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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Emotionserkennung im Supermarkt

Ich hatte von der Ergotherapeutin, zu der ich seit Dezember gehe, vor Weihnachten die Hausaufgabe bekommen, beim Einkaufen eine Person zu beobachten, ihre Körpersprache und Mimik darauf zu interpretieren, welche Emotionen diese Person hat, bestenfalls noch in Kontakt zu kommen und über das Ganze einen Bericht zu schreiben.

Da ich eher selten Einkaufen gehe und zu Prokrastination neige, habe ich das heute erst erledigt. Im Auto bemerkte ich bei mir bereits Widerwillen wegen der Aufgabe. Ich verstehe, dass es Übungszwecken dienen soll, aber beim Einkaufen habe ich eigentlich nur das Ziel, meine Einkäufe möglichst schnell zu erledigen. Normalerweise trage ich Kopfhörer im Supermarkt, schon um das nervige Hintergrundgedudel und Gepiepe auszuschalten und auch, um die Gespräche nicht mit anhören zu müssen. Heute ging das ja nicht.

Als ich meinen Einkaufswagen durch die Eingangsschranke schieben wollte, blockierte die ein älterer Herr in herunterhängender Jeans und dunkelblauem Pullover, der sich an seinem Wagen festhielt und genau davor stehenblieb. Da ich ihn nur von hinten sah, konnte ich seine Mimik nicht erkennen. Nach einigen Sekunden wedelte er erstaunlicherweise in Richtung Kasse, diese Handbewegung sollte wohl jemanden herbeirufen. Es dauerte eine Weile, bevor eine ältere, in eine pinke Bluse und helle Pelzjacke gewandete Dame mit Perlenkette zu ihm schlurfte, wobei sie noch ein paar launige Worte mit der Kassiererin wechselte. Ich interpretierte: Beide waren wohl bereits im Laden gewesen, bevor sie beschlossen hatten, doch einen Einkaufswagen zu brauchen, den er dann holte, wobei seine Frau schon mal vorab durch den Laden ging und eventuell die Kassiererin kannte – weshalb sonst hätte sie mit dieser reden sollen? Die beiden begannen im Schneckentempo endlich den Eingang freimachend eine Diskussion miteinander und bogen in einen Gang ab. Ich beschloss, mir lieber eine Einzelperson für die Erledigung meiner Hausaufgabe zu suchen, wahrscheinlich wäre die schneller mit ihrem Einkauf fertig und ich somit schneller mit meiner Aufgabe.

Im ansonsten leeren Discounter stand ich dann erst einmal etwas verloren zwischen dem Gemüse und war wie immer überfordert vom bunten Angebot. Meiner Ansicht nach gibt es zu viel unterschiedliches Zeugs – ich persönlich brauche nicht mehr als zwei Sorten, eine billige und eine teure, und verstehe auch nicht, weshalb man im Januar unbedingt um die halbe Welt geflogene Früchte kaufen können muss. Es dauerte eine Weile, bevor eine weitere Kundin durch die Eingangstüre kam, die braune Stiefel, eine schwarze Hose und eine dunkelrote Jacke anhatte und eine Brille trug. Sie leerte zuerst einen schwarzen Beutel mit Altbatterien aus, bevor sie durch die grün leuchtende Schranke gehen wollte, die allerdings nicht aufmachte. Sie stockte, ging zwei Schritte zurück, versuchte es ein zweites Mal ohne Erfolg und wandte sich dann nach rechts, um die Schanke zu umgehen. Als sie drei Schritte gegangen war, öffnete sich die Schranke dann doch verspätet, sie drehte den Kopf und stockte wieder, was ich als Irritation interpretierte. Zeitgleich grüßte die Frau jemanden Richtung Kassenbereich und sagte noch etwas Unverständliches, wobei sie außer Sicht zwischen den Regalen verschwand. Mir war das Phänomen mit der unwilligen Schranke selbst schon passiert, ich registrierte erst da, dass ich nicht hätte sagen können, ob die Mimik der Frau irritiert aussah, sondern dass ich von mir auf sie geschlossen und ihr überhaupt nicht ins Gesicht gesehen hatte. In dem Moment kam ein einzelner Mann in Jeans und blauem Oberteil herein, der sich allerdings ebenfalls sofort nach rechts wandte und Richtung Kassen verschwand. Ich überlegte, den beiden zu folgen, meine benötigten Waren gab es aber in einem anderen Gang und Einkaufen musste ich schließlich. Ich beschloss, erst in meine Richtung zu gehen, ich würde beide wahrscheinlich irgendwo im Laden wiedersehen und könnte dann die Aufgabe erledigen.

