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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Sicherheitsbedürfnis und Autismus

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Mein Bedürfnis nach Sicherheit ist exorbitant hoch. Ich bin immer noch am Sortieren, was davon eigentlich von meinem Autismus kommt. Ich sorge Zeit meines Lebens mit aller Kraft für Sicherheit. Andere haben das auch schon als „Du musst aber auch immer alles unter Kontrolle haben“ bemängelt. Ja, mag sein. Aber ich kann Sprüchen wie: „Man kann nie sicher sein“ oder „Ohne Unsicherheit wäre das Leben ja langweilig“ nicht viel abgewinnen. Ich finde, das Leben ist Überraschung genug. Da brauche ich nicht zusätzlich in meinen Augen vermeidbare Unsicherheit. Deshalb sorge ich für größtmögliche Sicherheit, indem ich vorausplane und mich informiere, rückversichere und absichere.

Entscheidungen zu treffen, ist ebenfalls kompliziert für mich. Es ist für mich zwingend notwendig, vor jeder Entscheidung alle für mich vorstellbaren Szenarien durchzudenken. Ich bin mir dessen bewusst, dass das viel Zeit und Energie kostet. Aber ich kann mich nur für einen (den optimalen) Plan entscheiden, wenn ich jeden möglichen Plan durchdacht habe. Ich denke zwar sehr schnell und auf Hochtouren, die Folge davon ist aber, dass ich erstmal nicht zum Handeln komme und ich dadurch Zeitprobleme bekomme. Zeitmanagement ist eines meiner Kernprobleme, das mich stark behindert. Ich kann nicht handeln, ohne alle Alternativen durchdacht zu haben. Es ist ein Zwang, ich funktioniere so. Ich würde gern lernen, das zu ändern, anders damit umzugehen. Aber es macht mir Angst, mich entscheiden zu müssen, ohne erst alles gründlich für mich durchdacht zu haben. Ich muss wissen, was passiert. Unsicherheit ist sehr verunsichernd. Allerdings ist mir klar, dass ich nie alle Möglichkeiten durchplanen kann. Ich versuche zwar, die potentiellen Möglichkeiten, was passieren wird, einzugrenzen, es wird mir aber nie vollständig gelingen. Nur: Irgendwo anfangen, um dann eins nach dem anderen zu erledigen, vollkommen ohne zu wissen, auf was ich mich damit wenigstens wahrscheinlich einlasse – allein die Vorstellung lässt mich vor Angst handlungsunfähig erstarren. Es erscheint mir unvorstellbar, mir keine weiteren Gedanken über die Folgen, die eine andere Entscheidung hätte, zu machen. Dazu kommen die Überlegungen, was ich mache, wenn etwas dazwischen kommt?

Unsicherheit bedeutet für mich, dass ich Angst habe. Ich habe vor recht vielen Dingen Angst. Davor, meinen Mann und besten Freund zu verlieren. Ich habe nicht viele Freunde. Genaugenommen ist die Anzahl meiner Freunde in einem sehr überschaubaren einstelligen Bereich. Er ist das Beste, was mir beziehungs- und freundschaftstechnisch passieren konnte. Das möchte ich trotz der Schwierigkeiten, die sich durch das Zusammenleben mit ihm selbstverständlich auch ergeben, auf keinen Fall mehr missen. Damit zusammen hängt die Angst, mein Zuhause zu verlieren. Mein Zuhause ist mein sicherer Erholungsort von der (verkehrs)lärmigen und viel zu menschenvollen Welt. Zumindest so lange der Nachbar keinen Mais siliert. Aber da das nur an wenigen Tagen im Jahr passiert, kann ich mich vorher darauf einstellen und im besten Fall einfach nicht anwesend sein. Netterweise warnt der Nachbar uns nämlich immer ein paar Tage vorher vor, was ich sehr zu schätzen weiß.

Ein Unsicherheitsfaktor ist derzeit meine Arbeitssituation. Ich hatte längere Zeit Angst, meine Stelle zu verlieren, obwohl ich glaube, dass diese Stelle mich sehr belastet. Aber sie gibt meinen Tagen eine verbindliche Struktur und mir Selbstbewußtsein, auch weil ich einen Beitrag zu unserem Lebensunterhalt leiste. Außerdem vermittelt sie mir die Sicherheit, finanziell nicht vollkommen abhängig zu sein. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass der Vertrag nicht verlängert wird. Das Arbeitsamtprozedere hat bereits begonnen und verunsichert mich, weil nicht absehbar ist, was es für Möglichkeiten für mich gibt und was auf mich zukommt. Es wäre sehr hilfreich für mein Sicherheitsgefühl zu wissen, wie es in Sachen Arbeit weitergeht.

Ein mittlerweile chronischer Unsicherheitsfaktor ist aber die Angst, etwas missverstanden zu haben oder missverstanden worden zu sein. Sie beruht auf Erfahrungswerten, weshalb ich stets nachfrage und mich rückversichere, bis ich mir sicher bin, dass es richtig verstanden wurde. Leider merke ich nicht immer, wenn ich andere damit nerve und ich früher aufhören oder gar nicht erst beginnen hätte sollen. Aber ich arbeite daran.

