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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Lesend die Welt überleben

Ich habe, so lange ich mich zurück erinnern kann, immer schon sehr gerne und vor allem sehr viel gelesen, mich gibt es praktisch nur mit Buch. Fast mein gesamtes Wissen über die Welt habe ich mir als Kind über das Lesen von Büchern angeeignet.

Heute unvorstellbar, bin ich zu einer Zeit groß geworden, als es noch keinen PC gab und das Internet noch gar nicht erfunden war. Informationen waren für ein Kind, das sich größtenteils mit sich alleine beschäftigte, nicht so einfach zu erhalten. Mein Highlight der Woche war der regelmäßige Besuch der örtlichen Bücherei, die ich immer mit der maximal erlaubten Ausleihbüchermenge verließ. Für mich war es sehr gut, dass mein Bruder das genaue Gegenteil von mir war – er musste praktisch gezwungen werden überhaupt ein Buch zu lesen – weshalb ich sein Bücherkontingent zusätzlich zu meinem eigenen ausschöpfen konnte. Als weniger toll empfand ich den Heimweg – ich hatte immer schwer zu schleppen. Zu Hause angekommen, verzog ich mich sofort mit meinen Schätzen in mein Kinderzimmer, baute voller Vorfreude die Büchertürme um mich herum auf und versank in Informationen.

Als ich beispielsweise verstehen wollte, wie das mit den Mitschülern funktioniert, habe ich alles, was damals zum Thema Schule für ein Kind in der Bücherei ausleihbar war, gelesen. Zu meiner Zeit durfte man sich als Kind nicht beliebig in der Erwachsenenabteilung mit Büchern eindecken. Also musste ich mir Wissen über Schule und Wie-darin-bestehen aus den mir zugänglichen Schneider Buchreihen beschaffen. Aus der erkenntnisreichen Lektüre von „Hanni und Nanni“ oder „Dolly“ lernte ich, dass es völlig klar war, warum das mit dem Freundinnen-finden nicht so klappte, ich hatte schließlich weder einen Zwilling, noch war ich im Internat. Erst als ich alt genug für erwachsenere Lektüre wurde, konnte ich solche Fehlschlüsse mit Hilfe anderer Bücher korrigieren.

Einige Jahre lang hatte ich in einer Liste alle Bücher pro Jahr dokumentiert, die ich las. Dabei sortierte ich die Liste nach Autorenname, Genre, meiner Bewertung, der Seitenzahl und wertete natürlich die durchschnittlich gelesene Seitenzahl pro Tag aus. Ich habe wirklich unglaublich viel gelesen, oft mehr als ein Buch pro Tag. In manchen Jahren kam ich auf mehr als 100.000 Seiten, wobei das nur die gelesenen Buchseiten waren. Ich las praktisch alles, was Buchstaben hatte – und sei es am Esstisch in Ermangelung anderer Möglichkeiten immer und immer wieder alle Aufschriften auf der Milchpackung, weil Lesen beim Essen nunmal leider verboten war.

Lesen war auch eine Möglichkeit, in anderen Welten zu versinken. Wenn ich lese, dann tauche ich vollkommen ab. Ich nehme dann um mich herum nichts mehr wahr. Früher hat das oft für Unverständnis gesorgt. Meine Mutter glaubte mir einfach nicht, dass ich sie nicht gehört hatte, wenn sie mich rief und ich nicht kam. Es lag nicht daran, dass ich sie bewusst ignoriert hätte, weil ich keine Lust hatte, zu folgen. Es lag schlichtweg daran, dass ich ihr Rufen gar nicht gehört hatte. Aber so oft ich ihr das auch zu erklären versuchte, sie konnte es nicht verstehen.

Ich verstand es selbst nicht. Erst seit ich weiß, dass ich Autistin bin, kann ich es mir erklären. Über Bücher habe ich mir nicht nur die Welt erschlossen. Wenn ich lese, bin ich hyperfokussiert, das heißt, ich nehme zu wenig wahr, weil ich nur noch einen Sinneskanal nutze. Auf diesem nehme ich dann sehr intensiv wahr und alle anderen Sinneseindrücke werden nicht mehr verarbeitet. Leider passiert es mir beim Lesen, dass ich – ohne es zu merken – nur noch den Sehsinn nutze. Der Vorteil ist, dass ich belastende Situationen länger aushalte, wenn ich mich in Buchstaben vertiefe, weil dadurch die Reizmenge reduziert wird.

