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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Offen mit Autismus und Depressionen umgehen – darf man das?

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Inzwischen gibt es hin und wieder ein paar gute Tage. Tage an denen mir etwas gelingt, an denen ich es schaffe Staub zu saugen und zu putzen. Sogar Tage, an denen ich begonnen hatte, an meinem Teich weiter zu graben. Es kann gar nicht genug Teich geben, das ist schon mal klar. Je mehr Teich, desto mehr Möglichkeiten, am Ufer sitzend auf Fische zu starren. Darüber nachzudenken, welche Formationen sie schwimmen. Die Reflexionen des Sonnenlichts auf den Schuppen zu sehen, wenn sie fressen. Zu beobachten, welche Muster sich ergeben, welche Schwärme welches Revierverhalten zeigen und wer mit wem schwimmt – stundenlang auf Fische starren tut mir gut. Und es ist gut, sich bei einer Depression sportlich zu betätigen und aus dem Haus zu gehen. Dazu ist ein Gartenprojekt, bei dem man an der frischen Luft ganz viel Erde per Schubkarre und Handarbeit mit Spaten von A nach B verbringen muss, für mich als Autistin perfekt geeignet.

Leider kann ich das nicht andauernd machen, im Moment wäre es sogar denkbar ungünstig im Regen zu sitzen und zu frieren oder draußen zu schwitzen bei der Fische-starr-Flächenvergrößerung. Ich dachte, es ginge jetzt endlich wieder aufwärts. Aber schon seit mehr als einer Woche schleppe ich mich vom Bett zum Tisch, von dort zum Sofa und zurück ins Bett. Gut, derzeit bin ich richtig unangenehm körperlich krank. Das könnte eine Erklärung sein. Die andere Erklärung wäre, dass ich schlicht und ergreifend immer noch ziemlich depressiv bin.

Laut der Sachbearbeiterin in der Deutschen Rentenversicherung, bei der ich letzten Monat einen Termin wegen meines Antrages auf Teilhabe am Arbeitsleben und wegen meiner beruflichen Zukunft hatte, bin ich vollschichtig erwerbsfähig. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es Zeit meines Lebens noch nie geschafft habe, Vollzeit zu arbeiten: Warum nur fühle ich mich so überhaupt nicht erwerbsfähig? Ich bin immer noch krank geschrieben. Seit nunmehr einem halben Jahr bin ich ununterbrochen arbeitsunfähig krank geschrieben. Obwohl ich mich nach der langen Zeit doch eigentlich hätte erholt haben müssen.

Eigentlich müsste ich inzwischen wieder die Kraft haben, den Kampf weiter zu kämpfen, eine neue Arbeitsstelle zu suchen, wieder von vorne anzufangen. Unbelastet, keiner kennt mich, ich habe noch keine nicht wieder gut zu machenden soziale Fehler im Umgang mit den Kollegen gemacht, neue und hoffentlich interessante Aufgaben warten. Aber allein der Gedanke daran, mich um eine neue Stelle bemühen zu müssen, führt dazu, dass mir der Angstschweiß ausbricht. Ich kann mir seltsamerweise absolut nicht mehr vorstellen nochmals in irgendeinem Büro zu arbeiten. Schon gar nicht kann ich mir vorstellen das nicht alleine, sondern mit Kollegen zu tun. Ich wüßte nicht einmal, wie ich mit ihnen reden sollte. Ich wundere mich, dass mir das mal gelungen ist, verstehe nicht, wie ich es geschafft habe. Beim Gedanken daran kommen mir die Tränen und mir tut der Magen weh. Alles psychosomatisch, ich weiß – aber auch wenn es keine körperliche Ursache hat, die Magenschmerzen tun trotzdem weh. Kann natürlich auch sein, dass meine Weinerlichkeit und die Magenschmerzen daher rühren, weil ich mir nutzlos vorkomme und weil ich Versagensgefühle habe. Und solche Gedanken und Gefühle wiederum sind laut Literatur typisch bei einer Depression.

