteht und verzeiht, wenn ich zuerst nicht ganz die sozialverträglichste Reaktion zeige. Mir tut es hinterher leid, wenn mir auffällt, dass meine Reaktion jemanden verletzt haben könnte, aber ich bemühe mich wirklich, richtig zu reagieren und mich zu kontrollieren.


2 Kommentare

Sicherheitsbedürfnis und Autismus

Mein Bedürfnis nach Sicherheit ist exorbitant hoch. Ich bin immer noch am Sortieren, was davon eigentlich von meinem Autismus kommt. Ich sorge Zeit meines Lebens mit aller Kraft für Sicherheit. Andere haben das auch schon als „Du musst aber auch immer alles unter Kontrolle haben“ bemängelt. Ja, mag sein. Aber ich kann Sprüchen wie: „Man kann nie sicher sein“ oder „Ohne Unsicherheit wäre das Leben ja langweilig“ nicht viel abgewinnen. Ich finde, das Leben ist Überraschung genug. Da brauche ich nicht zusätzlich in meinen Augen vermeidbare Unsicherheit. Deshalb sorge ich für größtmögliche Sicherheit, indem ich vorausplane und mich informiere, rückversichere und absichere.

Entscheidungen zu treffen, ist ebenfalls kompliziert für mich. Es ist für mich zwingend notwendig, vor jeder Entscheidung alle für mich vorstellbaren Szenarien durchzudenken. Ich bin mir dessen bewusst, dass das viel Zeit und Energie kostet. Aber ich kann mich nur für einen (den optimalen) Plan entscheiden, wenn ich jeden möglichen Plan durchdacht habe. Ich denke zwar sehr schnell und auf Hochtouren, die Folge davon ist aber, dass ich erstmal nicht zum Handeln komme und ich dadurch Zeitprobleme bekomme. Zeitmanagement ist eines meiner Kernprobleme, das mich stark behindert. Ich kann nicht handeln, ohne alle Alternativen durchdacht zu haben. Es ist ein Zwang, ich funktioniere so. Ich würde gern lernen, das zu ändern, anders damit umzugehen. Aber es macht mir Angst, mich entscheiden zu müssen, ohne erst alles gründlich für mich durchdacht zu haben. Ich muss wissen, was passiert. Unsicherheit ist sehr verunsichernd. Allerdings ist mir klar, dass ich nie alle Möglichkeiten durchplanen kann. Ich versuche zwar, die potentiellen Möglichkeiten, was passieren wird, einzugrenzen, es wird mir aber nie vollständig gelingen. Nur: Irgendwo anfangen, um dann eins nach dem anderen zu erledigen, vollkommen ohne zu wissen, auf was ich mich damit wenigstens wahrscheinlich einlasse – allein die Vorstellung lässt mich vor Angst handlungsunfähig erstarren. Es erscheint mir unvorstellbar, mir keine weiteren Gedanken über die Folgen, die eine andere Entscheidung hätte, zu machen. Dazu kommen die Überlegungen, was ich mache, wenn etwas dazwischen kommt?

Unsicherheit bedeutet für mich, dass ich Angst habe. Ich habe vor recht vielen Dingen Angst. Davor, meinen Mann und besten Freund zu verlieren. Ich habe nicht viele Freunde. Genaugenommen ist die Anzahl meiner Freunde in einem sehr überschaubaren einstelligen Bereich. Er ist das Beste, was mir beziehungs- und freundschaftstechnisch passieren konnte. Das möchte ich trotz der Schwierigkeiten, die sich durch das Zusammenleben mit ihm selbstverständlich auch ergeben, auf keinen Fall mehr missen. Damit zusammen hängt die Angst, mein Zuhause zu verlieren. Mein Zuhause ist mein sicherer Erholungsort von der (verkehrs)lärmigen und viel zu menschenvollen Welt. Zumindest so lange der Nachbar keinen Mais siliert. Aber da das nur an wenigen Tagen im Jahr passiert, kann ich mich vorher darauf einstellen und im besten Fall einfach nicht anwesend sein. Netterweise warnt der Nachbar uns nämlich immer ein paar Tage vorher vor, was ich sehr zu schätzen weiß.

Ein Unsicherheitsfaktor ist derzeit meine Arbeitssituation. Ich hatte längere Zeit Angst, meine Stelle zu verlieren, obwohl ich glaube, dass diese Stelle mich sehr belastet. Aber sie gibt meinen Tagen eine verbindliche Struktur und mir Selbstbewußtsein, auch weil ich einen Beitrag zu unserem Lebensunterhalt leiste. Außerdem vermittelt sie mir die Sicherheit, finanziell nicht vollkommen abhängig zu sein. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass der Vertrag nicht verlängert wird. Das Arbeitsamtprozedere hat bereits begonnen und verunsichert mich, weil nicht absehbar ist, was es für Möglichkeiten für mich gibt und was auf mich zukommt. Es wäre sehr hilfreich für mein Sicherheitsgefühl zu wissen, wie es in Sachen Arbeit weitergeht.