Lesend habe ich früher, als es noch keinen Walkman gab, die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln überstanden. In Schulpausen saß ich in einer ruhigeren Heizungsnische und las, bis mich der Hausmeister aufscheuchte, weil ich weder die Schulglocke gehört, noch mitbekommen hatte, dass die Pausenhalle inzwischen schülerleer war. Die strukturlosen ersten Tage im Schuljahr waren leichter zu ertragen, weil es neue Schulbücher gab. Besonders ergiebig waren immer die Fächer Deutsch und Geschichte – aber selbst diese Schulbücher hatte ich oft bereits in der ersten Woche durchgelesen. Die Reizkulisse im Freibad, in das ich meinen Kindern zuliebe ging, konnte ich ausblenden, weil ich den ganzen Nachmittag las – meine Kinder lagen oft lieber ebenfalls lesend oder Gameboy spielend neben mir auf ihren eigenen Badetüchern, statt sich im Wasser zu vergnügen.

Die Zeit im Wartezimmer beim Arzt überbrücke ich mit Lesen – ein positiver Nebeneffekt war immer, Informationen zu aktuellen Trendserien oder VIPs abzuspeichern. So konnte ich mithalten, wenn sich Kollegen darüber unterhielten. Allerdings kam es stets zu Irritationen, wenn in die Runde gefragt wurde, wer Sendung xyz gestern gesehen hätte und ich der Wahrheit entsprechend sagte, dass ich nicht fernsehen würde, weil meines Erachtens überwiegend Schwachsinn gesendet werden würde, dann aber kritisch zum Thema beitrug.  Ich habe mein Wissen zu solchen Fernsehserien aber nicht wie alle anderen um mich herum daher, dass ich die entsprechenden Sendungen Abends interessiert im TV verfolgen würde, sondern aus dem Fernsehprogramm von in Wartezimmern herumliegenden Zeitschriften, die ich lese. Die Serieninhalte selbst interessieren mich überhaupt nicht und ich verstehe bis heute nicht, wieso man sich in meinen Augen völlig überflüssige Sendungen ansehen sollte, bei denen sich beispielsweise 20 gutaussehende angebliche Single-Frauen unverständlicherweise um einen Möchtegern-Schönling streiten.

Im Wartezimmer lesen viele Leute, dafür liegen dort ja auch Zeitschriften aus. Aber für Nichtautisten ist es nicht lebensnotwendig, dass sie im Wartezimmer etwas lesen. Ich muss dort lesen, weil ich es ansonsten gar nicht erst bis ins Untersuchungszimmer schaffe. Und ich brauche es bis heute, mich stundenlang lesend auf meine Couch zu verkriechen. Das geht weit über ein normales Hobby hinaus, ich muss lesen. Nicht mehr lesen zu können ist bei mir ein Warnzeichen für eine depressive Phase. Lesen ist für mich wichtig, um den Alltag zu überstehen. Der Nachteil beim Lesen war und ist leider, dass ich nicht mehr alles mitbekomme und es zu ungewollten Missverständnissen kommen kann. In meiner Kindheit war ein großer Nachteil eine ziemlich oft verärgerte Mutter.

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Struktur für das autistische Ich

Über Strukturen hatte ich zwar hier schon einmal etwas geschrieben, aber das Thema beschäftigt mich immer wieder. Ich habe gut funktioniert, als es in meinem Leben noch strukturierende, mir Halt gebende und mich verpflichtende Rahmenbedingungen gab. Zu den Schulzeiten der Kinder waren das deren Stundenpläne, die mir vorgaben, wann für die gemeinsamen Mahlzeiten das Essen auf dem Tisch stehen musste und ich mich darum kümmern musste, dass der Haushalt lief. Dazu kamen die Aktivitäten, zu denen ich sie mit dem Auto fahren musste oder die Termine, die in Zusammenhang mit Gesundheit, Sozialkontakten und Schule anstanden. Die Jahre, in denen ich zusätzlich arbeitete, kamen meine Arbeitszeiten als von außen vorgegebene Struktur dazu.