Erst als ich meine Waren auf das Kassenband legte, fiel mir auf, dass ich vollumfänglich damit beschäftigt gewesen war, meine benötigten Sachen zusammenzusuchen und ich wohl unfähig war, meine Aufmerksamkeit zusätzlich noch auf die Beobachtung von Personen auszudehnen. Ich hatte nur eine Hilfskraft bewusst registriert, die leere Kartons aus den Kühlregalen räumte, weil ich ihr ausweichen musste. Daran, welche sonstigen Merkmale diese junge? männliche Person in Turnschuhen, Jeans, gelbem T-Shirt und blauem Sweater hatte oder gar welche Mimik, konnte ich mich nicht erinnern. Und auch nicht daran, ob mir die Frau oder der Mann von vorhin oder irgendwelche anderen Kunden begegnet waren. Scheinbar blendete ich beim Einkaufen andere Personen komplett aus oder ich war tatsächlich nicht fähig, mich auf mehr als eine Tätigkeit zu konzentrieren.

In Ermangelung anderer Personen, beschloss ich, die Kassiererin zum Subjekt meiner Aufgabe zu machen. Die kniete in heller Hose, Discounterkittel und grünem T-Shirt darunter mit dem Rücken zu mir auf dem Boden hinter ihrer Kasse und wischte irgendetwas auf. Dabei versprühte sie großzügig ein stark riechendes Putzmittel und teilte dem Boden mit, dass sie gleich für ihn da sei. Das schien eher an mich gerichtet zu sein, sonst war ja keiner da. Als sie sich aufrichtete und sich meinem Einkaufswagen zuwandte, führte sie weiter aus, dass so wenig los sei und sie deshalb die Zeit gut nutzen könne, auch mal überall sauberzumachen. Ich dachte mir, dass mich das nicht interessieren würde, sah, dass sie stark geschminkt war und wusste nicht, ob und was ich antworten sollte. Mir war vom Geruch des Putzmittels übel und ich versuchte, mich so weit als möglich davon wegzubewegen. Sie fing an die Waren, die ich in meinem Wagen gelassen hatte zu zählen. Hier war ich vorbereitet und sagte ihr die Gesamtanzahl der einzutippenden Waren und dass eine sich auf dem Band befände. Sie fragte, ob das alles dieselbe Sorte sei, wartete eine Antwort meinerseits jedoch nicht ab und begann selbst die Waren im Wagen nachzuzählen. Ich reichte ihr das Exemplar, das ich aufs Band gelegt hatte, sie zog es über die Kasse, griff sich die andersfarbige Tüte, zog auch diese darüber, während ich bemerkte, dass es wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde, woraufhin sie mir ins Wort fiel, um wortreich festzustellen, dass ich recht mit meiner Annahme hatte. Bei der letzten über den piepsenden Scanner gezogenen Ware sagte ich: „Aufrunden bitte, mit Karte“, woraufhin von rechts eine Stimme sagte: „Abrunden wäre mir lieber“. Die Kassiererin erwiderte, dass ich eine von zwei Kundinnen im Ort wäre, die diese Möglichkeit zum Spenden überhaupt nutzte. Ich versuchte, dem mittelalten? Mann (dunkelgrüne Jacke, braunbeige Hose), der seine Waren (Stangenweißbrot, ein Kopfsalat, zwei Becher Joghurt) nach mir aufs Band gelegt hatte und den ich soeben erst registriert hatte, zu erklären, dass der Vorteil der Aktion neben der guten Tat der überschaubaren Spende sei, keine Kupfermünzen zurückzuerhalten. Währenddessen sagte die Kassiererin mir den Betrag, fragte nach einer Deutschlandkarte, reichte mir den Kassenzettel zum Unterschreiben und unterhielt sich nebenbei weiter mit dem Mann. Weil ich unterschreiben musste, fehlte mir ein Teil des Gesprächs, erfahrungsgemäß wiederholen sich Personen aber oft. Als ich wieder zuhören konnte, äußerte der Mann gerade, dass er lieber die Möglichkeit des Abrundens wählen würde. Ich brachte mich wieder ins Gespräch ein, indem ich zu ihm im Hinausgehen meinte, dass er heute ausnahmsweise mal Aufrunden sagen solle, dann wären es immerhin drei Personen, die spenden würden. Ich weiß nicht, ob er das gehört hat und was er tatsächlich tat. Ich weiß nicht, welche Emotionen beide hatten. Ich war nur sehr erleichtert, endlich dem Gestank des Putzmittels zu entkommen.

