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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Der Freitagabend-Radieschen-Vorfall

Ein Kommentar


Freitagabend, mein Mann war mit dem Nachbarn unterwegs auf einer Veranstaltung. Ich gedachte, mir einen gemütlichen Filmabend zu machen. Dazu hatte ich mir eine Schüssel Salat vorbereitet und Brot getoastet. Dann passierte etwas, das mir in Nachhinein bewusst macht, wie wichtig es ist, achtsam zu essen. Ich verschluckte mich an einem halben Radieschen. Klingt banal, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, daran zu ersticken. Das Ding blieb in meiner Kehle stecken, so dass ich zuerst massiv würgen musste und keine Luft mehr bekam. Daraus entwickelte sich sehr schnell Panik.

Ich weiß nicht, warum das bei mir so ist, aber wenn wirklich schlimme Dinge passieren, dann teile ich mich auf, anders kann ich das nicht erklären. Es ist dann als wenn ich nochmal da wäre, neben mir stehend, die Situation beobachtend und das Kommando übernehmend. Mein funktionierendes Ich versuchte, mich vornübergebeugt soweit zu beruhigen, dass ich Atmen konnte, was nicht leicht war. Das Radieschen steckte fest, ich spürte sogar genau wo. Dummerweise ging der Versuch, es mit einem Schluck Bier herunter zu spülen, gründlich schief. Ein erneuter heftiger Würganfall, feuchtrasselnder Atem und Bier in den Nebenhöhlen war die Folge.

Eine Zeitlang versuchte ich, die Situation auszuhalten und einzuschätzen, ob ich es alleine hinbekomme. Mein Mann war ja nicht da, ich dachte darüber nach, mich ins Auto zu setzen, um ins Krankenhaus zu fahren, verwarf den Gedanken aber, weil jede Bewegung einen Würganfall zur Folge hatte. Es wurde nicht besser. Mein anderes Ich merkte an, dass Hilfe wohl doch notwendig sei und zwang mich dazu, mich würgend zum Festnetztelefon zu schleppen und die 112 einzutippen. Die Überlegung war, wenn ich doch noch einen Atemstillstand habe, dann können sie herausfinden, woher der Anruf kam. Mein Smartphone hätte ich in der Hosentasche gehabt, aber wir wohnen in einem Funkloch, eine Smartphone-Ortung ist eventuell nicht möglich. Reden konnte ich nicht, dann musste ich sofort würgen, flüstern ging stoßweise, immerhin bekam ich die Straße und den Wohnort heraus, dann war wieder Schluss. Die Stimme am Telefon sagte, dass sie jemanden vorbeischicken würden, ich solle die Haustüre öffnen. Erschien mir vernünftig, also tat ich das noch und griff mir auf dem Weg dorthin den Haustürschlüssel. Nach dieser Aktion hing ich wieder rasselnd um Atem ringend und würgend über der Spüle.

Eine gefühlte Ewigkeit später waren drei fremde Sanitäter in unserer Küche, einer hielt mich fest und redete auf mich ein, einer telefonierte wohl und der letzte warf bunte Taschen auf den Küchentisch. Das Festhalten war äußerst unangenehm, ich wand mich schwächlich, wurde aber auf einen Stuhl gedrückt und dann schlug mir jemand sehr kräftig mehrfach auf den Rücken, was überhaupt nichts brachte. Ich versuchte, auf meinen Hals deutend zu zeigen, was los war, krächzte „Radieschen“, bevor der nächste Würganfall kam, während der Sanitäter mir weiter auf den Rücken drosch.

Die drei Sanitäter unterhielten sich und diskutierten, dass es unmöglich ein Radieschen sein könne, die seien rund und würden nicht stecken bleiben, sie einigten sich darauf, dass ich mir mit dem getoasteten Brot die Speiseröhre verletzt hätte. Ich gab resigniert alle Kommunikationsversuche auf und versuchte, vornübergebeugt zu atmen und auf keinen Fall dem Schluckreflex nachzugeben und nicht zu würgen. Der eine Sanitäter hielt mich weiter fest und redete ständig auf mich ein, dass ich mich beruhigen solle.