Jetzt könnte man meinen, dass ich doch gar keinen Grund habe, mich zu beklagen. Immerhin bin ich daheim, seit einem halben Jahr habe ich frei. Aber ich schaffe es nicht einmal trotz all der „Freizeit“, die ich dank der Krankschreibung habe, mich mit meinen Hobbys zu beschäftigen. Mich darum zu kümmern, wie es im Studium weitergeht. Jetzt hätte ich seit einem halben Jahr die Zeit gehabt, die Reader des letzten Moduls vollständig zu lesen, ein Hausarbeitsthema zu finden, Literatur zu recherchieren und loszuschreiben. Und was habe ich davon erledigt? Genau – nichts. Was ist aus meinen Plänen geworden, mich mit Ubuntu zu beschäftigen, C++ zu lernen, die Literatur-Datensammlung zu ordnen, alle Folgen von GoT anzusehen? Tag um Tag verbringe ich damit, mir vorzunehmen etwas davon ganz bestimmt am nächsten Tag anzufangen.

Und Tag um Tag vergeht, eine lange Reihe an Tagen mittlerweile. Zu einer Depression gehört augenscheinlich Geduld – es bleibt also schwierig, denn Geduld gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Hinderlich ist auch das Gefühl, dass es seit längerem eigentlich nur noch Abwärts geht. Mein Leben besteht mittlerweile gefühlt seit ewiger Zeit, tatsächlich seit drei Jahren überwiegend daraus, wahlweise körperlich erkrankt, erschöpft oder antriebslos auf dem Sofa herum zu Gammeln und nichts mehr zustande zu bringen. Nach wie vor überkommt mich täglich die Sinnfrage. Es ist schwierig in dem Zustand den Spaß am Leben zu sehen. Lebensqualität ist nicht wirklich gegeben.

Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass es problematisch werden könnte jemals wieder eine neue Arbeitsstelle zu finden, wenn ich öffentlich von meinem Autismus schreibe und insbesondere von einer Depression. Meiner Ansicht nach gehört der komplette Bereich der psychischen Erkrankungen aber aus der Verheimlichungsecke heraus. Wenn eine Depression tatsächlich eine Erkrankung ist, dann sollte man genauso darüber sprechen dürfen wie über eine Blasenentzündung oder einen grippalen Infekt. Wo ist der Unterschied? Alles sind heilbare Erkrankungen, die einen arbeitsunfähig werden lassen können. Angeblich – bei der Depression habe ich mittlerweile so meine Zweifel bezüglich der Heilbarkeit, immerhin scheine ich seit meiner Jugend immer mal wieder depressiv zu sein.

Eine Autismus-Spektrum-Störung (soweit ich auf dem Laufenden bin, soll man das Wort Störung nicht mehr benutzen – in Ermangelung einer zufriedenstellenden anderen Bezeichnung bleibe ich aber dabei) ist zwar weder eine Erkrankung noch ist sie heilbar. Trotzdem denke ich, dass es, zumindest für mich, unabdingbar ist, offen damit umzugehen. Ich glaube, dass ich nicht mehr versuchen sollte mich an eine Arbeitsstelle anzupassen. Das hat Zeit meines Lebens bisher nicht geklappt. Es ist wichtig, dass ein zukünftiger Arbeitgeber weiß wo meine Schwierigkeiten liegen, wenn ich denn irgendwann in der Zukunft (hoffentlich bald) fähig sein werde wieder einer Teilzeit-Erwerbsarbeit! nachzugehen. Mir ist inzwischen klar, dass ich wahrscheinlich niemals genügend Energie haben werde, um ganztags arbeiten gehen zu können. Ich arbeite daran, das nicht mehr als persönliches Lebensversagen zu sehen, sondern als nachvollziehbare Folge meines Autismus. Und dass ich unbedingt eine Stelle finden muss, bei der sich die Rahmenbedingungen an meine Bedürfnisse anpassen lassen. Damit ich gesund bleiben kann – soweit ich das wieder werde.

Ich hoffe, die Zusammenhänge kann ich der Sachbearbeiterin von der Rentenversicherung verständlich erklären, wenn ich das nächste Mal zu einem Beratungsgespräch über meine berufliche Zukunft eingeladen werde. Das letzte Mal verlief nämlich denkbar irritierend. Ich bekam als für mich passende berufliche Rehabilitationsmaßnahme vorgeschlagen, in dieses berufliche Trainingszentrum zu gehen. Der „Erwerb von Schlüsselqualifikationen, die Steigerung der Belastbarkeit und das (Wieder-) Erlernen des Rollenverhaltens“ (Quelle) als seelisch erkrankter Arbeitnehmer stehen im Vordergrund des mir anempfohlenen Trainings. Dort solle ich dann mittels Kursen aus den Themenbereichen