Ziel der Ergotherapie ist es, besser mit meinen Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen. Ich vermute, dass es meiner Ergotherapeutin bei dieser Hausaufgabe darum geht, zu sehen, wie es um meine Emotionserkennung steht. Diese Aufgabe ist m. E. gut geeignet, um konkrete Beispiele für die Diagnosekriterien Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Qualitative Beeinträchtigungen der verbalen und nonverbalen Kommunikation zu finden. Die Reflexion solcher Aufgaben ermöglicht es mir, die Auswirkungen meiner Autismus-Spektrum-Störung zu erkennen.

Ich erinnere mich nicht an Dinge wie Details der Kleidung, Augen- und Haarfarbe oder Frisur der Personen, die ich beobachten konnte. Ich habe es zwar geschafft, mit zwei Personen gleichzeitig zu interagieren. Aber ich musste mich komplett auf die Gespräche konzentrieren und darauf, den Geruch des Putzmittels auszuhalten, um überhaupt sinnvolle Dinge von mir geben zu können. Die ganze Interaktionssituation hat mich ziemlich belastet, so dass ich keine Kapazität mehr hatte, überhaupt auf die Gesichter oder die Körpersprache zu achten. Ich habe keine Ahnung, welche Emotionen die Personen hatten und ich frage mich, wie ich das hätte erkennen können, ohne entweder einfach zu raten oder die Personen direkt nach ihren Gefühlen zu fragen. Ich weiß nicht, ob es ein erfolgreiches Gespräch war und welche Beweggründe die Personen hatten, mit mir zu sprechen. Meine Beweggründe sind mir klar: Ich hatte eine Aufgabe zu erledigen. Diese Aufgabe habe ich partiell erfüllt, immerhin bin ich sogar in Kontakt mit zwei Personen gekommen. Aber welche Emotionen diese Personen hatten, kann ich beim besten Willen nicht hineininterpretieren.

Diese Erkenntnis wird auch meine Grundhaltung nicht verändern: Ich werde wohl niemals von alleine auf die Idee kommen, mit anderen Personen in einem Supermarkt ins Gespräch zu kommen. Ich kenne sie nicht und selbst wenn ich jemanden kennen würde, würde ich diese Person wahrscheinlich nicht bemerken oder nicht wiedererkennen. In meinen Augen sind Gespräche mit Smalltalk Inhalt die Mühe nicht wert. Und die Emotionen mir wildfremder Menschen, denen ich wahrscheinlich nie mehr begegne, scheine ich erstens nur in eindeutigen Fällen zu erkennen und zweitens interessieren sie mich schlichtweg nicht.

