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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Struktur für das autistische Ich

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Über Strukturen hatte ich zwar hier schon einmal etwas geschrieben, aber das Thema beschäftigt mich immer wieder. Ich habe gut funktioniert, als es in meinem Leben noch strukturierende, mir Halt gebende und mich verpflichtende Rahmenbedingungen gab. Zu den Schulzeiten der Kinder waren das deren Stundenpläne, die mir vorgaben, wann für die gemeinsamen Mahlzeiten das Essen auf dem Tisch stehen musste und ich mich darum kümmern musste, dass der Haushalt lief. Dazu kamen die Aktivitäten, zu denen ich sie mit dem Auto fahren musste oder die Termine, die in Zusammenhang mit Gesundheit, Sozialkontakten und Schule anstanden. Die Jahre, in denen ich zusätzlich arbeitete, kamen meine Arbeitszeiten als von außen vorgegebene Struktur dazu.

Vor ein paar Wochen begann ich damit, die Datenmenge neu zu ordnen, die sich auf den diversen Speichermedien für meine digitalen Daten angesammelt hatte. Ich fand dabei erstaunlich viele Tabellen mit Wochenplänen, die über die Zeit mein Leben strukturiert hatten. Ich mag Tabellen, das war anhand der Dateimenge nicht zu leugnen. Die Tage sind auf so einem Plan in kleinschrittige Zeitabschnitte unterteilt und zur schnellen Orientierung sind die unterschiedlichen Tätigkeitskategorien stets farbig gekennzeichnet. Auf einem Plan gab es sogar Badzeiten für alle Familienmitglieder im Halbstundentakt. Auf manchen Plänen ist vermerkt, was es an jedem Tag der Woche jeweils zu essen geben soll. Zu anderen Zeiten hatte ich eine übergreifende Essenstabelle mit miteinander zu kombinierenden Gerichten. In einer zweimal wöchentlich stattfindenden Familienkonferenz wurden daraus die Gerichte ausgewählt, die sich die Familienmitglieder wünschten. Es ist interessant zu sehen, dass sich die bevorzugten Gerichte über die Zeit nur unwesentlich veränderten. Es gab stets einen Pfannkuchen- und mindestens einen Nudel-mit-Soßen-Tag. Seit einiger Zeit gibt es jetzt einen neu hinzugekommenen Sushi-Tag, der in dem Moment wieder aus dem Plan verschwinden wird, wenn der regelmäßige Termin in der Nähe des Restaurants wegfällt.

Nach dem Auszug der Kinder gab es für die Erstellung von verbindlichen Plänen, die den kompletten Tag strukturierten keine Notwendigkeit mehr und nachdem ich meine letzte Arbeitsstelle verloren hatte, existierte außer den wöchentlichen Therapieterminen überhaupt keine haltgebende Struktur mehr in meinem Leben. Ich bemerkte ziemlich bald, dass es mir damit nicht gut ging und erstellte mir neue Wochenpläne. Während der Zeit, als ich depressiv war, war es mir zwar nicht möglich, die Pläne einzuhalten. Seitdem die Depression mich nicht mehr so einschränkt, funktioniert es wieder.

Allerdings hat das Ganze zwei Seiten: Einesteils ist es ungemein entlastend, genau zu wissen, was ich den Tag über wann tun sollte, was für die Woche einzukaufen ist und nicht jeden Tag erst überlegen zu müssen, was ich kochen könnte. Andernteils belastet es mich auch, wenn ich den Plan nicht einhalte. Dabei ist es egal aus welchem Grund ich ihn nicht einhalten kann. Mein Stresserleben macht keinen Unterschied zwischen einem Arztbesuch, weil ich außerplanmäßig erkrankt bin oder einem nicht befolgten Plan, weil ich an dem Tag einfach keine Motivation aufbringe oder lieber etwas mache, das zu dem Zeitpunkt gar nicht auf dem Plan steht. Ich muss also gut abschätzen, wie viele außerhäusliche Aktivitäten ich einplanen darf, ohne überlastet zu sein und wie viel Zeit zur Erholung ich wahrscheinlich benötigen werde. Ob mir das gelungen ist, kann ich aber immer nur retrospektiv beurteilen.

