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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, zur Abwechslung mal die passende Diagnose und erst dann einen passenden Therapeuten zu finden

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Mein Mann hatte seit dem Auszug meines Sohnes mehrfach Vergleiche zwischen ihm und mir angestellt und war zu dem Ergebnis gekommen, dass ich zur Sicherheit abklären lassen sollte, ob ich nicht vielleicht ebenfalls autistische Züge hätte. Ende 2015 hatte mir meine Freundin mit den Worten: „Das hat mich total an dich erinnert, lies das mal“ ein Buch in die Hand gedrückt mit dem Titel Schattenspringer von Daniela Schreiter. Während des Lesens musste ich abwechselnd lachen und weinen, weil ich mich in vielen Dingen wiedererkannte. Ich las einige Fachartikel über Autismus, in denen darauf hingewiesen wurde, dass sich die Symptome zum Teil mit denen anderer psychischer Erkrankungen überschnitten. Danach las ich dann sehr viele Studien und Fachartikel zu den Themen Angststörungen, Autismus, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Zwangserkrankungen, die frei im Internet zugänglich waren. Ich bestellte mir ein neueres Fachbuch von Ludger Tebartz van Elst Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter, um mehr Informationen neben den wissenschaftlichen Studien zu erhalten, die vielleicht besser verständlich für mich sein würden.

Ich rang mit dem Verständnis der Diagnosekriterien von in Frage kommenden psychischen Erkrankungen, fand Beispiele für mich aus meinem eigenen Leben und zweifelte diese Beispiele an. Ich verwarf einerseits die Idee, selbst ebenfalls autistisch sein zu können, weil ich mich wieder und wieder mit dem einzigen autistischen Menschen verglich, den ich kannte und der war so ganz anders als ich. Bei der nächsten Lektüre fand ich mich andererseits trotzdem in Beschreibungen einzelner Symptome wieder. Da es aber genügend Beispiele gab, die garantiert nicht auf mich zutrafen, war ich mir letzten Endes relativ sicher, zwar tatsächlich irgendeinen größeren psychischen Schaden haben zu müssen, dachte aber eher an eine Persönlichkeitsstörung oder Depression als an Autismus.

Ich schrieb eine Analyse für mich selbst, um meine Gedanken zu sortieren. Schwierige Lebenssituationen diskutierte ich in Selbstgesprächen immer schon mit mir selbst aus und schrieb vor wichtigen Entscheidungen erst einmal alle relevanten Punkte nieder. Meine schriftliche Auseinandersetzung mit dem Thema wurde dann ein kompletter Lebenslauf, strukturiert nach Überpunkten, logisch gegliedert – und sehr lang. Ich kam zu der Erkenntnis, dass ich das noch jahrelang weitertreiben konnte, als Laie aber niemals eine Antwort erhalten würde, der ich trauen konnte, denn eingedenk meiner Vordiagnose meinte ich, dass ich meiner eigenen Wahrnehmung lieber nicht trauen sollte. Nach meinem Verständnis war eine korrekte Einordnung meiner Symptome wichtig, um überhaupt effektive Handlungsmöglichkeiten ableiten zu können. Bevor ich mich also auf die Suche nach einem Therapeuten machen konnte, um nicht weiter an meinen psychischen Schwierigkeiten zu verzweifeln, musste ich demnach meinen Verdacht von Fachleuten abklären lassen.

Mein Mann war sich mittlerweile sicher, dass ich Autistin bin, ihm glaubte ich aber als Nichtfachmann nicht. Ich befragte meinen Sohn, ob er sich vorstellen könnte, dass ich autistische Züge hätte. Er riet mir, mich beim hiesigen Netzwerk Autismus zu melden. Ich machte dort Ende 2015 einen Termin mit einer sehr netten Frau aus. Seither treffe ich mich mit ihr alle vier bis sechs Wochen, bespreche Vorkommnisse aus meiner Arbeit und meinem Leben und hole mir kompetenten und hilfreichen Rat. Sie vermittelte mir Anfang 2016 einen Termin zur Abklärung meiner Fragen bei einer Ärztin der Institutsambulanz des BKHs, die langjährige Erfahrung mit der Diagnostik von Autismus bei Erwachsenen hatte. Nach einem Gespräch mit dieser Ärztin, zu dem sie mich dankenswerterweise begleitete, wurde ich zu weiteren Anamnesegesprächen wegen der Abklärung einer Depression und des Autismusverdachtes eingeladen. Beim zweiten Gespräch begleitete mich mein Mann. Da die Ärztin  mich nach meiner Kindheit gefragt hatte, gab ich ihr meine eigene schriftliche Analyse, die sie zusätzlich zu den insgesamt fünf Gesprächen mit ihr auswerten wollte.

