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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Asperger am Arbeitsplatz: Wie zeigt sich mein Autismus von A bis Z

Arbeitsorganisation

  • Ich bevorzuge konkrete, strukturierte und klar formulierte Arbeitsanweisungen mit genügend Zeit für mich, um sie aufzuschreiben.
  • Arbeitsanweisungen in Schriftform haben für mich den Vorteil, dass nichts vergessen wird und ich sicher sein kann, auch alle relevanten Punkte gehört zu haben, deshalb schreibe ich nach Möglichkeit sofort alles mit. Der Vorteil daran ist, dass ich mir so nach und nach eine Wissensdatenbank aufbaue, in der ich immer wieder nachlesen kann. So muss ich langfristig gesehen weniger nachfragen.
  • Wenn ich eine für mich neue Aufgabe erledigen soll, ist es besser, sie mir möglichst mit Zwischenschritten und relevanten Hintergrundinformationen oder Erklärungen mitzuteilen. Der Grund dafür ist meine Art der sequentiellen Informationsverarbeitung, bei der unter ungünstigen Umständen Teile einer Anweisung untergehen können.
  • Ich muss alles erst einmal sortieren und strukturieren, um es für mich überschaubar zu machen. Aus diesem Grund arbeite ich sehr gerne mit Excel-Listen.
  • Es kann bei mir zu Schwierigkeiten in der Handlungsplanung kommen. Es mangelt mir nicht am Willen, der ist da, sondern mitunter an der Fähigkeit, meine Vorhaben auch in die Tat umzusetzen.

Aufmerksamkeitssteuerung

  • Ich bin leicht ablenkbar, beispielsweise lenkt mich viel Gestik bei anderen so vom Gesprächsinhalt ab, so dass ich nur die Hälfte mitbekomme, deshalb schaue ich nach Möglichkeit gar nicht hin.
  • Ich bin nur sehr begrenzt multitaskingfähig.
  • Ich habe eine fragmentierte Wahrnehmung der Umwelt, so entgehen mir viele Dinge. Ich nehme zwar viele Details wahr, kann aber schwer beurteilen, welche Details gerade relevant sind.
  • Ich kann mit interessanten Dingen schwer aufhören. Ich merke beispielsweise dann nicht rechtzeitigt, wenn ich hungrig/durstig bin oder friere.

Belastungsfähigkeit

  • Meine Stresstoleranz ist niedrig.
  • Bei einer Überlastung kann es zu Einschränkungen meiner Handlungsfähigkeit oder zu unbeabsichtigter Unhöflichkeit kommen.
  • Unerwarteter Lärm stresst mich so, dass ich bewegungs- und handlungsunfähig werde. Erst wenn der Lärm vorbei ist, kann ich wieder denken und normal handeln.
  • Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, erschrecke ich mich. Beispielsweise kann es passieren, dass ich zusammenzucke, wenn ich nicht damit rechne, jemandem auf dem Weg zur Toilette zu begegnen.
  • Optische Ordnung ist für mich sehr wichtig. Ich habe das Bedürfnis, Briefumschläge im Papierkorb nach Farbe und Größe zu sortieren, wenn sie wild durcheinander dort liegen, kann ich keinen Überblick bewahren, was mich belastet.
  • Spezielle Geräusche oder Gerüche empfinde ich wegen meiner sensorischen Hypersensitivität als so unerträglich, dass ich sofort aus der Situation flüchten muss.

Empathie / Emotionen

  • Ich bin emotional sehr empfindsam, auch wenn ich das nach außen nicht ausdrücke.
  • Ich habe Schwierigkeiten mit der Steuerung und dem Ausdrücken von Emotionen.
  • Ich habe Schwierigkeiten, mich abzugrenzen.
  • Wenn ich eine Situation aus eigener Erfahrung kenne, fällt es mir leichter, empathisch zu reagieren.

