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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Wer hat Angst vorm Gutachtertermin?

5 Kommentare


Das Versorgungsamt hatte mir auf meinen Antrag auf Schwerbehinderung einen GdB von 30 zugebilligt und mir auch im Widerspruchsverfahren keinen höheren GdB zuerkannt. Also musste ich Klage erheben. Ich klagte mit Hilfe der Gewerkschaft als Rechtsbeistand. Dafür musste ich in die Gewerkschaft eintreten, aber die nicht mal 10 Euro pro Monat waren gut investiertes Geld. Eine Selbstbeteiligung bei der Rechtsschutzversicherung hätte mehr gekostet. Nachdem über ein Jahr nichts passierte, außer dass ich dem Rechtsanwalt jeweils meine Krankschreibungen und alle Arztberichte geschickt hatte, setzte das Sozialgericht einen Gerichtstermin zur mündlichen Verhandlung und Beweisaufnahme mit vorher vom Gericht angeordneter Begutachtung an. Der Gutachter wurde vom Gericht vorgeschlagen, er war (ist es noch) ein Neurologe und Psychiater. Ich hatte im Internet in diversen Foren ausschließlich schlechte Bewertungen über diesen Gutachter gelesen. Es stand auch nirgendwo, dass er irgendetwas mit Autismus zu tun gehabt hätte. Ich hatte also richtig Angst vor diesem Termin. Ich hatte im Vorfeld massive Schlafstörungen, nebst Magen-Darm Problemen. Das ist scheinbar meine typische körperliche Reaktion auf Stress.

Der Termin war ziemlich anstrengend. Weil mein Mann zu spät losfuhr, kamen wir in Zeitnot und hetzten vom Parkhaus bei eisiger Kälte zum Gerichtsgebäude. Ich musste ganz dringend auf die Toilette, aber eine Sicherheitsschleuse stand zwischen mir und der rettenden Örtlichkeit. Als die Glastüre aufging, rannte ich durch, ließ meine Tasche fallen und stürzte zur Toilette. Völlig durchgeschwitzt und maximal gestresst kam ich danach zurück. Mein Mann erzählte mir später, das er mit Gesten versucht hatte, die Sicherheitskräfte zu beruhigen und ihnen als er selbst drin war, erklärte, was mit mir los war. Ich durfte meine Wasserflasche, die ich immer dabei habe (das ist das Äquivalent zu einer Kuscheldecke für mich), nicht mit ins Gerichtsgebäude nehmen. Das hat mich völlig fertig gemacht, so dass ich dastand, in den Boden starrte und gegen die Tränen ankämpfte. Eine Gerichtsdienerin forderte mich dann auf, mitzukommen, aber mein Mann war ja noch nicht durch die Schleuse gekommen, also wollte ich stehenbleiben, um auf ihn zu warten. Das durfte ich aber nicht und sollte vor dem Untersuchungszimmer des Gutachters warten. Als mein Mann endlich kam, hatte er glücklicherweise meine Wasserflasche bei sich. Er hatte sie den Sicherheitskräften abgeschwatzt und die Verantwortung dafür übernommen, dass ich mit der Flasche nicht den Gutachter k.o. schlage. Ich war einfach nur erleichtert, dass ich sie wieder bei mir hatte, ich brauche diese Flasche wirklich dringend, damit es mir gut geht.

Zur Begutachtung selbst durfte mein Mann nicht mitkommen, weil das Gericht geschrieben hatte, dass ein Gutachten dann nicht mehr verwertbar gewesen wäre. Ich musste also alleine in das Untersuchungszimmer hineingehen und habe während der gesamten Untersuchung teilweise am ganzen Körper gezittert vor Angst. Aber es geht ja zum Glück gerade nicht darum, dass man beim Gutachter möglichst gut kompensiert, sondern genau um das Gegenteil. Insofern war die ganze Stresssituation vorher im Nachhinein gesehen optimal, weil der Gutachter mich so in autistischer Bestform erleben konnte. Im Raum saß noch eine Dame, die auf einer Schreibmaschine mitschrieb. Der Gutachter hatte eine dröhnende tiefe Stimme und in Verbindung mit dem Schreibmaschinengeklapper verstand ich ihn nicht immer. Außerdem war mir nicht immer ganz klar, wann er mit mir und wann mit der Dame, die mitschrieb, redete. Einmal buchstabierte er etwas falsch für diese Dame und ich verbesserte ihn. Im Gutachten steht dann dazu: Teilweise im Gespräch etwas beharrend und wenig flexibel.

Er kannte sich mit Autismus aus und hatte meine Akte gründlich gelesen. Das schloss ich aus den spezifischen Fragen zu meiner Gesundheit, die er mir stellte. Er fragte mich durchgängig nur Dinge, die auch in den Arztbriefen gestanden hatten. Also keine offenen Fragen. Das lief überwiegend so ab: „Sie haben ja die und die Erkrankung.“  „Wie bitte?“ Er wiederholt die Frage. Ich:“ Ja.“ „Haben sie dabei die und die Beschwerden?“ „Ja.“ „Wirkt sich das bei Ihnen so und so aus?“ „Wie bitte… Ja … Am Ende wurde ich noch körperlich untersucht. Er maß meinen Blutdruck, prüfte Reflexe, fragte nach Größe und Gewicht, ließ mich die Arme heben und prüfte die Beweglichkeit meiner Wirbelsäule. Und ich musste ein paar Schritte auf den Ballen und auf der Ferse gehen. Das wars auch schon.