Drei Monate später erhielt ich drei Testtermine bei einer Testpsychologin, die mir das weitere Vorgehen vorab per Email mitteilte. Die Testung selbst war mit jeweils zweieinhalb bis drei Stunden zwar anstrengend, aber interessant. Nach dem dritten Termin, bei dem ich auch einen Stapel zu Hause ausgefüllter Fragebögen mitbrachte, wollte sie noch meine Mutter interviewen, die neben meinem Mann ebenfalls einen Fragebogen ausfüllen durfte. Das hatte sie dann zeitnah auch gemacht, meine Mutter erzählte mir, sie wäre hauptsächlich tiefer zu den Fragen befragt worden, die sie im Fragebogen bereits angekreuzt hatte. Sie sollte Beispiele meines Verhaltens als Kind im Alter von ca. 3 bis 6 Jahren schildern. Das Interview wurde per Telefon durchgeführt und dauerte laut meiner Mutter ca. eine Stunde.

Weitere acht Wochen später fand das Abschlußgespräch statt, zu dem ich mit meinem Mann ging. Und 17 Jahre nach meiner ersten Diagnose erhielt ich dann die Diagnose Asperger-Syndrom. Die Testpsychologin erklärte uns beiden in den nächsten zweieihalb Stunden ausführlich meine Testergebnisse und die Folgen daraus. Sie erläuterte meinem Mann Gründe für Verhalten von mir, das bisher in unserer Ehe immer wieder zu Schwierigkeiten geführt hatte. Außerdem erläuterte sie uns die Gründe, die wohl zu meiner Vordiagnose aus dem Jahr 1999 geführt hatten. Dies alles steht auch im siebenseitigen Arztbericht, der mir zusätzlich zu den 13 Seiten Testbericht zwei Wochen darauf zugesendet wurde. Die Testpsychologin sagte mir zu, dass ich per E-Mail um einen weiteren Termin bitten dürfe, wenn bei mir noch Fragen aufkämen, was ich ein paar Wochen später nach mehrfachem Lesen der Berichte auch tat. Ich nahm dazu eine Liste mit offenen und neu entstandenen Fragen mit, die sie mir ausführlich beantwortete. Insgesamt fühlte ich mich während der Diagnostik von allen Stellen, die involviert waren sehr gut unterstützt und begleitet.

Zu einer Fachambulanz zu gehen, um dort eine diagnostische Abklärung psychischer Probleme machen zu lassen, ist nach meiner jetzigen Erfahrung eine wirklich gute Entscheidung. Die Fachkräfte kannten sich mit Autismus und seinen Erscheinungsformen aus. Mir hatte die erste Ärztin beispielsweise in den Anamnesegespächen die neuesten Forschungsergebnisse und die Änderungen von ICD 10 auf 11 bzw. DSM 5 ausführlich erläutert. Wichtig erscheint mir, dass man sich auf die Diagnostik offen einlässt und Vertrauen hat. Es sind Fachleute, die einem helfen wollen. Ich bin dort hingegangen, um eine verläßliche Einschätzung zu erhalten, was mit mir psychisch nicht stimmt. Und dazu brauchte ich trotz meiner aus meinen Vorerfahrungen resultierenden Widerstände und meiner Skepsis, was Psychologen betrifft, kompetente Fachleute. Ich bin zwar nicht glücklich, eine Autismus-Diagnose erhalten zu haben – das ist leider nichts, wogegen man ein paar Jahre Therapie machen kann oder Medikamente nehmen und dann ist man gesund – aber ich habe damit ein plausibleres Erklärungsmodell für meine Schwierigkeiten im Leben bekommen, das mir in der Zukunft hoffentlich helfen kann, besser mit ihnen umzugehen.

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