Ein mittlerweile chronischer Unsicherheitsfaktor ist aber die Angst, etwas missverstanden zu haben oder missverstanden worden zu sein. Sie beruht auf Erfahrungswerten, weshalb ich stets nachfrage und mich rückversichere, bis ich mir sicher bin, dass es richtig verstanden wurde. Leider merke ich nicht immer, wenn ich andere damit nerve und ich früher aufhören oder gar nicht erst beginnen hätte sollen. Aber ich arbeite daran.

Eminent wichtig für meine Sicherheit ist, dass sich etwas, auf das ich mich verlasse oder auf das ich mich freue, nicht plötzlich ändert. Abmachungen und Versprechen dürfen also nicht einseitig abgeändert oder gebrochen werden, auch geplante Freizeit-Unternehmungen sollten besser nicht ausfallen. Ich bin da leider bis heute überhaupt nicht flexibel und nehme solche Vorfälle seit dem Kindergartenalter absolut ungnädig zur Kenntnis. Ausfallende Termine führen ebenfalls zu Unsicherheit, meine erste Reaktion ist: Was mache ich denn jetzt stattdessen? Aber der Termin war doch wichtig, sie können ihn doch nicht einfach ausfallen lassen? Mir fällt auch nicht sofort die offensichtliche Lösung, einen neuen Termin auszumachen ein. Selbst wenn ein Termin wegen Erkrankung ausfällt, habe ich kein spontanes Mitgefühl mit dem Erkrankten, der mir gar nicht in den Sinn kommt. Im ersten Moment überwiegen Angst, Unsicherheit und sogar Wut, dass der Termin ausfällt, dass meine Planung gestört wird.

Letzten Endes hat mich auch die Diagnostik nach dem Verdacht, eventuell selbst autistisch zu sein, unsicher gemacht. Vieles, wovon ich sicher war, hat sich als anders herausgestellt. Mein Selbstbild in Sachen verbale Fähigkeiten, Textverständnis und erkennen, was auf Bildern fehlt, entspricht laut Testergebnissen offenbar nicht den Tatsachen. Dabei dachte ich beim Test, dass ich hier wirklich gut gewesen war. Erstaunlicherweise war ich aber eher gut in Dingen, von denen ich es nicht vermutet hätte. Ich bin zutiefst verunsichert, weil ich vorher einfach nicht bemerkt hatte, dass ich Gesichtsausdrücke scheinbar schlecht deuten kann. Seither traue ich meiner Menschenkenntnis nicht mehr und frage noch mehr nach, wobei dann wieder die Unsicherheit besteht, nicht zu bemerken, wann ich aufhören sollte. Die Autismus-Diagnose hat mir leider einen sehr großen Teil meiner sowieso nicht groß vorhandenen Selbstsicherheit genommen. Im Umgang mit anderen bin ich seither deutlich ängstlicher und unsicherer.

Unsicherheit in für mich absolut wichtigen Dingen macht mich unausstehlich. Unsicherheit in relativ wichtigen Dingen macht mich nur unnett. Seit sein Verdacht bestätigt wurde, dass ich tatsächlich autistisch bin, meint mein Mann, dass er meine Reaktionen viel besser nachvollziehen kann. Was sie allerdings nicht besser macht für uns beide. Unsicherheit führt bei mir zu unterschiedlichen Reaktionen. Je nachdem und je nach Zustand. Beispielsweise zu einer exzessiven Beschäftigung mit der Sache. Was neben penetrantem Nachhaken auch ausufernde Diskussionen bedeuten kann. Unsicherheit führt manchmal auch zu mehr oder weniger heftiger verbaler Abwehr. Oder zu tagelanger Schweigsamkeit. Eine unnette Reaktion ist sozialer Rückzug, ich verschwinde und mache mich unauffindbar, was bei meinem Zuhause nicht sonderlich schwer fällt. Ab und an führt Unsicherheit auch zu überaus emotionalen Reaktionen, aber zum Glück bekommt meine Zusammenbrüche bei GAUs (größter anzunehmender Unsicherheit) sehr selten jemand mit, was daran liegt, dass ich im Gegensatz zu früher gelernt habe, nicht nur alles um mich herum, sondern auch mich selbst rigide zu kontrollieren. In den meisten Fällen kann ich rechtzeitig dafür sorgen, dass ich sicher alleine bin und nur mein Mann solche Zustände mitbekommt.

All diese unausstehlichen oder unnetten Reaktionen treten bei ausreichend befriedigtem Sicherheitsbedürfnis nicht auf. Sicherheit bewirkt, dass ich mich entspannen kann und mich wohl fühle. Und dass ich nicht nur Zeit und Energie dafür habe, mich interessanten Dingen zu widmen, sondern auch noch sozialverträglich zu bleiben. Auch ohne, dass dies alles tatsächlich von meinem Autismus kommt, sind das gute Gründe für mich, ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit zu haben und möglichst viel unter Kontrolle zu behalten.