Eminent wichtig für meine Sicherheit ist, dass sich etwas, auf das ich mich verlasse oder auf das ich mich freue, nicht plötzlich ändert. Abmachungen und Versprechen dürfen also nicht einseitig abgeändert oder gebrochen werden, auch geplante Freizeit-Unternehmungen sollten besser nicht ausfallen. Ich bin da leider bis heute überhaupt nicht flexibel und nehme solche Vorfälle seit dem Kindergartenalter absolut ungnädig zur Kenntnis. Ausfallende Termine führen ebenfalls zu Unsicherheit, meine erste Reaktion ist: Was mache ich denn jetzt stattdessen? Aber der Termin war doch wichtig, sie können ihn doch nicht einfach ausfallen lassen? Mir fällt auch nicht sofort die offensichtliche Lösung, einen neuen Termin auszumachen ein. Selbst wenn ein Termin wegen Erkrankung ausfällt, habe ich kein spontanes Mitgefühl mit dem Erkrankten, der mir gar nicht in den Sinn kommt. Im ersten Moment überwiegen Angst, Unsicherheit und sogar Wut, dass der Termin ausfällt, dass meine Planung gestört wird.

Letzten Endes hat mich auch die Diagnostik nach dem Verdacht, eventuell selbst autistisch zu sein, unsicher gemacht. Vieles, wovon ich sicher war, hat sich als anders herausgestellt. Mein Selbstbild in Sachen verbale Fähigkeiten, Textverständnis und erkennen, was auf Bildern fehlt, entspricht laut Testergebnissen offenbar nicht den Tatsachen. Dabei dachte ich beim Test, dass ich hier wirklich gut gewesen war. Erstaunlicherweise war ich aber eher gut in Dingen, von denen ich es nicht vermutet hätte. Ich bin zutiefst verunsichert, weil ich vorher einfach nicht bemerkt hatte, dass ich Gesichtsausdrücke scheinbar schlecht deuten kann. Seither traue ich meiner Menschenkenntnis nicht mehr und frage noch mehr nach, wobei dann wieder die Unsicherheit besteht, nicht zu bemerken, wann ich aufhören sollte. Die Autismus-Diagnose hat mir leider einen sehr großen Teil meiner sowieso nicht groß vorhandenen Selbstsicherheit genommen. Im Umgang mit anderen bin ich seither deutlich ängstlicher und unsicherer.

Unsicherheit in für mich absolut wichtigen Dingen macht mich unausstehlich. Unsicherheit in relativ wichtigen Dingen macht mich nur unnett. Seit sein Verdacht bestätigt wurde, dass ich tatsächlich autistisch bin, meint mein Mann, dass er meine Reaktionen viel besser nachvollziehen kann. Was sie allerdings nicht besser macht für uns beide. Unsicherheit führt bei mir zu unterschiedlichen Reaktionen. Je nachdem und je nach Zustand. Beispielsweise zu einer exzessiven Beschäftigung mit der Sache. Was neben penetrantem Nachhaken auch ausufernde Diskussionen bedeuten kann. Unsicherheit führt manchmal auch zu mehr oder weniger heftiger verbaler Abwehr. Oder zu tagelanger Schweigsamkeit. Eine unnette Reaktion ist sozialer Rückzug, ich verschwinde und mache mich unauffindbar, was bei meinem Zuhause nicht sonderlich schwer fällt. Ab und an führt Unsicherheit auch zu überaus emotionalen Reaktionen, aber zum Glück bekommt meine Zusammenbrüche bei GAUs (größter anzunehmender Unsicherheit) sehr selten jemand mit, was daran liegt, dass ich im Gegensatz zu früher gelernt habe, nicht nur alles um mich herum, sondern auch mich selbst rigide zu kontrollieren. In den meisten Fällen kann ich rechtzeitig dafür sorgen, dass ich sicher alleine bin und nur mein Mann solche Zustände mitbekommt.

All diese unausstehlichen oder unnetten Reaktionen treten bei ausreichend befriedigtem Sicherheitsbedürfnis nicht auf. Sicherheit bewirkt, dass ich mich entspannen kann und mich wohl fühle. Und dass ich nicht nur Zeit und Energie dafür habe, mich interessanten Dingen zu widmen, sondern auch noch sozialverträglich zu bleiben. Auch ohne, dass dies alles tatsächlich von meinem Autismus kommt, sind das gute Gründe für mich, ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit zu haben und möglichst viel unter Kontrolle zu behalten.

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2 Kommentare zu “Sicherheitsbedürfnis und Autismus

  1. Ganz ohne Autismus finde auch ich das Leben an sich ist manchmal schon unsicher genug. Vieles von dem, was du geschrieben hast, ist sehr gut nachvollziehbar! Es ist doch gut, dass du Sicherheit in der Regelmäßigkeit findest und dir dein Leben danach richtest – solange du dich darin nicht eingesperrt fühlst.

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