Flexibilität

  • Ich bin wenig spontan (Spontaneität muss gut geplant sein).
  • Ich habe Schwierigkeiten beim schnellen Wechsel zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten, deshalb mache ich lieber erst eine Sache zu Ende, bevor ich mich etwas Neuem widmen kann.
  • Ich mache Dinge immer wieder auf dieselbe Weise oder auf meine Art, obwohl eine andere evtl. einfacher wäre.
  • Es irritiert mich sehr, wenn die Gegenstände auf meinem Schreibtisch nicht dort stehen, wo sie stehen sollten, weshalb ich Markierungen angebracht habe. Wenn jemand meinen Schreibtisch während meiner Abwesenheit benutzt, wäre es schön, wenn der Schreibtisch so hinterlassen werden könnte, wie er vorgefunden wurde.
  • Weil ich länger brauche, um alle Aspekte einer Sache für mich zu durchdenken, kann ich mich oft nicht besonders schnell entscheiden.
  • Ich plane gern alles im Voraus. Bei kurzfristigen Planänderungen reagiere ich zuerst einmal ablehnend. Ich brauche ein paar Minuten, um mich darauf einzustellen. Es würde mich freuen, wenn ich rechtzeitig über Planänderungen informiert werden könnte.
  • Ich wehre mich erst einmal gegen größere Veränderungen bei Gewohntem, weil sie mich verunsichern. Nachdem ich Zeit hatte, darüber nachzudenken, kann ich mich leichter darauf einlassen.
  • Ich kann Unzuverlässigkeit und Nichteinhalten von Vereinbarungen schwer verkraften.

Kommunikation

  • Ich habe Schwierigkeiten, Gespräche in Gang zu bringen und aufrecht zu erhalten.
  • Ich antworte auch auf rhetorische Fragen.
  • Ich nehme Gesagtes oftmals wörtlich, was zu Missverständnissen führen kann.
  • Ich erkenne in Gesprächen nicht, wenn mein Gegenüber desinteressiert ist, oder keine Zeit für ein längeres Gespräch hat. Am besten ist es, wenn man mir das direkt sagt.
  • Ich kann einem Gespräch mit mehreren Leuten schwer länger folgen, weil ich zu lange für die Informationsverarbeitung benötige.
  • Ich kann die Stimme eines Gesprächspartners bei zu vielen Nebengeräuschen nicht mehr verstehen, das wird dann ein einziger Klangbrei.
  • In Gesprächen mit mehr als zwei Personen verpasse ich häufig den richtigen Zeitpunkt, mich zum Thema zu äußern, weil ich zu lange brauche, bis ich mir meinen Beitrag überlegt habe.
  • Ich weiß oft nicht, ohne intensiver darüber nachzudenken, was ich auf Bemerkungen anderer erwidern kann/darf/soll.
  • Mir passiert es häufig, dass ich in Fettnäpfchen trete, weil ich die sozialen Konsequenzen meiner Worte nicht vorher beachte.
  • Ich interessiere mich nicht für Mainstream und fernsehe beispielsweise nicht. Dadurch wirke ich in Gesprächssituationen oft sozial naiv oder auch unnahbar und arrogant.
  • Ich neige zu starker Ich-Bezogenheit in Gesprächen und zum Monologisieren, wenn es um meine Interessensgebiete geht.
  • Ich sage genau das, was ich meine. Falls etwas unklar sein sollte, ist es besser, mich direkt darauf anzusprechen, statt in meine Worte etwas hineinzuinterpretieren und davon auszugehen, dass ich dies oder jenes gemeint haben könnte.
  • Ich telefoniere nicht sehr gerne, weil ich oft nicht erkenne, wann ich dran bin mit Sprechen. Lieber schreibe ich E-Mails, auch weil ich da genügend Zeit habe, mir zu überlegen, wie ich etwas formuliere.
  • Ich nutze Sprache überwiegend zum Austausch von Informationen. Ich kommuniziere meistens rein auf der Sachebene, ohne die soziale Komponente zu beachten.
  • Ich verstehe unausgesprochene Erwartungen nicht. Ich kann nicht zwischen den Zeilen lesen, ich sehe da nichts.
  • Nonverbale Kommunikation bereitet mir Schwierigkeiten. Mir fällt es schwer, nichtsprachliche Signale im Kontext richtig zu deuten und angemessen darauf zu reagieren. Die Gestik und Mimik anderer erscheint mir oft rätselhaft. Außerdem kann ich meine eigenen verbalen und nonverbalen Äußerungen schlecht synchronisieren. Meine eigene Mimik und Gestik ist sparsam oder kann unpassend wirken und fehlinterpretiert werden.
  • Ich habe entweder zu wenig oder zu viel Blickkontakt. Mimik lenkt mich vom Gesprächsinhalt ab und braucht zu viel Aufmerksamkeit. Je wichtiger der Inhalt ist, desto weniger schaue ich jemandem ins Gesicht.

