SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Es reicht mit Veränderungen!

5 Kommentare


Ich hatte schon mehrfach erwähnt, dass ich Veränderungen nicht mag. Seit ein paar Wochen gibt es in meinem Leben aber plötzlich haufenweise Veränderungen.

Ich hatte ab März bei einer Firma ein Praktikum im Rahmen der beruflichen Rehamaßnahme „Unterstützte Beschäftigung“ begonnen. Was eine von mir gewünschte Veränderung war, aber eben eine Veränderung. Und ich reagierte darauf im Vorfeld wie immer. Mit Unbehagen, Angst, dem ganzen körperlichen Programm – Schlafstörungen, Magenschmerzen usw. usf. Obwohl ich wusste, dass es einfach nur meine, für mich ganz normalen, psychosomatischen Reaktionen auf das Unbekannte sind, das mich erwartete, waren diese Reaktionen unangenehm. Ich wünschte, mein Körper würde nicht jedes Mal, wenn etwas Unbekanntes anstünde, verrückt spielen.

Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ich mich an diese Veränderung gewöhnen würde. Und dass dann das vormals Unbekannte etwas Gewohntes sein würde, von dem ich mir innerhalb von ein paar Wochen dann gar nicht mehr vorstellen könnte, wie es vorher ohne gewesen war. Aber bis das soweit war, musste ich nur die Gewöhnungszeit überstehen und meine Ängste aushalten, bis ich mich an das Neue gewöhnt hatte.

Ich hatte zwar die Büroräume kurz beim Vorstellungsgespräch gesehen, aber ich wusste vor Praktikumsbeginn nicht, wie es sein würde, dort zu arbeiten. Wie die Geräuschkulisse sein würde, ob es nicht abstellbare Störquellen geben würde. Den schnellsten Weg ins Büro hatte ich vorab recherchiert, wann ich wegen des morgendlichen Berufsverkehrs am besten fahren musste, ebenfalls. Ich hatte eine Auflistung der Arbeitsinhalte der ersten vier Wochen erhalten, ich hatte die zwei Kolleginnen, die mich einarbeiten würden, beim Vorstellungsgespräch kurz gesprochen. Eine andere der zukünftigen Kolleginnen kannte ich bereits aus einem anderen Kontext. Ich würde wieder eine fixe Tagesstruktur haben. Dies alles gab mir eine gewisse Sicherheit. Die Veränderungen würden überschaubar bleiben und es würde nur ein paar Wochen dauern, bis das Neue das Gewohnte werden würde.

Nur hatte ich meine ganze Planung ohne das Corona-Virus gemacht.

Ab Anfang März wurden die ersten Termine in meinem Kalender gestrichen, weil abgesagt. Bis kein einziger Termin mehr übrig war.

Seit Anfang letzter Woche sitze ich im Homeoffice.

Innerhalb von nur drei Wochen wurden mir von beiden beteiligten Seiten (IFD und Betrieb) mehrfach einander widersprechende Entscheidungen bzw. Planungen mitgeteilt. Da ich in die Entscheidungsfindung nicht mit eingebunden wurde, sondern mir nur das Ergebnis mitgeteilt wurde, waren das mehrere einseitige Änderungen der ursprünglichen Planung das Praktikum betreffend.

Dazu kommt, dass uns, wie so viele, überraschend das Thema Kurzarbeit betrifft. Dadurch fällt Einkommen ungeplant weg – auf bislang unabsehbare Zeit, d.h. wir können gar nicht planen, wie wir das finanziell überstehen.

Was an zusätzlicher Belastung obendrauf kam, waren die in den letzten Wochen immer wieder einander widersprechende Verhaltensregeln von verschiedenen Seiten, insbesondere von Bund- und Landesregierungen, echten und selbsternannten Experten usw. usf.

Seitdem hier bei uns in Bayern unsere Ausgangsbeschränkungen gelten, bin ich innerlich ein bisschen ruhiger geworden. Seitdem ist nämlich endlich wenigstens in diesem Bereich Planungssicherheit da. Ich weiß genau, wie ich mich verhalten kann und darf und für wie lange. Der Rahmen ist vorgegeben, es gibt klare Regeln. Mein normaler Lebensstil ähnelt eh quasi einer Quarantäne.

Was mich extrem belastet hat, war die kurze Gültigkeit der Meldungen und Empfehlungen, die durch die Medien verkündet wurden. Auf die hatte ich mich zum Teil nicht einmal gedanklich einstellen können, da waren sie bereits wieder Makulatur.

In Summe waren es in letzter Zeit einfach viel zu viele, von mir nicht kontrollierbare, zu kurz hintereinander erfolgende Veränderungen. Die besondere Schwierigkeit liegt nicht ausschließlich in den Veränderungen an sich – einige Veränderungen waren auch positiv.

Was ich als erstes bei mir bemerkt habe, ist, dass, als mein Terminkalender wegen der ganzen Absagen dann leer war, ich mich wie befreit gefühlt habe. Der Stress und die Hetze waren auf einmal weg. Ich musste nicht mehr bis zu einem bestimmten Termin etwas fertig haben, der wegfallende Druck machte mir bewusst, dass mein Terminkalender seit längerem viel zu vollgepackt gewesen war und ich eigentlich schon längst in einer Überlastungssituation gelebt hatte.

Ich finde es auch positiv, dass es im Außen ruhiger geworden ist, der Lärm ist spürbar weniger geworden, ich empfinde besonders die Ruhe auf den Straßen als Erleichterung, wenn ich Nachrichten schaue. Auch für die Augen, das Gewusel ist weg.

ABER: Die mich stark fordernde Schwierigkeit liegt darin, dass ich in meinem Empfinden gar keine Kontrolle mehr über mein Leben habe. Es wird dringend Zeit, dass ich Planungssicherheit bekomme und genügend Zeit, um mich an die Veränderungen der letzten Wochen wenigstens gewöhnen zu können, bevor sich schon wieder etwas ändert. Es reicht!

 

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

5 Kommentare zu “Es reicht mit Veränderungen!

  1. Ich glaube, sogar eine nichtautistische Bekannte wäre von deinen Zuständen mindestens genervt.

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  2. wieder mal Klasse!
    aus der Seele gespochen!
    unbedingt weitermachen!

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  3. Das sind ganz wichtige Beiträge.
    Wichtig und notwendig, so hart es ist.
    Es ist so, und die wenigsten können sich das vorstellen…..

    Freundliche Grüße

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  4. Das geht mir ähnlich, Silke. Alle 3 Tage neue Verordnungen, Ankündigungen, Drohungen, etc. Ich kann nicht mal 3 Tage planen, was ich machen kann, weil es könnte das letzte Mal sein, dass ich draußen war.

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    • Das ist sehr belastend, ich drücke dir die Daumen, dass bei euch bald mal etwas mehr Ruhe einkehrt und du verlässlich planen kannst. So bekommt man ja nicht mal im Ansatz eine Wochenstruktur!

      Deinen Blogbeitrag mit der Maskenpflicht habe ich gelesen und mich kopfschüttelnd gewundert über den Widerspruch, den diese neueste Anordnung des Kanzlers zu früheren Aussagen ergibt. Schon irgendwo absurd, am Ende laufen bei euch längere Zeit alle vermummt durch die Gegend…

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