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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Die Notwendigkeit lebenslanger Unterstützung für Autisten

Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass auch hochfunktionale Autisten in höherem Alter so etwas wie einen Lebensorganisations-Coach bräuchten, der dafür sorgt, dass sich in Zeiten mangelnder Energie und Überforderung nicht Berge an unerledigten Dingen ansammeln, die das Leben dann in der Folge noch anstrengender machen und dazu führen, dass der Autist irgendwann an einen Punkt angelangt, an dem er zusammenbricht.

Lebensnotwendig ist für mich nach wie vor die Tagesstruktur, die ich mir alleine zu Hause nicht geben kann und die Unterstützung, die ich in der Tagklinik erfahre. Es tut mir gut, zu wissen, wo ich von Montag bis Freitag von wann bis wann bin und was in den Therapiestunden auf mich zukommt. Außerdem muss ich Krankengymnastik-Termine nicht selbst vereinbaren, mich um die Verordnung kümmern und dazu rechtzeitig zum Hausarzt gehen, sondern ich muss nur noch dort hingehen, wo die Krankengymnastik stattfindet. Und ich muss mich nicht selbst darum kümmern, wichtige oder regelmäßige Gesprächstermine oder Psychotherapie zu erhalten oder bei gesundheitlichen Problemen medizinisch versorgt zu werden, weil das alles in der Tagklinik für mich geregelt wird. Unter diesen unterstützenden Rahmenbedingungen kann ich gut leben. Es ist eine wichtige Erkenntnis, wie sehr ich wirklich auf eine geregelte, von außen vorgegebene Tagesstruktur und auf Unterstützung im organisatorischen Bereich angewiesen bin. Wenn ich diese Unterstützung nämlich nicht habe, dann gerate ich wegen meiner Prokrastinationsneigung und meiner Unfähigkeit, meinen Alltag so zu organisieren, dass ich Dinge erledige, statt sie ewig vor mir her zu schieben immer wieder in Situationen, in denen sich so viel angestaut hat, dass ich es alleine gar nicht mehr regeln kann. Und dann brauche ich dringend Hilfe.

Leider ist es nun aber so, dass ich ausgerechnet dann gar nicht mehr in der Lage bin, mir Hilfe zu organisieren. Wichtig ist also, schon vorher ein Hilfsnetzwerk etabliert zu haben, das mich im Notfall dann unterstützen kann. Der erste und wichtigste Helfer für mich ist dabei mein Mann. Jetzt gibt es aber genügend erwachsene Autisten, die nicht das Glück haben, einen Partner an ihrer Seite zu haben, der sie in solchen immer wieder auftretenden Krisenfällen unterstützen kann. Ein bester Freund wäre dann eine Alternative. Und wenn man, wie bei Autisten nicht unüblich, keinen besten Freund hat, dann wäre eine weitere Alternative, sich rechtzeitig an das nächstgelegene Autismuskompetenzzentrum zu wenden. Und das ist schwierig.

Meine Erfahrung ist, dass ich als Autistin beim Finden und Etablieren von unterstützenden Strukturen schon dabei Unterstützung bräuchte. Es scheitert oft an der Kontaktaufnahme und dem Vereinbaren von einem ersten Termin. Ich bräuchte nämlich jemanden, der mich daran erinnert, Kontakt aufzunehmen oder einen Termin zu vereinbaren. Das kann die Erinnerungsfunktion eines Kalenders nicht übernehmen, denn die ignoriere ich oder verschiebe die Erledigung der Aufgabe auf morgen. Und morgen passiert genau das Gleiche, so dass schon Monate ins Land gegangen sind, bevor ich hier weiterkomme. Es braucht einen Menschen, der sich daneben hinsetzt und nicht wieder weggeht, bevor ich das Notwendige erledigt habe. Oder der das, falls es mir schon zu schlecht geht, für mich erledigt.