Kontakt zu Kollegen

  • Ich habe Schwierigkeiten damit, Kontakte zu knüpfen. Es liegt nicht daran, dass ich generell Kontakt zu anderen ablehne, sondern daran, dass ich mich dabei oft ungeschickt verhalte.
  • Ohne äußere Impulse bin ich eher passiv oder reaktiv als aktiv.
  • Ich treffe mich lieber nur zu zweit mit jemandem, statt in einer Gruppe etwas zu unternehmen.
  • Es fällt mir nicht leicht, Kontakte zu pflegen. Ich vergesse es, mich regelmäßig zu melden und habe in den Augen anderer viel zu selten das Bedürfnis, mich mit jemandem zu treffen.

Konzentrationsfähigkeit

  • Bei Hyperfokussierung kann ich alles andere um mich herum über einen sehr langen Zeitraum komplett ausblenden.
  • Wenn ich mich stärker konzentriere, wirke ich manchmal geistig abwesend oder desinteressiert. Ich schließe beispielsweise die Augen, damit mich visuelle Reize nicht vom Gesprächsinhalt ablenken, nicht, weil das Gespräch mich langweilt.

Kritikfähigkeit

  • Der Umgang mit direktem Lob fällt mir schwer. Ich weiß nicht, wie ich richtig darauf reagieren kann und was ich darauf sagen kann/soll/darf. Außerdem gibt es nach meiner Ansicht immer eine bessere Lösung oder Leistung.
  • Direkte, unmissverständlich geäußerte, berechtigte, möglichst sachliche und konstruktive Kritik ist sehr wichtig für mich. Eine Kritik, die versteckt oder implizit geäußert wird, erkenne ich unter Umständen erst zu spät oder gar nicht. Eine unberechtigte Kritik verletzt mein Gerechtigkeitsempfinden, was zu einer heftigen Gegenreaktion führt.
  • Ich habe Schwierigkeiten bei der Selbsteinschätzung eigener Fähigkeiten. Ich kann nicht einschätzen, ob ich gut oder schlecht bin in dem, was ich tue. Selbstbild und Fremdbild klaffen oftmals auseinander. Feedback hilft und motiviert mich.
  • Meistens kritisiere ich andere direkt und ohne soziale Abmilderungsformulierungen. Ich tue das nicht, weil ich bewusst andere verletzen will, sondern weil ich nicht die Fähigkeit habe, Fehler und Probleme euphemistisch zu beschönigen.

Lernfähigkeit

  • Am effektivsten lerne ich autodidaktisch.
  • Bei Dingen, die mich interessieren, habe ich einen unerschöpflichen Wissensdurst. Das kann dazu führen, dass ich mich exzessiv über einen langen Zeitraum nur noch dem zu lösenden Problem widme.
  • Ich tue mir trotz überdurchschnittlicher Intelligenz sehr schwer, Dinge zu lernen, wenn sie mich nicht interessieren.
  • Ich gehe häufig irrtümlich davon aus, dass andere dasselbe Wissen und dieselbe Wahrnehmung haben, wie ich.
  • Manchmal fällt mir Kompliziertes leicht und ich habe unverständlicherweise Probleme mit eigentlich leichten Dingen.
  • Ich merke mir sehr viele Dinge. Besonders, wenn es darum geht, was wer wo geäußert hat. Ich habe die komplette Situation mit Bild und Ton im Gedächtnis.

