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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Ge-/Misslingens-Bedingungen von unterstützenden Maßnahmen

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Berichte von Autisten, die wegen ihres Autismus in diversen Maßnahmen landen, die sie dabei unterstützen sollen, mit ihren Herausforderungen im Leben zurechtzukommen, können dabei helfen, dass solche Maßnahmen gelingen. Aber auch Berichte, die Missstände benennen, sind hilfreich. Kein Bericht ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen, aus dem jedermann lernen kann, was es zu vermeiden gilt.

Theorie

Nichtautistische Fachkräfte, die Autisten unterstützen sollen, arbeiten bei einem Fachdienst, der Geld vom Leistungsträger (Agentur für Arbeit, Rentenversicherung oder Sozial- und Jugendämter) dafür erhält, dass er Maßnahmen zur Eingliederung oder zur Unterstützung Behinderter oder von Behinderung bedrohten Menschen anbietet. Bei jedem dieser Fachdienste sind viele unterschiedliche Fachkräfte beschäftigt mit unterschiedlichen Ausbildungen, Persönlichkeiten und Fachkenntnissen.

Im besten Fall kümmert sich die Leitung eines solchen Fachdienstes um Fortbildungen der Fachkräfte zu allen von diesen betreuten Behinderungsbildern. Insbesondere Fachdienste, die Maßnahmen anbieten, die Autisten unterstützen sollen, sollten in jedem Fall Fachkräfte haben, die sich mit der Thematik auskennen, zumindest rudimentär. Im allerbesten Fall gab es auch schon irgendwann eine (ganz selten mehrere) Fortbildung(en) zum Thema Autismus.

Und jetzt kommt das große ABER. Der Klient ist und bleibt autistisch und die Fachkräfte sind und bleiben nichtautistisch.

Beide, der Klient und die Fachkraft bemühen sich redlich darum, miteinander konstruktiv zu arbeiten. Anfangs werden Ziele festgelegt und Vereinbarungen getroffen. Der Autist erklärt, wie das bei ihm so ist, die Fachkraft macht sich Notizen. Die Ziele und Vereinbarungen werden regelmäßig besprochen und angepasst. Im Verlauf der Maßnahme kommt es in nahezu allen Fällen immer mal wieder zu Missverständnissen und Problemen – insbesondere in der Kommunikation, einem Kernthema bei Autismus. Beide reflektieren ihr jeweiliges (Fehl)verhalten, die aufkommenden Schwierigkeiten werden geklärt, beide lernen durch Versuch und Irrtum, aufeinander zuzugehen und miteinander umzugehen. Die Maßnahme kann (erfolgreich) – für den Erfolg einer Maßnahme spielen andere Faktoren ebenfalls eine Rolle – beendet werden.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Praxis

So sollte es sein. Natürlich. Jeder Klient, auch ein Autist, sollte das erwarten dürfen. Immerhin erhält der Fachdienst relativ viel Geld vom Leistungsträger für solche Maßnahmen und die Betreuung der unterstützungsbedürftigen Klienten. Jede Fachkraft sollte sich stets darüber im Klaren sein, dass ihr eigener Arbeitsplatz daran hängt, dass es Klienten gibt, die sich von dem Fachdienst, bei dem sie angestellt ist, unterstützen lassen. Jede Fachkraft sollte also ganz dringend während ihrer Ausbildung und/oder danach lernen, dass es wie oben beschrieben laufen muss! Denn ansonsten „sägt sie an dem Ast, auf dem sie sitzt“ (Redewendung).

