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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil4

Zum nächsten Erstgesprächstermin einige Wochen später ging ich in eher gedrückter Stimmung. Ich war gespannt, aus welchen Gründen es diesmal scheitern würde. Erstaunlicherweise vertrat dieser Therapeut (A) eine andere Haltung. Als ich ihn nach der Stunde fragte, ob er sich vorstellen könnte, mit mir zu arbeiten, meinte er, er sähe seinen Auftrag in der Versorgung der gesamten Bevölkerung und er würde es gerne versuchen, zwei Wochen später solle ich wieder zu ihm kommen. Wir hätten insgesamt fünf probatorische Sitzungen zur Verfügung, in denen wir uns kennenlernen und ich entscheiden könne, ob er der passende Therapeut für mich sei. In den Folgeterminen unterhielten wir uns überwiegend über meine aktuellen Themen, wie mein Outing in der Arbeit und über philosophische Fragestellungen zum Sinn des Lebens. Dieser Therapeut erklärte mir ruhig und sachlich überwiegend auf einer Metaebene Dinge, die ich ihn fragte.

Eine Wochen später hatte ich noch ein weiteres Erstgespräch bei einer Therapeutin (B). Auch sie gab mir Folgetermine. Abwechselnd hatte ich ab da jede Woche einen Termin bei einem der beiden Therapeuten. Und ab Mitte November dann noch wöchentliche Termine bei einem dritten Therapeuten (C), der zu Beginn jeder Stunde fragte, wie es mir gehe und wie die Stimmung sei. Beim erstenmal war ich überrumpelt und wusste keine Antwort. Ab dem zweitenmal wurde es zur Routine und ich begann mich ernsthaft mit meinen Emotionen zu beschäftigen. Dazu legte ich mir ein nützliches Instrument zu, um meine Gefühle besser bestimmen zu können – den GfK Navigator für Gefühle, Emotionen und Stimmungen. Dieser Therapeut ging systematisch vor, er ließ mich zu Beginn jede Menge Fragebögen ausfüllen, die er neben dem testpsychologischen Befund, dem Arztbrief der Diagnosestelle und den Entlassberichten meiner zwei Klinikaufenthalte auswertete. Er meinte auf meine Nachfrage, weshalb er das mache, er könne nicht einfach die Diagnosen von anderen abschreiben, er würde sich gern selbst ein umfassendes Bild machen, allerdings würde er jede von ihm gestellte Diagnose mit mir besprechen. Er hinterfragte gezielt meine Antworten, erläuterte mir vorher sein geplantes Vorgehen in der nächsten Stunde und tat stets das, was er sagte. Die Stunden bei ihm waren anstrengend, aber auf eine positive Art.