Sonstiges

  • Ich bin sehr gut im mir Sorgen machen.
  • Es fällt mir schwer, eigene Bedürfnisse zu erkennen und diese geltend zu machen.
  • Ich habe visuomotorischen Probleme, die beispielsweise zu einer krakeligen ungleichmäßigen Schrift führen. Außerdem kann es passieren, dass ich ohne erkennbaren Anlass umkippe, stolpere, irgendwo hängenbleibe, dagegen laufe o.ä.
  • Ich mag keinen Körperkontakt, außer er kann von mir gesteuert und initiiert werden.
  • Ich neige zu polarisiertem Verhalten: Ganz oder gar nicht.
  • Ich habe einen eigenen, speziellen Kleidungsstil, der sich nicht an Moden orientiert und trage gern immer dieselbe Kleidung in der ich mich wohlfühle, wobei sie dann manchmal nicht zum Anlass passt.

Soziales Miteinander

  • Auf Belastungen reagiere ich mit sozialem Rückzug.
  • Weil ich durch die meisten Konventionen unbeeinflusst bin, neige ich zu unkonventionellem Denken, bin aber wegen meiner Veränderungsresistenz konservativ im Handeln, was als widersprüchlich und irritierend wahrgenommen werden kann.
  • Ich bin unempfindlich gegenüber Gruppendynamik, weil ich diese oft erst nach längerem Nachdenken oder über Hinweise durch andere wahrnehme.
  • Hierarchien beeindrucken mich nicht, weil ich sie nicht realisiere. Autoritäten erkenne ich nicht automatisch, man muss mich explizit darauf hinweisen.
  • Ich erzähle sehr selten private Dinge. Das liegt nicht daran, dass ich Geheimnisse hätte, die Kollegen nicht erfahren dürfen, sondern daran, dass ich kein intuitives Bedürfnis habe, Erlebnisse mit anderen zu teilen.
  • Ich nehme Fehler und Widersprüche wahr, die andere nicht sehen oder auch nicht für wichtig erachten. Ich berichtige / hinterfrage andere, weil ich das tiefe Bedürfnis habe, Fehler zu korrigieren und Widersprüche aufzulösen, nicht um meine Kollegen zu demütigen oder weil ich querulatorisch veranlagt bin.
  • Wenn ich nicht gemeinsam mit den Kollegen Mittag esse, bedeutet das nicht: „Ich habe etwas gegen euch“, sondern „Ich schütze mich vor Überlastung“. Ich brauche, nachdem ich an einem gemeinsamen Mittagessen teilgenommen habe, meistens erst einmal eine Pause alleine in meinem Büro, um mich zu erholen.
  • Wenn ich jemanden nicht grüße, insbesondere keine Leute auf der Straße, liegt das daran, dass ich sie da meistens gar nicht wahrnehme, geschweige denn zuordnen kann. Zusätzlich habe ich ein schlechtes Namens- und Personengedächtnis. Personen außerhalb ihres gewohnten Umfeldes oder Personen, denen ich eher selten begegne, erkenne ich schwer wieder.

