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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)


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Asperger im Studium – K(r)ampf um einen Nachteilsausgleich

In den Links (beispielsweise hier), auf die die Seiten der FUH verweisen, ist mehrfach explizit von Autismus und Asperger-Betroffenen als berechtigter behinderter Personenkreis für einen Nachteilsausgleich die Rede. Ich hatte in den Informationen des Studentenwerkes erfahren:

„Deshalb gilt: Studierende sollten möglichst frühzeitig Kontakt zu den Behindertenbeauftragten bzw. Beratungsstellen für Studierende mit Behinderungen und chronischenKrankheiten der Hochschulen oder Studentenwerke aufnehmen. Hier gibt es nebenallgemeinen Informationen zum Thema Nachteilsausgleich bei Bedarf Beratung zu Art und Umfang der individuell notwendigen Prüfungs- und Studiengangmodifikationen und zum Beantragungsverfahren“ (S. 97).“

Ich hatte mich zeitnah nach Kenntnis meiner Beeinträchtigung -da ich meine Diagnose erst dieses Jahr erhalten habe also erst mitten im Studium – an die Hochschulbeauftragte für Behinderte und chronisch kranke Studierende der FUH gewandt. Ich bat dort um eine solche Beratung, die meine Schwierigkeiten, mich in eigener Sache zu vertreten, berücksichtigt. Ich bat um Hilfe bei der Frage, an wen ich mich wenden sollte und um Information, was konkret und bitte in für mich nachvollziehbaren Einzelschritten ich tun sollte. Sie schickte mir als Unterstützungsmaßnahme den Leitfaden der FUH zum Nachteilsausgleich und verwies mich an meine Ärztin wegen der Möglichkeit einer Studienassistenz weiter.

Ich hatte dann einen formal korrekten Antrag auf Nachteilsausgleich gestellt. Und gestern habe ich schriftlich den Ablehnungsbescheid des Prüfungsamtes erhalten. Die Sachbearbeiterin teilte mir vorab per E-Mail mit, was die Leiterin des Prüfungsamtes entschieden hat. Eine Professorin der FUH, die sich dank einer Kommilitonin ebenfalls der Sache annahm, riet mir zuvor, dass ich mich für die Prüfungen anmelden solle, sie würde nochmal mit der Leiterin des Prüfungsamtes wegen der Ablehnung reden. Ich habe mich also rechtzeitig vor Fristende für die Module M6 und M7 zur Prüfung angemeldet. Das Reden hat aber wohl auch nichts genutzt. Jetzt habe ich also eine offizielle Ablehnung meines Antrages auf Nachteilsausgleich (mit demselben Text, wie der aus der E-Mail von der Sachbearbeiterin) mit folgendem Wortlaut als Weihnachtsgeschenk erhalten:

„nach eingehender Prüfung Ihres Antrags zum Nachteilsausgleich vom 13.12.2016 für die Module 6, 7 und die Masterarbeit mit beiliegendem Attest muss ich Ihnen mitteilen: Die fehlende oder reduzierte Filterung von Reizen sowie die Priorisierungsmängel liegen – wie auch aus dem Attest hervorgeht – in einer persönlichkeitsbedingten Eigenschaft (Asperger-Syndrom) begründet. Eine Veränderung der Prüfungsanforderungen würde bei einer solchen generellen Einschränkung der Leistungsfähigkeit den Aussagewert des Ergebnisses der Leistungskontrolle verfälschen, so dass die  Antragstellung eine Ablehnung des Antrags in der gestellten Form ergeben hat. Hausarbeiten und die Abschlussarbeit können grundsätzlich im eigenen häuslichen Umfeld bei relativ flexibler Zeiteinteilung bearbeitet werden. Sich – wie von Frau XYZ angeregt – bei der zuständigen Stelle über die Möglichkeit einer Studienassistenz zu informieren, halte ich für sinnvoll.“

Neben der Hochschulbeauftragten für Behinderte und chronisch kranke Studierende meint also auch das Prüfungsamt, dass die Lösung in einer Studienassistenz läge. Die nette Frau vom Netzwerk Autismus meinte allerdings auf meine Nachfrage, was einen Studienassistenz eigentlich wäre und inwiefern mir das nutzen könne, das käme für mich nicht in Frage. Meine Ärztin hat mich in dieser Frage an die FUH zurückverwiesen, weil ihrer Aussage nach die die zuständige Stelle sind. Ich bin ratlos. Ich werde also von A nach B geschickt und B schickt mich zurück zu A. Wer ist denn eigentlich tatsächlich die zuständige Stelle für die Beantragung einer Studienassistenz? Wieso sagt mir das keiner an der FUH, nicht mal die Hochschulbeauftragte für Behinderte und chronisch kranke Studierende weiß es? Wie und vor allem wo kann ich das überhaupt herausfinden? An wen kann ich mich jetzt eigentlich noch wenden?

Meine Ärztin, die das fachärztliche Attest schrieb, reagierte auf die Ablehnungsbegründung mit Unverständnis. Sie hat schon häufiger Atteste mit demselben Inhalt geschrieben und bisher gab es an anderen Universitäten keine Probleme, Nachteilsausgleiche konnten gewährt werden. Meine Ärztin hat mir also ihr Befremden wegen der Ablehnungsbegründung ausgedrückt, kann aber ansonsten nichts tun. Und ich frage mich (und natürlich auch gerne die FUH, falls sich doch noch jemand für zuständig erklären sollte) zum wiederholten Mal: Wer kann mir dabei helfen, Widerspruch einzulegen? Welche Begründung könnte ich anführen?