Vor ein paar Wochen begann ich damit, die Datenmenge neu zu ordnen, die sich auf den diversen Speichermedien für meine digitalen Daten angesammelt hatte. Ich fand dabei erstaunlich viele Tabellen mit Wochenplänen, die über die Zeit mein Leben strukturiert hatten. Ich mag Tabellen, das war anhand der Dateimenge nicht zu leugnen. Die Tage sind auf so einem Plan in kleinschrittige Zeitabschnitte unterteilt und zur schnellen Orientierung sind die unterschiedlichen Tätigkeitskategorien stets farbig gekennzeichnet. Auf einem Plan gab es sogar Badzeiten für alle Familienmitglieder im Halbstundentakt. Auf manchen Plänen ist vermerkt, was es an jedem Tag der Woche jeweils zu essen geben soll. Zu anderen Zeiten hatte ich eine übergreifende Essenstabelle mit miteinander zu kombinierenden Gerichten. In einer zweimal wöchentlich stattfindenden Familienkonferenz wurden daraus die Gerichte ausgewählt, die sich die Familienmitglieder wünschten. Es ist interessant zu sehen, dass sich die bevorzugten Gerichte über die Zeit nur unwesentlich veränderten. Es gab stets einen Pfannkuchen- und mindestens einen Nudel-mit-Soßen-Tag. Seit einiger Zeit gibt es jetzt einen neu hinzugekommenen Sushi-Tag, der in dem Moment wieder aus dem Plan verschwinden wird, wenn der regelmäßige Termin in der Nähe des Restaurants wegfällt.

Nach dem Auszug der Kinder gab es für die Erstellung von verbindlichen Plänen, die den kompletten Tag strukturierten keine Notwendigkeit mehr und nachdem ich meine letzte Arbeitsstelle verloren hatte, existierte außer den wöchentlichen Therapieterminen überhaupt keine haltgebende Struktur mehr in meinem Leben. Ich bemerkte ziemlich bald, dass es mir damit nicht gut ging und erstellte mir neue Wochenpläne. Während der Zeit, als ich depressiv war, war es mir zwar nicht möglich, die Pläne einzuhalten. Seitdem die Depression mich nicht mehr so einschränkt, funktioniert es wieder.

Allerdings hat das Ganze zwei Seiten: Einesteils ist es ungemein entlastend, genau zu wissen, was ich den Tag über wann tun sollte, was für die Woche einzukaufen ist und nicht jeden Tag erst überlegen zu müssen, was ich kochen könnte. Andernteils belastet es mich auch, wenn ich den Plan nicht einhalte. Dabei ist es egal aus welchem Grund ich ihn nicht einhalten kann. Mein Stresserleben macht keinen Unterschied zwischen einem Arztbesuch, weil ich außerplanmäßig erkrankt bin oder einem nicht befolgten Plan, weil ich an dem Tag einfach keine Motivation aufbringe oder lieber etwas mache, das zu dem Zeitpunkt gar nicht auf dem Plan steht. Ich muss also gut abschätzen, wie viele außerhäusliche Aktivitäten ich einplanen darf, ohne überlastet zu sein und wie viel Zeit zur Erholung ich wahrscheinlich benötigen werde. Ob mir das gelungen ist, kann ich aber immer nur retrospektiv beurteilen.

Derzeit läuft es gut, ich schaffe es, an den meisten Tagen alle geplanten Dinge auch zu erledigen. Da ich meinen Tagesablauf tabellarisch dokumentiere, kann ich auswerten, welche Umstände dazu führen, dass ich den Plan nicht einhalte. In der Regel liegt es daran, dass unvorhergesehene Dinge passieren oder ich mir zu viel vorgenommen habe und länger brauche, bis ich mich von einer Überlastung erholt habe. In den letzten Wochen kam dazu, dass Termine wegen der Feiertage ausfielen oder der gewohnte Tagesablauf wegen Besuchen nicht einzuhalten war. Aber Weihnachten ist ja nun erst einmal zum Glück vorbei.