Falls ich diese erste Hürde gemeistert habe, kann die nächste Schwierigkeit darin liegen, diesen Termin auch tatsächlich wahrzunehmen. Je nachdem, wie es mir zu dem Zeitpunkt geht, brauche ich eine Vertrauensperson, die mich dorthin begleitet oder mich zumindest bis vor die Tür bringt, denn es kann passieren, dass ich schon an der Anfahrt scheitere. Auch bei bester Planung kann einiges schiefgehen, eine Umleitung oder ein ausgefallener Zug reichen schon aus, dass so ein Termin deshalb nicht wahrgenommen wird, weil ich nicht zu spät kommen kann, sondern dann lieber gar nicht komme. Und einen zweiten Anlauf unternehme ich in so einem Fall von mir aus nicht, wenn mit mir nicht sofort ein Ersatztermin vereinbart wird.

Sogar in der Tagklinik ist es mir passiert, dass ich nach einem ausgefallenen Massagetermin zwei Wochen lang keine weiteren Massagen mehr erhielt, weil ich gar nicht auf die Idee kam, dass die Bäderabteilung es vergessen haben könnte, wie vereinbart in der Tagklinik anzurufen, um einen neuen Termin mitzuteilen. Mein Stand war: Wir rufen an und geben einen neuen Termin durch. Also wartete ich. Und sagte nichts. In so einer Umgebung wie der Tagklinik klärt sich so eine Situation früher oder später dann doch, weil beispielsweise die Ärztin in der Visite nachfragt und sich dann darum kümmert. Aber außerhalb der Tagklinik passiert das nicht. Ich müsste mich selbst darum kümmern und das schaffe ich erfahrungsgemäß nicht. Obwohl mir klar ist, dass die Massage kein Luxus ist, sondern medizinisch dringend geboten, um die Schmerzen erträglicher zu machen. Nur ist es für mich leichter, Schmerzen zu ertragen als mich um Terminvereinbarungen für ausgefallenen Termine zu kümmern oder darum, mir ein neues Krankengymnastik-Rezept zu besorgen.

Die Etablierung eines Hilfsnetzwerkes und die regelmäßige Behandlung chronischer Erkrankungen kann bei Autisten leider bereits im Anfangsstadium scheitern. Obwohl man doch einfach nur [hier beliebige zu bewältigende Aufgabe einsetzen] müsste. Ja wenn es denn so einfach wäre. Aber das jemandem zu erklären, ist nicht leicht. Denn die Umwelt versteht oftmals nicht, weshalb das so ist. Selbst wenn ich als Autistin fähig bin, mitzuteilen, wo meine Schwierigkeiten liegen, werde ich häufig nicht ernst genommen. Mir wird nicht geglaubt, wenn ich sage, dass ich es alleine nicht schaffe und Hilfe dabei bräuchte. Und zwar nicht nur einmalig, sondern immer wieder, jedes mal, wenn ein Krankengymnastik-Rezept voll ist, jedes mal, wenn es darum geht, eine neue Unterstützungsleistung in Anspruch zu nehmen. Ich vermute, das liegt daran, dass es nicht in die Vorstellungswelt passt, wenn eine augenscheinlich intelligente, erwachsene Frau behauptet, so einfache Dinge nicht zu schaffen, wie einen Termin vereinbaren oder ihn wahrzunehmen. Es ist schwer vermittelbar, wo die Problematik liegt. Dazu kommt, dass es je nach Energielevel und Tagesform mal klappt und dann eben auch länger mal nicht klappt. Die Umwelt sieht dann nur: Die Autistin hat es doch schon einmal geschafft und kann nicht nachvollziehen, weshalb das keine stabile, stets abrufbare Leistung ist.

Immer mal wieder lande ich in Krisensituationen, weil ich es einfach nicht schaffe, mir mein Leben so zu organisieren, dass sich nichts anstaut. Und dann stehe ich vor dem Berg an unerledigten, wichtigen oder termingebundenen Dingen und verzweifle. Jedes mal wieder. Denn das Leben als Autistin wird meiner Erfahrung nach keineswegs leichter, wenn man älter wird. Klar habe ich immer mehr Lebenserfahrung angesammelt und Kompensationsmöglichkeiten gelernt, nur leider haben die ständige Anpassungsleistung und der Dauerstress dazu geführt, dass ich je älter ich wurde, desto weniger belastbar geworden bin. Die Menge an Dingen, die ich vor zehn Jahren noch jeden Tag geschafft habe, muss ich heute auf mehrere Tage verteilen, andernfalls klappe ich jeden Tag zusammen.