Im Moment sieht es eher nach einer Auseinandersetzung um die Anerkennung von Autismus als Behinderung bei der FernUniversität Hagen (FUH) aus. Im Prüfungsamt scheint noch nicht angekommen zu sein, dass Autismus eine Behinderung ist, deren Auswirkungen einen Nachteilsausgleich rechtfertigen würden. Warum begründet das Prüfungsamt der FUH die Ablehnung damit, in meinem Autismus eine persönlichkeitsbedingte Eigenschaft zu sehen? Irrtümlich könnte man bei der Formulierung davon ausgehen, dass Autismus als eine Persönlichkeitsstörung gesehen wird. So wie ich es verstehe, fokussiert die Begründung aber darauf, dass ich ein persönlichkeitsbedingtes Grundleiden habe, das mein Leistungsvermögen nicht behindert. Meine Leistung ist wegen meines Asperger-Syndroms immer schon so wie jetzt gewesen und ein Nachteilsausgleich würde mir ungerechtfertigte Vorteile bringen.

In einer ein Jahr alten Diskussion des Forums für Rehabilitation und Teilhaberecht der DVfR (Deutsche Vereinigung für Rehabilitation) kommt man in einem ähnlichen Fall zu dem Ergebnis, dass ein Nachteilsausgleich zugestanden hätte werden müssen. Auf meinen Fall übertragen heißt das für mich: Meine persönlichkeitsbedingte Eigenschaft (Asperger-Syndrom) ist eine anerkannten Behinderung. Die Einschätzung des Prüfungsamtes berücksichtigt nicht, dass diese Behinderung ein Recht auf Ausgleich genau der Nachteile bedingt, die durch sie entstehen. Außerdem kommt es seitens des Prüfungsamtes zusätzlich zu einer Vermischung zwischen intellektueller und psychischer Behinderung, weil mit dem Hinweis auf eine Studienassistenz meine Studierfähigkeit an sich angezweifelt wird. Aber nicht meine grundsätzliche Leistungsfähigkeit ist autismusbedingt beeinträchtigt, sondern ich benötige nur mehr Zeit, um dieselbe Leistung, wie ein Studierender ohne Behinderung erbringen zu können. Eine angemessene Zeitverlängerung als Ausgleich für die durch meine Behinderung bedingten Nachteile wäre also ganz im Sinne des Verbotes der Benachteiligung Behinderter. Diese Ablehnung kann auch nicht mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz im Prüfungsrecht begründet werden. Im Sinne einer gleichberechtigten Bildungsteilhabe sollte eine Gewährung des von mir beantragten Nachteilsausgleiches als Herstellung von gleichwertigen Prüfungsbedingungen verstanden werden, nicht als Gewährung irgendwelcher Vorteile oder als Verringerung der fachlichen-inhaltlichen Anforderungen des Studiums. Das Grundproblem liegt demnach in einer fragwürdigen Sicht auf Behinderung und einer Diskriminierung psychischer Behinderungen gegenüber körperlicher Behinderungen.

Ich muss mich bis spätestens Januar entscheiden, ob ich es überhaupt schaffe, im Moment irgendeine Prüfung an der FUH abzulegen. Ich fühle mich allein gelassen von den Verantwortlichen an der FUH. Wobei ich ja noch nichtmal von irgendwem eine zielführende Information erhalten habe, wer für was verantwortlich ist. Inklusion sieht in meiner Logik anders aus, Barrierefreiheit ebenfalls, aber ich kenne mich mit meinen Rechten und Pflichten als Behinderte nicht richtig aus, mir fehlt juristisches Fachwissen. Ich weiß gar nicht, wo ich alle für mich relevanten Informationen dazu finden kann, geschweige denn, welche Information relevant ist und bin im Moment damit überfordert. Zur Zeit kann ich meine grundlegenden Schwierigkeiten nicht mehr so gut kompensieren, wie das lange Zeit retrospektiv gesehen nach außen hin relativ gut funktioniert hat.

Eine der Folgen, die mein Autismus hat, ist, dass ich mich bei Überlastung sozial zurückziehe und ein Kernsymptom sind Schwierigkeiten in der Kommunikation. Das behindert allerdings meine Chancen, mich um meine Belange kümmern zu können. In meinen Augen ist die ganze Situation wieder mal reichlich absurd. Ich soll Dinge erledigen, die ich wegen meines Autismus gar nicht ohne Unterstützung erledigen kann und werde durch Stellen, die mich unterstützen sollten auch noch dabei behindert. Ich stehe vor einer für mich nicht mehr bewältigbaren Menge an zum Teil zeitlich befristeten Aufgaben und habe wegen meiner Behinderung Schwierigkeiten mit dem Zeitmanagement und der Priorisierung. Das Bemühen um Lösungen, Unterstützung und Hilfe kosten mich Kraft und Fähigkeiten, die ich jedoch gerade wegen meines Asperger-Syndroms und dessen Auswirkungen nicht habe.

Die Ärztin von der Diagnosestelle und die nette Frau vom Netzwerk Autismus haben mir zu weniger Belastung geraten. Ich hatte wegen meiner Fragen zur Studienassistenz und zum Nachteilsausgleich diese Woche einen Termin bei meiner? Ärztin und sprach sie darauf an, dass ich meines Wissens doch gar nicht in Behandlung bei ihr gewesen war, sondern es bei den bisherigen Terminen nur um die Diagnostik gegangen wäre. Sie erklärte mir, weshalb dem nicht so ist, demnach war und bin ich „in Behandlung“. Aus abrechnungstechnischer Sicht ist das logisch und seit dem letzten Termin gehe ich auch damit konform. Warum sie mir dringend zu einer Reduzierung meiner Belastung geraten hat, liegt daran, dass ich psychosomatische Überlastungsreaktionen zeige, die scheinbar typisch für Menschen wie mich bei zu hoher Belastung sind? Ich denke, sowohl die nette Frau im Netzwerk Autismus als auch meine Ärztin kennen mehr Autisten als ich und ich sollte ihnen besser Glauben schenken, mal abgesehen davon, dass es mich selbst erschreckt, in welchem Umfang ich inzwischen gesundheitliche Probleme habe.

Aber ich habe keine Ahnung, wie ich meine Belastung reduzieren soll. Es geht eigentlich nur in Dingen, die weder ein Fristende haben noch rechtlichen Folgen, fristgerechte Widersprüche und Antragstellungen gehören demnach nicht dazu. Ich sehe im Moment – aspergertypisches? Schwarz-Weiß-Denken – nur die Möglichkeit, aufzugeben und keinen Widerspruch einzulegen, um meine Belastungen zu reduzieren.