Insgesamt macht ein strukturierender Plan mein Leben einfacher, weil ich nicht mehr orientierungslos durch die Tage stolpere und die Sicherheit habe, nichts Wichtiges vergessen zu können. Die kommenden Wochen steht überwiegend Schreibtischarbeit für die Uni im aktuellen Wochenplan, weil ich die letzte Modulabschlussarbeit meines derzeitigen Studiums schreibe.

In dem Zusammenhang brachte ich auch endlich Ordnung in die Literatur, die ich für mein Studium bisher gesammelt hatte. Als Studierende habe ich den Vorteil, über die Universität kostenfrei Software zu erhalten. Dazu gehört auch ein Literaturverwaltungsprogramm, bei mir war das bisher Citavi. Leider hatte ich zu Beginn meines Studiums die verwendete Literatur nicht konsequent mit dieser Software verwaltet, sondern als PDF-Sammlung in diversen Unterordnern auf meiner Festplatte gespeichert. Wenn die Dateinamen alle notwendigen bibliografischen Angaben enthalten und sich in der richtigen Ordnerkategorie befinden, kann man sich zumindest bei einer überschaubaren Menge an Literatur auch mit einer Tabelle noch einigermaßen zurechtfinden. Mittlerweile habe ich dank meiner Sammelleidenschaft aber wirklich viele Literaturdateien. Ich pflege zwar seit dem Masterstudium neue Literatur überwiegend in Citavi ein, hatte jedoch zum einen mehrere Citavi-Projekte und zum anderen ein Kategoriensystem, das so umfangreich geworden war, dass ich dafür inzwischen selbst ein Verwaltungsprogramm gebraucht hätte. Also musste ich aufräumen. Bei der Gelegenheit entschloss ich mich dazu, alle bisher noch nicht in das Literaturverwaltungsprogramm aufgenommene Literaturdateien noch einzuarbeiten und dabei gleich die fehlenden bibliografischen Angaben einzupflegen.

Das klingt jetzt nach einem riesen Haufen Arbeit, aber an manchen Tagen ist es für mich genau das Richtige, stundenlang dazusitzen und Zeug zu sortieren. Das kann ich in der Vorratskammer nicht ständig machen, alle Vorräte befinden sich nach einem übersichtlichen System geordnet in passenden Behältern. Und alle Eierkartons stehen farblich und der Größe nach sortiert im Regal. Die analoge Bücherwand habe ich erst Anfang des Jahres komplett durchsortiert, einen Teil alphabetisch nach Autorennamen, andere Teile nach Genre und Thema oder Verlag, Coverfarbe und Größe – mein Bedürfnis nach Ordnung am PC auszuleben, bietet sich also an.

Um die digitale Büchersammlung zu ordnen, verwende ich die open-source Software Calibre. Neben der nützlichen Sortierfunktion mittels Kategorisierung über Serien und Verschlagwortung, die ich bei der riesigen Bibliothek unbedingt brauche, bietet das Programm den Vorteil, dass ich Metadaten zu den Büchern unkompliziert ergänzen und vor allem, dass ich damit meine Bücher in alle gängigen Formate konvertieren kann, um sie anschließend auf unterschiedlichen Lesegeräten zu lesen. Sehr hilfreich dafür, Struktur ins Leben zu bringen, hat sich für mich auch eine Gewohnheiten-App erwiesen, die meiner Vorliebe für grafische statistische Auswertungen entgegenkommt. Seitdem vergesse ich solche Sachen, wie alle zwei Wochen meine für den Winter eingelagerten Pflanzen zu gießen nicht mehr, was den Pflanzen sichtbar gut tut.

Mit Plänen und Softwareunterstützung kann ich so dafür sorgen, dass einigermaßen Ordnung herrscht im alltäglichen Chaos des Lebens. Denn Struktur und Ordnung sind wirklich wichtig, damit es meinem autistischen Ich gut geht.


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Emotionserkennung im Supermarkt

Ich hatte von der Ergotherapeutin, zu der ich seit Dezember gehe, vor Weihnachten die Hausaufgabe bekommen, beim Einkaufen eine Person zu beobachten, ihre Körpersprache und Mimik darauf zu interpretieren, welche Emotionen diese Person hat, bestenfalls noch in Kontakt zu kommen und über das Ganze einen Bericht zu schreiben.