Meine Ergotherapeutin wird wahrscheinlich freuen, dass ich zumindest bei mir selbst Emotionen erkenne: Einesteils machen mich die offenkundig vorhandenen Defizite in Emotionserkennung oder im Deuten von Körpersprache und Mimik traurig. Andernteils freue ich mich, mittlerweile zu sehen, welche Schwierigkeiten ich in solchen Situationen eigentlich habe. Emotionserkennung ist wichtig, keine Frage. Aber mittlerweile kann ich entscheiden, wann es sich für mich lohnt, Energie in Anpassungsleitungen zu stecken, ich sehe, welche Kompensationsmöglichkeiten ich habe und denke, dass ich meine eigenen Grenzen immer besser kennenlerne. Besser mit meinen autismusbedingten Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen, heißt für mich nicht, gegen meine Natur zu agieren. Schätze, ich sollte der Ergotherapeutin sagen, was ich durch diese Hausaufgabe gelernt habe: Es macht keinen Sinn, Einkäufe zusätzlich dadurch zu erschweren, Personen zu beobachten und mit ihnen zu reden. In Zukunft gehe ich wieder wie gewohnt durch den Supermarkt, höre Musik und habe meine Ruhe. Damit fühle ich mich definitiv besser, das habe ich zweifelsfrei erkannt.

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TKSI – Emotionserkennung-Update

Mittlerweile trainiere ich seit einigen Wochen mit Hilfe einer Trainings-Software (SCOTT) das Erkennen von Emotionen. Inzwischen habe ich bei allen drei Spielen das Level 3 erreicht. In einem vorherigen Blogbeitrag hatte ich mich über vermeintliche Bugs im Programm ausgelassen.

In der vergangenen Woche ist mir aufgefallen, dass ich mich geirrt habe. Ziemlich peinlich, das hier schreiben zu müssen, aber ich habe scheinbar die Anleitung bei dem Spiel Stimme zu Gesicht und Emotion zuordnen falsch verstanden. Immer noch fällt mir dieses Spiel am Schwersten. Letzte Woche hatte ich dann ein Aha-Erlebnis: Es kommt gar nicht auf den Inhalt des Gesagten an – die Anleitung stimmt insofern, als dass man den Inhalt sogar aktiv ausblenden muss, weil die Lösung sonst zu absurd ist. Einzig wichtig für die korrekte Lösung sind Mimik und Tonfall der Stimme, der Inhalt ist teilweise sogar irreführend. Ich komme mir jetzt ziemlich doof vor, weil ich Wochen dafür gebraucht habe, die Erkenntnis, dass Tonfall, Inhalt und Mimik nicht zusammenpassen, auch tatsächlich umzusetzen und zu begreifen, was das für die richtige Lösung bedeutet. Und weil ich die Spielanweisung, man soll den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen so gründlich missverstanden habe. Ich dachte bei Stimme nur an den Inhalt des Gesagten. Auch jetzt fällt es mir unglaublich schwer, den Inhalt auszublenden. Es ist und bleibt komisch, wenn der korrekte Emotionsbegriff zu dem Satz: „Die Wohnung liegt im zweiten Stock und hat einen Aufzug“ wehmütig ist.

Beim Gesichter Puzzle habe ich es inzwischen geschafft, die 5400 Punktehürde zu meistern. Allerdings nicht, weil ich mich tatsächlich darin verbesserte, die Mimik zu erkennen. Nach fortwährendem Frustrationserleben stand ich vor der Entscheidung, aufzugeben und zu akzeptieren, dass ich hier scheinbar nicht weiter lernfähig bin oder eine andere Lösung zu finden. Also schaute ich mir die jeweiligen Gesichtsober- und -unterteile nochmals genauer an. Sie unterschieden sich beispielsweise in der Ausleuchtung und damit in der Gesichtsfarbe. Falls das nicht der Fall war, behalf ich mir mit dem Vergleich, wieviel vom Ohrläppchen zu sehen war oder wie die Kopfneigung der jeweiligen Sequenz verlief. So war es relativ einfach, die passenden Einzelteile zusammenzusetzen. Das hat natürlich überhaupt nichts mit Emotionserkennung zu tun.