  • Büroorganisation
  • Schriftverkehr
  • PC-Kenntnisse
  • Computertechnik
  • Grundkenntnisse der Verwaltungsorganisation
  • Grundkenntnisse der Buchhaltung
  • Grundkenntnisse des Personalwesens
  • Mediengestaltung (Quelle)

eine Lösung für meine berufliche Situation finden. Zudem gäbe es laut Sachbearbeiterin ein Anpassungstraining in der Gruppe, bei der ich soziale Kompetenz erlernen könne. Auf meine Frage, ob sich die Fachkräfte dort auch mit Autismus auskennen würden erhielt ich die Antwort: Betreut werde man von Sozialpädagogen. Ein sehr wichtiger Baustein der Maßnahme seien möglichst viele betriebliche Praktika. Ganztags, in wechselnden Betrieben und in der Werkstatt. Wegen des weiten Anfahrtsweges könne ich während der Woche im dortigen Gästehaus logieren. Vor Beginn dieser Maßnahme müsse ich jedoch erst noch einen Erwerbsminderungsrentenantrag stellen, davor könne sie gar nichts für mich tun. Aber das ginge nicht bei ihr, sie sei für diesen Antrag nicht zuständig.

Ich frage mich, inwiefern mir diese Maßnahme in meiner gesundheitlichen Situation und hinsichtlich meiner bereits vorhandenen beruflichen (Über)qualifikation als Steuerfachangestellte und Bildungswissenschaftlerin etwas Positives bringen soll. Ich hoffe wirklich, diese Beratungsgesprächsergebnisse sind nur dem fehlenden Wissen der Sachbearbeiterin über Autismus mit der Komorbidität Depression zuzuschreiben. Ich hoffe, Mitarbeiter in Ämtern und Behörden sind nicht lernresistent und durch zunehmende Verbreitung von Wissen über Autismus und Depressionen kann nicht nur ich zukünftig hoffentlich zielführender beraten werden. Auch deshalb scheint es mir imho sehr wichtig, offen mit meinen Diagnosen umzugehen.

Übrigens: Den Erwerbsminderungsrentenantrag habe ich bisher nicht gestellt. Und jetzt verschwinde ich wieder eine Zeitlang auf dem Sofa.

 

 

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7 Kommentare zu “Offen mit Autismus und Depressionen umgehen – darf man das?

  1. Du hast einen Löwenmut und eine Engelsgeduld 😊

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    • Deine Einschätzung finde ich ermutigend. Aber Geduld ist wahrlich nicht meine Stärke und als mutig würde ich mich selbst eher nicht bezeichnen. Dankeschön.

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  2. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu – Themen wie Depression und Autismus sollten nicht in der Verheimlichungsecke verschwinden, sondern es muss mehr Aufklärung und Wissensvermittlung geschehen, gerade bei den Ämtern, Sozialpädagogen, Vermittlern etc. Hierzu leisten Sie mit Ihrem Blog einen wichtigen Beitrag! Ich danke Ihnen dafür. Sie haben viel zu geben, ich wünsche uns und Ihnen, dass Sie diesen Blog weiter und weiter führen!

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    • Danke für Ihren motivierenden Kommentar, der mich darin unterstützt, weiterhin Blogbeiträge zu schreiben. Ich empfinde das Schreiben als eine gute Möglichkeit, meine Gedanken und Erlebnisse zu sortieren. Es ist schön, wenn meine Beiträge nicht nur mir etwas bringen.

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  3. Pingback: Die Sache mit der Akzeptanz | SWB - MeiBlog

  4. Ich bin auch Asperger Autistin ich bin 36 Jahre alt. Meine Diagnose habe ich 2015 nach etlichen Zusammenbrüchen bekommen. Ich habe auch eine Depression. Seitdem bin ich arbeitsunfähig, ich konnte aber auch noch nie Vollzeit arbeiten. Ich bin komplett überlastet mit meiner Familie, ich habe 2 Kinder und einen Mann. Nach einer Rehamaßnahme dieses Jahr bekomme ich eine befristete volle Erwerbsminderungsrente. Ich wüßte gar nicht welchen Beruf ich schaffen könnte, denn es passiert bei mir teilweise, daß ich vor Überforderung und Reizüberflutung weine, oder weglaufe, das kann ich nicht steuern. Ich fühle mich weiterhin überlastet, obwohl ich nicht arbeite. Ich lese deine Beiträge sehr interessiert, weil ich dich sehr gut verstehen kann. Anpassung ist anstrengend und diese Anstrengung hört nicht auf. Wir müssen uns viel mehr anstrengen als die ,,Menschen“ da draußen.