Derzeit läuft es gut, ich schaffe es, an den meisten Tagen alle geplanten Dinge auch zu erledigen. Da ich meinen Tagesablauf tabellarisch dokumentiere, kann ich auswerten, welche Umstände dazu führen, dass ich den Plan nicht einhalte. In der Regel liegt es daran, dass unvorhergesehene Dinge passieren oder ich mir zu viel vorgenommen habe und länger brauche, bis ich mich von einer Überlastung erholt habe. In den letzten Wochen kam dazu, dass Termine wegen der Feiertage ausfielen oder der gewohnte Tagesablauf wegen Besuchen nicht einzuhalten war. Aber Weihnachten ist ja nun erst einmal zum Glück vorbei.

Insgesamt macht ein strukturierender Plan mein Leben einfacher, weil ich nicht mehr orientierungslos durch die Tage stolpere und die Sicherheit habe, nichts Wichtiges vergessen zu können. Die kommenden Wochen steht überwiegend Schreibtischarbeit für die Uni im aktuellen Wochenplan, weil ich die letzte Modulabschlussarbeit meines derzeitigen Studiums schreibe.

In dem Zusammenhang brachte ich auch endlich Ordnung in die Literatur, die ich für mein Studium bisher gesammelt hatte. Als Studierende habe ich den Vorteil, über die Universität kostenfrei Software zu erhalten. Dazu gehört auch ein Literaturverwaltungsprogramm, bei mir war das bisher Citavi. Leider hatte ich zu Beginn meines Studiums die verwendete Literatur nicht konsequent mit dieser Software verwaltet, sondern als PDF-Sammlung in diversen Unterordnern auf meiner Festplatte gespeichert. Wenn die Dateinamen alle notwendigen bibliografischen Angaben enthalten und sich in der richtigen Ordnerkategorie befinden, kann man sich zumindest bei einer überschaubaren Menge an Literatur auch mit einer Tabelle noch einigermaßen zurechtfinden. Mittlerweile habe ich dank meiner Sammelleidenschaft aber wirklich viele Literaturdateien. Ich pflege zwar seit dem Masterstudium neue Literatur überwiegend in Citavi ein, hatte jedoch zum einen mehrere Citavi-Projekte und zum anderen ein Kategoriensystem, das so umfangreich geworden war, dass ich dafür inzwischen selbst ein Verwaltungsprogramm gebraucht hätte. Also musste ich aufräumen. Bei der Gelegenheit entschloss ich mich dazu, alle bisher noch nicht in das Literaturverwaltungsprogramm aufgenommene Literaturdateien noch einzuarbeiten und dabei gleich die fehlenden bibliografischen Angaben einzupflegen.

Das klingt jetzt nach einem riesen Haufen Arbeit, aber an manchen Tagen ist es für mich genau das Richtige, stundenlang dazusitzen und Zeug zu sortieren. Das kann ich in der Vorratskammer nicht ständig machen, alle Vorräte befinden sich nach einem übersichtlichen System geordnet in passenden Behältern. Und alle Eierkartons stehen farblich und der Größe nach sortiert im Regal. Die analoge Bücherwand habe ich erst Anfang des Jahres komplett durchsortiert, einen Teil alphabetisch nach Autorennamen, andere Teile nach Genre und Thema oder Verlag, Coverfarbe und Größe – mein Bedürfnis nach Ordnung am PC auszuleben, bietet sich also an.

Um die digitale Büchersammlung zu ordnen, verwende ich die open-source Software Calibre. Neben der nützlichen Sortierfunktion mittels Kategorisierung über Serien und Verschlagwortung, die ich bei der riesigen Bibliothek unbedingt brauche, bietet das Programm den Vorteil, dass ich Metadaten zu den Büchern unkompliziert ergänzen und vor allem, dass ich damit meine Bücher in alle gängigen Formate konvertieren kann, um sie anschließend auf unterschiedlichen Lesegeräten zu lesen. Sehr hilfreich dafür, Struktur ins Leben zu bringen, hat sich für mich auch eine Gewohnheiten-App erwiesen, die meiner Vorliebe für grafische statistische Auswertungen entgegenkommt. Seitdem vergesse ich solche Sachen, wie alle zwei Wochen meine für den Winter eingelagerten Pflanzen zu gießen nicht mehr, was den Pflanzen sichtbar gut tut.

Mit Plänen und Softwareunterstützung kann ich so dafür sorgen, dass einigermaßen Ordnung herrscht im alltäglichen Chaos des Lebens. Denn Struktur und Ordnung sind wirklich wichtig, damit es meinem autistischen Ich gut geht.

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