Nach der Begutachtung mussten wir noch auf den Gerichtstermin warten. Der Gutachter hatte mir bei der Verabschiedung vorgeschlagen, noch einen Kaffee trinken zu gehen. Auf diesen Vorschlag hatte ich nicht geantwortet, es erschien mir die Mühe nicht wert, ihm zu erklären, dass das für mich ganz bestimmt keine Option ist. Wir saßen (ich hing eher in meinem Stuhl) also draußen vor dem Zimmer als die Türe aufging und der Gutachter nochmal herauskam und anfing zu reden. Im Gang hallte es ganz entsetzlich, außerdem kam gerade wieder jemand mit Stöckelschuhen vorbei, so dass ich mit einem Schmerzlaut meinen Kopfhörer aufsetzte. War zwar unhöflich, aber zu Höflichkeit war ich wegen akuter Reizüberlastung nicht mehr fähig. Er sprach dann mit meinem Mann und erklärte ihm, dass um die Ecke ein Wartebereich sei. Außerdem sagte er, dass es ihm leidtue, dass die Untersuchung so anstrengend für mich gewesen sei, aber eine Untersuchung müsse halt nunmal leider sein.

Als die Gerichtsdienerin wieder vorbeikam, organisierte mein Mann mit ihrer Hilfe ein freies Untersuchungszimmer, in dem ich warten durfte. Den allgemeinen Wartebereich, in dem es laut war und ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, hätte ich nicht durchgehalten. Ich setzte meine Kopfhörer auf und döste fast eineinhalb Stunden völlig erschöpft auf der Untersuchungsliege. Mein Mann wartete im Wartebereich und ließ mich in Ruhe. Er übernahm zum Glück die notwendige Kommunikation mit dem Rechtsanwalt und der Gerichtsdienerin, die das Gutachten vorbeibrachte und uns mitteilte, wann wir dran waren. Ich habe wirklich Glück, weil mein Mann mich so toll unterstützt.

Als mein Mann mir das Gutachten zum Lesen vorbeibrachte, war ich ziemlich überrascht. Für mich war es seltsam zu lesen, wie der Gutachter mich wahrgenommen hatte. Er schlug einen GdB von 80 vor, 70 davon nur für den Autismus. Dafür, dass ich nur einen GdB von 50 einklagen wollte, erschien es mir ziemlich hoch. Ich diskutierte das mit meinem Mann, der mir riet, nicht zu widersprechen. Meine Meinung, dass ich doch gar nicht so behindert sei, teilte er nicht.

Dann mussten wir in den Gerichtssaal. Dort sollte ich mich neben den Rechtsanwalt setzen, den ich noch nie vorher gesehen hatte. Bevor ich mich richtig sortiert hatte und mich orientieren konnte, hatte die Richterin bereits begonnen zu reden. In diesem Raum war die Akustik besser, ich musste nicht so oft nachfragen. Er hatte außerdem große Fenster und ich konnte mich auf einen Baum vor dem Fenster fokussieren. Die Richterin meinte gleich zu Beginn ebenfalls, dass der vorgeschlagenen GdB ziemlich hoch wäre und fragte mich deshalb nach meinem Alltag. Ich fing an, ihr zu erzählen, was ich die Woche über so mache, dabei kam ich aber nicht einmal bis zum Abend, weil sie mich unterbrach. Sie fragte im Anschluss, wie oft ich meine Freunde sehen würde und meine Kinder und wie häufig ich mit ihnen telefonieren würde, wie viele Haustiere ich hätte. Auf alle Fragen konnte ich keine vollständigen Antworten geben, weil sie mich immer wieder unterbrach.

Die komplette Verhandlung dauerte keine 15 Minuten und endete mit dem Vorschlag der Richterin, einen Vergleich abzuschließen und dem Gutachten in vollem Umfang zu folgen. Damit war das beklagte Versorgungsamt einverstanden und mein Rechtsanwalt ebenfalls. Das ging alles ziemlich schnell und meinem Empfinden nach über meinen Kopf hinweg, denn ich war völlig überfordert und hätte Zeit gebraucht, um nachvollziehen zu können, wer gerade was genau von mir wollte und was ablief, die bekam ich aber nicht. Mein Mann ließ noch den Antrag auf Fahrtkostenerstattung ausfüllen, während ich etwas verloren im Raum stand und mich fragte, was eigentlich gerade passiert war und ob die Verhandlung tatsächlich schon vorbei war. Der Rechtsanwalt bat uns im Wartebereich dann noch um meine Unterschrift, ich fragte ihn, ob ich das Gutachten erhalten könnte. Er sicherte mir zu, es mir am nächsten Tag zuzuschicken, was er auch tat. Er erklärte uns, dass ich vom Versorgungsamt einen abgeänderten Bescheid erhalten würde und das Verfahren damit abgeschlossen sei.