Und von den richtig großen Zusammenbrüchen der letzten Jahre habe ich mich leider nie mehr vollständig erholt. So erlebe ich, dass immer weniger Energie da ist, um den Alltag zu schaffen und zusätzlich noch beispielsweise zu studieren. Daran ist im Moment nicht nur wegen mangelnder Energie, sondern auch deshalb nicht zu denken, weil ich es nicht schaffe, mir die noch fehlende Masterarbeit und den Weg dorthin zu strukturieren. Das Ganze in bewältigbare Einheiten aufzuteilen, so dass ich mein Studium tatsächlich zu Ende bringen könnte. Also schiebe ich auch dieses Problem seit mehreren Semestern vor mir her. Ich hatte mich zwar per E-Mail an die Behindertenbeauftragte meiner Universität gewandt, die mir eine Studienassistenz empfohlen hatte. Nur wie ich mir so eine Assistenz organisieren könnte, konnte sie mir nicht sagen, sie verwies mich an die Studienberatung und darauf, sie anzurufen. Ein Jahr später hatte ich es endlich geschafft, einen Termin mit der örtlichen Studienberatung zu vereinbaren, der auch tatsächlich stattfand. Bei der Behindertenbeauftragten meiner eigenen Uni angerufen hatte ich natürlich nicht. Die mich beratende Dame erklärte mir, dass ich einen Antrag auf persönliches Budget stellen müsste und mir dann nach Bewilligung, die allerdings fraglich sei, selbst eine Studienassistenz suchen sollte. Ihre Idee war, an der hiesigen Uni am schwarzen Brett einen Aushang zu machen oder mich an einen bestimmten Verein zu wenden. Nach diesem Termin passierte dann: Nichts. Ich war völlig überfordert mit den zu erledigenden Dingen. Ich habe es bis heute nicht geschafft, den Antrag auf persönliches Budget zu stellen oder mich darum zu kümmern, wo und in welcher Form ich ihn stellen müsste. Ich habe die Befürchtung, dass dieser Antrag sowieso nicht bewilligt werden wird. Und ich weiß, dass ich es selbst bei einer Bewilligung niemals schaffe, eigenständig eine Studienassistenz zu finden. Wie ich das anpacken soll, ist mir nämlich völlig schleierhaft. Mein Studium zu beenden rückt damit in unerreichbare Ferne.

Meine von der Krankenkasse bewilligten Psychotherapiestunden neigen sich dem Ende zu. Mir wurde in der Tagklinik der Vorschlag gemacht, mich an den Sozialpsychiatrischen Dienst zu wenden, um die zweijährige Wartezeit zu überbrücken, vor deren Ablauf mir die Kasse keine erneute Psychotherapie bewilligt. Alternativ sollte ich mir beispielsweise einen tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten suchen, da bei einer Psychoanalyse mehr Stunden bewilligt werden. Letzterer Vorschlag erscheint mir am undurchführbarsten. Zum einen sind freie Therapieplätze Mangelware, die Zeit auf der Warteliste eines neuen Therapeuten, so ich es schaffen würde, einen aufzutreiben, dürfte annähernd diesen zwei Jahren entsprechen. Zum anderen scheue ich mich, mir einen neuen Therapeuten zu suchen. Ich mag keine Veränderungen, das schließt auch neue Therapeuten ein. Ich habe mich an meinen jetzigen gewöhnt und kann mir nicht vorstellen, bei jemand Neuem wieder von vorn anzufangen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dasselbe wie vor zwei Jahren nochmals zu schaffen: Bei Therapeuten in zweistelliger Zahl anzufragen, allein der Gedanke an diese Tortur verursacht bei mir eine Panikreaktion. An den Sozialpsychiatrischen Dienst habe ich mich natürlich auch noch nicht gewandt. Tag um Tag schiebe ich diese Aufgabe vor mir her. Es ist nicht so, dass ich es nicht wollen würde, aber ich schaffe es einfach nicht.