Auf der Bestenliste rangiere ich immer noch nur im Mittelfeld. Scheinbar habe ich wieder die Grenze meiner derzeitigen Fähigkeiten erreicht. Auch bei den Filmsequenzen erreiche ich keine höhere Punktzahl mehr. Im Moment bin ratlos und weiß nicht, was ich noch tun kann außer wieder und wieder zunehmend frustriert die Spiele auf Level 3 zu spielen und zu hoffen, dass ich nochmals eine Eingebung haben werde oder es doch noch zu einer Verbesserung meiner Fähigkeiten durch die Übung kommt.

Manchmal kann ich mir ein Lachen während der eineinhalb Stunden KTT (kognitive Testung und Training) einfach nicht verkneifen, weil die richtigen Lösungen in meinem Augen seltsam bzw. absurd erscheinen. Gleichzeitig bin ich traurig, weil mir durch das Training sehr deutlich vor Augen geführt wird, wo genau ein Teil meiner Defizite liegt. Einesteils freue ich mich darüber, endlich zu wissen, woran es liegt, dass sich fortwährend kommunikative Missverständnisse durch mein Leben ziehen. Aber ich vermisse andernteils auch den selbstzufriedenen Zustand der Unwissenheit vor der Diagnose. Es war so viel einfacher davon auszugehen, meine Mitmenschen verstünden mich deshalb nicht, weil sie größtenteils anscheinend begriffstutzig sind und nicht genau hinhören. Die Erkenntnis, dass nicht meine Mitmenschen doofer als ich sind, sondern es gerade umgekehrt ist, mir wegen meiner Defizite in der Wahrnehmung nonverbaler Kommunikation wichtige Informationen fehlen, die sie haben, ist immer noch bitter.


Ein Kommentar

TKSI – Emotionserkennung

Das kognitive Training am PC zur Emotionserkennung, das ich seit zwei Wochen mache, ist interessant und erstaunlich anstrengend. Dieses Tool wird dazu verwendet: http://www.scott-training.de/#  Es scheint ein Trainingsprogramm zu sein das nach einer Evaluation überarbeitet wurde. Demnächst soll es in einer neuen Version erscheinen. Grundsätzlich scheint es die Emotionserkennung bei Autismus positiv beeinflussen zu können – zumindest innerhalb meiner autistischen Begrenzungen.

Es gibt jeweils drei Level in jedem der drei angebotenen Spiele. Ein höheres Level schaltet man nach dem Erreichen von fünf Prämien frei. Ein Spiel beinhaltet zwischen fünf und zehn Durchgänge. Das Spiel ist durch relativ unlangweilig und der „pädagogische Zeigefinger“ ist wenig sichtbar. Was mich stört, sind die grafische Aufmachung und die immer wieder eingeblendeten „hilfreichen Hinweise“. Ich denke wirklich nicht daran, nach zweimaligem Lesen der Hilfefunktion diese noch ein weiteres mal aufzurufen. Und es ärgert mich, wenn ich immer wieder von einem Männchen mit Baseballkappe betont jugendfrisch lässig freundlich dazu aufgefordert werde, das in einem Fenster in mehr oder minder regelmäßigen Abständen erscheint. Ich müsste  mitzählen, wie oft dieses Fenster aufpoppt, meiner Vermutung nach passiert es nach fünf Fehlversuchen. Neben der Hilfe gibt es noch die Möglichkeit, Tipps zu erhalten oder einen Joker einzusetzen, was jedoch zu Punktabzug führt. Da ich Spiele grundsätzlich ohne solche Cheatmöglichkeiten spiele, setze ich sie nicht ein. Abgesehen von der nicht unbedingt zielgruppengerechten Aufmachung und den irritierenden Kommentaren, die nicht zur Leistung passen, finde ich dieses Serious Gaming Tool zur Emotionserkennung ziemlich gut umgesetzt.