Die Diagnose hat mich als Mensch nicht verändert, meine Schwierigkeiten sind mein ganzes Leben lang dieselben gewesen. Und sie werden es auch bleiben. Das Wissen um die Ursache der Schwierigkeiten verändert natürlich die Schwierigkeiten an sich ebenfalls nicht. Ich habe definitiv Nachteile wegen meines Asperger-Syndroms, aber nirgendwo steht geschrieben, dass das Leben fair ist. Diese Nachteile bin ich zwar gewohnt, es macht die Schwierigkeiten aber ebenfalls nicht leichter erträglich. Ich habe bisher mein Leben ohne irgendeinen Ausgleich meiner autismusbedingten Nachteile gelebt, ich habe es alleine geschafft und ich werde es auch weiterhin alleine schaffen. Ich weiß nicht, ob es sich mit Nachteilsausgleich leichter hätte leben lassen. Wahrscheinlich aber hätte es sich für meine Gesundheit zuträglicher leben lassen. Die Folgen habe in erster Linie ich zu tragen und ich bin und bleibe behindert – aber letzten Endes werde ich derzeit zusätzlich auch noch von außen behindert, was nicht sein müsste. Meiner autistischen? Sicht nach empfinde ich die Auslegung der Regelungen zum Nachteilsausgleich als absurd und die Argumentation des Prüfungsamtes als unlogisch. Inklusion an der FUH klingt im Jahr 2016 leider nur auf dem Papier gut – in der Realität gibt es gravierende Umsetzungsprobleme. Diese Aussage hat anekdotische Evidenz und spiegelt meine Erfahrung wider.

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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil2

Nach Anlaufschwierigkeiten, weil er sich bei mir per E-Mail meldete, weil er mich telefonisch nie erreichen könne, woraufhin ich einen festen Telefontermin mit ihm vereinbarte und mein Smartphone einschaltete, er aber nicht anrief, hatte ich dann doch noch im Urlaub Kontakt zu einem vielversprechend klingenden Therapeuten. Er hatte mit mir bereits schriftlich abgeklärt, dass Asperger für ihn kein Hinderungsgrund sei. In einem ruhigen Telefonat erklärte er mir sowohl die Anfahrtsmöglichkeiten zu seiner am Wasser gelegenen Praxis als auch detailliert das geplante Prozedere für das Erstgespräch.

Ich erschien also eine Stunde vor dem vereinbarten Termin, um im Wartezimmer bei gedämpftem Licht und entspannter Ruhe auf seinem Tablet verschiedene Tests auszufüllen, die sofort ausgewertet wurden. Das empfand ich als professionelles Vorgehen. Der Therapeut war erfreulich technikaffin. Nur eine leise schnurrende Perserkatze leistete mir beim Ausfüllen Gesellschaft. Als er nach einer Stunde wie abgesprochen kam, um mir das Tablet abzunehmen, konnte er nicht glauben, dass ich alle Tests bearbeitet hatte. Er sagte, das habe bisher noch nie jemand bei ihm geschafft. Es erstaune ihn ungemein. Ich wunderte mich, er hatte gesagt, ich solle die Tests so weit ausfüllen, wie ich kommen würde, also hatte ich das getan. Es handelte sich unter anderem um ein Depressionsinventar, einen Fragebogen zur Abklärung von Psychosen oder Schizophrenie, Fragen zu potentiellen anderen physischen Erkrankungen, mein Krankheitserleben, usw. In meinen Augen waren es zehn umfassende, zumindest soweit sie mir bekannt waren, valide Fragebögen, das Ganze wirkte wirklich gut organisiert.

Er bat mich in sein riesiges, geschmackvoll eingerichtetes Therapiezimmer mit wenigen, ausgesuchten, massiven, zeitlosen, hochwertigen Echtholzmöbeln. Dort ging er kurz die Auswertungen der Fragebögen durch, bevor er zu mir sagte: „Suchen Sie sich einen Platz aus“. Er hatte insgesamt vier Sitzmöglichkeiten, eine davon an seinem Schreibtisch, der Rest locker um einen Couchtisch gruppiert, eine war ein wunderschöner Funktionsstuhl, der mir sofort aufgefallen war, weil er interessant aussah. Ich setzte mich auf besagten Stuhl, woraufhin er meinte: „Aber nicht diesen, das ist meiner“. Aha, kann ich ja nicht wissen, ich meinte, dann müsse er das halt vorher sagen. Er hatte mich dann trotzdem dort sitzen lassen, nachdem er mir die unterschiedlichen Funktionen des Stuhls und mögliche Sitz-, Schaukel und Liegepositionen vorführte. Wir unterhielten uns eine Stunden lang meinem Empfinden nach angenehm miteinander. Nur, damit er mir danach sagte, dass

  • es ihn sehr gestört habe, dass ich „motorisch unruhig“ gewesen sei. Ich dachte bei mir, dass ein Stuhl, der explizit für nichtstatisches, gesundes Sitzen gebaut ist und dessen Funktionsweise er mir ausführlich erklärt und vorgeführt hatte, auch so genutzt werden sollte. Worin ich mich anscheinend getäuscht hatte. Ich zog zu seinen Gunsten in Erwägung, etwas falsch verstanden zu haben.
  • er Verhaltenstherapie in meinem komplexen Fall nicht für das Mittel der Wahl hielte, er würde eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie für zielführender halten. Auf meine Einwände, dass laut der Literatur, die ich dazu gelesen hätte, bei Autismus Tiefenpsychologie eher nicht helfe, und die Testpsychologin mir ausdrücklich zu Verhaltenstherapie geraten habe, ging er nicht ein.
  • er selbst sich bei all seiner Erfahrung eine Therapie mit mir nicht zutraue. Er, obwohl er offen sei, seltsamerweise zu mir keinen Zugang bekäme, keine Passung sähe, es läge nicht an mir, er wolle mich nicht enttäuschen. Woraufhin ich irritiert erwiderte, ich hätte ja noch gar keine Beziehung zu ihm, insofern enttäusche er mich nicht, darum ginge es doch gar nicht, aber ich würde gern verstehen, weshalb er sich eine Therapie mit mir nicht zutraue.
  • er meine, ich würde unbedingt eine Therapie brauchen, da wäre so viel, er überblicke das gar nicht alles. Ich fragte verunsichert nach, ob er mit „komplexer Fall“, schwieriger, wenig erfolgversprechender Fall meine. Was er verneinte und mich nachdrücklich darauf hinwies, ich könne mich an die Institutsambulanz im BKH wenden oder beim Krisendienst Horizont kurzfristige kompetente Hilfe erhalten, ob er mir die Adressen ausdrucken solle?