Stärken

  • Bei mir weiß jeder, woran er ist. Ich sage direkt und ehrlich genau das, was ich meine.
  • Klare, direkte Kommunikation ist im Grunde sehr wünschenswert und erleichtert allen das Miteinander.
  • Ich habe ein Auge für Fehler. Insbesondere fällt es mir sehr leicht, Korrektur zu lesen. Orthografische Fehler fallen mir in der Regel sofort auf und bei Zahlen finde ich schnell den Fehler im Muster.
  • Meine detaillierte Wahrnehmung bringt es mit sich, dass Aufgaben und Probleme sehr gründlich und von allen Seiten von mir durchdacht werden.
  • Ich arbeite genau und mache wenig Fehler.
  • Oberste Priorität hat bei mir stets die Lösung eines Problems, ich denke nicht primär daran, die sozialen Bedürfnisse anderer zu befriedigen.
  • Ich bin ziemlich zuverlässig.
  • Ich habe ein hohes Erinnerungsvermögen, insbesondere für Daten und Fakten.
  • In meinen Interessensgebieten habe ich ein breites und umfassendes Wissen, das ich ständig aktualisiere und erweitere. Da auch IT, Psychologie und Pädagogik zu meinen bevorzugten Interessen zählen, habe ich neben meiner Qualifikation als Verwaltungskraft zusätzliche, für meine Arbeitsstelle relevante und vertiefte Kenntnisse.
  • Wegen meiner Wahrnehmungsbesonderheiten sehe ich manchmal Verbindungen zwischen Sachverhalten, die niemandem sonst auffallen.
  • Ich kann außergewöhnlich lange Routinetätigkeiten hochkonzentriert erledigen, bei denen jeder andere in Gedanken abschweifen würde.
  • Meine strukturierte Arbeitsweise hat den Vorteil, dass Ordnung vorherrscht.
  • Zusätzlich herrscht auch optische Ordnung. Outlook Kalendereinträge sehen beispielsweise immer gleich aus, wodurch sie auch für andere übersichtlicher sind. Dasselbe gilt für alle Listen, die ich erstelle.
  • In meinem Wirkungskreis ist alles dokumentiert und somit leicht nachvollziehbar und wiederfindbar.
  • Eine reizarme Arbeitsumgebung mit weniger Lärm und weniger optischem Chaos wirkt sich auf alle stressreduzierend aus.

Teamarbeit

  • Am liebsten arbeite ich alleine als mein eigenes Team.
  • Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich neige zu rigidem Gegensteuern bei Verletzung meines Gerechtigkeitsempfindens, ohne die sozialen Konsequenzen zu bedenken.
  • Ich kann mich und meine Ideen in einer Gruppensituation nicht gut verkaufen.
  • Probleme versuche ich stets erst einmal alleine zu lösen.

Zeitmanagement

  • Ich habe Schwierigkeiten bei der Zeiteinteilung.
  • Ich neige zu Perfektionismus, so dass Arbeitsergebnisse nicht abgegeben werden, bevor sie in meinen Augen perfekt sind. Wenn die Erledigung von Aufgaben jemandem zu lange dauern sollte, wäre es gut, wenn derjenige mich darauf anspricht und mir eine Frist setzt.
  • Meine Prioritätensetzung unterscheidet sich oft von der Erwartung anderer. Deshalb wäre es gut, wenn mir direkt gesagt wird, was zuerst erledigt werden soll.
  • Rechtzeitig um Hilfe zu bitten, fällt mir meistens einfach nicht ein.
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Diagnose: Mensch

Ich habe lange nichts mehr hier geschrieben, bin sozusagen abgetaucht. Das hatte seinen Grund. Nach einem vollständigen Zusammenbruch im letzten Sommer und einem sich über mehr als ein halbes Jahr hinziehenden, langen und anstrengenden Diagnostikprozess in einer Uniklinik weiß ich jetzt offiziell, dass ich ein Mensch mit Asperger-Syndrom (ICD 10 F84.5) bin.

Immerhin habe ich jetzt endlich eine Antwort auf all meine Warums, die sich mein Leben lang ansammelten und sich verstärkt im Verlauf meines Masterstudiums auch in Bezug auf das Studium selbst und in jüngerer Zeit insbesondere durch eine neue Arbeitsstelle ergaben.