Anfangs hatte ich nur geraten, inzwischen muss ich aber nur noch bei neuen Spielen und differenzierteren Emotionen die Lösung durch Versuch und Irrtum herausfinden. Emotionale Bezeichnungen wie heiter und angeekelt oder traurig und überrascht kann ich mittlerweile ziemlich gut auseinander halten und korrekt dem Gesichtsausdruck zuordnen. Weil sich die Aufgaben wiederholen, habe ich spätestens nach dem dritten Durchgang die richtigen Lösungen auswendig gelernt. Meine Punktzahl hat sich so nach nur einer Woche verdoppelt. Ich hoffe jetzt, dass trotzdem ein Lerneffekt einsetzt und etwas hängenbleiben wird bei den vielen bewegten Bildern von Gesichtern, die Emotionen ausdrücken. Wenig Verbesserung ist immerhin mehr als gar keine Verbesserung. Ich bin dankbar für jeden Fortschritt.

Immerhin habe ich bereits gelernt, relativ sicher die Basisgefühle Angst, Freude, Ekel, Trauer, Wut, Verachtung und Überraschung anhand der Unterschiede bei Augen- und Mundpartie auseinanderzuhalten. Meine Strategie des Auswendiglernens und die Tatsache, dass die Darsteller im Spiel alles Schauspieler sind, die die Emotionen übertrieben darstellen, dürfte meine Transferleistung aber ziemlich einschränken. Ich vermute nämlich, dass die Leute in der realen Welt nicht genau dieselben Gesichtsausdrücke haben, schon weil es nicht dieselben Gesichter sind. Die Wahrscheinlichkeit, genau diesen Schauspielern zu begegnen, schätze ich als sehr gering ein. Und jedesmal, wenn im Spiel neue Gesichter kamen, hatte ich zuerst, bis auf zufällige Treffer so ziemlich alles falsch.

Beim Gesichter Puzzle habe ich jetzt immerhin Level 3 erreicht – aber seither stagniert es, ich komme einfach nicht über die Punktehürde. Vier verschiedene Gesichtsoberteile zu den jeweiligen Unterteilen zusammenzusetzen plus danach noch die zugehörigen Gefühle korrekt zuzuordnen, und das über fünf Durchgänge pro Spiel mit insgesamt maximal 10 Fehlversuchen ist wirklich schwierig. Besonders, weil sich bei Level 3 die Gesichtsausdrücke nicht mehr diametral unterscheiden. Die Unterschiede zwischen sehnsüchtig, wehmütig, melancholisch, vergebend und verliebt sind nämlich wirklich nicht einfach zu erkennen. Wenn man es geschafft hat, die Gesichter passend zusammenzusetzen, gucken die Schauspieler aber häufig auch dermaßen ähnlich oder die angebotenen Emotionskärtchen passen meines Erachtens so gar nicht zu den Gesichtsausdrücken, dass ich zu viele Fehler mache und bisher im dritten Level noch keinmal ein komplettes Spiel lösen konnte. In Level 1 muss man das Ganze nur mit zwei Gesichtern und drei angebotenen Emotionen machen, in Level 2 dann mit drei Gesichtern und fünf Emotionen und ab Level 3 dann mit vier Gesichtern und sieben Emotionsbegriffen. In Level 1 hat man also die meisten Chancen, die Aufgabe durch pures Glück oder per Ausschlussverfahren zu lösen. Wie gesagt, seit Level 3 komme ich nicht mehr weiter, ich scheitere an der 5400 Punkte Hürde und an den maximal erlaubten Fehlversuchen.

Das demotiviert mich inzwischen ziemlich. Außerdem stört mich, dass die dargestellten Emotionen bei den vier Gesichtern nicht synchron jeweils von vorne abgespielt werden. Am Ende einer Sequenz erscheint immer ein Pixelmuster, das demnach zeitversetzt über alle vier Gesichter läuft. Da die Gesichter auf dem Bildschirm relativ nah nebeneinander positioniert sind, irritiert mich das unglaublich, weil ich es nicht schaffe, konzentriert nur ein Gesicht zu betrachten. Leider kann man das Fenster auch nicht vergrößern. Dazu kommt, dass die Emotionskarte ganz rechts bei sieben Karten abgeschnitten dargestellt wird und sich mit der Maus nicht in das Feld des Gesichts ganz rechts ziehen lässt, was zu etlichen ungewollten Fehlversuchen führt, wenn man die linke Maustaste zu früh loslässt. Diese Fehler beeinträchtigen den Spielspaß und die Konzentration nicht unerheblich und strengen mich sehr an.