Tja, und jetzt habe ich halt einen GdB von 80 statt 30 und eine Behinderung (Hörminderung beidseits GdB 10) mehr, die vorher in keinem Arztbrief stand. Mein Appell an alle Leser: Ich finde es wichtig, immer zu bedenken, dass Leute, bei denen es keine Probleme bei ihrer Begutachtung gab, sich in der Regel nicht im Netz äußern, sondern da überwiegend Leute schreiben, die ihren Unmut kundtun. Das verzerrt das Bild ziemlich. Angst vorm Gutachter ist ok, die kann man haben. Aber ein Gutachter ist nicht per se ein Feind, der einem Böses will, er soll einfach nur die Realität begutachten, die aus der Aktenlage nicht immer so ersichtlich ist. Mit diesem Beitrag möchte ich darüber aufklären, dass es auch die Fälle gibt, bei denen es gut läuft und so ein kleines bisschen etwas gegen den Rant-Bias im Netz tun.

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5 Kommentare zu “Wer hat Angst vorm Gutachtertermin?

  1. Ich finde es ja mal spannend, wie unterschiedlich das an verschiedenen Sozialgerichten offenbar abläuft.

    Bei mir war das Gutachten vor der (eventuellen) mündlichen Verhandlung und fand auch nicht im Gerichtsgebäude, sondern an der Uniklinik statt, an welcher der Arzt arbeitete. Das ganze ging etliche Stunden und am Ende wurde mir zwar eine Tendenz mitgeteilt, aber das schriftliche Gutachten kam erst Wochen später. Meine Betreuerin (ambulante Betreuung, nicht rechtliche – also formal eigentlich kein Unterschied zu deinem Mann) durfte den größten Teil der Zeit dabei sein.
    Das Gutachten ging dann ans Gericht und das Versorgungsamt und daraufhin gab das Amt auf, sodass es gar nicht erst zur mündlichen Verhandlung kam – die hätte es nur gegeben, wenn das Versorgungsamt nicht eingelenkt hätte.
    (Bei mir war es übrigens dasselbe, was die GdB angeht: 30 bei Antrag und Widerspruch bekommen, mit Ziel „50“ geklagt, vom Gutacher 80 bescheinigt bekommen, was das Versorgungsamt dann auch akzeptierte)
    Kosten hatte ich übrigens trotz Selbstbeteiligung bei der Rechtssschutzversicherung schlussendlich keine, denn nachdem ich ja „gewonnen“ habe (wie auch immer man formal das Anerkenntnis nennt, wo sie den GdB anerkannt und die Kostenübernahme zugesichert haben – ersparte ihnen immerhin die Kosten für die Verhandlung), bekam ich das Geld nach Abschluss des Verfahrens wieder.

    Ich höre bei dir zum ersten Mal, dass Gutachter- und Verhandlungstermin am selben Tag sind. Aber man lernt nie aus^^

    Ansonsten finde ich ja, dass Sachbearbeiter. Behördenleiter und/oder Politiker solche Kosten aus eigener Tasche zahlen sollten -.- Schließlich zahlt ja am Ende der Steuerzahler für die ganzen unnötigen Verfahren.

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    • Ach ja, und natürlich herzlichen Glückwunsch zum gewonnen Verfahren! 🙂
      Auch wenn es toll gewesen wäre, wenn mal bei jemandem dieser Stress nicht nötig gewesen wäre…

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    • Das klingt wirklich spannend. Ich dachte, weil der Termin bei mir so gelaufen ist, wäre das Verfahren überall so.

      Mein Therapeut meinte, ich solle mich belohnen, weil es mein Verdienst sei, dass ich den SB Status erhalten habe, ich hätte ja auch den Widerspruchsbescheid akzeptieren können. Hier scheint mein grundlegendes Akzeptanzproblem wohl mal von Vorteil gewesen zu sein.

      Mir ist die einkehrende Ruhe, weil das Verfahren abgeschlossen ist und der „Erfolg“ der Klage in Form des SBA aber Belohnung genug.

      Dankeschön für deinen Glückwunsch. Das Folgende soll nicht unhöflich sein: Irgendwie ist es schon seltsam, sich zum Erhalt eines SBA zu beglückwünschen? Ich frage mich ziemlich oft, wie absurd die Welt an sich ist. Wobei du mir ja genau genommen nur zum gewonnen Verfahren gratuliert hast. Also Danke.

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    • Jemanden zur Schwerbehinderung zu beglückwünschen wäre sicher etwas seltsam – aber wie du ja auch sagst, habe ich dir zum gewonnenen Verfahren gratuliert. Denn das braucht ja einiges an Einsatz und Durchhaltevermögen (und sicher auch ein Quäntchen Glück, dass man an einen gescheiten Gutachter gerät).

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  2. Pingback: „Leichter“ Autismus und (Schwer)Behinderung – wie passt das zusammen? | SWB - MeiBlog

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