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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Lesend die Welt überleben

Ich habe, so lange ich mich zurück erinnern kann, immer schon sehr gerne und vor allem sehr viel gelesen, mich gibt es praktisch nur mit Buch. Fast mein gesamtes Wissen über die Welt habe ich mir als Kind über das Lesen von Büchern angeeignet.

Heute unvorstellbar, bin ich zu einer Zeit groß geworden, als es noch keinen PC gab und das Internet noch gar nicht erfunden war. Informationen waren für ein Kind, das sich größtenteils mit sich alleine beschäftigte, nicht so einfach zu erhalten. Mein Highlight der Woche war der regelmäßige Besuch der örtlichen Bücherei, die ich immer mit der maximal erlaubten Ausleihbüchermenge verließ. Für mich war es sehr gut, dass mein Bruder das genaue Gegenteil von mir war – er musste praktisch gezwungen werden überhaupt ein Buch zu lesen – weshalb ich sein Bücherkontingent zusätzlich zu meinem eigenen ausschöpfen konnte. Als weniger toll empfand ich den Heimweg – ich hatte immer schwer zu schleppen. Zu Hause angekommen, verzog ich mich sofort mit meinen Schätzen in mein Kinderzimmer, baute voller Vorfreude die Büchertürme um mich herum auf und versank in Informationen.

Als ich beispielsweise verstehen wollte, wie das mit den Mitschülern funktioniert, habe ich alles, was damals zum Thema Schule für ein Kind in der Bücherei ausleihbar war, gelesen. Zu meiner Zeit durfte man sich als Kind nicht beliebig in der Erwachsenenabteilung mit Büchern eindecken. Also musste ich mir Wissen über Schule und Wie-darin-bestehen aus den mir zugänglichen Schneider Buchreihen beschaffen. Aus der erkenntnisreichen Lektüre von „Hanni und Nanni“ oder „Dolly“ lernte ich, dass es völlig klar war, warum das mit dem Freundinnen-finden nicht so klappte, ich hatte schließlich weder einen Zwilling, noch war ich im Internat. Erst als ich alt genug für erwachsenere Lektüre wurde, konnte ich solche Fehlschlüsse mit Hilfe anderer Bücher korrigieren.

Einige Jahre lang hatte ich in einer Liste alle Bücher pro Jahr dokumentiert, die ich las. Dabei sortierte ich die Liste nach Autorenname, Genre, meiner Bewertung, der Seitenzahl und wertete natürlich die durchschnittlich gelesene Seitenzahl pro Tag aus. Ich habe wirklich unglaublich viel gelesen, oft mehr als ein Buch pro Tag. In manchen Jahren kam ich auf mehr als 100.000 Seiten, wobei das nur die gelesenen Buchseiten waren. Ich las praktisch alles, was Buchstaben hatte – und sei es am Esstisch in Ermangelung anderer Möglichkeiten immer und immer wieder alle Aufschriften auf der Milchpackung, weil Lesen beim Essen nunmal leider verboten war.

Lesen war auch eine Möglichkeit, in anderen Welten zu versinken. Wenn ich lese, dann tauche ich vollkommen ab. Ich nehme dann um mich herum nichts mehr wahr. Früher hat das oft für Unverständnis gesorgt. Meine Mutter glaubte mir einfach nicht, dass ich sie nicht gehört hatte, wenn sie mich rief und ich nicht kam. Es lag nicht daran, dass ich sie bewusst ignoriert hätte, weil ich keine Lust hatte, zu folgen. Es lag schlichtweg daran, dass ich ihr Rufen gar nicht gehört hatte. Aber so oft ich ihr das auch zu erklären versuchte, sie konnte es nicht verstehen.