Es klappt normalerweise auch ganz gut mit den meisten nichtautistischen Klienten. Die nichtautistische Fachkraft agiert ihrer Ausbildung nach entsprechend, kommt klar, reflektiert oder auch nicht, es funktioniert. Der Klient fühlt sich (gut) betreut, die Maßnahme endet erfolgreich oder auch nicht, aber letzteres ist selbstverständlich die „Schuld“ des Klienten, des allgemeinen Arbeitsmarktes, der sonstigen Umstände, heutzutage auch des Corona-Virus. Eine gelingende Maßnahme wird vom Fachdienst in vielen Fällen nicht in der eigenen Verantwortung liegend wahrgenommen. Der Erfolg einer unterstützenden Maßnahme hängt meiner Ansicht nach aber nicht nur vom Wohlverhalten des unterstützten Klienten ab, sondern maßgeblich auch vom Verständnis der Behinderung bei der unterstützenden Fachkraft. Wenn die nichtautistische Fachkraft einen Autisten als Klienten hat, laufen meiner persönlichen Erfahrung nach viel mehr Dinge schief, wie bei nichtautistischen Klienten.

Manche für einen Autisten schwierig zu handhabende, schieflaufende Dinge hat niemand in der Hand. Fachkräfte werden krank, Termine werden kurzfristig abgesagt. Das passiert. Es ist für einen Autisten unerfreulich, stresst, ist aber nicht zu ändern. Wieder andere schieflaufenden Dinge liegen im Verantwortungsbereich des Fachdienstes: die Vertretung im Krankheitsfall funktioniert einmal nicht, dann ein zweites Mal nicht. Termine werden nicht nur kurzfristig vorher abgesagt, sondern erst nach Beginn des Termins abgesagt oder die Fachkraft gibt nicht Bescheid, wenn sie sich verspätet. Vertragliche Pflichten des Fachdienstes werden aus autistischer Sicht nicht eingehalten, aus nichtautistischer Sicht weiträumig ausgelegt und für den Fachdienst praktikabel bzw. ökonomisch umgesetzt. Man ist nicht immer einer Meinung, das ist ok solange man miteinander redet. Es kommt sogar zu Konflikten. Die sind normal und sollten normalerweise auch lösbar sein.

Ich habe aber persönlich Dinge erlebt, wie es nicht laufen sollte im Umgang mit Autisten in einer unterstützenden Maßnahme. Autisten wie ich, die sich normalerweise verbal ausdrücken können, reden mit ihrer Fachkraft, so lange sie reden können. Nur bei zu großer Überlastung kann ich mich eine gewisse Zeit lang nicht mehr verbal äußern. Ich sagte meiner mich unterstützenden Fachkraft, dass und was schieflief. Ich tat das klar und deutlich, direkt, ungeschminkt, ohne Abmilderungsformulierungen. Ich stellte die Tatsachen fest. Ich benannte von mir wahrgenommene Fehler, Widersprüche. Ich zerrte alles, was nicht so lief, wie es eigentlich laufen sollte, ans Licht, indem ich es ansprach.

Diese Eigenart war aber anscheinend für den Fachdienst schwierig. Ich denke, weil es für andere schambehaftet ist, Fehler zu machen. Üblicherweise wird man für Fehlermachen abgestraft. Besser wäre meiner Meinung nach eine andere Fehlerkultur in unserer Gesellschaft. Fehler machen sollte als das gesehen werden, was schon eine Redewendung beschreibt: Wer arbeitet, macht Fehler. Wer viel arbeitet, macht viele Fehler…

Fachkräfte arbeiten viel und machen natürlicherweise Fehler. Ich mache ebenfalls Fehler. Alle Menschen machen Fehler, behinderte Menschen machen nicht mehr Fehler als Nichtbehinderte. Fehler machen ist meiner Ansicht nach auch nicht das Problem. Das Problem ist es höchstens, dieselben Fehler immer wieder zu machen und nichts aus den Fehlern zu lernen. So lange man nicht gezwungen wird, über eigene Fehler nachzudenken und etwas zu verändern, so lange wird sich auch nichts verändern. Schon deswegen ist es meiner Meinung nach wichtig, auf Fehler aufmerksam zu machen und das tat ich auch in dieser Maßnahme.

