SWB – MeiBlog

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Schnell Anschluss finden?

4 Kommentare


Ich erinnere mich an eine Begebenheit ganz zu Beginn meines Studiums. Vor der Einführungsveranstaltung mussten alle Erstsemester des Studiengangs warten, bis die Türen zum Vorlesungssaal aufgingen. Als ich das Gebäude und den Saal gefunden hatte, hatten sich dort schon ein ganzer Haufen meiner zukünftigen KommilitonInnen eingefunden. Sie saßen größtenteils in kleineren Gruppen auf dem Boden verstreut herum, ein paar standen auch. Alle unterhielten sich. Für mich sah es so aus, als wären die meisten Personen vertraut miteinander. Denn auch die, die neu hinzukamen, grüßten irgendjemanden und setzten sich zu einer Gruppe dazu.

Ich beobachtete das Treiben eine Weile. Ich fragte ich mich, was ich tun sollte. Irgendwo dazustellen? Die die standen, unterhielten sich alle angeregt. Also eher nicht. Mich einfach so zu jemandem auf den Boden setzen? Aber zu wem? Ich ging näher zu einem Menschen, der mir vom Aussehen her aufgefallen war. Und setzte mich auch auf den Boden. Der Boden war kalt und unbequem. Die Geräuschkulisse machte es mir schwer, irgendetwas zu verstehen. Der Mensch, neben die ich mich gesetzt hatte, hörte offenbar zwei anderen zu und antwortete dann. Aus dem, was ich verstehen konnte, schloss ich, dass sich alle drei kennen mussten.

Ich war unsicher, was ich tun sollte. Aufstehen und weggehen wäre eine Option. Kontakt aufnehmen eine andere. Nur, was konnte ich sagen? Irgendwann wandte sich der eine Mensch an mich und fragte, ob ich ebenfalls zu der Einführungsveranstaltung ginge. Ich bejahte. Er fragte, wie ich hieße und sagte mir seinen Namen, den ich versuchte, mir einzuprägen. Auch die anderen zwei nannten ihre Namen. Danach wusste ich nichts weiter Sinnvolles zu sagen und die drei wandten sich wieder einander zu.

Als die Türen aufgingen, rappelten sich alle vom Boden auf und verteilten sich im Saal. Wie es meine Gewohnheit war, setzte ich mich ganz nach vorne. Ich amüsierte mich innerlich darüber, dass sich die vorderen Plätze erst füllten, als hinten alles besetzt war. Das war ein Phänomen, das mir schon länger aufgefallen war, niemand außer mir setzte sich freiwillig ganz nach vorne. Ich zählte die Stuhlreihen und die Stühle, ich zählte die Platten an der Decke und den Wänden. Ich empfand es als störend, dass sich viele andere auch nach Beginn der Veranstaltung weiter miteinander unterhielten und nicht zuhörten. Der Professor bat immer mal wieder um Ruhe. Was mir absolut recht war, ich war schließlich hier, um Informationen zu erhalten. Nach der Veranstaltung verliefen sich die ganzen Menschen in mehr oder minder großen Gruppen auf dem Campus. Ich fuhr nach Hause.

In den ersten Wochen versuchte ich mich zu orientieren und lernte die anderen nach und nach kennen, wenn ich ihnen in den von mir belegten Seminaren begegnete und ihr Verhalten beobachtete. Ich fragte mich damals, wie so oft, wieso ich mich eigentlich immer wie ein Fremdkörper fühlen würde. Weshalb es mir nicht gelang, näher in Kontakt zu kommen, genau wie die anderen Bekanntschaften zu schließen, erklärte ich mir mit meinem Alter – fast alle KommilitonInnen hätten meine Kinder sein können – und damit, dass ich nicht vor Ort wohnte und somit keine Chance gehabt hatte, die anderen vorab kennengelernt zu haben oder außerhalb der Unizeit zu treffen. Die drei Namen hatte ich mir übrigens umsonst gemerkt, der eine Mensch hörte sehr bald auf, zu studieren und mit den anderen hatte ich keine Seminare zusammen.