Ich verstand es selbst nicht. Erst seit ich weiß, dass ich Autistin bin, kann ich es mir erklären. Über Bücher habe ich mir nicht nur die Welt erschlossen. Wenn ich lese, bin ich hyperfokussiert, das heißt, ich nehme zu wenig wahr, weil ich nur noch einen Sinneskanal nutze. Auf diesem nehme ich dann sehr intensiv wahr und alle anderen Sinneseindrücke werden nicht mehr verarbeitet. Leider passiert es mir beim Lesen, dass ich – ohne es zu merken – nur noch den Sehsinn nutze. Der Vorteil ist, dass ich belastende Situationen länger aushalte, wenn ich mich in Buchstaben vertiefe, weil dadurch die Reizmenge reduziert wird.

Lesend habe ich früher, als es noch keinen Walkman gab, die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln überstanden. In Schulpausen saß ich in einer ruhigeren Heizungsnische und las, bis mich der Hausmeister aufscheuchte, weil ich weder die Schulglocke gehört, noch mitbekommen hatte, dass die Pausenhalle inzwischen schülerleer war. Die strukturlosen ersten Tage im Schuljahr waren leichter zu ertragen, weil es neue Schulbücher gab. Besonders ergiebig waren immer die Fächer Deutsch und Geschichte – aber selbst diese Schulbücher hatte ich oft bereits in der ersten Woche durchgelesen. Die Reizkulisse im Freibad, in das ich meinen Kindern zuliebe ging, konnte ich ausblenden, weil ich den ganzen Nachmittag las – meine Kinder lagen oft lieber ebenfalls lesend oder Gameboy spielend neben mir auf ihren eigenen Badetüchern, statt sich im Wasser zu vergnügen.

Die Zeit im Wartezimmer beim Arzt überbrücke ich mit Lesen – ein positiver Nebeneffekt war immer, Informationen zu aktuellen Trendserien oder VIPs abzuspeichern. So konnte ich mithalten, wenn sich Kollegen darüber unterhielten. Allerdings kam es stets zu Irritationen, wenn in die Runde gefragt wurde, wer Sendung xyz gestern gesehen hätte und ich der Wahrheit entsprechend sagte, dass ich nicht fernsehen würde, weil meines Erachtens überwiegend Schwachsinn gesendet werden würde, dann aber kritisch zum Thema beitrug.  Ich habe mein Wissen zu solchen Fernsehserien aber nicht wie alle anderen um mich herum daher, dass ich die entsprechenden Sendungen Abends interessiert im TV verfolgen würde, sondern aus dem Fernsehprogramm von in Wartezimmern herumliegenden Zeitschriften, die ich lese. Die Serieninhalte selbst interessieren mich überhaupt nicht und ich verstehe bis heute nicht, wieso man sich in meinen Augen völlig überflüssige Sendungen ansehen sollte, bei denen sich beispielsweise 20 gutaussehende angebliche Single-Frauen unverständlicherweise um einen Möchtegern-Schönling streiten.

Im Wartezimmer lesen viele Leute, dafür liegen dort ja auch Zeitschriften aus. Aber für Nichtautisten ist es nicht lebensnotwendig, dass sie im Wartezimmer etwas lesen. Ich muss dort lesen, weil ich es ansonsten gar nicht erst bis ins Untersuchungszimmer schaffe. Und ich brauche es bis heute, mich stundenlang lesend auf meine Couch zu verkriechen. Das geht weit über ein normales Hobby hinaus, ich muss lesen. Nicht mehr lesen zu können ist bei mir ein Warnzeichen für eine depressive Phase. Lesen ist für mich wichtig, um den Alltag zu überstehen. Der Nachteil beim Lesen war und ist leider, dass ich nicht mehr alles mitbekomme und es zu ungewollten Missverständnissen kommen kann. In meiner Kindheit war ein großer Nachteil eine ziemlich oft verärgerte Mutter.