Da ich eher selten Einkaufen gehe und zu Prokrastination neige, habe ich das heute erst erledigt. Im Auto bemerkte ich bei mir bereits Widerwillen wegen der Aufgabe. Ich verstehe, dass es Übungszwecken dienen soll, aber beim Einkaufen habe ich eigentlich nur das Ziel, meine Einkäufe möglichst schnell zu erledigen. Normalerweise trage ich Kopfhörer im Supermarkt, schon um das nervige Hintergrundgedudel und Gepiepe auszuschalten und auch, um die Gespräche nicht mit anhören zu müssen. Heute ging das ja nicht.

Als ich meinen Einkaufswagen durch die Eingangsschranke schieben wollte, blockierte die ein älterer Herr in herunterhängender Jeans und dunkelblauem Pullover, der sich an seinem Wagen festhielt und genau davor stehenblieb. Da ich ihn nur von hinten sah, konnte ich seine Mimik nicht erkennen. Nach einigen Sekunden wedelte er erstaunlicherweise in Richtung Kasse, diese Handbewegung sollte wohl jemanden herbeirufen. Es dauerte eine Weile, bevor eine ältere, in eine pinke Bluse und helle Pelzjacke gewandete Dame mit Perlenkette zu ihm schlurfte, wobei sie noch ein paar launige Worte mit der Kassiererin wechselte. Ich interpretierte: Beide waren wohl bereits im Laden gewesen, bevor sie beschlossen hatten, doch einen Einkaufswagen zu brauchen, den er dann holte, wobei seine Frau schon mal vorab durch den Laden ging und eventuell die Kassiererin kannte – weshalb sonst hätte sie mit dieser reden sollen? Die beiden begannen im Schneckentempo endlich den Eingang freimachend eine Diskussion miteinander und bogen in einen Gang ab. Ich beschloss, mir lieber eine Einzelperson für die Erledigung meiner Hausaufgabe zu suchen, wahrscheinlich wäre die schneller mit ihrem Einkauf fertig und ich somit schneller mit meiner Aufgabe.

Im ansonsten leeren Discounter stand ich dann erst einmal etwas verloren zwischen dem Gemüse und war wie immer überfordert vom bunten Angebot. Meiner Ansicht nach gibt es zu viel unterschiedliches Zeugs – ich persönlich brauche nicht mehr als zwei Sorten, eine billige und eine teure, und verstehe auch nicht, weshalb man im Januar unbedingt um die halbe Welt geflogene Früchte kaufen können muss. Es dauerte eine Weile, bevor eine weitere Kundin durch die Eingangstüre kam, die braune Stiefel, eine schwarze Hose und eine dunkelrote Jacke anhatte und eine Brille trug. Sie leerte zuerst einen schwarzen Beutel mit Altbatterien aus, bevor sie durch die grün leuchtende Schranke gehen wollte, die allerdings nicht aufmachte. Sie stockte, ging zwei Schritte zurück, versuchte es ein zweites Mal ohne Erfolg und wandte sich dann nach rechts, um die Schanke zu umgehen. Als sie drei Schritte gegangen war, öffnete sich die Schranke dann doch verspätet, sie drehte den Kopf und stockte wieder, was ich als Irritation interpretierte. Zeitgleich grüßte die Frau jemanden Richtung Kassenbereich und sagte noch etwas Unverständliches, wobei sie außer Sicht zwischen den Regalen verschwand. Mir war das Phänomen mit der unwilligen Schranke selbst schon passiert, ich registrierte erst da, dass ich nicht hätte sagen können, ob die Mimik der Frau irritiert aussah, sondern dass ich von mir auf sie geschlossen und ihr überhaupt nicht ins Gesicht gesehen hatte. In dem Moment kam ein einzelner Mann in Jeans und blauem Oberteil herein, der sich allerdings ebenfalls sofort nach rechts wandte und Richtung Kassen verschwand. Ich überlegte, den beiden zu folgen, meine benötigten Waren gab es aber in einem anderen Gang und Einkaufen musste ich schließlich. Ich beschloss, erst in meine Richtung zu gehen, ich würde beide wahrscheinlich irgendwo im Laden wiedersehen und könnte dann die Aufgabe erledigen.