Ich sagte zum Beispiel zu meiner Fachkraft: „Sie wurden krank, mir wurde Person X als Vertretung genannt. Ich brauchte Unterstützung bei XYZ und schrieb deshalb Person X eine E-Mail. Laut Konzept unterstützt mich der Fachdienst mindestens einmal wöchentlich, im Krisenfall auch öfter. Ich hätte zeitnahe Unterstützung gebraucht, habe sie aber nicht erhalten. Meiner Ansicht nach lag es daran, dass die interne Kommunikation nicht klappte, weil meine E-Mails nicht weitergeleitet wurden, sondern ungelesen im Postfach der Vertretung landeten, die einige Tage abwesend war und als Vertretung benannt wurde, obwohl sie gar nicht verfügbar war. Mich hat irritiert, dass ich keine Unterstützung, sondern als Antwort auf meine E-Mails zwei Mal hintereinander eine Abwesenheitsnotiz erhalten hatte. Person X selbst meldete sich erst elf Tage später bei mir. Unterstützung wurde da zwar zugesagt, jedoch erst ab nochmal eine Woche später. Es tut mir leid, dass Sie krank wurden und andere Kollegen im Urlaub waren oder ebenfalls erkrankt, aber ich sehe keine Notwendigkeit es hinnehmen zu müssen, dass es dem Fachdienst offenbar nicht möglich war, eine Krankheitsvertretung für Sie zu organisieren. Das ist meiner Ansicht nach weder Ihr noch mein Problem. Es liegt in der Verantwortung des Fachdienstes. Wenn Sie wieder krank werden, erwarte ich, dass der Fachdienst seiner Aufgabe nachkommt, eine funktionierende Krankheitsvertretung bereitzustellen, damit ich nicht noch einmal wochenlang ohne Unterstützung dastehe.“

Das meinte ich genauso, wie ich es sagte. Es war meiner Meinung nach eine Aufzählung und Analyse der fehlerhaften Abläufe, die geschehen waren. Es war eine klare Aussage, dass das, was falsch lief, nicht noch einmal passieren sollte inklusive möglicher Lösungsansätze. Sonst nichts. Ich sagte sogar aus schlechter Erfahrung dazu, dass mein Gegenüber das bitte nicht als Vorwurf an seine eigene Person verstehen sollte. Die nichtautistische Fachkraft verstand meine Äußerungen jedoch offensichtlich trotzdem als Vorwurf, sie fühlte sich persönlich angegriffen und verteidigte sich und den Fachdienst wortreich mit für mich wenig lösungsorientierten Phrasen: Aber die Umstände, dafür kann niemand etwas, das müssen Sie doch verstehen, das können Sie dem Fachdienst und mir doch nicht vorwerfen, aber Corona…

Woraufhin ich einwarf, dass Corona nicht als Ausrede für ein meiner Beobachtung nach grundlegendes Problem wie interne Kommunikationsdefizite oder Organisationsdefizite herhalten müssen sollte. Was die Fachkraft nicht als deeskalierend wahrgenommen hatte. Meine Lösung, auf einer Metaebene miteinander über die Schwierigkeiten in einer Kommunikation, bei der eine Seite überwiegend auf dem Beziehungsohr empfängt und die andere Seite überwiegend auf der Sachebene sendet, zu sprechen, funktionierte nicht. Ich wollte mein behinderungsinhärentes Risiko einer schieflaufenden Kommunikation erklären, damit meine Fachkraft und ich besser damit umgehen lernen. Ich wollte miteinander reden, nicht übereinander. Das kam aber bei der Fachkraft nicht an.

Ein weiteres Beispiel: Ein oftmals wörtliches Verständnis einer Autistin wie mir, die auf eine durchgängige Einhaltung von gegebenen Zusagen und Vereinbarungen beharrt, ist für eine nichtautistische Fachkraft wohl offenbar nicht nachvollziehbar. Eventuell summiert ein Autist dank eines ausgezeichneten Gedächtnisses oder sogar schriftlich – bei mir ist das dann garantiert eine Liste oder Tabelle – auf, wie oft es vorgekommen ist, dass Zusagen/Vereinbarungen nicht eingehalten wurden und zählt das bei seiner Argumentation, dass tatsächlich Fehler passiert sind dann auf. Für mich ist eine durchgängige Einhaltung solcher Vereinbarungen und Zusagen normal, für Nichtautisten, das wurde mir mitgeteilt, ist das unrealistisch.

