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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Sicherheitsbedürfnis / Veränderungsangst und Routinen

In meinem vorherigen Blogbeitrag hatte ich Motive für mein Verhalten und Zusammenhänge beschrieben, die ich zwischen meinem Autismus und Sicherheitsbedürfnis / Veränderungsangst und Kontrolle vermute. Mir sind zu dem Thema noch zusätzliche Punkte eingefallen, die das vertiefen und konkretisieren könnten.

Mein Verhalten haben andere schon als kontrollierend wahrgenommen und als sie einengend. Ich glaube, dass sich das durch mein – in den Augen anderer anscheinend übersteigertes – Sicherheitsbedürfnis und meinem Wunsch nach Verlässlichkeit erklären lässt, zwei Dinge, die wahrscheinlich vom Autismus herrühren. Denn ich will nicht deshalb wissen, wohin mein Mann geht und wann er wiederkommt, weil ich eifersüchtig bin oder einen Kontrollzwang habe. Ich freue mich, wenn er mir sagt, dass er sich darauf freut, dorthin zu gehen, wohin er geht. Sehr oft bin ich einfach nur froh, wenn ich nicht mitgehen muss und alleine zu Hause bleiben kann. Allerdings verlasse ich mich darauf, dass er um X Uhr wieder da sein wird… hoffentlich. Ein Rest an Unsicherheit bleibt, was, wenn ein Unfall passiert? Wenn er sich verspätet, wäre es schön, wenn er mich benachrichtigt. Dass es tatsächlich Situationen geben kann, in denen eine Benachrichtigung nicht möglich ist, weil beispielsweise der Akku vom Smartphone leer ist, konnte ich mir nicht vorstellen, bis mir das selbst passierte. So lange führte eine Verspätung ohne Benachrichtigung bei mir zu einer wütenden Reaktion und ich hatte überhaupt kein Verständnis, wenn er die Abmachung brach und sich nicht meldete. Auch wenn jemand zu spät zu einer Verabredung kommt, toleriere ich das heute und gehe nicht spätestens nach einer viertel Stunde Warten, wie ich das früher gemacht habe. Ich selbst bemühe mich, pünktlich zu sein, aber Stau oder ausfallende Bahnen lassen das auch nicht immer zu, wobei ich mich unwohl fühle, wenn ich mich verspäte. Dank genügend eigener Erfahrung machen mir solche Veränderungen heute aber nicht mehr so viel aus und ich reagiere selten sozial unpassend.

Wenn Termine, die verbindlich geplant waren, ausfallen, ist das heute immer noch schwierig für mich. In der Vorschule sollte ein Schäfflertanz aufgeführt werden. Ich hatte wochenlang zu Hause geübt und freute mich darauf. Kurz vor der Aufführung schaffte es mein kleiner Bruder wieder einmal, sich eine Platzwunde zuzuziehen. Ich erinnere mich, ausdauernd heulend und schreiend darauf bestehend, zu der Aufführung gehen zu müssen, an der Hand meiner Mutter mit zum Arzt geschleppt zu werden. Ich erinnere mich nicht daran, Mitleid mit meinem Bruder gehabt zu haben. Es war schließlich nicht das erste Loch im Kopf, das er hatte, ich hatte ihm gesagt, er solle mit Toben aufhören, weil ich befürchtete, dass er sich verletzen könnte. Er hatte nicht auf mich gehört und ich hatte Recht behalten. Er weinte nicht, blutete nicht übermäßig, das Nähen konnte doch eigentlich noch warten oder meine Mutter hätte mich mich auf dem Weg zum Arzt in der Vorschule absetzen können? Ich erinnere mich an das überwältigende Gefühl der Angst davor, diese Aufführung zu verpassen, die war mir schließlich enorm wichtig, ich hatte doch so lange geübt. Und ich erinnere mich auch an meine heftige Wut. Und daran, dass meine Mutter mich nicht verstand. Dass sie mich schimpfte, weil ich die Notwendigkeit mit zum Arzt zu gehen, nicht einsehen konnte, meinen kleinen, verletzten Bruder nicht bedauerte, als Ältere nicht vernünftiger war. Ich empfand das damals als zutiefst ungerecht und hatte überhaupt nicht verstanden, was so falsch an meiner Reaktion war.

Vor drei Tagen saß ich auf einem Parkplatz in meinem Auto, hatte mein Smartphone eingeschaltete, um die Musik vor dem Losfahren zu starten und gesehen, dass ich zwei Mails erhalten hatte. In der ersten wurde mir mitgeteilt, dass wegen Erkrankung der Leitung eine Veranstaltung am nächsten Tag ausfallen würde. In der zweiten, dass ein für mich wichtiger Termin am übernächsten Tag aus demselben Grund entfallen würden, ich solle mich wegen eines neuen Termins rückmelden. Ich saß erst einmal in meinem Auto, unfähig, irgend etwas anderes zu denken oder zu tun als die sich in einer Schleife wiederholenden Gedanken: „Das war so nicht geplant. Das geht nicht.“ Ein paar Minuten später war ich dann so weit, zu denken: „Was mache ich jetzt statt dessen mit der freien Zeit? Der zweite Termin ist doch wichtig, der kann doch nicht einfach ausfallen?“ Das Auto starten und nach Hause fahren, war mir erst einige Minuten und wenige wütende Verzweiflungstränen später möglich. Innerlich ruhig zu akzeptieren und mich darauf einzustellen, dass die Termine ausfallen, mir Gedanken über meine Reaktion, den Gesundheitszustand der betroffenen Person zu machen und Mitgefühl zu empfinden, hat dann nocheinmal die halbe Stunde Fahrt bis zu Hause gedauert. Mich über die unverhofft gewonnenen Freizeit zu freuen und zu berücksichtigen, dass ich nicht nur auf die zweite, sehr freundlich geschriebene Mail antworten, sondern darin der erkrankten Person auch gute Besserung wünschen sollte, dauerte bis zum nächsten Tag.