Erst als ich meine Waren auf das Kassenband legte, fiel mir auf, dass ich vollumfänglich damit beschäftigt gewesen war, meine benötigten Sachen zusammenzusuchen und ich wohl unfähig war, meine Aufmerksamkeit zusätzlich noch auf die Beobachtung von Personen auszudehnen. Ich hatte nur eine Hilfskraft bewusst registriert, die leere Kartons aus den Kühlregalen räumte, weil ich ihr ausweichen musste. Daran, welche sonstigen Merkmale diese junge? männliche Person in Turnschuhen, Jeans, gelbem T-Shirt und blauem Sweater hatte oder gar welche Mimik, konnte ich mich nicht erinnern. Und auch nicht daran, ob mir die Frau oder der Mann von vorhin oder irgendwelche anderen Kunden begegnet waren. Scheinbar blendete ich beim Einkaufen andere Personen komplett aus oder ich war tatsächlich nicht fähig, mich auf mehr als eine Tätigkeit zu konzentrieren.

In Ermangelung anderer Personen, beschloss ich, die Kassiererin zum Subjekt meiner Aufgabe zu machen. Die kniete in heller Hose, Discounterkittel und grünem T-Shirt darunter mit dem Rücken zu mir auf dem Boden hinter ihrer Kasse und wischte irgendetwas auf. Dabei versprühte sie großzügig ein stark riechendes Putzmittel und teilte dem Boden mit, dass sie gleich für ihn da sei. Das schien eher an mich gerichtet zu sein, sonst war ja keiner da. Als sie sich aufrichtete und sich meinem Einkaufswagen zuwandte, führte sie weiter aus, dass so wenig los sei und sie deshalb die Zeit gut nutzen könne, auch mal überall sauberzumachen. Ich dachte mir, dass mich das nicht interessieren würde, sah, dass sie stark geschminkt war und wusste nicht, ob und was ich antworten sollte. Mir war vom Geruch des Putzmittels übel und ich versuchte, mich so weit als möglich davon wegzubewegen. Sie fing an die Waren, die ich in meinem Wagen gelassen hatte zu zählen. Hier war ich vorbereitet und sagte ihr die Gesamtanzahl der einzutippenden Waren und dass eine sich auf dem Band befände. Sie fragte, ob das alles dieselbe Sorte sei, wartete eine Antwort meinerseits jedoch nicht ab und begann selbst die Waren im Wagen nachzuzählen. Ich reichte ihr das Exemplar, das ich aufs Band gelegt hatte, sie zog es über die Kasse, griff sich die andersfarbige Tüte, zog auch diese darüber, während ich bemerkte, dass es wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde, woraufhin sie mir ins Wort fiel, um wortreich festzustellen, dass ich recht mit meiner Annahme hatte. Bei der letzten über den piepsenden Scanner gezogenen Ware sagte ich: „Aufrunden bitte, mit Karte“, woraufhin von rechts eine Stimme sagte: „Abrunden wäre mir lieber“. Die Kassiererin erwiderte, dass ich eine von zwei Kundinnen im Ort wäre, die diese Möglichkeit zum Spenden überhaupt nutzte. Ich versuchte, dem mittelalten? Mann (dunkelgrüne Jacke, braunbeige Hose), der seine Waren (Stangenweißbrot, ein Kopfsalat, zwei Becher Joghurt) nach mir aufs Band gelegt hatte und den ich soeben erst registriert hatte, zu erklären, dass der Vorteil der Aktion neben der guten Tat der überschaubaren Spende sei, keine Kupfermünzen zurückzuerhalten. Währenddessen sagte die Kassiererin mir den Betrag, fragte nach einer Deutschlandkarte, reichte mir den Kassenzettel zum Unterschreiben und unterhielt sich nebenbei weiter mit dem Mann. Weil ich unterschreiben musste, fehlte mir ein Teil des Gesprächs, erfahrungsgemäß wiederholen sich Personen aber oft. Als ich wieder zuhören konnte, äußerte der Mann gerade, dass er lieber die Möglichkeit des Abrundens wählen würde. Ich brachte mich wieder ins Gespräch ein, indem ich zu ihm im Hinausgehen meinte, dass er heute ausnahmsweise mal Aufrunden sagen solle, dann wären es immerhin drei Personen, die spenden würden. Ich weiß nicht, ob er das gehört hat und was er tatsächlich tat. Ich weiß nicht, welche Emotionen beide hatten. Ich war nur sehr erleichtert, endlich dem Gestank des Putzmittels zu entkommen.