Ich bin auch nicht auf die Idee gekommen, dass die Zusagen/Vereinbarungen, die mit mir und diesem Fachdienst getroffen wurden daraus resultierten, dass extra für mich Ausnahmen bei der Durchführung der Maßnahme gemacht wurden und dies für den Fachdienst wohl etwas Besonderes war. Ich bin erst bei einem Klärungsgespräch zu Dritt mit meinem Therapeuten, das von mir anberaumt wurde, weil mittlerweile die Liste der schiefgelaufenen Dinge meiner Ansicht nach sehr lang geworden war, darauf gestoßen, dass die Fachkraft von mir Dankbarkeit erwartet hatte, weil in der unterstützenden Maßnahmedurchführung individuell auf meine Bedürfnisse eingegangen wurde.

Ich hatte mir im Vorfeld der Maßnahme selbstverständlich das mir ausgehändigte Konzept komplett durchgelesen. Ich hatte mich zusätzlich über die Maßnahme informiert und in jedem dritten gelesenen Satz nachlesen können, dass eine wesentliche Grundlage der Maßnahme darin besteht, individuell auf die Bedürfnisse des Klienten einzugehen. Für mich war es demnach selbstverständlich, dass individuell auf jeden Klienten eingegangen wird.

Ich bin also davon ausgegangen, dass das bei jedem anderen Klienten neben mir ebenfalls der Fall wäre, weil es so im Konzept der Maßnahme stand. Ich hatte diese Unterstützungsmaßnahme ja gerade deshalb ausgewählt, weil sie so konzipiert ist, dass eine individuelle Anpassung (z.B. Teilzeit) möglich ist. Diese spezifische Maßnahme ist nämlich die große Ausnahme unter den sonst angebotenen Maßnahmen „von der Stange“ (Redewendung), bei denen alle Teilnehmer gleich und damit im Fall von autistischen Klienten häufig nicht behindertengerecht behandelt werden. Ich habe meiner Fachkraft deswegen mitgeteilt, dass ein individuelles Eingehen auf meine behinderungsbedingten Bedürfnisse in meinen Augen selbstverständlich ist, laut Konzept müsste der Fachdienst das leisten. Ich verstünde also nicht, weswegen ich dankbar zu sein hätte.

Meine direkte Art, Fehler und Widersprüche anzusprechen – in den Augen von mir, einer Autistin, waren etliche Vorkommnisse Fehler und Widersprüche, die in den Augen der nichtautistischen Fachkraft keine oder höchstens vernachlässigbare Bagatellen waren – und meine autistische Art, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern, macht es einem Gegenüber nicht leicht, weil es wohl oftmals schroff, fordernd und vorwurfsvoll wirkt. Wohlgemerkt wirkt, dafür kann ich aber größtenteils nichts.

Ich kann mich bemühen, meine Prosodie zu kontrollieren. Ich kann das Problem an sich soweit nachvollziehen. Was ich nicht nachvollziehen kann ist, dass ein Fachdienst, der mich unterstützen sollte, mit meinen behinderungsbedingten Schwierigkeiten in der Kommunikation auch nach eineinhalb Jahren nicht umgehen konnte.

Obwohl ich es mehrfach erklärt hatte. Ich weiß um meine eigenen Schwierigkeiten mit der sozial netten Formulierung von Fehlern und Missständen und den fehlenden „Blümchen“ drum herum. Ich bin autistisch direkt, bleibe aber stets höflich. Ich bin Autistin, aber ein Mensch. Deshalb lösen Dinge, die mich freuen aber auch Dinge, die mir schaden, Widersprüche, fehlende Logik und Ungerechtigkeiten bei mir neben der rationalen auch eine emotionale Reaktion aus. Ich habe Schwierigkeiten, wenn ich gestresst bin, auch bei positivem Stress, meine Lautstärke und meinen Tonfall zu kontrollieren. Wenn man mich darauf hinweist, schaffe ich es aber eine Zeitlang, das im Bewusstsein zu halten und meine Prosodie zu kontrollieren.

