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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

„Leichter“ Autismus und (Schwer)Behinderung – wie passt das zusammen?

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Im vorherigen Beitrag hatte ich über den Gerichts- und Gutachtertermin geschrieben, in dem darüber entschieden wurde, in welchem Grad ich schwerbehindert bin. Es gibt einen andauernden Diskurs, ob hochfunktionale Autisten (Asperger, HFA) überhaupt behindert sind. Und über die Bezeichnung „leichter“ Autismus, wenn man eine Asperger- oder HFA-Diagnose hat, wird teilweise heftig diskutiert. Ich sehe es so, dass die Bezeichnung „leichter“ Autismus Sinn macht, wenn man beschreiben möchte, wo ungefähr man im Autismus-Spektrum steht. Sie drückt in meinen Augen keinesfalls aus, dass man nur leichte Schwierigkeiten im Leben hat und sich beispielsweise „nicht so anstellen soll“, weil es auch die wirklich „schweren“ Fälle gibt. Es geht nicht um eine Bewertung des Autismus, sondern um eine Beschreibung. Und egal wo im Spektrum man sich als Autist befindet, man ist meiner Ansicht nach in jedem Fall in irgendeiner Weise behindert, andernfalls hätte man die Diagnose gar nicht erhalten. Die Frage bei einer Behinderung ist für mich nicht, wer wen behindert, sondern wer die Behinderung als solche wahrnimmt und wie schwerwiegend sich diese Behinderung auswirkt. Aber das ist meine Sicht, die muss niemand teilen.

In einer Diskussion über die Frage der Behinderung argumentierte mein Mann anhand des Beispiels Weihnachtsmarktbesuch, dass mein Autismus auch ihn behindere, weil es unmöglich sei, mehr als eine halbe Stunde mit mir auf einem Weihnachtsmarkt zu verbringen auch wenn ich ihm zuliebe dorthin ginge. Ihn belaste es, dass er wisse und es auch bemerke, dass es mir dort nach sehr kurzer Zeit nicht mehr gut ginge. So gesehen würde ich ihn darin behindern, mit mir zusammen etwas Schönes zu erleben, das für viele andere überhaupt kein Problem darstelle. Und so ginge es ihm als mein Partner mit vielen Dingen. Mich belastet es, zu wissen, dass sich mein Zustand des Es-auf-dem-Weihnachtsmarkt-nicht-aushaltens vermutlich niemals ändern wird, vorausgesetzt es verändern sich nicht grundlegende Bedingungen eines durchschnittlichen Weihnachtmarktes. Denn natürlich würde ich meinem Mann gerne den Gefallen tun, mit ihm gemütlich über einen Weihnachtsmarkt zu schlendern.

Meine Behinderung zeigt sich also beispielsweise in der Unmöglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe an einem ganz normalen Weihnachtsmarkt. Und Teilhabedefizite sind nun einmal Kennzeichen einer Behinderung. Man könnte natürlich sagen, das ist ein schlechtes Beispiel, es ist doch kein Problem, einfach nicht auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, soll mein Mann halt alleine hingehen, wenn es ihm so wichtig ist. Es geht aber leider nicht nur um den Weihnachtsmarktbesuch an sich, es geht um all die Grenzen, denen ich mich zeitlebens gegenübersehe.

Mit der Asperger-Diagnose hatte ich endlich eine Erklärung dafür, weshalb ich nicht so wie andere um mich herum funktioniere, sondern offenbar irgendwie anders. Ich empfinde mein Anderssein als Käseglocke, die mich bereits mein ganzes Leben lang an manchen Tagen mehr und an anderen Tagen weniger daran hindert, am ganz normalen Leben teilzuhaben. Diese Käseglocke stellt eine unsichtbare Grenze zwischen mir und der Welt dar, auf der Außenseite sind diejenigen, die ich schon mein Leben lang beobachte. Und obwohl ich seit der Grundschule versucht habe, mich genauso wie sie zu verhalten, so zu sprechen wie sie, mich so zu kleiden wie sie, dieselben Dinge zu tun wie sie, ist es mir nicht gelungen, auf die andere Seite dieser Grenze zu wechseln.

Meine Käseglocke gehört wohl zu mir, sie begrenzt mich einesteils, andernteils beschützt sie mich auch und gibt mir eine Art „eigene Welt“ darunter. Manchmal ist die Käseglocke mehr oder weniger blickdicht und ich suche nach einer Stelle, wo ich durchgucken kann und fühle mich hoffnungslos einsam. Obwohl ich eine Familie habe, einen Mann und Kinder. Trotzdem fühle ich mich unverbunden, nicht dazugehörig und abgetrennt von allen anderen Menschen. Dieses Gefühl begleitet mich schon, solange ich mich zurückerinnern kann. Man möchte meinen, dass ich mich in all den Jahrzehnten daran gewöhnt habe, dem ist aber nicht so.

Leider ist diese Käseglocke keine Mauer, Käseglocken haben durchsichtige Wände. Eine Mauer wäre einfacher, weil ich dann wenigstens keine Ahnung davon hätte, wie es außerhalb aussieht und nie bemerkt hätte, dass ich anders bin als die Menschen jenseits dieser gläsernen Wand. Denn auch wenn ich wahrscheinlich nicht wirklich nachempfinden kann, wie es ist „normal“ zu sein, so sehe ich doch, dass es bei den anderen nicht so ist, wie bei mir. Manchmal ist meine Käseglockenwand hauchdünn und ich bekomme eine Ahnung davon, wie es wäre, dazuzugehören. Aber dann gehe ich einen Schritt weiter und stoße wieder mit der Nase dagegen. Und das tut immer wieder weh. Ich weiß nicht, ob es jemals aufhören wird.

Meine Käseglocke behindert, wie das Weihnachtsmarktbeispiel gezeigt hat, auch diejenigen, die außen sind und mit mir zusammen sein möchten. Seit der Diagnose weiß ich, dass ich niemals eine Chance hatte, auf die andere Seite meiner Käseglockenwand zu kommen. Sie ist meine Grenze, die ich nicht überwinden kann, weil ich ich bin. Und das behindert mich immer wieder, teilweise sogar schwer. Es hat insofern meiner Ansicht nach seine Richtigkeit, dass ich trotz „leichtem“ Autismus einen Schwerbehindertenausweis erhalten werde, auch wenn der nichts daran ändern wird, dass ich innerhalb meiner Käseglocke festsitze.

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Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

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