SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


Hinterlasse einen Kommentar

Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil1

Das erste Erstgespräch fand einen Tag vor unserem zweiten langfristig geplanten größeren Urlaub in diesem Jahr statt. Ort war ein muffig riechender, bedrückend niedriger Kellerraum eine gute Stunde Autofahrt von meinem Zuhause entfernt und das abends zu einer Zeit ohne Verkehr. Die Therapeutin war im zweiten Ausbildungsjahr und erklärte mir welche Vorteile es hätte, bei ihr eine Therapie zu machen, weil im Hintergrund als Supervisor auch immer ihr sie ausbildender Therapeut mit involviert sei. Über meinem Kopf trampelten die Bewohner der Erdgeschosswohnung herum, was meine Konzentration nachhaltig beeinträchtigte, so dass ich nicht alles mitbekam, was die potentielle Therapeutin im Alter meiner Tochter mir erzählte. Ihre Zehen in den Flipflops rollten sich im Verlauf der Stunde zunehmend ein, während ich versuchte, ihre Fragen zu beantworten. Ich fühlte mich mehr und mehr angestrengt, sie verstand scheinbar Dinge, die ich aus meinem Familienerleben erzählte nicht. Ich fragte, wie genau mir Therapie ihrer Ansicht nach helfen könnte, und was in der Therapie passiere. Sie antwortete, Therapie passiere einmal wöchentlich in der vereinbarten Stunde und könne mir ganz sicher sehr helfen, das würde ich mit der Zeit schon noch merken.

Nach der Stunde fuhr ich aufatmend nach Hause und besprach meine Beobachtungen mit meinem Mann. Wir kamen überein, dass weder die Rahmenbedingungen noch die Therapeutin passend erschienen, obwohl ich grundsätzlich kein Problem damit gehabt hätte, mit einer sich noch in Ausbildung befindlichen Therapeutin zu arbeiten. Wie sonst sollte sie Berufserfahrung bekommen? Ich wog Pro- und Contra-Argumente gegeneinander ab. Mit meiner Nachtblindheit den Weg von der Praxis nach Hause einmal wöchentlich Abends zu einer Zeit bewältigen zu müssen, in der ich mich normalerweise bereits darauf vorbereitete, ins Bett zu gehen, weil ich bei winterlichen Straßenverhältnissen garantiert mehr als eine Stunde für die Strecke brauchen würde, war ein schwerwiegendes Contra-Argument. Ich dachte darüber nach, wie wahrscheinlich es wohl war, dass die Mieter über dem Therapieraum sich zur Therapiezeit nicht zu Hause aufhalten würden. Meine Beobachtungen der körperlichen Reaktionen der angehenden Therapeutin ließen außerdem auf eine Überforderung bereits in der ersten Stunde schließen. Die Contra-Argumente gewannen. Wir fuhren erst einmal in Urlaub. Ich hatte ja noch die Option auf weitere Erstgespräche.

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Gedanken zu Gestik und Körpersprache

Mir sind nach meiner Diagnose und meiner Beschäftigung mit damit zusammenhängenden Themen einige Dinge aufgefallen, die Gründe dafür sein könnten, dass ich Probleme damit habe, in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen.

Ein Defizit ist wohl meine annähernd vollständig fehlende Gestik. Das, was ich bei anderen abwertend als Fuchteln und Herumwedeln bezeichne. Warum regt es mich auf, wenn jemand viel gestikuliert? Ich werde dabei regelrecht aggressiv, was sich auch in meiner Wortwahl widerspiegelt. Mir gefällt eine verhaltene Gestik wesentlich besser. Keine Gestik ist für mich ebenfalls in Ordnung, es fällt mir nicht auf, dass da etwas fehlt. Zumindest ist es mir bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Ganze zu einem echten Thema für mich wurde, nicht aufgefallen. Seither bemerke ich es und mache mir Gedanken darüber.