Selbst wenn ein nichtautistisches Gegenüber sich bemüht, dieses Wissen um meine autistischen Schwierigkeiten in jedem Gespräch mit mir zu vergegenwärtigen, bleibt immer noch die unbewusste und somit nur mit Reflexion (also im Nachgang) zu bewältigende Herausforderung, meine Prosodie und meine undiplomatische Ausdrucksweise nicht als Angriff zu bewerten. Während des Gesprächs wird mein Gegenüber sich angegriffen fühlen und sich „wehren“. Dafür habe ich persönlich und aus menschlicher Sicht Verständnis.

Aus fachlicher Sicht habe ich da aber nur bedingt Verständnis. Eine Fachkraft sollte sich nicht von ihren Gefühlen leiten lassen. Klar sind wir alle Menschen – aber gerade eine Fachkraft steht in ihrem Verhältnis zum Klienten in der Pflicht, ihre Gefühle anderweitig zu bewältigen. So lange die Reflexion erfolgt und die sich angegriffen fühlende Fachkraft solche Gespräche im Nachgang mit dem autistischen Klienten bespricht, ist das Problem händelbar. Eine Fachkraft – sei sie auch noch so nichtautistisch, darf ihre Gefühle aber nicht am Klienten auslassen.

Keinesfalls darf eine Fachkraft sich am (autistischen) Klienten abarbeiten, weil der in ihren Augen unbequem, undankbar, unbelehrbar, unsonstnochwas ist. Eine Fachkraft hat die Verpflichtung, ihr eigenes Handeln zu reflektieren und sollte ihre Klienten wertschätzend behandeln. Es ist in meinen Augen destruktiv für die Betreuung aller Klienten, wenn in einem Fachdienst die Fachkräfte untereinander abwertend über Klienten sprechen – es sollte nicht sein, aber vermutlich ist es von mir erziehungswissenschaftliches Wunschdenken, dass so etwas nicht passieren sollte.

In höchstem Maße unprofessionell ist es meiner Ansicht nach aber, einem Klienten mitzuteilen, dass und was abwertend über ihn gesprochen wurde. Auch der Zusatz, der Klient solle diese Äußerungen der Fachkraft nicht persönlich nehmen, rechtfertigt dieses No-Go nicht. Dass eine Fachkraft oder ein Fachdienst im Konfliktfall den Klienten angreift, um von eigenen Fehlern abzulenken, auf die der Klient hingewiesen hat, sollte ebenfalls nicht geschehen. Wobei vollkommen unerheblich ist, ob der Klient autistisch oder nichtautistisch ist. Solche Vorkommnisse sind in meinen Augen kontraproduktiv und tragen nicht zum Gelingen von unterstützenden Maßnahme bei.

Fachdienste erhalten ihr Geld dafür, unterstützende Maßnahmen für Menschen anzubieten, die Unterstützung aufgrund ihrer Behinderung benötigen. Diese Maßnahme ist dem Behinderten auf dessen Antrag hin bewilligt worden, weil es schwierig für ihn ohne Unterstützungsleistungen ist. Einen Klienten aufzugeben und eine Maßnahme abzubrechen, weil der Klient Autist ist und man mit ihm deshalb nicht zurechtkommt, ist meiner Ansicht nach nicht im Sinne von unterstützenden Maßnahmen. Vor allem, wenn der Klient unterstützt werden möchte, motiviert ist und von seiner Seite – immer wieder auch über seine autistischen Grenzen hinaus viel dafür tut, dass die Maßnahme erfolgreich ist. Mit einem autistischen Klienten, der sich nichts zuschulden kommen hat lassen, außer auf Versäumnisse des Fachdienstes hinzuweisen, und nach erfolglosen Bitten einforderte, dass der Fachdienst seiner Verpflichtung zur Unterstützung nachkommt, sollte ein Fachdienst eigentlich zurechtkommen.

