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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Autistic pride: autistische Stärken – Uminterpretationen allein bringen mich als Autistin auch nicht weiter

2 Kommentare


Autismus wird anhand von Defiziten diagnostiziert, die Diagnosekriterien beschreiben keine Stärken. Carol Gray und Tony Attwood haben diese Kriterien (hier in einer deutschen Übersetzung) aber zu Stärken umformuliert. Auch andernorts hatte ich von autistischen Stärken gelesen. Ich habe Schwierigkeiten damit, mich in den beschriebenen Stärken wiederzufinden. Autistic pride klingt enthusiastisch, aber als so toll oder explizit autistisch empfinde ich manche meiner Eigenschaften gar nicht.

Als positive Eigenschaft von Autisten wird deren bedingungslose Loyalität genannt. Aber ob das immer ursächlich mit Autismus zu tun hat, bezweifle ich. Die wichtigsten Werte, die mir meine Eltern vermittelten, waren Ehrlichkeit und Familienzusammenhalt. Meine Mutter brachte mir bei, dass man sich in jedem Fall zu seinem Mann und seinen Kindern loyal verhält. Die Familie hat unbedingt erste Priorität. Sie selbst hat sich bedingungslos daran gehalten. Mein Vater aber leider nicht. In meinem Fall ist meine unbedingte Loyalität also eher ein Ergebnis meiner sehr konsequenten Erziehung, die überwiegend meine Mutter geleistet hat. Für Freundschaften kann ich bedingungslose Loyalität jedoch bestätigen. Mein Vater erklärte mir, dass man Freunde erkennt, wenn man umzieht. Wer tatsächlich beim Umzug als Helfer anwesend ist und den ganzen Tag Kisten und Möbel schleppt, zählt zu echten Freunden. Ich hatte niemals viele Freunde, aber für die Menschen, von denen ich meinte, dass sie meine Freunde sind, tat ich tatsächlich sehr viel. Auch zu Zeiten, wo es mir gesundheitlich schlecht ging, half ich ihnen mit hohem Engagement, ohne je eine Gegenleistung zu erwarten und war auch bei jedem Umzug dabei. Ich selbst hatte nach der Definition meines Vaters eine sehr überschaubare Anzahl an echten Freunden. Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass ich auch noch nicht so häufig umgezogen bin.

Autisten zeichnen sich durch ihre Ehrlichkeit aus. Lügen ist für Autisten angeblich nicht möglich. Ich glaube das erstmal nicht. Von mir selbst kann ich definitiv nicht behaupten, nicht lügen zu können. Ich mache es zwar sehr ungern, das hat aber neben dem schlechten Gewissen, das ich wegen meiner nachhaltigen Erziehung sofort habe, auch pragmatische Gründe. Lügen ist anstrengend, man muss sich sehr genau merken, was man wem erzählt hat. Die Wahrheit zu erzählen, ist für mich wesentlich einfacher. Um eigene Fehler zu vertuschen lüge ich nicht, weil ich es nicht schlimm finde, Fehler zu machen oder einzugestehen. Es heißt, dass man aus Fehlern lernt. Wenn ich bemerke, dass ich einen Fehler gemacht habe, spreche ich das an. Auch wenn zwischen dem Fehler und der Erkenntnis, ihn gemacht zu haben, sehr viel Zeit vergangen ist. Als ich jemanden wiedersah, mit dem ich ein Jahr zuvor ein Streitgespräch hatte, teilte ich ihr sofort mit, inwiefern ich damals in der Sache irrte. Monate später hatte ich zu dem Thema neue Informationen gelesen und wusste deshalb, dass ich im Gespräch etwas Falsches behauptet hatte. Mir war es ein inneres Bedürfnis, meinen Fehler richtig zu stellen. Die Frau konnte sich aber gar nicht mehr an unser Gespräch erinnern. Wenn man unter autistischer Ehrlichkeit auch die Direktheit subsummiert, dann hat sie nicht nur schöne Seiten. Ich bin Spezialistin darin, zur Unzeit unpassende Dinge zu äußern. Von frühester Kindheit an habe ich selten „ein Fettnäpfchen ausgelassen“ (RW). Leider habe ich mit meinem Talent dafür und mit meiner Direktheit häufig unbeabsichtigt andere Menschen verletzt oder soziale Fehler begangen und Schwierigkeiten dadurch bekommen. Weniger Direktheit wäre für mich mehr.