Die Filmsequenzen, die man zusammensetzen muss werden ebenfalls im Level 2 – weiter habe ich es nicht geschafft – anzahlmäßig mehr und außerdem gibt es im zweiten Level Filmchen komplett ohne Text, das macht die Bestimmung der richtigen Reihenfolge echt schwer, weil ich mich nicht mehr am Inhalt des Gesagten orientieren kann. Außerdem wiederholen sich die Filme und man muss für die Lösung der Aufgabe stets von Neuem alle Filmsequenzen in kompletter Länge von vorn ansehen, damit das Schlosssymbol verschwindet und man die Aufgabe lösen darf. Das nervt spätestens nach dem zweitenmal ziemlich – zumindest mich, weil es unnötig aufhält – ich weiß ja bereits, wie es weitergeht und außerdem langweilt es mich. Bei diesem Spiel ist es für mich noch einfacher, mir die richtige Lösung zu merken. Die Regel für die Auswahl der korrekten Abschlussfrage ist, immer die abgeschwächte Version mit weniger Adjektiven zu wählen und die zwei Möglichkeiten auszuschließen, die im Film nicht erwähnte Details beinhalten oder sichtlich abwegig sind.

Beim Spiel Stimme zu Gesicht zuordnen habe ich ebenfalls nur das Level 2 erreicht. Dieses Spiel fällt mir am Schwersten. Ich muss die Stimmen mehrfach anklicken und anhören, weil ich mir weder das Gesagte noch den emotionalen Ausdruck im Tonfall merken kann. Ich erkläre mir das damit, dass ich von jeher Schwierigkeiten habe, auditiv etwas zu lernen oder mir mündliche Arbeitsanweisungen zu merken, ich scheine ein rein visueller Lerner zu sein. Im ersten Level konnte ich anhand des Inhaltes des Gesagten den passenden Emotionsbegriff zuordnen. Aber ab Level 2 haben die Entwickler des Games Bugs eingebaut – manche Gesichtsausdrücke passen meines Erachtens wirklich nicht zum Inhalt oder Tonfall des Gesagten und dann soll ich Emotionen zuordnen, die überhaupt nicht zum Inhalt des Satzes passen? Die Spielanweisung lautet, man soll die den richtigen Emotionsausdruck zur Stimme wählen. Erstaunlicherweise war die korrekte Lösung hier jedoch, den Emotionsbegriff passend zum Gesichtsausdruck zu wählen und den Inhalt des Gesagten zu ignorieren, der sowieso weder zum einen noch zum anderen passte. Ich verstehe hier nicht, warum. Denn in der Spielanleitung steht eindeutig, man solle Stimme und Emotion richtig einander zuordnen.

Bei Unklarheiten sollten wir die anderen Gruppenmitglieder fragen. Aber alle, die laut Rangliste besser sind oder ein höheres Level erreicht hatten, gaben an, genau wie ich nur noch zu raten und sich die Lösungen zu merken. Also hat mich diese Nachfrage nicht weitergebracht. Auch einem anderen Gruppenmitglied zuzusehen, das wesentlich höhere Punktzahlen erreicht, demnach also jemand sein dürfte, von dem ich etwas lernen kann, war nicht hilfreich. Ich weiß jetzt noch nicht, wie ich nächste Woche weiter vorgehen werde, um beim Gesichter Puzzle weiterzukommen. Mir bleibt eigentlich nur noch, Tipps oder den Joker zu verwenden, was aber meinen Grundsätzen widerspricht. Ansonsten kann ich die Punktzahl erhöhen, indem ich schneller werde. Mein Ziel für die nächste Woche ist es, überall das Level 3 zu erreichen.