Warum scheitere ich wieder und wieder an Kommunikation, sogar an rein schriftlicher? Warum fällt es mir so schwer, Kontakt zu anderen aufzunehmen und zu halten, Freundschaften aufzubauen? Fails, Fehldeutungen, Missverständnisse sind scheinbar bei mir quasi immer schon vorprogrammiert. Warum eigne ich mich nicht besonders gut für Arbeiten in Gruppen, wenn die Gruppengröße > 2 Personen ist? Warum fällt es mir so schwer, Feedback zu geben? Warum verstehe ich nach sehr kurzer Zeit gar nichts mehr, wenn ich im Studium an Adobe Connect Sitzungen oder in der Arbeit an Teamsitzungen teilnehme? Warum bedeutet eine mit den Kollegen verbrachte Mittagspause so viel Stress für mich, dass ich danach absurderweise erstmal eine längere Pause brauche? Warum stören mich Unterbrechungen bei der Arbeit durch das Telefon oder hereinkommende Kollegen so sehr, dass ich an manchen Tagen mehr Zeit damit verbringe, wieder in meine vorherige Tätigkeit hineinzukommen, als insgesamt produktiv tätig zu sein? Warum konnte ich zeitlebens nicht Vollzeit arbeiten gehen, ohne binnen kürzester Zeit krank zu werden? Warum habe ich kein funktionierendes Zeitmanagement? Warum prokrastiniere ich oder schaffe es nicht, irgendetwas anzufangen, obwohl ich es mir täglich fest vornehme? Warum fällt es mir so schwer, rechtzeitig um Hilfe zu bitten? Warum erlebe ich, soweit ich mich erinnern kann, Interaktionen mit anderen größtenteils als Belastung? Warum habe ich scheinbar mein ganzes Leben lang bereits Angst? Warum muss ich eigentlich alles kontrollieren? Warum kann ich anderer Leute Unordnung so schlecht tolerieren und finde es beruhigend, wenn ich beispielsweise Eierschachteln nach Farbe sortiere? Warum bringt es mich völlig aus der Fassung, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden? Warum bin ich oft so unflexibel in meinem Denken und brauche unverhältnismäßig lang, etwas zu verändern, oder auf im Nachhinhein völlig offensichtliche Lösungen zu kommen, wenn sie mir ein anderer sagt? Warum mag ich Veränderungen im Grunde nicht, ja, ich kann mich daran gewöhnen, aber wenn ich mich daran gewöhnt habe, ist es in meinem Empfinden so, als wäre es immer schon so gewesen? Warum komme ich mit meinen Emotionen oft nicht zurecht? Warum brauche ich so viel mehr Zeit für mich alleine, als augenscheinlich alle anderen Menschen um mich herum?

Oder auch: Warum fällt es mir so leicht, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben? Warum bin ich wirklich gut in Literatursuche? Warum halte ich länger, ohne eine Pause zu brauchen, konzentriert und hochfokussiert durch, wenn mich ein Thema interessiert als die meisten anderen? Warum kann ich so gut Korrekturlesen und warum fallen mir Rechtschreib- oder Grammatikfehler sofort auf? Warum ermüdet oder langweilt es mich nicht, täglich stundenlang über Monate oder sogar Jahre hin alles, was sich finden lässt zu einem mich interessierenden Thema zu lesen? Warum lese ich seit meiner Kindheit wirklich unglaublich viel und so schnell? Warum kann ich problemlos so lange Zeit bewegungslos irgendwo stehen oder sitzen, dass ich für Tiere scheinbar ein Teil der Umgebung werde und ich sie beobachten kann, ohne dass mich das langweilt, ich Sehnsucht nach Gesellschaft oder Unterhaltung hätte oder irgendwem davon erzählen wollen würde?

Auf so vieles habe ich jetzt endlich eine Antwort.

Das bringt allerdings neben der Erleichterung, dass es nicht daran liegt, dass ich mich nicht genügend anstrenge oder zusammenreiße, dass ich nicht zu unkooperativ o.ä. bin, und auch kein Hypochonder, der sich das alles nur einbildet und neben dem Wissen, dass ich zwar leider nicht hochbegabt, aber immerhin auch nicht wirklich doof bin, auch die unschöne Erkenntnis, dass das, was sich in meiner Wahrnehmung wie eine gläserne Trennwand durch mein Leben zieht, eine Behinderung ist, die nicht verschwinden wird.