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Neue Medien – Saugut Präsentieren, Entwicklung eines Vodcasts zum Thema Foliengestaltung

Ich interessiere mich schon sehr lange für Pädagogik, Psychologie und E-Learning. Deshalb studiere ich seit 2014 an der FernUniversität Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien: eEducation. Mein liebstes Hobby ist und bleibt studieren. Auch wenn ich jetzt ein Jahr lang überlastungsbedingt pausieren musste. Im Moment denke ich über ein neues Medienprojekt nach. Wie in etwa ein solches Projekt aussehen kann, ist am besten anhand eines Beispiels zu erklären. Ein E-Learning-Projekt, das ich im Rahmen meines Studiums bereits umgesetzt habe, ist folgender Vodcast zum Thema (PowerPoint)-Foliengestaltung mit Hilfe der Gestalttheorie:

Da die Evaluation abgeschlossen ist, kann man nicht mehr an der Umfrage teilnehmen, die am Ende erwähnt wird. Zu so einem Projekt gehört bei einem Studium natürlich auch eine ganze Menge Theorie. Das klingt jetzt für den ein oder anderen vielleicht langweilig. Mir aber macht es tatsächlich sehr viel Spaß, solche wissenschaftlichen Arbeiten zu schreiben oder Fragebögen zu konstruieren und die erhobenen Daten auszuwerten. Hier können Interessierte den theoretischen Hintergrund, die Entstehung des Fragebogens als Evaluationsinstrument und die Ergebnisse der Evaluation des Vodcasts nachlesen:

M3_Hausarbeit_SWB_oeffentlich

Am Liebsten würde ich meine ganze Zeit darauf verwenden, nur noch solche Projekte durchzuführen. Und wissenschaftliche Arbeiten in den Themengebieten, die mich interessieren zu schreiben. Oder für andere Präsentationen zu gestalten und Vorträge zu konzipieren – nur halten mag ich sie nicht selbst. Irgendwo in einem kleinen Büro sitzen, ohne Telefon und möglichst unauffindbar, so dass niemand aus Versehen bei mir anklopft. Und am besten damit dann auch noch mein Geld verdienen.


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Diagnose: Mensch

Ich habe lange nichts mehr hier geschrieben, bin sozusagen abgetaucht. Das hatte seinen Grund. Nach einem vollständigen Zusammenbruch im letzten Sommer und einem sich über mehr als ein halbes Jahr hinziehenden, langen und anstrengenden Diagnostikprozess in einer Uniklinik weiß ich jetzt offiziell, dass ich ein Mensch mit Asperger-Syndrom (ICD 10 F84.5) bin.

Immerhin habe ich jetzt endlich eine Antwort auf all meine Warums, die sich mein Leben lang ansammelten und sich verstärkt im Verlauf meines Masterstudiums auch in Bezug auf das Studium selbst und in jüngerer Zeit insbesondere durch eine neue Arbeitsstelle ergaben.