Ich beschloss, bei jedem der drei alle fünf Probesitzungen zu besuchen, um für meine Entscheidung eine Vergleichsgrundlage zu haben. Die Termine bei der Therapeutin verliefen unstrukturiert und für mich ohne erkennbaren Plan. In der vierten Sitzung passierten seltsame Dinge, die ich nicht sofort einordnen konnte. Nach meiner Beantwortung ihrer Frage, was ich am Wochenende vorhätte, sagte sie zu mir, das sei viel zu viel, ich müsse lernen, andere zu enttäuschen. Als erste Übung dazu solle ich ein meinem Stiefvater gegebenes Versprechen brechen. Auf meinen Einwand, ich hätte in meinem Leben bereits recht viele Leute enttäuscht, vor allem mich selbst und ich wolle nicht ausgerechnet meinen Stiefvater und damit meine Mutter enttäuschen, ob es nicht bitte jemand anderes sein könne, ging sie nicht ein. Sie wiederholte mantraartig ihre Forderung an mich. Ich war bei dem Gadanken daran, mein Versprechen zu brechen völlig überlastet und fing an zu weinen, sie hörte nicht auf, ihre Forderung zu wiederholen. Erst als ich ihr sagte, sie solle mich bitte in Ruhe lassen, wartete sie eine Weile, bis ich mich soweit beruhigt hatte. Dann fragte sie mich, ob ich den Konsiliarbericht dabei hätte. Ich war irritiert, sie hatte mir gegenüber ganz sicher dieses Wort nie erwähnt, weshalb sollte ich also so etwas dabeihaben? Sie legte mir zwei Formulare vor, die ich unterschreiben sollte, nachdem ich meine Daten eingetragen hätte. Ich wunderte mich, bemühte mich aber, trotz meiner Irritation meine Kontaktdaten in die richtigen Felder einzutragen. Ich verstand nicht, weshalb diese ganze Prozedere zu diesem Zeitpunkt unbedingt notwendig war, wir hatten doch noch einen Termin. Die Stunde war bereits überzogen und ich hatte noch nichts unterschrieben, da nahm sie mir die Formulare wieder aus der Hand und meinte, dass wir das in der nächsten Stunde auch erledigen könnten. Ich war dankbar, denn das war ja auch mein Gedanke, den ich allerdings nicht laut geäußert hatte. Zu Hause besprach ich mich mit meinem Mann und meiner Freundin, beide meinten nach meiner Schilderung, zu dieser Therapeutin solle ich nicht mehr gehen, ihr Verhalten sei suspekt, ich solle ihr nicht trauen.

Ich habe gelernt, dass es besser ist, mir die Meinung anderer zu solchen Vorkommnissen anzuhören. Aber ich bilde mir letzten Endes doch immer selbst eine Meinung. Ungeklärte und offene Dinge mag ich nicht. Ich denke auch, dass es besser ist, bei Unklarheiten direkt nachzufragen und offen darüber zu sprechen. Außerdem empfinde ich es nicht als fair, ausgemachte Termine ohne Erklärung nicht wahrzunehmen, also ging ich trotzdem zum letzten Termin. Diesmal mit einer Liste, auf der ich meine offenen Fragen wegen ihrer mich irritierenden Vorgehensweise aufschrieb und ihr gab, um dann Punkt für Punkt darüber zu sprechen. Dieser Termin war strukturiert, sie beantwortete alle meine Fragen. Sie meinte, sie habe nicht so ein gutes Gedächtnis wie ich und hätte vergessen, dass sie mir den Konsiliarbericht nicht zum Ausfüllen mitgegeben habe. Sie sei nicht auf mein Weinen eingegangen, weil sie nicht den Eindruck gehabt hätte, dass es mir wirklich schlecht ging. Außerdem gehöre das Eingehen auf solche Reaktionen zur eigentlichen Therapie und wir seien ja erst in den Probesitzungen. Wir vereinbarten, dass ich mich erst nach Weihnachten entscheiden könnte, ob ich eine Therapie bei ihr machen wolle.

Ich fragte die nette Frau im Netzwerk Autismus beim unserem nächsten Termin, woran ich erkennen könne, welcher Therapeut der Richtige für mich sei. In der Literatur hätte ich davon gelesen, meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Leider aber fühlte ich nichts im Bauch außer meinen mittlerweile allgegenwärtigen Magen-Darmproblemen. Sie gab zu bedenken, dass ich mich allein durch die Menge an Terminen und den parallelen Kontakt zu drei Therapeuten überlasten würde. Ich gab ihr im Prinzip recht, wandte jedoch ein, dass ich mich beeilen müsse, um vor einem potentiellen nächsten Zusammenbruch einen Therapieplatz zu finden. Ich fragte meinen Mann, wie ich das Problem lösen könnte. Er meinte, ich solle mir eine Matrix erstellen und das tun, was ich am besten könne: Systematisch vorgehen.