Ich erwiderte, dass ich von eben dieser Institutsambulanz die Diagnose erhalten hätte, was aus den von ihm vorab verlangten und ihm von mir auch zugesendeten Arztberichten hervorgehen würde. Außerdem sagte ich ihm, dass Horizont meines Wissens eine Stelle sei, bei der man Hilfe im Fall von Suizidabsichten erhalten würde, danke, die Adressen hätte ich beide bereits, das wäre für den Erhalt eines Therapieplatzes aber für mich eher nicht zielführend.

Ich fragte ihn, ob es eventuell doch an der Autismus-Diagnose läge, was er ebenfalls verneinte, er habe keine Schwierigkeiten mit dieser Thematik. Ich fragte, ob es daran läge, dass ich in seiner Testbatterie auf jede Frage, die irgendwie in spirituelle Richtung ging, mit Nichtzustimmung geantwortet hätte, was ihm, wie ich mich erinnerte, bei der Auswertung bereits aufgefallen sei. Ich mich jedoch auch daran erinnern würde, dass im Wartezimmer ein Buch über Zen, Achtsamkeit, und in meinen Augen eher esoterischen Dingen, wie Familienaufstellen mit ihm als Mitautor läge. Ob es da eventuell einen Zusammenhang geben könne. Was er wortreich verneinte. Ich fragte, ob ich es so zusammenfassen könne, dass er mich einfach nicht verstünde. Was er bejahte. Ich bin daraufhin mit den Worten gegangen: „Da sind Sie nicht der erste, das begleitet mich schon mein Leben lang und ist ja eben genau eines der Grundprobleme, das ich ihnen auch mehrfach in der letzten Stunde geschildert hatte. Schade wegen des schönen Stuhls“.

Ich war zuallererst ziemlich ungehalten, weil ich viel Zeit und Energie investiert hatte. Außerdem hatte ich mir während der Stunde bereits vorgestellt, wie schön es werden würde, diesen Stuhl in diesem ruhigen Raum, in dem ich mich wohl fühlte, öfter nutzen zu dürfen. Nach der intensiven, mehrtägigen Reflexion des Gesprächs war ich anschließend verunsichert. Ein ein erfahrener Therapeut hatte mich nicht verstanden und eine Behandlung abgelehnt, gleichzeitig aber gemeint, ich bräuchte unbedingt einen Therapieplatz, und das langfristig, am besten gleich eine komplette Psychoanalyse. Was, wenn er recht hätte?


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, endlich einen passenden Therapeuten zu finden #Teil1

Das erste Erstgespräch fand einen Tag vor unserem zweiten langfristig geplanten größeren Urlaub in diesem Jahr statt. Ort war ein muffig riechender, bedrückend niedriger Kellerraum eine gute Stunde Autofahrt von meinem Zuhause entfernt und das abends zu einer Zeit ohne Verkehr. Die Therapeutin war im zweiten Ausbildungsjahr und erklärte mir welche Vorteile es hätte, bei ihr eine Therapie zu machen, weil im Hintergrund als Supervisor auch immer ihr sie ausbildender Therapeut mit involviert sei. Über meinem Kopf trampelten die Bewohner der Erdgeschosswohnung herum, was meine Konzentration nachhaltig beeinträchtigte, so dass ich nicht alles mitbekam, was die potentielle Therapeutin im Alter meiner Tochter mir erzählte. Ihre Zehen in den Flipflops rollten sich im Verlauf der Stunde zunehmend ein, während ich versuchte, ihre Fragen zu beantworten. Ich fühlte mich mehr und mehr angestrengt, sie verstand scheinbar Dinge, die ich aus meinem Familienerleben erzählte nicht. Ich fragte, wie genau mir Therapie ihrer Ansicht nach helfen könnte, und was in der Therapie passiere. Sie antwortete, Therapie passiere einmal wöchentlich in der vereinbarten Stunde und könne mir ganz sicher sehr helfen, das würde ich mit der Zeit schon noch merken.

Nach der Stunde fuhr ich aufatmend nach Hause und besprach meine Beobachtungen mit meinem Mann. Wir kamen überein, dass weder die Rahmenbedingungen noch die Therapeutin passend erschienen, obwohl ich grundsätzlich kein Problem damit gehabt hätte, mit einer sich noch in Ausbildung befindlichen Therapeutin zu arbeiten. Wie sonst sollte sie Berufserfahrung bekommen? Ich wog Pro- und Contra-Argumente gegeneinander ab. Mit meiner Nachtblindheit den Weg von der Praxis nach Hause einmal wöchentlich Abends zu einer Zeit bewältigen zu müssen, in der ich mich normalerweise bereits darauf vorbereitete, ins Bett zu gehen, weil ich bei winterlichen Straßenverhältnissen garantiert mehr als eine Stunde für die Strecke brauchen würde, war ein schwerwiegendes Contra-Argument. Ich dachte darüber nach, wie wahrscheinlich es wohl war, dass die Mieter über dem Therapieraum sich zur Therapiezeit nicht zu Hause aufhalten würden. Meine Beobachtungen der körperlichen Reaktionen der angehenden Therapeutin ließen außerdem auf eine Überforderung bereits in der ersten Stunde schließen. Die Contra-Argumente gewannen. Wir fuhren erst einmal in Urlaub. Ich hatte ja noch die Option auf weitere Erstgespräche.