Vielleicht hängen solche Reaktionen neben Veränderungsangst auch damit zusammen, dass man als Autist Schwierigkeiten mit der Perspektivenübernahme hat, es aber es lernen kann, sobald man selbst mit gleichen Situationen Erfahrungen hat. Mit ein wenig Zeit kann ich heute verständnisvoll nachempfinden, dass eine Erkrankung Planänderungen nötig macht und die sozialen Komponenten berücksichtigen. Das ist zwar ein bewusster Akt, meine Reaktion erscheint immer noch egozentrisch, ist relativ unflexibel und sozial natürlich nicht akzeptabel. Aber Egozentrik ist eben nicht das dahinterliegende Verhaltensmotiv, sondern Überforderung, weil ich im ersten Moment nicht weiß, wie ich mit der Situation insgesamt umgehen soll und schlichtweg länger brauche, um für mich alles zu sortieren, mir über mein Gefühlsleben klar zu werden und richtig zu reagieren.

Ich frage übrigens auch nicht so oft dasselbe, weil ich unterstelle, dass mich mein Gegenüber anlügt. Es ist auch nicht so, dass ich vergessen hätte, was die Antwort war. Aber ich muss manche Antworten immer wieder hören, damit ich mir wieder sicher sein kann. Das hält dann eine Weile vor, bis ich wieder nachfrage. Bei einigen Dingen dauert es leider sehr lange, bis ich es nicht mehr nötig habe, nachzufragen. Ich verstehe, dass das nerven kann und es tut mir auch Leid. Aber ich kann sehr schwer etwas gegen mein Bedürfnis tun, mich immer und immer wieder rückzuversichern. Vielleicht hat das auch etwas mit fehlendem Urvertrauen zu tun, das könnte es natürlich ebenfalls erklären.

Wiederholungen und Regelmäßigkeit beinhalten für mich Verlässlichkeit.  Dazu gehören auch gewisse Routinen. Sie sind gut für mich, aber ich muss jetzt nicht jeden Tag genau zur selben Uhrzeit dasselbe machen, Hauptsache, ich kann mir wichtige Dinge überhaupt irgendwann machen. Richtig wohl fühle ich mich dann, wenn alles nach meiner Vorstellung läuft, aber das dürfte fast allen Menschen so gehen. Ich komme zurecht, wenn es das nicht tut. Veränderungen, die ich selbst steuern kann, fallen mir dabei jedoch deutlich leichter. Ich bin zum Glück fähig, wenn es notwendig ist, meine geplanten Tagesabläufe oder auch eine komplette Routine relativ schnell abzuändern. Ich habe immerhin Kinder großgezogen, was ohne eine gewisse Grundflexibilität nicht möglich gewesen wäre. Aber ich kann verstehen, dass es Autisten gibt, die plötzliche Veränderungen ihrer Tagesabläufe oder Routinen nicht ertragen können, selbst wenn sie es noch so sehr wollten. Ich selbst komme inzwischen einigermaßen gut mit plötzlichen Planänderungen, ausgefallenen Routinen und mit überlastenden Situationen zurecht, wenn man mir ein wenig Zeit zugesteht und verzeiht, wenn ich zuerst nicht ganz die sozialverträglichste Reaktion zeige. Mir tut es hinterher leid, wenn mir auffällt, dass meine Reaktion jemanden verletzt haben könnte, aber ich bemühe mich wirklich, richtig zu reagieren und mich zu kontrollieren.


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Sicherheitsbedürfnis und Autismus

Mein Bedürfnis nach Sicherheit ist exorbitant hoch. Ich bin immer noch am Sortieren, was davon eigentlich von meinem Autismus kommt. Ich sorge Zeit meines Lebens mit aller Kraft für Sicherheit. Andere haben das auch schon als „Du musst aber auch immer alles unter Kontrolle haben“ bemängelt. Ja, mag sein. Aber ich kann Sprüchen wie: „Man kann nie sicher sein“ oder „Ohne Unsicherheit wäre das Leben ja langweilig“ nicht viel abgewinnen. Ich finde, das Leben ist Überraschung genug. Da brauche ich nicht zusätzlich in meinen Augen vermeidbare Unsicherheit. Deshalb sorge ich für größtmögliche Sicherheit, indem ich vorausplane und mich informiere, rückversichere und absichere.

Entscheidungen zu treffen, ist ebenfalls kompliziert für mich. Es ist für mich zwingend notwendig, vor jeder Entscheidung alle für mich vorstellbaren Szenarien durchzudenken. Ich bin mir dessen bewusst, dass das viel Zeit und Energie kostet. Aber ich kann mich nur für einen (den optimalen) Plan entscheiden, wenn ich jeden möglichen Plan durchdacht habe. Ich denke zwar sehr schnell und auf Hochtouren, die Folge davon ist aber, dass ich erstmal nicht zum Handeln komme und ich dadurch Zeitprobleme bekomme. Zeitmanagement ist eines meiner Kernprobleme, das mich stark behindert. Ich kann nicht handeln, ohne alle Alternativen durchdacht zu haben. Es ist ein Zwang, ich funktioniere so. Ich würde gern lernen, das zu ändern, anders damit umzugehen. Aber es macht mir Angst, mich entscheiden zu müssen, ohne erst alles gründlich für mich durchdacht zu haben. Ich muss wissen, was passiert. Unsicherheit ist sehr verunsichernd. Allerdings ist mir klar, dass ich nie alle Möglichkeiten durchplanen kann. Ich versuche zwar, die potentiellen Möglichkeiten, was passieren wird, einzugrenzen, es wird mir aber nie vollständig gelingen. Nur: Irgendwo anfangen, um dann eins nach dem anderen zu erledigen, vollkommen ohne zu wissen, auf was ich mich damit wenigstens wahrscheinlich einlasse – allein die Vorstellung lässt mich vor Angst handlungsunfähig erstarren. Es erscheint mir unvorstellbar, mir keine weiteren Gedanken über die Folgen, die eine andere Entscheidung hätte, zu machen. Dazu kommen die Überlegungen, was ich mache, wenn etwas dazwischen kommt?

