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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Ich bin Autistin, keine potentielle Gewalttäterin!

4 Kommentare


In der heutigen Ausgabe unserer Tageszeitung (Allgemeine Laber Zeitung; Samstag 07. Oktober 2017) las ich auf Seite 11 unter der Überschrift „Die drei Gutachten im Überblick: Krankheit als Antrieb“, dass der Täter des Münchner Amoklaufes im OEZ laut einem der Gutachter „Offensichtlich aus narzisstischer Kränkung und Empathielosigkeit (vermutlich wegen des Aspergersyndroms)“ die Tat begangen habe.

Seit Jahren wird in sozialen Medien (beispielsweise hier) von Betroffenen versucht, die Tragweite der medialen Berichterstattung begreiflich zu machen. Gefühlt jedes Mal, wenn in den Medien über einen Amoklauf berichtet wird, ist in irgendeiner Form auch die Rede von Autismus oder von damit assoziierten, sozial nicht akzeptierten Dingen, wie Einzelgänger sein, keine Freunde haben, zurückgezogen leben, exzessiv Computerspiele (hier vor allem immer wieder Ego-Shooter) spielen, Mobbing usw. usf.

Mich macht das einfach nur traurig. Und mutlos. Auch mein Sohn spielte sehr viel am Computer, war Einzelgänger und wurde in der Schule gemobbt. Ich erinnere mich daran, dass mir in der Schule beim Elternabend einmal eine Lehrkraft gegenübersaß, die mich allen Ernstes fragte, ob mein Sohn tatsächlich plane, die Welt zu vernichten? Ihr sei das von Mitschülern zugetragen worden. Sie mache sich Sorgen, zuzutrauen sei es ihm ja, intelligent wie er sei. Ich war damals völlig verblüfft und dachte mir im Stillen – eine studierte Gymnasiallehrkraft äußert so etwas, wie absurd ist das denn? Damals hatte mein Sohn noch keine Autismus-Diagnose. Aus heutiger Sicht bin ich direkt froh darüber. Leider zeigen mir diese Anekdote und der heutige Artikel, dass Anderssein grundsätzlich mit potentieller Gewalttätigkeit gleichgesetzt wird. Selbst bei einer Hochbegabung, die eigentlich doch positiv besetzt sein sollte, war diese Form des Andersseins einer Lehrkraft suspekt und führte zu einer solchen Zuschreibung.

Ich bin Autistin mit der ICD10-Diagnose F84.5 und mich beschäftigt dieser Artikel seit heute morgen. Die Formulierung ist spekulativ, wie das leicht zu überlesende Wort „vermutlich“ zeigt. Sie stellt aber einen angeblich fundierten Zusammenhang zwischen dem Amoklauf und Autismus her. Immerhin ist der Gutachter ein Professor und das Ganze steht in der Zeitung, das könnte viele Leser von der Korrektheit überzeugen. Unbeachtet bleibt dabei aber, dass der Gutachter aus der Aktenlage heraus begutachtet hat und offenbar gar nicht sicher ist, dass der Täter Autist war. Außerdem ist Autismus weder mit Narzissmus gleichzusetzen, noch sind Autisten generell empathielos. In meinen Augen ist die Formulierung diskriminierend, sie richtet sich gegen Inklusion und sie zementiert entgegen dem aktuellen Forschungsstand einen Mythos über Autismus.

Auf den heutigen Artikel habe ich mit der Redaktion der Zeitung Kontakt aufgenommen und meine Gedanken dazu mitgeteilt. Nur leider hilft das nicht gegen das durch solche Formulierungen weiterhin verbreitete Bild von Autisten als Menschen, vor denen man Angst haben muss – sie könnten ja beispielsweise Amok laufen. Zudem verhindern solche Artikel eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Offen mit meinen Diagnosen umzugehen, wird mir so schwergemacht. Ich befürchte, dass alle Versuche, gegen die Vorurteile vorzugehen und über das Wesen von Autimus aufzuklären, nichts gegen die durch solche Formulierungen in den Köpfen der Leser entstehenden Assoziationen ausrichten.

Ihr müsst mir also einfach glauben: Ich bin ein friedliebender Mensch. Ich bin Autistin, aber ich tue trotzdem niemandem Gewalt an.

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Autor: SWB

Erziehungswissenschaftlerin / Steuerfachangestellte mit Montessoridiplom, ich studiere an der FernUni Hagen den Masterstudiengang Bildung und Medien eEducation. Ich bin eine viellesende Autistin und Aspie-Muttertier. Ich äußere mich zwar am liebsten schriftlich, halte aber trotzdem und gerne Vorträge über das Thema Autismus.

4 Kommentare zu “Ich bin Autistin, keine potentielle Gewalttäterin!

  1. Hier zeigen sich mal wieder die Schreiberlinge von irgendwelchen Lokalblättchen als Möchtegernpsychologen ohne tatsächliche Ahnung, die nur allzuschnell als solche zu entlarven sind.
    „Kognitive Empathie“ ist das Problemfeld bei Autismus. „Affektive Empathie“ fehlt Narzissten und Psychopathen.
    Es sind dies die beiden Seiten der Empathie-Münze und im Regelfall liegt nur eine der beiden Seiten oben und liegt damit vor (es kann seltene Ausnahmen geben). Wer nur von „Empathielosigkeit“ spricht, der hat die Grundzüge nicht verstanden.
    Hier noch ein paar Quellen, die man diesen stümperhaften Journalisten um die Ohren hauen sollte:
    „Zero Degrees of Empathy“ (in dem dieser Unterschied deutlich erklärt wird): https://www.youtube.com/watch?v=Aq_nCTGSfWE
    „The Myth of the ‘Autistic Shooter’“: https://www.nytimes.com/2015/10/12/opinion/the-myth-of-the-autistic-shooter.html?_r=0
    „Just Listen – Don’t Confuse a Narcissist with Asperger’s Syndrome“: http://www.huffingtonpost.com/mark-goulston-md/just-listen—dont-confus_b_316169.html
    „Aspergers – Narcissism: NOT The Same“: https://web.archive.org/web/20150819015935/http://www.mindretrofit.com/2013/02/24/aspergers-narcissism-not-the-same-i/

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    • Vielen Dank für deinen Kommentar und die vielen Links zum Thema Empathie bei Autismus.