Eine der Stärken von Asperger-Autisten sollen die sehr guten sprachlichen Fähigkeiten sein. Ich meinte bis zur Diagnostik, einen relativ großen Wortschatz zu haben und mich einigermaßen klar ausdrücken zu können. Laut Intelligenztest ist mein Wortschatz aber nur gut durchschnittlich. Angeblich sagte meiner Mutter der Kinderarzt bei einer Vorsorgeuntersuchung, sie müsse sich unbedingt ein Tonbandgerät kaufen, um aufzunehmen, wie ich mich als Kleinkind ausdrückte, das wäre ungewöhnlich. Das hat sie nicht getan, so dass es dafür keine Beweise gibt. Ich habe mich jedenfalls nie als besonders redegewandt wahrgenommen. Schriftlich kann ich mich besser artikulieren. Im Schriftlichen war ich auch während meines gesamten Schülerdaseins wesentlich besser als im Mündlichen. In allen Zeugnissen steht, die Schülerin sollte sich mehr am Unterricht beteiligen und mehr mitarbeiten. Ich hatte an der Tafel, oder wenn ich von der Lehrkraft aufgerufen wurde, oft einen Blackout und deshalb panische Angst davor, aufgerufen zu werden. Referate hatte ich lange Jahre vermeiden können. Bis heute sind sie ein Problem für mich. Ich kann vor mehreren Leuten nicht gut reden und muss mich immer an schriftlichen Aufzeichnungen festhalten. Wenn ich unterbrochen werde, kann ich danach häufig nichts mehr zum Thema beitragen, weil ich den Einstieg nicht mehr finde.

Logischerweise habe ich einen großen passiven Wortschatz, ich denke, das bleibt nicht aus, wenn man fast fünfzig Jahre lang sehr viele Bücher liest. Selbstverständlich kann ich mich ausdrücken, trotzdem kommt es immer wieder zu eklatanten Missverständnissen in der Kommunikation mit anderen. Meine Versuche, das Fremdwörterbuch auswendig zu lernen, waren nicht erfolgreich, ich bin nicht besonders weit gekommen, es gibt viel zu viele Fremdwörter, die ich nicht kenne und die ich nicht erklären kann. Außerdem ist mein Textverständnis scheinbar nicht so toll. Aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass es sinnvoll ist, eine E-Mail mehr als einmal durchzulesen und gründlich über den Inhalt nachzudenken, bevor ich voreilige Schlüsse ziehe, die sich im Nachhinein dann als Irrtum erweisen. Als sehr gute sprachliche Fähigkeiten würde ich das Ganze nicht bezeichnen.