Unsicherheit bedeutet für mich, dass ich Angst habe. Ich habe vor recht vielen Dingen Angst. Davor, meinen Mann und besten Freund zu verlieren. Ich habe nicht viele Freunde. Genaugenommen ist die Anzahl meiner Freunde in einem sehr überschaubaren einstelligen Bereich. Er ist das Beste, was mir beziehungs- und freundschaftstechnisch passieren konnte. Das möchte ich trotz der Schwierigkeiten, die sich durch das Zusammenleben mit ihm selbstverständlich auch ergeben, auf keinen Fall mehr missen. Damit zusammen hängt die Angst, mein Zuhause zu verlieren. Mein Zuhause ist mein sicherer Erholungsort von der (verkehrs)lärmigen und viel zu menschenvollen Welt. Zumindest so lange der Nachbar keinen Mais siliert. Aber da das nur an wenigen Tagen im Jahr passiert, kann ich mich vorher darauf einstellen und im besten Fall einfach nicht anwesend sein. Netterweise warnt der Nachbar uns nämlich immer ein paar Tage vorher vor, was ich sehr zu schätzen weiß.

Ein Unsicherheitsfaktor ist derzeit meine Arbeitssituation. Ich hatte längere Zeit Angst, meine Stelle zu verlieren, obwohl ich glaube, dass diese Stelle mich sehr belastet. Aber sie gibt meinen Tagen eine verbindliche Struktur und mir Selbstbewußtsein, auch weil ich einen Beitrag zu unserem Lebensunterhalt leiste. Außerdem vermittelt sie mir die Sicherheit, finanziell nicht vollkommen abhängig zu sein. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass der Vertrag nicht verlängert wird. Das Arbeitsamtprozedere hat bereits begonnen und verunsichert mich, weil nicht absehbar ist, was es für Möglichkeiten für mich gibt und was auf mich zukommt. Es wäre sehr hilfreich für mein Sicherheitsgefühl zu wissen, wie es in Sachen Arbeit weitergeht.

Ein mittlerweile chronischer Unsicherheitsfaktor ist aber die Angst, etwas missverstanden zu haben oder missverstanden worden zu sein. Sie beruht auf Erfahrungswerten, weshalb ich stets nachfrage und mich rückversichere, bis ich mir sicher bin, dass es richtig verstanden wurde. Leider merke ich nicht immer, wenn ich andere damit nerve und ich früher aufhören oder gar nicht erst beginnen hätte sollen. Aber ich arbeite daran.

Eminent wichtig für meine Sicherheit ist, dass sich etwas, auf das ich mich verlasse oder auf das ich mich freue, nicht plötzlich ändert. Abmachungen und Versprechen dürfen also nicht einseitig abgeändert oder gebrochen werden, auch geplante Freizeit-Unternehmungen sollten besser nicht ausfallen. Ich bin da leider bis heute überhaupt nicht flexibel und nehme solche Vorfälle seit dem Kindergartenalter absolut ungnädig zur Kenntnis. Ausfallende Termine führen ebenfalls zu Unsicherheit, meine erste Reaktion ist: Was mache ich denn jetzt stattdessen? Aber der Termin war doch wichtig, sie können ihn doch nicht einfach ausfallen lassen? Mir fällt auch nicht sofort die offensichtliche Lösung, einen neuen Termin auszumachen ein. Selbst wenn ein Termin wegen Erkrankung ausfällt, habe ich kein spontanes Mitgefühl mit dem Erkrankten, der mir gar nicht in den Sinn kommt. Im ersten Moment überwiegen Angst, Unsicherheit und sogar Wut, dass der Termin ausfällt, dass meine Planung gestört wird.

Letzten Endes hat mich auch die Diagnostik nach dem Verdacht, eventuell selbst autistisch zu sein, unsicher gemacht. Vieles, wovon ich sicher war, hat sich als anders herausgestellt. Mein Selbstbild in Sachen verbale Fähigkeiten, Textverständnis und erkennen, was auf Bildern fehlt, entspricht laut Testergebnissen offenbar nicht den Tatsachen. Dabei dachte ich beim Test, dass ich hier wirklich gut gewesen war. Erstaunlicherweise war ich aber eher gut in Dingen, von denen ich es nicht vermutet hätte. Ich bin zutiefst verunsichert, weil ich vorher einfach nicht bemerkt hatte, dass ich Gesichtsausdrücke scheinbar schlecht deuten kann. Seither traue ich meiner Menschenkenntnis nicht mehr und frage noch mehr nach, wobei dann wieder die Unsicherheit besteht, nicht zu bemerken, wann ich aufhören sollte. Die Autismus-Diagnose hat mir leider einen sehr großen Teil meiner sowieso nicht groß vorhandenen Selbstsicherheit genommen. Im Umgang mit anderen bin ich seither deutlich ängstlicher und unsicherer.

Unsicherheit in für mich absolut wichtigen Dingen macht mich unausstehlich. Unsicherheit in relativ wichtigen Dingen macht mich nur unnett. Seit sein Verdacht bestätigt wurde, dass ich tatsächlich autistisch bin, meint mein Mann, dass er meine Reaktionen viel besser nachvollziehen kann. Was sie allerdings nicht besser macht für uns beide. Unsicherheit führt bei mir zu unterschiedlichen Reaktionen. Je nachdem und je nach Zustand. Beispielsweise zu einer exzessiven Beschäftigung mit der Sache. Was neben penetrantem Nachhaken auch ausufernde Diskussionen bedeuten kann. Unsicherheit führt manchmal auch zu mehr oder weniger heftiger verbaler Abwehr. Oder zu tagelanger Schweigsamkeit. Eine unnette Reaktion ist sozialer Rückzug, ich verschwinde und mache mich unauffindbar, was bei meinem Zuhause nicht sonderlich schwer fällt. Ab und an führt Unsicherheit auch zu überaus emotionalen Reaktionen, aber zum Glück bekommt meine Zusammenbrüche bei GAUs (größter anzunehmender Unsicherheit) sehr selten jemand mit, was daran liegt, dass ich im Gegensatz zu früher gelernt habe, nicht nur alles um mich herum, sondern auch mich selbst rigide zu kontrollieren. In den meisten Fällen kann ich rechtzeitig dafür sorgen, dass ich sicher alleine bin und nur mein Mann solche Zustände mitbekommt.