Warum scheitere ich wieder und wieder an Kommunikation, sogar an rein schriftlicher? Warum fällt es mir so schwer, Kontakt zu anderen aufzunehmen und zu halten, Freundschaften aufzubauen? Fails, Fehldeutungen, Missverständnisse sind scheinbar bei mir quasi immer schon vorprogrammiert. Warum eigne ich mich nicht besonders gut für Arbeiten in Gruppen, wenn die Gruppengröße > 2 Personen ist? Warum fällt es mir so schwer, Feedback zu geben? Warum verstehe ich nach sehr kurzer Zeit gar nichts mehr, wenn ich im Studium an Adobe Connect Sitzungen oder in der Arbeit an Teamsitzungen teilnehme? Warum bedeutet eine mit den Kollegen verbrachte Mittagspause so viel Stress für mich, dass ich danach absurderweise erstmal eine längere Pause brauche? Warum stören mich Unterbrechungen bei der Arbeit durch das Telefon oder hereinkommende Kollegen so sehr, dass ich an manchen Tagen mehr Zeit damit verbringe, wieder in meine vorherige Tätigkeit hineinzukommen, als insgesamt produktiv tätig zu sein? Warum konnte ich zeitlebens nicht Vollzeit arbeiten gehen, ohne binnen kürzester Zeit krank zu werden? Warum habe ich kein funktionierendes Zeitmanagement? Warum prokrastiniere ich oder schaffe es nicht, irgendetwas anzufangen, obwohl ich es mir täglich fest vornehme? Warum fällt es mir so schwer, rechtzeitig um Hilfe zu bitten? Warum erlebe ich, soweit ich mich erinnern kann, Interaktionen mit anderen größtenteils als Belastung? Warum habe ich scheinbar mein ganzes Leben lang bereits Angst? Warum muss ich eigentlich alles kontrollieren? Warum kann ich anderer Leute Unordnung so schlecht tolerieren und finde es beruhigend, wenn ich beispielsweise Eierschachteln nach Farbe sortiere? Warum bringt es mich völlig aus der Fassung, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden? Warum bin ich oft so unflexibel in meinem Denken und brauche unverhältnismäßig lang, etwas zu verändern, oder auf im Nachhinhein völlig offensichtliche Lösungen zu kommen, wenn sie mir ein anderer sagt? Warum mag ich Veränderungen im Grunde nicht, ja, ich kann mich daran gewöhnen, aber wenn ich mich daran gewöhnt habe, ist es in meinem Empfinden so, als wäre es immer schon so gewesen? Warum komme ich mit meinen Emotionen oft nicht zurecht? Warum brauche ich so viel mehr Zeit für mich alleine, als augenscheinlich alle anderen Menschen um mich herum?

Oder auch: Warum fällt es mir so leicht, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben? Warum bin ich wirklich gut in Literatursuche? Warum halte ich länger, ohne eine Pause zu brauchen, konzentriert und hochfokussiert durch, wenn mich ein Thema interessiert als die meisten anderen? Warum kann ich so gut Korrekturlesen und warum fallen mir Rechtschreib- oder Grammatikfehler sofort auf? Warum ermüdet oder langweilt es mich nicht, täglich stundenlang über Monate oder sogar Jahre hin alles, was sich finden lässt zu einem mich interessierenden Thema zu lesen? Warum lese ich seit meiner Kindheit wirklich unglaublich viel und so schnell? Warum kann ich problemlos so lange Zeit bewegungslos irgendwo stehen oder sitzen, dass ich für Tiere scheinbar ein Teil der Umgebung werde und ich sie beobachten kann, ohne dass mich das langweilt, ich Sehnsucht nach Gesellschaft oder Unterhaltung hätte oder irgendwem davon erzählen wollen würde?

Auf so vieles habe ich jetzt endlich eine Antwort.

Das bringt allerdings neben der Erleichterung, dass es nicht daran liegt, dass ich mich nicht genügend anstrenge oder zusammenreiße, dass ich nicht zu unkooperativ o.ä. bin, und auch kein Hypochonder, der sich das alles nur einbildet und neben dem Wissen, dass ich zwar leider nicht hochbegabt, aber immerhin auch nicht wirklich doof bin, auch die unschöne Erkenntnis, dass das, was sich in meiner Wahrnehmung wie eine gläserne Trennwand durch mein Leben zieht, eine Behinderung ist, die nicht verschwinden wird.