Erst im späteren Verlauf des ersten Semesters kam ich dann darauf, dass es ein Fehlschluss war, dass sich die anderen schon gekannt hatten oder von früher her befreundet waren. Waren sie zu dem Zeitpunkt überwiegend nicht. Sie hatten sich bei dieser Einführungsveranstaltung zum ersten Mal getroffen. Und sich wundersamerweise sofort in Grüppchen zusammengefunden, von denen einige über das gesamte Studium hinweg bestehen blieben.

Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie Menschen es innerhalb extrem kurzer Zeit schaffen, instinktiv zu erkennen, mit wem sie zusammenpassen. Ich habe mehrere Semester gebraucht, um wenigstens einigermaßen zu mir passende KommilitonInnen zu finden. Das habe ich über die verpflichtenden Gruppenarbeiten zufällig herausbekommen. Näher bekannt wurde ich nur mit zwei. Über die Gruppenarbeiten hinaus mit ihnen etwas gemeinsam zu unternehmen, erschöpfte sich in ein paarmal Essen gehen. Mehr Anschluss hätte ich zeitlich gar nicht geschafft.

Mit meinem heutigen Wissen kann ich erklären, was da zu Beginn meines Studiums wieder einmal „schief“ lief mit schnell Anschluss finden und warum das bei mir so ist. Ein Mensch mit nur marginal ausgeprägtem Herdentrieb zu sein, nonverbale Signale nicht wahrzunehmen, kein Talent für Smalltalk zu haben, Anschluss nach Kriterien zu bemessen, die sich eher rational ergeben, sind z.B. Gründe dafür. Ich werde wohl auch in Zukunft weder schnell noch dauerhaft Anschluss finden. In meiner Geschwindigkeit, mit meinen Mitteln, auf meine Weise ergeben sich aber trotzdem immer mal wieder Anschlussmenschen. Es läuft einfach nur anders.

Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

4 Kommentare zu “Schnell Anschluss finden?

  1. Geht mir auch so. Und ich merke, wie viel an regelmäßigen Möglichkeiten, sich zu treffen, hängt. Der Chor, die Gottesdienste, andere Angebote. Und weshalb die Existenz eines Synagogalchors in der Landeshauptstadt so wichtig ist. Er ist eine Brücke zu Menschen, und jüdischen Menschen im Speziellen. Kontakte dieser Art ergeben sich sonst kaum. Es ist schon schwer, den Kontakt zu „meinen“ Israelis auf Entfernung aufrecht zu erhalten.

    Liken

    • Kontakte halten ist ja nochmal ein anderes Thema mit besonderen Herausforderungen, darüber habe ich mir hier auf meinem Blog in einem extra Beitrag Gedanken gemacht. Regelmäßige Events – also eine von außen vorgegebene Struktur – erleichtern das Aufrechterhalten sehr, da hast du recht.

      Liken

      • Außerdem hat sich zusammen singen schon als Kontaktstifter bewährt. Begebenheit auf dem Kirchentag in Stuttgart, Offenes Singen. Da habe ich spontan ein vierstimmiges Quartett organisiert.

        Liken

  2. Das ergeht mir genauso. Und da für mich schon das Beobachten der Menschen und der Versuch das, was ich sehe zu verstehen so anstrengend ist, kann ich die regelmäßigen Möglichkeiten gar nicht wahrnehmen. Davon abgesehen, dass es bei diesen Gelegenheiten zu keimbelastet, einfach zu voll, zu laut, zu eng, zu ……. ist. So bleibt es bei einer Telefonfreundin und einer Mailfreundin und einem Kirchenessen :-). Aber es gibt ja noch den Wald und Tiere.

    Liken

Was mögen Sie zur Diskussion beitragen? Sie können gerne in einen Diskurs mit mir gehen. Die einzige Einschränkung meinerseits ist, dass dies konstruktiv und auf einer Sachebene geschehen sollte.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s