All diese unausstehlichen oder unnetten Reaktionen treten bei ausreichend befriedigtem Sicherheitsbedürfnis nicht auf. Sicherheit bewirkt, dass ich mich entspannen kann und mich wohl fühle. Und dass ich nicht nur Zeit und Energie dafür habe, mich interessanten Dingen zu widmen, sondern auch noch sozialverträglich zu bleiben. Auch ohne, dass dies alles tatsächlich von meinem Autismus kommt, sind das gute Gründe für mich, ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit zu haben und möglichst viel unter Kontrolle zu behalten.


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Autistic pride: autistische Stärken – Uminterpretationen allein bringen mich als Autistin auch nicht weiter

Autismus wird anhand von Defiziten diagnostiziert, die Diagnosekriterien beschreiben keine Stärken. Carol Gray und Tony Attwood haben diese Kriterien (hier in einer deutschen Übersetzung) aber zu Stärken umformuliert. Auch andernorts hatte ich von autistischen Stärken gelesen. Ich habe Schwierigkeiten damit, mich in den beschriebenen Stärken wiederzufinden. Autistic pride klingt enthusiastisch, aber als so toll oder explizit autistisch empfinde ich manche meiner Eigenschaften gar nicht.

Als positive Eigenschaft von Autisten wird deren bedingungslose Loyalität genannt. Aber ob das immer ursächlich mit Autismus zu tun hat, bezweifle ich. Die wichtigsten Werte, die mir meine Eltern vermittelten, waren Ehrlichkeit und Familienzusammenhalt. Meine Mutter brachte mir bei, dass man sich in jedem Fall zu seinem Mann und seinen Kindern loyal verhält. Die Familie hat unbedingt erste Priorität. Sie selbst hat sich bedingungslos daran gehalten. Mein Vater aber leider nicht. In meinem Fall ist meine unbedingte Loyalität also eher ein Ergebnis meiner sehr konsequenten Erziehung, die überwiegend meine Mutter geleistet hat. Für Freundschaften kann ich bedingungslose Loyalität jedoch bestätigen. Mein Vater erklärte mir, dass man Freunde erkennt, wenn man umzieht. Wer tatsächlich beim Umzug als Helfer anwesend ist und den ganzen Tag Kisten und Möbel schleppt, zählt zu echten Freunden. Ich hatte niemals viele Freunde, aber für die Menschen, von denen ich meinte, dass sie meine Freunde sind, tat ich tatsächlich sehr viel. Auch zu Zeiten, wo es mir gesundheitlich schlecht ging, half ich ihnen mit hohem Engagement, ohne je eine Gegenleistung zu erwarten und war auch bei jedem Umzug dabei. Ich selbst hatte nach der Definition meines Vaters eine sehr überschaubare Anzahl an echten Freunden. Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass ich auch noch nicht so häufig umgezogen bin.

Autisten zeichnen sich durch ihre Ehrlichkeit aus. Lügen ist für Autisten angeblich nicht möglich. Ich glaube das erstmal nicht. Von mir selbst kann ich definitiv nicht behaupten, nicht lügen zu können. Ich mache es zwar sehr ungern, das hat aber neben dem schlechten Gewissen, das ich wegen meiner nachhaltigen Erziehung sofort habe, auch pragmatische Gründe. Lügen ist anstrengend, man muss sich sehr genau merken, was man wem erzählt hat. Die Wahrheit zu erzählen, ist für mich wesentlich einfacher. Um eigene Fehler zu vertuschen lüge ich nicht, weil ich es nicht schlimm finde, Fehler zu machen oder einzugestehen. Es heißt, dass man aus Fehlern lernt. Wenn ich bemerke, dass ich einen Fehler gemacht habe, spreche ich das an. Auch wenn zwischen dem Fehler und der Erkenntnis, ihn gemacht zu haben, sehr viel Zeit vergangen ist. Als ich jemanden wiedersah, mit dem ich ein Jahr zuvor ein Streitgespräch hatte, teilte ich ihr sofort mit, inwiefern ich damals in der Sache irrte. Monate später hatte ich zu dem Thema neue Informationen gelesen und wusste deshalb, dass ich im Gespräch etwas Falsches behauptet hatte. Mir war es ein inneres Bedürfnis, meinen Fehler richtig zu stellen. Die Frau konnte sich aber gar nicht mehr an unser Gespräch erinnern. Wenn man unter autistischer Ehrlichkeit auch die Direktheit subsummiert, dann hat sie nicht nur schöne Seiten. Ich bin Spezialistin darin, zur Unzeit unpassende Dinge zu äußern. Von frühester Kindheit an habe ich selten „ein Fettnäpfchen ausgelassen“ (RW). Leider habe ich mit meinem Talent dafür und mit meiner Direktheit häufig unbeabsichtigt andere Menschen verletzt oder soziale Fehler begangen und Schwierigkeiten dadurch bekommen. Weniger Direktheit wäre für mich mehr.

Eine der Stärken von Asperger-Autisten sollen die sehr guten sprachlichen Fähigkeiten sein. Ich meinte bis zur Diagnostik, einen relativ großen Wortschatz zu haben und mich einigermaßen klar ausdrücken zu können. Laut Intelligenztest ist mein Wortschatz aber nur gut durchschnittlich. Angeblich sagte meiner Mutter der Kinderarzt bei einer Vorsorgeuntersuchung, sie müsse sich unbedingt ein Tonbandgerät kaufen, um aufzunehmen, wie ich mich als Kleinkind ausdrückte, das wäre ungewöhnlich. Das hat sie nicht getan, so dass es dafür keine Beweise gibt. Ich habe mich jedenfalls nie als besonders redegewandt wahrgenommen. Schriftlich kann ich mich besser artikulieren. Im Schriftlichen war ich auch während meines gesamten Schülerdaseins wesentlich besser als im Mündlichen. In allen Zeugnissen steht, die Schülerin sollte sich mehr am Unterricht beteiligen und mehr mitarbeiten. Ich hatte an der Tafel, oder wenn ich von der Lehrkraft aufgerufen wurde, oft einen Blackout und deshalb panische Angst davor, aufgerufen zu werden. Referate hatte ich lange Jahre vermeiden können. Bis heute sind sie ein Problem für mich. Ich kann vor mehreren Leuten nicht gut reden und muss mich immer an schriftlichen Aufzeichnungen festhalten. Wenn ich unterbrochen werde, kann ich danach häufig nichts mehr zum Thema beitragen, weil ich den Einstieg nicht mehr finde.