Fazit

Autisten werden ihr ganzes Leben lang eh schon in sehr vielen Lebensbereichen aktiv oder wegen unpassender Rahmenbedingungen passiv exkludiert. Eine Ausgrenzung wegen ihrer Behinderung ausgerechnet in einer sie unterstützenden Maßnahme sollte zu diesen Exklusionserfahrungen nicht dazugehören müssen.

Vielleicht ist es ja auch einfach nur eine Misslingens-Bedingung, dass unterstützende Maßnahmen ausschließlich von Nichtautisten konzipiert und von nichtautistischen Fachkräften durchgeführt werden. Ich halte die sogenannte Peer-Unterstützung für ausgesprochen sinnvoll, auch durch Autisten für Autisten. Ich bin dafür und setze mich dafür ein, dass Autisten auf Augenhöhe in die Konzepterstellung solcher ihnen als Unterstützung angebotenen Maßnahmen miteingebunden werden. Ich arbeite auch gerne mit, sollten sich die in aller Regel nichtbehinderten Entscheidungsträger noch während meiner Lebenzeit dazu bereiterklären, Betroffene in die Erarbeitung solcher Unterstützungskonzepte und in die Unterstützung einzubeziehen.

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

3 Kommentare zu “Ge-/Misslingens-Bedingungen von unterstützenden Maßnahmen

  1. Liebe Silke, weißt du, ich bin mir sicher, du wärst für die Arbeit beim ifd geeigneter als diese ganzen „Fachkräfte“ dort zusammen. Hier fehlen ganz klar Peers. Am meisten profitieren würden die bestimmt, wenn sie dir gleich im eigenen Hause einen Job mit guter Vergütung anbieten. Doch dazu ist man wohl zu feige, denn die wissen sehr wohl, dass sie dir nie das Wasser reichen könnten, und gerade das wollen die sich nicht eingestehen. Das nenne ich mal wieder Pretend Helping. Schade. Immer das Selbe…
    Herzliche Grüße Nanna

    Liken

    • Liebe Nanna,
      „Hier fehlen ganz klar Peers.“ Denke ich auch. Bewirb dich doch einfach initiativ.
      Dass ich „geeignerter [wäre] als die ganzen „Fachkräfte“ dort zusammen“ denke ich nicht. Ich neige nicht zur Selbstüberschätzung. Ich habe theoretische Kenntnisse im Fachbereich Pädagogik, meine Stärken liegen aber nicht in der Arbeit mit Klienten. Die Fachkräfte dort leisten gute Arbeit bei den meisten Klienten. Bei mir laufen halt Dinge schief, weil ich offenbar wirklich von Natur aus ein Fehlermagnet und außerdem Autistin bin. Mit meinem Talent als Fehlerfinder könnte ich zum Beispiel im Qualitätsmanagement eingesetzt werden. Ich könnte meiner Meinung nach also Stärken zwar evtl. gewinnbringend für den Fachdienst einbringen, nur vermute ich begründet, dass ich dort als Kollegin genau dieselben autismusbedingten Schwierigkeiten hätte, nicht missverstanden zu werden, wie als Klientin. Danke für deinen lieben Zuspruch.
      Liebe Grüße
      Silke

      Liken

      • Liebe Silke,

        gut, dass die Fachkräfte der Institution wenigstens zum Teil bei anderen Klienten gute Arbeit leisten. Das hätte ich denen nämlich aufgrund ihres Verhaltens nicht so recht zugetraut. Schon alleine die Tatsache, dass sich Akteneinsicht als schwierig gestaltet, halte ich für äußerst bedenklich.
        Schade ist wirklich, dass die wohl mit autistischen Klienten nicht wirklich umgehen können. Hoffentlich ändert sich dort was. Ja, auch ich vermute, dass man in der Institution Schwierigkeiten im Umgang mit autistischen Kollegen hätte.
        Ich kenne ja deine Fähigkeiten und Stärken, die sollten wertgeschätzt werden.

        Herzliche Grüße

        Nanna

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