Die Erkenntnis, leider kein verkanntes Genie zu sein, selbstverständlich, während ich alle meine Schwierigkeiten völlig verdränge und sie den anderen zuschreibe, sondern im Gegenteil so viele Dinge wesentlich schlechter und vor allem anscheinend langsamer zu schaffen als andere und bei unglaublich vielen alltäglichen Vorkommnissen im Kontakt mit anderen und zu erledigendem Alltagskram trotz meines Alters immer noch dringend auf Hilfe und Erklärungen angewiesen zu sein. Die Erkenntnis, das unwahrscheinliche Glück gehabt zu haben, mein Leben lang von meiner Familie unterstützt worden zu sein. Ein tiefempfundener Dank geht hier an meine Eltern, insbesondere an meine Mutter, an meine Lieblingsschwägerin und an meinen Bruder und ganz besonders an meinen Mann. Die Erkenntnis, den Rest meines Lebens auch weiterhin Unterstützung zu brauchen und wahrscheinlich niemals wirklich selbstständig leben zu können, obwohl ich mein Leben lang darum gekämpft habe, einfach nur normal, so wie alle anderen zu werden. Mit dieser Erkenntnis zurecht zu kommen und damit, dass mich die Diagnose zwar nicht zu einem anderen Menschen macht, sich retrospektiv jedoch vieles ändert, und ich meine Selbstwahrnehmung korrigieren muss, braucht im Moment all meine Energie und Kraft.

Mein Autismus ist keine Krankheit, die impliziert, dass ich irgendwann einmal gesund war oder das jemals werden könnte. Es ist, soweit ich das verstanden habe, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Mein Autismus ist etwas, das ich als eine gläserne Trennwand bezeichne, die mich oft mehr und manchmal weniger daran hindert, an vielen Dingen genauso teilzuhaben, wie die meisten anderen Menschen. Je nach Tagesform ist diese gläserne Trennwand mal gut geputzt und nahezu unsichtbar oder völlig trüb und steht gut erkennbar zwischen mir und den anderen. Mein Autismus ist etwas, das immer da war, egal wie sehr ich mich bemüht habe, die Erwartungen zu erfüllen. Er ist sozusagen ein Teil meiner Persönlichkeit. Und ich möchte nicht den Rest meines Lebens einen Teil meiner Persönlichkeit verstecken müssen.

Nicht nur deshalb habe ich beschlossen, offen damit umzugehen. Sondern auch aus logischen und pragmatischen Gründen. Dieses Thema betrifft zwar nur relativ wenig Menschen. Bei einer Prävalenz von aktuell 0,3% ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass sich selbst in meinem FernStudiengang mehr als einer findet. Vielleicht hilft meine Offenheit anderen. Ich gehe dabei von mir aus, weil es mir auf meinem Weg durch die Diagnostik geholfen hat und jetzt aktuell nach der Diagnose immer noch hilft, von anderen zu lesen, zu erkennen, dass Autismus ein sehr differentes Spektrum ist, von dem ich bis letztes Jahr noch meinte, dass ich ganz bestimmt nicht dazu gehöre. Ich? Autistin? Das glaube ich nicht! Ich bin so ganz anders, als der eine andere Menschen mit Autismus, den ich bis dato persönlich kannte und anders als das, was mir in den Medien als Darstellung von Autismus begegnet war – meinte ich. Hier bewahrheitet sich ein Satz, den ich mittlerweile nachvollziehen kann: Kennst du einen Autisten, kennst du genau diesen einen Autisten.

Einige Menschen in meiner Lebenswelt haben geduldig versucht, mir Übereinstimmungen mit den Diagnosekriterien aufzuzeigen, die sie meinten bei mir zu erkennen, wofür ich ihnen dankbar bin. Aber am meisten hat es mir persönlich geholfen, von anderen zu lesen (beispielsweise in Büchern – ganz besonders Danke an Fuchskind–  oder auf Blogs anderer Frauen, wie dem Von Maedel oder Regine Winkelmann, oder Selbsthilfeforen, wie Aspies.de) oder zu hören und zu erfahren, dass ich nicht alleine bin. Dass ich vor allem auch nicht alleine bin mit meinen Zweifeln und meinem Hinterfragen der Diagnosekriterien und den Fragen, die sich mir jetzt, nachdem der Verdacht zur Gewissheit wurde, nach der Diagnose stellen. Ich habe auf einigen Seiten gelesen, dass sich andere dazu entschließen, aus bestimmten Gründen ihren Autismus zu verstecken. Das respektiere ich. Für mich selbst wähle ich jedoch den anderen Weg, in der Hoffnung auf Verständnis und darauf, den Rest meines Lebens als der Mensch akzeptiert zu werden, der ich bin. Das meint natürlich nicht, dass ich nicht auch in Zukunft versuchen werde, weiterhin an meinen Schwierigkeiten zu arbeiten.

