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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Piep – ein Lebenszeichen

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Warum ich so lange abgetaucht war, hat mehrere Gründe:

Ich habe – alleinverantwortlich, ohne Unterstützung, denn die war und blieb aus, zusätzlich war (und ist) mein Vertrauen in irgendwelche Fachdienste, die sich angeblich mit Autismus auskennen und sich bereiterklärten (gegen Entgelt natürlich), mich unterstützen zu wollen, aufgrund meiner Erfahrungen empfindlich gestört – tatsächlich eine berufliche Nische gefunden. Besser gesagt, ich bin gefunden worden, weil ich mich nicht mit der Einschätzung des Exklusionsfachdienstes abgefunden hatte, dass es mir angeblich nicht möglich sei, „auch in einem geschützten und begleiteten Rahmen so zu agieren, dass [meine] Talente gleichzeitig verwertbar und jedoch auch tragbar für den Arbeitgeber sind“. Ich habe diesen erbärmlichen Versuch, sich an mir zu rächen (für was auch immer) abgeheftet und beschlossen, dass es mir ohne „Unterstützung“ bessergeht.

Auf eigene Faust habe ich also weitergesucht. Dank Covid-19 gab es digital stattfindende Veranstaltungen. Ich weiß, dass Corona und die Einschränkungen vielen Menschen nicht gutgetan haben – ich gehöre jedoch zu der vermutlich sehr kleinen Gruppe derer, für die das ein wahrer Segen war. Schön länger verfolgte ich die Aktivitäten des Hildegardis Vereins und meldete mich für einen Bewerbertag für Studentinnen mit Behinderung und Arbeitgeber*innen an. Der Tag war für mich ziemlich anstrengen, aber interessant und die Anstrengung hat sich gelohnt, denn das Ganze resultierte in einem Arbeitsvertrag als Projektmitarbeiterin an einer Hochschule. Zunächst als studentische Hilfskraft, nach einem halben Jahr dann als befristet Angestellte im Projekt. Aus der Rückschau war das für mich optimal, ich hatte Zeit, das Team, das Arbeitsumfeld und die Aufgaben kennenzulernen und konnte quasi in alles „hineinwachsen“.

Jetzt arbeite ich in einem wunderbaren Team, das einen Umgang miteinander pflegt, den ich noch niemals zuvor in der Arbeitswelt so erlebt habe. Und das Beste daran ist, dass ich eingestellt wurde, weil ich Autistin bin und nicht obwohl ich Autistin bin. Mein Arbeitsplatz ist genau die berufliche Nische, nach der ich immer gesucht hatte. Ich fühle mich als Person und meine Arbeitsleistung wertgeschätzt, habe Entwicklungsmöglichkeiten, ich kann mein Wissen aus meinem Studium verwerten, ich arbeite in einem wissenschaftlichen Umfeld, kann meine Stärken einbringen und lerne permanent Neues dazu. Ein Traum.

Es gab nur eines, das fehlte und das lag an mir. Seit ich 2018 mein letztes Pflichtmodul im Masterstudium beendet hatte, meldete ich mich zwar jedes Semester zurück, hatte es aber nicht geschafft, meine Masterarbeit endlich in Angriff zu nehmen, ergo auch keinen Abschluss. Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es sicher bemerkt: ich schrieb „es gab“. Hey Leutz, ich kann es immer noch nicht glauben, aber ich habe diese Woche tatsächlich meine Masterarbeit ans Prüfungsamt geschickt. Es ist ein überaus befriedigendes Gefühl, gleichzeitig muss ich über mich selbst grinsen, weil ich auf meine alten Tage noch so etwas wie „Karriere“ mache und voll durchstarte. Ohne diese Arbeitsstelle hätte ich das aber vermutlich nicht mehr geschafft. Deshalb: Ein tief empfundenes Danke.

Das zweite Großprojekt, das meine Energien so beansprucht hat, dass ich Blogbeiträge hintanstellte, war die Gründung eines Vereins von Autistinnen und Autisten für Autistinnen und Autisten. Neun andere Autistinnen und Autisten und ich haben zusammen den Verein Autismus Selbstvertretung Bayern gegründet. Die Vereinsgründung, die ganzen Formalien, bis ein Verein eingetragen ist, die Anerkennung der Gemeinnützigkeit beim Finanzamt usw., usf., das hat einige Zeit gedauert, ist aber nunmehr geschafft. Dank unserer engagierten Schatzmeisterin, die einen Antrag auf Fördergelder gestellt hatte, haben wir jetzt auch den Bescheid erhalten, dass wir unsere Pläne, wie wir uns und unsere Interessen selbst vertreten, in die Tat umsetzen können. Neumitglieder sind übrigens gerne willkommen. Nähere Infos dazu findet ihr auf den Vereinswebseiten.

Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit kosten Zeit und Energie, beides bringt mir aber auf der anderen Seite auch wieder Energie, der limitierende Faktor, hier auf meinem Blog Beiträge zu schreiben, war schlicht und ergreifend die fehlende Zeit, denn ein Tag hat leider nur 24 Stunden. Dazu kam der ganz normale Wahnsinn, den man Leben nennt. Mal sehen, ob ich die Zeit finde, meinen Blog hier wieder mit regelmäßigen Beiträgen zum Leben zu erwecken. Eins ist klar: Langweilig wird mir wohl nie!

Bildquelle: Danke an Peggy_Marco (2016, 17. November). https://pixabay.com/de/illustrations/wei%c3%9fe-m%c3%a4nnchen-3d-model-freigestellt-1816220/

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

2 Kommentare zu “Piep – ein Lebenszeichen

  1. Hallo Frau Silke Wanninger-Bachem, herzlichen Glückwunsch !!! Ihre Arbeit ist einfach nur bewundernswert und ich freue mich sehr, dass Sie nun so zufrieden und beschäftigt sind. In der ganzen Zeit habe ich leider nur meine Diagnostik durchführen können, finde keine passende Unterstützung und habe ein Mobbingproblem in der Nachbarschaft. Also igele ich mich im Moment etwas ein. Doch auch das wird wieder besser werden und Menschen wie Sie sind eine Inspiration nie aufzugeben. Alles, alles Gute wünsche ich Ihnen.

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    • Vielen lieben Dank. Ich freue mich, dass Sie inzwischen immerhin den Diagnoseprozess, der ja auch sehr anstrengend und vor allem langwierig ist, durchführen haben können.

      Ich stimme Ihnen zu: Es wird wieder besser werden. Das ist meiner Erfahrung nach tatsächlich immer der Fall gewesen. Man weiß halt leider nicht wann es wieder besser wird und muss durchhalten, bis es soweit ist. Einigeln ist dabei vermutlich eine praktikable Lösung, ich kenne etliche Autistinnen und Autisten, die das in schwierigen Situationen machen. Ich wünsche Ihnen, dass es schnell geht mit dem wieder besser werden.

      Mobbing sollte man nicht alleine durchstehen müssen, dabei braucht jeder meiner Ansicht nach Unterstützung, hier wünsche ich Ihnen, dass Sie eine passende finden.

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