      Ich weiß nicht, ob die Formulierung in dem Artikel von der Lokalreporterin stammt oder ob sie diese aus dem Gutachten des Professors übernommen hat. Insofern möchte ich keinesfalls jemanden persönlich angreifen. Falls letzteres der Fall ist, dann ist allerdings dem Gutachter der Vorwurf zu machen, dass er scheinbar nicht auf einem aktuellen Forschungsstand ist.

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  2. Vielen Dank für diesen tollen Bericht.

    Ich selbst lebe seit drei Jahren mit einem Asperger Autist zusammen und kann deinem Bericht nur zustimmen. Ich selbst habe innerhalb meiner Familie feindliche Reaktionen erlebt, von Sprüchen her usw. obwohl diese nicht mal wissen, dass mein Partner ein Autist ist. Nur von seinem Verhalten her. Ich persönlich habe mich aus diesem Grund von meiner Familie di­s­tan­ziert.

    Oder anders, ich war innerlich schon lange auf Distanz, bin es jetzt aber auch räumlich gesehen. Sie brauchen immer irgendwen als schwarzes Schaf, über den/die sie herziehen können. Im Prinzip ist das einer Hexenjagd ähnlich. Verhaltensweisen werden gleich analysiert und das Gegenüber in eine Schublade gesteckt.

    Der Asperger Autist, mit dem ich zusammen lebe, hat mehr Mitgefühl, als manch andere Neurotypen, die von sich behaupten, die „Super Empathen zu sein“. Was ich aber unterzeichne ist, dass er mein Gemüt nicht an meinem Gesicht, bzw. an der Körpersprache erkennt. Aber wer das weiß und nicht immer auf der Suche nach ständiger Bestätigung seiner Selbst ist, kommt damit gut zurecht.

    Ich sage ihm direkt mit klaren Worten, wie ich mich fühle und erkläre ihm, warum mich etwas verletzt hat. Und dann grübelt er. Er kann sich auch entschuldigen, was Narzissten zum Beispiel niemals tun. Wenn sich Autisten angenommen und aktzeptiert fühlen, wie sie sind, könne sie die loyalsten Freunde oder Partner sein.

    Und zum Thema Amoklauf. Wie kann ein Autist einen Amoklauf begehen, obwohl er /sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat? Leider ist es eher Tatsache, dass viele Autisten Suizid begehen, wenn sie ständig nur abgelehnt werden. Und das machen sie ganz für sich. Im Gegensatz zu Narzissten, die eher den erweiterten Suizid wählen.

    Also liebe Silke, ich glaube dir auf jedes Wort, was deinen letzten Satz betrifft. Klar, seid ihr autistischen Menschen oft direkt und manches kann taktlos wirken, aber können wir Neurotypen nicht eher daraus lernen? Ein klares „JA“.

    Mein größtes Hobby ist die Fotografie. Mein Partner ist mein ehrlichster und bester Kritiker. 😉
    Außerdem hechel ich nicht nach Bestätigung, was mein Aussehen (Figur, Frisur usw) betrifft und schwöre nicht auf charmeurhafte Romantiker, die einem die Rosen zu Füßen legen. Ein Mensch, der strukturiert ist, seine Rituale hat und offen und ehrlich ist, tut mir unheimlich gut. Und Gewalttäter ist er keinesfalls. Nur eben schonungslos ehrlich. 😉

    Ich wünsche deiner Familie und dir eine wundervolle Weihnachtszeit. Lasst euch von solchen Artikeln nicht den Boden unter den Füßen wegreißen. Ich selbst bin ADS’lerin und kenne solche Vorurteile nur zu Gute. Die Menschen brauchen anscheinend Menschen wie uns, denen sie die Schuld an allem geben können, was schief läuft. Wir bösen „Introvertieren“ eben.

    Achso, ich habe einen noch viel härteren Bericht im Jahre 2017 gelesen, wo Autisten und AD(H)’sler ins gleiche Boot gesteckt wurden. Wir hätten alle vernichtende Allmachtsphantasien und würden Menschen, die nicht hochbegabt sind, als unwertes Leben sehen. Komisch ist nur, dass weder mein Partner noch ich dem zustimmen können. Klasse, was uns alles nachgesagt wird.

    Grüße aus der Hauptstadt,
    Daniela

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    • Es lebe das gepflegte Vorurteil. Bei „vernichtende Allmachtsphantasien“ musste ich schmunzeln. Ich gebe zu, manches mal wünschte ich, es gäbe nicht gar so viele (kreuzdoofe) Menschen auf der Welt, das täte der Welt bestimmt gut. Aber ich würde mir nicht anmaßen wollen, zu bestimmen, welche Menschen nicht mehr da sein sollen. Wahrscheinlich rottet sich die Menschheit in naher Zukunft sowieso selbst aus, dann hat sich das „Problem“ Homo stultus erledigt.

      Grüße zurück. Ich wünsche dir und deinem Partner auch eine schöne Weihnachtszeit.

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