Meine übrigens äußerst klaren Gedanken waren nicht besonders freundlich –  ich dachte wörtlich „und was meinst du, dass ich hier tue, verdammt nochmal holt doch bitte endlich einer das Ding aus meiner Kehle raus, das blockiert den Kehldeckel“. Die drei berieten, was mit mir zu tun wäre und kamen überein, mich ins Krankenhaus mitzunehmen. Was sie dann auch taten. Mein anderes Ich kümmerte sich noch darum, dass die Tür zugesperrt wurde. Wahrscheinlich war das auch ein Grund, dass sie meine Schmerzen und Beschwerden nicht so ernst nahmen, den Eindruck hatte ich nämlich – welcher ernsthaft Erkrankte kümmert sich noch ums Haustüre abschließen?

Zum Krankenwagen ging ich selbst, ich schüttelte den Arm ab, der mich halten wollte. Woraufhin der Sanitäter sagte: „Na gut, dann halt nicht“. Tat mir leid, dass ich ihm nicht erklären konnte, dass ich das nicht aushielt. Die Fahrt im Krankenwagen verbrachte ich vornübergebeugt mit Spucktüte in der Hand, hinten neben der Liege, nicht angeschnallt, abwechselnd würgend und keuchend. Irgendwie bugsierten sie mich in einem Rollstuhl vom Krankenwagen in die Notaufnahme, dort schoben sie mich in ein Zimmer, wo ich mich aufs Bett legen sollte, was nicht ging. Sie wollten ein EKG machen, was daran scheiterte, dass ich mich nicht zurücklegen konnte. Ich wusste, ich musste unbedingt vornübergebeugt sitzen bleiben, jede Bewegung führte dazu, dass das Radieschen meinen Kehldeckel reizte und ich den nächsten Würganfall bekam. Eine Krankenschwester schob mir eine Nierenschale unter den Kopf und zwei Papiertücher, ich versuchte ihr mitzuteilen, dass sie mir bitte mehr Tücher geben sollte, was nicht klappte. Ein Pfleger gab mir eine Tablette, von der er sagte, sie würde sich im Mund auflösen und riet mir, nicht zu würgen und nicht zu schlucken – ach ne, hatte ich auch schon bemerkt. Was die Tablette bewirken sollte, die sich zwar auflöste, aber logischerweise mit der Spucke aus meinem Mund herauslief, ich sollte ja nicht schlucken, verstand ich nicht. Später vergaß ich dann danach zu fragen. Ich war sehr frustriert, konnte aber nichts machen.

Alle Anwesenden verließen den Raum, ich hörte noch, die Atemwege sind soweit frei, wir lassen sie jetzt in Ruhe. Die nächsten zweieinhalb Stunden passierte nichts weiter, als dass zweimal jemand ins Zimmer kam, um das EKG zu machen, was nicht funktionierte, weil ich mich wirklich nicht bewegen konnte. Außerdem hörte ich von draußen gruselige Geräusche und jemand schrie immer mal wieder. Das irritierte mich ziemlich und machte mir auch Angst. Inzwischen war die Nierenschale am Überschwappen und die zwei Papiertücher watschelnass. Nach der ganzen Zeit, in der ich gelernt hatte, nicht zu schlucken, inzwischen aber wegen der bewegungslosen, sehr unbequemen Haltung am ganzen Körper zitterte und zutiefst erschöpft war, regte sich Wut in mir. Ich hatte zwar riesige Angst vor den Schmerzen, aber ich drückte den Schwesternrufknopf, wofür ich mich leider bewegen musste. Das Ergebnis war der vorhersehbare nächste Würganfall. Währenddessen eine Schwester und eine Ärztin hereingekommen waren. Und dann kam nach dem bisher schlimmsten Würgen endlich auch das bisschen Salat hervor, das ich vor dem Verschlucken gegessen hatte, und mit einem deutlichen Ploppen dazu das halbe Radieschen.