Ich habe jahrelange mit Menschen zusammengelebt, die wirklich gute sprachlichen Fähigkeiten haben. Mein jüngster Sohn brachte es während seiner Schulzeit jedes Jahr kurz vor Notenschluss noch mittels spontan gehaltener Referate, auf die er sich nicht mal vorbereitet hatte, fertig, dann doch nicht durchzufallen. Mein mittlerer Sohn kann unglaublich lange Monologe über interessante Dinge halten, die zwar ihn, aber ansonsten leider reichlich wenig Menschen um ihn herum interessieren. Seine Themen betrafen oftmals Interessensgebiete, die ich nicht teile, was schade ist, denn ich hätte dank seines umfangreichen Wissens viel von ihm lernen können. Wenn ihn jemand unterbricht, setzt er seinen Satz an genau der Stelle fort, an der er unterbrochen wurde, wenn er weitersprechen kann. Das ist eine Fähigkeit, die mich fasziniert. Meine Tochter war und ist einer der der eloquentesten Menschen, die ich überhaupt kenne. Sie verwendete bereits im einstelligen Kindesalter mehr Fremdwörter als manche Menschen im ganzen Leben und das auch noch durchgängig im richtigen Zusammenhang. Sie interessierte sich besonders für alte Sprachen und war sehr gut in Latein und Altgriechisch, was ihr bei der Herleitung der Bedeutung ihres Fremdwortschatzes sicher geholfen hat. Um sich umfassend zu bilden, wechselte sie nach dem Abitur zur Naturwissenschaft. Jetzt ist sie Doktorandin der Biologie, ich denke mal, ihre Sprachbegabung hilft ihr dort ebenfalls. Ich bin nicht sprachbegabt, das Latinum erreichte ich in meiner Schulkarriere nie. Es war ziemlich anstrengend, aber unglaublich interessant, mit meinen Kindern zu diskutieren. Sich gegen ihre Argumentationen durchzusetzen, war schwierig. Ihre Erziehung wurde dadurch auch nicht unbedingt leichter. Aber ich möchte trotzdem keine einzige Unterhaltungen mit ihnen missen. Ganz besonders fehlen mir die gemeinsamen Gespräche am Abendbrottisch, seit auch der Letzte ausgezogen ist.

Angeblich haben Autisten ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis und eine hervorragende Merkfähigkeit, sie häufen Expertenwissen in ihrem Spezialinteresse an. Jemand meinte zwar vor Jahren, ich solle mich für Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär“ anmelde, ich selbst weiß aber vor allem, wie unglaublich wenig ich weiß. Ich habe zu sehr vielen Themen ein mittelmäßiges Halbwissen, ein echtes Spezialgebiet habe ich jedoch nicht. Das einzige Thema, zu dem ich glaube, relativ viel zu wissen, ist Pädagogik, aber da sollte ich auch ein gewisses Wissen haben, ich habe es immerhin studiert. Das Dumme ist nur, dass ich mein Wissen zwar im Kopf habe, es aber auf Nachfrage nicht abrufen kann. Wenn ich etwas lese, dann vergesse ich ziemlich schnell, was der genaue Textinhalt war. Ich weiß dann, dass ich zum Thema bereits einiges gelesen hatte, kann aber nicht erklären, was genau und in welchem Buch oder in welcher Studie. Wenn ich zu Hause bin und nachsehen kann, finde ich die entsprechende Literatur relativ schnell wieder und erinnere mich dann auch an den Wortlaut. Nur nutzt mir das dann nichts, ich bin nicht immer zu Hause.

Mein Sohn dagegen ist eine wandelnde Wikipedia Enzyklopädie, das, was er liest, kann er sich langfristig merken und wiedergeben. Das funktioniert bei ihm aber nur bei Themen, die ihn interessieren. Ich kann auch Dinge lernen, die mich nicht total fesseln. Mein Langzeitgedächtnis ist meiner Meinung nach aber eher schlecht. Ich habe lebenslang auf dieselbe ineffektive Art gute Prüfungsleistungen erreicht, indem ich mir Lerninhalte zusammenschrieb und dann innerhalb sehr kurzer Zeit diese Seiten auswendig lernte. In der Prüfung brauchte ich dann im Kopf, wie von Spickzetteln, aber nicht gegen die Regeln, die Lösung nur noch ablesen, weil ich die Seiten als komplettes Bild vor Augen hatte. Leider vergaß ich mit dieser Methode die Lerninhalte nach der Prüfung, weil sie nur im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert wurden.