Es wäre nur schön, wenn der Fokus nicht ausschließlich auf meinen Fehlern im zwischenmenschlichen Umgang oder auf meinen Schwierigkeiten mit Kommunikation und meinen Defiziten in sozialer Kompetenz liegen würde. Ich bin ziemlich lärm- und geruchsempfindlich und wirke in diesem Zusammenhang oft unhöflich. Ich bin, wenn ich mich nicht sehr kontrolliere, oftmals zu direkt. Ich sage manchmal unbeabsichtigt Dinge, die andere verletzen oder beleidigen können, ohne es zu merken. Wenn ich in Gedanken bin, kann es sein, dass ich abweisend und barsch reagiere. Mir wurde häufiger gesagt, dass ich nach außen überheblich und unhöflich wirke, ich selbst denke von mir, dass ich sehr oft unsicher bin und wenig Selbstbewußtsein habe. Ich bin leider oft gestresst, was mich dann genervt oder ungeduldig wirken lässt, oder auch völlig unbeteiligt. Und ich reagiere manchmal auf eine Weise, die andere befremdet. Ich erscheine häufiger unflexibel im Denken und wirke geistig abwesend, wenn ich innerlich wegen Überlastung bereits abgeschaltet habe. Mein Verhalten hat einen Grund und der heißt Autismus.

Aber trotzdem bin ich ein Mensch mit ganz normalen Vorlieben und Abneigungen, ich mag Sushi und derzeit meine tägliche Portion Tomate-Mozzarella (natürlich laktosefrei). Ich höre überwiegend Techno, aber auch Popmusik und mag Tiere und Pflanzen. Meine Fische, Hühner, Katzen und sonstiges Viechzeug beobachte ich ausdauernd. Ich buddle gern in meinem wunderschönen Garten und kenne die meisten Bäume, Sträucher und Stauden namentlich. Ich habe eine Vorliebe für autodidaktisches, lebenslanges Lernen und einen tiefschwarzen Humor, der häufig nicht verstanden wird. Ich lese neben viel Fachliteratur und wissenschaftlichen Studien, die meine Interessensgebiete und Inhalte meines Studiums behandeln, auch gern und exzessiv Science-Fiction und Fantasy Literatur, ich bin ein Fan von Terry Pratchett, Matt Ruff und George R.R. Martin. Ich halte viele Sendungen im Fernsehen für Volksverdummung, gucke aber trotzdem mit Begeisterung Serien wie The Big Bang Theory oder Game of Thrones. Ich bin ein überwiegend logisch denkender Mensch und halte nichts von esoterischen Themen, finde das Konzept der Astrologie verwunderlich, halte die wissenschaftlich nicht nachweisbare Wirksamkeit von Homöopathie für einen Placebo Effekt, habe bisher niemals irgendwelchen Auren gesehen und vermute, dass das auch so bleiben wird. Und ich bin zwar sehr oft gern allein, habe aber trotzdem auch das Bedürfnis nach Kontakten, nach gesellschaftlicher Teilhabe, auch wenn es dann wieder anstrengend für mich ist.

Laut Forschung scheine ich die Welt anders wahrzunehmen als andere Menschen. Ich schreibe das absichtlich so, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie andere die Welt wahrnehmen. Meine Art der Wahrnehmung ist die einzige, die ich habe, ich kenne es nicht anders, für mich ist sie vollkommen normal. Ich bin also irgendwie anders, aber in allererster Linie bin ich ein Mensch.