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Psychotherapie – oder wie finde ich überhaupt einen Therapeuten, der einen freien Therapieplatz hat?

Auf Anraten der Diagnosestelle versuche ich seit nunmehr vier Monaten auf ein Neues, einen Psychotherapieplatz zu finden. In der Hoffnung, dass nicht ich resistent gegen Psychotherapie bin, sondern die Therapeuten und Therapieversuche bisher einfach nicht zu mir passten.

Ich stehe auf der Warteliste für ein soziales Kompetenztraining, von dem ich begründet annehme, dass es ganz sicher nicht schaden kann. Die Testpsychologin hatte mir konkret am PC erklärt, wie ich Therapeuten finden kann. Über eine Umkreissuche 50 Kilometer rund um meinen Wohnort bei der KVB fand ich niedergelassenen Verhaltenstherapeuten, die mit dem Auto potentiell von meiner Arbeitsstelle oder von zu Hause gut erreichbar waren und erstellte eine Excel Liste mit deren Kontaktdaten. Ich arbeitete die Liste systematisch ab, indem ich erst einmal schaute, über welchen Therapeuten ich Informationen im Internet fand und wem ich eine E-Mail schreiben konnte. Ich formulierte meine Anfrage schriftlich und schickte sie jedem. Danach telefonierte ich einen Tag lang die verbleibenden Therapeuten auf der Liste ab, wobei ich darauf achtete, nicht innerhalb eines Zeitraumes von 10 Minuten vor bis 10 Minuten nach der vollen Stunde anzurufen, um mit niemandem persönlich sprechen zu müssen. Ich musste häufiger zweimal anrufen, um die Ansagen zu verstehen. Auf jeden Anrufbeantworter, dessen Ansage nicht auf für Terminvereinbarungen ausgewiesene Sprechzeiten oder volle Wartelisten verwies, sprach ich meinen E-Mail Anfragetext, den ich dazu vom Blatt ablas. Ich dokumentierte alles in meiner Liste.

Im nächsten Schritt fügte ich eine Tabelle ein (ich mag Excel), sortierte die verbliebenen Therapeuten, die Termine nur persönlich am Telefon zu bestimmten Zeiten vereinbarten, nach Sprechzeiten und machte mich daran, diese in alphabetischer Reihenfolge Tag für Tag mit dem Blatt in der Hand, von dem ich meinen Text ablesen konnte, telefonisch zu kontaktieren. Weiterhin dokumentierte ich alles nachvollziehbar in meiner komplexer werdenden Tabelle und erstellte Auswertungen, die anschaulich meine Bemühungen dokumentierten. In den folgenden Tagen hatte ich entweder viel Stress, weil ich mit Therapeuten am Telefon sprechen musste oder weil mein Mobiltelefon zu unpassender Zeit klingelte, wenn mich jemand zurückrief.

Aus meinen letztendlich 57 Anfragen resultierten 32 sofortige Absagen ohne Wartelistenplatz und sechs Wartelisteneintragungen mit der Option, mich im frühesten Fall im November wieder zu melden, falls ich bis dahin keinen Platz gefunden hätte, bzw. Anfang bis Mitte 2017 vielleicht eine Therapie beginnen zu können. Einige Therapeuten auf meiner Liste hatte ich gar nicht erreicht, weil sie keinen Anrufbeantworter hatten. Die Begründungen für eine sofortige Absage waren: „Habe bereits eine volle Warteliste“ oder: „Kenne mich leider nicht mit Asperger aus“. Immerhin fünf Therapeuten boten mir zwischen September und November einen Termin für ein Erstgespräch an, einer versuchte sogar mehrfach mich zurückzurufen. Und vom Rest erhielt ich keine Rückmeldung.


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Psychotherapie – oder die Geschichte von der Kunst, zur Abwechslung mal die passende Diagnose und erst dann einen passenden Therapeuten zu finden

Mein Mann hatte seit dem Auszug meines Sohnes mehrfach Vergleiche zwischen ihm und mir angestellt und war zu dem Ergebnis gekommen, dass ich zur Sicherheit abklären lassen sollte, ob ich nicht vielleicht ebenfalls autistische Züge hätte. Ende 2015 hatte mir meine Freundin mit den Worten: „Das hat mich total an dich erinnert, lies das mal“ ein Buch in die Hand gedrückt mit dem Titel Schattenspringer von Daniela Schreiter. Während des Lesens musste ich abwechselnd lachen und weinen, weil ich mich in vielen Dingen wiedererkannte. Ich las einige Fachartikel über Autismus, in denen darauf hingewiesen wurde, dass sich die Symptome zum Teil mit denen anderer psychischer Erkrankungen überschnitten. Danach las ich dann sehr viele Studien und Fachartikel zu den Themen Angststörungen, Autismus, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Zwangserkrankungen, die frei im Internet zugänglich waren. Ich bestellte mir ein neueres Fachbuch von Ludger Tebartz van Elst Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter, um mehr Informationen neben den wissenschaftlichen Studien zu erhalten, die vielleicht besser verständlich für mich sein würden.

Ich rang mit dem Verständnis der Diagnosekriterien von in Frage kommenden psychischen Erkrankungen, fand Beispiele für mich aus meinem eigenen Leben und zweifelte diese Beispiele an. Ich verwarf einerseits die Idee, selbst ebenfalls autistisch sein zu können, weil ich mich wieder und wieder mit dem einzigen autistischen Menschen verglich, den ich kannte und der war so ganz anders als ich. Bei der nächsten Lektüre fand ich mich andererseits trotzdem in Beschreibungen einzelner Symptome wieder. Da es aber genügend Beispiele gab, die garantiert nicht auf mich zutrafen, war ich mir letzten Endes relativ sicher, zwar tatsächlich irgendeinen größeren psychischen Schaden haben zu müssen, dachte aber eher an eine Persönlichkeitsstörung oder Depression als an Autismus.