Logischerweise habe ich einen großen passiven Wortschatz, ich denke, das bleibt nicht aus, wenn man fast fünfzig Jahre lang sehr viele Bücher liest. Selbstverständlich kann ich mich ausdrücken, trotzdem kommt es immer wieder zu eklatanten Missverständnissen in der Kommunikation mit anderen. Meine Versuche, das Fremdwörterbuch auswendig zu lernen, waren nicht erfolgreich, ich bin nicht besonders weit gekommen, es gibt viel zu viele Fremdwörter, die ich nicht kenne und die ich nicht erklären kann. Außerdem ist mein Textverständnis scheinbar nicht so toll. Aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass es sinnvoll ist, eine E-Mail mehr als einmal durchzulesen und gründlich über den Inhalt nachzudenken, bevor ich voreilige Schlüsse ziehe, die sich im Nachhinein dann als Irrtum erweisen. Als sehr gute sprachliche Fähigkeiten würde ich das Ganze nicht bezeichnen.

Ich habe jahrelange mit Menschen zusammengelebt, die wirklich gute sprachlichen Fähigkeiten haben. Mein jüngster Sohn brachte es während seiner Schulzeit jedes Jahr kurz vor Notenschluss noch mittels spontan gehaltener Referate, auf die er sich nicht mal vorbereitet hatte, fertig, dann doch nicht durchzufallen. Mein mittlerer Sohn kann unglaublich lange Monologe über interessante Dinge halten, die zwar ihn, aber ansonsten leider reichlich wenig Menschen um ihn herum interessieren. Seine Themen betrafen oftmals Interessensgebiete, die ich nicht teile, was schade ist, denn ich hätte dank seines umfangreichen Wissens viel von ihm lernen können. Wenn ihn jemand unterbricht, setzt er seinen Satz an genau der Stelle fort, an der er unterbrochen wurde, wenn er weitersprechen kann. Das ist eine Fähigkeit, die mich fasziniert. Meine Tochter war und ist einer der der eloquentesten Menschen, die ich überhaupt kenne. Sie verwendete bereits im einstelligen Kindesalter mehr Fremdwörter als manche Menschen im ganzen Leben und das auch noch durchgängig im richtigen Zusammenhang. Sie interessierte sich besonders für alte Sprachen und war sehr gut in Latein und Altgriechisch, was ihr bei der Herleitung der Bedeutung ihres Fremdwortschatzes sicher geholfen hat. Um sich umfassend zu bilden, wechselte sie nach dem Abitur zur Naturwissenschaft. Jetzt ist sie Doktorandin der Biologie, ich denke mal, ihre Sprachbegabung hilft ihr dort ebenfalls. Ich bin nicht sprachbegabt, das Latinum erreichte ich in meiner Schulkarriere nie. Es war ziemlich anstrengend, aber unglaublich interessant, mit meinen Kindern zu diskutieren. Sich gegen ihre Argumentationen durchzusetzen, war schwierig. Ihre Erziehung wurde dadurch auch nicht unbedingt leichter. Aber ich möchte trotzdem keine einzige Unterhaltungen mit ihnen missen. Ganz besonders fehlen mir die gemeinsamen Gespräche am Abendbrottisch, seit auch der Letzte ausgezogen ist.

Angeblich haben Autisten ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis und eine hervorragende Merkfähigkeit, sie häufen Expertenwissen in ihrem Spezialinteresse an. Jemand meinte zwar vor Jahren, ich solle mich für Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär“ anmelde, ich selbst weiß aber vor allem, wie unglaublich wenig ich weiß. Ich habe zu sehr vielen Themen ein mittelmäßiges Halbwissen, ein echtes Spezialgebiet habe ich jedoch nicht. Das einzige Thema, zu dem ich glaube, relativ viel zu wissen, ist Pädagogik, aber da sollte ich auch ein gewisses Wissen haben, ich habe es immerhin studiert. Das Dumme ist nur, dass ich mein Wissen zwar im Kopf habe, es aber auf Nachfrage nicht abrufen kann. Wenn ich etwas lese, dann vergesse ich ziemlich schnell, was der genaue Textinhalt war. Ich weiß dann, dass ich zum Thema bereits einiges gelesen hatte, kann aber nicht erklären, was genau und in welchem Buch oder in welcher Studie. Wenn ich zu Hause bin und nachsehen kann, finde ich die entsprechende Literatur relativ schnell wieder und erinnere mich dann auch an den Wortlaut. Nur nutzt mir das dann nichts, ich bin nicht immer zu Hause.

Mein Sohn dagegen ist eine wandelnde Wikipedia Enzyklopädie, das, was er liest, kann er sich langfristig merken und wiedergeben. Das funktioniert bei ihm aber nur bei Themen, die ihn interessieren. Ich kann auch Dinge lernen, die mich nicht total fesseln. Mein Langzeitgedächtnis ist meiner Meinung nach aber eher schlecht. Ich habe lebenslang auf dieselbe ineffektive Art gute Prüfungsleistungen erreicht, indem ich mir Lerninhalte zusammenschrieb und dann innerhalb sehr kurzer Zeit diese Seiten auswendig lernte. In der Prüfung brauchte ich dann im Kopf, wie von Spickzetteln, aber nicht gegen die Regeln, die Lösung nur noch ablesen, weil ich die Seiten als komplettes Bild vor Augen hatte. Leider vergaß ich mit dieser Methode die Lerninhalte nach der Prüfung, weil sie nur im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert wurden.