Meine Therapeutin in der Tagklinik meinte jetzt, mein Verhalten sei dadurch erklärbar, dass ich die Entäuschung vermeiden wolle, eventuell dort keine passende Unterstützung zu erhalten. Dass ich, solange ich nichts tue, auch die Hoffnung aufrechterhalten kann, eine Lösung dafür zu haben, dass ich demnächst ohne therapeutische Unterstützung dastehe. Es kann sein, dass solche Mechanismen mit eine Rolle dabei spielen, dass ich es nicht schaffe, mich darum zu kümmern. Allerdings glaube ich, dass das nicht alles ist. Sondern dass es an meiner mangelnden Fähigkeit liegt, mich selbst zu organisieren.

Eine weitere Idee war nun eine nochmalige Ergotherapie. Hier hatte ich vor einem halben Jahr ein weiteres Rezept für Hausbesuche durch einen Ergotherapeuten von meiner behandelnden Ärztin erhalten, die mir den Erstkontakt zu einer Ergotherapiepraxis vermittelte, die Erfahrung mit Autismus haben. Das Praxisteam hatte sich damals bei mir gemeldet und mir mitgeteilt, dass sie mir zwar keinen Platz anbieten könnten, weil niemand in der Praxis auch nur annähernd in meiner Richtung fahren würde. Aber sie boten mir an, mich an eine wohnortnahe Praxis weiter zu vermitteln, in  der ebenfalls bereits mit Autisten gearbeitet worden war. Das klappte auch und diese Ergotherapeutin meldete sich per SMS bei mir, hatte aber erst wieder in zwei Monaten Kapazitäten frei. Das Ende vom Lied war, dass ich bis heute weder ein gültiges Rezept, noch einen Ergotherapieplatz habe. Es liegt daran, dass ich nicht nachfragte, als sich diese Ergotherapeutin nicht wieder bei mir meldete, obwohl sie genau das zugesagt hatte. Je mehr Zeit verging, desto weniger präsent war mir die Sache. Und der Aufwand, eine neue Lösung zu finden, übersteigt bis heute meine Möglichkeiten. Ich hätte Unterstützung gebraucht und brauche sie noch, um mich darum zu kümmern, einen Ergotherapieplatz für mich zu organisieren.

Das waren ein paar Beispiele, wie es bei mir läuft, wenn ich alleine auf mich gestellt mein Leben organisieren soll. Es läuft eben nicht. Auch wenn ich „nur“ Asperger Autistin bin, bin ich trotzdem Autistin. Es liegt gar nicht einmal daran, dass es für Autisten nach der Kindheit keine Unterstützungsmöglichkeiten gäbe, es liegt daran, dass ich mir diese Unterstützung immer noch nicht ohne Unterstützung organisieren kann. Das wird vermutlich so bleiben. Und ich werde Tag für Tag älter, immer weniger belastbar, körperlich immer kränker, energieloser. Meine mangelnde Kompetenz, mich und mein Leben so zu organisieren, dass es dauerhaft ohne Störungen und immer wiederkehrende Krisen verläuft, wird nicht von alleine verschwinden, ich brauche tatsächlich lebenslange Unterstützung.

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Emotionserkennung im Supermarkt

Ich hatte von der Ergotherapeutin, zu der ich seit Dezember gehe, vor Weihnachten die Hausaufgabe bekommen, beim Einkaufen eine Person zu beobachten, ihre Körpersprache und Mimik darauf zu interpretieren, welche Emotionen diese Person hat, bestenfalls noch in Kontakt zu kommen und über das Ganze einen Bericht zu schreiben.

Da ich eher selten Einkaufen gehe und zu Prokrastination neige, habe ich das heute erst erledigt. Im Auto bemerkte ich bei mir bereits Widerwillen wegen der Aufgabe. Ich verstehe, dass es Übungszwecken dienen soll, aber beim Einkaufen habe ich eigentlich nur das Ziel, meine Einkäufe möglichst schnell zu erledigen. Normalerweise trage ich Kopfhörer im Supermarkt, schon um das nervige Hintergrundgedudel und Gepiepe auszuschalten und auch, um die Gespräche nicht mit anhören zu müssen. Heute ging das ja nicht.