Meine erste Reaktion war ein krächzendes, sehr wütendes aber auch sehr erleichtertes „Und ich hatte doch recht“. Die Ärztin meinte dann zu mir, ja, ich hätte recht gehabt, aber sie hätten nichts machen können. Die Gefahr, dass ich beim mir in den Hals schauen gewürgt hätte, was dann in die Lunge geraten wäre, sei zu groß gewesen. Ich dachte: Na toll, warum hatte mit mir keiner gesprochen und mir die Sachlage erklärt, das hätte die vergangenen Stunden sehr viel einfacher für mich gemacht. Die Ärztin meinte noch, der Oberarzt sei bereits informiert worden, der hätte mir morgen früh mit einer Magenspiegelung geholfen. Ich verstand nicht, weshalb ich die Schmerzen im Hals noch die ganze Nacht aushalten hätte sollen. Aber ich dachte zu lange darüber nach, wie ich danach fragen sollte, so dass sich keine Gelegenheit mehr für die Frage bot. Die Ärztin sagte währenddessen einen scheinbar geplanten Röntgentermin ab. Die Schwester meinte, ich solle über Nacht bleiben, um das EKG noch zu machen und zu schauen, ob alles in Ordnung sei.

Als beide aus dem Zimmer verschwunden waren, beschloss ich, meinen Mann anzurufen und ihn zu bitten, mich abzuholen. Erklären musste ich am Telefon nichts, dafür kennt mich mein Mann zu gut. Ich machte das Licht aus, schloss die Tür, legte mich aufs Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Eine halbe Stunde später holte mein Mann mich dort ab. Ich hatte gehofft, keinem Menschen auf dem Flur zu begegnen, aber der Pfleger kam aus einem Zimmer und sprach uns an. Notgedrungen sagte ich zu ihm das erste, was mir einfiel: Dass ich recht gehabt hätte. Er meinte, sie hätten mir geglaubt, aber seien beruhigt gewesen, weil ich atmen konnte. Und weiter habe man erst einmal nichts machen können. Im Weggehen fiel mir zum Glück noch ein, mich zu bedanken.

Dann fuhr mich mein Mann heim, wo ich sofort ins Bett ging. Am nächsten Morgen fühlte ich mich überhaupt nicht erholt, sondern wie erschlagen – was wahrscheinlich an der Kombination Würgen plus wirklich kräftige Schläge auf den Rücken plus Panik plus Nachwirkungen der Überlastungssituation im Krankenhaus lag. Ich war zu nichts fähig, mein Mann meinte zwar, bevor er in seiner Werkstatt verschwand, ich könnte den Filmabend nachholen, das schaffte ich aber nicht. Den halben Samstag verschlief ich auf dem Sofa. Trinken war nur eingeschränkt möglich, essen gar nicht, was mir aber auch egal war, mir war die Lust aufs Essen gründlich vergangen. Heute konnte ich immerhin schon den obligatorischen Cappuccino einigermaßen schlucken und mich an den PC setzen, um schreibend den Vorfall in meinen Gedanken zu ordnen. Jetzt ist meine Energie aber schon wieder aufgebraucht. Ich schätze, es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich mich von dem Erlebnis erholt habe. Und es wird wahrscheinlich noch länger dauern, bevor ich mich wieder traue, etwas Hartes zu essen.

Erkenntnisse aus dem Freitagabend-Radieschen-Vorfall: Beim Essen sollte ich gründlich kauen und mich vor allem bewusst auf das Essen konzentrieren, nicht nebenbei etwas anderes machen. Wenn notwendig, dann greife ich sogar freiwillig zum Telefon. Ich kann sehr gut abschätzen, was in meinem Körper nicht stimmt. Gelingende Kommunikation ist und bleibt schwierig. Es wäre schön, wenn Rettungssanitäter und Ärzte mir als Patientin erklären würden, was sie tun und warum sie es tun. Radieschen können verflixt ungesund sein.

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Ein Kommentar zu “Der Freitagabend-Radieschen-Vorfall

  1. Wow, ein sehr interessanter Eintrag. Ich konnte mich sehr gut in dich, in die ganze Situation reindenken. Mir sind schon ähnliche Situationen passiert, aber zum Glück nicht in diesem Ausmaß (ich habe vor Jahren im Restaurant ein zu großes Stück Fleisch, zu wenig gekaut, runter geschluckt, das etwas im Hals stecken geblieben ist – mitten im Restaurant bekam ich einen heftigen Würgereiz – sehr peinlich, zum Glück bekam ich es damals, im Gegensatz zu dir, aber schnell wieder in den Griff).

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