Mein Gedächtnis ist relativ gut, wenn es darum geht, mich zu erinnern, ob ich etwas schon einmal gelesen oder gehört habe. Und ob dieselbe Formulierung benutzt wurde oder zu welchem Zeitpunkt, Ort und zu welcher Begebenheit mir etwas mitgeteilt wurde. Aber das ist höchstens nützlich beim Zeitunglesen oder Plagiate finden. Mir fällt auf, wenn ein Artikel mehrfach, aber an verschiedenen Tagen gedruckt wird oder zu verschiedenen Artikeln dieselben Bilder verwendet werden. Es macht Bücher aber nicht interessanter, wenn ich bemerke, dass der Autor dasselbe etliche Seiten vorher schon mal geschrieben hatte oder sich sogar widerspricht. Oder dass ich dieselbe Formulierung bereits woanders gelesen habe und ich mich dann frage, wer wohl von wem abgeschrieben hat. Und die meisten Leute erinnern sich nicht daran, was sie gesagt haben und reagieren höchstens ungehalten, wenn ich ihnen gegenüber auf meiner Erinnerung beharre. Mir wäre lieber, wenn ich mir Wissensinhalte besser merken könnte, auf die Art, wie mein Gedächtnis gut funktioniert, ist es relativ nutzlos.

Das mit der erstaunlichen Konzentrationsfähigkeit von Autisten hat auch nicht nur Vorteile. Wenn mich etwas sehr interessiert, dann hyperfokussiere ich darauf. Das heißt aber auch, dass ich beispielsweise stundenlang am Computer sitze und Informationen zum Thema suche oder stapelweise Bücher lese, aber darüber komplett vergesse, wieviel Zeit vergeht. Und auch wichtige Dinge, wie Essen und Trinken oder mein Wärme- und Schmerzempfinden aus den Augen verliere. Blöd ist das dann, wenn ich durchgefroren bin und dadurch krank werde. Oder einen Tag lang gar nichts getrunken habe und mich abends ziemlich ausgetrocknet fühle oder heftige Kopfschmerzen bekomme, das aber viel zu spät bemerke. Oder den ganzen Tag nichts esse und dann auch noch vergessen habe, mich rechtzeitig um das Abendessen zu kümmern. Wenn man nicht alleine wohnt, bekommt man dann Probleme. Während meiner Kindheit hat meine Konzentrationsfähigkeit häufig zu Streitigkeiten geführt. Meine Mutter glaubte mir einfach nicht, dass ich sie wirklich nicht gehört hatte, wenn sie mich rief, während ich ein Buch las. Sie wurde sehr ungehalten, weil sie meinte, ich ignoriere sie mit Absicht.

Asperger-Autismus und hohe Intelligenz scheinen häufig vergesellschaftet zu sein. Ich kenne einige gemessen hochintelligente Menschen persönlich und schätzte mich deshalb selbst seit Jahren als zwar nicht doof, aber sicher nicht hochbegabt ein. Vor einigen Jahren meldete ich mich zu einem Mensa Intelligenztest an. In diesem IQ-Test (ich meine, er hieß IST2000) wurde meine Einschätzung bestätigt. Trotzdem hält mich meine Mutter bis heute für besonders intelligent. Und zwei Personen versuchten mich davon zu überzeugen, dass der von mir erreichte Punktwert nur aus dem Stress resultierte, dass ich eine halbe Stunde zu spät kam und das Ganze in einem Raum mit vielen anderen stattfand. Ich hatte mich auf dem Weg vom Parkplatz verlaufen und fand das Gebäude, in dem der Test stattfinden sollte nicht. Und die IQ-Tests von Mensa sind Gruppentests. Meine damaligen Untertestergebnisse kenne ich nicht, weil im Preis nur ein Gesamt IQ mit inbegriffen war, für eine genauere Auswertung hätte man nochmals zahlen müssen und ich sah damals keinen Sinn darin. Während der Autismus-Diagnostik durfte ich einen Wechsler Intelligenztest für Erwachsene (WIE, Adaption des WAIS-II) machen. Bei dem kam ebenfalls heraus, dass ich nur eine Standardabweichung intelligenter als der Durchschnitt bin, wobei ich diesmal die Ergebnisse der Untertests erhalten habe. Autisten wird nachgesagt, eine detailorientierte Wahrnehmung zu haben und gut Muster erkennen zu können, mein leider sehr unausgeglichenes Leistungsprofil weist in den entsprechenden Untertests darauf hin, dass das auf mich zutrifft. Im Matrizentest erreichte ich einen sehr hohen Testwert, im Bilderergänzen dagegen ein sehr schlechtes Ergebnis. Ich kann zielsicher sagen, wie ein Muster logisch weitergehen muss und erkenne zwar viele Details, aber kann nicht das wesentliche Detail dabei bestimmen. Das zu wissen ist interessant, hilft mir aber im Leben auch nicht besonders weiter. Beachtenswert ist eher das Ergebnis, dass ich anscheinend Schwierigkeiten unter Zeitdruck habe. Die autistischen Stärken wären wesentlich hilfreicher, wenn ich mich für IT Themen interessieren würde, weil ich mich dann bei auticon als Software-Testerin bewerben könnte. Ich bin sehr froh, dass meine Söhne Computer-Nerds sind, der Jüngste ist ein richtig guter Programmierer. Mit diesem Interessensgebiet werden sie nämlich nie Probleme haben, eine Arbeit zu finden und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

P.S. vom MT: Falls ihr das lesen solltet: Ich bin sehr stolz auf euch alle.