Ich schrieb eine Analyse für mich selbst, um meine Gedanken zu sortieren. Schwierige Lebenssituationen diskutierte ich in Selbstgesprächen immer schon mit mir selbst aus und schrieb vor wichtigen Entscheidungen erst einmal alle relevanten Punkte nieder. Meine schriftliche Auseinandersetzung mit dem Thema wurde dann ein kompletter Lebenslauf, strukturiert nach Überpunkten, logisch gegliedert – und sehr lang. Ich kam zu der Erkenntnis, dass ich das noch jahrelang weitertreiben konnte, als Laie aber niemals eine Antwort erhalten würde, der ich trauen konnte, denn eingedenk meiner Vordiagnose meinte ich, dass ich meiner eigenen Wahrnehmung lieber nicht trauen sollte. Nach meinem Verständnis war eine korrekte Einordnung meiner Symptome wichtig, um überhaupt effektive Handlungsmöglichkeiten ableiten zu können. Bevor ich mich also auf die Suche nach einem Therapeuten machen konnte, um nicht weiter an meinen psychischen Schwierigkeiten zu verzweifeln, musste ich demnach meinen Verdacht von Fachleuten abklären lassen.

Mein Mann war sich mittlerweile sicher, dass ich Autistin bin, ihm glaubte ich aber als Nichtfachmann nicht. Ich befragte meinen Sohn, ob er sich vorstellen könnte, dass ich autistische Züge hätte. Er riet mir, mich beim hiesigen Netzwerk Autismus zu melden. Ich machte dort Ende 2015 einen Termin mit einer sehr netten Frau aus. Seither treffe ich mich mit ihr alle vier bis sechs Wochen, bespreche Vorkommnisse aus meiner Arbeit und meinem Leben und hole mir kompetenten und hilfreichen Rat. Sie vermittelte mir Anfang 2016 einen Termin zur Abklärung meiner Fragen bei einer Ärztin der Institutsambulanz des BKHs, die langjährige Erfahrung mit der Diagnostik von Autismus bei Erwachsenen hatte. Nach einem Gespräch mit dieser Ärztin, zu dem sie mich dankenswerterweise begleitete, wurde ich zu weiteren Anamnesegesprächen wegen der Abklärung einer Depression und des Autismusverdachtes eingeladen. Beim zweiten Gespräch begleitete mich mein Mann. Da die Ärztin  mich nach meiner Kindheit gefragt hatte, gab ich ihr meine eigene schriftliche Analyse, die sie zusätzlich zu den insgesamt fünf Gesprächen mit ihr auswerten wollte.

Drei Monate später erhielt ich drei Testtermine bei einer Testpsychologin, die mir das weitere Vorgehen vorab per Email mitteilte. Die Testung selbst war mit jeweils zweieinhalb bis drei Stunden zwar anstrengend, aber interessant. Nach dem dritten Termin, bei dem ich auch einen Stapel zu Hause ausgefüllter Fragebögen mitbrachte, wollte sie noch meine Mutter interviewen, die neben meinem Mann ebenfalls einen Fragebogen ausfüllen durfte. Das hatte sie dann zeitnah auch gemacht, meine Mutter erzählte mir, sie wäre hauptsächlich tiefer zu den Fragen befragt worden, die sie im Fragebogen bereits angekreuzt hatte. Sie sollte Beispiele meines Verhaltens als Kind im Alter von ca. 3 bis 6 Jahren schildern. Das Interview wurde per Telefon durchgeführt und dauerte laut meiner Mutter ca. eine Stunde.

Weitere acht Wochen später fand das Abschlußgespräch statt, zu dem ich mit meinem Mann ging. Und 17 Jahre nach meiner ersten Diagnose erhielt ich dann die Diagnose Asperger-Syndrom. Die Testpsychologin erklärte uns beiden in den nächsten zweieihalb Stunden ausführlich meine Testergebnisse und die Folgen daraus. Sie erläuterte meinem Mann Gründe für Verhalten von mir, das bisher in unserer Ehe immer wieder zu Schwierigkeiten geführt hatte. Außerdem erläuterte sie uns die Gründe, die wohl zu meiner Vordiagnose aus dem Jahr 1999 geführt hatten. Dies alles steht auch im siebenseitigen Arztbericht, der mir zusätzlich zu den 13 Seiten Testbericht zwei Wochen darauf zugesendet wurde. Die Testpsychologin sagte mir zu, dass ich per E-Mail um einen weiteren Termin bitten dürfe, wenn bei mir noch Fragen aufkämen, was ich ein paar Wochen später nach mehrfachem Lesen der Berichte auch tat. Ich nahm dazu eine Liste mit offenen und neu entstandenen Fragen mit, die sie mir ausführlich beantwortete. Insgesamt fühlte ich mich während der Diagnostik von allen Stellen, die involviert waren sehr gut unterstützt und begleitet.

Zu einer Fachambulanz zu gehen, um dort eine diagnostische Abklärung psychischer Probleme machen zu lassen, ist nach meiner jetzigen Erfahrung eine wirklich gute Entscheidung. Die Fachkräfte kannten sich mit Autismus und seinen Erscheinungsformen aus. Mir hatte die erste Ärztin beispielsweise in den Anamnesegespächen die neuesten Forschungsergebnisse und die Änderungen von ICD 10 auf 11 bzw. DSM 5 ausführlich erläutert. Wichtig erscheint mir, dass man sich auf die Diagnostik offen einlässt und Vertrauen hat. Es sind Fachleute, die einem helfen wollen. Ich bin dort hingegangen, um eine verläßliche Einschätzung zu erhalten, was mit mir psychisch nicht stimmt. Und dazu brauchte ich trotz meiner aus meinen Vorerfahrungen resultierenden Widerstände und meiner Skepsis, was Psychologen betrifft, kompetente Fachleute. Ich bin zwar nicht glücklich, eine Autismus-Diagnose erhalten zu haben – das ist leider nichts, wogegen man ein paar Jahre Therapie machen kann oder Medikamente nehmen und dann ist man gesund – aber ich habe damit ein plausibleres Erklärungsmodell für meine Schwierigkeiten im Leben bekommen, das mir in der Zukunft hoffentlich helfen kann, besser mit ihnen umzugehen.