Als ich meinen Einkaufswagen durch die Eingangsschranke schieben wollte, blockierte die ein älterer Herr in herunterhängender Jeans und dunkelblauem Pullover, der sich an seinem Wagen festhielt und genau davor stehenblieb. Da ich ihn nur von hinten sah, konnte ich seine Mimik nicht erkennen. Nach einigen Sekunden wedelte er erstaunlicherweise in Richtung Kasse, diese Handbewegung sollte wohl jemanden herbeirufen. Es dauerte eine Weile, bevor eine ältere, in eine pinke Bluse und helle Pelzjacke gewandete Dame mit Perlenkette zu ihm schlurfte, wobei sie noch ein paar launige Worte mit der Kassiererin wechselte. Ich interpretierte: Beide waren wohl bereits im Laden gewesen, bevor sie beschlossen hatten, doch einen Einkaufswagen zu brauchen, den er dann holte, wobei seine Frau schon mal vorab durch den Laden ging und eventuell die Kassiererin kannte – weshalb sonst hätte sie mit dieser reden sollen? Die beiden begannen im Schneckentempo endlich den Eingang freimachend eine Diskussion miteinander und bogen in einen Gang ab. Ich beschloss, mir lieber eine Einzelperson für die Erledigung meiner Hausaufgabe zu suchen, wahrscheinlich wäre die schneller mit ihrem Einkauf fertig und ich somit schneller mit meiner Aufgabe.

Im ansonsten leeren Discounter stand ich dann erst einmal etwas verloren zwischen dem Gemüse und war wie immer überfordert vom bunten Angebot. Meiner Ansicht nach gibt es zu viel unterschiedliches Zeugs – ich persönlich brauche nicht mehr als zwei Sorten, eine billige und eine teure, und verstehe auch nicht, weshalb man im Januar unbedingt um die halbe Welt geflogene Früchte kaufen können muss. Es dauerte eine Weile, bevor eine weitere Kundin durch die Eingangstüre kam, die braune Stiefel, eine schwarze Hose und eine dunkelrote Jacke anhatte und eine Brille trug. Sie leerte zuerst einen schwarzen Beutel mit Altbatterien aus, bevor sie durch die grün leuchtende Schranke gehen wollte, die allerdings nicht aufmachte. Sie stockte, ging zwei Schritte zurück, versuchte es ein zweites Mal ohne Erfolg und wandte sich dann nach rechts, um die Schanke zu umgehen. Als sie drei Schritte gegangen war, öffnete sich die Schranke dann doch verspätet, sie drehte den Kopf und stockte wieder, was ich als Irritation interpretierte. Zeitgleich grüßte die Frau jemanden Richtung Kassenbereich und sagte noch etwas Unverständliches, wobei sie außer Sicht zwischen den Regalen verschwand. Mir war das Phänomen mit der unwilligen Schranke selbst schon passiert, ich registrierte erst da, dass ich nicht hätte sagen können, ob die Mimik der Frau irritiert aussah, sondern dass ich von mir auf sie geschlossen und ihr überhaupt nicht ins Gesicht gesehen hatte. In dem Moment kam ein einzelner Mann in Jeans und blauem Oberteil herein, der sich allerdings ebenfalls sofort nach rechts wandte und Richtung Kassen verschwand. Ich überlegte, den beiden zu folgen, meine benötigten Waren gab es aber in einem anderen Gang und Einkaufen musste ich schließlich. Ich beschloss, erst in meine Richtung zu gehen, ich würde beide wahrscheinlich irgendwo im Laden wiedersehen und könnte dann die Aufgabe erledigen.