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    • Danke für deinen offenen Kommentar. Ich kann gut nachvollziehen, dass du dich überlastet fühlst, obwohl du zur Zeit nicht berufstätig bist. Ich war/bin selbst lange Jahre verheiratet und bin Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder. Zusammenbrüche (aus der Rückschau wegen Überlastungssituationen) finden sich in meiner Geschichte einige. Die Reaktion, bei Überlastung zu weinen und wegzulaufen, kenne ich Zeit meines Lebens, es passiert mir auch mit mittlerweile 52 Jahren und ich schaffe es immer noch nicht zuverlässig, dagegen anzugehen, besonders das Weinen kann ich nicht unterdrücken. Soweit ich es verstanden habe, scheint das aber auch eine Sache der Persönlichkeitsstruktur zu sein. Mittlerweile denke ich, wenn es wieder mal passiert ist nicht mehr, dass ich schon wieder versagt habe, kompetent und erwachsen mit so einer Situation umzugehen. Sondern ich denke im nachhinein über die Situation nach, überlege, zu welchem Zeitpunkt ich noch eine Steuerungsmöglichkeit gehabt hätte und woran ich eine Überlastung rechtzeitig bemerken hätte können. Und ich versuche, mich mit dieser immer und immer wiederkehrenden Reaktion auszusöhnen.

      Es ist notwendig, sich anzupassen, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass ich meine Energie besser nicht dazu verwenden sollte, mich um jeden Preis und an alles anzupassen. Ich muss noch lernen zu unterscheiden, wann Anpassung wirklich notwendig ist. Es kann sein, dass du (und mein Therapeut und meine Ärztin) recht haben, dass man sich als Autist mehr anstrengen muss als andere. Ich kann das nur nicht beurteilen, weil ich keine Ahnung habe, wie sehr sich andere anstrengen müssen für ihre Anpassungsleistung. Das ist so eine Sache, bei der ich mir schwertue, sie zu akzeptieren, eben weil ich keine Vergleichsmöglichkeit habe. Ich weiß ja nur, wie anstrengend es für mich ist.

      Mein Therapeut hat mir gesagt, dass Überlastungsgefühle auch mit der Depression zusammenhängen. Eine Depression ist heilbar. Ich soll Geduld haben, weil die lange dauert und auch nicht einfach von alleine wieder weggeht. Ich soll aktiv in kleinen Schritten etwas dagegen tun und mich auch über kleine Leistungen freuen. Mein Therapeut sagt, irgendwann gehts mir dann auch besser, das soll ich ihm glauben. Die Erwerbsminderungsrente auf Zeit soll ich als Chance begreifen, was ich versuche. Ich tu mir allerdings schwer mit der Unsicherheit, nicht zu wissen, was danach kommt. Die Haltung: „Irgendwie wirds schon weitergehen“ zu entwickeln, ist eine echte Herausforderung für mich.

      Darf ich dich fragen, wie du damit umgehst, eine befristete Erwerbsminderungsrente zu erhalten? Ich für meinen Teil frage mich nämlich, was am Ende der Befristung passieren soll. Ich gehe nicht davon aus, wie durch ein Wunder dann voll erwerbsfähig geworden zu sein. Und ich werde immer älter, ich schätze, diese Hürde erschwert das Finden einer passenden Stelle zusätzlich. Leider bin ich sehr gut im mir Sorgen machen. Und ich kann die Gedanken daran, wie das alles weitergehen soll, einfach nicht abstellen. Ich weiß nur, dass es mir nicht mehr möglich ist, mich so umfassend anzupassen, wie ich das bisher mit aller Kraft getan/versucht hatte. Das funktioniert nicht mehr. Die Energie, die ich mal hatte, kommt denke ich, nicht wieder. Wahrscheinlich hängt das aber nicht nur mit Autismus und Depression, sondern auch mit Alterungsprozessen zusammen.
      Wenn ich mein Leben so angucke, dann denke ich, dass die Auswirkungen einer Depression gravierender als der Autismus und schwieriger zu händeln sind. Der Autismus war und ist immer da, ist ein Teil von mir. Und sehr viele Auswirkungen empfinde ich für mich auch als Vorteil. Diese Vorteile in der Arbeitswelt realisieren zu können, ist ein Ziel von mir.

      Ich wünsche dir viel Kraft beim deinem eigenen Kampf gegen die Depression und viel Erfolg, wenn du nach einer für dich passenden Nische im Berufsleben suchst.

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