Danach überlegte ich mir einen Kriterienkatalog von für mich relevanten Bedingungen und gab jedem Kriterium eine eigene Gewichtung zwischen dem Wert 1 und 5. Dann bewertete ich auf einer dreistufigen Skala von 1 (schlecht), 2 (durchschnittlich) bis 3 (gut) die jeweilige Bedingung bei allen drei Therapeuten. Anschließend multiplizierte ich jeden Wert mit der Gewichtung, summierte das Ganze und erhielt so einen Gesamtwert. Zur besseren Übersicht stellte ich alles auch noch grafisch dar. Das sah dann letzten Endes so aus und ergab eine übersichtliche Grundlage für meine Entscheidung:

therapeutenpassung

Jetzt kann ich nur hoffen, dass mein Weg, mich für einen der drei Therapeuten zu entscheiden, dazu geführt hat, aus meinen Wahlmöglichkeiten tatsächlich den am besten passenden Therapeuten herauszufinden. Ob die Therapie dann auch erfolgreicher ist, als meine bisherigen Therapieversuche, wird die Zukunft zeigen.

Ich frage mich, wie es möglich ist, dass man einen Therapeuten langfristig behalten kann. In manchen Büchern hatte ich gelesen, dass Betroffene den Therapeuten ihres Vertrauens über Jahre hinweg hatten und das als hilfreiche Unterstützung sahen. Meines Wissens zahlt die Krankenkasse aber nur eine begrenzte Anzahl an Terminen. Und man darf nur alle zwei Jahre eine Therapie machen. Wahrscheinlich funktioniert das also nur, wenn man privat zahlt.

Falls jemand eine bessere Idee hat, wie man als Autist feststellen kann, ob man einen passenden Therapeuten gefunden hat, wäre ich dankbar, wenn er sie mir bitte verraten würde.


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil3

Über eine Bekannte hatte ich den Tipp bekommen, bei ihrem eigenen tiefenpsychologisch orientierten Therapeuten anzurufen. Als pragmatischer Mensch hatte ich ein paar Tage später dann ein Erstgespräch bei diesem. Er verabschiedete mich nach genau 19 Minuten mit den Worten: „Ich meine, dass Sie sehr zeitnah wöchentliche Therapiegespräche brauchen, die kann ich Ihnen leider nicht anbieten, wenden Sie sich doch zur Überbrückung an das BKH. Die Frau, die gerade eben vorher bei mir war, der kann ich sporadisch Termine anbieten, bis sie einen festen Platz bei mir erhält, bei Ihnen halte ich das nicht für sinnvoll, es tut mir leid“. Als weitere Rückmeldung erhielt ich den Hinweis, dass es für den Erhalt eines Therapieplatzes besser wäre, wenn ich einem Therapeuten erst im Lauf einer Therapie vorsichtig von meinen Diagnosen erzählen würde, weil eine sofortige Mitteilung abschrecken würde. Ah ja. Und ich dachte, eine Therapie basiere auf größtmöglicher Offenheit. Ich dachte, die umfassendste Antwort auf die Frage, weshalb ich einen Therapieplatz suche, wäre, dem Therapeuten den Arztbrief auszuhändigen. Irgend etwas hatte ich da wohl wieder falsch verstanden, wie scheinbar so viele andere Dinge auch.

Meine deprimierte Folgerung war: Es scheiterte offenbar an mir und meiner Person. Nicht nur mit sehr vielen nicht psychologisch geschulten Nichtfachleuten, sogar mit Therapeuten aller Fachrichtungen kommt es bei mir zu Verständigungsproblemen und zu Ablehnung. Ich hatte keine Ahnung, was so falsch an mir war, ich war nur leider nach nunmehr 58 Therapeutenkontakten, die meisten davon telefonisch, und inzwischen 37 Absagen, etliche davon explizit wegen der Autismus-Diagnose, ratlos, was ich noch machen sollte. Die Therapieplatzsuche entwickelte sich zu einer immensen Belastung. Ich hatte keine Kraft mehr, das gesamte Prozedere nochmals zu erledigen und neue Therapeuten zu kontaktieren. Aber ich hatte noch drei weitere offene Termine, also auch noch drei potentielle Chancen, einen Therapeuten zu finden.