Erst als ich meine Waren auf das Kassenband legte, fiel mir auf, dass ich vollumfänglich damit beschäftigt gewesen war, meine benötigten Sachen zusammenzusuchen und ich wohl unfähig war, meine Aufmerksamkeit zusätzlich noch auf die Beobachtung von Personen auszudehnen. Ich hatte nur eine Hilfskraft bewusst registriert, die leere Kartons aus den Kühlregalen räumte, weil ich ihr ausweichen musste. Daran, welche sonstigen Merkmale diese junge? männliche Person in Turnschuhen, Jeans, gelbem T-Shirt und blauem Sweater hatte oder gar welche Mimik, konnte ich mich nicht erinnern. Und auch nicht daran, ob mir die Frau oder der Mann von vorhin oder irgendwelche anderen Kunden begegnet waren. Scheinbar blendete ich beim Einkaufen andere Personen komplett aus oder ich war tatsächlich nicht fähig, mich auf mehr als eine Tätigkeit zu konzentrieren.

In Ermangelung anderer Personen, beschloss ich, die Kassiererin zum Subjekt meiner Aufgabe zu machen. Die kniete in heller Hose, Discounterkittel und grünem T-Shirt darunter mit dem Rücken zu mir auf dem Boden hinter ihrer Kasse und wischte irgendetwas auf. Dabei versprühte sie großzügig ein stark riechendes Putzmittel und teilte dem Boden mit, dass sie gleich für ihn da sei. Das schien eher an mich gerichtet zu sein, sonst war ja keiner da. Als sie sich aufrichtete und sich meinem Einkaufswagen zuwandte, führte sie weiter aus, dass so wenig los sei und sie deshalb die Zeit gut nutzen könne, auch mal überall sauberzumachen. Ich dachte mir, dass mich das nicht interessieren würde, sah, dass sie stark geschminkt war und wusste nicht, ob und was ich antworten sollte. Mir war vom Geruch des Putzmittels übel und ich versuchte, mich so weit als möglich davon wegzubewegen. Sie fing an die Waren, die ich in meinem Wagen gelassen hatte zu zählen. Hier war ich vorbereitet und sagte ihr die Gesamtanzahl der einzutippenden Waren und dass eine sich auf dem Band befände. Sie fragte, ob das alles dieselbe Sorte sei, wartete eine Antwort meinerseits jedoch nicht ab und begann selbst die Waren im Wagen nachzuzählen. Ich reichte ihr das Exemplar, das ich aufs Band gelegt hatte, sie zog es über die Kasse, griff sich die andersfarbige Tüte, zog auch diese darüber, während ich bemerkte, dass es wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde, woraufhin sie mir ins Wort fiel, um wortreich festzustellen, dass ich recht mit meiner Annahme hatte. Bei der letzten über den piepsenden Scanner gezogenen Ware sagte ich: „Aufrunden bitte, mit Karte“, woraufhin von rechts eine Stimme sagte: „Abrunden wäre mir lieber“. Die Kassiererin erwiderte, dass ich eine von zwei Kundinnen im Ort wäre, die diese Möglichkeit zum Spenden überhaupt nutzte. Ich versuchte, dem mittelalten? Mann (dunkelgrüne Jacke, braunbeige Hose), der seine Waren (Stangenweißbrot, ein Kopfsalat, zwei Becher Joghurt) nach mir aufs Band gelegt hatte und den ich soeben erst registriert hatte, zu erklären, dass der Vorteil der Aktion neben der guten Tat der überschaubaren Spende sei, keine Kupfermünzen zurückzuerhalten. Währenddessen sagte die Kassiererin mir den Betrag, fragte nach einer Deutschlandkarte, reichte mir den Kassenzettel zum Unterschreiben und unterhielt sich nebenbei weiter mit dem Mann. Weil ich unterschreiben musste, fehlte mir ein Teil des Gesprächs, erfahrungsgemäß wiederholen sich Personen aber oft. Als ich wieder zuhören konnte, äußerte der Mann gerade, dass er lieber die Möglichkeit des Abrundens wählen würde. Ich brachte mich wieder ins Gespräch ein, indem ich zu ihm im Hinausgehen meinte, dass er heute ausnahmsweise mal Aufrunden sagen solle, dann wären es immerhin drei Personen, die spenden würden. Ich weiß nicht, ob er das gehört hat und was er tatsächlich tat. Ich weiß nicht, welche Emotionen beide hatten. Ich war nur sehr erleichtert, endlich dem Gestank des Putzmittels zu entkommen.

