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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

2. Fachtag Autismus Rosenheim

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Es war ein anstrengender, aber spannender Tag gestern in Rosenheim auf dem 2. Fachtag Autismus. Er begann nach einer vorangegangenen schlafreduzierten Nacht und dank deutscher Bundesbahn stressig. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass der Zug Verspätung hat, wenn ich ausnahmsweise einmal per öffentlichem Verkehrsmittel zu einer Veranstaltung fahren möchte. Also war ich nicht völlig unvorbereitet, als ich am Bahnhof die Verspätungsanzeige las. Weil bei uns aber nur ein Zug pro Stunde fährt, war die Auswahl an Alternativplänen von vornherein begrenzt. Aber dank Support von der Basis zu Hause kam ich letzten Endes noch vor dem pünktlichen Beginn der Veranstaltung im OVB-Medienforum an und konnte mich während der Fahrt einigermaßen erholen.

Das Programm am Samstag beinhaltete ausschließlich Vorträge von autistischen Referenten. Als erstes hielt Frau Dr. Christine Preißmann einen Vortrag mit dem Titel „Gut leben mit Autismus – Gut leben mit einem autistischen Kind“, sie nannte als Ziel, die andere Welt, die Welt von Autisten begreifbar zu machen und Möglichkeiten für ein gelingendes Leben zu finden. Nach einer kurzen Einführung zu Autismus ging sie ausführlich auf die Situation von Autisten und ihren Angehörigen ein. Sie beleuchtete vielschichtig die Probleme, die Angehörigen und Betroffenen nach der Diagnose und im weiteren Lebensverlauf begegnen können und nannte hilfreiche Maßnahmen, um mit diesen Problemlagen umzugehen. Dabei betonte sie die Notwendigkeit einer guten Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern bzw. Betroffenen. Am Ende zeigte sie mit Hilfe einer Fotodokumentation ihre Sicht auf Autismus in Bildern. In der anschließenden Fragerunde zeigte Frau Dr. Preißmann Möglichkeiten der therapeutischen Unterstützung auf und ermunterte das Publikum, bei Schwierigkeiten mit den Krankenkassen wegen der Kostenübernahme eine Musterklage anzustrengen. Dabei könne man sich wegen Unterstützung an den Bundesverband Autismus Deutschland e.V.  wenden.

Bei diesem ersten Vortrag gefielen mir die ruhig vorgetragenen, sachlichen Informationen, wobei Frau Dr. Preißmann erfreulich selten redundant Text von ihren unterstützenden Präsentationsfolien ablas. Die Folien gefielen mir weniger, was zum einen am farbigen Hintergrund und zum anderen an der großen Textmenge lag. Leider war es mir wegen dieser Informationsflut nicht möglich, all die interessanten Dinge auch zu lesen, die auf den Folien standen. Zum Glück gibt es aber die Möglichkeit, sich die Präsentation zusenden zu lassen, so dass ich das noch nachzuholen gedenke. Ich empfand diesen sehr interessanten Vortrag aber für mein Auffassungsvermögen als zu lang.

Nach einer Pause hielt Dr. Peter Schmidt, der den ganzen Tag anwesend war, einen eindrücklichen Vortrag über die Ausprägung seines eigenen Autismus. In der seine Beispiele begleitenden Präsentation zeigte er mit Hilfe von Metaphern, bildlichen Vergleichen und Fotos aus seinem Leben anschaulich, was Autismus für ihn bedeutet. Mir gefiel dabei besonders seine Erklärungen zum Thema Wahrnehmung anhand einer Aufnahme einer Siedlung aus großer Höhe, die er als Schwarz-Weiß-Foto und als Farbfoto nebeneinander auf einer Folie zeigte. Dem Publikum stellte er die Aufgabe, auf dem Schwarz-Weißbild die Swimmingpools zu erkennen. Unmittelbar war ersichtlich, wo die Schwierigkeiten liegen und was die Wahrnehmung von Autisten und Nichtautisten unterscheiden und warum autistische Wahrnehmung anstrengender ist. Seine Ausführungen zur Empathie waren zwar geprägt von einer egozentrischen Weltsicht, aber nachvollziehbar und eingängig. Sein lebendiger Vortragsstil und die Darstellung autistischen Verhaltens durch persönliche Bilder und anhand von Beispielen aus seiner Kindheit machten diesen unterhaltsamen Vortrag zu einem echten Highlight für mich. Leider kürzte er seinen Vortrag um einige Beispiele und Folien mit dem Hinweis auf die Zeitvorgabe, wobei im Programm nichts von festgesetzten Zeiten stand. Die anschließende Fragerunde war genauso unterhaltsam wie der Vortrag selbst. Kritisch sehe ich Dr. Schmidts Anspruch, Deutungshoheit zum Thema Autismus zu haben. Ich empfand seine Aussage, was seiner Ansicht nach nicht Autismus ist, zumindest als fragwürdig. Denn meiner Ansicht nach ist es wichtig zu betonen, dass Dr. Peter Schmidt viele Diagnosekriterien sicher bilderbuchmäßig erfüllt, aber auch er nur genau ein individuelles Beispiel für das weite Autismus-Spektrum ist.

Im Anschluss sprach Denise Linke zum Thema Inklusion auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen aus der Schulzeit. Für mich war ihr Vortrag unstrukturiert, informationsarm und irritierend und ich konnte inhaltlich nicht viel mitnehmen. Frau Linke verschwand direkt nach ihrem Vortrag und der einzigen Frage aus dem Publikum wieder durch die Saaltüre.

Zum Schluss stellten Marlies Hübner und Misha Vérollet ihr Internet Aufklärungs- und Informationsprojekt „AutismusFAQ“ vor, bei dem Autisten Fragen zu Autismus beantworten. Danach erläuterten sie mit einer gut gestalteten Präsentation, bei der mich nur die verwendeten PowerPoint Animationseffekte störten, ihre Idee einer alternativen grafischen Darstellung des autistischen Spektrums. Dies wurde anschließend noch mit dem Publikum diskutiert. Die Veranstaltung endete mit einer kurzen Lesung Marlies Hübners aus ihrem Buch „Verstörungstheorien – Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne“.

Eigentlich war ich bereits nach dem Vortrag von Dr. Peter Schmidt restlos erschöpft, aber auf so einer Veranstaltung gibt es wenig Möglichkeiten, sich zu regenerieren. In den Pausen ging ich bis auf eine interessante Unterhaltung mit Dr. Schmidt nach draußen oder setzte meine Kopfhörer auf, um Musik zu hören. Das half dabei, durchzuhalten. Ich bin mir im Vorfeld solcher Veranstaltungen natürlich darüber bewusst, dass es anstrengend wird. Der Besuch einer solchen Veranstaltung bedeutet, dass ich weit über meine Belastungsgrenzen hinausgehe. Aber den Preis dafür zahle ich gerne, denn nicht zu einer mich interessierenden Veranstaltung gehen ist keine Option. Ich möchte am Leben teilhaben, auch wenn ich den oder die darauf folgenden Tage ausschließlich damit zubringen muss, mich zu erholen. Und der Besuch des 2. Fachtages Autismus hat sich definitiv gelohnt.

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