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Krank durch Büroarbeit – kann das tatsächlich sein?

Im Büro kam es zu einer eskalierenden Diskussion mit einer Kollegin, die mir vorwarf, eine kooperative Zusammenarbeit sei mit mir wegen meiner Verschlossenheit und meines unmöglichen Sozialverhaltens nicht möglich. Ich fühlte mich in der Sache ungerecht behandelt. Das einzige, was ich meiner Ansicht nach in der Arbeit und auch in dieser Diskussion gezeigt hatte, war mein ganz normales Verhalten. Ich war schon immer introvertiert und beobachtete neue Situationen und Menschen erst einmal, bevor ich mit den Menschen interagierte. Außerdem löse ich Probleme grundsätzlich alleine, bitte selten um Hilfe und lerne seit jeher autodidaktisch. Ich hatte immer schon Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und insbesondere in Gruppen. Ich hatte leider auch schon immer ein besonderes Talent, undiplomatisch zu sein oder Dinge laut zu sagen, die man besser nicht nicht ausspricht. Ich war bereits als Kind stur, hatte oft Wutanfälle und meine Mutter ermahnt mich bis heute wegen meines offenbar häufig aggressiven Tonfalls, den ich selbst aber nicht so wahrnehme. Ich hatte mehrfach die Rückmeldung erhalten, zu offensiv in Diskussionen aufzutreten und arrogant zu sein, obwohl ich mich selbst als defensiv und selbstunsicher beschreiben würde. Ich verstand nicht, woher diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung kam. Dies alles bedenkend, verbuchte ich die Auseinandersetzung mit der Kollegin auf meiner langen Erfahrungsliste als weiteren fehlgeschlagenen Kommunikationsversuch.

In der nächsten Zeit bemühte ich mich, offener auf die Kollegen zuzugehen und mich zu unterhalten. Ich nahm an gemeinsamen Mittagspausen teil, obwohl ich überwiegend stumm am Rand saß, nicht wissend und unsicher, was ich beitragen sollte. Anschließend benötigte ich zurückgezogen in meinem Büro jedesmal eine längere Erholungspause von den mit Kollegen verbrachten Mittagspausen. Ich litt unter der Absurdität des Ganzen und darunter, dass sich meine unproduktiven Zeiten im Büro proportional zu meiner Angst vermehrten.

Ich begann Angst davor zu haben, wenn die Türe zu meinem Büro aufging und ich musste zunehmend dagegen ankämpfen, weinend aus der Arbeit zu fliehen. Ich war trotz Teilzeitstelle nach jedem Arbeitstag so erschöpft, dass ich zu Hause nur noch auf dem Sofa zusammenbrach. Ich litt neben meiner gestiegenen Geräuschempfindlichkeit zusätzlich unter einem Tinnitus. Ich hatte Rücken- und heftige Kopfschmerzen, ich vermutete Bandscheibenprobleme, aber eine fachärztliche Abklärung ergab außer massiven Muskelverspannungen keinen Befund. Seit Jahren trug ich nachts eine Schiene wegen meines Zähneknirschens, innerhalb eines halben Jahres hatte ich zur Verwunderung meiner Zahnärztin diese Schiene zweimal durchgeknirscht. Ich bekam zusätzlich zunehmend Magenschmerzen und Magen- Darmprobleme, seit Beginn der Angstsymptome hatte ich mehr als 20 Kilo abgenommen und ich hatte Angst, dass ich erneut eine Essstörung entwickelt haben könnte.  Ich ließ alle denkbaren Ursachen meiner Beschwerden bei diversen Fachärzten abklären, heraus kam, dass ich körperlich nicht ernsthaft erkrankt war.

Ich versuchte, eine plausible Erklärung dafür zu finden, weshalb ich anscheinend seltsamerweise jedesmal krank wurde, wenn ich eine Arbeitsstelle hatte.  Ich versuchte erfolglos, mir selbst, meinem Hausarzt und meinen nächsten Familienangehörigen zu erklären, weshalb ich einen gewöhnlichen Büroalltag als so ungemein belastend erlebte, dass ich Angst hatte, irgendwann in naher Zukunft gar nicht mehr funktionieren zu können. Mir war klar, dass mit mir psychisch etwas ganz und gar nicht stimmte. Mich wieder einmal in psychologisch versierte Hände zu begeben, schien unausweichlich, respektive alternativlos.


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Psychotherapieresistenz? – oder die Geschichte von der Kunst, den passenden Therapeuten zu finden #Teil4

Nach acht Jahren Arbeit in einem Büro mit einer allmählichen Steigerung der Arbeitszeit von acht auf letztlich fünfzehn Wochenstunden, einer Steigerung der Arbeitnehmerzahl von einer (mir) auf drei Mitarbeiter und einer Steigerung der Diskussionen um meine soziale Kompetenz von wenig auf die Behauptung, ich hätte überhaupt keine, bekam ich Anfang 2015 überraschend und unverhofft ein Angebot für eine andere Büroarbeitsstelle. Mein Hausarzt hatte mir seit längerem geraten, mir eine neue Arbeit zu suchen, ich war immer öfter krank und hatte seit zwei Jahren Schlafstörungen. Trotz der mich mittlerweile sehr belastenden Situation im Büro nahm ich dieses Angebot erst nach längerem Zögern an.