Mein Gedächtnis ist relativ gut, wenn es darum geht, mich zu erinnern, ob ich etwas schon einmal gelesen oder gehört habe. Und ob dieselbe Formulierung benutzt wurde oder zu welchem Zeitpunkt, Ort und zu welcher Begebenheit mir etwas mitgeteilt wurde. Aber das ist höchstens nützlich beim Zeitunglesen oder Plagiate finden. Mir fällt auf, wenn ein Artikel mehrfach, aber an verschiedenen Tagen gedruckt wird oder zu verschiedenen Artikeln dieselben Bilder verwendet werden. Es macht Bücher aber nicht interessanter, wenn ich bemerke, dass der Autor dasselbe etliche Seiten vorher schon mal geschrieben hatte oder sich sogar widerspricht. Oder dass ich dieselbe Formulierung bereits woanders gelesen habe und ich mich dann frage, wer wohl von wem abgeschrieben hat. Und die meisten Leute erinnern sich nicht daran, was sie gesagt haben und reagieren höchstens ungehalten, wenn ich ihnen gegenüber auf meiner Erinnerung beharre. Mir wäre lieber, wenn ich mir Wissensinhalte besser merken könnte, auf die Art, wie mein Gedächtnis gut funktioniert, ist es relativ nutzlos.

Das mit der erstaunlichen Konzentrationsfähigkeit von Autisten hat auch nicht nur Vorteile. Wenn mich etwas sehr interessiert, dann hyperfokussiere ich darauf. Das heißt aber auch, dass ich beispielsweise stundenlang am Computer sitze und Informationen zum Thema suche oder stapelweise Bücher lese, aber darüber komplett vergesse, wieviel Zeit vergeht. Und auch wichtige Dinge, wie Essen und Trinken oder mein Wärme- und Schmerzempfinden aus den Augen verliere. Blöd ist das dann, wenn ich durchgefroren bin und dadurch krank werde. Oder einen Tag lang gar nichts getrunken habe und mich abends ziemlich ausgetrocknet fühle oder heftige Kopfschmerzen bekomme, das aber viel zu spät bemerke. Oder den ganzen Tag nichts esse und dann auch noch vergessen habe, mich rechtzeitig um das Abendessen zu kümmern. Wenn man nicht alleine wohnt, bekommt man dann Probleme. Während meiner Kindheit hat meine Konzentrationsfähigkeit häufig zu Streitigkeiten geführt. Meine Mutter glaubte mir einfach nicht, dass ich sie wirklich nicht gehört hatte, wenn sie mich rief, während ich ein Buch las. Sie wurde sehr ungehalten, weil sie meinte, ich ignoriere sie mit Absicht.

Asperger-Autismus und hohe Intelligenz scheinen häufig vergesellschaftet zu sein. Ich kenne einige gemessen hochintelligente Menschen persönlich und schätzte mich deshalb selbst seit Jahren als zwar nicht doof, aber sicher nicht hochbegabt ein. Vor einigen Jahren meldete ich mich zu einem Mensa Intelligenztest an. In diesem IQ-Test (ich meine, er hieß IST2000) wurde meine Einschätzung bestätigt. Trotzdem hält mich meine Mutter bis heute für besonders intelligent. Und zwei Personen versuchten mich davon zu überzeugen, dass der von mir erreichte Punktwert nur aus dem Stress resultierte, dass ich eine halbe Stunde zu spät kam und das Ganze in einem Raum mit vielen anderen stattfand. Ich hatte mich auf dem Weg vom Parkplatz verlaufen und fand das Gebäude, in dem der Test stattfinden sollte nicht. Und die IQ-Tests von Mensa sind Gruppentests. Meine damaligen Untertestergebnisse kenne ich nicht, weil im Preis nur ein Gesamt IQ mit inbegriffen war, für eine genauere Auswertung hätte man nochmals zahlen müssen und ich sah damals keinen Sinn darin. Während der Autismus-Diagnostik durfte ich einen Wechsler Intelligenztest für Erwachsene (WIE, Adaption des WAIS-II) machen. Bei dem kam ebenfalls heraus, dass ich nur eine Standardabweichung intelligenter als der Durchschnitt bin, wobei ich diesmal die Ergebnisse der Untertests erhalten habe. Autisten wird nachgesagt, eine detailorientierte Wahrnehmung zu haben und gut Muster erkennen zu können, mein leider sehr unausgeglichenes Leistungsprofil weist in den entsprechenden Untertests darauf hin, dass das auf mich zutrifft. Im Matrizentest erreichte ich einen sehr hohen Testwert, im Bilderergänzen dagegen ein sehr schlechtes Ergebnis. Ich kann zielsicher sagen, wie ein Muster logisch weitergehen muss und erkenne zwar viele Details, aber kann nicht das wesentliche Detail dabei bestimmen. Das zu wissen ist interessant, hilft mir aber im Leben auch nicht besonders weiter. Beachtenswert ist eher das Ergebnis, dass ich anscheinend Schwierigkeiten unter Zeitdruck habe. Die autistischen Stärken wären wesentlich hilfreicher, wenn ich mich für IT Themen interessieren würde, weil ich mich dann bei auticon als Software-Testerin bewerben könnte. Ich bin sehr froh, dass meine Söhne Computer-Nerds sind, der Jüngste ist ein richtig guter Programmierer. Mit diesem Interessensgebiet werden sie nämlich nie Probleme haben, eine Arbeit zu finden und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