Die Erkenntnis, leider kein verkanntes Genie zu sein, selbstverständlich, während ich alle meine Schwierigkeiten völlig verdränge und sie den anderen zuschreibe, sondern im Gegenteil so viele Dinge wesentlich schlechter und vor allem anscheinend langsamer zu schaffen als andere und bei unglaublich vielen alltäglichen Vorkommnissen im Kontakt mit anderen und zu erledigendem Alltagskram trotz meines Alters immer noch dringend auf Hilfe und Erklärungen angewiesen zu sein. Die Erkenntnis, das unwahrscheinliche Glück gehabt zu haben, mein Leben lang von meiner Familie unterstützt worden zu sein. Ein tiefempfundener Dank geht hier an meine Eltern, insbesondere an meine Mutter, an meine Lieblingsschwägerin und an meinen Bruder und ganz besonders an meinen Mann. Die Erkenntnis, den Rest meines Lebens auch weiterhin Unterstützung zu brauchen und wahrscheinlich niemals wirklich selbstständig leben zu können, obwohl ich mein Leben lang darum gekämpft habe, einfach nur normal, so wie alle anderen zu werden. Mit dieser Erkenntnis zurecht zu kommen und damit, dass mich die Diagnose zwar nicht zu einem anderen Menschen macht, sich retrospektiv jedoch vieles ändert, und ich meine Selbstwahrnehmung korrigieren muss, braucht im Moment all meine Energie und Kraft.

Mein Autismus ist keine Krankheit, die impliziert, dass ich irgendwann einmal gesund war oder das jemals werden könnte. Es ist, soweit ich das verstanden habe, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Mein Autismus ist etwas, das ich als eine gläserne Trennwand bezeichne, die mich oft mehr und manchmal weniger daran hindert, an vielen Dingen genauso teilzuhaben, wie die meisten anderen Menschen. Je nach Tagesform ist diese gläserne Trennwand mal gut geputzt und nahezu unsichtbar oder völlig trüb und steht gut erkennbar zwischen mir und den anderen. Mein Autismus ist etwas, das immer da war, egal wie sehr ich mich bemüht habe, die Erwartungen zu erfüllen. Er ist sozusagen ein Teil meiner Persönlichkeit. Und ich möchte nicht den Rest meines Lebens einen Teil meiner Persönlichkeit verstecken müssen.

Nicht nur deshalb habe ich beschlossen, offen damit umzugehen. Sondern auch aus logischen und pragmatischen Gründen. Dieses Thema betrifft zwar nur relativ wenig Menschen. Bei einer Prävalenz von aktuell 0,3% ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass sich selbst in meinem FernStudiengang mehr als einer findet. Vielleicht hilft meine Offenheit anderen. Ich gehe dabei von mir aus, weil es mir auf meinem Weg durch die Diagnostik geholfen hat und jetzt aktuell nach der Diagnose immer noch hilft, von anderen zu lesen, zu erkennen, dass Autismus ein sehr differentes Spektrum ist, von dem ich bis letztes Jahr noch meinte, dass ich ganz bestimmt nicht dazu gehöre. Ich? Autistin? Das glaube ich nicht! Ich bin so ganz anders, als der eine andere Menschen mit Autismus, den ich bis dato persönlich kannte und anders als das, was mir in den Medien als Darstellung von Autismus begegnet war – meinte ich. Hier bewahrheitet sich ein Satz, den ich mittlerweile nachvollziehen kann: Kennst du einen Autisten, kennst du genau diesen einen Autisten.

Einige Menschen in meiner Lebenswelt haben geduldig versucht, mir Übereinstimmungen mit den Diagnosekriterien aufzuzeigen, die sie meinten bei mir zu erkennen, wofür ich ihnen dankbar bin. Aber am meisten hat es mir persönlich geholfen, von anderen zu lesen (beispielsweise in Büchern – ganz besonders Danke an Fuchskind–  oder auf Blogs anderer Frauen, wie dem Von Maedel oder Regine Winkelmann, oder Selbsthilfeforen, wie Aspies.de) oder zu hören und zu erfahren, dass ich nicht alleine bin. Dass ich vor allem auch nicht alleine bin mit meinen Zweifeln und meinem Hinterfragen der Diagnosekriterien und den Fragen, die sich mir jetzt, nachdem der Verdacht zur Gewissheit wurde, nach der Diagnose stellen. Ich habe auf einigen Seiten gelesen, dass sich andere dazu entschließen, aus bestimmten Gründen ihren Autismus zu verstecken. Das respektiere ich. Für mich selbst wähle ich jedoch den anderen Weg, in der Hoffnung auf Verständnis und darauf, den Rest meines Lebens als der Mensch akzeptiert zu werden, der ich bin. Das meint natürlich nicht, dass ich nicht auch in Zukunft versuchen werde, weiterhin an meinen Schwierigkeiten zu arbeiten.