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Autismus, Depressionen, Belastbarkeit und der Zusammenhang mit Strukturen

Sind Belastbarkeit und Kompensationsfähigkeiten bei Autisten altersabhängig? Früher war ich wesentlich belastungs- und damit leistungsfähiger. Es frustriert mich, dass ich zunehmend nicht mehr funktioniere. Immer mehr Aufgaben und Tätigkeiten schaffe ich nur noch mit größter Anstrengung oder sie bleiben sogar ganz liegen. Ich laufe im Notprogramm und das mittlerweile seit eineinhalb Jahren. Das ist kein schöner Zustand und ich wünsche mir dringend, dass es mir irgendwann auch einmal wieder besser geht. Seit einem Jahr gehört auch mein Studium zu den Dingen, für die ich keine Kraft mehr habe. Das ist besonders frustrierend, weil es sich dabei um mein Hobby handelt. Ich bin aber stolz darauf, es größtenteils doch noch hinzubekommen, in die Arbeit zu gehen, leider macht mein Körper mir zunehmend Schwierigkeiten, er zeigt mir wahrscheinlich die Grenzen. Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass all die Erkrankungen in der letzten Zeit psychosomatische Reaktionen sind.

Es ist nicht schön, dass die Hausarbeit seit Monaten größtenteils liegenbleibt, aber das hat außer einem mittlerweile riesengroßen schlechten Gewissen keine gravierenden Folgen. Ich fühle mich nur ziemlich unwohl, weil ich es einfach nicht mehr schaffe zu saugen oder zu putzen. Ordnung ist eigentlich sehr wichtig für mich, dass sich hier alles in ein Chaos verwandelt, belastet mich. Wenn ich es nicht schaffe, nach der Arbeit noch einkaufen zu gehen und die Vorratshaltung schwierig geworden ist, dann hat das nur bedingt Auswirkungen, wegen ständiger Magen-Darm Probleme brauche ich sowieso wenig zu essen. Dass seit einigen Monaten die Einkäufe meistens mein Mann erledigen muss, um selbst noch etwas im Kühlschrank zu haben, tut mir sehr Leid und entspricht auch nicht unserer Aufgabenverteilung. Ich leide darunter, meine Pflichten nicht zu erledigen und es belastet mich. Die größten Schwierigkeiten macht aber das tiefe Gefühl der Erschöpfung. Im reinen Überlebensmodus macht das Leben nämlich nicht wirklich Freude.

Ich habe jetzt mal gründlich darüber nachgedacht, wo das Problem eigentlich liegt. Ich vermute, viele Dinge hatten früher, nicht nur weil ich jünger, belastbarer und kompensationsfähiger war, gut funktioniert, sondern weil es einen festen, von außen vorgegebenen Stundenplan gab. Als ich in erster Linie noch Muttertier war, hatte ich wegen der fixen Termine, die die Schule und die Aktivitäten der Kinder vorgaben, einen sehr strukturierten Tagesablauf. Nachdem alle ausgezogen waren, habe ich es nicht geschafft, mir eine neue Struktur selbst vorzugeben.

Dazu kam zeitgleich eine neue Arbeitsstelle, die bis dato unbekannte soziale Anforderungen an mich stellte. Diese Stelle gibt mir zwar einerseits eine äußere Struktur vor, was sehr hilfreich ist, weil es zu meinem Tagesablauf gehört, zu einer bestimmten Zeit aufzustehen und nach dem Cappu-Zeitungs-Morgenritual in die Arbeit zu fahren. Das ist auch der Grund, weshalb ich es an vielen Tagen trotz einer Depression, die ich laut meinem Psychotherapeut habe, überhaupt noch schaffe, aufzustehen. Andererseits sind aber die Bedingungen dieser Arbeitsstelle ein Hauptbelastungsfaktor und ein Grund, weshalb es mir schlecht geht. Ich bin nach jedem Tag in der Arbeit so dermaßen erschöpft, dass ich direkt nach Hause fahre, meine Verkleidung abwerfe und mich nur noch auf die Couch legen kann. Mal abgesehen von der Hausarbeit habe ich auch für Freizeitaktivitäten, wie im Garten arbeiten oder Sport treiben, einfach keine Kraft mehr.

Ich weiß, dass regelmäßige sportliche Aktivitäten mir gut tun würden. Früher gehörten sie zu meinem Tagesablauf und es ging mir gut dabei. Nur kann ich im Moment leider nichts dagegen tun. Es liegt an den fehlenden Möglichkeiten, bzw. an meiner fehlenden Energie, neben meinen Arbeitskollegen beispielsweise im Schwimmbad oder Fitnessraum auch noch mit weiteren Menschen Kontakt haben zu wollen. Wobei ich das eher mit schizoider Paranoia verbinde, die natürlich auch damit zu tun haben mag, älter und erfahrener zu werden. Früher empfand ich viele andere Menschen zwar auch als Belastung, habe es aber leichter ertragen und habe zum Teil auch Sozialkontakte aktiv gesucht. Aber je älter ich werde, desto mehr schlechte Erfahrungen sammelten sich an. Mit jeder neuen Erfahrung des Scheiterns in sozialen Interaktionsversuchen resignierte ich mehr und wollte mich dem Ganzen am Liebsten gar nicht mehr aussetzen.

Seit ich weiß, dass ich Autistin bin, habe ich neu angefangen, den sozialen Kram besser zu bewältigen. Ich bin in eine Selbsthilfegruppe gegangen und habe mich wieder einmal mit dem Training sozialer Kompetenzen, Kommunikation und Smalltalk beschäftigt. Inzwischen ist es mir aber die Mühe oft nicht mehr wert und ich überlege immer, ob sich der Aufwand lohnt oder ich besser Energie spare, indem ich allein daheim bleibe. Ich weiß auch, dass mir das Ausüben meiner Hobbys sehr gut tut. Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich es nicht schaffe, im Studium weiterzumachen. Es wäre toll, wenn ich die Energie hätte, mich mit dem zu beschäftigen, was mich wirklich interessiert. Ich habe zusätzlich ein fürchterlich schlechtes Gewissen, weil ich es zu Hause nicht fertigbringe, seit Monaten liegengebliebene Arbeiten zu erledigen, die ich früher problemlos geschafft habe. Mittlerweile türmt sich ein so hoher Berg an unerledigten Dingen hier auf, dass allein der Gedanke daran, das alles abarbeiten zu müssen, mir eine riesige Angst macht. Aber alle Dinge, die eine Frist haben und solche, die in kurzen regelmäßigen Abständen zu erledigen sind, die schaffe ich. Erklären kann ich mir das damit, dass sie eben regelmäßig sind, also Routine. Und damit, dass ich verbindliche Regeln in jedem Fall einhalte, wozu Fristen ja gehören.