P.S. vom MT: Falls ihr das lesen solltet: Ich bin sehr stolz auf euch alle.

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2 Kommentare zu “Autistic pride: autistische Stärken – Uminterpretationen allein bringen mich als Autistin auch nicht weiter

  1. Liebe Silke,
    ich glaube nicht, dass es den Autoren um eine Uminterpretation ging. Ich habe es so verstanden, dass es ihnen darum ging, nicht nur die negativen Aspekte des Autismus/Asperger zu sehen, sondern auch auf positive Eigenschaften hinzuweisen. In der Psychotherapie geht man heute immer mehr den Weg, dass man versucht, den Blick nicht nur auf Probleme und negative Aspekte zu legen, sondern versucht zu fragen: Was ist positiv, was läuft gut? Und dies wird als Ansatz genommen, um das auszubauen. Das bringt dich auf jeden Fall ein Stück deines Weges weiter. Wenn man nur auf die negativen Dinge sieht, bleibt man daran hängen und kommt auch nicht weiter. Es ist ja auch zu frustrierend, um weiter zu gehen. Du hast einige Thesen sehr eindrucksvoll widerlegt, weil es dir ums Widerlegen ging. Ich halte es aber für schwierig, sich als Mutter mit den sehr viel jüngeren Kindern zu vergleichen, indem man zudem nur die positiven Eigenschaften der Kinder mit den negativen der Mutter vergleicht. Jeder Vergleich hinkt. LG Barbara

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    • Liebe Barbara, danke für deinen Beitrag.

      meiner Ansicht nach haben die Autoren die defizitorientierten Diagnosekriterien empowermentmäßig umformuliert. Ich meine nicht, dass das ein schlechter Ansatz ist, ich schrieb: „Uminterpretationen allein bringen mich als Autistin auch nicht weiter“. Mir ging es nicht darum, irgendetwas zu widerlegen. Ich stehe im Moment vor der Problematik, arbeitslos zu werden und mich im Arbeitsamtprozedere zurechtfinden zu müssen. Mein Blogbeitrag ist ein Ansatz, so gut es mir möglich ist, realistisch meine eigene Situation zu betrachten. Natürlich bin ich auch frustriert, weil ich eben nicht der hochbegabte, informatikinteressierte Autist bin, der häufiger in den Medien zu finden ist. Mir geht es darum, für mich einzusortieren, wie sich mein Autismus in Bezug auf die von mir oft gelesenen Stärken von Autisten darstellt. Ich kann das nur über Vergleiche machen und dazu bieten sich Menschen an, die ich gut kenne. So ist es mir möglich, Gemeinsamkeiten oder Unterschiede festzustellen, die nicht nur auf Vermutungen basieren. Vielleicht ist es tatsächlich falsch, wenn ich mich mit anderen vergleiche, ich weiß nur leider nicht, wie ich eine Positionsbestimmung sonst vornehmen sollte. Für einen Vorschlag bin ich dankbar.

