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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Autistisch Berge bewältigen

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Viele kennen sie: Berge an unerledigten Dingen. Gut organisierte Menschen wohl eher weniger, mehr oder minder chaotisch veranlagte Menschen werden sie besser kennen.

Meiner eigenen, anekdotischen Erfahrung nach hat das Phänomen „Berge an unerledigten Dingen“ zu haben, wenig bis nichts mit Struktur zu tun. Ich denke zwar in Strukturen, ich arbeite offenbar von außen gesehen sogar äußerst strukturiert – das steht zumindest in allen Arbeitszeugnissen und verblüfft mich immer wieder, denn ich selbst weiß, wie unstrukturiert und chaotisch ich eigentlich bin. Ich habe ein starkes Bedürfnis nach Struktur, aber sie mir selbst zu schaffen, fällt mir schwer. Meine, in den Augen anderer wunderbar strukturierten, Arbeitsergebnisse basieren auf chaotischen Prozessen. Die Zeugnisschreiber sehen nur das Ende des Prozesses, aber wie ich dahin komme, sehen sie nicht.

Ich selbst weiß es aber, denn ich muss mitten im Chaos leben, arbeiten. Jedes einzelne Mal irgendeine Struktur da hineinbringen. Ich kann glaubhaft versichern: Das ist nicht einfach. Und es kostet viel. Jedes Mal. Viel Energie, Ressourcen, Kraft – die ich seltsamerweise aber immer aufbringen kann, wenn es notwendig ist.

Theoretisch Wissen, wie es gehen würde, abzuschalten, aufzutanken, mit den eigenen Energien und Ressourcen sorgsam umzugehen, tue ich. Man kann dieses Wissen problemlos im Internet nachlesen oder in diversen Selbstoptimierungsbüchern. Achtsam mit sich umgehen, sich Ruhetage einplanen, einfach mal nichts tun, die Seele baumeln lassen, wie es so schön heißt. Ich frage mich dann immer, wie das wohl aussehen mag, wenn meine Seele irgendwo baumelt. Da ich ein sehr visueller Mensch bin, komme ich zu erheiternden Antworten. Entspannt auch.

Aber ich schaffe es trotz dieses Wissens, dass sehr viele Felsen von dem, was ich bergeweise vor mir herschiebe zeitkritisch werden, weil noch irgendetwas Unvorhergesehenes mit dazu kommt, das unbedingt erledigt werden muss – weil: Fristablauf. Weil: meine Ziele behindernd oder teure Folgen bei Versäumnis.

So passiert es, dass ich zwar einzelne Felsen ständig abtrage, der Berg aber trotzdem immer wieder gefährlich hoch wird. Woche für Woche gibt es irgendwo Felsstürze im Gebirge, die meinen eigenen Berg wachsen lassen. Und ich lande phasenweise in Hochgebirgssituationen, wo ich es mir rein zeitlich gar nicht erlauben kann, wirklich zwischendurch einen Tag lang gar nichts zu machen, irgendetwas von mir baumeln zu lassen. Wenn ich in solchen Zeiten versuche, mich dazu zu zwingen, mich zu entspannen (schon diesen Satz zu lesen, sollte klarmachen, dass das nicht zusammenpasst), machen mich die Gedanken an meinen Berg so unruhig, dass an Entspannung und Ausruhen einfach nicht zu denken ist. Also versuche ich, so gut es eben geht, Felsen abzutragen. An manchen Tagen gelingt das im Hochgebirge mehr schlecht als recht.

Immer wieder in meinem Leben wurde mir von Fachleuten und besorgten Mitmenschen gesagt, dass ich es, so wie ich es mache, falsch mache. Ich muss meine Zeit besser einteilen lernen. Ich muss mich um Felsen eher kümmern und sie rechtzeitig abtragen, so dass erst gar kein Hochgebirge entstehen kann. Ich muss anders werden, muss dies muss das. Nur so bleiben, wie ich bin, es weiter so machen, wie ich es tue, soll ich auf keinen Fall.

Aber: dass ich erst unter hohem Zeitdruck die Gänge komme, war schon immer so, schon in der Schulzeit. Erst kurz vor Fristablauf beginne ich zu arbeiten, schaffe dann aber auch unglaublich viele Felsen in unglaublich kurzer Zeit. Ressourcenschonend ist das nicht, schon klar. Ich verstehe bis heute nicht so richtig, warum das bei mir so ist und ich mir Zeit nicht besser einteilen kann, Dinge nicht rechtzeitig erledigen kann. Gründlich wie ich bin, habe ich es mit verschiedenen möglichen Hilfsmitteln, wie To-Do-Listen, Zeitplänen, Erinnerungsweckern, Planungs-Apps und dergleichen versucht. Habe ich schon erwähnt, dass ich gern und vor allem viel lese? Ich habe auch zu diesem Thema unzählige Optimierungs- und Ich werde ein besserer Mensch-Bücher gelesen. Ich weiß theoretisch, wie es geht, sich seine Zeit einzuteilen, ein organisierter Mensch zu sein, meine Ressourcen zu schonen und ich sehe auch die Vorteile. Nur: Es klappt nicht. Ich bin dieser Mensch offensichtlich nicht.