Ziel der Ergotherapie ist es, besser mit meinen Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen. Ich vermute, dass es meiner Ergotherapeutin bei dieser Hausaufgabe darum geht, zu sehen, wie es um meine Emotionserkennung steht. Diese Aufgabe ist m. E. gut geeignet, um konkrete Beispiele für die Diagnosekriterien Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Qualitative Beeinträchtigungen der verbalen und nonverbalen Kommunikation zu finden. Die Reflexion solcher Aufgaben ermöglicht es mir, die Auswirkungen meiner Autismus-Spektrum-Störung zu erkennen.

Ich erinnere mich nicht an Dinge wie Details der Kleidung, Augen- und Haarfarbe oder Frisur der Personen, die ich beobachten konnte. Ich habe es zwar geschafft, mit zwei Personen gleichzeitig zu interagieren. Aber ich musste mich komplett auf die Gespräche konzentrieren und darauf, den Geruch des Putzmittels auszuhalten, um überhaupt sinnvolle Dinge von mir geben zu können. Die ganze Interaktionssituation hat mich ziemlich belastet, so dass ich keine Kapazität mehr hatte, überhaupt auf die Gesichter oder die Körpersprache zu achten. Ich habe keine Ahnung, welche Emotionen die Personen hatten und ich frage mich, wie ich das hätte erkennen können, ohne entweder einfach zu raten oder die Personen direkt nach ihren Gefühlen zu fragen. Ich weiß nicht, ob es ein erfolgreiches Gespräch war und welche Beweggründe die Personen hatten, mit mir zu sprechen. Meine Beweggründe sind mir klar: Ich hatte eine Aufgabe zu erledigen. Diese Aufgabe habe ich partiell erfüllt, immerhin bin ich sogar in Kontakt mit zwei Personen gekommen. Aber welche Emotionen diese Personen hatten, kann ich beim besten Willen nicht hineininterpretieren.

Diese Erkenntnis wird auch meine Grundhaltung nicht verändern: Ich werde wohl niemals von alleine auf die Idee kommen, mit anderen Personen in einem Supermarkt ins Gespräch zu kommen. Ich kenne sie nicht und selbst wenn ich jemanden kennen würde, würde ich diese Person wahrscheinlich nicht bemerken oder nicht wiedererkennen. In meinen Augen sind Gespräche mit Smalltalk Inhalt die Mühe nicht wert. Und die Emotionen mir wildfremder Menschen, denen ich wahrscheinlich nie mehr begegne, scheine ich erstens nur in eindeutigen Fällen zu erkennen und zweitens interessieren sie mich schlichtweg nicht.

Meine Ergotherapeutin wird wahrscheinlich freuen, dass ich zumindest bei mir selbst Emotionen erkenne: Einesteils machen mich die offenkundig vorhandenen Defizite in Emotionserkennung oder im Deuten von Körpersprache und Mimik traurig. Andernteils freue ich mich, mittlerweile zu sehen, welche Schwierigkeiten ich in solchen Situationen eigentlich habe. Emotionserkennung ist wichtig, keine Frage. Aber mittlerweile kann ich entscheiden, wann es sich für mich lohnt, Energie in Anpassungsleitungen zu stecken, ich sehe, welche Kompensationsmöglichkeiten ich habe und denke, dass ich meine eigenen Grenzen immer besser kennenlerne. Besser mit meinen autismusbedingten Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen, heißt für mich nicht, gegen meine Natur zu agieren. Schätze, ich sollte der Ergotherapeutin sagen, was ich durch diese Hausaufgabe gelernt habe: Es macht keinen Sinn, Einkäufe zusätzlich dadurch zu erschweren, Personen zu beobachten und mit ihnen zu reden. In Zukunft gehe ich wieder wie gewohnt durch den Supermarkt, höre Musik und habe meine Ruhe. Damit fühle ich mich definitiv besser, das habe ich zweifelsfrei erkannt.