Vor allem natürlich über meine eigene Nichtgestik. Ich frage mich, was mich daran hindert, die Hände zur Unterstreichung meiner Worte zu benutzen, warum es sich komisch anfühlt, wenn ich es versuche, weshalb ich es im Beisein von anderen einfach nicht fertigbringe, es überhaupt zu probieren. Für mich persönlich reichen Worte allein völlig aus. In meinen Augen übertriebene Gestik lenkt mich ab, weil ich mir viele Gedanken mache, was die Geste meint. Insbesondere, weil für mich häufig die Gesten nicht zu den Worten passen. Und bis ich mir überlegt habe, was der Zusammenhang sein könnte, ist die gestikulierende Person mit ihren Worten weitergerast und ich habe den Anschluss verpasst, bin aus dem Gesagten völlig ausgestiegen und bräuchte eine Rückspultaste.

In mir drin wehrt sich etwas, zu akzeptieren, dass Gestik wichtig ist und ich es lernen sollte. Woran kann es liegen, dass ich mich innerlich sperre? Vielleicht, weil ich befürchte, dass ich gestikulieren nicht lernen kann. Oder viel banaler, dass ich den Sinn für mich selbst nicht erkenne – außer natürlich in Vorträgen, weil mir öfter rückgemeldet wurde, dass Gestik zu einer besseren Bewertung führen würde.

Bücher über Körpersprache helfen leider auch nicht weiter. Ich lese, was der Autor schreibt und verstehe es vermutlich auch. Anhand von Bildern kann ich nachvollziehen, was der Autor aus der Körperhaltung herausliest. Voller Erschrecken wurde mir aber bewusst, dass ich anscheinend eine ständig abwehrende Körperhaltung habe, die andere auf Distanz hält. Die logische Folgerung sollte jetzt sein, dass ich meine Körpersprache verändere, um besser in Kontakt mit anderen kommen zu können. Wie immer bei mir, gibt es mindestens zwei Seiten. Die Resignation oder der kindliche Trotz, dass ich das wohl nicht ändern werde können, denn es scheint mir angeboren zu sein, zumindest erinnere ich mich an keine Zeit, in der meine Körpersprache nicht abwehrend war und an keine Zeit, in der ich mich leicht damit getan hätte, mit anderen in Kontakt zu kommen. Und die vage Hoffnung, dass ich das vielleicht auch in meinem Alter doch noch lernen könnte.

Wobei ich mir eingestehe, dass ich gar nicht weiß, ob ich die Mühe auf mich nehmen möchte, zu lernen, meine Körpersprache zu verändern und Gestik zu verwenden, denn mühselig wird es sein. Und Schauspielerei ebenfalls, die für mich „So tun als ob“ bedeutet und deshalb moralisch problematisch ist. Nur, wenn ich nicht bereit bin, mich damit auseinanderzusetzen, kann es sein, dass sich an meiner Situation nie etwas ändern wird. Und im Grunde tue ich nicht das, was ich sage, wenn ich sage, dass ich sozial kompatibler/kompetenter werden möchte, aber weiterhin widersprüchliche nonverbale Signale sende und mich aus moralischen Gründen weigere, daran etwas zu ändern. Womit ich, wie so oft, Widersprüche produziert hätte.

Was will ich eigentlich wirklich? Es könnte sein, dass ich zu viel Angst habe, mein gemütliches Elend zu verlassen, sagt mein ängtliches Ich. Mein zynisches Ich lacht über diesen Gedanken und sagt, dass Einsicht zwar der erste Weg zur Besserung ist, aber es bei mir anscheinend bei der Einsicht bleibt. Ich kann intellektuell auf einer Metaebene darüber schreiben und reflektieren, was das Zeug hält. Mein alles hinterfragendes Ich fragt: Aber warum ändere ich trotz dieser Erkenntnisse nichts? Mein resignatives Ich fragt, ob es die Mühe überhaupt noch lohnt. Mein widerständiges Ich ist permanent am Kämpfen mit einer unglaublichen Erschöpfung. Und mein vermeidendes Ich will sich ablenken, ein weiteres Buch, eine neue Studie zum Thema lesen.

Ich habe mich dazu entschlossen, Hilfe und Unterstützung zu suchen. Allerdings lasse ich mir ja gar nicht helfen, wenn ich ständig bei der Reflexion hängenbleibe oder Ja, aber… sage. Vielleicht mal etwas Neues probieren? Raus aus der Komfortzone. Vielleicht nicht immer nur lesen, sondern meinem Motto entsprechend handeln? Dum spiro spero – die Hoffnung stirbt zuletzt.