Mir ist natürlich klar, dass die Erwerbsarbeit die höchste Priorität hat und ganz sicher wichtiger ist als jedes Hobby. Aber irgendwo ärgert es mich auch, dass mein Leben sich nur noch darum dreht, in die Arbeit zu gehen. Ich sehne mich bereits am Montag nachmittag nach dem Wochenende. In den letzten Wochen ging es mir häufiger bereits Mitte der Woche gesundheitlich so schlecht, dass ich vom Arzt krank geschrieben wurde. Und dann brauchte ich das komplette Wochenende, um mich bis Montag soweit erholt zu haben, wieder in die Arbeit fahren zu können. Ich wünsche mir eine Arbeitsstelle, wo ich meine Stärken einbringen kann und die ich am Allerliebsten bis zur Rente behalten kann. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie so eine Stelle aussehen könnte und wo ich sie finde. Außerdem habe ich Angst davor Bewerbungsprozesse durchlaufen zu müssen. Dazu kommt, dass ich ein ausgesprochener Gewohnheitsmensch bin und aus lauter Angst vor Veränderungen lieber in ungesunden Situationen verharre, die kenne ich wenigstens. Das hat sehr wahrscheinlich mit Autismus oder auch mit Depressionen zu tun, weil es erstaunlich ist, wie schwer es mir tatsächlich fällt, mich auf etwas Neues einzulassen und die notwendigen Schritte aktiv dafür zu tun. Eigentlich bin ich also sehr belastbar, ich halte solche Situationen nämlich trotz hoher Belastung lange Zeit aus.

Mein soziales Leben war immer schon sehr überschaubar, aber es war nicht überhaupt nicht vorhanden. Wobei darunter mein Mann natürlich mehr leidet als ich. Ich hatte von jeher wesentlich weniger Bedürfnisse, mich mit anderen zu treffen oder auf Veranstaltungen zu gehen. Lieber verbringe ich meine Freizeit mit Lesen und zu Hause sein, wo es meiner Ansicht nach eh am Schönsten ist. Trotzdem habe ich viele Termine im Kalender stehen. Jetzt könnte man auf die Idee kommen, dass mich solche zusätzlichen Termine zu sehr belasten, weil ich sowieso dermaßen erschöpft bin. Einige sind Informationsveranstaltungstermine zu Themen, die mich interessieren, andere sind Arzttermine oder jetzt neu meine regelmäßigen Psychotherapietermine. Der Vorteil dieser Termine im Kalender ist, dass sie für mich absolut verbindlich sind und mir eben die dringend notwendige Struktur geben. Das ist wie früher, egal, wie es mir geht, Termin ist Termin – ich gehe dann sicher dort hin, sie machen, dass ich funktioniere. Für mich als Autistin haben diese vielen Termine neben der Belastung auch eine heilsame Wirkung.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass es Autisten mit zunehmendem Alter besser geht, weil die Kompensationsfähigkeiten durch lebenslanges Lernen so ausgereift sind, dass sie immer besser mit den Schwierigkeiten zurechtkommen. Mich selbst als Beispiel nehmend, scheint es aber so zu sein, dass meine Kompensationsfähigkeiten umso besser sind, je besser es mir geht. Und das wiederum hängt mit den äußeren Bedingungen zusammen. Das Fatale ist: Das Ganze ist ein Zirkel, je schlechter es mir geht, desto weniger bin ich in der Lage, die Rahmenbedingungen aufrecht zu erhalten, mit denen es mir so gut geht, dass ich problemlos funktioniere. Je schlechter es mir geht, desto weniger belastbar bin ich und umgekehrt.

Ist das alles jetzt ein Problem des Alters, meines spezifischen Autismus, einer Depression oder vielleicht eine Kombination daraus und dass ich selbst nicht fähig bin, mir verbindliche Strukturen vorzugeben und exekutive Dysfunktionen habe? Oder ist es banal ein hausgemachtes Problem wegen meiner Neigung zu Prokrastination, die mit dem Alter leider nicht besser geworden ist? Was auch immer der Grund ist, ich wünsche mir, dass es aufhört, ich möchte mich wieder besser fühlen und nicht mehr so deprimiert sein. Strukturen helfen, andernfalls würde ich wahrscheinlich schon lange nicht mehr morgens aufstehen, sondern depressiv im Bett liegenbleiben. Dazu kommt, dass sich bei jedem Gedanken daran, einfach nicht mehr aufzustehen, sofort mein Hirn einschaltet und fragt: Ok, verstehe, du bist zutiefst erschöpft, der Gedanke, im Bett liegen zu bleiben ist verlockend. Aber: Was machst du dann da? Morgen auch noch darin liegen? Und übermorgen?

Mein Psychotherapeut glaubt, dass es zwei Dinge braucht, damit es mir besser geht: Eine Therapie und Medikamente. Er hat mir gesagt, dass ich mich dringend an meine Ärztin wenden soll. Den Teil mit der Therapie erledige ich ja jetzt, seit ich ihn gefunden habe, die Hälfte habe ich demnach geschafft. Und weil es so, wie es derzeit ist, einfach nicht mehr weitergehen soll, überlege ich trotz meiner inneren Widerstände, ob Antidepressiva tatsächlich eine Lösung wären. Wobei ich glaube, dass ich einfach nur ganz, ganz dringend eine mit meinem eigenen Autismus vereinbare Arbeit und einen Stundenplan brauche. Früher ging es doch auch. Ich möchte wirklich gerne meinen Teich fertigbauen und mein Studium beenden, bevor ich im Rentenalter bin.