Es wäre nur schön, wenn der Fokus nicht ausschließlich auf meinen Fehlern im zwischenmenschlichen Umgang oder auf meinen Schwierigkeiten mit Kommunikation und meinen Defiziten in sozialer Kompetenz liegen würde. Ich bin ziemlich lärm- und geruchsempfindlich und wirke in diesem Zusammenhang oft unhöflich. Ich bin, wenn ich mich nicht sehr kontrolliere, oftmals zu direkt. Ich sage manchmal unbeabsichtigt Dinge, die andere verletzen oder beleidigen können, ohne es zu merken. Wenn ich in Gedanken bin, kann es sein, dass ich abweisend und barsch reagiere. Mir wurde häufiger gesagt, dass ich nach außen überheblich und unhöflich wirke, ich selbst denke von mir, dass ich sehr oft unsicher bin und wenig Selbstbewußtsein habe. Ich bin leider oft gestresst, was mich dann genervt oder ungeduldig wirken lässt, oder auch völlig unbeteiligt. Und ich reagiere manchmal auf eine Weise, die andere befremdet. Ich erscheine häufiger unflexibel im Denken und wirke geistig abwesend, wenn ich innerlich wegen Überlastung bereits abgeschaltet habe. Mein Verhalten hat einen Grund und der heißt Autismus.

Aber trotzdem bin ich ein Mensch mit ganz normalen Vorlieben und Abneigungen, ich mag Sushi und derzeit meine tägliche Portion Tomate-Mozzarella (natürlich laktosefrei). Ich höre überwiegend Techno, aber auch Popmusik und mag Tiere und Pflanzen. Meine Fische, Hühner, Katzen und sonstiges Viechzeug beobachte ich ausdauernd. Ich buddle gern in meinem wunderschönen Garten und kenne die meisten Bäume, Sträucher und Stauden namentlich. Ich habe eine Vorliebe für autodidaktisches, lebenslanges Lernen und einen tiefschwarzen Humor, der häufig nicht verstanden wird. Ich lese neben viel Fachliteratur und wissenschaftlichen Studien, die meine Interessensgebiete und Inhalte meines Studiums behandeln, auch gern und exzessiv Science-Fiction und Fantasy Literatur, ich bin ein Fan von Terry Pratchett, Matt Ruff und George R.R. Martin. Ich halte viele Sendungen im Fernsehen für Volksverdummung, gucke aber trotzdem mit Begeisterung Serien wie The Big Bang Theory oder Game of Thrones. Ich bin ein überwiegend logisch denkender Mensch und halte nichts von esoterischen Themen, finde das Konzept der Astrologie verwunderlich, halte die wissenschaftlich nicht nachweisbare Wirksamkeit von Homöopathie für einen Placebo Effekt, habe bisher niemals irgendwelchen Auren gesehen und vermute, dass das auch so bleiben wird. Und ich bin zwar sehr oft gern allein, habe aber trotzdem auch das Bedürfnis nach Kontakten, nach gesellschaftlicher Teilhabe, auch wenn es dann wieder anstrengend für mich ist.

Laut Forschung scheine ich die Welt anders wahrzunehmen als andere Menschen. Ich schreibe das absichtlich so, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie andere die Welt wahrnehmen. Meine Art der Wahrnehmung ist die einzige, die ich habe, ich kenne es nicht anders, für mich ist sie vollkommen normal. Ich bin also irgendwie anders, aber in allererster Linie bin ich ein Mensch.