Ziel der Ergotherapie ist es, besser mit meinen Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen. Ich vermute, dass es meiner Ergotherapeutin bei dieser Hausaufgabe darum geht, zu sehen, wie es um meine Emotionserkennung steht. Diese Aufgabe ist m. E. gut geeignet, um konkrete Beispiele für die Diagnosekriterien Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Qualitative Beeinträchtigungen der verbalen und nonverbalen Kommunikation zu finden. Die Reflexion solcher Aufgaben ermöglicht es mir, die Auswirkungen meiner Autismus-Spektrum-Störung zu erkennen.

Ich erinnere mich nicht an Dinge wie Details der Kleidung, Augen- und Haarfarbe oder Frisur der Personen, die ich beobachten konnte. Ich habe es zwar geschafft, mit zwei Personen gleichzeitig zu interagieren. Aber ich musste mich komplett auf die Gespräche konzentrieren und darauf, den Geruch des Putzmittels auszuhalten, um überhaupt sinnvolle Dinge von mir geben zu können. Die ganze Interaktionssituation hat mich ziemlich belastet, so dass ich keine Kapazität mehr hatte, überhaupt auf die Gesichter oder die Körpersprache zu achten. Ich habe keine Ahnung, welche Emotionen die Personen hatten und ich frage mich, wie ich das hätte erkennen können, ohne entweder einfach zu raten oder die Personen direkt nach ihren Gefühlen zu fragen. Ich weiß nicht, ob es ein erfolgreiches Gespräch war und welche Beweggründe die Personen hatten, mit mir zu sprechen. Meine Beweggründe sind mir klar: Ich hatte eine Aufgabe zu erledigen. Diese Aufgabe habe ich partiell erfüllt, immerhin bin ich sogar in Kontakt mit zwei Personen gekommen. Aber welche Emotionen diese Personen hatten, kann ich beim besten Willen nicht hineininterpretieren.

Diese Erkenntnis wird auch meine Grundhaltung nicht verändern: Ich werde wohl niemals von alleine auf die Idee kommen, mit anderen Personen in einem Supermarkt ins Gespräch zu kommen. Ich kenne sie nicht und selbst wenn ich jemanden kennen würde, würde ich diese Person wahrscheinlich nicht bemerken oder nicht wiedererkennen. In meinen Augen sind Gespräche mit Smalltalk Inhalt die Mühe nicht wert. Und die Emotionen mir wildfremder Menschen, denen ich wahrscheinlich nie mehr begegne, scheine ich erstens nur in eindeutigen Fällen zu erkennen und zweitens interessieren sie mich schlichtweg nicht.

Meine Ergotherapeutin wird wahrscheinlich freuen, dass ich zumindest bei mir selbst Emotionen erkenne: Einesteils machen mich die offenkundig vorhandenen Defizite in Emotionserkennung oder im Deuten von Körpersprache und Mimik traurig. Andernteils freue ich mich, mittlerweile zu sehen, welche Schwierigkeiten ich in solchen Situationen eigentlich habe. Emotionserkennung ist wichtig, keine Frage. Aber mittlerweile kann ich entscheiden, wann es sich für mich lohnt, Energie in Anpassungsleitungen zu stecken, ich sehe, welche Kompensationsmöglichkeiten ich habe und denke, dass ich meine eigenen Grenzen immer besser kennenlerne. Besser mit meinen autismusbedingten Schwierigkeiten im sozialen Bereich umgehen zu lernen, heißt für mich nicht, gegen meine Natur zu agieren. Schätze, ich sollte der Ergotherapeutin sagen, was ich durch diese Hausaufgabe gelernt habe: Es macht keinen Sinn, Einkäufe zusätzlich dadurch zu erschweren, Personen zu beobachten und mit ihnen zu reden. In Zukunft gehe ich wieder wie gewohnt durch den Supermarkt, höre Musik und habe meine Ruhe. Damit fühle ich mich definitiv besser, das habe ich zweifelsfrei erkannt.