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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Resignation ist auch ein Gefühl

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Es ist wahr, der derzeit überwiegend defizitäre Blick auf Autismus ist nicht hilfreich – dadurch verändert sich nichts. Dr. Tony Attwood (ein britischer auf Autismus spezialisierter Psychologe, der in Australien lebt und arbeitet), den ich nächsten Freitag life erleben kann, hat wahrscheinlich doch recht. Autistic Pride könnte vielleicht sogar weiterhelfen, zumindest das Selbstwertgefühl etwas aufpolieren. „Und ihr dürft niemals vergessen: Auch Autisten haben positive Eigenschaften“ – der Satz von Mister S. am Ende seines Songs, in dem er versucht, den Blick auf die Stärken von Autismus zu lenken, relativiert das leider wieder. Autisten haben nicht irgendwo versteckt unter lauter negativen auch ein paar (aber leider wohl immer zu wenige) positive Eigenschaften.

Viele dieser sogenannten positiven autistischen Eigenschaften sollten in der Gesellschaft meiner Meinung nach normal sein. Dann hätte die Menschheit wahrscheinlich viele der derzeitigen gesellschaftlichen Probleme gar nicht. Loyalität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeitssinn, Toleranz und Hilfsbereitschaft sind doch für eine Gemeinschaft wirklich erstrebenswerte Qualitäten. Menschen, die einen Blick für das Detail haben, wissbegierig sind, logisch Denken können, lösungsorientiert sind und dabei auch noch kreativ, die sollten doch eigentlich beliebt sein, statt von den Nichtautisten aussortiert oder ausgegrenzt zu werden?

Obwohl Autisten gut alleine sein können und sich selbst beschäftigen können, vermissen viele Freundschaften, hätten gern Kontakte. Wissen nur nicht, wie man die knüpft und erhält oder schaffen es einfach nicht. Obwohl sie häufig gute Gedanken haben, werden diese von Nichtautisten oft nicht registriert, sogar ignoriert. Meine eigene Erfahrung ist: Ich wurde und werde eher nicht gesehen, nicht gehört. Selbst wenn ich gefragt werde. Genau wie in einem Video – das sieben Jahre alt ist komme ich mir oft so vor: Unsichtbar. Egal, was ich dazu sage – es bemerkt niemand. Warum hören Nichtautisten nicht zu? Oder bin ich einfach nur zu höflich, zu freundlich, zu leise?

Sieben Jahre ist zumindest hier in Bayern im Punkt Rethinking Autism nichts wirklich Greifendes passiert, was die Situation für mich zum Besseren gewendet hätte. Das zeigt sich u.a. daran, dass jetzt zwar endlich auch in Bayern eine Autismus-Strategie erarbeitet wird. Scheinbar aber ohne die Autisten selbst zu fragen und auf sie zu hören. Sie würden eingebunden, twitterte mir Frau Ministerin Schreyer. Und die Ergebnisse der Strategie würden selbstverständlich veröffentlicht werden. Das ist aber nicht der Punkt. Auf meine Fragen hat sie nicht geantwortet. Autisten einzubinden, indem sie durch Nichtautisten vertreten werden (soweit ich ihn richtig verstehe, steht genau das in diesem Artikel), ist keine echte Einbindung, keine Inklusion. Ich will und kann für mich selbst sprechen. Ich habe es satt, dass Nichtautisten bestimmen, was gut für mich zu sein hat.

Autisten immer noch nicht oder schon wieder nicht für sich selbst sprechen zu lassen, zeigt, dass Autisten als nicht vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden. Menschen sind, die man als verantwortlicher Politiker und als Entscheidungsträger getrost übergehen darf. Denen man vorschreibt, was sie zu benötigen haben – aus Sicht der Nichtautisten. Und hinterher dann wahrscheinlich den Vorwurf macht: Wir haben so viel für dich getan – und du bist immer noch nicht zufrieden. Aber deine Äußerungen müssen wir ja auch gar nicht ernst nehmen, laut den Fachkräften liegen schließlich Kommunikationsdefizite bei dir vor. Der Grund dafür, dass du nicht erkennen kannst, was wir für dich alles Hilfreiches tun, liegt also nicht in unserer Strategie.

Ohne Symmetrie werden die Spielregeln der Kommunikation von den Mächtigeren bestimmt. Autismus-Strategie für Bayern klingt super. Aber die Verantwortlichen wollen erst einmal weitere vier Jahre nur reden, am Liebsten offenbar miteinander. Weitere Jahre, die ich warten soll, bis es eventuell Projekte geben wird, die mir vielleicht – denn gut gemeint ist oft nicht wirklich gut gemacht – helfen könnten. Ich warte schon so lange, ein Leben lang warten – auf was?

Sieben Tage muss ich bei der Telefonseelsorge auf eine Antwort warten, um so etwas wie ein (schriftliches) Gespräch zu führen. Scheint eine typische Wartezahl zu sein, zu der ich sogar ein sehr altes Lied von Peter Maffay aus 1970 (schon wieder die Sieben) im Kopf habe. Nur sind es bei mir schon weit mehr als die sieben Brücken, für die es, wie Euler anhand des Königsberger-Brückenproblems gezeigt hatte, keine Lösung gibt, mehr als sieben dunkle Jahre. Und der helle Schein lässt noch immer auf sich warten. Ich schätze bei mir wird das Licht am Ende des Tunnels dann der entgegenkommende Zug sein.

Es ist ein Irrglaube, dass Autisten keine Gefühle haben. Freilich haben Autisten Gefühle und viele sogar nicht zu knapp. Vielleicht zeigen sie sie nur nicht auf gesellschaftlich akzeptierbare Weise. Und da viele eher still und zurückgezogen leben, bemerkt man ihre etwaigen Gefühlsäußerungen nicht so leicht. Manchmal denke ich, dass ich wohl eher viel zu viele Gefühle habe. Von denen die meisten leider weh tun. Und die ich meistens still und leise, so dass möglichst niemand mitbekommt, wie es mir wirklich geht, aushalte.

Und von wegen: Autisten können das große Ganze nicht sehen. Ich habe nicht nur Angst, weil mir die Welt immer noch sehr häufig absurd erscheint, weil unvorhergesehene, unplanbare Dinge passieren, weil es zu für mich unwillkommenen Veränderungen kommt. Ich habe auch gerade deshalb oft Angst oder es geht mir schlecht, weil ich das Ganze sehe, alle Implikationen, Folgen, wo es hinführen wird, wenn das alles so weitergeht. Im Großen wie im Kleinen. Das macht mir Angst. Und mich traurig. Denn ich verstehe einfach nicht, wieso andere nicht dasselbe sehen, ihr Verhalten wider besseren Wissens nicht verändern, unlogisch handeln, über alles, was gut ist, hinwegtrampeln. Wichtig für viele Nichtautisten sind mehr Macht, mehr Reichtum, mehr von allem, nur nicht von dem, was wirklich wichtig und richtig wäre. Ich verstehe es nicht. Und bin müde. So müde. Mag nicht mehr kämpfen, hinfallen, wieder aufstehen, weitermachen. Das Leben als ständigen Kampf führen, der erst mit dem Tod endet.

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Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

3 Kommentare zu “Resignation ist auch ein Gefühl

  1. Danke, Du sprichst mir aus der Seele.

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  2. Pingback: Exklusion statt Inklusion – Autismus-Strategie Bayern 2018 | SWB - MeiBlog

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