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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein." (Albert Einstein)

Digitalisierung – von der Industriegesellschaft zur Netzgesellschaft: kritische Positionen

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Negative Zukunftsvisionen der gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der Digitalisierung und Vernetzung, apokalyptische Szenarien und der Untergang traditioneller Werte bestimmen die Argumentation der Kritiker. Die stichhaltigsten Argumentationen finden sich meiner Ansicht nach noch in den biologisch und neurowissenschaftlich begründeten Positionen von Aric Sigman und Susan Greenfield und der realsatirischen Position „Unser täglich Netz“ von Philip Bethge.

Die mittlerweile in klinischen Studien nachgewiesenen neurophysiologischen Veränderungen der Gehirnstruktur, die Verbesserung der Arbeitsgedächtnisleistung, die Reduktion der Reaktionszeit und die beobachtbaren Verhaltensveränderungen der sogenannten digital natives zeichnen das Bild einer zukünftigen Gesellschaft, deren gesellschaftliche Werte und Normen zwar nicht mehr unbedingt mit den meinigen übereinstimmen, die aber für bestimmte Aufgaben in der Zukunft besser gerüstet sein wird. Die eigenen, anekdotischen Beobachtung zunehmender Vereinsamung – trotz umfassender Vernetzung, oberflächlicher werdender Sozialkontakte, einer beinahe religiöse Anbetung der wunderbaren neuen Technikwelt von besonders technikaffinen Mitmenschen und deren Heilserwartung, dass das Internet zu einer freien, demokratischen, einfach besseren Welt führen wird, zeigen mir, dass diese Kritiker wohl nicht ganz falsch liegen mit ihrer Kritik.

Unbestritten ist, dass sich die Gesellschaft fortwährend verändert, nur hat sie das erst seit der Industrialisierung mit einer zunehmend höheren Geschwindigkeit getan. Meine Befürchtung ist, dass die evolutionäre Anpassungsleistung der Menschheit nicht mit der Geschwindigkeit der um sich greifenden Veränderungen der Umwelt durch die Digitalisierung mithalten kann. Wobei die neurophysiologisch nachweisbaren Veränderungen Hoffnung geben, dass dies nicht der Fall sein wird. Und die Argumentation von Jane McGonigal, dass gerade diese Veränderungen und die Fähigkeiten, die Computerspieler mit Expertise auszeichnen, die aktuellen Weltprobleme lösen könnten, gibt dieser Hoffnung neue Nahrung.

Die juristische Position von John Palfrey und Urs Gasser erscheint vor dem Hintergrund des Wandels von der Industrie- zur Netzgesellschaft zwar ebenfalls stichhaltig. Kulturell begründete Werte und Normen (z. B. Urheberrechtsverletzungen, Datenschutz) unterliegen allerdings von jeher einem steten Wandel, ein Festhalten daran verhindert unter Umständen einen zügigen Wandel zur Netzgesellschaft. Das Problem des Verlustes der Privatsphäre und der Überwachung durch staatliche Institutionen resultiert meiner Meinung nach ja nicht ursächlich in der Digitalisierung, sondern ist der Angst der herrschenden Klasse vor dem Machtverlust geschuldet. Die Digitalisierung bietet nur die technischen Möglichkeiten einer umfänglichen Überwachung. Und das fehlende Bewusstsein des Datenschutzes, respektive mangelnde Medienkompetenz erleichtert diese Überwachung.

Historisch gesehen wäre vor diesem Gesamtbild erst ein relativer Zusammenbruch und anschließend eine Neustrukturierung der Gesellschaft eine Möglichkeit. Meiner Ansicht nach zeigen sich derartige Tendenzen bereits in unserer in vielen Teilen noch im Industriezeitalter und althergebrachtem Wirtschaftsdenken verhafteten Gesellschaft, die sich innerhalb einer Generation von der Industriegesellschaft über die Wissensgesellschaft entwickelte, und der Kluft, die durch den Wandel zur Netzgesellschaft entsteht. Beispielsweise sind in der Wirtschaft zwar die Märkte dynamisch, es herrscht globaler Wettbewerb, aber die Unternehmen kämpfen noch mit der Vernetzung. In der Politik scheinen führende Köpfe noch gar nicht im Zeitalter der Digitalisierung angekommen zu sein und die Überzeugungen der Generation digital immigrants behindern neben den politischen und gesellschaftlichen Tendenzen zur Re-Nationalisierung und Regionalisierung ebenfalls die Transformation in die Netzgesellschaft.

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