      Mir geht es auch darum, zu erkennen, was vom Autismus kommt und was von anderswo. Der Grund dafür ist, dass die Ärztin, bei der ich in Behandlung bin, beim letzten Termin meinte, ich solle herausfinden, welche meiner Probleme vom Autismus herrühren und welche andere Ursachen haben.

      Meine Idee zur Arbeitsplatzproblemlösung war, mich dort zu bewerben, wo von vorne herein klar ist, dass ich Autistin bin. Im Moment ist es auf dem Arbeitsmarkt jedoch noch so, dass Autisten hierzulande eigentlich nur im IT Sektor gesucht werden. Gestern war ich auf einer Veranstaltung, bei der Dirk Müller Remus, der Gründer von auticon, einen Vortrag „Autismus und Arbeit. Viele Wege führen zum Ziel“ hielt. Bisher stellt auticon nur Autisten mit dem Spezialinteresse IT ein. Er erzählte, dass er 2017 ein neues Projekt startet, um auch Autisten mit anderen Interessensgebieten in Arbeit zu bringen, es wird jedoch noch bis nächstes, bzw. in meiner Region übernächstes Jahr dauern, bevor man sich bewerben kann. Im Vortrag zeigte er auch eine Folie, auf der das Einstellungsalter bei auticon mit 20-55 Jahren angegeben wurde, wobei er mir sagte, dass auch jemand mit 60 Jahren bei auticon eingestellt wurde.

      Ein wenig Frustration erlaube ich mir jetzt schon. Ich bin in einer Zeit großgeworden, in der es die Diagnose Asperger-Syndrom noch gar nicht gab. Ich bin weiblich, werde heuer 53 Jahre alt und zu der Zeit, als es um meine berufliche Orientierung ging, wurden Frauen keine Ausbildungen im IT Sektor in der Berufsberatung vorgeschlagen. Außerdem hatte ich in Mathematik keine guten Noten. Also studierte ich Pädagogik und versuchte es mit Zahlen, indem ich Steuerfachangestellte wurde. In dem Feld, das ich studiert habe, werden hohe soziale Kompetenzen erwartet. Ich denke, ich interessiere mich deshalb schon sehr lange für Pädagogik und Psychologie, weil ich bereits früh meine eigenen Schwächen bemerkt hatte. Gut, die Menschen verstehe ich jetzt sicher besser, aber die notwendigen sozialen Kompetenzen, um in einem Team aus Sozialpädagogen zu bestehen, habe ich offensichtlich nicht erlangen können. Retrospektiv betrachtet, wäre ein technisches Interesse wirklich besser gewesen. Ich bin zu Recht frustriert, denn mein Stärken- und Schwächenprofil passt nicht zu den Stellen, für die ich qualifiziert bin. Heute weiß ich, woran es liegt, aber bis zur Rente sind es noch ein paar Jahre, bis dahin brauche ich eine langfristig praktikable Lösung. Ich wünsche mir, dass ich irgendwo eine Stelle finde, bei der ich meine Stärken einbringen kann.

      Wenn ich in meinen Beiträgen depressiv klinge, dann weil ich es bin. Ich meine, dass ich in diesem Beitrag auch Stärken von mir beschrieben hatte. Aber diese Stärken bringen mich eben allein nicht weiter. Ich kann nicht stehenbleiben und mich darauf ausruhen, dass ich zwar einen riesen Haufen Defizite habe, die mir Zeit meines Lebens dasselbe schwer machen, aber immerhin ganz tolle autistische Fähigkeiten. Ein Schritt in diese Richtung dachte ich, ist es, zu erkennen, was wirklich ist und daraus etwas zu machen. Wobei ich abtrauere, nur ein durchschnittlicher Autist ohne Spezialfähigkeiten zu sein, wie wahrscheinlich eine Menge anderer Autisten auch, jemand, der sich eher nicht im autistic-pride wiederfindet.

      Darf ich dich fragen, was du mit deinem letzten Satz meinst? Ich habe jetzt ein paar Tage darüber nachgedacht, weiß aber nicht, was du mir damit sagen wolltest.

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