Fachleute, die dieses Phänomen wohl bei anderen Autisten ebenfalls beobachtet haben, nennen es „Schwierigkeiten der Handlungsplanung und Zielorientierung“. Es ist eine der kognitiven Besonderheiten und Einschränkung, die ich als Autist laut Fachliteratur habe. Fachleute prophezeihen mir zuverlässig jedes Mal, wenn das Thema aufkommt, dass es schlimm enden wird für mich. Eine Überprüfung der Realität ergibt: Nö, ich habe offenbar einen Weg gefunden, damit umzugehen, ich lebe damit. Joa, ich arbeite ein paar Wochen lang exzessiv, trage Fels um Fels von meinem Berg ab, tue nichts anderes. Und dann kümmere ich mich wieder ein paar Wochen lang gar nicht um meinen Berg. Ich lasse jedoch nichts baumeln, sondern grabe meinen Garten um, richte ein Hühnergehege her, pflanze und verpflanze Rudel an Büschen. Ich räume auf, putze, renoviere, kurz gesagt, ich arbeite. Hart und viel. Außerdem lese ich bergeweise Bücher – das Wortspiel ist gewollt – aber das tue ich ja sowieso immer, nur nicht immer Bücher.

Vielleicht ist ja auch das gemeint mit „Seele baumeln lassen“, wer weiß. Das hier aber weiß ich inzwischen: Fachleute und Autismus-Versteher, ich muss euch enttäuschen. Ich werfe mal in den Raum, dass vielleicht euer Bild von Autismus falsch ist. Dass ihr nicht bestimmen könnt, was gesund leben meinen und auch nicht, wie gesund leben aussehen muss. Dass es keine richtige und falsche Zeiteinteilung gibt.

Andersherum denkend ergibt sich für mich nämlich: Ein Großteil des Stresses, dem ich ausgesetzt werde, kommt daher, dass ihr mir sagt, dass ich es falsch machen würde. Dass ich meinen Berg anders bewältigen soll, nämlich so, wie ihr das für richtig haltet. Ich habe meines Erachtens auch überhaupt keine Schwierigkeiten mit Zielorientierung, ich weiß sehr genau, welche Ziele ich erreichen will und habe lebenslang, größtenteils alleine, zuverlässig, gegen alle Widerstände Wege gefunden, meine Ziele zu erreichen. Auch im Planen bin ich wirklich gut. Mit meinen für diverse Therapeuten und Unterstützer erarbeiteten Plänen kann ich inzwischen einen Büroordner füllen. Aus meiner Innensicht heraus kann ich euch mitteilen: Es liegt daran, dass ich mich an diese ganzen Pläne nicht längerfristig zuverlässig halten kann. Ich bin und bleibe ein innwändig chaotischer Mensch, jemand, der immer wieder eigene Wege geht, sich nicht an solche Pläne hält, auch wenn in euren Fachbüchern steht, Autisten wären von Grund auf strukturierte Menschen, Menschen, die Pläne liebend gerne einhalten. Nö, sind sie nicht und tun sie nicht, nicht alle. Ich bin ein Gegenbeispiel, ein schwarzer Schwan. Vielleicht solltet ihr einige eurer Hypothesen neu formulieren?

Ihr könnt das Phänomen übrigens auch Prokrastinationsneigung nennen und auf meine Persönlichkeit schieben. Macht es in der Sache nicht besser, aber klingt toll. Ist mir egal, welchen Namen ihr meiner Weise, Berge zu bewältigen gebt. Bisher habe ich noch keinen für mich gangbaren Weg gefunden, keinen Berg an unerledigten Dingen vor mir herzuschieben oder meinen Berg in den Augen anderer besser zu bewältigen. Mein eigener, lebenslang gegangener Weg war es, Felsen erst im Notfall abzutragen. Hat funktioniert. Manchmal mit längeren Ruhephasen, weil krankgeschrieben. Aber auch das ist ein im System möglicher Weg, den man gehen kann, um seine Berge zu bewältigen. Nach all den Diagnosen, Therapien, Seminaren, Büchern: Verändert habe ich mich nicht. Vielleicht sollte ich einfach aufhören, euch zu glauben, dass ich es falsch mache.

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

2 Kommentare zu “Autistisch Berge bewältigen

  1. Das sehe ich genau so. „Du brauchst keinen Lehrer, der dich beeinflusst. Du brauchst einen Lehrer, der dich lehrt, dich nicht mehr beeinflussen zu lassen“ Dalai Lama. Das ist der Grund, aus dem ich keine weiteren Therapien mehr möchte. Ich möchte in Frieden mit mir leben – genau so wie ich bin.

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    • Seinen Frieden mit dem eigenen Sein machen – Ich bin wohl auf dem Weg dorthin. Nach einer sehr langen Zeit, in der ich mit aller Kraft versucht habe, mich anzupassen, wird mir letzter Zeit immer klarer: Nicht ICH passe nicht. Sondern es passt nicht für mich!

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