Wegen fehlender Parkmöglichkeiten am neuen Arbeitsort war mein gewohnter Weg in die Arbeit mit dem Auto nicht mehr möglich. Ich fuhr deshalb fortan mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu der neuen Arbeitsstelle mit 20 Stunden Wochenarbeitszeit und 11 Mitarbeitern. Ich hatte nach ein paar Wochen zusätzlich zu den massiver werdenden Schlafstörungen für mich neue und mir unerklärliche Panikattacken, weshalb ich zu meiner ehemaligen Gesprächstherapeutin Kontakt aufnehmen wollte. Nach einem mich verunsichernden Telefonanruf, bei dem eine Stimme behauptete, diese Nummer sei nicht vergeben, ergab eine Google-Recherche auf der vierten Seite dann endlich die Information, sie sei 2014 verstorben – woraufhin ich eine so heftige Panikattacke hatte, dass ich umgehend zu einer Arztpraxis mit angegliedertem Psychologen flüchtete, der mich zu einer Neurologin weiterverwies. Dort hatte ich Weinkrämpfe und versuchte, zu erklären, warum ich Angst hatte, nicht mehr zu funktionieren. Das Ergebnis war, dass sie mich wegen Selbstgefährdung zur Sicherheit ins nächstgelegene BKH einweisen wollte. Was mich in noch größere Panik versetzte. Mein Versuch, zu argumentieren, ich sei nicht selbstgefährdet, darum ginge es doch gar nicht, ich sein im Übrigen mit meinem eigenen Auto in die Praxis gefahren und es sei schon deshalb völlig unmöglich, sofort in ein Krankenhaus zu gehen, ich müsse erst mein Auto nach Hause bringen, brachte sie nicht von ihrem Entschluß ab. Unfähig zu weiterer Kommunikation bat ich darum, meinen Mann zu verständigen. Er sammelte mich dort ein und wir fuhren mit zwei Autos nach Hause. Am nächsten Tag brachte er mich zu unserem Hausarzt und erklärte ihm die Situation. Ich war nach wie vor nicht in der Lage zu kommunizieren und einfach nur froh, dass mein Mann das für mich übernommen hatte. Mein Hausarzt war nicht der Meinung, dass ich in einem BKH gut aufgehoben wäre. Er schrieb mich erst einmal drei Wochen lang krank.

Mein Mann nahm sehr kurzfristig noch am selben Tag Urlaub und packte mich in unser Wohnmobil. Er hatte vom Hausarzt dieselben Beruhigungsmittel, die ich vor Jahren bereits genommen hatte, plus ein Antidepressivum für mich mitbekommen. 300 km weit weg von meiner Panik, an einem ruhigen Stellplatz am von mir so geliebten Wasser, las ich die Beipackzettel komplett durch, besprach anschließend mit meinem Mann, lieber noch bis zum Morgen mit der Medikamenteneinnahme zu warten – und hatte während dieser paar Tage fortan keinerlei Beschwerden. Gut ausgeschlafen wieder zu Hause, begleitete mich mein Mann wieder zum Hausarzt und erklärte ihm, dass wir beschlossen hatten, es ohne Medikamente zu versuchen. Er übernahm jegliche Kommunikation nach außen für mich und verhinderte, dass irgend jemand zu mir Kontakt aufnehmen konnte. Während der Zeit allein zu Hause ging es mir bis auf die Schlafstörungen gut. Ich verdrängte die aufkommenden Gedanken darüber, dass meine Arbeit der Grund für die Panik und meine sonstigen gesundheitlichen Probleme sein könnte.

Nach der Krankschreibung kämpfte ich in der Folgezeit in der Arbeit von Wochenende zu Wochenende gegen einen erneuten Zusammenbruch. In regelmäßigen Abständen nahm ich Kurzurlaube und nutzte die Feiertage, um mehrere Tage am Stück frei zu haben und mich so weit zu erholen, dass ich überhaupt wieder in die Arbeit gehen konnte. Mir war erschreckend bewusst, dass mich diese Strategie nur so lange retten würde, bis mein Urlaub aufgebraucht war.

Der Hausarzt vermittelte mir kurzfristig einen Termin bei einer Verhaltenstherapeutin, die mich nach dem Erstgespräch fragte, wie ich den Termin empfunden hätte. Ich verstand nicht, was sie genau von mir wissen wollte? Es war anstrengend für mich, ich hatte ihr eine Stunde lang monologisierend und immer mehr in Einzelheiten gehend meine Lebensgeschichte erzählt, wozu sie mich mit den einleitenden Worten „Erzählen sie mal, was Sie herführt“ aufgefordert hatte. Ihre Reaktionen während meines Berichtes erschöpften sich in diversen Oh Gotts, der Bemerkung, ich könne ein Buch über mein Leben schreiben und der rätselhaften Aussage, sie verstünde ihre therapeutische Funktion als Katalysator, wie Gold oder Platin. Sie sagte mir zum Abschied, ich solle das Gespräch erst einmal sitzen lassen und gründlich darüber schlafen, sie werde das ebenfalls tun. Einen weiteren Termin könne ich dann per Mail vereinbaren. Nach drei Tagen schrieb ich ihr eine Mail, in der ich fragte, ob dreimal schlafen in ihren Augen gründlich genug sei. Und ich fragte nach, ob sie sich als positiven oder negativen Katalysator verstünde, weshalb sie ausgerechnet Gold oder Platin gewählt habe und ob sie tatsächlich davon überzeugt sei, dass sie sich durch den Kontakt zu ihren Patienten nicht verändern würde. Falls ja, wäre ich sehr interessiert daran, ihre Methode der Abgrenzung zu lernen. Außerdem bat ich sie um einen weiteren Termin.

Mehrere Wochen später antwortete die Therapeutin mir per Mail mit einer Absage, die mich in einem weiteren Kurzurlaub unvermutet traf, keine meiner Nachfragen beantwortete und meine Motivation, mich um einen Therapieplatz zu bemühen, erst einmal auf Null reduzierte. Meine Angstsymptome in der Arbeit verschwanden jedoch nicht, ich hatte, wie gewohnt, weiter Schwierigkeiten mit Kollegen. Ungewohnt war nur die Menge an Kollegen und damit stieg auch die Menge an Schwierigkeiten. Ich glaubte, mich in einer Zeitschleife zu befinden, weil sich augenscheinlich meine sozialen Probleme in und mit Teams aus meiner Schulzeit und der Zeit an der Universität wiederholten. Es kam zu eklatanten Missverständnissen und ich begann, zunehmend Fehler in der Arbeit zu machen.